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Devs Worte – und die Empfindung, die seine Berührung ausgelöst hatte – gingen Katya nicht aus dem Kopf, als er sie nach oben zu ihrem Zimmer brachte. Ein schöner, luftiger Raum, die Laken auf dem Doppelbett waren cremefarben mit einem leichten Stich ins Rosa. „Wunderschön, vielen Dank.“
„Leider lassen sich die Fenster nicht öffnen.“ Er wies mit dem Kopf auf die großen Glasscheiben. „Das Holz hat sich letzten Winter verzogen, und ich bin noch nicht dazu gekommen, neue Fenster einzusetzen. Aber wenn Sie tagsüber die Tür auflassen, bekommen sie genügend Frischluft.“
Katya sah in seinen schönen Zügen den gnadenlosen Eroberer, den Kriegsherrn, dessen Ehrbegriff es nie zulassen würde, dass es ihr schlecht ging. Und dennoch … „Ein komfortables Gefängnis.“ Sie spürte einen Anflug von Unmut.
Er zuckte nicht zusammen, tat noch nicht einmal überrascht. „Was ich über die Fenster gesagt habe, stimmt. Aber es stimmt auch, dass ich Sie genau aus diesem Grund hier untergebracht habe.“
„Was könnte ich denn schon tun?“ Sie deutete mit der Hand hinaus auf das endlose Grün und Weiß. „Wir sind irgendwo im Nichts – wahrscheinlich würde ich nicht einmal hier herausfinden, wenn Sie mir eine Karte und einen Kompass geben würden.“
„Aber der Wagen verfügt über ein Navigationssystem“, sagte er ruhig. „Und über ein Sicherheitssystem, das mir meldet, wenn jemand unerlaubt den Motor starten will.“
Eiskalt lief es ihr den Rücken hinunter, der Unmut verschwand. „Ich bin eine Gefangene. Ich muss versuchen zu fliehen.“
„Und wohin, bitte schön?“ Scharf, die Frage eines Kriegers, unzivilisiert und direkt. „Man hat Sie wie Müll vor meiner Tür abgeladen.“
Jetzt zuckte sie zusammen. „Das heißt noch lange nicht, dass mich niemand haben will. Zum Beispiel mein Vater.“
„Um seine Investition nicht zu verlieren?“ Die Worte gingen ihr unter die Haut, rissen eine alte Wunde auf.
„Ja“, flüsterte sie, wollte daran glauben, dass es dem kalten Mann, der sie mit einer ebenso kalten Frau aufgezogen hatte, nicht egal war, ob sie lebte oder starb. „Er würde mir helfen.“
„Auch gegen den Rat?“
Nein, dachte sie. Ihr Vater war kein Rebell. Er hatte sie zu einer guten Untertanin erzogen. Aber sie war ihren eigenen Weg gegangen – und diese Erkenntnis verlieh ihr Stärke. „Ich werde mir selbst helfen.“
Dev schüttelte den Kopf, im Sonnenlicht glänzte sein schwarzes Haar, bronzefarbene Strähnen leuchteten auf. „Sie können ja nicht einmal zehn Minuten stehen, ohne dass Ihnen die Beine zittern.“
Es ärgerte sie, dass er so wenig von ihren Fähigkeiten hielt. Sie war – Leere. Niemand. Sie war ein Niemand. Aber sie würde jemand werden, schwor sie sich und sah in dieses arrogante Gesicht. Devraj Santos würde seine Worte zurücknehmen müssen.
Auf den Beinen, über die er sich so lustig gemacht hatte, ging sie zu ihm und drückte sich mit aller Kraft gegen seine Brust.
Er wankte nicht, kniff aber die Augen zusammen. „Was soll das?“
Ihre Hände kribbelten vor Verlangen. „Sie sollen verschwinden.“ Sie unterdrückte das Bedürfnis nach weiterem Körperkontakt, verschränkte die Hände vor der Brust und wies mit dem Kopf zur Tür. „Sofort.“
„Und wenn ich mich weigere?“ Er stellte sich ganz dicht vor sie und starrte sie mit seinen schrecklich schönen Augen an.
Im Einschüchtern war er Meister.
Aber sie hatte genug davon, sich einschüchtern zu lassen. „Dann sollten Sie sich beim Essen vorsehen“, sagte sie in zuckersüßem Tonfall. „Schließlich bin ich Wissenschaftlerin.“
„Gift?“ Seine Mundwinkel hoben sich. „Nur zu.“
„Meine Drohung entlockt Ihnen nur ein Lächeln. Aber wenn ich fliehen will, werden Sie sauer.“ Das ging über ihren Verstand.
„Drohen dürfen Sie, so viel Sie wollen“, sagte er und strich mit den Fingerspitzen über ihre Wange. „Schließlich sind Sie meine Gefangene und könnten mich wohl kaum überwältigen. Aber eine Flucht? Das kann ich nicht zulassen – Sie sind in der Hand der Vergessenen, und ehe ich nicht weiß, was Sie tun sollen, bleiben Sie gefälligst da, wo ich Sie im Auge behalten kann.“
Nun verstand sie den Unterschied. Wenn sie es mit Dev zu tun hatte, konnte sie sich eine Menge erlauben. Aber bei Devraj Santos, dem Direktor von Shine, konnte Auflehnung sie das Leben kosten. Die Wut, die während dieses Wortwechsels in ihr aufgestiegen war, das plötzliche Feuer in ihr, erlosch sofort bei dieser Erkenntnis.
Ehe sie etwas darauf antworten konnte, läutete Devs Handy. Doch … er machte keinerlei Anstalten, es aus der Tasche zu holen. Der stete Augenkontakt verschlug ihr den Atem, zog ihr den Boden unter den Füßen weg. „Wollen Sie nicht rangehen?“ Sie hörte selbst, wie angespannt sie klang.
„Nein.“
Die stählerne Härte seiner Stimme ließ ihr Herz schmerzhaft schnell schlagen. „Kann man Ihnen etwas ausreden?“
„Wenn ich in Stimmung bin.“
Seine Antworten verwirrten sie. Er verhielt sich anders, als ihr Verstand, ihr Wissen von der Welt es vermutet hatte. „Was wollen Sie?“
Das Handy hörte auf zu läuten.
Dev blinzelte, lässig, ganz anders als die brodelnde Energie, die sie unter ihren Händen gespürt hatte. „Das ist die Frage, nicht wahr?“
Archiv Familie Petrokov
Brief vom 30. November 1971
Liebster Matthew,
heute bist du von der Schaukel gefallen und hast dir das Knie aufgeschürft. Aber weißt du was? Du hast nicht geweint. Hast nur mit Tränen in den Augen dein kleines Gesicht zusammengekniffen, als ich die Wunde gesäubert und verbunden habe. Erst nachdem ich ein heilendes Küsschen auf die Stelle gedrückt hatte, hast du deine Arme um mich geschlungen und mir zugeflüstert, dass es wehtun würde. Ach, mein Kleiner, du machst mir so viel Freude. Und bald wirst du noch jemanden zum Spielen haben – dein Vater hat mich überredet, ihm noch einen Sohn oder eine Tochter, dir noch einen Bruder oder eine Schwester zu schenken.
Ich liebe deinen Vater, auch wenn er manchmal anstrengend ist. Aber ich frage mich, ob es richtig ist, heutzutage ein Kind in die Welt zu setzen. Die Zeiten ändern sich, Matty. Heute hat Mrs. Ennis geäußert, dass der Rat vielleicht doch im Recht sei und wir Silentium freudig annehmen sollten. Ich wollte ihr erst widersprechen, aber was hätte ich angesichts ihres Verlustes schon sagen können? Sie trauert um ihren Ehemann. Kaum hat die Polizei einen Serienmörder gefasst, geht auch schon der Nächste um. Mr. Ennis war nur ein Opfer unter vielen – und das erschreckt mich maßlos.
Dennoch kann ich kein Programm akzeptieren, dass dir dein Lächeln, deine Tränen, dein Herz nehmen würde. Du bist mir mehr wert als aller Frieden dieser Welt.
In Liebe
Mamotschka