15
Am Morgen nahm Katya ohne Zögern Devs Vorschlag an, gemeinsam spazieren zu gehen. Etwas hatte sich verändert zwischen ihnen – sie konnte es spüren: ein zartes Band nahm Gestalt an.
Aber eine andere Veränderung beunruhigte sie.
Dev ging an ihrer Seite, doch der Mann, der mit seinem Kuss ihre Seele erreicht hatte, war verschwunden. Zurückgeblieben war der Direktor von Shine – hart, zielorientiert und unerreichbar. Als er in einen roten Apfel biss, musste sie daran denken, dass sie diese Zähne letzte Nacht an ihrem Nacken und an ihren Ohren gespürt hatte. Dennoch schien der kalte Fremde an ihrer Seite nichts gemein zu haben mit dem sinnlichen Mann, der sie so leidenschaftlich geküsst hatte, dass es sie bis ins Mark getroffen hatte.
„Vielleicht hat er mir ja einen Gefallen getan“, sagte sie, als sie das Schweigen nicht mehr ertragen konnte.
„Er?“
„Der Schattenmann.“ Das Spinnennetz in ihrem Kopf summte, erinnerte sie daran, dass sie nichts weiter als eine Marionette war. Sie ballte die Faust. „Indem er mein Silentium gebrochen hat.“
„Das kann man auch tun, ohne das Individuum zu zerstören.“ Er warf das Apfelgehäuse ins Unterholz, von einem überhängenden Ast fiel Schnee auf seine Jacke. „Lass uns da hinunter gehen.“
Sie folgte ihm durch schneebedeckte Tannen, doch ihre Gedanken waren nach innen gerichtet. Zum ersten Mal, seit sie in dem Krankenbett neulich zu sich gekommen war, sah sie tief in sich hinein, suchte nach den Kontrollen, den Zwängen, denen ihre Psyche ausgesetzt war. Die Klauen waren mit Widerhaken besetzt. Sie auszureißen, würde Teile von ihr zerstören, eventuell sogar ihr Gehirn irreparabel schädigen. Es wäre leichter gewesen, gleich aufzugeben, aber sie entschied sich anders, nutzte die Brutalität der Kontrolle als Zündstoff für ihre Wut.
Und zögerte nicht einen Augenblick, als sie den Durchgang sah. Die Klauen rissen an ihr, schlugen ihr blutige Wunden, die ihr so echt vorkamen, dass sie den leicht süßlichen, metallischen Geruch wahrnahm. Doch sie blieb nicht stehen auf ihrer Suche nach Antworten – nach sich selbst.
Nach zwei weiteren Schritten erfasste sie eine Furcht, die ihr das Herz zusammenpresste. „Dev.“ Ein heiserer Hilfeschrei, an einen Mann gerichtet, der sein eigenes Herz anscheinend mit dem Sonnenaufgang auf Eis gelegt hatte.
Er ergriff ihre Hand, seine Wärme durchdrang ihre Haut, erfüllte jede Zelle. Die Furcht verging nicht, aber sie wusste nun, woher sie kam. Einprogrammiert, um sie davon abzuhalten, ans Ende ihres Weges zu gelangen. Ihr Kopf fühlte sich an, als sei er mit Blut gefüllt, aber sie hielt erst inne, als sie angekommen war.
Fand, was sie suchte, tief verborgen und so unabdingbar wie ihr Herzschlag – die Verbindung zum Medialnet, dem Feedback, das ihren Geist am Leben erhielt. Sie betrachtete die stabile Lichtsäule und begriff sofort, dass sich auch hier keine Fluchtmöglichkeit bot. Die Verbindung diente nur dazu, sie am Leben zu erhalten. Es gab über sie keinen Zugang zum Medialnet. Um hineinzukommen, sich dort zu bewegen, musste sie eine Tür finden.
Das hatte sie bereits versucht, aber da war sie noch geschwächt gewesen, ihr Geist noch verwirrt. Vielleicht hatte sie etwas übersehen. Nun ging sie Schritt für Schritt vor … und hatte Erfolg. Der Durchgang lag hinter mehreren Lagen Stacheldraht. Sie schluckte und streckte die Hände durch die scharfen Dornen, öffnete die Tür ein paar Millimeter.
Schwärzeste Dunkelheit.
Nicht die schwarze Ebene des Medialnet, sondern ein weiterer Schild. Von ihrem Folterer dorthin gestellt, mit ihm auf irgendeine Weise verbunden. Aber … „Es ist keine Gedankenkontrolle“, sagte sie laut. „Keine allzeit offene Verbindung. Das würde zu viel Energie kosten.“ Deshalb hatte er sie in ihrem Kopf eingeschlossen, hatte ihr Instruktionen erteilt und sie dann freigelassen. „Er weiß nicht, was ich weiß. Sieht nicht, was ich sehe.“ Die feste Klammer um ihr Herz lockerte sich.
„Wahrscheinlich bist du darauf programmiert, mit ihm in Kontakt zu treten, sobald du etwas Wichtiges entdeckst.“ Devs Stimme war ausdruckslos, sie waren auf einer kleinen Lichtung stehen geblieben, auf die ein paar Sonnenstrahlen fielen. „Könnte so einfach wie ein Anruf sein.“
Sie schloss die Tür in ihrem Kopf wieder und kehrte auf demselben Weg in die physische Welt zurück. Es kostete viel Kraft, mit beiden Beinen fest auf dem glitzernden Schnee zu stehen und sich davon zu überzeugen, dass sie in Wirklichkeit nicht blutete. „Ich glaube, mein Überleben war nie eine Option.“
Devs Kiefermuskeln mahlten. „Was hast du entdeckt?“
„Seine Kontrolle ist tief verankert. Selbst wenn ich herausfände, wie sie zu lösen ist, sehe ich keine Möglichkeit, mit dem Leben davonzukommen.“
„Er muss einen Schlüssel haben, um die Kontrolle ohne größere Schädigungen aufzuheben.“
„Aber den wird er mir bestimmt nicht geben.“ Sie steckte die Hände in ihre Manteltaschen, ihr war kalt bis auf die Knochen. „Sterben werde ich also auf jeden Fall. Weißt du, was ich jetzt tun möchte?“
Er sagte nichts, sah sie einfach nur an mit den braunen Augen, in denen bernsteinfarbene Flecken leuchteten.
„Mir bleibt nur noch eines – meinem Gefühl zu folgen.“
„Und was sagt dir dieses Gefühl?“
Sie sah ihm in die Augen, hoffte, dass er verstand und dass er sie freigab. „Ich muss nach Norden gehen.“
Aber ihr schlug nur Eis entgegen. Kalt und glatt … wie härtester Stahl.
Dev hatte das Gespräch fortsetzen wollen, aber bei ihrer Rückkehr wurde seine Aufmerksamkeit von etwas anderem in Anspruch genommen. „Wir besprechen das später“, sagte er zu Katya.
„Da gibt es nicht viel zu besprechen. Wirst du mich gehen lassen?“
„Du kennst meine Antwort.“
„Sag es.“ Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Hände waren zu Fäusten geballt.
Verärgert, weil sie etwas von ihm verlangte, das er ihr nicht gewähren konnte, antwortete er mit einem kurzen „Nein“.
Sie war wie unter einem Schlag zusammengezuckt, und das beschäftigte ihn immer noch, als er kurz darauf seinen Computer auf Kommunikationsmodus stellte und Aubrys Nummer eingab. „Maggie meinte, es gäbe Unruhen.“
Aubry nickte grimmig. „Junge Leute, um die zwanzig, die glauben, sie wüssten alles.“
„Ist Jack dabei?“ Sein Cousin war in den meisten strittigen Punkten anderer Meinung als Dev, war ihm bisher aber noch nie in den Rücken gefallen.
Aubry schüttelte den Kopf. „Scheint so was wie eine ‚radikale‘ Collegefraktion zu sein. Naseweise Punks, sind aber weniger radikal, als sie glauben.“
„Die Kurzfassung, bitte.“
„Sie glauben, es gäbe ‚keinen Grund für ihre Familien, weiterhin an Shine gefesselt zu sein‘. Beck zufolge, dem hübschen Kerl an der Spitze der Gruppe, sind wir ein ‚Anachronismus‘ ohne wirkliche Aufgabe in der Gesellschaft.“ Aubry schnaubte. „Ich glaube, wir sollten denen die verdammte Wirklichkeit zeigen, die gefolterten Kinder –“
„Nein.“ Zorn wallte in Dev auf, als er an die Kinder dachte, die Shine verloren hatte, die der Rat der Medialen kaltblütig und nur aufgrund ihrer Herkunft hatte töten lassen.
Aubry sah ihn finster an. „Warum denn nicht, verdammt noch mal?“
„Ich werde das Leid der Kinder nicht noch einmal benutzen.“ Auch für ihn gab es Grenzen. Einmal war genug, er hatte es tun müssen, um die Lebenden zu retten. Das hatte Narben in ihm hinterlassen. Für ein weiteres Mal gäbe es keine Entschuldigung mehr.
„In Ordnung.“ Aubry rieb sich das Gesicht, auch ihn verfolgten die albtraumhaften Bilder. „Wie sollen wir die Sache mit den Beck-Leuten denn angehen?“
„Sie bekommen, was sie wollen. Streich sie aus dem Shine-Register und teile ihnen mit, dass sie nicht mehr verpflichtet sind, uns zu helfen.“ Wer Geld hatte, entrichtete einen Obolus, aber hauptsächlich ging es um ehrenamtliche Mitarbeit.
„Dev.“ Aubry sah besorgt aus. „Das sind doch nur dumme Kinder – sie wissen gar nicht, wie viel wir tun und wie sehr sie uns vielleicht in Zukunft brauchen werden. Was ist mit ihren eigenen Kindern? Die rezessiven Gene können sich ganz plötzlich bemerkbar machen.“
„Weiß ich. Aber wir können es uns nicht leisten, den Babysitter zu spielen.“ Das war hart, aber er musste sich auf die konzentrieren, denen er helfen konnte, die sich retten ließen. „Sie sind alt genug – wenn sie gehen wollen, legen wir ihnen keine Steine in den Weg.“
Aubry sah ihn an. „Und überlassen es ihnen, sich selbst zu helfen?“
„Hast du was dagegen?“
„In diesem Fall nicht.“ Aubry grinste. „Mal sehen, wie lang sie ohne das Sorgentelefon von Shine durchhalten.“
„Freu dich nur.“ Es war Aubrys Idee gewesen, ein Sorgentelefonnetz aus älteren Mitgliedern einzurichten, die miteinander und in Rücksprache mit Dev und dem Aufsichtsrat so ziemlich alle Fragen der Nachkommen beantworten konnten.
„Mach ich, vielen Dank auch.“ Aubrys Augen leuchteten auf. „Gestern kam ein Anruf von einem Jungen rein. Er wollte wissen, ob es normal sei, alles dreifach zu sehen.“
„Was hast du gesagt?“
„Er soll seine Augen untersuchen lassen und dann wieder anrufen.“
Dev lachte, aber es klang hohl in seinen Ohren. Nichts konnte den Schraubstock um sein Herz lockern – denn auch wenn er Katya noch so sehr auf Distanz zu halten versuchte, das Metall schmolz, brannte für sie … obwohl sie die einzige Frau war, die er nie haben konnte. „Gibt es noch etwas, was ich wissen sollte?“
„Jack verhält sich ruhig – aber wie lange noch?“
Der Druck auf seinem Herzen wurde noch stärker, eine weitere Sorge kam hinzu. „Ich weiß, was dahintersteckt“, sagte Dev und sah hinaus in die schneebedeckte Landschaft. „Und es macht es nicht einfacher, mit harten Bandagen zu kämpfen.“
„Die Tatsache, dass es sich um deinen Cousin handelt, ist wahrscheinlich auch nicht gerade hilfreich.“
„Nein.“ Dev fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Wenn er sich ruhig verhält, lassen wir es dabei bewenden. Wir haben sowieso noch keine Lösung.“
„Wir sollten uns aber bald etwas einfallen lassen. Sonst könnten sich die Vergessenen spalten.“
„Ich weiß.“ Dev lehnte sich in seinem Sessel zurück und entdeckte etwas Goldenes auf seinem Schreibtisch … ein Haar von Katya. Er konnte es mitgebracht haben, aber sie konnte auch genauso gut hier gewesen sein. Sie hätte nichts gefunden, aber sie durfte sich auch nicht dermaßen frei bewegen, durfte keine Möglichkeit zur Sabotage bekommen.
Er wandte den Blick ab und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf das andere Thema. „Bist du damit einverstanden, die Collegefraktion im Auge zu behalten?“
„Ja. Ich mache einen Vermerk in den Akten – wenn sie sich allein durchschlagen wollen, müssen wir dennoch die Möglichkeit haben, einzugreifen, falls sich mediale Gene bei ihren Kindern zeigen.“
„Das war schon immer die Aufgabe von Shine.“ Sie mussten die Kinder schützen. Selbst wenn es den Tod einer medialen Wissenschaftlerin zur Folge hatte … Devs schraubstockartiger Griff hätte beinahe den Briefbeschwerer zermalmt.
Archiv Familie Petrokov
Brief vom 7. Juni 1972
Liebster Matthew,
ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, vielleicht schreibe ich einfach auf, was geschehen ist, damit du dir eine eigene Meinung bilden kannst. Heute Morgen habe ich zufällig Tendaji und Naeem Adelaja getroffen.
Die Familie war zu einem Treffen mit dem Rat ins Regierungsviertel bestellt worden, und du kannst dir sicher vorstellen, wie stark die Sicherheitsvorkehrungen waren. Ihr älterer Bruder Zaid sah so schmerzgepeinigt und doch so entschlossen aus. Als ich seinen Blick sah, wusste ich, er würde alles für Mercury tun.
Aber ich eile voraus. Durch meine Arbeit als Assistentin des Ratsmitglieds Moron habe ich gewisse Zugangsrechte, aber beileibe nicht genug für ein Treffen mit den Adelajas, die inzwischen so wichtig für unsere ganze Gattung geworden sind. Heute war ich früh dran, weil ich noch einen Bericht fertigstellen musste. Als ich in die Eingangshalle kam, sah ich drei Männer in den Aufzug zum höchsten Sicherheitsbereich steigen. Ich dachte mir nichts weiter dabei, bis jemand meinen Namen rief.
Zaid hielt die Fahrstuhltüren auf. Er kannte mich noch von damals, als die Adelajas in unsrer Straße gewohnt haben – dein Vater und ich waren gerade frisch verheiratet. Ich ging zu ihm hin, und alle drei Männer traten noch einmal in die Halle heraus, um ein wenig mit mir zu plaudern, bevor sie zu ihrem Treffen fuhren.
Zaid habe ich immer gemocht. Er war ein so ernstes Kind – ich wusste, dass er die Bürde einer schrecklichen Gabe trug. Jetzt wirkt er wie ein Soldat, stark, zu allem entschlossen und stolz. Die jüngeren Zwillinge sind sehr groß und schlank und so kalt, dass ich beinahe ihren eisigen Atem sehen konnte. Tandaji sprach für seinen Bruder mit – sehr höflich und zweifellos äußerst intelligent. Dennoch kam es mir vor, als unterhielte ich mich mit Schatten – als fehlte etwas Entscheidendes.
Nein, fehlen ist nicht das richtige Wort. Etwas war tot. Als hätte ein Teil von ihnen aufgehört zu existieren. Ich sagte das natürlich nicht und unterhielt mich in der kurzen Zeit hauptsächlich mit Zaid. Hoffentlich findet er eines Tages seinen Frieden. Ich kann nicht leugnen, dass ich heute etwas davon in ihm wahrgenommen habe.
Wenn das stimmt, ist Silentium vielleicht wirklich eine Möglichkeit. Aber der mutige, starke und entschlossene Zaid ist nicht die Zukunft, die Mercury vorschwebt. Ihre Vision sind die Zwillinge. Und die sind so weit von jeder Menschlichkeit entfernt, dass ich Furcht empfinde bei dem Gedanken, wohin ein solcher Weg unsere freie schöne Gattung führen wird. Wird das Medialnet eines Tages in Dunkelheit versinken, unser Verstand kalt werden und die Sterne ohne jede Verbindung zueinander stehen?
Ich weiß es nicht. Und das ängstigt mich unsagbar.
Mit meiner ganzen Liebe
Mamotschka