17
 
Irrblitz und Narrendonner
 
»Blast, Winde, bläht die Backen! Wütet! Blast!«, tobte Lear.
Der alte Mann hockte auf einem Hügel außerhalb von Gloucester und brüllte wie ein Irrer in den Wind, während Blitze mit weißglühenden Fingern den Himmel zerkratzten und der Donner meine Rippen beben ließ.
»Kommt endlich her, Kindskopf!«, rief ich kauernd unter einem Holderbusch, triefnass und frierend und am Ende meiner Geduld mit diesem alten Mann. »Kommt mit zurück nach Gloucester, und bittet Eure Töchter um Obdach!«
»Oh, herzlose Götter! Schickt mir den Donnerkeil, der Eichen spaltet!
Brennt mich mit schwefligen, gedankenschnellen Blitzen!
Versengt mein weißes Haupt, dass ich zur Aschensäule werde!
Erschlagt mich! Gebt der Rache feurig Form! Zerschmettert mich!
Nehmt alles, erspart mir keine Grausamkeit!
Ich will Euch keinen Vorwurf machen, Ihr seid nicht meine Töchter!
Nichts habe ich Euch gegeben und erwarte keine Gnade!
Richtet Eure grässlich Freuden
Auf einen armen, schwachen Mann!
Zerreißt den Himmel! Schlagt mich tot!«
Der Alte hielt inne, als der Blitz in einen Baum mitten auf der weiten Heide fuhr, mit grellen Flammen und einem Bersten, bei dem sich selbst ein Denkmal eingepinkelt hätte. Ich sprang unter meinem Busch hervor und lief zum König.
»Kommt mit, Oheim! Sucht Schutz in den Büschen, und sei es nur, damit der Regen nicht so sticht.«
»Ich brauche keinen Schutz. Soll die Natur nur ihre kalte Rache haben.«
»Wohlan«, sagte ich, »dann braucht Ihr das hier ja nicht mehr!« Ich nahm dem alten Mann seinen Pelzumhang, warf ihm meine nasse Pelerine zu und verkroch mich in mein Gebüsch, suchte notdürftig Schutz unter dem schweren Balg.
»Hä?«, sagte Lear verdutzt.
»Fahrt Ihr nur fort!«, rief ich. »Zerreißt den Himmel, bratet Euren alten Schädel, quetscht Euch die Eier und was weiß ich. Ich helfe, wenn Ihr nicht mehr weiterwisst.«
Und schon hub er wieder an:
»O mächt’ger Thor, entsende Deinen Blitz, mach diesem müden Herzen bald ein Ende!
Neptuns Wogen, trommelt mir die Glieder aus den Angeln!
Hekates Klauen, reißt mir meine Leber raus, labt Euch an meiner Seele!
Baal, spreng Du mir mein Gedärm aus seinem kranken Heim!
Jupiter, streu Du meine zerfetzten Muskeln übers Land!«
Der alte Mann unterbrach seine Tirade für einen Moment, und sein Blick verlor den Wahn. Er sah mich an. »Ganz schön frisch hier draußen.«
»Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung, und sei es, dass der Blitz das Offensichtliche erschlägt, nicht wahr, Gevatter?« Ich breitete den großen Umhang aus und nickte dem Alten zu, dass er sich zu mir unters Gebüsch gesellen sollte. Schließlich taperte er den Hügel hinab, vorsichtig, damit er in den schlammigen Rinnsalen am Hang nicht ausrutschte. Dann hockte er sich zu mir.
Der Alte schüttelte sich und legte seinen knochigen Arm um meine Schulter. »Man kommt sich näher als gewöhnlich, was, Junge?«
»Aye, Gevatter, habe ich Euch je gesagt, dass Ihr ein ausgesprochen attraktiver Mann seid?«, sagte Jones und reckte seinen Puppenkopf aus dem Umhang.
Und der alte Mann begann zu lachen, und er lachte, bis seine Schultern bebten, und das Lachen wurde zu einem fürchterlichen Husten, der anhielt, bis ich schon dachte, gleich spie er lebenswichtige Organe aus. Ich fing ein wenig eisig kalten Regen mit den Händen auf und hielt sie ihm hin, damit er trinken konnte.
»Bring mich nicht zum Lachen, Junge! Ich bin zornig und trauere und wüte und habe keinen Sinn für Scherze. Du solltest Abstand halten, damit der Blitz dich nicht versengt, wenn die Götter meinen Ruf erhören.«
»Verzeiht, Oheim, Ihr seid ein arroganter Sack! Die Götter werden Euch wohl kaum mit einem Blitz erschlagen, nur weil Ihr sie darum bittet. Warum sollten sie Euch einen Blitz spendieren? Wohl eher ein Karbunkel, eitrig und entzündet, vielleicht das eine oder andere undankbare Kind, angesichts der Tatsache, dass die Götter ein Faible für die Ironie zu haben scheinen.«
»Welch Dreistigkeit!«, sagte Lear.
»O ja, dreist sind die Götter«, sagte ich. »Und Ihr habt schon einen ganzen Schwung genannt. Wenn Ihr nun also vom Blitz getroffen werdet, wissen wir nicht, wem wir die Schuld zuschieben sollen. Es sei denn, er brennt Euch sein Zeichen auf den königlichen Hintern. Ihr hättet nur einen Gott zur Zeit herausfordern und eine Stunde warten sollen, bevor Ihr Blitze von allen auf einmal kassiert.«
Der König wischte sich den Regen aus den Augen. »Ich habe tausend Mönche und Nonnen beauftragt, für meine Vergebung zu beten, und die Heiden schlachten herdenweise Ziegen für meine Errettung, doch ich fürchte, es wird nicht reichen. Nie habe ich im Interesse meines Volkes gehandelt, nie im Interesse meiner Frauen oder der Mütter meiner Töchter – ich war mir selbst Gott genug und bin nicht gerade duldsam. Sei gütig, Pocket, wenn du eines Tages der Finsternis gegenüberstehst wie ich. Oder, falls es dir an Güte mangelt – betrinke dich!«
»Aber, Oheim«, sagte ich, »ich muss den Tag nicht fürchten, an dem ich hinfällig werde. Hinfällig bin ich schon jetzt. Das Gute ist außerdem, dass es vielleicht gar keinen Gott gibt und Eure Untaten Euch womöglich zur Ehre gereichen.«
»Wahrscheinlich verdiene ich nicht einmal ein rechtschaffenes Ende«, schluchzte Lear. »Die Götter haben mir diese Töchter geschickt, damit sie mir das Blut aussaugen. Als Strafe dafür, wie ich meinen eigenen Vater behandelt habe. Weißt du, wie ich König wurde?«
»Ihr habt ein Schwert aus einem Stein gezogen und damit einen Drachen erschlagen, stimmt’s?«
»Nein, so war das nicht.«
»Elende Klosterbildung! Dann habe ich keinen blassen Schimmer, Oheim. Wie wurde Lear zum König?«
»Mein eigener Vater... Ich habe ihn erschlagen. Ich verdiene keinen edlen Tod.«
Mir fehlten die Worte. Seit über einem Jahrzehnt stand ich in des Königs Diensten und hatte noch nie etwas davon gehört. Der Legende nach hatte der alte König Bladud das Königreich an Lear weitergereicht und war nach Athen gegangen, wo er sich zum Nekromanten schulen ließ, dann war er wieder nach Britannien zurückgekehrt und in Diensten der Göttin Minerva im Tempel von Bath an der Pest gestorben. Bevor ich jedoch geistesgegenwärtig etwas erwidern konnte, zerriss ein Blitz den Himmel und beleuchtete eine mächtige Gestalt, die über den Hügel in unsere Richtung kam.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Ein Dämon«, sagte der Alte. »Die Götter schicken ein Ungeheuer, um sich an mir zu rächen.«
Das Wesen war voll Schleim und taumelte, als hätte man es eben erst aus jener Erde geformt, über die es schlurfte. Ich tastete nach den Messern an meinem Rücken und zog eines aus dem Futteral. Ein Wolkenbruch ist kein Wetter zum Messerwerfen … Ich war nicht mal sicher, ob ich die Klinge ruhig genug halten konnte.
»Euer Schwert, Lear!«, zischte ich. »Frisch gezückt und zugeschlagen!« Ich sprang auf und trat aus dem schützenden Gebüsch hervor. Ich drehte Jones, sodass sein Stock kampfbereit war, und schrieb mit meinem Messer einen Schnörkel in die Luft.
»Komm nur her, Dämon! Pocket spendiert dir eine Kutschfahrt in die Unterwelt!«
Ich ging in die Hocke, wollte zur Seite springen, wenn sich das Ungeheuer auf mich stürzte. Obwohl es von der Form her menschlich war, sah ich die langen, schleimigen Tentakel, und den Schlamm, den es ausschwitzte. Sobald es stolperte, wollte ich ihm auf den Rücken springen und es zu Fall bringen, damit es den Hügel abwärtsrutschte, fort vom alten König.
»Nein, er soll mich holen!«, sagte Lear. Plötzlich streifte der Alte seinen Pelz ab und griff das Monstrum an, die Arme ausgebreitet, als wollte er dem Untier sein Herz darbieten. »Meuchle mich, du gnadenloser Gott! Reiß dieses schwarze Herz Britannien aus der Brust!«
Ich konnte ihn nicht aufhalten, und der Alte fiel dem Untier in die Arme. Zu meiner ungläubigen Überraschung jedoch riss es ihm nicht Arme und Beine aus. Der Dämon fing den alten Mann auf und legte ihn sanft ab.
Ich ließ meine Klinge sinken und rückte vor. »Finger weg, Scheusal!«
Das Vieh kniete über Lear, der die Augen verdrehte und zuckte wie bei einem Anfall. Der Dämon sah mich an, und ich entdeckte Haut unter dem Dreck – und das Weiße seiner Augen.
»Hilf mir!«, sagte er. »Hilf mir, ihn in Sicherheit zu bringen!«
Ich trat vor und wischte dem Unhold übers Gesicht. Er war ein Mensch, so sehr mit Schlamm verschmiert, dass der ihm sogar aus dem Munde quoll, doch dennoch ein Mensch, um dessen Arme Ranken oder Lumpen baumelten. Ich konnte es nicht erkennen. »Helft dem armen Tom, ihn aus der Kälte zu schaffen!«, sagte er.
Ich steckte mein Messer weg, holte den Umhang des Alten und half dem verschlammten Nackten, König Lear in den Wald zu schleppen.
 
 
Es war eine winzige Hütte, kaum groß genug, dass man darin stehen konnte, doch das Feuer war warm, und die alte Frau rührte in einem Topf, aus dem es nach gekochtem Fleisch und Zwiebeln roch – wie der Odem der Musen in dieser nasskalten Nacht. Lear bewegte sich zum ersten Mal, seit wir ihn aus dem Regen hierhergebracht hatten. Der König lag auf einer Pritsche aus Stroh und Fell. Sein Pelz dampfte noch immer am Feuer.
»Bin ich tot?«, fragte er.
»Naye, Oheim, doch hättet Ihr beinah am salzigen Makel des Todes geleckt«, sagte ich.
»Weiche von mir, Satan!«, rief der nackte Bursche plötzlich und fuchtelte vor seinem Gesicht herum. Ich hatte ihm geholfen, einiges von dem Schlamm abzuwaschen, sodass er nur noch leicht verdreckt und irre war, aber nicht mehr ganz so unansehnlich.
»Armem Tom ist kalt! So kalt.«
»Aye, das ist nicht zu übersehen«, sagte ich. »Es sei denn, du wärst nur ein stattlicher Bursche, der bereits mit rosinengroßem Lümmel auf die Welt gekommen ist.«
»Der Dämon macht Tom Kröten und Kaulquappen fressen und aus dem Graben trinken. Ich esse Kuhdung als Salat und verschlinge Ratten und Reste von toten Hunden. Ich schlürfe Tümpelschleim, und in allen Dörfern werde ich verprügelt und in den Stock gesperrt. Weiche von mir, Satan! Lass den armen Tom in Frieden!«
»Potzblitz!«, sagte ich. »Die Spinner stehen heute Nacht in voller Blüte.«
»Ich habe ihm etwas Hammeleintopf angeboten«, sagte die alte Frau, ohne sich umzudrehen, »aber nein - er wollte seine Frösche und Kuhfladen. Ganz schön krüsch für einen nackten Irren.«
»Pocket«, sagte Lear und zupfte an meinem Arm. »Wer ist dieser nackte Gesell?«
»Er nennt sich Tom, Oheim. Behauptet, der Teufel verfolge ihn.«
»Er muss wohl Töchter haben. Sieh mich an, Tom! Hast du alles deinen Töchtern gegeben? Hat es dich in den Ruin getrieben, bis du keine Kleider mehr am Leibe hattest?«
Tom kroch über den Boden, bis er bei Lear war.
»Ich war ein eitler, selbstsüchtiger Bursche«, sagte der Irre. »Ich habe jede Nacht mit meiner Geliebten geschlafen und bin am Morgen mit dem Drang erwacht, es ihr wieder zu besorgen. Ich soff und zechte und vergnügte mich, während mein Halbbruder auf dem Kreuzzug für eine Kirche war, an die er gar nicht glaubte. Ich nahm alles, ohne jene zu bedenken, die nichts hatten. Jetzt habe ich selbst nichts – keinen Lumpen mehr am Leib, keinen Krumen, keinen Heller, und der Teufel jagt mich für meine Selbstsucht bis ans Ende der Welt.«
»Verstehe«, sagte Lear. »Nur eines Mannes grausame Töchter können ihn so weit treiben.«
»Davon hat er nichts gesagt, o dämlicher Dämlack. Er sagt, er war ein rücksichtsloser Wüstling, und der Teufel hat sein Ding geholt.«
Da wandte sich die alte Frau um. »Aye, der Narr hat recht. Der Irre hat keine Töchter. Ihn plagt nur die eigene Lieblosigkeit.« Sie trug zwei dampfende Schalen Eintopf durch die Hütte und stellte sie vor uns auf den Boden. »Und es sind Eure eigenen Schandtaten, die Euch verfolgen, Lear, nicht Eure Töchter.«
Diese Alte... Die hatte ich doch schon mal gesehen! Es war eine der Vetteln aus dem Großen Wald von Birnam. Andere Klamotten und nicht ganz so grün, aber zweifelsohne Rosemary, die Hexe mit den Katzenkrallen.
Lear glitt zu Boden und nahm Toms Hand. »Ich war so egoistisch. Ich habe die Folgen meines Treibens nicht bedacht. Meinen eigenen Vater habe ich im Tempel von Bath eingesperrt, weil er Lepra hatte, und ihn später töten lassen. Meinen eigenen Bruder habe ich ermordet, als ich ihn verdächtigte, bei meiner Königin zu nächtigen. Ohne jeden Prozess, ohne ein Duell. Ich ließ ihn im Schlaf ermorden, ganz ohne Beweis. Und auch meine Königin starb durch meine Eifersucht. Mein Reich ist die Frucht eines Verrats, und Verrat habe ich geerntet. Ich verdiene nicht einmal die Kleider am Leib. Du bist ehrlich, Tom, weil du nichts hast. Auch ich will nichts mehr haben. Das ist mein gerechter Lohn!«
Der Alte begann, sich die Kleider vom Leib zu reißen und zerrte an seinem Hemdkragen herum, doch eher riss seine Pergamenthaut ein als der Stoff. Ich packte seine Handgelenke und versuchte, ihm in die Augen zu sehen, um ihn aus dem Wahn zu holen.
»Oh, was habe ich meiner süßen Cordelia Unrecht getan!«, jammerte der alte Mann. »Die Einzige, die mich liebte, und ich habe ihr Unrecht getan! Meiner einzig wahren Tochter! Ihr Götter, reißt mir die Kleider vom Leib, reißt mir das Fleisch von meinen Knochen!«
Dann spürte ich, wie sich mir Klauen um die Handgelenke schlossen, und ich wurde von Lear fortgezogen wie mit schweren Eisenfesseln. »Lass ihn leiden«, zischte die Hexe in mein Ohr.
»Aber ich trage Schuld an seinem Schmerz«, sagte ich.
»Lears Schmerz ist sein eigen Werk, Narr«, sagte sie. Dann drehte sich alles um mich herum, und ich hörte die Stimme des Geistes, die sagte: »Schlaf ein, süßer Pocket, schlaf ein!«
 
 
»Wer ist der dreckige Nacktarsch, der da den König knutscht?«, fragte Kent.
Ich wachte auf und sah den alten Ritter mit dem Grafen Gloucester in der Tür. Draußen tobte nach wie vor der Sturm, doch im Feuerschein sah ich, dass der nackte Irre Tom O’Bedlam Lear in seinen Armen hielt und des Königs kahlen Schädel küsste wie ein Neugeborenes.
»Aber Majestät!«, sagte Gloucester. »Könnt Ihr denn keine bessere Gesellschaft finden? Wer ist dieser grobe Klotz?«
»Er ist ein Philosoph«, sagte Lear. »Ich will mich mit ihm unterhalten.«
»Armer Tom O’Bedlam ist er«, sagte Tom. »Krötenfresser, vom Teufel verflucht.«
Kent sah mich an, und ich zuckte mit den Schultern. »Ballaballa. Alle beide«, sagte ich. Ich sah mich nach der alten Frau um, doch die war nicht mehr da.
»Nun denn, kommt zu Euch, Majestät! Ich bringe eine Neuigkeit aus Frankreich«, sagte Kent.
»Sauce Hollandaise schmeckt gut auf Ei?«, erkundigte ich mich.
»Nein«, sagte Kent. »Dringender.«
»Wein und Käse passen gut zusammen?«
»Nein, du Spruchkasper! Frankreich hat eine Armee in Dover angelandet, und es geht das Gerücht, sie hätten entlang unserer Küste Truppen versteckt, die bereit sind, jederzeit zuzuschlagen.«
»Na gut, das stellt die Neuigkeit von Wein und Käse dann wohl in den Schatten, was?«
Gloucester versuchte, Tom vom König loszubiegen, doch es fiel ihm schwer, weil er sich seinen Rock nicht einsauen wollte. »Ich habe dem französischen Lager in Dover Nachricht gesandt, dass Lear hier ist«, sagte Gloucester. »Ich habe des Königs Töchter angefleht, ihn während des Unwetters zu sich zu nehmen, doch sie weigern sich. In meinem eigenen Heim hat mir der Herzog von Cornwall meine Macht genommen. Regan und Cornwall haben das Kommando über Lears Ritter und somit über meine Burg.«
»Wir sind gekommen, um Euch zu einer Kate an der Stadtmauer zu geleiten«, sagte Kent. »Wenn der Sturm nachlässt, wird Gloucester einen Wagen schicken, der Lear zum Lager der Franzosen in Dover bringt.«
»Nein«, sagte Lear. »Lasst mich mit meinem Philosophenfreund allein!« Er tätschelte den irren Tom. »Er weiß, wie man das Leben leben sollte. Sagt mir, mein Freund: Warum donnert es?«
Kent wandte sich Gloucester zu und zuckte mit den Schultern. »Er hat sie nicht mehr alle.«
»Wer will es ihm verdenken?«, sagte Gloucester. »Nach allem, was ihm seine Töchter angetan haben. Sein eigen Fleisch und Blut erhebt sich gegen ihn. Ich hatte einen geliebten Sohn, der sich verschwor, mich zu ermorden. Der bloße Gedanke hat mich fast um den Verstand gebracht.«
»Kennt Ihr Edelleute eigentlich noch andere Reaktionen auf eine Bredouille, als blöd zu werden und Dreck zu fressen?«, sagte ich. »Nehmt Eure Eier in die Hand und seht zu, dass Ihr in die Gänge kommt! Kent, was ist mit Drool?«
»Ich habe ihn in der Waschküche versteckt, doch Edmund wird ihn finden, wenn er sich der Suche wirklich widmet. Vorerst ist er abgelenkt, weil er die Schwestern meidet und sich mit Cornwall verschwört.«
»Mein Sohn Edmund ist eine ehrliche Haut«, sagte Gloucester.
»Ja, stimmt, Mylord«, sagte ich. »Aber achtet darauf, dass Ihr nicht über das Weidenröschen stolpert, das aus seinem Hintern sprießt, wenn Ihr ihm dass nächste Mal begegnet. Seid Ihr in der Lage, mich in die Burg hineinzuschleusen, ohne dass Edmund davon erfährt?«
»Möglich. Aber von dir nehme ich keine Befehle entgegen, Narr. Du bist nur ein Lakai, und ein dreister dazu!«
»Ihr seid mir immer noch gram, weil ich über Eure tote Frau gescherzt habe, nicht wahr?«
»Der Narr soll seinen Willen bekommen!«, donnerte Lear. »Sein Wort ist so gut wie meines!«
Der leiseste Windhauch hätte mich umgeworfen. So schockiert war ich. Noch immer glühte der Wahn in den Augen des alten Mannes, doch ebenso das Feuer seiner Autorität. Eben noch ein lallendes Wrack – im nächsten Augenblick schon spie der alte Drache Feuer.
»Jawohl, Majestät«, sagte Gloucester.
»Er ist ein braver Junge«, sagte Kent, um Lears Befehl ein wenig die Schärfe zu nehmen.
»Oheim, nehmt Euren nackten Einfaltspinsel und lasst uns mit Gloucester zu dieser Kate an der Stadtmauer ziehen. Ich hole meinen Narrenlehrling aus der Burg, und schon sind wir auf dem Weg nach Dover zu Froschkönig Jeff.«
Kent knetete meine Schulter. »Ein Schwert als Hilfe?«
»Nein danke«, sagte ich. »Ihr bleibt bei dem Alten. Schafft ihn nach Dover.« Ich zog Kent ans Feuer und hieß ihn niederknien, damit ich ihm ins Ohr flüstern konnte. »Wusstet Ihr, dass Lear seinen Bruder ermordet hat?«
Des Ritters greise Augen wurden groß, dann kniff er sie zusammen wie im Schmerz. »Es war ein Befehl.«
»Ach, Kent. Du treuer, alter Narr.«
Fool: Roman
titlepage.xhtml
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_000.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_001.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_002.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_003.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_004.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_005.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_006.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_007.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_008.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_009.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_010.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_011.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_012.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_013.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_014.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_015.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_016.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_017.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_018.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_019.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_020.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_021.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_022.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_023.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_024.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_025.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_026.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_027.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_028.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_029.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_030.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_031.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_032.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_033.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_034.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_035.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_036.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_037.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_038.html