24
 
Boudicca lebt
 
So viele Jahre war ich ein Waisenknabe, nur um dann festzustellen, dass ich sehr wohl eine Mutter hatte, die sich aber umgebracht hatte wegen der Grausamkeit des Königs, des einzigen Vaters, den ich je kannte …
Um festzustellen, dass ich einen echten Vater hatte, der ebenfalls auf Geheiß des Königs ermordet wurde …
Um festzustellen, dass der beste Freund, den ich je hatte, die Mutter jener Frau war, die ich anbetete, und dass auch sie auf Geheiß des Königs hingerichtet worden war, für etwas, das ich getan hatte …
In einer Woche vom Waisenclown zum Bastardprinzen und meuchelnden Rächer im Namen von Geistern und Hexen aufzusteigen, in wenigen Monaten vom kleinwüchsigen Emporkömmling zum Generalstrategen …
Von derben Geschichten zur Unterhaltung einer eingemauerten Heiligen zu jenem Plan, das Königreich zu stürzen …
Es war reichlich verwirrend, aber kein bisschen ermüdend. Und ich hatte ganz schön Appetit bekommen. Ein kleiner Imbiss wäre angezeigt – vielleicht sogar eine rechte Mahlzeit, mit einem Gläschen Wein.
Durch die Schießscharten meiner alten Kammer im Vorwerk beobachtete ich, wie Cordelia die Burg einnahm. Sie ritt auf einem weißen Schlachtross, dessen Rüstung dieselben Farben trug wie sie – Schwarz mit Gold. Der güldene Löwe von England zierte ihren Schild, eine güldene Bourbonische Lilie den Brustpanzer. Zwei Reihen Ritter folgten ihr und trugen Lanzen mit den Bannern von Wales, Schottland, Irland, der Normandie, Frankreich, Belgien und Spanien. Spanien? Nebenbei hatte sie noch Spanien erobert? Früher konnte sie nicht mal Schach spielen. Realer Krieg schien einfacher zu sein.
Mitten auf der Zugbrücke zügelte sie ihr Pferd, stand in den Steigbügeln auf, nahm ihren Helm ab und schüttelte das lange, güldene Haar. Dann lächelte sie zum Torhaus herauf. Ich duckte mich, ohne genau zu wissen, wieso eigentlich.
»Mein!«, rief sie, lachte und führte die Kolonne auf die Burg.
Ich weiß, Süße, aber es ist doch schlechter Stil, mit Hilfe einer ganzen Armee Anspruch auf die erstbeste Immobilie zu erheben, oder? Nicht gerade ladylike.
Sie war einfach umwerfend.
Ja, ein kleiner Snack wäre nett. Ich lachte selbst ein wenig und tänzelte zur Großen Halle hinüber, wobei ich unterwegs den einen oder anderen Purzelbaum schlug.
 
 
Vielleicht war es nicht eben die beste Idee gewesen, in der Großen Halle nach etwas Essbarem Ausschau zu halten, und vielleicht hatte ich es auch gar nicht wirklich vorgehabt, was auch ganz okay war, denn statt eines Festmahls fand ich die Leichen Lears und seiner beiden Töchter vor, auf drei hohen Tischen aufgebahrt, Lear auf seinem Thronpodest, Regan und Goneril darunter, zu beiden Seiten. Cordelia beugte sich über ihren Vater, trug noch immer ihre Rüstung, den Helm unterm Arm. Ihr langes Haar hing ihr ins Gesicht, sodass ich nicht erkennen konnte, ob sie weinte.
»Jetzt ist er um einiges umgänglicher«, sagte ich. »Stiller. Obwohl er sich genauso schnell bewegt.«
Sie blickte auf und strahlte mich an, grinste breit, dann schien ihr wieder einzufallen, dass sie trauerte, und sie ließ den Kopf hängen. »Danke für dein Beileid, Pocket. Wie ich sehe, hast du es geschafft, dir während meiner Abwesenheit die Höflichkeit vom Leib zu halten.«
»Nur indem ich unablässig an Euch dachte.«
»Du hast mir gefehlt, Pocket.«
»Du mir auch, Lämmchen.«
Sie streichelte das Haar ihres Vaters. Er trug die schwere Krone, die er vor so langer Zeit – wie es schien – Cornwall und Albany auf den Tisch geworfen hatte.
»Hat er gelitten?«, fragte Cordelia.
Ich überlegte, was ich antworten sollte, was ich sonst nie tat. Ich hätte meinem Zorn Luft machen und den Alten verfluchen können, hätte von seinem Leben in Grausamkeit und Niedertracht berichten können, doch das hätte Cordelia kein bisschen genützt – und mir nur sehr wenig. Dennoch musste ich meine Mär mit etwas Wahrheit würzen.
»Ja, am Ende litt er grauenvoll am Herzen. So wie Eure Schwestern ihn behandelt haben und wie er unter der Last seiner Reue litt, weil er Euch Unrecht getan hatte. Er litt, wenn auch nicht körperlich. Der Schmerz war tief in seiner Seele, meine Kleine.«
Sie nickte und wandte sich von dem Alten ab. »Du solltest mich nicht ›Kleine‹ nennen, Pocket. Ich bin jetzt Königin.«
»Das sehe ich. Schicke Rüstung übrigens, voll der St. Georg-Look. Den Drachen gab’s dazu, oder?«
»Nein, eigentlich eine Armee.«
»Und natürlich ein Königreich.«
»Nein, das musste ich mir selbst nehmen.«
»Ich habe Euch ja gesagt, dass Euer garstiges Wesen Euch in Frankreich nützen wird.«
»Das hast du gesagt. Kurz nachdem du mir erklärt hast, Prinzessinnen seien nur nütze für – wie war das? – ›Drachenfutter und Lösegeld‹?« Da war es wieder, dieses Lächeln, das sich anfühlte, als schiene die Sonne in mein erfrorenes Herz. Und wie bei Frostbeulen pieksten tausend Stecknadeln, als ich wieder etwas fühlen konnte. Plötzlich spürte ich den kleinen Beutel mit dem Hexenstäubling schwer an meinem Gürtel.
»Ja, nun, man kann ja nicht immer recht behalten. Es würde nur meine Glaubwürdigkeit als Narr untergraben.«
»Deine Glaubwürdigkeit steht ohnehin infrage. Kent sagt, das Königreich sei mir nur aufgrund deines Zutuns so leicht in die Hände gefallen.«
»Ich wusste ja nicht, dass Ihr es wart. Ich dachte, es sei der blöde Jeff. Wo ist Jeff eigentlich?«
»In Burgund beim Herzog – nein, bei der Königin von Burgund. Beide bestehen darauf, als Königin von Burgund angesprochen zu werden. Wie sich herausstellte, hattest du recht, was die beiden anging, wodurch wiederum dein Ruf als Narr Schaden nehmen dürfte. Ich habe die beiden im Palast von Paris in flagranti erwischt. Sie haben mir gestanden, dass sie sich schon als kleine Jungen zueinander hingezogen fühlten. Jeff und ich haben ein Arrangement getroffen.«
»Aye, in solchen Situationen kommt es für gewöhnlich zu einem Arrangement … Man arrangiert Kopf und Körper der Königin an verschiedenen Orten.«
»Nichts dergleichen, Pocket. Jeff ist ein netter Typ. Ich habe ihn nicht geliebt, aber er war ein guter Kerl. Schließlich hat er mich gerettet, als Vater mich rauswarf. Und damals hatte ich bereits die Sympathien der Garde und fast aller bei Hofe auf meiner Seite … Wenn irgendwer seinen Kopf verlieren sollte, dann nicht ich. Jeff hat ein eigenes Territorium bekommen: Toulouse, die Provence und ein Teil der Pyrenäen, aber angesichts dessen, was ich bekommen habe, ist alles sehr fair gelaufen. Die Jungs haben einen protzigen Palast in Burgund, den sie ständig umdekorieren. Die beiden sind glücklich.«
»Die Jungs? Blödburgund fickt Froschfranz? Bei Odins hängenden Hoden, daraus ließe sich einen Liedchen reimen!«
Sie grinste. »Ich habe mir beim Papst eine Scheidung gekauft. War ganz schön teuer. Wenn ich gewusst hätte, dass Jeff auf Zustimmung der Kirche bestehen würde, hätte ich dafür gesorgt, dass der alte Billig-Papst wieder eingesetzt wird.«
Es hallte durch die Halle, als die großen Türen aufflogen, und Cordelia fuhr herum, wildes Feuer in den Augen. »Ich sagte, man solle mich allein lassen!«
Abrupt blieb Drool, der eben hereingeschlurft war, stehen, als hätte er ein Gespenst gesehen, und wich zurück. »’tschuldigung. Bitte um Verzeihung. Pocket, ich hab Jones und deinen Hut hier.« Er hielt den Puppenstock und meine Narrenkappe, vergaß für einen Augenblick, dass man ihn angebrüllt hatte, dann schob er sich zur Tür hinaus.
»Nein, komm rein, Drool!«, rief Cordelia. Sie winkte ihn heran, und die Wachen schlossen hinter ihm die Tür. Ich fragte mich, was die Ritter und die anderen Edelmänner wohl davon hielten, dass die Kriegerkönigin niemanden in die Halle ließ – bis auf zwei Narren. Wahrscheinlich, dass auch sie sich in die lange Folge von Verrückten einreihte.
Drool hielt inne, als er an Regans Leichnam vorüberkam, hatte plötzlich vergessen, warum er hier war. Er legte Jones und meine Kappe neben sie auf den Tisch, dann nahm er den Saum ihres Kleides mit spitzen Fingern und hob ihn an, um mal kurz einen Blick darunterzuwerfen.
»Drool!«, bellte ich.
»’tschuldigung«, sagte er. Dann entdeckte er Gonerils Leiche und trat neben sie. Er stand da, starrte sie an. Bald fingen seine Schultern an zu beben, dann brach er in gewaltiges, rippenknirschendes Schluchzen aus, und Tränen tropften auf Gonerils Busen.
Cordelia sah mich an, mit flehendem Blick, und ich sie offenbar mit einem ganz ähnlichen Ausdruck in den Augen. Wir waren doch echt unmöglich, dass wir nicht um diese Leute trauern konnten, diese Familie.
»Die waren prall«, sagte Drool. Bald tätschelte er Gonerils Wange, dann ihre Schulter, dann beide Schultern, dann ihre Brüste, dann stieg er auf den Tisch und auf sie drauf und schluchzte rhythmisch und unschicklich, von Timbre und Lautstärke her einem Bären gleich, der in einem Weinfass durchgeschüttelt wurde.
Ich nahm Jones von Regans Tisch und schlug ihn dem Deppen an den Kopf und an die Schultern, bis er von der einstmaligen Herzogin von Albany herunterstieg, das Tischtuch beiseiteschob und sich darunter versteckte.
»Ich hab sie geliebt«, sagte Drool.
Cordelia hielt mich zurück, bückte sich und hob die Decke an. »Drool, mein Freund«, sagte sie. »Pocket meint es nicht böse! Er versteht nur nicht, wie dir zumute ist. Trotzdem müssen wir es für uns behalten. Es ist unschicklich, sich an Verblichenen zu rubbeln, Kleiner.«
»Echt?«
»Ja. Der Herzog wird bald da sein, und er wäre sicher gekränkt.«
»Und die andere? Ihr Herzog ist tot.«
»Genau dasselbe. Unschicklich.«
»’tschuldigung.« Er versteckte seinen Kopf unter der Decke.
Sie stand auf und sah mich an, wandte sich von Drool ab, verdrehte die Augen und lächelte.
Es gab so vieles, was ich ihr erzählen wollte, dass ich ihre Mutter gevögelt hatte, wir technisch gesehen Cousin und Cousine waren und – nun – dass die Lage schwierig werden könnte. Mein Instinkt als Künstler riet mir, den Augenblick nicht unnötig zu belasten, daher sagte ich: »Ich habe Eure Schwestern auf dem Gewissen, mehr oder weniger.«
Ihr Lächeln erstarb. »Hauptmann Curan sagte, sie hätten sich gegenseitig vergiftet.«
»Aye. Ich habe ihnen das Gift gegeben.«
»Wussten sie, dass es Gift war?«
»Das ja.«
»Da kann man wohl nichts machen, was? Die beiden waren sowieso echt miese Biester. Haben mich meine ganze Kindheit über gequält. Du hast mir die Mühe erspart.«
»Sie wollten nur geliebt werden«, sagte ich.
»Komm mir bloß nicht so, Narr! Du hast sie auf dem Gewissen. Ich wollte nur ihr Land und ihren Besitz. Vielleicht noch sie öffentlich demütigen.«
»Aber eben sagtet Ihr …«
»Ich hab sie geliebt«, sagte Drool.
»Schnauze!«, riefen Cordelia und ich im Chor.
Die Türen gingen auf, und Hauptmann Curan steckte seinen Kopf herein. »Mylady, der Herzog von Albany ist eingetroffen«, sagte er.
»Lasst mir noch einen Moment, dann schickt ihn herein«, sagte Cordelia.
»Ganz wie es beliebt.« Curan schloss die Türen.
Da trat Cordelia an mich heran. Sie war nur wenig größer als ich, doch in der Rüstung irgendwie beängstigender, als ich sie in Erinnerung hatte – jedoch nicht weniger schön.
»Pocket, ich habe mir mein altes Solar eingerichtet. Ich möchte, dass du mich heute nach dem Abendessen besuchst.«
Ich verneigte mich. »Wünschen Mylady eine Geschichte und einen Scherz vor dem Schlafengehen, um Euch von den Kümmernissen des Tages zu erlösen?«
»Nein, Narr. Königin Cordelia von Frankreich, Britannien, Belgien und Spanien wird dir deine verdammten Glöckchen von der Mütze vögeln.«
»Pardauz?«, sagte ich ein wenig sprachlos. Doch dann küsste sie mich. Zum zweiten Mal. Mit viel Gefühl – und stieß mich von sich.
»Ich habe dir ein Land erobert, Dummkopf! Ich hab dich schon geliebt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Deinetwegen bin ich zurückkommen, und um Rache an meinen Schwestern zu nehmen – aber vor allem deinetwegen. Ich wusste, dass du auf mich warten würdest.«
»Woher? Woher wusstet Ihr das?«
»Vor Monaten kam im Pariser Palast eine weiße Geisterfrau zu mir. Jeff hat sich vor Angst fast Bernaise in die Hose gemacht. Seitdem berät sie mich bei meiner Strategie.«
Schluss mit den Geistern, dachte ich. Lasst sie ruhen. Ich verneigte mich. »Ich stehe Euch zu Diensten, Teuerste. Als demütiger Narr – allzeit bereit.«
Fool: Roman
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