12
Der Königsweg
Nachdem ich den
Verlauf der Ereignisse in Gang gesetzt hatte, stellt sich mir heute
doch die Frage, ob ich mit meiner Ausbildung zur Nonne und meinem
ausgeprägten Talent zum Singen und Scherzen eigentlich dafür
qualifiziert war, einen Krieg vom Zaun zu brechen. So oft schon war
ich das Werkzeug anderer, kaum eine Schachfigur am Hofe, nur ein
Utensil des Königs und seiner Töchter. Ein amüsantes Ornament. Eine
kleine Erinnerung an Gewissen und Menschlichkeit, von gerade genug
Humor umflort, dass man alles abtun, verlachen, ignorieren kann.
Vielleicht hat es seinen Grund, dass es auf dem Schachbrett keinen
Narren gibt. Wie soll ein Narr denn vorgehen? Welche Strategie
verfolgt ein Narr? Was nützt einem ein Narr? Ah, jedoch in einem
Kartenspiel, da lebt ein Narr, ein Joker, manchmal sogar zwei.
Natürlich ohne Wert. Ohne rechten Sinn. Sieht aus wie ein Trumpf,
ist jedoch ohne Einfluss. Nur ein Requisit des Glücks. Nur der
Geber kann dem Joker Wert verleihen. Ihn zum Freibrief machen, zum
Trumpf. Doch wer teilt aus? Das Schicksal? Gott? Der König? Ein
Geist? Hexen?
Die Eremitin sprach
mir vom Tarot, verboten und heidnisch, wie es war. Wir hatten keine
Karten zur Verfügung, doch sie beschrieb sie mir, und ich zeichnete
die Bilder mit Kohle auf die Steine im Vestibül. »Des Narren Ziffer
ist die Null«, sagte sie, »aber nur weil er für unendliche
Möglichkeiten steht. Aus ihm kann alles werden. Sieh nur: Er trägt
seine ganze Habe in einem Bündel auf dem Rücken. Er ist zu allem
bereit – wohin es ihn auch führen mag, was aus ihm auch werden mag.
Unterschätze nie den Narren, Pocket, nur weil seine Ziffer die Null
ist!«
Wusste sie, was vor
mir lag, oder bekommen ihre Worte erst jetzt Bedeutung, da ich –
die Null, das Nichts – Königreiche bewege. Krieg? Ich sah nicht,
was daran so toll sein sollte.
Trunken und trübe
grübelte Lear eines Abends über den Krieg nach, als ich andeutete,
wenn er seine Düsternis abstreifen wolle, bräuchte er nur ein
derbes Frauenzimmer. »Ach, Pocket, ich bin zu alt, und die Freude
an einem Fick welkt dahin wie meine Lenden. Nur ein anständiges
Gemetzel kann noch die Glut in meinem Blut entfachen. Und einer
wird da nicht genügen. Tötet mir hundert, tausend, zehntausend auf
mein Kommando – Bäche von Blut durchrinnen die Felder -, das pumpt
Feuer in die Lanze eines Mannes!«
»Oh«, sagte ich. »Ich
wollte Euch gerade Shanker Mary aus der Waschküche holen, aber mit
zehntausend Toten und Bächen von Blut könnte sie vielleicht etwas
überfordert sein, Majestät.«
»Nein danke, guter
Pocket. Ich werde einfach hier sitzen und mich langsam und qualvoll
dem Vergessen anheimgeben.«
»Oder«, sagte ich,
»ich könnte Drool einen Eimer auf den Kopf setzen und mit einem
Sack Roter Beete auf ihn einprügeln, bis der Boden rot gesprenkelt
ist, während Mary Euch kräftig am Hansel zupft.«
»Nein, Narr, ein
Krieg lässt sich nicht vortäuschen.«
»Was ist mit Wales,
Majestät? Wir könnten bei den Walisern einmarschieren, gerade so
viel Meuchelei anstimmen, dass sich Eure Laune bessert, und dann
zum Tee wieder zu Hause sein.«
»Wales ist schon
unser, Junge.«
»Mist. Was haltet Ihr
von North Kensington?«
»Kensington ist kaum
eine Meile entfernt. Es liegt praktisch in unserem eigenen
Burghof.«
»Aye, Oheim, das ist
ja das Schöne daran. Die würden es nie erwarten. Wir gingen wie ein
heißes Messer durch die Butter. Wir könnten die Witwen und Waisen
von den Burgmauern aus klagen hören. Welch erquickendes Wiegenlied
für Euch!«
»Wohl kaum. Ich
greife doch nicht zum Vergnügen Londoner Nachbarviertel an, Pocket!
Für was für einen Tyrannen hältst du mich?«
»Oh,
überdurchschnittlich, Sire. Absolut
überdurchschnittlich.«
»Ich möchte nicht,
dass du weiter vom Krieg sprichst, Narr. Du bist von deinem Wesen
her zu weich für derart grobes Treiben.«
Zu weich?
Moi? Mich deucht, die Kriegskunst ist
für Narren wie mich gemacht, und Narren sind für den Krieg gemacht.
Kensington erzitterte in jener Nacht.
Auf der Straße nach
Gloucester ließ ich meinen Zorn verrauchen und mühte mich, den
König – so gut es ging – zu trösten, indem ich ihm mitfühlend ein
Ohr und warme Worte widmete, wenn er sie brauchte.
»Dämlicher Wichser
von einem Jammerlappen! Was habt Ihr erwartet, als Ihr die Pflege
Eures halbverwesten Kadavers Eurem Aasgeier von einer Tochter
überlassen habt?« (Vielleicht war ich doch noch etwas
aufgebracht.)
»Aber ich habe ihr
mein halbes Königreich vermacht!«
»Und sie hat Euch im
Gegenzug die halbe Wahrheit gesagt, als sie behauptete, dass sie
Euch liebt.«
Der Greis ließ den
Kopf hängen, und das weiße Haar fiel ihm ins Gesicht. Wir hockten
auf Steinen am Feuer. Im nahen Wald hatte man für des Königs
Bequemlichkeit ein Zelt errichtet, da es dort im hohen Norden weit
und breit keine Burg gab, auf der er Zuflucht hätte finden können.
Wir anderen schliefen draußen in der Kälte.
»Warte nur, Narr, bis
wir bei meiner zweiten Tochter Obdach finden!«, sagte Lear. »Regan
war doch immer lieb zu mir. Sie wird sicher nicht so schäbig sein,
sondern Dankbarkeit beweisen.«
Ich brachte es nicht
fertig, den Alten weiterhin zu schelten. Von Regan Güte zu
erwarten, das war eine Hoffnung im Delirium. Stets lieb? Regan?
Wohl kaum.
Als ich etwa zwei
Wochen auf der Burg war, hatte ich die junge Regan und Goneril in
einem Solar des Königs vorgefunden, wo sie die kleine Cordelia
neckten, indem sie ein Kätzchen, an dem das Herz der Kleinen hing,
über ihren Kopf hin und her reichten.
»Komm und hol dir das
Kätzchen!«, sagte Regan. »Aber vorsichtig, sonst fällt es uns noch
aus dem Fenster.« Regan tat, als wollte sie das verängstigte Tier
hinauswerfen, und als Cordelia gelaufen kam, die Arme ausgestreckt,
um nach dem Kätzchen zu greifen, fuhr Regan herum und warf es
Goneril zu, die sich damit einem anderen Fenster
zuwandte.
»Pass auf, Cordy! Es
wird im Burggraben ertrinken, genau wie deine Mutter, die
Verräterin!«, sagte Goneril.
»Neiiiiin!«, heulte
Cordelia. Sie war ganz außer Atem vom Hin und Her von Schwester zu
Schwester.
Ich stand in der Tür,
sprachlos ob der Grausamkeit. Der Haushofmeister hatte mir erklärt,
Cordelias Mutter, Lears dritte Königin, sei des Hochverrats
bezichtigt und vor drei Jahren verbannt worden. Niemand wusste
genau, was sie eigentlich verbrochen hatte, doch es gab Gerüchte,
sie habe die alte Religion ausgeübt. Andere behaupteten, sie habe
Ehebruch begangen. Genau wusste der Haushofmeister nur zu sagen,
dass die Königin mitten in der Nacht aus dem Turm geholt worden
war, und von diesem Augenblick bis zu meiner Ankunft auf der Burg
hatte Cordelia keinen einzigen Laut von sich gegeben.
»Sie wurde als Hexe
ertränkt«, sagte Regan und fing das Kätzchen aus der Luft. Doch
diesmal trafen die Krallen der kleinen Katze königliche Haut.
»Autsch! Scheißviech!« Regan schleuderte die Katze aus dem Fenster.
Cordelia stieß einen gellenden Schrei aus.
Ohne weiter
nachzudenken hechtete ich durchs Fenster, hinter der Katze her, und
bekam im Flug gerade noch die Kordel des Wandteppichs mit dem Fuß
zu fassen. Ich erwischte das Kätzchen etwa zwei Meter unterhalb des
Fensters, als die Kordel schon an meinen Knöcheln brannte. Da meine
Aktion nicht recht durchdacht war, hatte ich mir gar nicht
überlegt, wie ich mich eigentlich – mit der Katze in der Hand –
abfangen wollte, wenn mich das Seil an die Turmmauer warf. Es
schnürte sich um meinen rechten Knöchel. Ich fing den Aufprall mit
der Schulter ab, wobei ich meine Narrenkappe in den Burggraben weit
unter mir flattern sah wie ein verletztes Vögelchen.
Das Kätzchen stopfte
ich in mein Wams, dann kletterte ich am Seil hinauf durchs Fenster.
»Schöner Tag für einen Ausflug, oder was meinen die
Damen?«
Mit offenen Mündern
standen sie da, die älteren Schwestern mit dem Rücken zur Wand des
Solars. »Ihr seht aus, als könntet Ihr etwas frische Luft
gebrauchen!«, sagte ich.
Ich holte das
Kätzchen aus meinem Wams und reichte es Cordelia. »Die Mieze hat
ein echtes Abenteuer erlebt. Vielleicht solltest du sie für ein
kleines Nickerchen zu ihrer Mama bringen.« Cordelia nahm das
Kätzchen und lief hinaus.
»Wir könnten dich
köpfen lassen, Narr«, sagte Regan, als der Schreck verflogen
war.
»Wann immer wir
wollen«, sagte Goneril weniger überzeugend als ihre
Schwester.
»Soll ich eine Zofe
schicken, damit sie den Vorhang wieder befestigt, Ma’am?«, fragte
ich mit grandioser Geste zum Wandteppich hin, den ich bei meinem
Sprung abgerissen hatte.
»Äh, ja, tu das«,
kommandierte Regan. »Auf der Stelle!«
»Auf der Stelle!«,
bellte Goneril.
»Umgehend, Ma’am.«
Und mit einem Grinsen und einer Verbeugung war ich
draußen.
Ich rannte die
Wendeltreppe hinunter und hielt mich an der Mauer fest, für den
Fall, dass mein Herz aussetzen und mich ins Stolpern bringen würde.
Cordelia stand unten an der Treppe, mit dem Kätzchen im Arm, und
blickte zu mir auf, als wäre ich Jesus, Zeus und der Heilige Georg
in einer Person, eben zurück von einem tollen Tag beim
Drachentöten. Ihre Augen waren unnatürlich groß, und es schien, als
hätte sie das Atmen aufgegeben. Blanke Ehrfurcht, vermute ich
mal.
»Hör auf, mich so
anzustarren, Lämmchen! Es macht mir Angst. Sonst denken die Leute
noch, du hättest einen Hühnerknochen im Hals stecken.«
»Danke«, sagte sie
mit einem gewaltigen Schluchzer, der ihre Schultern beben
ließ.
Ich tätschelte ihren
Kopf. »Gern geschehen, Liebes. Jetzt lauf! Pocket muss seine Mütze
aus dem Burggraben fischen und dann in die Küche gehen und trinken,
bis seine Hände nicht mehr zittern, falls er nicht vorher an seiner
eigenen Kotze erstickt – je nachdem, was zuerst
passiert.«
Sie trat zurück, um
mich vorbeizulassen, ohne sich auch nur einmal von mir abzuwenden.
So war es gewesen, seit jenem Abend, als ich im Turm eintraf und
ihre Seele aus diesem finsteren Loch hervorgekrochen kam, in
welchem sie vor meiner Ankunft gesteckt hatte. Diese großen,
kristallblauen Augen betrachteten mich staunend, ohne je zu
blinzeln. Dieses Kind konnte echt unheimlich sein.
»Lasst Euch nur nicht
wie eine Jungfer überrumpeln, Oheim«, sprach ich. Ich hielt die
Zügel unserer Pferde, während beide aus einem eisigen Bach etwa
hundert Meilen nördlich von Gloucester tranken. »Regan ist bestimmt
ein Schatz, doch sie ist vielleicht vom selben Geist wie ihre
Schwester. Obwohl sie es bestreiten würde, wie so
oft...«
»Das kann ich mir
nicht vorstellen«, sagte der König. »Regan wird uns mit offenen
Armen empfangen.« Wir hörten Lärm hinter uns, und der König sah
sich um. »Was ist das?«
Ein bunt bemalter
Wagen kam aus dem Wald direkt auf uns zu. Mehrere Ritter griffen
nach Schwertern oder Lanzen. Hauptmann Curan winkte ihnen, sie
sollten warten.
»Mimen, Sire«, sagte
der Hauptmann.
»Aye«, sagte Lear.
»Ich vergaß: Weihnachten steht vor der Tür. Die werden wohl
wahrscheinlich auch nach Gloucester ziehen und zum Weihnachtsfest
aufspielen. Pocket, geh und sag ihnen, wir bieten ihnen eine
sichere Landfahrt, und sie dürfen sich zu ihrem Schutz unserer
Kolonne anschließen!«
Knarrend kam der
Wagen zum Stehen. Mitten in der Einsamkeit auf einen Trupp Ritter
samt Knappen zu stoßen, das würde jeden Komödianten aufmerken
lassen. Der Mann, der den Wagen lenkte, stand an den Zügeln und
winkte. Er trug einen großen, fliederfarbenen Hut mit einem weißen
Federbusch.
Ich sprang über den
Bach und lief den Weg hinauf. Als der Kutscher mein Narrenkleid
sah, lächelte er. Auch ich lächelte erleichtert... Es war nicht der
grausame Lehrmeister aus meiner eigenen Zeit als Mime.
»Heil dir, Narr! Was
treibst du so weit abseits von Hof und Burg?«
»Ich führe meinen Hof
bei mir, und meine Burg liegt dort voraus, Herr.«
»Du führst deinen Hof
bei dir? Dann ist der weißhaarige Alte dort...«
»Aye, König Lear
höchstselbst.«
»Dann musst du der
berühmte Schwarze Narr sein.«
»Stets zu Diensten,
Euer Arschgeboren«, sagte ich und verneigte mich.
»Du bist kleiner als
in den Geschichten«, sagte das Wiesel mit dem großen
Hut.
»Aye, und dein Hut
ist ein Meer, in dem dein Scherz blöd dümpelt wie ein verirrtes
Pestschiff.«
Der Mime lachte. »Ihr
gebt mir mehr, als ich verdiene, Sir. Wir handeln nicht mit
Scherzen wie ein gewitzter Narr. Wir sind Thespier!«
Bei diesem Wort
traten drei junge Männer und ein Mädchen hinter dem Wagen hervor
und verneigten sich anmutig, mit erheblich mehr Schwung als
nötig.
»Thespier«, sagten
sie im Chor.
Ich tippte an meine
Narrenkappe. »Nun, ich lecke selbst auch hin und wieder gern an
einer Lilie«, sagte ich, »aber das möchte man sich doch nicht auf
seine Fahnen schreiben.«
»Nicht Lesbier«, sagte das Mädchen. »Thesbier. Wir sind Tragöden.«
»Oh«, sagte ich, »das
ist was anderes.«
»Aye«, sagte Großhut.
»Wir machen keine Scherze – es geht uns nur ums Spiel. Kein Wort
kommt über unsere Lippen, das nicht schon von einem Autor dreimal
durchgekaut und wieder ausgespien wurde.«
»Gänzlich unbelastet
von Originalität sind wir«, sagte ein Schauspieler mit roter
Weste.
Das Mädchen sagte:
»Obwohl wir doch tragen so himmlisch schimmernd
Haar...«
»Leere Tafeln sind
wir«, sagte ein anderer Schauspieler.
»Wir sind sozusagen
nur Anhängsel der Schreibfeder«, sagte Großhut.
»Ja, Anhängsel kommt
hin«, sagte ich leise. »Nun, Schauspieler also. Famos. Der König
hat mir aufgetragen, Euch mitzuteilen, dass er Euch Schutz und eine
sichere Landfahrt nach Gloucester bietet.«
»Oje«, sagte Großhut,
»wir wollen nur bis Birmingham, aber ich denke, wir könnten auch
einen Umweg über Gloucester machen, falls seine Majestät unsere
Aufführung sehen möchte.«
»Nein«, sagte ich,
»bitte fahrt weiter nach Birmingham. Niemals würde der König den
Fortschritt eines Künstlers hemmen.«
»Seid Ihr sicher?«,
sagte Großhut. »Wir haben einen Klassiker aus der Antike
einstudiert, Hamlet aus Lönneberga, die
Geschichte eines jungen Prinzen von Dänemark, der den Verstand
verliert, seine Freundin ertränkt und vor lauter Reue alle, die
seinen Weg kreuzen, zwingt, trocken Brot zu frühstücken. Es wurde
aus Fragmenten eines alten merikanischen Manuskripts
zusammengesetzt.«
»Nein«, sagte ich,
»ich glaube, das wird dem König zu esoterisch. Er ist alt und nickt
bei längeren Vorstellungen ein.«
»Schade«, sagte
Großhut. »Ein bewegendes Stück. Lasst mich Euch eine kleine Auswahl
vorführen. ›Knäcke oder nicht Knäcke? Das ist
hier die Frage. Ob’s edleren Geschmacks, zu essen trocken Brot,
ganz ohne Not, weil’s grad im Angebot...‹«
»Aufhören!«, rief
ich. »Geht jetzt, und zwar schnell! Krieg kommt übers Land, und es
heißt, sobald die Frage juristisch geklärt ist, wollen sie alle
Schauspieler erschlagen.«
»Ehrlich?«
»Aye.« Ich nickte
feierlich. »Schnell, ab nach Birmingham, bevor man Euch
meuchelt!«
»Alle Mann an Bord!«,
rief Großhut, und die Schauspieler taten, wie man sie geheißen.
»Gehab dich wohl, Narr!« Dann ließ er die Zügel knallen und fuhr so
schnell davon, dass der Wagen über die Furchen des Weges
hüpfte.
Lears Kolonne teilte
sich und sah sich an, wie die kleine Schar den Wagen im Galopp
vorüberzog.
»Was war das?«,
fragte Lear, als ich wieder bei ihm war.
»Nur eine Wagenladung
kleiner Lichter«, sagte ich.
»Wozu die
Eile?«
»Wir haben es ihnen
befohlen, Oheim. Ihr halber Trupp ist am Fieber erkrankt.Von denen
sollte keiner auch nur in die Nähe unserer Männer
kommen.«
»Ah, gut gemacht,
Junge! Ich dachte schon, du vermisst das Schauspielerleben und
willst dich ihnen anschließen.«
Bei dem bloßen
Gedanken lief mir ein Schauer über den Rücken. Genau so ein kalter
Dezembertag war es gewesen, als ich das erste Mal mit meiner
Mimenschar zum White Tower kam. Doch wir waren keine Thespisjünger,
sondern Sänger, Jongleure und Akrobaten, vor allem ich, denn ich
war gleich dreierlei. Unser Direktor war ein gleisnerischer Belgier
namens Belette, der mich für zehn Schillinge und das Versprechen,
mich zu versorgen, Mutter Basil abgekauft hatte. Er sprach
Holländisch, Französisch und sehr gebrochen Englisch, sodass ich
gar nicht sagen kann, wie er damals eigentlich zu einer
Weihnachtsaufführung im White Tower kam, doch ich erfuhr später,
dass die Theatertruppe, die ursprünglich spielen sollte, plötzlich
mit Magenkrämpfen darniederlag, und ich gehe mal davon aus, dass
Belette sie vergiftet hatte.
Ich war seit Monaten
bei Belette, und neben den Schlägen und den kalten Nächten, die ich
unter dem Wagen schlief, verdankte ich ihm kaum mehr als mein
täglich Brot, hin und wieder einen Becher Wein, die Kunst des
Messerwerfens und eine Fingerfertigkeit, die sich zum
Beutelschneiden eignete.
Man führte uns in die
Große Halle des Turmes, in der Edelleute feierten und sich an
Speisen gütlich taten, wie ich sie noch nie gesehen hatte. König
Lear saß in der Mitte des Haupttisches, flankiert von zwei hübschen
Mädchen in meinem Alter, die ich später als Regan und Goneril
kennenlernte. Neben Regan saßen Gloucester, seine Frau und ihr Sohn
Edgar. Der unerschrockene Kent saß auf der anderen Seite neben
Goneril. Unter dem Tisch, Lear zu Füßen, hatte sich ein kleines
Mädchen eingerollt und beobachtete die Feier – mit großen Augen wie
ein verschrecktes Tier, das sich an seine Lumpenpuppe klammerte.
Ich muss zugeben, dass ich dachte, das Kind sei vielleicht taub
oder gar geistig zurückgeblieben.
Wir spielten wohl
zwei Stunden, sangen während des Essens Heiligenlieder, dann gingen
wir zu derberer Kost über, als der Wein floss und die Gäste ihre
guten Sitten schleifen ließen. Als der Abend fortgeschritten war,
lachten alle, die Gäste tanzten mit den Mimen, und selbst die
Gemeinen, die auf der Burg lebten, feierten mit. Nur das kleine
Mädchen blieb unter dem Tisch und gab keinen Laut von sich.
Lächelte nicht, zog nicht mal freudig eine Augenbraue hoch. Ich sah
ein Leuchten hinter diesen kristallblauen Augen – die Kleine war
nicht dumm -, doch schien es, als blickte sie aus weiter
Ferne.
Ich kroch unter den
Tisch und hockte mich neben sie. Sie nahm meine Anwesenheit kaum
wahr. Ich beugte mich zu ihr und nickte zu Belette hinüber, der bei
einer Säule in der Mitte der Halle stand und den jungen Mädchen,
die um ihn herumtollten, lüsterne Blicke zuwarf. Ich sah, dass auch
das kleine Mädchen den Schurken entdeckt hatte. Ganz leise sang ich
ein kleines Lied, das mich die Eremitin gelehrt hatte, und änderte
den Text ein wenig, um ihn der Situation anzupassen.
»Belette, der war fett, der war fett, der war
fett,
Belette, der war fett, der war fett, der war
fett,
Belette war so fett, dass er machte
Plumps.«
Das kleine Mädchen
wich zurück und sah mich an, als wollte es sehen, ob ich das
tatsächlich gesungen hatte. Und ich sang weiter:
»Belette, der war fett, der war fett, der war
fett,
Belette, der war fett, der war fett, der war
fett,
Belette war so fett, dass er kriegte
Mumps.«
Und das kleine
Mädchen kicherte – ein gebrochenes Kleinmädchenjodeln von einem
Lachen, aus dem Unschuld und Glück und Freude
sprachen.
Ich sang weiter, und
ganz leise sang sie mit:
»Belette, der war fett, der war fett, der war
fett,
Belette, der war fett …«
Und schon waren wir
nicht mehr allein unter dem Tisch. Ich sah noch ein Paar
kristallblaue Augen – und dahinter den weißhaarigen König. Der Alte
lächelte und drückte meinen Oberarm. Und bevor die anderen Gäste
merkten, dass der König unter dem Tisch lag, setzte er sich wieder
auf seinen Thron, doch er legte dem kleinen Mädchen eine Hand auf
die Schulter, und auch mir. Diese Hand reichte über eine
unermessliche Kluft hinweg – vom Herrscher über ein Königreich zum
ärmsten Waisenjungen, der im Matsch unter einem Karren schlief. Ich
dachte, so müsste sich ein Ritter fühlen, wenn das Schwert des
Königs seine Schulter berührt und ihn in den Adelsstand
erhebt.
»Der war fett, der war fett, der war fett …«,
sangen wir.
Als sich das Fest dem
Ende zuneigte, die edlen Gäste trunken auf den Tischen, und die
Diener kreuz und quer am Boden vor dem Feuer lagen, schlich Belette
zwischen den Feiernden umher und tippte seine Komödianten an, hieß
sie, sich bei der Tür zu versammeln. Ich war unter dem Tisch
eingeschlafen, und das kleine Mädchen lehnte an meinem Arm. Er zog
mich bei den Haaren auf die Beine. »Den ganzen Abend hast du nur
herumgelungert! Ich habe es genau gesehen.« Ich wusste, dass mir
Schläge drohten, wenn wir wieder zu den Wagen kamen, und ich war
schon darauf vorbereitet. Wenigstens hatte ich auf dem Fest etwas
zu Abend gegessen.
Doch als sich Belette
umwandte, um mich fortzuschleifen, blieb er plötzlich stehen. Ich
blickte auf und sah, dass der Meister wie erstarrt war und eine
Schwertspitze an der Wange hatte, gleich unter seinem Auge. Er ließ
meine Haare los.
»Gute Idee«, sagte
Kent, der alte Bulle, und zog sein Schwert zurück, zielte jedoch
weiter auf sein Auge.
Man hörte Münzen auf
dem Tisch, und unwillkürlich sah Belette dorthin, obwohl sein Leben
in Gefahr war. Ein hirschlederner Beutel von der Größe einer
Männerfaust lag vor ihm.
Der Haushofmeister,
ein großer, ernster Mann, der jeden von oben herab betrachtete,
stand neben Kent. Er sagte: »Euer Lohn, dazu zehn Pfund, die ihr
als Bezahlung für den Jungen akzeptieren werdet.«
»Aber...«, sagte
Belette.
»Ihr seid ein Wort
von Eurer Sterblichkeit entfernt, Sir«, sagte Lear. »Seid so gut,
lasst es darauf ankommen!« Er setzte sich aufrecht und majestätisch
auf den Thron, eine Hand an der Wange seines kleinen Mädchens, das
eben aufgewacht war und sich an seinem Bein festhielt.
Belette nahm den
Beutel, verneigte sich tief und ging rückwärts aus der Halle. Die
anderen Mimen meiner Truppe verbeugten sich und folgten ihm
hinaus.
»Wie heißt du,
Junge?«, fragte Lear.
»Pocket,
Majestät.«
»Nun denn, Pocket,
siehst du dieses Kind?«
»Jawohl,
Majestät.«
»Ihr Name ist
Cordelia. Sie ist unsere jüngste Tochter und wird von nun an deine
Herrin sein. Du hast eine Pflicht vor allen anderen, Pocket, sie
glücklich zu machen.«
»Jawohl,
Majestät.«
»Bringt ihn zu
Bubble!«, sagte der König. »Sie soll ihn füttern und baden und ihm
neue Kleider beschaffen.«
Auf der Straße nach
Gloucester sagte Lear: »Was also ist dein Begehr, Pocket? Möchtest
du wieder ein reisender Mime sein … die Bequemlichkeit der Burg
gegen das Abenteuer der Straße tauschen?«
»Offenbar habe ich
das bereits getan, Oheim«, sagte ich.
Wir lagerten an einem
Bach, der über Nacht zufror. Zitternd saß der alte Mann am Feuer,
eingewickelt in seinen Pelzumhang. Da das Fell so dick und der Mann
so dünn war, schien es, als würde er langsam von einem
wohlfrisierten Tier verschlungen. Nur sein weißer Bart und die
Hakennase waren zu erkennen, zwei glimmende Sterne schimmerten
mittendrin – seine Augen.
Schnee fiel um uns
herum in einer großen, feuchten Flockenorgie, und mein Wollumhang,
den ich mir über den Kopf gezogen hatte, war
patschnass.
»War ich als Vater
derart untauglich, dass sich meine Töchter von mir abwenden?«,
fragte Lear.
Wieso nur musste er
jetzt in die dunkle Tonne seiner Seele blicken, wenn er sich doch
all die Jahre damit zufriedengegeben hatte, schlicht und einfach
seinen Bedürfnissen zu folgen und die Konsequenzen demjenigen zu
überlassen, der sich ihrer annehmen wollte? Verdammt inopportuner
Zeitpunkt für eine Introspektive, nachdem er sein Dach über dem
Kopf verschenkt hatte. Doch das sagte ich nicht.
»Was verstehe ich
schon von guter Vaterschaft, Sire? Ich hatte weder Vater noch
Mutter. Ich wurde von der Kirche aufgezogen, und die Bande kann mir
mal gepflegt im Mondschein begegnen.«
»Armer Junge«, sagte
der König. »Solange ich lebe, sollst du Vater und Familie
haben.«
Ich hätte ihn darauf
hinweisen können, dass er selbst erklärt hatte, sein Weg ins Grab
sei nun vollendet, und dass ich angesichts seiner Heldentaten bei
der Erziehung seiner Töchter vielleicht besser damit fuhr, auch
weiterhin als Waisenkind zu leben, doch der greise Herr hatte mich
vor dem Leben eines versklavten Wandersmanns gerettet und mir im
Palast ein Heim geschenkt, mit Freunden und – wahrscheinlich wohl –
so etwas wie einer Familie. Also sagte ich: »Danke,
Majestät.«
Der Alte seufzte
schwer und sagte: »Keine meiner drei Königinnen hat mich je
geliebt.«
»Himmelarsch, Lear!
Ich bin Hofnarr und kein Zauberer! Wenn Ihr weiter im Morast Eurer
Weinerlichkeit abtauchen wollt, dann werde ich Euch das Schwert
halten, und Ihr könnt ja mal versuchen, ob Ihr Euren faltigen Arsch
so weit in Bewegung setzen könnt, dass Ihr in die Klinge stürzt,
damit wir beide etwas Frieden finden.«
Da lachte Lear –
knorrige, alte Eiche, die er war – und klopfte mir auf die
Schulter. »Ich könnte von einem Sohn nicht mehr verlangen, als dass
er mich in meiner Verzweiflung zum Lachen bringt. Ich leg mich hin.
Schlaf heute Nacht in meinem Zelt, Pocket, nicht draußen in der
Kälte!«
»Aye, Sire.« Ich kann
nicht bestreiten, dass mich die Güte des Alten rührte.
Der Greis schlurfte
zu seinem Zelt hinüber. Seit einer Stunde schleppte ein Page heiße
Steine hinein, und ich spürte die Wärme von drinnen, als der König
sich hineinduckte.
»Ich komme nach,
sobald ich pullern war«, sagte ich. Ich trat an den Rand des
Feuerscheins und erleichterte mich an einer großen, kahlen Ulme,
als ich direkt vor mir im Wald ein blaues Licht sah.
»Na, da war ja wohl
ein puscheliger Wuschel Schafswichse«, sagte eine Frauenstimme im
selben Moment, als plötzlich der Geist hinter dem Baum hervortrat,
an den ich gerade strullerte.
»Heiliger
Götterhoden, Wölkchen! Fast hätte ich dich
angepinkelt!«
»Vorsicht, Narr!«,
sagte der Geist und sah plötzlich beklemmend körperlich aus, nur
ganz leicht durchscheinend – Schneeflocken durchwehten ihn. Doch
hatte ich keine Angst.
»Wärme du dein dankbar Herz
Am königlichen Greise,
Doch ohne seine Gräuel
Wärest du keinWaise.«
»War’s das?«, fragte
ich. »Rätselhafte Reime? Immer noch?«
»Mehr brauchst du
momentan nicht«, sagte der Geist.
»Ich hab mit den
Hexen gesprochen«, sagte ich. »Die scheinen dich zu
kennen.«
»Aye«, sagte der
Geist. »Dunkle Dinge gehen in Gloucester vor sich, Narr. Sei dir
dessen gewahr!«
»Sei mir wessen gewahr?«
Doch die weiße Frau
war fort, und ich stand im Wald, meinen Pimmel in der Hand, und
sprach mit einem Baum. Am Morgen würde es gen Gloucester gehen, und
ich wollte sehen, wessen ich gewahr werden sollte. Oder sonst
irgendwelchen Blödsinn.
Cornwalls und Regans
Flaggen wehten über Gloucesters Zinnen und zeigten an, dass sie
schon da waren. Burg Gloucester war ein Bündel von Türmen, auf drei
Seiten von einem See umgeben, mit einem Burggraben an der
Vorderseite – ohne äußere Mauer wie am White Tower oder auf Albany,
kein Zwinger, nur vorn ein kleiner Burghof und ein Torhaus, das
über den Eingang wachte. Die Stadtmauer auf der Landseite der Burg
bot Ställen und Kasernen Schutz.
Als wir uns näherten,
tönte von der Mauer eine Trompete, die uns ankündigte. Drool kam
über die Zugbrücke gerannt, mit ausgebreiteten Armen. »Pocket,
Pocket, wo warst du? Mein Freund! Mein Freund!«
Ich war ungeheuer
erleichtert, ihn lebend zu sehen, doch der unbedarfte Bär zerrte
mich von meinem Pferd und umarmte mich, bis ich kaum noch Luft
bekam, tanzte mit mir Ringelreihen, dass meine Beine durch die
Lüfte flogen, als wäre ich eine Puppe.
»Hör auf mich
abzulecken, Drool, du Flegel! Mir fallen noch die Haare
aus!«
Ich drosch mit Jones
auf seinen Rücken ein, und das Mondkalb heulte auf. »Autsch! Nicht
hauen, Pocket!« Er ließ mich los und kauerte am Boden, umarmte sich
zum Trost, als wäre er seine eigene Mutter, was vielleicht sogar
der Fall sein mochte. Ich sah rotbraune Flecken am Rücken seines
Hemdes, und ich zog es hoch, um nachzusehen, was da los
war.
»Oh, Mann, was ist
denn mit dir passiert?« Meine Stimme brach, mir stiegen Tränen in
die Augen, und ich stöhnte auf. Drool hatte fast keine Haut mehr an
seinem muskulösen Rücken – sie war gerissen, verschorft und von
einer scharfen Peitsche wieder aufgerissen.
»Ich hab dich
schrecklich vermisst«, sagte Drool.
»Aye, ich dich auch.
Aber woher hast du diese Narben?«
»Lord Edmund sagt,
ich bin eine Beleidigung für die Natur und muss bestraft
werden.«
Edmund.
Bastard.