12
 
Der Königsweg
 
Nachdem ich den Verlauf der Ereignisse in Gang gesetzt hatte, stellt sich mir heute doch die Frage, ob ich mit meiner Ausbildung zur Nonne und meinem ausgeprägten Talent zum Singen und Scherzen eigentlich dafür qualifiziert war, einen Krieg vom Zaun zu brechen. So oft schon war ich das Werkzeug anderer, kaum eine Schachfigur am Hofe, nur ein Utensil des Königs und seiner Töchter. Ein amüsantes Ornament. Eine kleine Erinnerung an Gewissen und Menschlichkeit, von gerade genug Humor umflort, dass man alles abtun, verlachen, ignorieren kann. Vielleicht hat es seinen Grund, dass es auf dem Schachbrett keinen Narren gibt. Wie soll ein Narr denn vorgehen? Welche Strategie verfolgt ein Narr? Was nützt einem ein Narr? Ah, jedoch in einem Kartenspiel, da lebt ein Narr, ein Joker, manchmal sogar zwei. Natürlich ohne Wert. Ohne rechten Sinn. Sieht aus wie ein Trumpf, ist jedoch ohne Einfluss. Nur ein Requisit des Glücks. Nur der Geber kann dem Joker Wert verleihen. Ihn zum Freibrief machen, zum Trumpf. Doch wer teilt aus? Das Schicksal? Gott? Der König? Ein Geist? Hexen?
Die Eremitin sprach mir vom Tarot, verboten und heidnisch, wie es war. Wir hatten keine Karten zur Verfügung, doch sie beschrieb sie mir, und ich zeichnete die Bilder mit Kohle auf die Steine im Vestibül. »Des Narren Ziffer ist die Null«, sagte sie, »aber nur weil er für unendliche Möglichkeiten steht. Aus ihm kann alles werden. Sieh nur: Er trägt seine ganze Habe in einem Bündel auf dem Rücken. Er ist zu allem bereit – wohin es ihn auch führen mag, was aus ihm auch werden mag. Unterschätze nie den Narren, Pocket, nur weil seine Ziffer die Null ist!«
Wusste sie, was vor mir lag, oder bekommen ihre Worte erst jetzt Bedeutung, da ich – die Null, das Nichts – Königreiche bewege. Krieg? Ich sah nicht, was daran so toll sein sollte.
Trunken und trübe grübelte Lear eines Abends über den Krieg nach, als ich andeutete, wenn er seine Düsternis abstreifen wolle, bräuchte er nur ein derbes Frauenzimmer. »Ach, Pocket, ich bin zu alt, und die Freude an einem Fick welkt dahin wie meine Lenden. Nur ein anständiges Gemetzel kann noch die Glut in meinem Blut entfachen. Und einer wird da nicht genügen. Tötet mir hundert, tausend, zehntausend auf mein Kommando – Bäche von Blut durchrinnen die Felder -, das pumpt Feuer in die Lanze eines Mannes!«
»Oh«, sagte ich. »Ich wollte Euch gerade Shanker Mary aus der Waschküche holen, aber mit zehntausend Toten und Bächen von Blut könnte sie vielleicht etwas überfordert sein, Majestät.«
»Nein danke, guter Pocket. Ich werde einfach hier sitzen und mich langsam und qualvoll dem Vergessen anheimgeben.«
»Oder«, sagte ich, »ich könnte Drool einen Eimer auf den Kopf setzen und mit einem Sack Roter Beete auf ihn einprügeln, bis der Boden rot gesprenkelt ist, während Mary Euch kräftig am Hansel zupft.«
»Nein, Narr, ein Krieg lässt sich nicht vortäuschen.«
»Was ist mit Wales, Majestät? Wir könnten bei den Walisern einmarschieren, gerade so viel Meuchelei anstimmen, dass sich Eure Laune bessert, und dann zum Tee wieder zu Hause sein.«
»Wales ist schon unser, Junge.«
»Mist. Was haltet Ihr von North Kensington?«
»Kensington ist kaum eine Meile entfernt. Es liegt praktisch in unserem eigenen Burghof.«
»Aye, Oheim, das ist ja das Schöne daran. Die würden es nie erwarten. Wir gingen wie ein heißes Messer durch die Butter. Wir könnten die Witwen und Waisen von den Burgmauern aus klagen hören. Welch erquickendes Wiegenlied für Euch!«
»Wohl kaum. Ich greife doch nicht zum Vergnügen Londoner Nachbarviertel an, Pocket! Für was für einen Tyrannen hältst du mich?«
»Oh, überdurchschnittlich, Sire. Absolut überdurchschnittlich.«
»Ich möchte nicht, dass du weiter vom Krieg sprichst, Narr. Du bist von deinem Wesen her zu weich für derart grobes Treiben.«
Zu weich? Moi? Mich deucht, die Kriegskunst ist für Narren wie mich gemacht, und Narren sind für den Krieg gemacht. Kensington erzitterte in jener Nacht.
 
 
Auf der Straße nach Gloucester ließ ich meinen Zorn verrauchen und mühte mich, den König – so gut es ging – zu trösten, indem ich ihm mitfühlend ein Ohr und warme Worte widmete, wenn er sie brauchte.
»Dämlicher Wichser von einem Jammerlappen! Was habt Ihr erwartet, als Ihr die Pflege Eures halbverwesten Kadavers Eurem Aasgeier von einer Tochter überlassen habt?« (Vielleicht war ich doch noch etwas aufgebracht.)
»Aber ich habe ihr mein halbes Königreich vermacht!«
»Und sie hat Euch im Gegenzug die halbe Wahrheit gesagt, als sie behauptete, dass sie Euch liebt.«
Der Greis ließ den Kopf hängen, und das weiße Haar fiel ihm ins Gesicht. Wir hockten auf Steinen am Feuer. Im nahen Wald hatte man für des Königs Bequemlichkeit ein Zelt errichtet, da es dort im hohen Norden weit und breit keine Burg gab, auf der er Zuflucht hätte finden können. Wir anderen schliefen draußen in der Kälte.
»Warte nur, Narr, bis wir bei meiner zweiten Tochter Obdach finden!«, sagte Lear. »Regan war doch immer lieb zu mir. Sie wird sicher nicht so schäbig sein, sondern Dankbarkeit beweisen.«
Ich brachte es nicht fertig, den Alten weiterhin zu schelten. Von Regan Güte zu erwarten, das war eine Hoffnung im Delirium. Stets lieb? Regan? Wohl kaum.
Als ich etwa zwei Wochen auf der Burg war, hatte ich die junge Regan und Goneril in einem Solar des Königs vorgefunden, wo sie die kleine Cordelia neckten, indem sie ein Kätzchen, an dem das Herz der Kleinen hing, über ihren Kopf hin und her reichten.
»Komm und hol dir das Kätzchen!«, sagte Regan. »Aber vorsichtig, sonst fällt es uns noch aus dem Fenster.« Regan tat, als wollte sie das verängstigte Tier hinauswerfen, und als Cordelia gelaufen kam, die Arme ausgestreckt, um nach dem Kätzchen zu greifen, fuhr Regan herum und warf es Goneril zu, die sich damit einem anderen Fenster zuwandte.
»Pass auf, Cordy! Es wird im Burggraben ertrinken, genau wie deine Mutter, die Verräterin!«, sagte Goneril.
»Neiiiiin!«, heulte Cordelia. Sie war ganz außer Atem vom Hin und Her von Schwester zu Schwester.
Ich stand in der Tür, sprachlos ob der Grausamkeit. Der Haushofmeister hatte mir erklärt, Cordelias Mutter, Lears dritte Königin, sei des Hochverrats bezichtigt und vor drei Jahren verbannt worden. Niemand wusste genau, was sie eigentlich verbrochen hatte, doch es gab Gerüchte, sie habe die alte Religion ausgeübt. Andere behaupteten, sie habe Ehebruch begangen. Genau wusste der Haushofmeister nur zu sagen, dass die Königin mitten in der Nacht aus dem Turm geholt worden war, und von diesem Augenblick bis zu meiner Ankunft auf der Burg hatte Cordelia keinen einzigen Laut von sich gegeben.
»Sie wurde als Hexe ertränkt«, sagte Regan und fing das Kätzchen aus der Luft. Doch diesmal trafen die Krallen der kleinen Katze königliche Haut. »Autsch! Scheißviech!« Regan schleuderte die Katze aus dem Fenster. Cordelia stieß einen gellenden Schrei aus.
Ohne weiter nachzudenken hechtete ich durchs Fenster, hinter der Katze her, und bekam im Flug gerade noch die Kordel des Wandteppichs mit dem Fuß zu fassen. Ich erwischte das Kätzchen etwa zwei Meter unterhalb des Fensters, als die Kordel schon an meinen Knöcheln brannte. Da meine Aktion nicht recht durchdacht war, hatte ich mir gar nicht überlegt, wie ich mich eigentlich – mit der Katze in der Hand – abfangen wollte, wenn mich das Seil an die Turmmauer warf. Es schnürte sich um meinen rechten Knöchel. Ich fing den Aufprall mit der Schulter ab, wobei ich meine Narrenkappe in den Burggraben weit unter mir flattern sah wie ein verletztes Vögelchen.
Das Kätzchen stopfte ich in mein Wams, dann kletterte ich am Seil hinauf durchs Fenster. »Schöner Tag für einen Ausflug, oder was meinen die Damen?«
Mit offenen Mündern standen sie da, die älteren Schwestern mit dem Rücken zur Wand des Solars. »Ihr seht aus, als könntet Ihr etwas frische Luft gebrauchen!«, sagte ich.
Ich holte das Kätzchen aus meinem Wams und reichte es Cordelia. »Die Mieze hat ein echtes Abenteuer erlebt. Vielleicht solltest du sie für ein kleines Nickerchen zu ihrer Mama bringen.« Cordelia nahm das Kätzchen und lief hinaus.
»Wir könnten dich köpfen lassen, Narr«, sagte Regan, als der Schreck verflogen war.
»Wann immer wir wollen«, sagte Goneril weniger überzeugend als ihre Schwester.
»Soll ich eine Zofe schicken, damit sie den Vorhang wieder befestigt, Ma’am?«, fragte ich mit grandioser Geste zum Wandteppich hin, den ich bei meinem Sprung abgerissen hatte.
»Äh, ja, tu das«, kommandierte Regan. »Auf der Stelle!«
»Auf der Stelle!«, bellte Goneril.
»Umgehend, Ma’am.« Und mit einem Grinsen und einer Verbeugung war ich draußen.
Ich rannte die Wendeltreppe hinunter und hielt mich an der Mauer fest, für den Fall, dass mein Herz aussetzen und mich ins Stolpern bringen würde. Cordelia stand unten an der Treppe, mit dem Kätzchen im Arm, und blickte zu mir auf, als wäre ich Jesus, Zeus und der Heilige Georg in einer Person, eben zurück von einem tollen Tag beim Drachentöten. Ihre Augen waren unnatürlich groß, und es schien, als hätte sie das Atmen aufgegeben. Blanke Ehrfurcht, vermute ich mal.
»Hör auf, mich so anzustarren, Lämmchen! Es macht mir Angst. Sonst denken die Leute noch, du hättest einen Hühnerknochen im Hals stecken.«
»Danke«, sagte sie mit einem gewaltigen Schluchzer, der ihre Schultern beben ließ.
Ich tätschelte ihren Kopf. »Gern geschehen, Liebes. Jetzt lauf! Pocket muss seine Mütze aus dem Burggraben fischen und dann in die Küche gehen und trinken, bis seine Hände nicht mehr zittern, falls er nicht vorher an seiner eigenen Kotze erstickt – je nachdem, was zuerst passiert.«
Sie trat zurück, um mich vorbeizulassen, ohne sich auch nur einmal von mir abzuwenden. So war es gewesen, seit jenem Abend, als ich im Turm eintraf und ihre Seele aus diesem finsteren Loch hervorgekrochen kam, in welchem sie vor meiner Ankunft gesteckt hatte. Diese großen, kristallblauen Augen betrachteten mich staunend, ohne je zu blinzeln. Dieses Kind konnte echt unheimlich sein.
»Lasst Euch nur nicht wie eine Jungfer überrumpeln, Oheim«, sprach ich. Ich hielt die Zügel unserer Pferde, während beide aus einem eisigen Bach etwa hundert Meilen nördlich von Gloucester tranken. »Regan ist bestimmt ein Schatz, doch sie ist vielleicht vom selben Geist wie ihre Schwester. Obwohl sie es bestreiten würde, wie so oft...«
»Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte der König. »Regan wird uns mit offenen Armen empfangen.« Wir hörten Lärm hinter uns, und der König sah sich um. »Was ist das?«
Ein bunt bemalter Wagen kam aus dem Wald direkt auf uns zu. Mehrere Ritter griffen nach Schwertern oder Lanzen. Hauptmann Curan winkte ihnen, sie sollten warten.
»Mimen, Sire«, sagte der Hauptmann.
»Aye«, sagte Lear. »Ich vergaß: Weihnachten steht vor der Tür. Die werden wohl wahrscheinlich auch nach Gloucester ziehen und zum Weihnachtsfest aufspielen. Pocket, geh und sag ihnen, wir bieten ihnen eine sichere Landfahrt, und sie dürfen sich zu ihrem Schutz unserer Kolonne anschließen!«
Knarrend kam der Wagen zum Stehen. Mitten in der Einsamkeit auf einen Trupp Ritter samt Knappen zu stoßen, das würde jeden Komödianten aufmerken lassen. Der Mann, der den Wagen lenkte, stand an den Zügeln und winkte. Er trug einen großen, fliederfarbenen Hut mit einem weißen Federbusch.
Ich sprang über den Bach und lief den Weg hinauf. Als der Kutscher mein Narrenkleid sah, lächelte er. Auch ich lächelte erleichtert... Es war nicht der grausame Lehrmeister aus meiner eigenen Zeit als Mime.
»Heil dir, Narr! Was treibst du so weit abseits von Hof und Burg?«
»Ich führe meinen Hof bei mir, und meine Burg liegt dort voraus, Herr.«
»Du führst deinen Hof bei dir? Dann ist der weißhaarige Alte dort...«
»Aye, König Lear höchstselbst.«
»Dann musst du der berühmte Schwarze Narr sein.«
»Stets zu Diensten, Euer Arschgeboren«, sagte ich und verneigte mich.
»Du bist kleiner als in den Geschichten«, sagte das Wiesel mit dem großen Hut.
»Aye, und dein Hut ist ein Meer, in dem dein Scherz blöd dümpelt wie ein verirrtes Pestschiff.«
Der Mime lachte. »Ihr gebt mir mehr, als ich verdiene, Sir. Wir handeln nicht mit Scherzen wie ein gewitzter Narr. Wir sind Thespier!«
Bei diesem Wort traten drei junge Männer und ein Mädchen hinter dem Wagen hervor und verneigten sich anmutig, mit erheblich mehr Schwung als nötig.
»Thespier«, sagten sie im Chor.
Ich tippte an meine Narrenkappe. »Nun, ich lecke selbst auch hin und wieder gern an einer Lilie«, sagte ich, »aber das möchte man sich doch nicht auf seine Fahnen schreiben.«
»Nicht Lesbier«, sagte das Mädchen. »Thesbier. Wir sind Tragöden.«
»Oh«, sagte ich, »das ist was anderes.«
»Aye«, sagte Großhut. »Wir machen keine Scherze – es geht uns nur ums Spiel. Kein Wort kommt über unsere Lippen, das nicht schon von einem Autor dreimal durchgekaut und wieder ausgespien wurde.«
»Gänzlich unbelastet von Originalität sind wir«, sagte ein Schauspieler mit roter Weste.
Das Mädchen sagte: »Obwohl wir doch tragen so himmlisch schimmernd Haar...«
»Leere Tafeln sind wir«, sagte ein anderer Schauspieler.
»Wir sind sozusagen nur Anhängsel der Schreibfeder«, sagte Großhut.
»Ja, Anhängsel kommt hin«, sagte ich leise. »Nun, Schauspieler also. Famos. Der König hat mir aufgetragen, Euch mitzuteilen, dass er Euch Schutz und eine sichere Landfahrt nach Gloucester bietet.«
»Oje«, sagte Großhut, »wir wollen nur bis Birmingham, aber ich denke, wir könnten auch einen Umweg über Gloucester machen, falls seine Majestät unsere Aufführung sehen möchte.«
»Nein«, sagte ich, »bitte fahrt weiter nach Birmingham. Niemals würde der König den Fortschritt eines Künstlers hemmen.«
»Seid Ihr sicher?«, sagte Großhut. »Wir haben einen Klassiker aus der Antike einstudiert, Hamlet aus Lönneberga, die Geschichte eines jungen Prinzen von Dänemark, der den Verstand verliert, seine Freundin ertränkt und vor lauter Reue alle, die seinen Weg kreuzen, zwingt, trocken Brot zu frühstücken. Es wurde aus Fragmenten eines alten merikanischen Manuskripts zusammengesetzt.«
»Nein«, sagte ich, »ich glaube, das wird dem König zu esoterisch. Er ist alt und nickt bei längeren Vorstellungen ein.«
»Schade«, sagte Großhut. »Ein bewegendes Stück. Lasst mich Euch eine kleine Auswahl vorführen. ›Knäcke oder nicht Knäcke? Das ist hier die Frage. Ob’s edleren Geschmacks, zu essen trocken Brot, ganz ohne Not, weil’s grad im Angebot...‹«
»Aufhören!«, rief ich. »Geht jetzt, und zwar schnell! Krieg kommt übers Land, und es heißt, sobald die Frage juristisch geklärt ist, wollen sie alle Schauspieler erschlagen.«
»Ehrlich?«
»Aye.« Ich nickte feierlich. »Schnell, ab nach Birmingham, bevor man Euch meuchelt!«
»Alle Mann an Bord!«, rief Großhut, und die Schauspieler taten, wie man sie geheißen. »Gehab dich wohl, Narr!« Dann ließ er die Zügel knallen und fuhr so schnell davon, dass der Wagen über die Furchen des Weges hüpfte.
Lears Kolonne teilte sich und sah sich an, wie die kleine Schar den Wagen im Galopp vorüberzog.
»Was war das?«, fragte Lear, als ich wieder bei ihm war.
»Nur eine Wagenladung kleiner Lichter«, sagte ich.
»Wozu die Eile?«
»Wir haben es ihnen befohlen, Oheim. Ihr halber Trupp ist am Fieber erkrankt.Von denen sollte keiner auch nur in die Nähe unserer Männer kommen.«
»Ah, gut gemacht, Junge! Ich dachte schon, du vermisst das Schauspielerleben und willst dich ihnen anschließen.«
Bei dem bloßen Gedanken lief mir ein Schauer über den Rücken. Genau so ein kalter Dezembertag war es gewesen, als ich das erste Mal mit meiner Mimenschar zum White Tower kam. Doch wir waren keine Thespisjünger, sondern Sänger, Jongleure und Akrobaten, vor allem ich, denn ich war gleich dreierlei. Unser Direktor war ein gleisnerischer Belgier namens Belette, der mich für zehn Schillinge und das Versprechen, mich zu versorgen, Mutter Basil abgekauft hatte. Er sprach Holländisch, Französisch und sehr gebrochen Englisch, sodass ich gar nicht sagen kann, wie er damals eigentlich zu einer Weihnachtsaufführung im White Tower kam, doch ich erfuhr später, dass die Theatertruppe, die ursprünglich spielen sollte, plötzlich mit Magenkrämpfen darniederlag, und ich gehe mal davon aus, dass Belette sie vergiftet hatte.
Ich war seit Monaten bei Belette, und neben den Schlägen und den kalten Nächten, die ich unter dem Wagen schlief, verdankte ich ihm kaum mehr als mein täglich Brot, hin und wieder einen Becher Wein, die Kunst des Messerwerfens und eine Fingerfertigkeit, die sich zum Beutelschneiden eignete.
Man führte uns in die Große Halle des Turmes, in der Edelleute feierten und sich an Speisen gütlich taten, wie ich sie noch nie gesehen hatte. König Lear saß in der Mitte des Haupttisches, flankiert von zwei hübschen Mädchen in meinem Alter, die ich später als Regan und Goneril kennenlernte. Neben Regan saßen Gloucester, seine Frau und ihr Sohn Edgar. Der unerschrockene Kent saß auf der anderen Seite neben Goneril. Unter dem Tisch, Lear zu Füßen, hatte sich ein kleines Mädchen eingerollt und beobachtete die Feier – mit großen Augen wie ein verschrecktes Tier, das sich an seine Lumpenpuppe klammerte. Ich muss zugeben, dass ich dachte, das Kind sei vielleicht taub oder gar geistig zurückgeblieben.
Wir spielten wohl zwei Stunden, sangen während des Essens Heiligenlieder, dann gingen wir zu derberer Kost über, als der Wein floss und die Gäste ihre guten Sitten schleifen ließen. Als der Abend fortgeschritten war, lachten alle, die Gäste tanzten mit den Mimen, und selbst die Gemeinen, die auf der Burg lebten, feierten mit. Nur das kleine Mädchen blieb unter dem Tisch und gab keinen Laut von sich. Lächelte nicht, zog nicht mal freudig eine Augenbraue hoch. Ich sah ein Leuchten hinter diesen kristallblauen Augen – die Kleine war nicht dumm -, doch schien es, als blickte sie aus weiter Ferne.
Ich kroch unter den Tisch und hockte mich neben sie. Sie nahm meine Anwesenheit kaum wahr. Ich beugte mich zu ihr und nickte zu Belette hinüber, der bei einer Säule in der Mitte der Halle stand und den jungen Mädchen, die um ihn herumtollten, lüsterne Blicke zuwarf. Ich sah, dass auch das kleine Mädchen den Schurken entdeckt hatte. Ganz leise sang ich ein kleines Lied, das mich die Eremitin gelehrt hatte, und änderte den Text ein wenig, um ihn der Situation anzupassen.
»Belette, der war fett, der war fett, der war fett,
Belette, der war fett, der war fett, der war fett,
Belette war so fett, dass er machte Plumps.«
Das kleine Mädchen wich zurück und sah mich an, als wollte es sehen, ob ich das tatsächlich gesungen hatte. Und ich sang weiter:
»Belette, der war fett, der war fett, der war fett,
Belette, der war fett, der war fett, der war fett,
Belette war so fett, dass er kriegte Mumps.«
Und das kleine Mädchen kicherte – ein gebrochenes Kleinmädchenjodeln von einem Lachen, aus dem Unschuld und Glück und Freude sprachen.
Ich sang weiter, und ganz leise sang sie mit:
»Belette, der war fett, der war fett, der war fett,
Belette, der war fett …«
Und schon waren wir nicht mehr allein unter dem Tisch. Ich sah noch ein Paar kristallblaue Augen – und dahinter den weißhaarigen König. Der Alte lächelte und drückte meinen Oberarm. Und bevor die anderen Gäste merkten, dass der König unter dem Tisch lag, setzte er sich wieder auf seinen Thron, doch er legte dem kleinen Mädchen eine Hand auf die Schulter, und auch mir. Diese Hand reichte über eine unermessliche Kluft hinweg – vom Herrscher über ein Königreich zum ärmsten Waisenjungen, der im Matsch unter einem Karren schlief. Ich dachte, so müsste sich ein Ritter fühlen, wenn das Schwert des Königs seine Schulter berührt und ihn in den Adelsstand erhebt.
»Der war fett, der war fett, der war fett …«, sangen wir.
Als sich das Fest dem Ende zuneigte, die edlen Gäste trunken auf den Tischen, und die Diener kreuz und quer am Boden vor dem Feuer lagen, schlich Belette zwischen den Feiernden umher und tippte seine Komödianten an, hieß sie, sich bei der Tür zu versammeln. Ich war unter dem Tisch eingeschlafen, und das kleine Mädchen lehnte an meinem Arm. Er zog mich bei den Haaren auf die Beine. »Den ganzen Abend hast du nur herumgelungert! Ich habe es genau gesehen.« Ich wusste, dass mir Schläge drohten, wenn wir wieder zu den Wagen kamen, und ich war schon darauf vorbereitet. Wenigstens hatte ich auf dem Fest etwas zu Abend gegessen.
Doch als sich Belette umwandte, um mich fortzuschleifen, blieb er plötzlich stehen. Ich blickte auf und sah, dass der Meister wie erstarrt war und eine Schwertspitze an der Wange hatte, gleich unter seinem Auge. Er ließ meine Haare los.
»Gute Idee«, sagte Kent, der alte Bulle, und zog sein Schwert zurück, zielte jedoch weiter auf sein Auge.
Man hörte Münzen auf dem Tisch, und unwillkürlich sah Belette dorthin, obwohl sein Leben in Gefahr war. Ein hirschlederner Beutel von der Größe einer Männerfaust lag vor ihm.
Der Haushofmeister, ein großer, ernster Mann, der jeden von oben herab betrachtete, stand neben Kent. Er sagte: »Euer Lohn, dazu zehn Pfund, die ihr als Bezahlung für den Jungen akzeptieren werdet.«
»Aber...«, sagte Belette.
»Ihr seid ein Wort von Eurer Sterblichkeit entfernt, Sir«, sagte Lear. »Seid so gut, lasst es darauf ankommen!« Er setzte sich aufrecht und majestätisch auf den Thron, eine Hand an der Wange seines kleinen Mädchens, das eben aufgewacht war und sich an seinem Bein festhielt.
Belette nahm den Beutel, verneigte sich tief und ging rückwärts aus der Halle. Die anderen Mimen meiner Truppe verbeugten sich und folgten ihm hinaus.
»Wie heißt du, Junge?«, fragte Lear.
»Pocket, Majestät.«
»Nun denn, Pocket, siehst du dieses Kind?«
»Jawohl, Majestät.«
»Ihr Name ist Cordelia. Sie ist unsere jüngste Tochter und wird von nun an deine Herrin sein. Du hast eine Pflicht vor allen anderen, Pocket, sie glücklich zu machen.«
»Jawohl, Majestät.«
»Bringt ihn zu Bubble!«, sagte der König. »Sie soll ihn füttern und baden und ihm neue Kleider beschaffen.«
 
 
Auf der Straße nach Gloucester sagte Lear: »Was also ist dein Begehr, Pocket? Möchtest du wieder ein reisender Mime sein … die Bequemlichkeit der Burg gegen das Abenteuer der Straße tauschen?«
»Offenbar habe ich das bereits getan, Oheim«, sagte ich.
Wir lagerten an einem Bach, der über Nacht zufror. Zitternd saß der alte Mann am Feuer, eingewickelt in seinen Pelzumhang. Da das Fell so dick und der Mann so dünn war, schien es, als würde er langsam von einem wohlfrisierten Tier verschlungen. Nur sein weißer Bart und die Hakennase waren zu erkennen, zwei glimmende Sterne schimmerten mittendrin – seine Augen.
Schnee fiel um uns herum in einer großen, feuchten Flockenorgie, und mein Wollumhang, den ich mir über den Kopf gezogen hatte, war patschnass.
»War ich als Vater derart untauglich, dass sich meine Töchter von mir abwenden?«, fragte Lear.
Wieso nur musste er jetzt in die dunkle Tonne seiner Seele blicken, wenn er sich doch all die Jahre damit zufriedengegeben hatte, schlicht und einfach seinen Bedürfnissen zu folgen und die Konsequenzen demjenigen zu überlassen, der sich ihrer annehmen wollte? Verdammt inopportuner Zeitpunkt für eine Introspektive, nachdem er sein Dach über dem Kopf verschenkt hatte. Doch das sagte ich nicht.
»Was verstehe ich schon von guter Vaterschaft, Sire? Ich hatte weder Vater noch Mutter. Ich wurde von der Kirche aufgezogen, und die Bande kann mir mal gepflegt im Mondschein begegnen.«
»Armer Junge«, sagte der König. »Solange ich lebe, sollst du Vater und Familie haben.«
Ich hätte ihn darauf hinweisen können, dass er selbst erklärt hatte, sein Weg ins Grab sei nun vollendet, und dass ich angesichts seiner Heldentaten bei der Erziehung seiner Töchter vielleicht besser damit fuhr, auch weiterhin als Waisenkind zu leben, doch der greise Herr hatte mich vor dem Leben eines versklavten Wandersmanns gerettet und mir im Palast ein Heim geschenkt, mit Freunden und – wahrscheinlich wohl – so etwas wie einer Familie. Also sagte ich: »Danke, Majestät.«
Der Alte seufzte schwer und sagte: »Keine meiner drei Königinnen hat mich je geliebt.«
»Himmelarsch, Lear! Ich bin Hofnarr und kein Zauberer! Wenn Ihr weiter im Morast Eurer Weinerlichkeit abtauchen wollt, dann werde ich Euch das Schwert halten, und Ihr könnt ja mal versuchen, ob Ihr Euren faltigen Arsch so weit in Bewegung setzen könnt, dass Ihr in die Klinge stürzt, damit wir beide etwas Frieden finden.«
Da lachte Lear – knorrige, alte Eiche, die er war – und klopfte mir auf die Schulter. »Ich könnte von einem Sohn nicht mehr verlangen, als dass er mich in meiner Verzweiflung zum Lachen bringt. Ich leg mich hin. Schlaf heute Nacht in meinem Zelt, Pocket, nicht draußen in der Kälte!«
»Aye, Sire.« Ich kann nicht bestreiten, dass mich die Güte des Alten rührte.
Der Greis schlurfte zu seinem Zelt hinüber. Seit einer Stunde schleppte ein Page heiße Steine hinein, und ich spürte die Wärme von drinnen, als der König sich hineinduckte.
»Ich komme nach, sobald ich pullern war«, sagte ich. Ich trat an den Rand des Feuerscheins und erleichterte mich an einer großen, kahlen Ulme, als ich direkt vor mir im Wald ein blaues Licht sah.
»Na, da war ja wohl ein puscheliger Wuschel Schafswichse«, sagte eine Frauenstimme im selben Moment, als plötzlich der Geist hinter dem Baum hervortrat, an den ich gerade strullerte.
»Heiliger Götterhoden, Wölkchen! Fast hätte ich dich angepinkelt!«
»Vorsicht, Narr!«, sagte der Geist und sah plötzlich beklemmend körperlich aus, nur ganz leicht durchscheinend – Schneeflocken durchwehten ihn. Doch hatte ich keine Angst.
»Wärme du dein dankbar Herz
Am königlichen Greise,
Doch ohne seine Gräuel
Wärest du keinWaise.«
»War’s das?«, fragte ich. »Rätselhafte Reime? Immer noch?«
»Mehr brauchst du momentan nicht«, sagte der Geist.
»Ich hab mit den Hexen gesprochen«, sagte ich. »Die scheinen dich zu kennen.«
»Aye«, sagte der Geist. »Dunkle Dinge gehen in Gloucester vor sich, Narr. Sei dir dessen gewahr!«
»Sei mir wessen gewahr?«
Doch die weiße Frau war fort, und ich stand im Wald, meinen Pimmel in der Hand, und sprach mit einem Baum. Am Morgen würde es gen Gloucester gehen, und ich wollte sehen, wessen ich gewahr werden sollte. Oder sonst irgendwelchen Blödsinn.
 
 
Cornwalls und Regans Flaggen wehten über Gloucesters Zinnen und zeigten an, dass sie schon da waren. Burg Gloucester war ein Bündel von Türmen, auf drei Seiten von einem See umgeben, mit einem Burggraben an der Vorderseite – ohne äußere Mauer wie am White Tower oder auf Albany, kein Zwinger, nur vorn ein kleiner Burghof und ein Torhaus, das über den Eingang wachte. Die Stadtmauer auf der Landseite der Burg bot Ställen und Kasernen Schutz.
Als wir uns näherten, tönte von der Mauer eine Trompete, die uns ankündigte. Drool kam über die Zugbrücke gerannt, mit ausgebreiteten Armen. »Pocket, Pocket, wo warst du? Mein Freund! Mein Freund!«
Ich war ungeheuer erleichtert, ihn lebend zu sehen, doch der unbedarfte Bär zerrte mich von meinem Pferd und umarmte mich, bis ich kaum noch Luft bekam, tanzte mit mir Ringelreihen, dass meine Beine durch die Lüfte flogen, als wäre ich eine Puppe.
»Hör auf mich abzulecken, Drool, du Flegel! Mir fallen noch die Haare aus!«
Ich drosch mit Jones auf seinen Rücken ein, und das Mondkalb heulte auf. »Autsch! Nicht hauen, Pocket!« Er ließ mich los und kauerte am Boden, umarmte sich zum Trost, als wäre er seine eigene Mutter, was vielleicht sogar der Fall sein mochte. Ich sah rotbraune Flecken am Rücken seines Hemdes, und ich zog es hoch, um nachzusehen, was da los war.
»Oh, Mann, was ist denn mit dir passiert?« Meine Stimme brach, mir stiegen Tränen in die Augen, und ich stöhnte auf. Drool hatte fast keine Haut mehr an seinem muskulösen Rücken – sie war gerissen, verschorft und von einer scharfen Peitsche wieder aufgerissen.
»Ich hab dich schrecklich vermisst«, sagte Drool.
»Aye, ich dich auch. Aber woher hast du diese Narben?«
»Lord Edmund sagt, ich bin eine Beleidigung für die Natur und muss bestraft werden.«
Edmund. Bastard.
Fool: Roman
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