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Nun, Götter, schirmt Bastarde!10
 
Ich fand Drool in der Waschküche, als er gerade einen Wichs zum krönenden Abschluss brachte und dabei mächtige Fontänen von Idiotensperma über Wände, Boden und Decke der Waschküche verspritzte, lauthals kichernd, während die junge Shanker Mary hinter einem dampfenden Kessel mit königlichen Hemden stand und ihre Brüste schüttelte.
»Pack ein, Weib! Wir haben eine Show abzuliefern.«
»Ich wollte ihn nur zum Lachen bringen.«
»Wenn du dich wohltätig zeigen wolltest, hättest du ihn richtig rammeln sollen, dann wäre hier erheblich weniger zu putzen.«
»Aber es wäre eine Sünde. Außerdem könnte ich mich ebenso gut auf die Hellebarde einer Wache hocken, wenn ich versuchen wollte, ein Ding von solchem Umfang in mich reinzukriegen.«
Drool pumpte sich leer, sank mit gespreizten Beinen auf den Boden und schnaufte wie ein seibernder Blasebalg. Ich half dem Flegel, sein Gemächt zu verstauen, doch es gegen seinen entschiedenen Willen in den Hosensack zu stopfen, das war, als wollte man einem Bullen einen Eimer überstülpen – ein Szenario, das ich für komisch genug erachtete, es vielleicht beim Auftritt am Abend zu verwenden, falls dieser nicht so richtig lief.
»Nichts hindert dich daran, dem Jungen einen vernünftigen Tittenfick zu gönnen, Mary. Du hattest sie schon ausgepackt und eingeseift... zwei-, dreimal gelupft und einmal kurz gekitzelt und er hätte dir zwei Wochen lang das Wasser nachgetragen.«
»Das tut er jetzt schon. Und ich will dieses Ding nicht in meiner Nähe haben. Er ist nicht ganz richtig im Kopf. Da sind Teufel in seinem Saft.«
»Teufel? Teufel? Da sind doch keine Teufel drin, Weib! Ein ganzer Sack voll Dussel, ohne Zweifel, aber kein Teufel.« Ein Naturtalent war entweder gesegnet oder verflucht, nie nur ein Versehen der Götter.
Irgendwann in der Woche war uns Shanker Mary christlich gekommen, obwohl sie eine ausgemachte Dirne war. Man wusste nie, mit wem man es zu tun hatte. Das halbe Königreich war mittlerweile christlich, die andere Hälfte huldigte den alten Naturgöttern, die stets bei Neumond Zulauf hatten. Der Christengott mit seinem »Ruhetag« war unter den Bauern weit verbreitet, sobald der Sonntag nahte, doch bis zum Donnerstag, wenn Zechen und Ficken angezeigt war, hatte Mutter Natur schon ihre Kleider abgelegt und spreizte ihre Beine, in beiden Händen einen Krug Ale, und nahm die Konvertiten der Druiden in Empfang – so schnell sie kommen konnten. Sie waren erheblich in der Mehrheit, wenn der Feiertag vor der Tür stand. Tanzend, trinkend, Jungfern vögelnd teilten sie die Ernte, doch an den Menschenopfer-Tagen, den Brennt-den-Wald-des-Königs-nie-der-Tagen, tollten nur die Grillen um Stonehenge – denn die Sänger hatten Mutter Natur im Namen Gottvaters entsagt.
»Schön...«, seufzte Drool, während er versuchte, sein Gerät in den Griff zu bekommen. Mary rührte inzwischen wieder die Wäsche um, hatte es aber unterlassen, ihr Kleid hochzuziehen. Sie erfreute sich des Mondkalbs ungeteilter Aufmerksamkeit.
»Stimmt. Sie ist der Liebreiz in Person, aber du bist bereits gemolken, und wir müssen an die Arbeit. Hinterlist und Tücken und Intrigen brodeln auf der Burg... Zwischen Mord und Schmeichelei wird man nach Humor verlangen.«
»Tücken und Intrigen?« Drool zeigte sein lückenhaftes Grinsen. Man stelle sich Soldaten vor, die Rotz aus Fässern zwischen den Zinnen der Burgmauer hindurchkippen – so ist Drools Grinsen, ernst im Ausdruck und feucht in der Ausführung, ein Speichel guter Laune. Er liebt Tücken und Intrigen. Da kann er sein größtes Talent an den Mann bringen.
»Spielen wir Verstecken?«
»Ganz bestimmt werden wir uns verstecken«, sagte ich und schulterte einen verrutschten Hoden, um ihn in den Beutel zu bugsieren.
»Und Horchen?«
»Horchen wie noch nie – wir werden die Ohren spitzen wie Gott, wenn er den Papst beim Beten belauscht.«
»Und Ficken? Spielen wir auch Ficken, Pocket?«
»Ficken bis zum Umfallen, mein Freund. Ficken bis zum Umfallen.«
»Aye, das ist ja oberaffentittengeil11!«, sagte Drool und schlug sich auf den Oberschenkel. »Hast du gehört, Mary? Ficken bis zum Umfallen. Ist das nicht oberaffentittengeil?«
»Oh, ja, oberaffentittengeil. Ganz bestimmt, Süßer. Und wenn uns die Heiligen gnädig sind, knüpft vielleicht einer von den Edelleuten deinen kleinen Kumpel auf, wie sie es längst angekündigt haben.«
»Tja, wer lang hat, kann lang hängen lassen!«, sagte ich und stieß meinem Lehrling den Ellenbogen in die Rippen.
»Aye, wer lang hat, kann lang hängen lassen!«, sagte Drool mit meiner Stimme. Ton für Ton kam sie aus seinem Riesenmaul, als hätte er ein Echo mit der Zunge aufgefangen und spie es wieder aus. Das war des Simpels Gabe – er konnte nicht nur perfekt Stimmen imitieren, er konnte sich an ganze Gespräche erinnern, auch wenn sie Stunden lang waren, und diese mit der Stimme des ursprünglichen Sprechers wiedergeben, ohne auch nur ein Wort davon zu verstehen. Ursprünglich war er Lear von einem spanischen Herzog geschenkt worden, wegen seines sturzbachartigen Sabberns und seiner Fähigkeit, einen Darmwind zu erzeugen, der den Raum verfinsterte, doch als ich seine Gabe entdeckte, nahm ich ihn als Lehrling auf, um ihn die mannhafte Kunst der Heiterkeit zu lehren.
Drool lachte. »Wer lang hat, kann lang hängen...« »Hör auf damit!«, sagte ich. »Das ist unheimlich.« Wahrlich unheimlich, seine eigene Stimme in Originaltonlage aus diesem Klotz von einem Tölpel hervorgesabbert zu hören, ohne Verstand und ohne jede Ironie. Seit zwei Jahren hatte ich Drool nun unter meinen Fittichen, und noch immer konnte ich mich nicht daran gewöhnen. Er meinte es nicht böse. Er war einfach so.
Die Eremitin in der Abtei hatte mich einiges über die Natur gelehrt und Aristoteles zitieren lassen: »Der Gebildete treibt die Genauigkeit nicht weiter als es der Natur der Sache entspricht.« Ich ließ Drool weder Cicero lesen noch schlaue Rätsel reimen, doch unter meiner Anleitung hatte er sich das Stolpern und Jonglieren ganz gut angeeignet, konnte ein Lied rülpsen und war bei Hofe mindestens so unterhaltsam wie ein zahmer Bär, mit nicht ganz so ausgeprägtem Hunger auf die Gäste. Mit etwas Unterweisung würde aus ihm noch ein echter Hofnarr werden.
»Pocket ist traurig«, sagte Drool. Er tätschelte meinen Kopf, was einigermaßen entnervend war, nicht nur weil wir uns dabei in die Augen blickten (ich stehend, er am Boden auf dem Hintern sitzend), sondern weil dadurch die Glöckchen meiner Narrenkappe ausgesprochen melancholisch bimmelten.
»Ich bin nicht traurig«, sagte ich. »Ich bin dir böse, weil du den ganzen Morgen weg warst.«
»Ich war nicht weg. Ich war hier, die ganze Zeit, und hab dreimal mit Mary gelacht.«
»Dreimal?! Ihr beiden könnt von Glück sagen, dass ihr nicht in Flammen steht, du von der Reibung und sie, weil sie der Blitz erschlagen hat.«
»Vielleicht auch viermal«, sagte Drool.
»Du wirkst so ratlos, Pocket«, sagte Mary. »Ziehst ein Gesicht wie ein Waisenkind, das man mit seinem Nachttopf in der Gosse abgestellt hat.«
»Ich denke nach. Letzte Woche hatte der König nur Kent bei sich, heute ist die Burg randvoll mit Intriganten, und oben auf den Zinnen steht ein Geist, der unheilschwanger reimt.«
»Na ja, ohne Geister geht’s eben nicht.« Mary fischte ein Hemd aus dem Kessel und trug es wippend auf ihrem Paddel durch den Raum, als führte sie ein dampfendes Gespenst spazieren. »Du hast nichts weiter im Kopf, als andere lachen zu machen, was?«
»Aye, sorglos wie der Wind. Sei so nett und lass das Wasser drin, wenn du fertig bist, Mary. Drool muss mal wieder in die Wanne.«
»Neiiiiinnn!«
»Schschscht! So kannst du nicht bei Hofe auftreten! Du stinkst nach Scheiße. Hast du letzte Nacht auf dem Dung geschlafen?«
»Es war warm.«
Ich knallte ihm Jones an den Kopf. »Warm ist doch nicht alles! Wenn du es warm haben willst, kannst du wie alle anderen in der Großen Halle schlafen.«
»Hat man ihm verboten«, warf Mary ein. »Der Haushofmeister 12 sagt, sein Schnarchen macht den Hunden Angst.«
»Verboten?« Alle Gemeinen, die kein Quartier hatten, schliefen auf dem Boden in der Großen Halle – kreuz und quer verstreut auf Stroh und Binsen -, im Winter vor dem Kamin, drunter und drüber wie eine Hundemeute. Ein umtriebiger Bursche mit nächtlichem Horn und einem Hang zur Unzucht mochte sich versehentlich unter einer Decke oder in den Armen eines schläfrigen und womöglich willigen Weibes wiederfinden und dann für zwei Wochen aus der freundlichen Wärme der Halle verbannt werden (tatsächlich verdanke ich meine bescheidene Kammer über dem Vorwerk13 einer derart nächtlichen Schwäche meinerseits), aber wegen Schnarchens vor die Tür gesetzt zu werden? Unerhört. Fällt des Abends dunkler Umhang über die Große Halle, verwandelt sie sich in ein Sägewerk, die Mühlen des menschlichen Odems zermahlen die Träume mit schrecklichem Getöse, und selbst Drools dröhnende Riesensäge ist im allgemeinen Lärm nicht auszumachen. »Weil er schnarcht? Das soll in der Halle nicht erlaubt sein? Quark.«
»Und weil er die Frau des Verwalters angepinkelt hat«, fügte Mary hinzu.
»Es war dunkel«, erklärte Drool.
»Aye, und selbst bei Tageslicht ist sie leicht mit einem Abort zu verwechseln, aber habe ich dich nicht in der Beherrschung deiner Körpersäfte unterwiesen, Freund?«
»Aye, und das mit einigem Erfolg«, sagte Shanker Mary mit Blick auf die zuckergussähnliche Spermatapete an den Wänden.
»Nun, Mary, hübsch gesprochen. Schließen wir einen Pakt: Wenn du auch weiterhin dem Humor entsagst, verzichte ich darauf, mich in eine seifig riechende Kokotte zu verwandeln. Was hältst du davon?«
»Du hast gesagt, du riechst die Seife gern.«
»Aye, nun, da wir gerade von Gerüchen sprechen. Drool, geh und hol ein paar Eimer kaltes Wasser aus dem Brunnen! Wir müssen diesen Kessel kühlen und dich baden.«
»Neiiiinnn!«
»Jones wird sehr ungehalten, wenn du dich nicht sputest«, sagte ich und schwenkte Jones auf missbilligende und irgendwie bedrohliche Weise. Jones ist ein gestrenger Herr, zweifellos verbittert, weil er als Puppe an einem Stock aufwachsen musste.
 
 
Eine halbe Stunde später saß ein unglücklicher Drool im dampfenden Kessel – voll bekleidet. Seine Ausdünstungen hatten die Seifenlauge in eine dunkelbraune Simpelsuppe verwandelt. Shanker Mary rührte mit ihrem Paddel um ihn herum, wobei sie darauf achtete, ihn nicht allzu lüstern aufzuschäumen. Ich prüfte meinen Lehrling hinsichtlich unserer bevorstehenden Abendbelustigung.
»Also, da Cornwall am Meer liegt, werden wir den Herzog wie darstellen, liebster Drool?«
»Als Schafschänder«, sagte der betrübte Riese.
»Nein, mein Freund, das ist Albany. Cornwall ist der Fischficker.«
»Aye. Entschuldige, Pocket.«
»Ist nicht schlimm, ist nicht schlimm. Du wirst wahrscheinlich wohl noch nass von deinem Bade sein, also arbeiten wir das in die Scherze mit ein. Ein wenig Schlüpfrigkeit trägt sicher zur Kurzweil bei, und wenn wir auf diese Weise andeuten können, dass Prinzessin Regan höchstpersönlich eine eher fischige Gefährtin ist, nun, da fällt mir niemand ein, den das nicht amüsieren würde.«
»Abgesehen von der Prinzessin«, sagte Mary.
»Nun, ja, aber sie denkt doch sehr prosaisch, und oft muss man einen Scherz doch ein-, zweimal erklären, bis er bei ihr Verständnis findet.«
»Aye, gegen Regans Starrsinn hilft nur Gesundstoßen«, sagte Jones, die Puppe.
»Aye, gegen Regans Starrsinn hilft nur Gesundstoßen«, sagte Drool mit Jones’ Stimme.
»Du bist ein toter Mann«, seufzte Shanker Mary.
»Du bist ein toter Mann, Schurke«, sagte eine Männerstimme hinter mir. Und dort stand Edmund, der Bastardsohn von Gloucester, und versperrte den einzigen Ausgang, ein Schwert in der Hand. Der Bastard war ganz in Schwarz gekleidet: Eine schlichte Silberbrosche hielt den Umhang, die Griffe von Schwert und Dolch waren silberne Drachenköpfe mit Augen aus Smaragd. Sein rabenschwarzer Bart war spitz. Ich bewundere den Bastard für seinen Geschmack – schlicht, elegant und böse. Mit der Finsternis kennt er sich aus.
Mich hingegen nennt man den Schwarzen Narren. Nicht weil ich ein Mohr wäre, obwohl ich gegen die nichts habe (es heißt, Mohren seien talentierte Frauenwürger) und ich ob des Spitznamens keineswegs gekränkt wäre, wenn dem denn so sein sollte, doch meine Haut ist kalkweiß wie die eines jeden unbesonnten Sohnes Englands. Nein, man nennt mich so ob meiner Garderobe, eines Rocks von schwarzen Rauten aus Samt und Satin – nicht das kunterbunte Kleid eines Allerweltsnarren. Lear sagte: »Nach deinem schwarzen Humor soll auch dein Kleid sein, Narr! Vielleicht mag dich ein neuer Aufzug daran hindern, den Tod noch weiter in die Nase zu kneifen. Ich stehe mit einem Fuß im Grab, mein Junge – kein Grund, die Würmer schon vor meiner Ankunft gegen mich aufzubringen.« Wenn bereits der König die scharfe Klinge des Spottes fürchtet, welcher Narr geht dann je unbewaffnet?
»Zück deine Klinge, Narr!«, rief Edmund.
»Traurigerweise, Sire, habe ich keine bei mir«, sagte ich. Jones schüttelte bekümmert seinen unbewaffneten Kopf.
Natürlich logen wir beide. Im Kreuz trug ich drei spitze Wurfmesser, die mir der Waffenschmied zum Zwecke der Unterhaltung angefertigt hatte. Zwar hatte ich sie noch nie als Waffen benutzt, doch damit sehr wohl schon Äpfel aufgespießt, die auf Drools Kopf standen, hatte ihm Pflaumen aus der ausgestreckten Hand gepflückt und sogar Trauben aus der Luft – ich zweifelte nicht daran, dass eines dieser Messer seinen Weg in Edmunds Auge finden und sein Hirn durchlüften würde wie ein aufgestochenes Furunkel. Wenn er es wissen wollte, würde er es schon noch früh genug erfahren. Wenn nicht, wozu ihn dann damit belasten?
»Wenn schon kein Kampf, dann tut es auch ein Mord!«, sagte Edmund. Er stieß zu, zielte nach meinem Herzen. Ich wich ihm aus und schlug seine Klinge mit Jones beiseite, der seinen Einsatz mit dem Verlust eines Glöckchens bezahlte.
Ich hüpfte auf den Rand des Kessels.
»Aber, Sire, warum vergeudet Ihr Euren Zorn an einen hilflosen Narren?«
Edmund schlug zu. Ich sprang. Er schlug daneben. Ich landete hinter dem Kessel. Drool stöhnte auf. Mary drückte sich in die Ecke.
»Du hast mich von den Zinnen aus ›Bastard‹ geschimpft.«
»Aye, Ihr wurdet als Bastard ausgerufen. Ihr, Sire, seid ein Bastard. Und ein höchst ungerechter Bastard dazu, der mich sterben sehen will, wo ich noch den fauligen Geschmack der Wahrheit auf meiner Zunge schmecke. Gestattet mir eine Lüge, bevor Ihr zustecht: Ihr habt so gütige Augen.«
»Und auch von meiner Mutter hast du schlecht gesprochen!« Er schob sich zwischen mich und die Tür. Lausige Planung, eine Waschküche mit nur einem Ausgang zu bauen.
»Ich mag angedeutet haben, dass sie eine syphilitische Hure war, und nach allem, was Euer Vater so erzählt, überdehne ich damit keineswegs die Grenzen der Wahrhaftigkeit.«
»Bitte?«, fragte Edmund.
»Bitte?«, fragte Drool, Edmunds perfekter Papagei.
»Bitte?«, erkundigte sich Mary.
»Ich bitte um Verzeihung, Sire, aber die Syphilis ist eigentlich gar nicht so schlimm«, sagte Shanker Mary und erhellte unsere düsteren Zeiten mit ihrem sonnigen Optimismus. »Hat unfairerweise einen schlechten Ruf, die Syphilis. Ich finde, eine kleine Syph zeugt von Erfahrung. Weltgewandtheit, wenn man so will.«
»Da hat die Metze recht, Edmund. Abgesehen davon, dass man langsam im Wahnsinn versinkt und einem dann der Schwanz abfällt, ist die Syphilis ein wahrer Segen«, sagte ich und hüpfte außer Reichweite des Bastards, der mir um den großen Kessel folgte. »Nehmt Mary! Im Grunde ist das doch die Idee! Nehmt Mary! Wozu nach langer Reise Eure Energie mit dem Mord an einem Witz von einem Narren verpulvern, wenn Ihr Euch der Freuden eines willigen Weibes erfreuen könntet, das nicht nur bereit, sondern geradezu entgegenkommend ist und angenehm nach Seife duftet?«
»Aye«, sagte Drool und atmete beim Sprechen Schaum aus. »Sie ist der Liebreiz in Person. Echt wahr.«
Edmund ließ sein Schwert sinken und sah Drool zum ersten Mal an. »Isst du Seife?«
»Nur ein ganz kleines Stückchen«, blubberte Drool. »Es war übrig.«
Edmund wandte sich mir zu: »Warum kocht ihr diesen Burschen?«
»Musste sein«, sagte ich. (Immer theatralisch, dieser Bastard. Das Wasser dampfte kaum. Was wie Brodem aussah, waren Drools Ausdünstungen.)
»Das ist ja wohl das Mindeste, oder?«, sagte Mary.
»Sprecht mit Sinn, alle beide!« Der Bastard fuhr herum, und bevor ich wusste, was los war, hielt er Mary seine Klinge an die Kehle. »Ich war neun Jahre im Heiligen Land und habe Sarazenen getötet. Auf den einen oder anderen mehr oder weniger kommt es mir nicht an.«
»Wartet!« Ich sprang auf den Rand des Kessels und griff mir mit der freien Hand ins Kreuz. »Wartet! Er wurde bestraft. Vom König. Weil er mich geschlagen hat.«
»Bestraft? Weil er einen Narren geschlagen hat?«
»›Kocht ihn bei lebendigem Leibe!‹, rief der König.« Ich sprang auf Edmunds Seite des Kessels herunter – und steuerte auf die Tür zu. Ich brauchte freie Bahn, und falls er nicht stillstehen sollte, wollte ich verhindern, dass die Klinge Mary traf.
»Alle Welt weiß, wie sehr dem König sein kleiner, dunkler Narr am Herzen liegt«, sagte Mary und nickte eifrig.
»Unsinn!«, rief Edmund und holte aus, um zuzustechen.
Mary schrie auf. Ich warf ein Messer in die Luft, fing es an der Klinge und wollte eben Edmunds Herz damit durchbohren, als ihn mit dumpfem Schlag etwas am Hinterkopf traf und er Arsch über Eimer gegen die Wand prallte, dass sein Schwert klirrend über den Boden bis vor meine Füße schlidderte. Drool war im Kessel aufgestanden und hielt Marys Wäschepaddel in der Hand – ein paar dunkle Haare und blutige Kopfhaut klebten am bleichen Holz.
»Hast du das gesehen, Pocket? Sauber abgerollt.« Für Drool war alles nur ein Spiel. Edmund rührte sich nicht. Soweit ich sehen konnte, atmete er auch nicht mehr.
»Bei Gottes roten Hoden, Drool, du hast den Grafensohn gemeuchelt! Wir werden alle hängen!«
»Aber er wollte Mary was tun!«
Mary saß neben dem dahingesunkenen Edmund am Boden und kraulte ihm den Kopf, wo er nicht blutig war. »Ich hätte ihn ohne weiteres gefiedelt.«
»Er hätte dich glatt umgebracht – auch ohne weiteres.«
»Ach, so sind die Männer nun mal, oder? Sieh ihn dir an! Er ist doch ein ganz famoser Bursche. Und reich ist er außerdem.« Sie zog etwas aus seiner Tasche. »Was ist das?«
»So ist es recht, Weib! Kaum ein Gedankenstrich zwischen Tränen und Plünderung. Gut, besser dass er so weit noch unversehrt ist und die Fliegen nicht zu frischerer Kost weitergezogen sind. Du scheinst mir in der Kirche doch gut aufgehoben!«
»Nein, ich will ihm nichts stehlen! Seht mal, ein Brief!«
»Gib her!«
»Du kannst lesen?« Ihre Augen wurden groß, als hätte ich ihr anvertraut, ich könne Blei in Gold verwandeln.
»Ich bin in einem Nonnenkloster aufgewachsen. Ich bin eine wandelnde Bibliothek, gewandet in wohlgestaltes Leder, das sich auch recht hübsch streicheln lässt, und stets zu Diensten, falls du deiner mangelhaften Herkunft gern etwas Kultur angedeihen lassen möchtest, oder umgekehrt natürlich.«
Da stöhnte Edmund und rührte sich.
»Schockschwerenot! Der Bastard lebt.«
Fool: Roman
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