2
Nun, Götter, schirmt Bastarde!10
Ich fand Drool in der
Waschküche, als er gerade einen Wichs zum krönenden Abschluss
brachte und dabei mächtige Fontänen von Idiotensperma über Wände,
Boden und Decke der Waschküche verspritzte, lauthals kichernd,
während die junge Shanker Mary hinter einem dampfenden Kessel mit
königlichen Hemden stand und ihre Brüste schüttelte.
»Pack ein, Weib! Wir
haben eine Show abzuliefern.«
»Ich wollte ihn nur
zum Lachen bringen.«
»Wenn du dich
wohltätig zeigen wolltest, hättest du ihn richtig rammeln sollen,
dann wäre hier erheblich weniger zu putzen.«
»Aber es wäre eine
Sünde. Außerdem könnte ich mich ebenso gut auf die Hellebarde einer
Wache hocken, wenn ich versuchen wollte, ein Ding von solchem
Umfang in mich reinzukriegen.«
Drool pumpte sich
leer, sank mit gespreizten Beinen auf den Boden und schnaufte wie
ein seibernder Blasebalg. Ich half dem Flegel, sein Gemächt zu
verstauen, doch es gegen seinen entschiedenen Willen in den
Hosensack zu stopfen, das war, als wollte man einem Bullen einen
Eimer überstülpen – ein Szenario, das ich für komisch genug
erachtete, es vielleicht beim Auftritt am Abend zu verwenden, falls
dieser nicht so richtig lief.
»Nichts hindert dich
daran, dem Jungen einen vernünftigen Tittenfick zu gönnen, Mary. Du
hattest sie schon ausgepackt und eingeseift... zwei-, dreimal
gelupft und einmal kurz gekitzelt und er hätte dir zwei Wochen lang
das Wasser nachgetragen.«
»Das tut er jetzt
schon. Und ich will dieses Ding nicht in meiner Nähe haben. Er ist
nicht ganz richtig im Kopf. Da sind Teufel in seinem
Saft.«
»Teufel? Teufel? Da
sind doch keine Teufel drin, Weib! Ein ganzer Sack voll Dussel,
ohne Zweifel, aber kein Teufel.« Ein Naturtalent war entweder
gesegnet oder verflucht, nie nur ein Versehen der
Götter.
Irgendwann in der
Woche war uns Shanker Mary christlich gekommen, obwohl sie eine
ausgemachte Dirne war. Man wusste nie, mit wem man es zu tun hatte.
Das halbe Königreich war mittlerweile christlich, die andere Hälfte
huldigte den alten Naturgöttern, die stets bei Neumond Zulauf
hatten. Der Christengott mit seinem »Ruhetag« war unter den Bauern
weit verbreitet, sobald der Sonntag nahte, doch bis zum Donnerstag,
wenn Zechen und Ficken angezeigt war, hatte Mutter Natur schon ihre
Kleider abgelegt und spreizte ihre Beine, in beiden Händen einen
Krug Ale, und nahm die Konvertiten der Druiden in Empfang – so
schnell sie kommen konnten. Sie waren erheblich in der Mehrheit,
wenn der Feiertag vor der Tür stand. Tanzend, trinkend, Jungfern
vögelnd teilten sie die Ernte, doch an den Menschenopfer-Tagen, den
Brennt-den-Wald-des-Königs-nie-der-Tagen, tollten nur die Grillen
um Stonehenge – denn die Sänger hatten Mutter Natur im Namen
Gottvaters entsagt.
»Schön...«, seufzte
Drool, während er versuchte, sein Gerät in den Griff zu bekommen.
Mary rührte inzwischen wieder die Wäsche um, hatte es aber
unterlassen, ihr Kleid hochzuziehen. Sie erfreute sich des
Mondkalbs ungeteilter Aufmerksamkeit.
»Stimmt. Sie ist der
Liebreiz in Person, aber du bist bereits gemolken, und wir müssen
an die Arbeit. Hinterlist und Tücken und Intrigen brodeln auf der
Burg... Zwischen Mord und Schmeichelei wird man nach Humor
verlangen.«
»Tücken und
Intrigen?« Drool zeigte sein lückenhaftes Grinsen. Man stelle sich
Soldaten vor, die Rotz aus Fässern zwischen den Zinnen der
Burgmauer hindurchkippen – so ist Drools Grinsen, ernst im Ausdruck
und feucht in der Ausführung, ein Speichel guter Laune. Er liebt
Tücken und Intrigen. Da kann er sein größtes Talent an den Mann
bringen.
»Spielen wir
Verstecken?«
»Ganz bestimmt werden
wir uns verstecken«, sagte ich und schulterte einen verrutschten
Hoden, um ihn in den Beutel zu bugsieren.
»Und
Horchen?«
»Horchen wie noch nie
– wir werden die Ohren spitzen wie Gott, wenn er den Papst beim
Beten belauscht.«
»Und Ficken? Spielen
wir auch Ficken, Pocket?«
»Ficken bis zum
Umfallen, mein Freund. Ficken bis zum Umfallen.«
»Aye, das ist ja
oberaffentittengeil11!«, sagte
Drool und schlug sich auf den Oberschenkel. »Hast du gehört, Mary?
Ficken bis zum Umfallen. Ist das nicht
oberaffentittengeil?«
»Oh, ja,
oberaffentittengeil. Ganz bestimmt, Süßer. Und wenn uns die
Heiligen gnädig sind, knüpft vielleicht einer von den Edelleuten
deinen kleinen Kumpel auf, wie sie es längst angekündigt
haben.«
»Tja, wer lang hat,
kann lang hängen lassen!«, sagte ich und stieß meinem Lehrling den
Ellenbogen in die Rippen.
»Aye, wer lang hat,
kann lang hängen lassen!«, sagte Drool mit meiner Stimme. Ton für
Ton kam sie aus seinem Riesenmaul, als hätte er ein Echo mit der
Zunge aufgefangen und spie es wieder aus. Das war des Simpels Gabe
– er konnte nicht nur perfekt Stimmen imitieren, er konnte sich an
ganze Gespräche erinnern, auch wenn sie Stunden lang waren, und
diese mit der Stimme des ursprünglichen Sprechers wiedergeben, ohne
auch nur ein Wort davon zu verstehen. Ursprünglich war er Lear von
einem spanischen Herzog geschenkt worden, wegen seines
sturzbachartigen Sabberns und seiner Fähigkeit, einen Darmwind zu
erzeugen, der den Raum verfinsterte, doch als ich seine Gabe
entdeckte, nahm ich ihn als Lehrling auf, um ihn die mannhafte
Kunst der Heiterkeit zu lehren.
Drool lachte. »Wer
lang hat, kann lang hängen...« »Hör auf damit!«, sagte ich. »Das
ist unheimlich.« Wahrlich unheimlich, seine eigene Stimme in
Originaltonlage aus diesem Klotz von einem Tölpel hervorgesabbert
zu hören, ohne Verstand und ohne jede Ironie. Seit zwei Jahren
hatte ich Drool nun unter meinen Fittichen, und noch immer konnte
ich mich nicht daran gewöhnen. Er meinte es nicht böse. Er war
einfach so.
Die Eremitin in der
Abtei hatte mich einiges über die Natur gelehrt und Aristoteles
zitieren lassen: »Der Gebildete treibt die Genauigkeit nicht weiter
als es der Natur der Sache entspricht.« Ich ließ Drool weder Cicero
lesen noch schlaue Rätsel reimen, doch unter meiner Anleitung hatte
er sich das Stolpern und Jonglieren ganz gut angeeignet, konnte ein
Lied rülpsen und war bei Hofe mindestens so unterhaltsam wie ein
zahmer Bär, mit nicht ganz so ausgeprägtem Hunger auf die Gäste.
Mit etwas Unterweisung würde aus ihm noch ein echter Hofnarr
werden.
»Pocket ist traurig«,
sagte Drool. Er tätschelte meinen Kopf, was einigermaßen entnervend
war, nicht nur weil wir uns dabei in die Augen blickten (ich
stehend, er am Boden auf dem Hintern sitzend), sondern weil dadurch
die Glöckchen meiner Narrenkappe ausgesprochen melancholisch
bimmelten.
»Ich bin nicht
traurig«, sagte ich. »Ich bin dir böse, weil du den ganzen Morgen
weg warst.«
»Ich war nicht weg.
Ich war hier, die ganze Zeit, und hab dreimal mit Mary
gelacht.«
»Dreimal?! Ihr beiden
könnt von Glück sagen, dass ihr nicht in Flammen steht, du von der
Reibung und sie, weil sie der Blitz erschlagen hat.«
»Vielleicht auch
viermal«, sagte Drool.
»Du wirkst so ratlos,
Pocket«, sagte Mary. »Ziehst ein Gesicht wie ein Waisenkind, das
man mit seinem Nachttopf in der Gosse abgestellt hat.«
»Ich denke nach.
Letzte Woche hatte der König nur Kent bei sich, heute ist die Burg
randvoll mit Intriganten, und oben auf den Zinnen steht ein Geist,
der unheilschwanger reimt.«
»Na ja, ohne Geister
geht’s eben nicht.« Mary fischte ein Hemd aus dem Kessel und trug
es wippend auf ihrem Paddel durch den Raum, als führte sie ein
dampfendes Gespenst spazieren. »Du hast nichts weiter im Kopf, als
andere lachen zu machen, was?«
»Aye, sorglos wie der
Wind. Sei so nett und lass das Wasser drin, wenn du fertig bist,
Mary. Drool muss mal wieder in die Wanne.«
»Neiiiiinnn!«
»Schschscht! So
kannst du nicht bei Hofe auftreten! Du stinkst nach Scheiße. Hast
du letzte Nacht auf dem Dung geschlafen?«
»Es war
warm.«
Ich knallte ihm Jones
an den Kopf. »Warm ist doch nicht
alles! Wenn du es warm haben willst, kannst du wie alle anderen in
der Großen Halle schlafen.«
»Hat man ihm
verboten«, warf Mary ein. »Der Haushofmeister 12 sagt, sein
Schnarchen macht den Hunden Angst.«
»Verboten?« Alle
Gemeinen, die kein Quartier hatten, schliefen auf dem Boden in der
Großen Halle – kreuz und quer verstreut auf Stroh und Binsen -, im
Winter vor dem Kamin, drunter und drüber wie eine Hundemeute. Ein
umtriebiger Bursche mit nächtlichem Horn und einem Hang zur Unzucht
mochte sich versehentlich unter einer Decke oder in den Armen eines
schläfrigen und womöglich willigen Weibes wiederfinden und dann für
zwei Wochen aus der freundlichen Wärme der Halle verbannt werden
(tatsächlich verdanke ich meine bescheidene Kammer über dem
Vorwerk13 einer derart
nächtlichen Schwäche meinerseits), aber wegen Schnarchens vor die Tür gesetzt zu werden?
Unerhört. Fällt des Abends dunkler Umhang über die Große Halle,
verwandelt sie sich in ein Sägewerk, die Mühlen des menschlichen
Odems zermahlen die Träume mit schrecklichem Getöse, und selbst
Drools dröhnende Riesensäge ist im allgemeinen Lärm nicht
auszumachen. »Weil er schnarcht? Das soll in der Halle nicht
erlaubt sein? Quark.«
»Und weil er die Frau
des Verwalters angepinkelt hat«, fügte Mary hinzu.
»Es war dunkel«,
erklärte Drool.
»Aye, und selbst bei
Tageslicht ist sie leicht mit einem Abort zu verwechseln, aber habe
ich dich nicht in der Beherrschung deiner Körpersäfte unterwiesen,
Freund?«
»Aye, und das mit
einigem Erfolg«, sagte Shanker Mary mit Blick auf die
zuckergussähnliche Spermatapete an den Wänden.
»Nun, Mary, hübsch
gesprochen. Schließen wir einen Pakt: Wenn du auch weiterhin dem
Humor entsagst, verzichte ich darauf, mich in eine seifig riechende
Kokotte zu verwandeln. Was hältst du davon?«
»Du hast gesagt, du
riechst die Seife gern.«
»Aye, nun, da wir
gerade von Gerüchen sprechen. Drool, geh und hol ein paar Eimer
kaltes Wasser aus dem Brunnen! Wir müssen diesen Kessel kühlen und
dich baden.«
»Neiiiinnn!«
»Jones wird sehr
ungehalten, wenn du dich nicht sputest«, sagte ich und schwenkte
Jones auf missbilligende und irgendwie bedrohliche Weise. Jones ist
ein gestrenger Herr, zweifellos verbittert, weil er als Puppe an
einem Stock aufwachsen musste.
Eine halbe Stunde
später saß ein unglücklicher Drool im dampfenden Kessel – voll
bekleidet. Seine Ausdünstungen hatten die Seifenlauge in eine
dunkelbraune Simpelsuppe verwandelt. Shanker Mary rührte mit ihrem
Paddel um ihn herum, wobei sie darauf achtete, ihn nicht allzu
lüstern aufzuschäumen. Ich prüfte meinen Lehrling hinsichtlich
unserer bevorstehenden Abendbelustigung.
»Also, da Cornwall am
Meer liegt, werden wir den Herzog wie
darstellen, liebster Drool?«
»Als Schafschänder«,
sagte der betrübte Riese.
»Nein, mein Freund,
das ist Albany. Cornwall ist der Fischficker.«
»Aye. Entschuldige,
Pocket.«
»Ist nicht schlimm,
ist nicht schlimm. Du wirst wahrscheinlich wohl noch nass von
deinem Bade sein, also arbeiten wir das in die Scherze mit ein. Ein
wenig Schlüpfrigkeit trägt sicher zur Kurzweil bei, und wenn wir
auf diese Weise andeuten können, dass Prinzessin Regan
höchstpersönlich eine eher fischige Gefährtin ist, nun, da fällt
mir niemand ein, den das nicht amüsieren würde.«
»Abgesehen von der
Prinzessin«, sagte Mary.
»Nun, ja, aber sie
denkt doch sehr prosaisch, und oft muss man einen Scherz doch ein-,
zweimal erklären, bis er bei ihr Verständnis findet.«
»Aye, gegen Regans
Starrsinn hilft nur Gesundstoßen«, sagte Jones, die
Puppe.
»Aye, gegen Regans
Starrsinn hilft nur Gesundstoßen«, sagte Drool mit Jones’
Stimme.
»Du bist ein toter
Mann«, seufzte Shanker Mary.
»Du bist ein toter
Mann, Schurke«, sagte eine Männerstimme hinter mir. Und dort stand
Edmund, der Bastardsohn von Gloucester, und versperrte den einzigen
Ausgang, ein Schwert in der Hand. Der Bastard war ganz in Schwarz
gekleidet: Eine schlichte Silberbrosche hielt den Umhang, die
Griffe von Schwert und Dolch waren silberne Drachenköpfe mit Augen
aus Smaragd. Sein rabenschwarzer Bart war spitz. Ich bewundere den
Bastard für seinen Geschmack – schlicht, elegant und böse. Mit der
Finsternis kennt er sich aus.
Mich hingegen nennt
man den Schwarzen Narren. Nicht weil ich ein Mohr wäre, obwohl ich
gegen die nichts habe (es heißt, Mohren seien talentierte
Frauenwürger) und ich ob des Spitznamens keineswegs gekränkt wäre,
wenn dem denn so sein sollte, doch meine Haut ist kalkweiß wie die
eines jeden unbesonnten Sohnes Englands. Nein, man nennt mich so ob
meiner Garderobe, eines Rocks von schwarzen Rauten aus Samt und
Satin – nicht das kunterbunte Kleid eines Allerweltsnarren. Lear
sagte: »Nach deinem schwarzen Humor soll auch dein Kleid sein,
Narr! Vielleicht mag dich ein neuer Aufzug daran hindern, den Tod
noch weiter in die Nase zu kneifen. Ich stehe mit einem Fuß im
Grab, mein Junge – kein Grund, die Würmer schon vor meiner Ankunft
gegen mich aufzubringen.« Wenn bereits der König die scharfe Klinge
des Spottes fürchtet, welcher Narr geht dann je
unbewaffnet?
»Zück deine Klinge,
Narr!«, rief Edmund.
»Traurigerweise,
Sire, habe ich keine bei mir«, sagte ich. Jones schüttelte
bekümmert seinen unbewaffneten Kopf.
Natürlich logen wir
beide. Im Kreuz trug ich drei spitze Wurfmesser, die mir der
Waffenschmied zum Zwecke der Unterhaltung angefertigt hatte. Zwar
hatte ich sie noch nie als Waffen benutzt, doch damit sehr wohl
schon Äpfel aufgespießt, die auf Drools Kopf standen, hatte ihm
Pflaumen aus der ausgestreckten Hand gepflückt und sogar Trauben
aus der Luft – ich zweifelte nicht daran, dass eines dieser Messer
seinen Weg in Edmunds Auge finden und sein Hirn durchlüften würde
wie ein aufgestochenes Furunkel. Wenn er es wissen wollte, würde er
es schon noch früh genug erfahren. Wenn nicht, wozu ihn dann damit
belasten?
»Wenn schon kein
Kampf, dann tut es auch ein Mord!«, sagte Edmund. Er stieß zu,
zielte nach meinem Herzen. Ich wich ihm aus und schlug seine Klinge
mit Jones beiseite, der seinen Einsatz mit dem Verlust eines
Glöckchens bezahlte.
Ich hüpfte auf den
Rand des Kessels.
»Aber, Sire, warum
vergeudet Ihr Euren Zorn an einen hilflosen Narren?«
Edmund schlug zu. Ich
sprang. Er schlug daneben. Ich landete hinter dem Kessel. Drool
stöhnte auf. Mary drückte sich in die Ecke.
»Du hast mich von den
Zinnen aus ›Bastard‹ geschimpft.«
»Aye, Ihr wurdet als
Bastard ausgerufen. Ihr, Sire, seid ein
Bastard. Und ein höchst ungerechter Bastard dazu, der mich sterben
sehen will, wo ich noch den fauligen Geschmack der Wahrheit auf
meiner Zunge schmecke. Gestattet mir eine Lüge, bevor Ihr zustecht:
Ihr habt so gütige Augen.«
»Und auch von meiner
Mutter hast du schlecht gesprochen!« Er schob sich zwischen mich
und die Tür. Lausige Planung, eine Waschküche mit nur einem Ausgang
zu bauen.
»Ich mag angedeutet
haben, dass sie eine syphilitische Hure war, und nach allem, was
Euer Vater so erzählt, überdehne ich damit keineswegs die Grenzen
der Wahrhaftigkeit.«
»Bitte?«, fragte
Edmund.
»Bitte?«, fragte
Drool, Edmunds perfekter Papagei.
»Bitte?«, erkundigte
sich Mary.
»Ich bitte um
Verzeihung, Sire, aber die Syphilis ist eigentlich gar nicht so
schlimm«, sagte Shanker Mary und erhellte unsere düsteren Zeiten
mit ihrem sonnigen Optimismus. »Hat unfairerweise einen schlechten
Ruf, die Syphilis. Ich finde, eine kleine Syph zeugt von Erfahrung.
Weltgewandtheit, wenn man so will.«
»Da hat die Metze
recht, Edmund. Abgesehen davon, dass man langsam im Wahnsinn
versinkt und einem dann der Schwanz abfällt, ist die Syphilis ein
wahrer Segen«, sagte ich und hüpfte außer Reichweite des Bastards,
der mir um den großen Kessel folgte. »Nehmt Mary! Im Grunde ist das
doch die Idee! Nehmt Mary! Wozu nach
langer Reise Eure Energie mit dem Mord an einem Witz von einem
Narren verpulvern, wenn Ihr Euch der Freuden eines willigen Weibes
erfreuen könntet, das nicht nur bereit, sondern geradezu
entgegenkommend ist und angenehm nach Seife duftet?«
»Aye«, sagte Drool
und atmete beim Sprechen Schaum aus. »Sie ist der Liebreiz in
Person. Echt wahr.«
Edmund ließ sein
Schwert sinken und sah Drool zum ersten Mal an. »Isst du
Seife?«
»Nur ein ganz kleines
Stückchen«, blubberte Drool. »Es war übrig.«
Edmund wandte sich
mir zu: »Warum kocht ihr diesen Burschen?«
»Musste sein«, sagte
ich. (Immer theatralisch, dieser Bastard. Das Wasser dampfte kaum.
Was wie Brodem aussah, waren Drools Ausdünstungen.)
»Das ist ja wohl das
Mindeste, oder?«, sagte Mary.
»Sprecht mit Sinn,
alle beide!« Der Bastard fuhr herum, und bevor ich wusste, was los
war, hielt er Mary seine Klinge an die Kehle. »Ich war neun Jahre
im Heiligen Land und habe Sarazenen getötet. Auf den einen oder
anderen mehr oder weniger kommt es mir nicht an.«
»Wartet!« Ich sprang
auf den Rand des Kessels und griff mir mit der freien Hand ins
Kreuz. »Wartet! Er wurde bestraft. Vom König. Weil er mich
geschlagen hat.«
»Bestraft? Weil er
einen Narren geschlagen hat?«
»›Kocht ihn bei
lebendigem Leibe!‹, rief der König.« Ich sprang auf Edmunds Seite
des Kessels herunter – und steuerte auf die Tür zu. Ich brauchte
freie Bahn, und falls er nicht stillstehen sollte, wollte ich
verhindern, dass die Klinge Mary traf.
»Alle Welt weiß, wie
sehr dem König sein kleiner, dunkler Narr am Herzen liegt«, sagte
Mary und nickte eifrig.
»Unsinn!«, rief
Edmund und holte aus, um zuzustechen.
Mary schrie auf. Ich
warf ein Messer in die Luft, fing es an der Klinge und wollte eben
Edmunds Herz damit durchbohren, als ihn mit dumpfem Schlag etwas am
Hinterkopf traf und er Arsch über Eimer gegen die Wand prallte,
dass sein Schwert klirrend über den Boden bis vor meine Füße
schlidderte. Drool war im Kessel aufgestanden und hielt Marys
Wäschepaddel in der Hand – ein paar dunkle Haare und blutige
Kopfhaut klebten am bleichen Holz.
»Hast du das gesehen,
Pocket? Sauber abgerollt.« Für Drool war alles nur ein Spiel.
Edmund rührte sich nicht. Soweit ich sehen konnte, atmete er auch
nicht mehr.
»Bei Gottes roten
Hoden, Drool, du hast den Grafensohn gemeuchelt! Wir werden alle
hängen!«
»Aber er wollte Mary
was tun!«
Mary saß neben dem
dahingesunkenen Edmund am Boden und kraulte ihm den Kopf, wo er
nicht blutig war. »Ich hätte ihn ohne weiteres
gefiedelt.«
»Er hätte dich glatt
umgebracht – auch ohne weiteres.«
»Ach, so sind die
Männer nun mal, oder? Sieh ihn dir an! Er ist doch ein ganz famoser
Bursche. Und reich ist er außerdem.« Sie zog etwas aus seiner
Tasche. »Was ist das?«
»So ist es recht,
Weib! Kaum ein Gedankenstrich zwischen Tränen und Plünderung. Gut,
besser dass er so weit noch unversehrt ist und die Fliegen nicht zu
frischerer Kost weitergezogen sind. Du scheinst mir in der Kirche
doch gut aufgehoben!«
»Nein, ich will ihm
nichts stehlen! Seht mal, ein Brief!«
»Gib
her!«
»Du kannst lesen?«
Ihre Augen wurden groß, als hätte ich ihr anvertraut, ich könne
Blei in Gold verwandeln.
»Ich bin in einem
Nonnenkloster aufgewachsen. Ich bin eine wandelnde Bibliothek,
gewandet in wohlgestaltes Leder, das sich auch recht hübsch
streicheln lässt, und stets zu Diensten, falls du deiner
mangelhaften Herkunft gern etwas Kultur angedeihen lassen möchtest,
oder umgekehrt natürlich.«
Da stöhnte Edmund und
rührte sich.
»Schockschwerenot!
Der Bastard lebt.«