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Der König bald ein Narr wohl sei
 
Und so ist Euer ergebener Narr nun König von Frankreich. Besser gesagt: von Frankreich, Britannien, der Normandie, der Bretagne, Belgien und Spanien. Vielleicht schon mehr. Ich habe Cordelia seit dem Frühstück nicht gesehen. Sie kann Angst und Schrecken verbreiten, wenn man nicht auf sie aufpasst, aber immerhin sorgt sie dafür, dass das Königreich funktioniert, und selbstverständlich bete ich sie an (wie immer schon).
Der brave Kent bekam seine Titel und Ländereien zurück, wurde außerdem zum Herzog von Cornwall ernannt und erhielt den dazugehörigen Besitz. Den schwarzen Bart und das blendende Aussehen, das er von den Hexen hatte, behielt er bei und scheint mittlerweile selbst davon überzeugt zu sein, dass er jünger und dynamischer ist, als er seinem wahren Alter nach eigentlich sein kann.
Albany hat seinen Titel und sein Land behalten und einen schriftlichen Treueschwur gegenüber Cordelia und mir geleistet, und ich glaube, dass er sich auch daran halten wird. Er ist ein anständiger, wenn auch etwas hölzerner Geselle, und da Goneril ihm nun nichts mehr in die Ohren bläst, wird er dem Weg der Tugend bestimmt folgen.
Curan haben wir den Titel eines Herzogs von Buckingham verliehen, und er fungiert als Regent Britanniens, wenn wir nicht auf der Insel weilen. Edgar nahm seinen Titel als Graf von Gloucester an und kehrte nach Hause zurück, wo er seinen Vater im Burgtempel bestattete, den dieser seinen zahlreichen Göttern zu Ehren errichtet hatte. Er gründete seine eigene Familie und wird zweifelsohne viele Söhne zeugen, die ihn – wenn sie groß sind – hintergehen oder die nach dem Vorbild ihres Vaters schlichte Tölpel werden.
Cordelia und ich leben in diversen Palästen überall im Reich, reisen mit peinlich großem Gefolge, zu dem sowohl Bubble und Squeak, als auch Shanker Mary und andere Getreue aus dem White Tower zählen. Ich habe einen mordsmäßig großen Thron, auf dem ich Hof halte, mit Drool (dem der Titel des Ministers für Reibung und Gelächter verliehen wurde) auf der einen und meinem Äffchen Jeff auf der anderen Seite. Wir lauschen den Klagen örtlicher Bauern und Kaufleute, und ich verkünde Richtersprüche, entscheide über Schadenersatz und spreche Urteile. Eine Weile ließ ich Äffchen Jeff die Urteile sprechen, während ich mit der Königin zu Mittag aß, indem ich ihm eine kleine Tafel mit einer Auswahl von Strafen gab, auf die er deuten konnte, doch das ging nicht lange gut, nachdem ich eines Nachmittags von einem verlängerten Lämmchenstündchen mit Cordelia wiederkam und feststellen musste, dass der kleine Racker das gesamte Dorf Beauvois wegen akuter Käsefälschung hatte aufknüpfen lassen. (Schon merkwürdig, aber Franzosen werden es verstehen. Die nehmen ihren Käse ausgesprochen ernst.) In den meisten Fällen lässt sich der Gerechtigkeit mit ein wenig verbaler Erniedrigung, Schimpfworten und pointiertem Sarkasmus Genüge tun, worin ich mich, wie sich herausstellen sollte, selbst übertreffe, sodass man mich als fairen und gerechten König sieht und ich von meinem Volk geliebt werde, selbst von den Froschnasen.
Momentan weilen wir in unserem Palast in der Gascogne, fast schon Nordspanien. Hübsch, aber sehr trocken. Erst heute sagte ich zur Froschkönigin Jeff (er und die Königin von Burgund sind zu Besuch): »Es ist hübsch, Jeff, aber scheißtrocken. Ich bin Engländer, ich brauche Feuchtigkeit. Ich glaube, ich werd spröde.«
»Es stimmt«, sagte Cordelia, »Feuchtigkeit zieht ihn magisch an.«
»Ja, nun, Liebling, wir wollen doch nicht vor Jeff darüber sprechen, oder? Oh, seht nur! Drool ist eine Erektion gewachsen! Fragen wir ihn doch, woran er gerade denkt! Auf dem Weg hierher hat er sich mit einer knorrigen Eiche vermählt. Hemmungsloses Baumfideln. Hat so viele Eicheln von den Zweigen geschüttelt, dass das ganze Dorf eine Woche lang genug zu essen hat. Sie wollten das Mondkalb mit einem besonderen Festtag ehren und ihn zum Baumfidelgott erklären – mehr Fruchtbarkeitssymbole als einem lieb sein kann, oder wie seh ich das …?«
»C’est la vie39«, sagte Jeff mit fehlerfrei unverständlichem Froschfresserisch.
Später, als ich der Öffentlichkeit Audienz gewährte, kamen drei steinalte, gebückte Gestalten in die Große Halle. Die Hexen aus dem Großen Wald von Birnam. Wahrscheinlich habe ich immer schon gewusst, dass sie eines Tages auftauchen würden. Drool rannte weg und versteckte sich in der Küche. Jeff sprang auf meine Schulter und kreischte sie an. (Jeff, das Äffchen, nicht die Königin.)
»Ein Jahr ist um für Hexen drei,
Den Lohn zu fordern steht uns frei«, sagte Rosemary, die grüne Hexe mit den Katzenkrallen.
»Arsch und Zwirn, seid Ihr schon wieder am Reimen?«
»In Not erhört, ein Eid gesprochen,
Auf seine Gage muss man pochen«, sprachen die Hexen im Chor.
»Hört endlich auf zu reimen!«, sagte ich. »Und Eure Lumpen sind viel zu warm für dieses Klima. Wenn Ihr nicht aufpasst, werdet Ihr noch Ausschlag an Euren Warzen kriegen.«
»Du wurdest König und deine wahre Liebe gebannt, damit sie für immer dein ist, Narr. Wir wollen nur, was uns zusteht«, sagte Sage, die Warzigste der drei.
»Zu Recht, zu Recht«, sagte ich. »Doch Cordelia musste nicht verzaubert werden, um mich zu lieben. Sie ist aus freien Stücken bei mir.«
»Kokolores«, sagte Parsley, die lange Hexe. »Wir haben dir drei Wolfsfürze für drei Schwestern gegeben.«
»Aye, aber den dritten habe ich benutzt, um Edgar von Gloucester zu verzaubern, damit er sich in eine Wäscherin namens Emma verliebt, die auf seiner Burg lebt. Süße Maid mit drallen Hupen. Sein Bastardbruder hatte sie misshandelt … Es schien mir nur fair.«
»Dennoch fand der Zauber Anwendung. Wir wollen unseren Lohn!«, sagte Rosemary.
»Selbstverfreilich! Ich besitze mehr Schätze, als ihr Vetteln schleppen könnt. Gold? Silber? Juwelen? Nur weiß Cordelia nichts von euren Manipulationen, und auch nicht, dass der Geist ihre Mutter war, und sie darf es auch nie erfahren. Willigt ein und nennt mir euren Lohn! Ich habe mich um wichtige, königliche Angelegenheiten zu kümmern, und mein Äffchen hat Hunger. Nennt euren Preis, Vetteln!«
»Spanien«, sagten die Hexen.
»Schockschwerenot!«, sagte Jones, die Puppe.
 
 
ENDE
Fool: Roman
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