25
Der König bald ein Narr wohl sei
Und so ist Euer
ergebener Narr nun König von Frankreich. Besser gesagt: von
Frankreich, Britannien, der Normandie, der Bretagne, Belgien und
Spanien. Vielleicht schon mehr. Ich habe Cordelia seit dem
Frühstück nicht gesehen. Sie kann Angst und Schrecken verbreiten,
wenn man nicht auf sie aufpasst, aber immerhin sorgt sie dafür,
dass das Königreich funktioniert, und selbstverständlich bete ich
sie an (wie immer schon).
Der brave Kent bekam
seine Titel und Ländereien zurück, wurde außerdem zum Herzog von
Cornwall ernannt und erhielt den dazugehörigen Besitz. Den
schwarzen Bart und das blendende Aussehen, das er von den Hexen
hatte, behielt er bei und scheint mittlerweile selbst davon
überzeugt zu sein, dass er jünger und dynamischer ist, als er
seinem wahren Alter nach eigentlich sein kann.
Albany hat seinen
Titel und sein Land behalten und einen schriftlichen Treueschwur
gegenüber Cordelia und mir geleistet, und ich glaube, dass er sich
auch daran halten wird. Er ist ein anständiger, wenn auch etwas
hölzerner Geselle, und da Goneril ihm nun nichts mehr in die Ohren
bläst, wird er dem Weg der Tugend bestimmt folgen.
Curan haben wir den
Titel eines Herzogs von Buckingham verliehen, und er fungiert als
Regent Britanniens, wenn wir nicht auf der Insel weilen. Edgar nahm
seinen Titel als Graf von Gloucester an und kehrte nach Hause
zurück, wo er seinen Vater im Burgtempel bestattete, den dieser
seinen zahlreichen Göttern zu Ehren errichtet hatte. Er gründete
seine eigene Familie und wird zweifelsohne viele Söhne zeugen, die
ihn – wenn sie groß sind – hintergehen oder die nach dem Vorbild
ihres Vaters schlichte Tölpel werden.
Cordelia und ich
leben in diversen Palästen überall im Reich, reisen mit peinlich
großem Gefolge, zu dem sowohl Bubble und Squeak, als auch Shanker
Mary und andere Getreue aus dem White Tower zählen. Ich habe einen
mordsmäßig großen Thron, auf dem ich Hof halte, mit Drool (dem der
Titel des Ministers für Reibung und Gelächter verliehen wurde) auf
der einen und meinem Äffchen Jeff auf der anderen Seite. Wir
lauschen den Klagen örtlicher Bauern und Kaufleute, und ich
verkünde Richtersprüche, entscheide über Schadenersatz und spreche
Urteile. Eine Weile ließ ich Äffchen Jeff die Urteile sprechen,
während ich mit der Königin zu Mittag aß, indem ich ihm eine kleine
Tafel mit einer Auswahl von Strafen gab, auf die er deuten konnte,
doch das ging nicht lange gut, nachdem ich eines Nachmittags von
einem verlängerten Lämmchenstündchen mit Cordelia wiederkam und
feststellen musste, dass der kleine Racker das gesamte Dorf
Beauvois wegen akuter Käsefälschung hatte aufknüpfen lassen. (Schon
merkwürdig, aber Franzosen werden es verstehen. Die nehmen ihren
Käse ausgesprochen ernst.) In den meisten Fällen lässt sich der
Gerechtigkeit mit ein wenig verbaler Erniedrigung, Schimpfworten
und pointiertem Sarkasmus Genüge tun, worin ich mich, wie sich
herausstellen sollte, selbst übertreffe, sodass man mich als fairen
und gerechten König sieht und ich von meinem Volk geliebt werde,
selbst von den Froschnasen.
Momentan weilen wir
in unserem Palast in der Gascogne, fast schon Nordspanien. Hübsch,
aber sehr trocken. Erst heute sagte ich zur Froschkönigin Jeff (er
und die Königin von Burgund sind zu Besuch): »Es ist hübsch, Jeff,
aber scheißtrocken. Ich bin Engländer, ich brauche Feuchtigkeit.
Ich glaube, ich werd spröde.«
»Es stimmt«, sagte
Cordelia, »Feuchtigkeit zieht ihn magisch an.«
»Ja, nun, Liebling,
wir wollen doch nicht vor Jeff darüber sprechen, oder? Oh, seht
nur! Drool ist eine Erektion gewachsen! Fragen wir ihn doch, woran
er gerade denkt! Auf dem Weg hierher hat er sich mit einer
knorrigen Eiche vermählt. Hemmungsloses Baumfideln. Hat so viele
Eicheln von den Zweigen geschüttelt, dass das ganze Dorf eine Woche
lang genug zu essen hat. Sie wollten das Mondkalb mit einem
besonderen Festtag ehren und ihn zum Baumfidelgott erklären – mehr
Fruchtbarkeitssymbole als einem lieb sein kann, oder wie seh ich
das …?«
»C’est la vie39«, sagte Jeff
mit fehlerfrei unverständlichem Froschfresserisch.
Später, als ich der
Öffentlichkeit Audienz gewährte, kamen drei steinalte, gebückte
Gestalten in die Große Halle. Die Hexen aus dem Großen Wald von
Birnam. Wahrscheinlich habe ich immer schon gewusst, dass sie eines
Tages auftauchen würden. Drool rannte weg und versteckte sich in
der Küche. Jeff sprang auf meine Schulter und kreischte sie an.
(Jeff, das Äffchen, nicht die Königin.)
»Ein Jahr ist um für Hexen drei,
Den Lohn zu fordern steht uns frei«, sagte
Rosemary, die grüne Hexe mit den Katzenkrallen.
»Arsch und Zwirn,
seid Ihr schon wieder am Reimen?«
»In Not erhört, ein Eid gesprochen,
Auf seine Gage muss man pochen«, sprachen die Hexen
im Chor.
»Hört endlich auf zu
reimen!«, sagte ich. »Und Eure Lumpen sind viel zu warm für dieses
Klima. Wenn Ihr nicht aufpasst, werdet Ihr noch Ausschlag an Euren
Warzen kriegen.«
»Du wurdest König und
deine wahre Liebe gebannt, damit sie für immer dein ist, Narr. Wir
wollen nur, was uns zusteht«, sagte Sage, die Warzigste der
drei.
»Zu Recht, zu Recht«,
sagte ich. »Doch Cordelia musste nicht verzaubert werden, um mich
zu lieben. Sie ist aus freien Stücken bei mir.«
»Kokolores«, sagte
Parsley, die lange Hexe. »Wir haben dir drei Wolfsfürze für drei
Schwestern gegeben.«
»Aye, aber den
dritten habe ich benutzt, um Edgar von Gloucester zu verzaubern,
damit er sich in eine Wäscherin namens Emma verliebt, die auf
seiner Burg lebt. Süße Maid mit drallen Hupen. Sein Bastardbruder
hatte sie misshandelt … Es schien mir nur fair.«
»Dennoch fand der
Zauber Anwendung. Wir wollen unseren Lohn!«, sagte
Rosemary.
»Selbstverfreilich!
Ich besitze mehr Schätze, als ihr Vetteln schleppen könnt. Gold?
Silber? Juwelen? Nur weiß Cordelia nichts von euren Manipulationen,
und auch nicht, dass der Geist ihre Mutter war, und sie darf es
auch nie erfahren. Willigt ein und nennt mir euren Lohn! Ich habe
mich um wichtige, königliche Angelegenheiten zu kümmern, und mein
Äffchen hat Hunger. Nennt euren Preis, Vetteln!«
»Spanien«, sagten die
Hexen.
»Schockschwerenot!«,
sagte Jones, die Puppe.
ENDE