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Der Drache und sein Grimm17
 
»Verzweifle nicht, mein Freund!«, sagte ich zu Taster. »Es steht nicht so grimmig, wie es aussieht. Der Bastard wird Edgar Einhalt gebieten, und ich bin mir relativ sicher, dass sich Frankreich und Burgund gegenseitig die Rosette pudern und nie im Leben zulassen würden, dass sich eine Prinzessin zwischen sie stellt, obwohl ich wetten möchte, dass sie sich ihre Garderobe borgen würden, wenn die nicht so gut bewacht würde – also sind wir gerettet. Cordelia wird im White Tower bleiben und mich piesacken wie eh und je.«
Wir befanden uns in einem Nebenraum abseits der Großen Halle. Taster saß da, den Kopf in die Hände gestützt, und sah blasser aus als sonst, mit einem Berg von Speisen vor sich auf dem Tisch.
»Der König mag keine Datteln, oder?«, fragte Taster. »Höchst unwahrscheinlich, dass er von den mitgebrachten Datteln isst, stimmt’s?«
»Sind die von Goneril und Regan?«
»Aye, die ganze Speisekammer ist voll.«
»Tut mir leid, Mann. Dann hast du ja wohl gut zu tun. Wieso bist du eigentlich nicht fett wie ein Mönch, bei allem, was du isst? Ist mir ein Rätsel.«
»Bubble meint, in meinem Po lebt eine ganze Kompanie Würmer, aber das stimmt nicht. Ich habe ein kleines Geheimnis, und wenn du es keinem weitersagst...«
»Sprich nur, Freund! Ich höre dir ohnehin kaum zu.«
»Und was ist mit dem da?« Er nickte zu Drool hinüber, der in der Ecke saß und eine der Burgkatzen streichelte.
»Drool!«, rief ich. »Ist Tasters Geheimnis bei dir sicher?«
»Er ist blöd wie Bohnenstroh«, sagte das Naturtalent mit meiner Stimme. »Drool ein Geheimnis anzuvertrauen, ist, als schüttete man bei Nacht Tinte ins Meer.«
»Da hörst du’s«, sagte ich.
»Nun...«, sagte Taster und sah sich um, als könnte irgendjemand unsere trübsinnige Gesellschaft suchen. »Ich fühle mich oft nicht gut.«
»Ist ja auch kein Wunder. Wir leben im finstersten Mittelalter, und alle Welt hat entweder Pest oder Syphilis. Aber du bist ja nicht leprös und wirfst Finger und Zehen ab wie eine Rose ihre Blütenblätter, oder?«
»Nein, so meine ist es nicht. Ich übergebe mich jedes Mal, wenn ich etwas gegessen habe.«
»Dann bist du also eine kleine Kotzekatze. Keine Sorge, Taster, du behältst es doch so lange bei dir, dass es dich im Zweifel töten würde, oder?«
»Ich glaube schon.« Er knabberte an einer gefüllten Dattel herum.
»Damit ist deiner Pflicht Genüge getan. Ende gut, alles gut! Doch zurück zu meiner Sorge: Hältst du Frankreich und Burgund für Schwuchteln, oder sind sie nur – du weißt schon – Franzosen?«
»Ich habe sie noch nie gesehen«, sagte Taster.
»Ach, ja, stimmt. Was ist mit dir, Drool? Drool? Lass das!«
Drool nahm das feuchte Kätzchen aus dem Mund. »Aber es hat zuerst geleckt. Du hast gesagt, es ist nur fair, wenn man...«
»Da habe ich von etwas völlig anderem gesprochen. Tu die Katze weg!«
Knarrend ging die schwere Tür auf, und der Graf von Kent schob sich herein, unauffällig wie eine Kirchenglocke, die eine Treppe herunterrollt. Kent ist ein breitschultriger Bulle von einem Kerl, und obwohl er sich angesichts seines großväterlichen Alters mit erstaunlicher Kraft bewegt, überlässt er Anmut und Feingefühl eher seinem jungfräulichen Gefolge.
»Da bist du ja, Junge!«
»Welcher Junge?«, sagte ich. »Ich sehe hier keinen Jungen.« Sicher, ich reichte Kent nur bis zur Schulter, und es wären zwei von mir und dazu ein Ferkel nötig, um ihm auf der Waage zu entsprechen, doch selbst ein Narr verlangt Respekt, nur natürlich nicht vom König.
»Schön, schön. Ich wollte dir nur raten, heute Abend nicht über anderer Leute Hinfälligkeit oder Alter zu scherzen. Der König redet schon die ganze Woche davon, dass er ›unbelastet ins Grab gehen‹ will. Ich glaube, ihn drückt die Last seiner Sünden.«
»Nun, wäre er nicht so hinkelsteinalt, fühlte man sich auch nicht versucht, ihn mit Häme zu überschütten, oder? Ist ja nicht meine Schuld.«
Da grinste Kent. »Pocket, du würdest doch nicht absichtlich deinen Herrn verletzen.«
»Aye, Kent, und da Goneril und Regan und ihre Lords in der Halle zugegen sind, besteht kein Anlass, sich auf geriatrische Witze zu beschränken. War das der Grund, wieso der König letzte Woche nur Euch allein zur Gesellschaft haben wollte? Um über sein Alter nachzusinnen? Dann hat er gar nicht vor, Cordelia zu vermählen?«
»Er sprach davon, doch nur im Zusammenhang mit seinem Vermächtnis... an Besitz und vor der Geschichte. Als ich ihn zuletzt sah, schien er gewillt, das Königreich zu sichern. Er bat mich hinauszugehen, um Edmund, dem Bastard, eine Privataudienz zu gewähren.«
»Er spricht mit Edmund? Allein?«
»Aye. Der Bastard verwies für die Gefälligkeit auf die vielen Jahre, die sein Vater schon dem König dient.«
»Ich muss zum König! Kent, seid so gut und bleibt hier bei Drool! Dort stehen Speis und Trank, wenn Ihr wollt. Taster, gib dem guten Kent die besten deiner Datteln! Taster? Taster? Drool, gib Taster einen Schubs! Anscheinend ist er eingeschlafen.«
Da erklang eine Fanfare, eine einzelne, anämische Trompete, nachdem die anderen drei Trompeter erst kürzlich dem Herpes zum Opfer gefallen waren. (Eine wunde Lippe ist für einen Trompeter genauso schlimm wie ein Pfeil im Auge. Der Haushofmeister hatte sie einschläfern lassen, oder vielleicht waren sie mittlerweile Trommler. Jedenfalls hatten sie keine Fanfare mehr, das wollte ich nur sagen.)
Drool setzte sein Kätzchen ab und stand auf.
»Nach Kränkung seiner Töchter drei
Der König bald ein Narr wohl sei«, lispelte der Riese mit weiblicher Stimme.
»Woher hast du das, Drool? Wer hat das gesagt?«
»Schön...«, sagte Drool und knetete die Luft mit seinen fleischigen Pranken, als liebkoste er die Brüste einer Frau.
»Gehen wir«, sagte Kent. Der alte Krieger riss die Tür zur Halle auf.
 
 
Sie standen alle um den großen Tisch herum – rund, nach der Tradition eines lang vergessenen Königs -, die Mitte offen, wo die Diener bedienten, Redner redeten und Drool und ich auftraten. Kent nahm seinen Platz in der Nähe des Königsthrones ein, ich stand mit ein paar Leibgardisten neben dem Feuer und winkte Drool, sich hinter einer der Steinsäulen zu verstecken, die das Gewölbe stützten. Narren haben keinen Platz am Tisch. Meist hockte ich dem König zu Füßen, bot während der Mahlzeit geistreiche Bemerkungen, Kritik und brillante Betrachtungen, doch erst wenn er mich hatte rufen lassen. Seit einer Woche hatte Lear nun schon nicht mehr nach mir verlangt.
Er betrat den Raum erhobenen Hauptes, sah jeden seiner Gäste finster an, bis sein Blick auf Cordelia fiel, und er lächelte. Er bedeutete allen, sich zu setzen, was sie taten.
»Edmund!«, sagte der König. »Holt die Prinzen von Frankreich und Burgund!«
Edmund verneigte sich vor dem König und buckelte rückwärts zum Haupteingang der Halle. Dann sah er herüber und winkte mir, ihm zu folgen. Furcht kroch in mir hoch wie eine schwarze Schlange. Was hatte der Bastard getan? Ich hätte ihm die Kehle durchschneiden sollen, als ich Gelegenheit dazu hatte.
Ich drückte mich an der Wand entlang, doch die Glöckchen an meinen Schuhspitzen trugen nur wenig dazu bei, mein Vorhaben zu verhehlen. Der König sah mich an, dann wandte er sich ab, als schimmelten seine Augen bei meinem Anblick.
Draußen vor der Tür nahm mich Edmund grob beiseite. Der lange Gardist an der Schwelle senkte seine Hellebarde einen Daumenbreit und sah den Bastard fragend an. Edmund ließ mich los und machte ein erstauntes Gesicht, als sei seinen eigenen Händen nicht zu trauen.
(Ich bringe den Soldaten Speis und Trank, wenn sie bei Festen Wache stehen. Ich glaube, es steht geschrieben in den Irrungen des Heiligen Pesto: »In neun von zehn Fällen bringt ein großer Freund mit Streitaxt wahren Segen.«)
»Was habt Ihr angerichtet, Bastard?«, flüsterte ich mit einigem Zorn und nicht wenig Speichel.
»Nur das, was du wolltest, Narr. Deine Prinzessin wird keinen Mann bekommen, das kann ich dir versichern, doch nicht mal deine Zauberei kann dich mehr schützen, falls du meine Strategie verraten solltest.«
»Meine Zauberei? Wie? Ach, der Geist!«
»Ja, der Geist und dieser Vogel. Als ich an den Zinnen entlanglief, schimpfte mich ein Rabe ›Wichser‹ und schiss mir auf die Schulter.«
»Tja, meine Günstlinge sind überall und nirgends«, sagte ich. »Ihr tut gut daran, meine Macht über die himmlischen Gestirne und die Geister und was weiß ich noch alles zu fürchten. Doch bevor ich irgendetwas Unangenehmes über Euch kommen lasse, verratet mir: Was habt Ihr dem König gesagt?«
Da lächelte Edmund, was mir mehr Sorgen machte als sein Schwert. »Heute früh belauschte ich, wie die Prinzessinnen untereinander über ihre Zuneigung zu ihrem Vater sprachen und erfuhr so manches über ihren Charakter. Ich deutete dem König gegenüber an, es könne seine Bürde erleichtern, wenn er davon wüsste.«
»Was wüsste?«
»Geh und finde es selbst heraus, Narr! Ich muss Cordelias Freier holen.«
Und er war fort. Die Wache hielt mir die Tür auf, und ich schlich wieder in die Halle und an einen Platz in der Nähe des Tisches.
Der König hatte, wie es schien, gerade eine Art Appell beendet und Freunde und Familie einzeln bei Hofe begrüßt, seine Verbundenheit mit einem jeden erklärt und sich in den Fällen Kent und Gloucester einer langen Geschichte gemeinsamer Schlachten und Eroberungen erinnert. Krumm, weißhaarig und hager ist der König, doch in seinen Augen brennt ein kaltes Feuer – sein Gesicht erinnert an einen Falken, dem man eben erst die Haube abgenommen hat, bereit zum Töten.
»Ich bin alt, und die Bürde von Besitz und Verantwortung lastet schwer auf mir. Da ich zukünftige Konflikte zu vermeiden suche, schlage ich vor, mein Reich unter jüngeren Kräften aufzuteilen, damit ich leichten Herzens zu Grabe kriechen kann.«
»Was könnte schöner sein als leichtherziges Grabeskriechen?«, raunte ich leise Cornwall zu, blöder Hammel, der er ist. Ich kauerte zwischen ihm und seiner Herzogin Regan. Prinzessin Regan: groß, schön, rabenschwarzes Haar, mit einer Schwäche für tief ausgeschnittene, rote Samtkleider und fiese Schurken, beides bedauernswerte Fehler, hätten sie dem Erzähler dieser Mär nicht auf so angenehme Weise zum Vorteil gereicht.
»Pocket, hast du die gefüllten Datteln bekommen, die ich dir geschickt habe?«, fragte Regan.
Und großzügig war sie auch.
»Schscht, Uschimuschi«, sagte ich. »Vater spricht.«
Cornwall zückte seinen Dolch, und ich schob mich am Tisch entlang zu Gonerils Seite hinüber.
Lear fuhr fort: »Diese Macht und diesen Besitz will ich zwischen meinen Schwiegersöhnen aufteilen – dem Herzog von Albany, dem Herzog von Cornwall und jenem Freier, der die Hand meiner geliebten Cordelia nimmt. Um jedoch zu entscheiden, wer den großzügigsten Anteil erhalten soll, frage ich meine Töchter: Wer von euch liebt mich am meisten? Goneril, meine Älteste, sprich du zuerst!«
»Keine Panik, Bärchen«, flüsterte ich.
»Lass mich nur machen, Narr«, fuhr sie mich an, und mit strahlendem Lächeln und nicht unerheblicher Anmut schritt sie außen um den großen Tisch herum zum offenen Kreis in der Mitte, wobei sie sich im Vorübergehen vor jedem Gast verneigte. Sie ist kleiner und etwas rundlicher als ihre Schwestern, an Busen und Turnüre großzügiger gepolstert, ihre Augen ein grauer, fast smaragdfarbener Himmel. Ihr Lächeln trifft das Auge des Betrachters wie Wasser die Zunge eines verdurstenden Matrosen.
Ich glitt auf ihren Stuhl. »Welch ansehnliches Geschöpf sie doch ist«, sagte ich zum Herzog von Albany. »Diese eine Brust, wie sie nur ein wenig seitlich absteht – wenn sie nackt ist, meine ich. Stört Euch das eigentlich? Man fragt sich doch, wohin sie blickt – ein bisschen wie ein Schielerich, bei dem man meint, er spräche stets mit jemand anderem.«
»Schweig, Narr!«, sagte Albany. Er ist fast zwanzig Jahre älter als Goneril, ein langweiliger Ziegenbock, wenn man mich denn fragen würde, doch in gewisser Weise nicht ein solcher Haderlump wie der durchschnittliche Edelmann. Ich verachte ihn nicht.
»Allerdings ist sie ja auch Teil eines Paares, keine verirrte Brust auf der Suche nach ihresgleichen. Ich mag eine gewisse Asymmetrie bei Frauen – macht mich nur misstrauisch, wenn Natürliches allzu ebenmäßig daherkommt. Aber es ist ja nicht so, als würdet Ihr eine Bucklige vögeln – ich meine, wenn sie erst mal auf dem Rücken liegt, kann man alle beide nicht recht dazu bewegen, einem in die Augen zu sehen, habe ich recht?«
»Halt endlich die Klappe!«, bellte Goneril, wobei sie ihrem Vater den Rücken zuwandte, was man niemals tun sollte. Unterirdische Kinderstube.
»Verzeihung. Fahrt fort!«, sagte ich und trieb sie mit Jones an, der fröhlich bimmelte.
»Sire«, sprach sie den König an. »Mehr lieb ich Euch als Worte je umfassen, weit inniger als Licht und Luft und Freiheit, weit mehr, als was für reich und selten gilt, wie Schmuck des Lebens, Wohlsein, Schönheit, Ehre, wie je ein Kind geliebt, ein Vater Liebe fand. Eine Liebe, die mir den Atem raubt, sodass ich kaum mehr sprechen kann. Ich liebe Euch mehr als alles auf der Welt, sogar Kuchen.«
»Ach, Mumpitz!«
Wer hatte das gesagt? Ich war mir relativ sicher, dass es nicht meine Stimme war, da sie nicht aus dem normalen Loch in meinem Gesicht kam, und Jones hatte auch nichts gesagt. Cordelia? Ich sprang von Gonerils Stuhl und hoppelte zur jüngeren Prinzessin hinüber, duckte mich, um weder die Aufmerksamkeit, noch fliegendes Besteck auf mich zu ziehen.
»Mumpitz, Mumpitz, Mumpitz!«, sagte Cordelia.
Lear – nach seinem Bad in blumigem Schwachsinn erfrischt – sagte: »Was?«
Da stand ich auf. »Nun, Sire, so liebenswert Ihr auch sein mögt – Myladys Gelübde strapaziert doch ihre Glaubwürdigkeit über Gebühr. Es ist ja kein Geheimnis, wie gern die kleine Muschi Kuchen nascht!« Eilig setzte ich mich wieder hin.
»Schweig, Narr! Haushofmeister, bringt mir die Karte!«
Meine Ablenkung war geglückt, des Königs Zorn hatte sich von Cordelia mir zugewandt. Sie nutzte die Gelegenheit, mir ihre Gabel ins Ohrläppchen zu stechen.
»Autsch!« Geflüstert, und doch energisch. »Tussi!«
»Bürschchen.«
»Hexe.«
»Ratte.«
»Hure.«
»Hurenbock.«
»Muss man bezahlt haben, um ein Hurenbock zu sein? Denn streng genommen...«
»Schscht!«, machte sie und grinste. Noch einmal stach sie mir ins Ohrläppchen, dann nickte sie zum König hinüber, um mir zu zeigen, dass wir lieber mal aufpassen sollten.
Der König deutete mit juwelenbesetztem Dolch auf die Karte. »Diese Ländereien – von hier bis hier – mit fruchtbarem Ackerland, fischreichen Flüssen und dichten Wäldern spreche ich auf ewig Goneril und ihrem Manne Albany und deren Nachwuchs zu. Nun wollen wir von unserer zweiten Tochter hören. Liebste Regan, vermählt mit Cornwall... sprich!«
Regan machte sich auf den Weg in die Mitte und blickte im Vorübergehen auf ihre ältere Schwester Goneril herab, als wollte sie sagen: »Dir werd ich’s zeigen.«
Sie breitete die Arme aus, ihre langen Samtärmel schleiften über den Boden, bis sie aussah wie ein prallbusiges Kruzifix. Sie blickte zur Decke auf, als suchte sie Inspiration bei den himmlischen Gestirnen höchstpersönlich, dann verkündete sie: »Ganz meine Meinung.«
»Hä?«, sagte der König, und – fürwahr – das »Hä« hallte durch die ganze Halle.
Regan merkte, dass sie möglicherweise fortfahren sollte. »Meine Schwester hat exakt meinem Empfinden Ausdruck verliehen – als hätte sie einen Blick auf meine Notizen geworfen. Nur liebe ich Euch noch mehr. Meine Sinne scheitern. Nichts berührt mich außer Eurer Liebe.« Sie verbeugte sich und sah sich um, wollte wissen, ob man es ihr abkaufte.
»Ich kotz gleich«, sagte Goneril etwas lauter als vonnöten, ganz wie das Keuchen und Würgen, dessen sie sich daraufhin befleißigte.
Um abzulenken, stand ich auf und sagte: »Ich könnte mir vorstellen, dass nicht allein die Liebe seiner Majestät sie berührt hat. Ich meine, allein hier in diesem Raum wüsste ich namentlich mindestens...«
Der König warf mir seinen besten Muss ich dich erst köpfen?-Blick zu, und ich schwieg. Er nickte und betrachtete seine Karte. »Regan und Cornwall hinterlasse ich dieses Drittel des Königreichs, weder kleiner noch weniger wertvoll als jenes, das ich Goneril übertrug. Nun, Cordelia, unsere Freude, der so viele begehrte, junge Edelmänner den Hof machen. Was sagst du, um dir ein reicheres Drittel als die Schwestern zu gewinnen?«
Cordelia blieb vor ihrem Stuhl stehen, trat nicht in die Mitte des Raumes wie ihre Schwestern. »Nichts«, sagte sie.
»Nichts?«, fragte der König.
»Nichts.«
»Von nichts kommt nichts«, sagte Lear. »Sprich noch einmal.«
»Nun, Ihr könnt es ihr nicht übel nehmen, oder?«, warf ich ein. »Ich meine, schließlich habt Ihr alles Gute Goneril und Regan übertragen. Übrig ist ein Stück von Schottland, das so steinig ist, dass selbst die Schafe dort verhungern, und diesen versifften Fluss bei Newcastle.« Ich hatte mir die Freiheit genommen, an die Karte zu treten. »Ich würde sagen, nichts ist eine gute Verhandlungsbasis. Ihr solltet mit Spanien kontern, Majestät.«
Daraufhin trat Cordelia in die Mitte. »Verzeiht mir, Vater, dass ich mein Herz nicht auf den Lippen tragen kann wie meine Schwestern. Ich liebe Euch, wie’s meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder.«
»Bedenke, was du sagst, Cordelia!«, sagte Lear. »Deine Mitgift schmilzt dahin mit jedem Wort.«
»Mylord, Ihr zeugtet, pflegtet, liebtet mich. Und ich erwidre diese Wohltat, wie ich muss: Ich gehorche, lieb und ehr Euch hoch. Doch wie können meine Schwestern sagen, sie liebten Euch über alles? Sie haben Männer. Müssen sie denn nicht auch für sie etwas Liebe bewahren?«
»Ja, aber hast du ihre Männer denn mal kennengelernt?«, sagte ich. Mancherorts wurde am Tisch geknurrt. Wie kann man sich Edelmann schimpfen, wenn man grundlos bei jeder Gelegenheit zu knurren anfängt? Ist doch unzivilisiert.
»Seid versichert: Wenn ich heirate, bekommt mein Mann mindestens die Hälfte meiner Aufmerksamkeit und auch die Hälfte meiner Liebe. Würde ich etwas anderes sagen, wäre es gelogen.«
Das war Edmunds Werk, da war ich sicher. Irgendwie hatte er gewusst, dass Cordelia diese Antwort geben würde, und hatte den König dazu bewegt, die Frage zu stellen. Und sie wusste nicht, dass ihr Vater die ganze Woche schon mit seiner Sterblichkeit und seinem Ruf gerungen hatte. Ich hüpfte hinüber zur Prinzessin und flüsterte: »Jetzt zu lügen wäre mutig. Bereue später! Wirf dem alten Mann einen Knochen hin, Mädchen!«
»So also empfindest du?«, fragte der König.
»Aye, Mylord. Genau so.«
»So jung und so unzärtlich«, sagte Lear.
»So jung, Mylord, und so ehrlich«, sagte Cordelia.
»So jung und so saublöd«, sagte Jones, die Puppe.
»Gut, mein Kind, so sei es. Nimm deine Wahrheit denn als Mitgift. Bei den Strahlen der Sonne, der Finsternis der Nacht, bei allen Heiligen, der Mutter Gottes, den Sternen am Himmel und der Natur höchstselbst, enterbe ich dich hiermit.«
In Fragen der Spiritualität ist Lear – nun ja – flexibel. Braucht er einen Fluch oder einen Segen, ruft er gelegentlich Götter aus einem halben Dutzend Pantheons an, um sicherzugehen, dass er auch bei demjenigen Gehör findet, der an diesem Tag gerade Wache schiebt.
»Weder Bauten, noch Land und Titel sollen dein sein. Kannibalen aus dem finstersten Merica, die ihre Jungen auf dem Fleischmarkt feilbieten, sollen mir näherstehen als du, einstmalige Tochter!«
Das nahm mich dann doch Wunder. Niemand hatte bisher einen Mericaner zu Gesicht bekommen, da sie Gestalten aus den alten Sagen sind. Der Legende nach verkauften sie im Namen des Mammons ihre zerlegten Kinder auf dem Markt. Das war allerdings, bevor sie die Welt niederbrannten. Da in nächster Zukunft kein Staatsbesuch von irgendwelchen Händlerkannibalen der Apokalypse zu erwarten stand, schien mein Lehnsherr die Metapher entweder missbräuchlich zu verwenden, oder er sprach mit der Zunge eines tollwütigen Tors.
Da stand Kent auf. »Edler König!«
»Setzt Euch, Kent!«, bellte der König. »Tretet nicht zwischen den Drachen und seinen Grimm. Sie war mir die Liebste, und ich hoffte, sie würde mich an meinem Lebensabend pflegen, doch da sie mich nicht genügend liebt, wird es nur im Grab für Lear noch Frieden geben.«
Cordelia wirkte eher verdutzt als verletzt. »Aber, Vater...«
»Aus den Augen mir! Wo ist Frankreich? Wo ist Burgund? Bringt diese Angelegenheit zu einem Ende! Goneril, Regan, der Anteil eurer jüngsten Schwester wird unter euch aufgeteilt. Soll Cordelia ihren Stolz heiraten. Cornwall und Albany sollen die Macht und den Besitz eines Königs gleichmäßig unter sich aufteilen. Ich will nur meinen Titel behalten und genug Einkommen, um hundert Ritter und deren Knappen zu ernähren. Ihr sollt mich von Monat zu Monat in Euren Burgen beherbergen. Das Königreich jedoch soll Euer sein!«
»Lear, mein König, das ist Wahnsinn!« Wieder dieser Kent, und jetzt lief er um den Tisch zur Mitte hin.
»Vorsicht, Kent!«, sagte Lear. »Der Bogen meines Zorns ist schon gespannt. Lasst mich den Pfeil nicht abschießen!«
»Schießt, wenn Ihr müsst! Ihr würdet mich töten, weil ich so kühn bin, Euch zu sagen, dass Ihr den Verstand verloren habt? Die größte Treue ist, dass ein Getreuer den Mut hat, offen auszusprechen, dass sein Führer der Torheit anheimfällt. Überdenkt Euren Entschluss, Sire. Eure jüngste Tochter liebt Euch nicht weniger, weil sie schweigt, und jene, die am lautesten sprechen, sind nicht die Ehrlichsten.«
Erzürnt sprangen die älteren Schwestern und ihre Männer auf. Kent warf ihnen finstere Blicke zu.
»Schweigt, Kent!«, warnte der König. »Bei Eurem Leben, kein Wort mehr!«
»Was war mein Leben jemals anderes als etwas, das ich im Dienst für Euch riskierte? Um Euch zu schützen. Bedroht mein Leben, wenn Ihr wollt, es wird mich nicht daran hindern, Euch zu sagen, dass Ihr einen Fehler begeht, Sire!«
Da wollte Lear sein Schwert zücken, und ich wusste, er hatte endgültig alle Urteilsfähigkeit eingebüßt, wenn das nicht bereits klar gewesen war, als er sich gegen seine liebste Tochter und den engsten Freund und Berater gewandt hatte. Falls Kent sich verteidigte, würde sein Schwert den alten Mann zerschneiden wie eine Sense einen Weizenhalm. Es ging alles viel zu schnell, als dass ein Narr des Königs Klinge noch mit einem Scherz aufhalten konnte. Mir blieb nur zuzusehen. Doch Albany lief eilig am Tisch entlang und hielt des Königs Hand zurück, schob sein Schwert in die Scheide.
Da grinste Kent, der alte Bär, und ich sah, dass er seine Klinge gar nicht gegen den Alten erhoben hätte. Er wäre sogar in den Tod gegangen, um dem König seinen Standpunkt zu vermitteln. Und es schien, als wüsste das auch Lear, doch sprach keine Gnade aus seinem Blick. Sein Wahnsinn war bitterkalt. Er riss sich von Albany los, und der Herzog wich zurück.
Als Lear dann wieder sprach, tat er es mit leiser, beherrschter Stimme, wie gelähmt vor Hass: »Hör mir zu, verräterisches Frettchen! Niemand zweifelt meine Autorität an, meine Entscheidung, meinen Eid – solches auf britischem Boden zu tun, bedeutet den Tod, und im Rest der uns bekannten Welt bedeutet es Krieg. Das lasse ich nicht zu. Angesichts Eurer Jahre in meinen Diensten schenke ich Euch das Leben, doch nur Euer Leben, und das nie mehr unter meinen Augen. Ihr habt fünf Tage, Kent, Euch auszurüsten. Am sechsten Tag kehrt Ihr unserem Königreich für immer den Rücken. Sind zwölf Tage vergangen und Ihr seid immer noch im Land, habt Ihr Euer Leben verwirkt. Nun geht! So lautet mein Erlass, und er wird niemals widerrufen.«
Kent war erschüttert. Das war nicht der Dolchstoß, den er erwartet hatte. Er verneigte sich. »Lebt wohl, mein König. Ich gehe, weil ich es gewagt habe, Eure Macht in Frage zu stellen, die Ihr für eine schmeichlerische Zunge verschenkt.« Dann wandte er sich an Cordelia. »Sei guten Mutes, Mädchen, du hast die Wahrheit gesagt und nichts falsch gemacht! Mögen die Götter dich beschützen!« Er machte auf dem Absatz kehrt, wandte dem König den Rücken zu, was man von ihm noch nie gesehen hatte, und marschierte hinaus, hielt nur kurz inne, um Regan und Goneril anzusehen. »Gut gelogen, intrigantes Weibsvolk!«
Am liebsten hätte ich dem alten Recken applaudiert, ihm ein Gedicht geschrieben, doch es herrschte Schweigen in der Halle, und die große Eichentür, die hinter Kent ins Schloss fiel, hallte wie der erste Donner eines Sturmes, der die Welt zerbrechen sollte.
»Nun...«, sagte ich und tänzelte in die Mitte des Tisches. »Ich denke, das lief in etwa so gut, wie zu erwarten war.«
Fool: Roman
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