20
 
Ein hübsches kleines Ding
 
Einen Tag lang stapften Drool und ich durch kalten Regen, über Berg und Tal, durch Heidekraut und über Straßen, die kaum mehr als morastige Räderfurchen waren. Drool gab sich heiter, was angesichts der finsteren Machenschaften durchaus bemerkenswert war – jedoch ist Unbeschwertheit wohl ohnehin der Segen eines Idioten. Er sang und platschte fröhlich durch die Pfützen. Besonnenheit und Wachsamkeit lasteten auf meinen Schultern, sodass verschärftes Grollen und Schmollen meiner Stimmung besser angemessen schien. Ich bereute, dass ich keine Pferde gestohlen, keine Umhänge aus Öltuch besorgt, keine Feuerutensilien mitgenommen und Edmund nicht gemeuchelt hatte, bevor unsere Reise begann. Letzteres – unter anderem -, weil ich nicht auf Drools Schultern reiten konnte, da sein Rücken noch wund von Edmunds Schlägen war. Bastard.
Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich nach einigen Tagen, in denen ich den Elementen ausgesetzt war (zum ersten Mal seit meiner Zeit bei Belette und dem reisenden Mummenschanz vor vielen Jahren), zu dem Schluss kam, dass ich ein Drinnen-Narr bin. Meine schlanke Gestalt wehrt die Kälte nicht gut ab, und sie scheint mir auch nicht besser gerüstet zu sein, wenn es darum geht, Wasser abzuschütteln. Ich fürchte, für einen Draußen-Narren bin ich zu saugfähig. In der Kälte wird meine Singstimme kratzig, meine Scherze büßen im Wind ihren Scharfsinn ein, und wenn die herzlose Kälte meine Muskeln lähmt, bin ich ein beschissener Jongleur. Ich bin den Stürmen nicht gewachsen, für Gewitter nicht gedacht – ich bin gemacht für Feuerherd und Federbett. O warmer Wein, warmes Herz, warmes Weib, wo seid ihr? Armer, frierender Pocket, nicht mehr als eine elend nasse Ratte ist er noch!
Meilenweit wanderten wir durch die Dunkelheit, bis wir Bratenduft witterten und in der Ferne das rötliche Licht eines öltuchverhangenen Fensters sahen.
»Guck mal, Pocket, ein Haus«, sagte Drool. »Wir können am Feuer sitzen und kriegen vielleicht ein warmes Abendbrot.«
»Wir haben kein Geld, Kleiner, und nichts, was wir mit den Leuten tauschen könnten.«
»Wir bieten ihnen einen Scherz für unser Abendbrot, wie sonst auch.«
»Mir fällt nichts Amüsantes ein, Drool. Akrobatik kommt heute nicht in Frage, meine Finger sind zu steif, um Jones’ Mundfaden zu bewegen, und ich bin zu müde, auch nur eine einzige Geschichte zu erzählen.«
»Wir können ja mal fragen. Vielleicht sind sie nett.«
»Das ist ja wohl ein aufgeblähter Beutel Windwichse, oder was?«
»Könnte aber sein«, beharrte der Simpel. »Bubble hat mir mal ein Stück Kuchen geschenkt, ganz ohne dass ich was scherzen sollte. Hat ihn mir einfach gegeben, weil sie ein gutes Herz hat.«
»Gut, gut. Wir wollen auf ihre Güte bauen, doch sollte der Versuch misslingen, halte dich bereit, ihnen den Schädel einzuschlagen und ihr Abendbrot mit Gewalt an dich zu reißen.«
»Was ist, wenn es viele sind? Willst du denn nicht helfen?«
Ich zuckte mit den Schultern und deutete auf meine ermattete Gestalt. »Klein und kaputt, mein Freund. Klein und kaputt. Wenn ich schon zu schwach bin, ein Puppenspiel aufzuführen, musst du die Hirnzubreischlagpflicht wohl notgedrungen übernehmen. Such dir einen stabilen Knüppel aus dem Feuerholz. Da drüben liegt ein ganzer Stapel!«
»Ich möchte aber niemandem den Schädel einschlagen«, sagte der sture Bock.
»Schön. Hier, nimm eines von meinen Messern…!« Ich reichte ihm eine Klinge. »Gib jedem, der es darauf abgesehen hat, eine ordentliche Dolchung!«
In diesem Augenblick ging die Tür auf. Eine weißhaarige Gestalt trat heraus und hob eine Sturmlaterne hoch. »Wer wandelt dort?«
»Entschuldigt, Herr«, sagte Drool. »Wir haben gerade überlegt, ob Sie wohl heute Abend eine ordentliche Dolchung brauchen können?«
»Gib her!« Ich riss dem Trottel das Messer aus der Hand und versteckte es hinter meinem Rücken.
»Verzeihung, Sir, der Depp beliebt zu scherzen. Wir suchen Schutz vor dem Sturm und vielleicht ein heißes Mahl. Wir haben nur Brot und etwas Käse, doch wir wollen gern alles teilen, wenn Ihr uns Obdach gewährt.«
»Wir sind Narren«, sagte Drool.
»Halt den Mund, Drool! Das sieht er doch an meinem Aufzug und deinem leeren Blick.«
»Tritt ein, Pocket von Dog Snogging!«, sagte die gebückte Gestalt. »Stoß dir nicht den Kopf, Drool!«
»Wir sind geliefert«, sprach ich und schob Drool vor mir durch die Tür.
 
 
Der Hexen drei. Parsley, Sage und Rosemary. O nein, nicht im großen Wald von Birnam, wo sie normalerweise hingehören, wo man davon ausgehen kann, dass man ihnen begegnet, sondern hier in Gloucestershire, in einer warmen Hütte abseits der Straße zwischen den Dörfern Tossing Sod und Bongwater Crash? Ein fliegendes Haus vielleicht? Es heißt doch, Hexen fürchten sich vor solchen Bauten.
»Ich dachte, Ihr seid ein alter Mann, dabei seid Ihr eine alte Frau«, sagte Drool zu der Hexe, die uns hereingelassen hatte.
»Bitte keine Beweise«, sagte ich aus Sorge, eine der Hexen wolle bekunden, welchen Geschlechts sie war, indem sie ihren Rock lüpfte. »Der Bursche hat in letzter Zeit genug gelitten.«
»Etwas Süppchen?«, sagte die Vettel Sage, die Warzige. Über dem Feuer hing ein kleiner Topf.
»Ich habe gesehen, was ihr in das Süppchen getan habt.«
»Süppchen, Süppchen,
Beinah blau«, sagte die große Hexe, Parsley.
»Ja, bitte«, sagte Drool.
»Das ist kein Süppchen«, sagte ich. »Sie reden nur so, weil es sich reimt, aber das ist kein Süppchen.«
»Doch, es ist ein Süppchen«, sagte Rosemary. »Rindfleisch und Möhren und so Zeug.«
»Stimmt leider«, sagte Sage.
»Keine Fledermausflügel, Lustmolchaugen, Bauchspeicheldrüsen von Schwanzlurchen und so?«
»Ein paar Zwiebeln«, sagte Parsley.
»Mehr nicht? Keine Zauberkräfte? Keine Geister? Kein Fluch? Ihr taucht hier auf, mitten in der Walachei – nein, am ausgeleierten Saum der Unterhose, die im Arsch der Walachei klemmt -, und habt nichts Besseres zu tun, als den Deppen und mich durchzufüttern und uns Gelegenheit zu geben, uns kurz aufzuwärmen?«
»Aye, so ungefähr«, sagte Rosemary.
»Warum?«
»Uns fiel nichts ein, was sich auf Zwiebeln reimt«, sagte Sage.
»Aye, was die Zauberei anging, waren wir ganz schön gearscht, als die Zwiebeln drin waren«, sagte Parsley.
»Offen gestanden wussten wir nach Bregen nicht mehr weiter, stimmt’s?«, sagte Rosemary.
»Ja, da blieb nur Regen«, überlegte Sage und blickte mit ihrem einen Auge zur Decke. »Und Mägen, obwohl das streng genommen kein richtiger Reim ist.«
»Genau«, sagte Parsley. »Man weiß nie, was für einen zwielichtigen Geist man ruft, wenn man so einen Reim zusammenzimmert. Regen. Mägen. Ist doch peinlich.«
»Süppchen, bitte«, sagte Drool.
Ich ließ zu, dass uns die Hexen bekochten. Das Süppchen war heiß und schwer und gnadenreicherweise frei von jedweden Amphibien und Leichenteilen. Wir brachen das letzte Brot, das Curan uns gegeben hatte, und teilten es mit den Vetteln, die einen Krug von schwerem Wein hervorzauberten und allen einschenkten. Ich wärmte mich innerlich und äußerlich, und zum ersten Mal seit Tagen – so schien es mir – waren meine Schuhe und Kleider trocken.
»Und wie läuft’s so?«, fragte Sage, nachdem wir je zwei Becher Wein intus hatten.
Ich zählte die Kalamitäten an meinen Fingern ab: »Lear seiner Ritter beraubt. Bürgerkrieg zwischen seinen Töchtern, Frankreich einmarschiert, Herzog von Cornwall ermordet, Graf von Gloucester erblindet, jedoch wieder mit seinem Sohn vereint, der völlig durchgeknallt ist, die Schwestern verzaubert und in den Bastard Edmund verliebt …«
»Ich hab sie ordentlich gebumfidelt«, fügte Drool hinzu.
»Ja, Drool hat sie rangenommen, bis beide kaum noch laufen konnten, und – mal überlegen – Lear wandert durch die Moore und sucht Zuflucht bei den Franzosen in Dover.« Da ist ordentlich was geboten.
»Dann leidet Lear?«, fragte Parsley.
»Sehr sogar«, sagte ich. »Ihm ist nichts geblieben. Er ist tief gefallen, vom König eines Reiches zum obdachlosen Bettler, innerlich zerfressen von Reue für Taten, die er vor langer Zeit begangen hat.«
»Dann hast du also Mitleid mit ihm, Pocket?«, fragte Rosemary, die arme Hexe mit den Katzenkrallen.
»Er hat mich vor einem grausamen Meister gerettet und auf seiner Burg leben lassen. Ein voller Magen und ein warmer Kamin erschweren es, den Zorn aufrechtzuerhalten.«
»Stimmt wohl«, sagte Rosemary. »Trink noch etwas Wein!«
Sie schenkte mir ein wenig dunkle Flüssigkeit in meinen Becher. Ich nippte daran. Sie schmeckte stärker, wärmer als vorher.
»Wir haben ein Geschenk für dich, Pocket.« Rosemary holte hinter sich ein kleines Lederkästchen hervor und klappte es auf. Darin befanden sich vier steinerne Fläschchen, zwei rote und zwei schwarze. »Die wirst du brauchen.«
»Was ist das?« Vor meinen Augen verschwamm alles. Ich hörte die Stimmen der Hexen und Drools Schnarchen, doch das alles schien mir in weiter Ferne wie in einem Tunnel.
»Gift«, sagte die Hexe.
Es war das letzte Wort, das ich von ihr hörte. Die Kammer war weg, und ich fand mich auf einem Baum an einem stillen Fluss bei einer steinernen Brücke wieder. Ich sah, dass Herbst war, da die Blätter sich verfärbten. Unter mir wusch ein Mädchen von wohl sechzehn Jahren Kleider in einem Eimer am Ufer des Flusses. Sie war ein zierliches Ding, und ihrer Größe nach zu urteilen, hätte ich sie für ein Kind gehalten, doch ihre Figur war ausgesprochen weiblich – perfekt proportioniert, nur im Maßstab eine Größe kleiner als die meisten.
Das Mädchen blickte auf, als hätte sie etwas gehört. Ich folgte ihrem Blick die Straße hinunter zu einer Kolonne reitender Soldaten. Zwei Ritter ritten dem Trupp voraus, gefolgt von etwa einem Dutzend Männern. Sie kamen unter meiner Eiche hindurch und gönnten den Pferden auf der Brücke eine Rast.
»Sieh sie dir an!«, sagte der dickere der beiden Ritter und nickte zu dem Mädchen hinüber. Ich hörte seine Stimme, als wäre sie in meinem Kopf. »Hübsches, kleines Ding.«
»Nimm sie dir!«, sagte der andere. Ich erkannte die Stimme sofort und sah das Gesicht vor mir, merkte, wer es war. Lear – jünger, kräftiger, längst nicht so grau, und doch Lear, ganz ohne Frage. Die Adlernase, die kristallblauen Augen. Er war es.
»Nein«, sagte der jüngere Mann, »wir müssen bei Einbruch der Dunkelheit in York sein. Wir haben keine Zeit, ein Wirtshaus zu suchen.«
»Komm her, Mädchen!«, rief Lear.
Das Mädchen stieg vom Ufer zur Straße hinauf, mit gesenktem Blick.
»Hierher!«, bellte Lear. Das Mädchen eilte über die Brücke, bis es direkt vor ihm stand.
»Weißt du, wer ich bin, Mädchen?«
»Ein Edelmann, Sir.«
»Ein Edelmann? Ich bin dein König, Mädchen. Ich bin Lear.«
Das Mädchen fiel auf die Knie und hielt die Luft an.
»Das hier ist Canus, der Herzog von York, der Prinz von Wales, Sohn König Bladuds, Bruder König Lears, und er will dich haben.«
»Nein, Lear!«, sagte der Bruder. »Das ist Wahnsinn.«
Inzwischen zitterte das Mädchen.
»Du bist des Königs Bruder und kannst dir nehmen, wen du willst, wann du willst«, sagte Lear. Er stieg von seinem Pferd. »Steh auf, Kind!«
Sie tat es, als erwartete sie, geschlagen zu werden. Lear nahm ihr Kinn in seine Hand und hob es an. »Du bist ein hübsches Ding. Sie ist ein hübsches Ding, Canus, und sie gehört mir. Ich schenke sie dir.«
Die Augen des Königsbruders wurden groß, und Begehren sprach aus ihnen, doch er sagte: »Nein, wir haben keine Zeit …«
»Auf der Stelle!«, brüllte Lear. »Du nimmst sie dir auf der Stelle!«
Mit diesen Worten packte Lear das Mädchen vorn am Kleid und zerriss es, legte ihre Brüste frei. Als sie sich bedecken wollte, drückte er ihre Arme auseinander. Dann hielt er sie fest und bellte Kommandos, während sein Bruder sie auf dem breiten, steinernen Geländer der Brücke schändete. Als Canus fertig war und atemlos zwischen ihre Beine sank, stieß Lear ihn beiseite, hob das Mädchen an der Taille hoch und warf es über das Geländer in den Fluss.
»Säubere dich!«, rief er. Dann klopfte er seinem Bruder auf die Schulter. »Sie soll dich heute Nacht nicht bis in deine Träume verfolgen. Alle Untertanen sind des Königs Eigentum, und es steht mir frei, sie zu verschenken, Canus. Du kannst alle Frauen haben, bis auf eine.«
Sie stiegen auf ihre Pferde und ritten davon. Lear hatte nicht einmal nachgesehen, ob das Mädchen schwimmen konnte.
Ich konnte mich nicht rühren, konnte nicht schreien. Während das Mädchen vergewaltigt wurde, hatte ich mich gefühlt, als wäre ich an einen Baum gefesselt. Jetzt beobachtete ich, wie sie aus dem Fluss kroch, ihr Kleid in Fetzen hinter ihr, und sich schluchzend am Ufer zusammenrollte.
Plötzlich wurde ich aus dem Baum gerissen wie eine Feder von einer verirrten Bö, und ich landete auf dem Dach eines zweistöckigen Hauses in einem Dorf. Es war Markttag, und alle waren auf den Beinen, wanderten von Karren zu Karren, von Tisch zu Tisch, feilschten um Fleisch und Gemüse, Töpferwaren und Werkzeug.
Ein Mädchen stolperte die Straße entlang, ein hübsches kleines Ding, vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt, mit einem winzigen Säugling im Arm. Sie blieb an jeder Bude stehen und zeigte ihr Kind her, doch die Dorfbewohner belohnten sie nur mit dreckigem Gelächter und schickten sie zur nächsten Bude.
»Er ist ein Prinz«, sagte sie. »Sein Vater war ein Prinz.«
»Geh weiter, Mädchen! Du bist verrückt. Kein Wunder, dass dich niemand will, Dirne.«
»Aber er ist ein Prinz!«
»Er sieht aus wie ein ertränkter Welpe, Metze. Du hast Glück, wenn er die Woche überlebt.«
Von einem Ende des Dorfes zum anderen wurde sie verspottet und verhöhnt. Eine Frau, die offenbar des Mädchens Mutter war, wandte sich nur ab und verbarg ihr Gesicht vor Scham.
Ich schwebte über dem Mädchen, als es zum Rand des Dorfes lief, über die Brücke, auf der man es geschändet hatte, und hinauf zu einer Siedlung steinerner Bauten, eines davon mit hohem Turm. Eine Kirche. Es lief bis vor die breiten Doppeltüren und legte das Kind dort auf die Stufen. Ich erkannte diese Türen, ich hatte sie schon tausendmal gesehen. Es war der Eingang zur Abtei von Dog Snogging. Das Mädchen rannte fort, und ich sah, wie ein paar Minuten später die Türen aufgingen und eine breitschultrige Nonne sich bückte und das schreiende Kind aufhob. Mutter Basil hatte den Kleinen gefunden.
Plötzlich war ich wieder am Fluss, und das Mädchen, das hübsche kleine Ding, stand auf dem breiten, steinernen Brückengeländer, bekreuzigte sich und sprang hinein. Die Kleine schwamm nicht. Die Fluten schlugen über ihr zusammen.
Meine Mutter.
Als ich erwachte, hatten sich die Hexen um mich versammelt, als wäre ich eine feiste Pastete, frisch aus dem Ofen, und sie wären ausgehungerte Pastetenhuren.
»Dann bist du also ein Bastard«, sagte Parsley.
»Und ein Waisenkind«, sagte Sage.
»Beides gleichzeitig«, sagte Rosemary.
»Überrascht?«, fragte Parsley.
»Lear ist wohl doch nicht ganz der komische, alte Kauz, für den du ihn gehalten hast, hm?«
»Ein waschechter Bastard bist du!«
Ich würgte ein wenig, als Reaktion auf den kollektiven Atem der Vetteln, und setzte mich auf. »Könntet ihr vielleicht ein Stückchen abrücken, ihr ekligen Kadaver?«
»Nun, streng genommen ist nur Rosemary ein Kadaver«, sagte Parsley, die lange Hexe.
»Ihr habt mich unter Drogen gesetzt und mir diesen Albtraum geschickt.«
»Aye, wir haben dich unter Drogen gesetzt. Aber du hast nur durch ein Fenster in die Vergangenheit geschaut. Da war nur zu sehen, was wirklich geschehen ist.«
»Endlich hast du mal deine Mutti zu sehen bekommen, was?«, sagte Rosemary. »Wie schön für dich!«
»Ich musste mit ansehen, wie sie vergewaltigt und in den Tod getrieben wurde, du wirres Weib!«
»Du musstest es wissen, kleiner Pocket, bevor du gen Dover reitest.«
»Dover? Ich reite nicht gen Dover. Ich verspüre keinen Drang, Lear zu begegnen.« Noch während ich es sagte, spürte ich, wie mir die nackte Angst über den Rücken fuhr – wie die Spitze eines Dorns. Ohne Lear war ich kein Narr mehr. Ich hatte weder Sinn noch Zweck. Ich hatte kein Zuhause. Doch nach allem, was er getan hatte, musste ich irgendwie anders durchkommen. »Ich könnte Drool vermieten, zum Felder pflügen und Wollballen schleppen und so. Wir werden es schon schaffen.«
»Vielleicht möchte er ja nach Dover weiterziehen!«
Ich sah zu Drool hinüber, hatte gedacht, er schliefe noch am Feuer, doch saß er da und starrte mich mit großen Augen an, als hätte er es mit der Angst zu tun bekommen und es hätte ihm die Sprache verschlagen.
»Ihr habt ihm doch nicht etwa dasselbe Mittel gegeben wie mir, oder?«
»Es war im Wein«, sagte Sage.
Ich ging hinüber und legte ihm meinen Arm um die Schulter, zumindest soweit es mir möglich war. »Drool! Alles wird gut, Junge.« Ich wusste ja, wie sehr es mich aufgewühlt hatte, und das bei meinem überlegenen Geist und meinem Wissen um diese Welt. Der arme Drool war sicher bis ins Mark erschüttert. »Was habt ihr Hexen ihm gezeigt?«
»Er hatte ein Fenster in die Vergangenheit, genau wie du.«
Da blickte der große Simpel zu mir auf. »Ich bin von Wölfen aufgezogen worden«, sagte er.
»Daran lässt sich nichts mehr ändern, mein Freund. Sei nicht traurig! Im Leben aller gibt es manches, woran man sich lieber nicht erinnern möchte.« Ich warf den Hexen einen bösen Blick zu.
»Ich bin nicht traurig«, sagte Drool. Er musste den Kopf einziehen, um nicht an die Deckenbalken zu stoßen. »Mein Bruder hat mich gezwickt, weil ich kein Fell hatte, aber er hatte keine Hände, also habe ich ihn an einen Baum geballert, und er ist nicht wieder aufgestanden.«
»Du bist doch nur ein tumber Tor«, sagte ich. »Dich trifft keine Schuld.«
»Meine Mum hatte nur acht Zitzen, aber danach waren wir nur noch zu siebt. Also kriegte ich zwei. Das fand ich gut.«
Das Ganze schien ihm nichts weiter auszumachen. »Sag mal, Drool, wusstest du schon immer, dass du von Wölfen aufgezogen wurdest?
»Aye, ich muss mal vor die Tür und an einen Baum pinkeln, Pocket. Kommst du mit?«
»Nein, geh du nur, Kleiner! Ich bleib hier und schrei die alten Damen an.« Als der Depp dann draußen war, wandte ich mich wieder zu ihnen um. »Ich hab genug davon, immer das zu tun, was ihr mir sagt. Egal, was für Intrigen ihr noch spinnen mögt – ich will damit nichts mehr zu tun haben.«
Die Vetteln lachten mich aus, dann fingen sie an zu husten, bis sich schließlich Rosemary, die grüne Hexe, mit einem Schluck Wein beruhigte. »Nein, Junge, es gibt nichts Erbärmlicheres als Politik. Bei uns geht es nur um Rache, schlicht und einfach. Wir interessieren uns einen Wieselfurz für Politik und Thronfolge.«
»Aber ihr seid doch das leibhaftige Böse in dreifacher Ausfertigung, oder?«, sagte ich respektvoll. Das musste man ihnen lassen.
»Aye, das Böse ist unser Metier, doch verfolgen wir nichts Finsteres wie Politik. Eher schlagen wir einen Säugling mit dem Schädel auf die Steine, als in einem derart ordinären Saft zu schmoren.«
»Aye«, sagte Sage. »Frühstück irgendjemand?« Sie rührte etwas im Kessel, vermutlich die Reste vom gestrigen Halluzinations-Eintopf.
»Nun, dann übt Eure Rache! Ich habe keine Freude mehr daran.«
»Nicht einmal an der Rache am Bastard Edmund?«
Edmund? Welch einen Sturm des Leids hatte dieser Schurke auf die Welt losgelassen, und doch – würde ich ihn nie mehr wiedersehen, konnte ich es dann vielleicht vergessen?
»Edmund wird seine Belohnung schon bekommen«, sagte ich, was ich keine Sekunde lang glaubte.
»Und Lear?«
Ich war wütend auf den alten Mann, doch welche Rache konnte ich noch an ihm üben? Er hatte alles verloren. Und ich hatte schon immer gewusst, dass er grausam war, doch solange sich seine Grausamkeit nicht auf mich auswirkte, war ich ihr gegenüber blind. »Nein, nicht einmal Lear.«
»Nun gut, wo willst du hin?«, fragte Sage. Sie nahm eine Kelle mit dampfender Flüssigkeit aus dem Kessel und pustete.
»Ich ziehe mit Drool nach Wales. Wir können an Burgentüren klopfen, bis uns jemand aufnimmt.«
»Dann willst du die Königin von Frankreich in Dover verpassen?«
»Cordelia? Ich dachte, nur der vermaledeite Froschkönig Jeff sei in Dover. Cordelia ist bei ihm?«
Die Vetteln gackerten. »Oh, nein, König Jeff weilt in Burgund. Königin Cordelia befielt die französische Armee in Dover.«
»Oha«, sagte ich.
»Ihr werdet das Gift mitnehmen wollen, das wir für euch bereitet haben«, sagte Rosemary. »Tragt es stets bei euch. Die Gelegenheit, es zu verwenden, wird sich euch gewiss bieten.«
Fool: Roman
titlepage.xhtml
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_000.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_001.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_002.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_003.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_004.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_005.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_006.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_007.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_008.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_009.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_010.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_011.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_012.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_013.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_014.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_015.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_016.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_017.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_018.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_019.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_020.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_021.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_022.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_023.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_024.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_025.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_026.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_027.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_028.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_029.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_030.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_031.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_032.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_033.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_034.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_035.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_036.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_037.html
CR!DRNY1BQQ593Z3DSH4RPCBXTNYJB8_split_038.html