20
Ein hübsches kleines Ding
Einen Tag lang
stapften Drool und ich durch kalten Regen, über Berg und Tal, durch
Heidekraut und über Straßen, die kaum mehr als morastige
Räderfurchen waren. Drool gab sich heiter, was angesichts der
finsteren Machenschaften durchaus bemerkenswert war – jedoch ist
Unbeschwertheit wohl ohnehin der Segen eines Idioten. Er sang und
platschte fröhlich durch die Pfützen. Besonnenheit und Wachsamkeit
lasteten auf meinen Schultern, sodass verschärftes Grollen und
Schmollen meiner Stimmung besser angemessen schien. Ich bereute,
dass ich keine Pferde gestohlen, keine Umhänge aus Öltuch besorgt,
keine Feuerutensilien mitgenommen und Edmund nicht gemeuchelt
hatte, bevor unsere Reise begann. Letzteres – unter anderem -, weil
ich nicht auf Drools Schultern reiten konnte, da sein Rücken noch
wund von Edmunds Schlägen war. Bastard.
Ich sollte an dieser
Stelle erwähnen, dass ich nach einigen Tagen, in denen ich den
Elementen ausgesetzt war (zum ersten Mal seit meiner Zeit bei
Belette und dem reisenden Mummenschanz vor vielen Jahren), zu dem
Schluss kam, dass ich ein Drinnen-Narr bin. Meine schlanke Gestalt
wehrt die Kälte nicht gut ab, und sie scheint mir auch nicht besser
gerüstet zu sein, wenn es darum geht, Wasser abzuschütteln. Ich
fürchte, für einen Draußen-Narren bin ich zu saugfähig. In der
Kälte wird meine Singstimme kratzig, meine Scherze büßen im Wind
ihren Scharfsinn ein, und wenn die herzlose Kälte meine Muskeln
lähmt, bin ich ein beschissener Jongleur. Ich bin den Stürmen nicht
gewachsen, für Gewitter nicht gedacht – ich bin gemacht für
Feuerherd und Federbett. O warmer Wein, warmes Herz, warmes Weib,
wo seid ihr? Armer, frierender Pocket, nicht mehr als eine elend
nasse Ratte ist er noch!
Meilenweit wanderten
wir durch die Dunkelheit, bis wir Bratenduft witterten und in der
Ferne das rötliche Licht eines öltuchverhangenen Fensters
sahen.
»Guck mal, Pocket,
ein Haus«, sagte Drool. »Wir können am Feuer sitzen und kriegen
vielleicht ein warmes Abendbrot.«
»Wir haben kein Geld,
Kleiner, und nichts, was wir mit den Leuten tauschen
könnten.«
»Wir bieten ihnen
einen Scherz für unser Abendbrot, wie sonst auch.«
»Mir fällt nichts
Amüsantes ein, Drool. Akrobatik kommt heute nicht in Frage, meine
Finger sind zu steif, um Jones’ Mundfaden zu bewegen, und ich bin
zu müde, auch nur eine einzige Geschichte zu
erzählen.«
»Wir können ja mal
fragen. Vielleicht sind sie nett.«
»Das ist ja wohl ein
aufgeblähter Beutel Windwichse, oder was?«
»Könnte aber sein«,
beharrte der Simpel. »Bubble hat mir mal ein Stück Kuchen
geschenkt, ganz ohne dass ich was scherzen sollte. Hat ihn mir
einfach gegeben, weil sie ein gutes Herz hat.«
»Gut, gut. Wir wollen
auf ihre Güte bauen, doch sollte der Versuch misslingen, halte dich
bereit, ihnen den Schädel einzuschlagen und ihr Abendbrot mit
Gewalt an dich zu reißen.«
»Was ist, wenn es
viele sind? Willst du denn nicht helfen?«
Ich zuckte mit den
Schultern und deutete auf meine ermattete Gestalt. »Klein und
kaputt, mein Freund. Klein und kaputt. Wenn ich schon zu schwach
bin, ein Puppenspiel aufzuführen, musst du die
Hirnzubreischlagpflicht wohl notgedrungen übernehmen. Such dir
einen stabilen Knüppel aus dem Feuerholz. Da drüben liegt ein
ganzer Stapel!«
»Ich möchte aber
niemandem den Schädel einschlagen«, sagte der sture
Bock.
»Schön. Hier, nimm
eines von meinen Messern…!« Ich reichte ihm eine Klinge. »Gib
jedem, der es darauf abgesehen hat, eine ordentliche
Dolchung!«
In diesem Augenblick
ging die Tür auf. Eine weißhaarige Gestalt trat heraus und hob eine
Sturmlaterne hoch. »Wer wandelt dort?«
»Entschuldigt, Herr«,
sagte Drool. »Wir haben gerade überlegt, ob Sie wohl heute Abend
eine ordentliche Dolchung brauchen können?«
»Gib her!« Ich riss
dem Trottel das Messer aus der Hand und versteckte es hinter meinem
Rücken.
»Verzeihung, Sir, der
Depp beliebt zu scherzen. Wir suchen Schutz vor dem Sturm und
vielleicht ein heißes Mahl. Wir haben nur Brot und etwas Käse, doch
wir wollen gern alles teilen, wenn Ihr uns Obdach
gewährt.«
»Wir sind Narren«,
sagte Drool.
»Halt den Mund,
Drool! Das sieht er doch an meinem Aufzug und deinem leeren
Blick.«
»Tritt ein, Pocket
von Dog Snogging!«, sagte die gebückte Gestalt. »Stoß dir nicht den
Kopf, Drool!«
»Wir sind geliefert«,
sprach ich und schob Drool vor mir durch die Tür.
Der Hexen drei.
Parsley, Sage und Rosemary. O nein, nicht im großen Wald von
Birnam, wo sie normalerweise hingehören, wo man davon ausgehen
kann, dass man ihnen begegnet, sondern hier in Gloucestershire, in
einer warmen Hütte abseits der Straße zwischen den Dörfern Tossing
Sod und Bongwater Crash? Ein fliegendes Haus vielleicht? Es heißt
doch, Hexen fürchten sich vor solchen Bauten.
»Ich dachte, Ihr seid
ein alter Mann, dabei seid Ihr eine alte Frau«, sagte Drool zu der
Hexe, die uns hereingelassen hatte.
»Bitte keine
Beweise«, sagte ich aus Sorge, eine der Hexen wolle bekunden,
welchen Geschlechts sie war, indem sie ihren Rock lüpfte. »Der
Bursche hat in letzter Zeit genug gelitten.«
»Etwas Süppchen?«,
sagte die Vettel Sage, die Warzige. Über dem Feuer hing ein kleiner
Topf.
»Ich habe gesehen,
was ihr in das Süppchen getan habt.«
»Süppchen, Süppchen,
Beinah blau«, sagte die große Hexe,
Parsley.
»Ja, bitte«, sagte
Drool.
»Das ist kein
Süppchen«, sagte ich. »Sie reden nur so, weil es sich reimt, aber
das ist kein Süppchen.«
»Doch, es ist ein
Süppchen«, sagte Rosemary. »Rindfleisch und Möhren und so
Zeug.«
»Stimmt leider«,
sagte Sage.
»Keine
Fledermausflügel, Lustmolchaugen, Bauchspeicheldrüsen von
Schwanzlurchen und so?«
»Ein paar Zwiebeln«,
sagte Parsley.
»Mehr nicht? Keine
Zauberkräfte? Keine Geister? Kein Fluch? Ihr taucht hier auf,
mitten in der Walachei – nein, am ausgeleierten Saum der Unterhose,
die im Arsch der Walachei klemmt -, und habt nichts Besseres zu
tun, als den Deppen und mich durchzufüttern und uns Gelegenheit zu
geben, uns kurz aufzuwärmen?«
»Aye, so ungefähr«,
sagte Rosemary.
»Warum?«
»Uns fiel nichts ein,
was sich auf Zwiebeln reimt«, sagte Sage.
»Aye, was die
Zauberei anging, waren wir ganz schön gearscht, als die Zwiebeln
drin waren«, sagte Parsley.
»Offen gestanden
wussten wir nach Bregen nicht mehr
weiter, stimmt’s?«, sagte Rosemary.
»Ja, da blieb nur
Regen«, überlegte Sage und blickte mit
ihrem einen Auge zur Decke. »Und Mägen,
obwohl das streng genommen kein richtiger Reim ist.«
»Genau«, sagte
Parsley. »Man weiß nie, was für einen zwielichtigen Geist man ruft,
wenn man so einen Reim zusammenzimmert. Regen.
Mägen. Ist doch peinlich.«
»Süppchen, bitte«,
sagte Drool.
Ich ließ zu, dass uns
die Hexen bekochten. Das Süppchen war heiß und schwer und
gnadenreicherweise frei von jedweden Amphibien und Leichenteilen.
Wir brachen das letzte Brot, das Curan uns gegeben hatte, und
teilten es mit den Vetteln, die einen Krug von schwerem Wein
hervorzauberten und allen einschenkten. Ich wärmte mich innerlich
und äußerlich, und zum ersten Mal seit Tagen – so schien es mir –
waren meine Schuhe und Kleider trocken.
»Und wie läuft’s
so?«, fragte Sage, nachdem wir je zwei Becher Wein intus
hatten.
Ich zählte die
Kalamitäten an meinen Fingern ab: »Lear seiner Ritter beraubt.
Bürgerkrieg zwischen seinen Töchtern, Frankreich einmarschiert,
Herzog von Cornwall ermordet, Graf von Gloucester erblindet, jedoch
wieder mit seinem Sohn vereint, der völlig durchgeknallt ist, die
Schwestern verzaubert und in den Bastard Edmund verliebt
…«
»Ich hab sie
ordentlich gebumfidelt«, fügte Drool hinzu.
»Ja, Drool hat sie
rangenommen, bis beide kaum noch laufen konnten, und – mal
überlegen – Lear wandert durch die Moore und sucht Zuflucht bei den
Franzosen in Dover.« Da ist ordentlich was geboten.
»Dann leidet Lear?«,
fragte Parsley.
»Sehr sogar«, sagte
ich. »Ihm ist nichts geblieben. Er ist tief gefallen, vom König
eines Reiches zum obdachlosen Bettler, innerlich zerfressen von
Reue für Taten, die er vor langer Zeit begangen hat.«
»Dann hast du also
Mitleid mit ihm, Pocket?«, fragte Rosemary, die arme Hexe mit den
Katzenkrallen.
»Er hat mich vor
einem grausamen Meister gerettet und auf seiner Burg leben lassen.
Ein voller Magen und ein warmer Kamin erschweren es, den Zorn
aufrechtzuerhalten.«
»Stimmt wohl«, sagte
Rosemary. »Trink noch etwas Wein!«
Sie schenkte mir ein
wenig dunkle Flüssigkeit in meinen Becher. Ich nippte daran. Sie
schmeckte stärker, wärmer als vorher.
»Wir haben ein
Geschenk für dich, Pocket.« Rosemary holte hinter sich ein kleines
Lederkästchen hervor und klappte es auf. Darin befanden sich vier
steinerne Fläschchen, zwei rote und zwei schwarze. »Die wirst du
brauchen.«
»Was ist das?« Vor
meinen Augen verschwamm alles. Ich hörte die Stimmen der Hexen und
Drools Schnarchen, doch das alles schien mir in weiter Ferne wie in
einem Tunnel.
»Gift«, sagte die
Hexe.
Es war das letzte
Wort, das ich von ihr hörte. Die Kammer war weg, und ich fand mich
auf einem Baum an einem stillen Fluss bei einer steinernen Brücke
wieder. Ich sah, dass Herbst war, da die Blätter sich verfärbten.
Unter mir wusch ein Mädchen von wohl sechzehn Jahren Kleider in
einem Eimer am Ufer des Flusses. Sie war ein zierliches Ding, und
ihrer Größe nach zu urteilen, hätte ich sie für ein Kind gehalten,
doch ihre Figur war ausgesprochen weiblich – perfekt
proportioniert, nur im Maßstab eine Größe kleiner als die
meisten.
Das Mädchen blickte
auf, als hätte sie etwas gehört. Ich folgte ihrem Blick die Straße
hinunter zu einer Kolonne reitender Soldaten. Zwei Ritter ritten
dem Trupp voraus, gefolgt von etwa einem Dutzend Männern. Sie kamen
unter meiner Eiche hindurch und gönnten den Pferden auf der Brücke
eine Rast.
»Sieh sie dir an!«,
sagte der dickere der beiden Ritter und nickte zu dem Mädchen
hinüber. Ich hörte seine Stimme, als wäre sie in meinem Kopf.
»Hübsches, kleines Ding.«
»Nimm sie dir!«,
sagte der andere. Ich erkannte die Stimme sofort und sah das
Gesicht vor mir, merkte, wer es war. Lear – jünger, kräftiger,
längst nicht so grau, und doch Lear, ganz ohne Frage. Die
Adlernase, die kristallblauen Augen. Er war es.
»Nein«, sagte der
jüngere Mann, »wir müssen bei Einbruch der Dunkelheit in York sein.
Wir haben keine Zeit, ein Wirtshaus zu suchen.«
»Komm her, Mädchen!«,
rief Lear.
Das Mädchen stieg vom
Ufer zur Straße hinauf, mit gesenktem Blick.
»Hierher!«, bellte
Lear. Das Mädchen eilte über die Brücke, bis es direkt vor ihm
stand.
»Weißt du, wer ich
bin, Mädchen?«
»Ein Edelmann,
Sir.«
»Ein Edelmann? Ich
bin dein König, Mädchen. Ich bin Lear.«
Das Mädchen fiel auf
die Knie und hielt die Luft an.
»Das hier ist Canus,
der Herzog von York, der Prinz von Wales, Sohn König Bladuds,
Bruder König Lears, und er will dich haben.«
»Nein, Lear!«, sagte
der Bruder. »Das ist Wahnsinn.«
Inzwischen zitterte
das Mädchen.
»Du bist des Königs
Bruder und kannst dir nehmen, wen du willst, wann du willst«, sagte
Lear. Er stieg von seinem Pferd. »Steh auf, Kind!«
Sie tat es, als
erwartete sie, geschlagen zu werden. Lear nahm ihr Kinn in seine
Hand und hob es an. »Du bist ein hübsches Ding. Sie ist ein
hübsches Ding, Canus, und sie gehört mir. Ich schenke sie
dir.«
Die Augen des
Königsbruders wurden groß, und Begehren sprach aus ihnen, doch er
sagte: »Nein, wir haben keine Zeit …«
»Auf der Stelle!«,
brüllte Lear. »Du nimmst sie dir auf der Stelle!«
Mit diesen Worten
packte Lear das Mädchen vorn am Kleid und zerriss es, legte ihre
Brüste frei. Als sie sich bedecken wollte, drückte er ihre Arme
auseinander. Dann hielt er sie fest und bellte Kommandos, während
sein Bruder sie auf dem breiten, steinernen Geländer der Brücke
schändete. Als Canus fertig war und atemlos zwischen ihre Beine
sank, stieß Lear ihn beiseite, hob das Mädchen an der Taille hoch
und warf es über das Geländer in den Fluss.
»Säubere dich!«, rief
er. Dann klopfte er seinem Bruder auf die Schulter. »Sie soll dich
heute Nacht nicht bis in deine Träume verfolgen. Alle Untertanen
sind des Königs Eigentum, und es steht mir frei, sie zu
verschenken, Canus. Du kannst alle Frauen haben, bis auf
eine.«
Sie stiegen auf ihre
Pferde und ritten davon. Lear hatte nicht einmal nachgesehen, ob
das Mädchen schwimmen konnte.
Ich konnte mich nicht
rühren, konnte nicht schreien. Während das Mädchen vergewaltigt
wurde, hatte ich mich gefühlt, als wäre ich an einen Baum
gefesselt. Jetzt beobachtete ich, wie sie aus dem Fluss kroch, ihr
Kleid in Fetzen hinter ihr, und sich schluchzend am Ufer
zusammenrollte.
Plötzlich wurde ich
aus dem Baum gerissen wie eine Feder von einer verirrten Bö, und
ich landete auf dem Dach eines zweistöckigen Hauses in einem Dorf.
Es war Markttag, und alle waren auf den Beinen, wanderten von
Karren zu Karren, von Tisch zu Tisch, feilschten um Fleisch und
Gemüse, Töpferwaren und Werkzeug.
Ein Mädchen stolperte
die Straße entlang, ein hübsches kleines Ding, vielleicht sechzehn
oder siebzehn Jahre alt, mit einem winzigen Säugling im Arm. Sie
blieb an jeder Bude stehen und zeigte ihr Kind her, doch die
Dorfbewohner belohnten sie nur mit dreckigem Gelächter und
schickten sie zur nächsten Bude.
»Er ist ein Prinz«,
sagte sie. »Sein Vater war ein Prinz.«
»Geh weiter, Mädchen!
Du bist verrückt. Kein Wunder, dass dich niemand will,
Dirne.«
»Aber er ist ein
Prinz!«
»Er sieht aus wie ein
ertränkter Welpe, Metze. Du hast Glück, wenn er die Woche
überlebt.«
Von einem Ende des
Dorfes zum anderen wurde sie verspottet und verhöhnt. Eine Frau,
die offenbar des Mädchens Mutter war, wandte sich nur ab und
verbarg ihr Gesicht vor Scham.
Ich schwebte über dem
Mädchen, als es zum Rand des Dorfes lief, über die Brücke, auf der
man es geschändet hatte, und hinauf zu einer Siedlung steinerner
Bauten, eines davon mit hohem Turm. Eine Kirche. Es lief bis vor
die breiten Doppeltüren und legte das Kind dort auf die Stufen. Ich
erkannte diese Türen, ich hatte sie schon tausendmal gesehen. Es
war der Eingang zur Abtei von Dog Snogging. Das Mädchen rannte
fort, und ich sah, wie ein paar Minuten später die Türen aufgingen
und eine breitschultrige Nonne sich bückte und das schreiende Kind
aufhob. Mutter Basil hatte den Kleinen gefunden.
Plötzlich war ich
wieder am Fluss, und das Mädchen, das hübsche kleine Ding, stand
auf dem breiten, steinernen Brückengeländer, bekreuzigte sich und
sprang hinein. Die Kleine schwamm nicht. Die Fluten schlugen über
ihr zusammen.
Meine
Mutter.
Als ich erwachte,
hatten sich die Hexen um mich versammelt, als wäre ich eine feiste
Pastete, frisch aus dem Ofen, und sie wären ausgehungerte
Pastetenhuren.
»Dann bist du also
ein Bastard«, sagte Parsley.
»Und ein Waisenkind«,
sagte Sage.
»Beides
gleichzeitig«, sagte Rosemary.
»Überrascht?«, fragte
Parsley.
»Lear ist wohl doch
nicht ganz der komische, alte Kauz, für den du ihn gehalten hast,
hm?«
»Ein waschechter
Bastard bist du!«
Ich würgte ein wenig,
als Reaktion auf den kollektiven Atem der Vetteln, und setzte mich
auf. »Könntet ihr vielleicht ein Stückchen abrücken, ihr ekligen
Kadaver?«
»Nun, streng genommen
ist nur Rosemary ein Kadaver«, sagte Parsley, die lange
Hexe.
»Ihr habt mich unter
Drogen gesetzt und mir diesen Albtraum geschickt.«
»Aye, wir haben dich
unter Drogen gesetzt. Aber du hast nur durch ein Fenster in die
Vergangenheit geschaut. Da war nur zu sehen, was wirklich geschehen
ist.«
»Endlich hast du mal
deine Mutti zu sehen bekommen, was?«, sagte Rosemary. »Wie schön
für dich!«
»Ich musste mit
ansehen, wie sie vergewaltigt und in den Tod getrieben wurde, du
wirres Weib!«
»Du musstest es
wissen, kleiner Pocket, bevor du gen Dover reitest.«
»Dover? Ich reite
nicht gen Dover. Ich verspüre keinen Drang, Lear zu begegnen.« Noch
während ich es sagte, spürte ich, wie mir die nackte Angst über den
Rücken fuhr – wie die Spitze eines Dorns. Ohne Lear war ich kein
Narr mehr. Ich hatte weder Sinn noch Zweck. Ich hatte kein Zuhause.
Doch nach allem, was er getan hatte, musste ich irgendwie anders
durchkommen. »Ich könnte Drool vermieten, zum Felder pflügen und
Wollballen schleppen und so. Wir werden es schon
schaffen.«
»Vielleicht möchte
er ja nach Dover
weiterziehen!«
Ich sah zu Drool
hinüber, hatte gedacht, er schliefe noch am Feuer, doch saß er da
und starrte mich mit großen Augen an, als hätte er es mit der Angst
zu tun bekommen und es hätte ihm die Sprache
verschlagen.
»Ihr habt ihm doch
nicht etwa dasselbe Mittel gegeben wie mir, oder?«
»Es war im Wein«,
sagte Sage.
Ich ging hinüber und
legte ihm meinen Arm um die Schulter, zumindest soweit es mir
möglich war. »Drool! Alles wird gut, Junge.« Ich wusste ja, wie
sehr es mich aufgewühlt hatte, und das bei meinem überlegenen Geist
und meinem Wissen um diese Welt. Der arme Drool war sicher bis ins
Mark erschüttert. »Was habt ihr Hexen ihm gezeigt?«
»Er hatte ein Fenster
in die Vergangenheit, genau wie du.«
Da blickte der große
Simpel zu mir auf. »Ich bin von Wölfen aufgezogen worden«, sagte
er.
»Daran lässt sich
nichts mehr ändern, mein Freund. Sei nicht traurig! Im Leben aller
gibt es manches, woran man sich lieber nicht erinnern möchte.« Ich
warf den Hexen einen bösen Blick zu.
»Ich bin nicht
traurig«, sagte Drool. Er musste den Kopf einziehen, um nicht an
die Deckenbalken zu stoßen. »Mein Bruder hat mich gezwickt, weil
ich kein Fell hatte, aber er hatte keine Hände, also habe ich ihn
an einen Baum geballert, und er ist nicht wieder
aufgestanden.«
»Du bist doch nur ein
tumber Tor«, sagte ich. »Dich trifft keine Schuld.«
»Meine Mum hatte nur
acht Zitzen, aber danach waren wir nur noch zu siebt. Also kriegte
ich zwei. Das fand ich gut.«
Das Ganze schien ihm
nichts weiter auszumachen. »Sag mal, Drool, wusstest du schon
immer, dass du von Wölfen aufgezogen wurdest?
»Aye, ich muss mal
vor die Tür und an einen Baum pinkeln, Pocket. Kommst du
mit?«
»Nein, geh du nur,
Kleiner! Ich bleib hier und schrei die alten Damen an.« Als der
Depp dann draußen war, wandte ich mich wieder zu ihnen um. »Ich hab
genug davon, immer das zu tun, was ihr mir sagt. Egal, was für
Intrigen ihr noch spinnen mögt – ich will damit nichts mehr zu tun
haben.«
Die Vetteln lachten
mich aus, dann fingen sie an zu husten, bis sich schließlich
Rosemary, die grüne Hexe, mit einem Schluck Wein beruhigte. »Nein,
Junge, es gibt nichts Erbärmlicheres als Politik. Bei uns geht es
nur um Rache, schlicht und einfach. Wir interessieren uns einen
Wieselfurz für Politik und Thronfolge.«
»Aber ihr seid doch
das leibhaftige Böse in dreifacher Ausfertigung, oder?«, sagte ich
respektvoll. Das musste man ihnen lassen.
»Aye, das Böse ist
unser Metier, doch verfolgen wir nichts Finsteres wie Politik. Eher
schlagen wir einen Säugling mit dem Schädel auf die Steine, als in
einem derart ordinären Saft zu schmoren.«
»Aye«, sagte Sage.
»Frühstück irgendjemand?« Sie rührte etwas im Kessel, vermutlich
die Reste vom gestrigen Halluzinations-Eintopf.
»Nun, dann übt Eure
Rache! Ich habe keine Freude mehr daran.«
»Nicht einmal an der
Rache am Bastard Edmund?«
Edmund? Welch einen
Sturm des Leids hatte dieser Schurke auf die Welt losgelassen, und
doch – würde ich ihn nie mehr wiedersehen, konnte ich es dann
vielleicht vergessen?
»Edmund wird seine
Belohnung schon bekommen«, sagte ich, was ich keine Sekunde lang
glaubte.
»Und
Lear?«
Ich war wütend auf
den alten Mann, doch welche Rache konnte ich noch an ihm üben? Er
hatte alles verloren. Und ich hatte schon immer gewusst, dass er
grausam war, doch solange sich seine Grausamkeit nicht auf mich
auswirkte, war ich ihr gegenüber blind. »Nein, nicht einmal
Lear.«
»Nun gut, wo willst
du hin?«, fragte Sage. Sie nahm eine Kelle mit dampfender
Flüssigkeit aus dem Kessel und pustete.
»Ich ziehe mit Drool
nach Wales. Wir können an Burgentüren klopfen, bis uns jemand
aufnimmt.«
»Dann willst du die
Königin von Frankreich in Dover verpassen?«
»Cordelia? Ich
dachte, nur der vermaledeite Froschkönig Jeff sei in Dover.
Cordelia ist bei ihm?«
Die Vetteln
gackerten. »Oh, nein, König Jeff weilt in Burgund. Königin Cordelia
befielt die französische Armee in Dover.«
»Oha«, sagte
ich.
»Ihr werdet das Gift
mitnehmen wollen, das wir für euch bereitet haben«, sagte Rosemary.
»Tragt es stets bei euch. Die Gelegenheit, es zu verwenden, wird
sich euch gewiss bieten.«