3
Enthülln wir den verschwiegenen Plan14
»Das ist der
daunenverklebteste Haufen Gänsewichse, den ich je gelesen habe«,
sagte ich. Ich kauerte auf des Bastards Rücken, im Schneidersitz,
und las den Brief, den er seinem Vater geschrieben hatte.
»›Mylord müssen doch einsehen, wie unredlich
es ist, dass man mir, der Frucht wahrer Leidenschaft, Achtung und
Stellung verwehrt, während man meinem Halbbruder Respekt erweist,
jener Ausgeburt, die doch nur entstand, weil Pflichtgefühl und
Plage sich vermählten.‹«
»Stimmt doch!«, sagte
der Bastard. »Ich bin so wohlgeraten, so hellen Geistes, so
…«
»Ihr seid ein
weinerlicher Onanist15, weiter
nichts«, sagte ich, wobei meine Dreistigkeit vielleicht durch
Drools Gewicht begünstigt wurde, der auf des Bastards Beinen saß.
»Was hattet Ihr Euch vorgestellt? Was wolltet Ihr mit diesem Brief
an Euren Vater denn erreichen?«
»Dass er womöglich
einlenkt und mir die Hälfte vom Titel meines Bruders und des Erbes
gibt.«
»Weil Eure Mutter
besser im Bett war als Edgars? Ihr seid ein Bastard und ein Idiot.«
»Du hast doch keine
Ahnung, kleiner Mann.«
Da fühlte ich mich
glatt versucht, dem Burschen meinen Jones über die Fontanelle zu
ziehen, oder – besser noch – ihm die Kehle mit seinem eigenen
Schwert durchzuschneiden. Aber sosehr ich dem König auch am Herzen
liegen mag, die Ausübung seiner Macht liegt ihm doch leider sehr
viel näher am Herzen. Der Mord an Gloucesters Sohn, sosehr er auch
verdient sein mochte, würde nicht ungesühnt bleiben. Doch drohte
mir wohl ohnehin das kalte Narrengrab, wenn ich den Bastard ziehen
ließ, bevor sein Zorn verraucht war. Ich hatte Mary fortgeschickt,
um ihr seine Rache zu ersparen. Ich brauchte eine Drohung, mit der
ich Edmund Einhalt gebieten konnte, aber mir wollte nichts
einfallen. Ich bin der machtloseste Mensch am ganzen Hof. Einfluss
nehme ich nur, indem ich den Zorn der anderen schüre.
»Ich weiß sehr wohl,
was es heißt, durch den Zufall der Geburt benachteiligt zu sein,
Edmund.«
»Wir sind nicht vom
selben Schlag. Du bist gewöhnlich wie die Ackerkrume. Ich
nicht.«
»Ich kann also nicht
wissen, edler Edmund, was es heißt, wenn mein Titel als Beleidigung
firmiert? Wenn ich Euch ›Bastard‹ rufe und Ihr mich ›Narr‹, können
wir dann wie Menschen miteinander sprechen?«
»Keine Rätsel, Narr!
Ich spüre meine Füße nicht.«
»Wieso wollt Ihr Eure
Füße spüren? Ist das wieder so eine dieser Extravaganzen der
herrschenden Klasse, von denen man hört? So gesegnet seid Ihr mit
dem Zugang zu fleischlichen Genüssen, dass Ihr genialisch
Perversionen ausersinnen müsst, um Euch zum Erblühen zu bewegen,
bis eure innere Rohrpost in Wallung kommt – Ihr müsst Eure Füße
spüren und den Stalljungen mit einem toten Hasen peitschen, um
Eures schändlich libidinösen Juckens Herr zu werden, habe ich
recht?«
»Was redest du, Narr?
Ich spüre meine Füße nicht, weil da ein monströses Rindvieh auf
meinen Beinen hockt.«
»Oh, stimmt.
Verzeihung... Drool, mach dich etwas leichter, aber nicht, dass er
mir aufsteht!« Ich stieg von des Bastards Rücken und trat an die
Tür der Waschküche, damit er mich sehen konnte. »Ihr wollt Besitz
und Titel. Meint Ihr, man wird ihn Euch gewähren, wenn Ihr darum
bettelt?«
»Das ist kein
Bettelbrief.«
»Ihr wollt das
Erbteil Eures Bruders. Wie viel besser würde doch ein Brief von
ihm Euren Vater von Eurem Wert
überzeugen?«
»Einen solchen Brief
würde er nie schreiben, und außerdem muss er um unseres Vaters
Gunst nicht buhlen, er genießt sie bereits.«
»Dann besteht die
Aufgabe vielleicht darin, die Gunst von Edgar auf Euch umzulenken.
Der rechte Brief von ihm könnte es wohl bewirken. Ein Brief, in dem
er Euch seine Ungeduld mit dem Warten auf sein Erbe anvertraut und
Euch um Hilfe bittet, Euren Vater zu stürzen.«
»Du bist irre, Narr!
Solch einen Brief würde Edgar niemals schreiben.«
»Ich sage ja nicht,
dass er es tun würde. Besitzt Ihr
irgendwas in seiner Handschrift?«
»Allerdings. Einen
Kreditbrief, den er einem Wollhändler in Barking Upminster gewähren
will.«
»Wisst Ihr, holder
Bastard, was ein Skriptorium ist?«
»Aye, es ist ein Raum
im Kloster, in welchem Dokumente kopiert werden – Bibeln und
dergleichen.«
»Und so ist der
Lapsus meiner Geburt nun Eure Rettung, denn da ich kein einzig
Elternteil mein Eigen nennen konnte, wuchs ich in einem Kloster
auf, welches solch ein Skriptorium beherbergte, in dem man – jawohl
– einen Knaben lehrte, Dokumente zu kopieren, und ganz im Sinne
unseres Planes lehrten sie ihn, diese präzise in ebenjener
Handschrift zu kopieren, die auf der Seite zu sehen war, und auf
der Seite davor und der Seite davor... Buchstabe für Buchstabe,
Strich um Strich – in der Handschrift eines Mannes, der lange schon
im Grabe lag.«
»Dann bist du ein
geschickter Fälscher? Wenn du in einem Kloster erzogen wurdest –
wie kann es sein, dass du jetzt Hofnarr bist und nicht Mönch oder
Priester?«
»Wie kann es sein,
dass Ihr, ein Grafensohn, unter dem Arsche eines tumben Tölpels um
Gnade winseln müsst? Wir sind alle Bastarde des Schicksals. Wollen
wir nun einen Brief aufsetzen, Edmund?«
Zweifelsohne wäre ich
Mönch geworden, hätte mein Weg nicht den der Eremitin gekreuzt. Nie
wäre ich dem Hofe nähergekommen als beim Gebet zur Vergebung der
Kriegsverbrechen irgendeines Edelmannes. Wurde ich nicht für das
Klosterleben großgezogen, schon von dem Augenblick an, als mich
Mutter Basil zappelnd auf den Stufen der Abtei von Dog
Snogging16 upon Ouze
vorfand?
Meine Eltern habe ich
nie gekannt, doch Mutter Basil erzählte mir einmal, sie vermute,
meine Mutter sei eine Geisteskranke aus dem Nachbardorf gewesen,
die im Flusse Ouze ertrunken sei, kurz nachdem man mich gefunden
hatte. Sollte dem so sein, erklärte die Äbtissin, dann sei meine
Mutter von Gott berührt gewesen (wie das Naturtalent) und daher sei
ich ein Gotteskind.
Die Nonnen, meist von
nobler Herkunft (zweite und dritte Töchter, die keinen edlen Gatten
finden konnten), liebten mich abgöttisch – wie ein kleines
Hündchen. Ich war so winzig, dass mich die Äbtissin in ihrer
Schürzentasche herumtrug, und daher gab man mir den Namen »Pocket«.
Little Pocket von Dog Snogging Abbey. Ich war eine willkommene
Abwechslung, das einzig männliche Wesen in einer rein weiblichen
Welt, und die Nonnen drängten sich darum, mich in ihrer Schürze
herumtragen zu dürfen, auch wenn ich mich daran nicht mehr
erinnere. Später, als ich laufen konnte, stellten sie mich zur
Essenszeit auf den Tisch und ließen mich auf und ab marschieren und
ihnen mit meinem Winker winken, jenem einzigartigen Anhängsel in
der Welt der Frauen. Ich war schon sieben Jahre alt, als mir
bewusst wurde, dass man auch in Hosen frühstücken konnte. Dennoch
fühlte ich mich oft anders als die anderen: ein fremdes Wesen,
isoliert.
Man erlaubte mir, auf
dem Boden in der Kammer der Äbtissin zu schlafen, denn sie besaß
einen gewebten Teppich, den ihr der Bischof geschenkt hatte. In
kalten Nächten durfte ich mit unter ihrer Decke schlafen, um ihr
die Füße zu wärmen, sofern sich nicht eine der anderen Nonnen zu
diesem Zweck bereits zu ihr gesellt hatte.
Mutter Basil und ich
waren unzertrennlich, selbst noch nachdem ich ihrer
beuteltierartigen Zuneigung entwachsen war. Seit ich denken konnte,
nahm ich mit ihr an Messen und Gebeten teil. Wie gern sah ich ihr
zu, wenn sie sich am Morgen rasierte, ihre Klinge am Lederriemen
abzog und sorgsam den blauschwarzen Backenbart aus ihrem Gesicht
barbierte. Sie zeigte mir, wie man die kleine Stelle unter der Nase
rasiert und wie sie die Haut am Hals beiseitezog, um sich nicht in
den Adamsapfel zu schneiden. Doch war sie eine gestrenge Herrin.
Alle drei Stunden musste ich beten wie die Nonnen und sowohl Wasser
für ihr Bad heranschleppen, Holz hacken, Böden schrubben und
Gartenarbeit verrichten, als mich auch in Mathematik, Katechismus,
Latein, Griechisch und Kalligrafie unterrichten lassen. Mit neun
Jahren konnte ich drei Sprachen lesen und schreiben und das Leben
der Heiligen aus der Erinnerung aufsagen. Ich lebte, um Gott und
den Nonnen von Dog Snogging zu dienen, in der Hoffnung, irgendwann
einmal zum Priester geweiht zu werden.
Und so wäre es auch
gekommen, wären nicht eines Tages Arbeiter in der Abtei erschienen,
Steinmetze und Maurer, die nach ein paar Tagen abseits eines der
verlassenen Gänge im Pfarrhaus eine Zelle errichtet hatten. Wir
sollten unseren ureigenen Eremiten bekommen, oder in unserem Fall:
eine Eremitin. Eine Akoluthin, die Gott so inniglich liebte, dass
sie sich in eine Zelle einmauern ließ, mit nur einer winzigen
Öffnung, durch die man ihr Brot und Wasser reichen konnte, und dort
wollte sie den Rest ihres Lebens verbringen, buchstäblich als Teil
der Kirche, betend und Weisheiten unters Volk streuend, durch ihr
Luftloch, bis der Herr sie zu sich nahm. Neben dem Märtyrertod war
das der heiligste Akt der Hingabe, den ein Mensch vollbringen
konnte.
Täglich schlich ich
aus Mutter Basils Kammer, um nachzusehen, welche Fortschritte die
Zelle machte, in der Hoffnung, mich irgendwie in jenem Ruhm zu
sonnen, welcher der Eremitin zuteilwerden sollte. Doch als die
Mauern immer höher wuchsen, sah ich, dass es kein Fenster gab,
keine Luke, durch welche die Dorfbewohner Segnungen erfahren
konnten, wie es doch Sitte war.
»Unsere Eremitin ist
etwas ganz Besonderes«, erklärte Mutter Basil mit ihrem ruhigen
Bariton. »Sie ist so fromm, dass sie nur jene sehen will, die ihr
das Essen bringen. Sie möchte sich keinesfalls von ihren Gebeten
für die Erlösung des Königs ablenken lassen.«
»Sie steht unter der
Obhut des Königs?«
»Allerdings«, sagte
Mutter Basil. Wir anderen waren durch schnöde Bezahlung
verpflichtet, für die Vergebung des Grafen von Sussex zu beten, der
im letzten Krieg gegen die Belgier Tausende Unschuldiger
geschlachtet hatte und auf den Kohlen der Hölle braten würde, wenn
wir nicht an seiner Stelle jene Buße taten, die der Papst
höchstpersönlich auf sieben Millionen Ave Marias pro Bauer
festgesetzt hatte. (Selbst mit einer Sonderregelung und einem
fünfzigprozentigen Preisnachlass, wie man ihn in Lourdes erwerben
konnte, bekam der Graf pro Penny dennoch nicht mehr als tausend Ave
Marias zusammen, sodass Dog Snogging durch seine Sünden ein reiches
Kloster wurde.) Unsere Eremitin jedoch wollte für die Sünden des
Königs ganz allein einstehen. Es hieß, er sei von so
herzerfrischender Bosheit, dass ihre Gebete besonders wirkungsvoll
ausfallen mussten.
»Bitte, Mutter...
bitte lasst mich der Eremitin ihr Essen bringen!«
»Niemand darf sie
sehen oder sprechen.«
»Aber irgendwer muss
ihr doch was zu essen bringen! Lasst mich es tun! Ich verspreche
auch, nicht hinzusehen.«
»Ich will den Herrn
dazu befragen.«
Ich war nicht dabei,
als die Eremitin kam. Plötzlich ging das Gerücht, sie befinde sich
in der Abtei, und die Arbeiter hätten sie bereits eingemauert.
Wochenlang bettelte ich die Äbtissin an, sie sollte mir die heilige
Pflicht übertragen, die Eremitin zu versorgen, doch erst, als
Mutter Basil die Nacht allein mit der jungen Schwester Mandy
verbringen musste, um in aller Abgeschiedenheit für die Vergebung
dessen zu bitten, was die Äbtissin als »hammergeiles Wochenende«
bezeichnete, erlaubte man mir, die Eremitin zu
bewirten.
»Wenn ich es recht
bedenke«, sagte die Mutter Oberin, »bleibst du am besten gleich
dort, vor ihrer Zelle, bis zum Morgen, und versuchst mal, ob du
etwas Frömmigkeit erlernen kannst. Und komm nicht vor dem Morgen
wieder! Dem späten Morgen. Und bring Tee und Brötchen mit, wenn du
kommst. Und Marmelade.«
Ich dachte, ich
müsste platzen, so aufgeregt war ich, als ich zum ersten Mal den
langen, dunklen Gang entlanglief – mit einem Teller voll Käse und
Brot und einem Krug Ale in Händen. Halbwegs erwartete ich, Gottes
Herrlichkeit durchs Fenster leuchten zu sehen, doch als ich ankam,
war da gar kein Fenster, nur eine kreuzförmige Schießscharte wie in
der Burgmauer. Anscheinend konnten die Steinmetze nur eine ganz
bestimmte Art von Fenstern in dicke Mauern hauen. (Komisch
eigentlich, dass sowohl Schießscharten als auch das Schwert mit
seinem Heft – beides dient schließlich gewissermaßen dem Tode –
ausgerechnet das Zeichen des Kreuzes beschreiben, eines Symbols der
Gnade. Doch wenn ich es recht bedenke, stand es ja selbst im
Dienste des Todes.) Die Öffnung war kaum groß genug, dass ich die
Flasche hindurchreichen konnte. Der Teller passte gerade eben durch
das Kreuz. Ich wartete. Aus der Zelle drang kein Licht. Eine Kerze
im Vorraum war die einzige Beleuchtung.
Ich hatte
schreckliche Angst. Ich lauschte, ob ich hören konnte, wie die
Eremitin Novenen rezitierte. Ich hörte sie nicht einmal atmen. Ob
sie schlief? Konnte es eine Sünde sein, jemanden beim Beten zu
stören, der so heilig war? Ich stellte Teller und Krug auf den
Boden und versuchte, ins Dunkel der Zelle zu spähen. Vielleicht
leuchtete sie ja.
Da sah ich es. Das
Kerzenlicht spiegelte sich in ihrem Auge. Sie stand da, keine zwei
Schritte vor der Öffnung. Ich schreckte zurück, schlug an die Mauer
hinter mir und stieß dabei das Bier um.
»Habe ich dich
erschreckt?«, hörte ich ihre Stimme.
»Nein, nein, ich
wollte nur, ich war... Verzeiht mir! Ich bin sprachlos ob Eurer
Frömmigkeit.«
Da lachte sie. Es war
ein trauriges Lachen, als hätte sie es lange schon zurückgehalten
und nun kam es wie ein Schluchzen hervor, doch sie lachte
tatsächlich, und ich war verwirrt.
»Ich bitte um
Entschuldigung, Mutter...«
»Nein, nein, nein,
entschuldige dich nicht! Wag es nicht, dich zu entschuldigen,
Junge!«
»Mach ich. Tu ich
nicht.«
»Wie heißt
du?«
»Pocket,
Mutter.«
»Pocket«, wiederholte
sie und lachte noch ein wenig. »Du hast mein Bier verschüttet,
Pocket.«
»Aye, Mutter. Soll
ich Euch ein neues holen?«
»Wenn du verhindern
willst, dass der Glanz meiner gottverfluchten Heiligkeit uns
niederbrennt, dann solltest genau das tun, Freund Pocket. Und wenn
du wiederkommst, möchte ich, dass du mir eine Geschichte erzählst,
die mich zum Lachen bringt.«
»Ja,
Mutter.«
Und das war der Tag,
der meine Welt veränderte.
»Erinnere mich!
Weshalb meucheln wir meinen Bruder nicht einfach?«, fragte Edmund.
Von wimmerndem Geschreibsel zum Mordkomplott in einer Stunde.
Edmund lernte schnell, wenn es um Bosheit ging.
Ich saß mit einer
Feder in der Hand in meiner Kammer über dem großen Tor in der
Außenmauer der Burg. Ich habe meinen eigenen Kamin, einen Tisch,
zwei Stühle, ein Bett, ein Regal für meine Sachen, einen Haken für
meine Narrenkappe und meine Kleider, und in der Mitte des Raumes
einen großen Kessel, in dem man Öl erhitzen kann, um es dann durch
Gitter im Boden siedend über etwaige Belagerer zu kippen. Abgesehen
vom Klirren der massiven Ketten, wenn die Zugbrücke angehoben oder
heruntergelassen wird, ist es eine kuschelige Kammer, in der sich
Schlaf und andere horizontale Betätigungen betreiben lassen. Das
Beste ist jedoch, dass ich dort für mich allein bin und einen
fetten Riegel vor der Tür habe. Selbst unter Edelleuten ist
Privatsphäre ein seltenes Gut, da dort die Konspiration
gedeiht.
»Das mag Erfolg
versprechend klingen, doch wird Edgar nicht entehrt, enterbt und
sein Besitz gezielt an Euch übergeben, könnten Land und Titel an
den erstbesten legitimen Vetter gehen, oder schlimmer noch: Euer
Vater könnte Gefallen daran finden, einen neuen Erben zu
zeugen.«
Bei dem bloßen
Gedanken lief mir – wie bestimmt gut einem Dutzend junger Maiden in
unserem Königreich – ein kalter Schauer über den Rücken, denn vor
meinem inneren Auge sah ich Gloucesters welke Flanken, entblößt und
willens, heiratsfähige Jungfern mit einem Erben zu adeln. Die
Maiden würden an die Klostertüren trommeln, um dieser Ehre zu
entkommen.
»Das hatte ich nicht
bedacht«, sagte Edmund.
»Wirklich? Ihr habt
nicht nachgedacht? Schockierend! Auch wenn ein schlichter Giftmord
sauberer erscheinen mag, ist ein Brief das schärfere Schwert.« Wenn
ich dem Schurken etwas Leine ließ, würde er vielleicht für unser
beider Zwecke hängen. »Ich kann solch
einen Brief verfassen, subtil und doch belastend. Ihr werdet Graf
von Gloucester sein, bevor Ihr Erdreich auf den zuckenden Leichnam
Eures Vaters schaufelt. Jedoch vermag der Brief vielleicht nicht
alles zu bewegen.«
»Sprich aus, was du
denkst, Narr! So gern ich dein Geschwätz ersticken möchte,
sprich!«
»Der König begünstigt
Euren Vater und Euren Bruder, was der
Grund ist, weshalb sie gerufen wurden. Wenn Edgar mit Cordelia
verlobt wird, was schon vor dem Morgen geschehen könnte – nun, mit
der Mitgift der Prinzessin in der Tasche besteht für ihn kein
Grund, jenen Verrat zu planen, den wir ihm zu Ehren gerade
konstruieren. Ihr würdet Euer wahres Gesicht zeigen, edler Edmund,
und der legitime Sohn würde dadurch nur noch reicher.«
»Ich werde dafür
sorgen, dass er sich nicht mit Cordelia verlobt.«
»Wie? Wollt Ihr ihm
Erschröckliches berichten? Ich weiß aus verlässlicher Quelle, dass
sie Füße wie Paddelboote hat. Man bindet sie unter ihrem Rock ab,
damit sie beim Gehen nicht so schlappen.«
»Ich werde dafür
sorgen, dass es nicht zur Hochzeit kommt. Keine Angst, kleiner
Mann. Aber kümmere dich um diesen Brief! Morgen will Edgar nach
Barking, um die Kreditbriefe abzuliefern, und ich kehre mit meinem
Vater nach Gloucester zurück. Dort werde ich ihm den Brief
zustecken, damit sein Zorn in Ruhe schwelen kann, bis Edgar
eintrifft.«
»Schnell, bevor ich
Pergament vergeude! Versprecht mir eins: Ihr lasst nicht zu, dass
Edgar Cordelia heiratet.«
»Soll sein, Narr.
Wenn du für dich behältst, dass du diesen Brief verfasst
hast.«
»Versprochen«, sagte
ich. »Bei den Hoden der Venus.«
»Dann verspreche ich
es auch«, sagte der Bastard.
»Also gut«, sagte ich
und tunkte meine Feder in die Tinte, »obwohl ein Mord der
einfachere Plan wäre.« Des Bastards Bruder Edgar war noch nie mein
Fall. Ernst ist er, mit offenem Gesicht. Ich traue niemandem, der
so vertrauenswürdig wirkt. So jemand führt doch was im Schilde.
Allerdings böte auch Edmund einen erbaulichen Anblick, wenn er für
den Brudermord mit schwarzer Zunge am Galgen baumelte. Narren
feiern Feste, wie sie fallen!
Nach einer halben
Stunde hatte ich einen Brief verfasst, der so hintertrieben und von
Verrat getränkt war, dass ein jeder Vater – wenn er dieses
Schreiben zu Gesicht bekäme – seinen Sohn auf der Stelle erdrosselt
hätte oder – falls kinderlos – mit einem Vorschlaghammer auf die
eigenen Eier eingedengelt hätte, um ungeborenen Verschwörern von
vornherein das Leben zu vermiesen. Es war ein Meisterwerk der
Fälschung und Manipulation. Ich löschte die Tinte gut ab und hielt
den Brief hoch, um ihn Edmund zu zeigen.
»Ich brauche Euren
Dolch, Sire«, sagte ich.
Edmund griff nach dem
Brief, doch ich wich ihm tänzelnd aus. »Erst das Messer, edler
Bastard!«
Edmund lachte. »Nimm
du nur meinen Dolch, Narr! Damit bist du auch nicht sicherer. Ich
habe noch mein Schwert.«
»Aye, welches ich
Euch selbst gegeben habe. Ich brauche Euren Dolch, um das Siegel
von diesem Kreditbrief zu lösen, damit ich es an Eurem Schreiben
befestigen kann. Ihr dürft es nur in Gegenwart Eures Vaters
aufbrechen, als würdet Ihr die schwarze Seele Eures Bruders eben
erst entdecken.«
»Oh«, sagte
Edmund.
Er reichte mir den
Dolch. Ich machte mich am Siegelwachs zu schaffen und gab ihm die
Klinge zusammen mit dem Brief zurück. (Hätte ich dafür eines meiner
eigenen Messer nehmen können? Gewiss, doch ich hielt es nicht für
angezeigt, Edmund von deren Existenz in Kenntnis zu
setzen.)
Kaum steckte der
Brief in seiner Tasche, als Edmund schon sein Schwert gezückt hatte
und es mir an die Kehle hielt. »Ich denke, ich kann mir dein
Schweigen besser sichern als nur durch dein
Versprechen.«
Ich rührte mich
nicht. »Ihr klagt, Ihr wäret zu Euren Ungunsten geboren... auf
wessen Gunst wollt Ihr also bauen, wenn Ihr des Königs Narren
tötet? Ein Dutzend Wachen hat Euch kommen sehen.«
»Das Risiko gehe ich
ein.«
Genau in diesem
Augenblick fingen die großen Ketten, die durch mein Zimmer liefen,
an zu beben, und rasselten, als wären hundert unglückselige
Gefangene daran gefesselt, und nicht eine Platte aus Eichenholz und
Eisen. Edmund sah sich um, und ich huschte ans andere Ende des
Zimmers. Wind pfiff durch die Schießscharten, die mir als Fenster
dienten, und löschte die Kerze, die ich für das Siegelwachs
verwendet hatte. Der Bastard fuhr herum, und plötzlich wurde es
dunkel, als deckte jemand den Tag mit einem schwarzen Umhang zu.
Der güldene Geist einer Frau schimmerte vor der dunklen Mauer in
der Luft.
Der Geist
sagte:
»Tausend Jahr am Galgen hängt
Der Bube, der den Narren kränkt.«
Ich sah Edmund nur im
Licht des Geistes, doch er wich wie ein Krebs zur Tür zurück, die
hinaus auf die Westmauer führte, tastete panisch nach dem Riegel.
Dann riss er sie auf und war im selben Augenblick schon draußen.
Licht fiel in meine kleine Kammer, und durch die Schießscharten im
Stein sah ich die Themse.
»Hübsch gereimt,
Wölkchen«, sagte ich ins Leere. »Sehr hübsch.«