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Enthülln wir den verschwiegenen Plan14
 
»Das ist der daunenverklebteste Haufen Gänsewichse, den ich je gelesen habe«, sagte ich. Ich kauerte auf des Bastards Rücken, im Schneidersitz, und las den Brief, den er seinem Vater geschrieben hatte. »›Mylord müssen doch einsehen, wie unredlich es ist, dass man mir, der Frucht wahrer Leidenschaft, Achtung und Stellung verwehrt, während man meinem Halbbruder Respekt erweist, jener Ausgeburt, die doch nur entstand, weil Pflichtgefühl und Plage sich vermählten.‹«
»Stimmt doch!«, sagte der Bastard. »Ich bin so wohlgeraten, so hellen Geistes, so …«
»Ihr seid ein weinerlicher Onanist15, weiter nichts«, sagte ich, wobei meine Dreistigkeit vielleicht durch Drools Gewicht begünstigt wurde, der auf des Bastards Beinen saß. »Was hattet Ihr Euch vorgestellt? Was wolltet Ihr mit diesem Brief an Euren Vater denn erreichen?«
»Dass er womöglich einlenkt und mir die Hälfte vom Titel meines Bruders und des Erbes gibt.«
»Weil Eure Mutter besser im Bett war als Edgars? Ihr seid ein Bastard und ein Idiot.«
»Du hast doch keine Ahnung, kleiner Mann.«
Da fühlte ich mich glatt versucht, dem Burschen meinen Jones über die Fontanelle zu ziehen, oder – besser noch – ihm die Kehle mit seinem eigenen Schwert durchzuschneiden. Aber sosehr ich dem König auch am Herzen liegen mag, die Ausübung seiner Macht liegt ihm doch leider sehr viel näher am Herzen. Der Mord an Gloucesters Sohn, sosehr er auch verdient sein mochte, würde nicht ungesühnt bleiben. Doch drohte mir wohl ohnehin das kalte Narrengrab, wenn ich den Bastard ziehen ließ, bevor sein Zorn verraucht war. Ich hatte Mary fortgeschickt, um ihr seine Rache zu ersparen. Ich brauchte eine Drohung, mit der ich Edmund Einhalt gebieten konnte, aber mir wollte nichts einfallen. Ich bin der machtloseste Mensch am ganzen Hof. Einfluss nehme ich nur, indem ich den Zorn der anderen schüre.
»Ich weiß sehr wohl, was es heißt, durch den Zufall der Geburt benachteiligt zu sein, Edmund.«
»Wir sind nicht vom selben Schlag. Du bist gewöhnlich wie die Ackerkrume. Ich nicht.«
»Ich kann also nicht wissen, edler Edmund, was es heißt, wenn mein Titel als Beleidigung firmiert? Wenn ich Euch ›Bastard‹ rufe und Ihr mich ›Narr‹, können wir dann wie Menschen miteinander sprechen?«
»Keine Rätsel, Narr! Ich spüre meine Füße nicht.«
»Wieso wollt Ihr Eure Füße spüren? Ist das wieder so eine dieser Extravaganzen der herrschenden Klasse, von denen man hört? So gesegnet seid Ihr mit dem Zugang zu fleischlichen Genüssen, dass Ihr genialisch Perversionen ausersinnen müsst, um Euch zum Erblühen zu bewegen, bis eure innere Rohrpost in Wallung kommt – Ihr müsst Eure Füße spüren und den Stalljungen mit einem toten Hasen peitschen, um Eures schändlich libidinösen Juckens Herr zu werden, habe ich recht?«
»Was redest du, Narr? Ich spüre meine Füße nicht, weil da ein monströses Rindvieh auf meinen Beinen hockt.«
»Oh, stimmt. Verzeihung... Drool, mach dich etwas leichter, aber nicht, dass er mir aufsteht!« Ich stieg von des Bastards Rücken und trat an die Tür der Waschküche, damit er mich sehen konnte. »Ihr wollt Besitz und Titel. Meint Ihr, man wird ihn Euch gewähren, wenn Ihr darum bettelt?«
»Das ist kein Bettelbrief.«
»Ihr wollt das Erbteil Eures Bruders. Wie viel besser würde doch ein Brief von ihm Euren Vater von Eurem Wert überzeugen?«
»Einen solchen Brief würde er nie schreiben, und außerdem muss er um unseres Vaters Gunst nicht buhlen, er genießt sie bereits.«
»Dann besteht die Aufgabe vielleicht darin, die Gunst von Edgar auf Euch umzulenken. Der rechte Brief von ihm könnte es wohl bewirken. Ein Brief, in dem er Euch seine Ungeduld mit dem Warten auf sein Erbe anvertraut und Euch um Hilfe bittet, Euren Vater zu stürzen.«
»Du bist irre, Narr! Solch einen Brief würde Edgar niemals schreiben.«
»Ich sage ja nicht, dass er es tun würde. Besitzt Ihr irgendwas in seiner Handschrift?«
»Allerdings. Einen Kreditbrief, den er einem Wollhändler in Barking Upminster gewähren will.«
»Wisst Ihr, holder Bastard, was ein Skriptorium ist?«
»Aye, es ist ein Raum im Kloster, in welchem Dokumente kopiert werden – Bibeln und dergleichen.«
»Und so ist der Lapsus meiner Geburt nun Eure Rettung, denn da ich kein einzig Elternteil mein Eigen nennen konnte, wuchs ich in einem Kloster auf, welches solch ein Skriptorium beherbergte, in dem man – jawohl – einen Knaben lehrte, Dokumente zu kopieren, und ganz im Sinne unseres Planes lehrten sie ihn, diese präzise in ebenjener Handschrift zu kopieren, die auf der Seite zu sehen war, und auf der Seite davor und der Seite davor... Buchstabe für Buchstabe, Strich um Strich – in der Handschrift eines Mannes, der lange schon im Grabe lag.«
»Dann bist du ein geschickter Fälscher? Wenn du in einem Kloster erzogen wurdest – wie kann es sein, dass du jetzt Hofnarr bist und nicht Mönch oder Priester?«
»Wie kann es sein, dass Ihr, ein Grafensohn, unter dem Arsche eines tumben Tölpels um Gnade winseln müsst? Wir sind alle Bastarde des Schicksals. Wollen wir nun einen Brief aufsetzen, Edmund?«
 
 
Zweifelsohne wäre ich Mönch geworden, hätte mein Weg nicht den der Eremitin gekreuzt. Nie wäre ich dem Hofe nähergekommen als beim Gebet zur Vergebung der Kriegsverbrechen irgendeines Edelmannes. Wurde ich nicht für das Klosterleben großgezogen, schon von dem Augenblick an, als mich Mutter Basil zappelnd auf den Stufen der Abtei von Dog Snogging16 upon Ouze vorfand?
Meine Eltern habe ich nie gekannt, doch Mutter Basil erzählte mir einmal, sie vermute, meine Mutter sei eine Geisteskranke aus dem Nachbardorf gewesen, die im Flusse Ouze ertrunken sei, kurz nachdem man mich gefunden hatte. Sollte dem so sein, erklärte die Äbtissin, dann sei meine Mutter von Gott berührt gewesen (wie das Naturtalent) und daher sei ich ein Gotteskind.
Die Nonnen, meist von nobler Herkunft (zweite und dritte Töchter, die keinen edlen Gatten finden konnten), liebten mich abgöttisch – wie ein kleines Hündchen. Ich war so winzig, dass mich die Äbtissin in ihrer Schürzentasche herumtrug, und daher gab man mir den Namen »Pocket«. Little Pocket von Dog Snogging Abbey. Ich war eine willkommene Abwechslung, das einzig männliche Wesen in einer rein weiblichen Welt, und die Nonnen drängten sich darum, mich in ihrer Schürze herumtragen zu dürfen, auch wenn ich mich daran nicht mehr erinnere. Später, als ich laufen konnte, stellten sie mich zur Essenszeit auf den Tisch und ließen mich auf und ab marschieren und ihnen mit meinem Winker winken, jenem einzigartigen Anhängsel in der Welt der Frauen. Ich war schon sieben Jahre alt, als mir bewusst wurde, dass man auch in Hosen frühstücken konnte. Dennoch fühlte ich mich oft anders als die anderen: ein fremdes Wesen, isoliert.
Man erlaubte mir, auf dem Boden in der Kammer der Äbtissin zu schlafen, denn sie besaß einen gewebten Teppich, den ihr der Bischof geschenkt hatte. In kalten Nächten durfte ich mit unter ihrer Decke schlafen, um ihr die Füße zu wärmen, sofern sich nicht eine der anderen Nonnen zu diesem Zweck bereits zu ihr gesellt hatte.
Mutter Basil und ich waren unzertrennlich, selbst noch nachdem ich ihrer beuteltierartigen Zuneigung entwachsen war. Seit ich denken konnte, nahm ich mit ihr an Messen und Gebeten teil. Wie gern sah ich ihr zu, wenn sie sich am Morgen rasierte, ihre Klinge am Lederriemen abzog und sorgsam den blauschwarzen Backenbart aus ihrem Gesicht barbierte. Sie zeigte mir, wie man die kleine Stelle unter der Nase rasiert und wie sie die Haut am Hals beiseitezog, um sich nicht in den Adamsapfel zu schneiden. Doch war sie eine gestrenge Herrin. Alle drei Stunden musste ich beten wie die Nonnen und sowohl Wasser für ihr Bad heranschleppen, Holz hacken, Böden schrubben und Gartenarbeit verrichten, als mich auch in Mathematik, Katechismus, Latein, Griechisch und Kalligrafie unterrichten lassen. Mit neun Jahren konnte ich drei Sprachen lesen und schreiben und das Leben der Heiligen aus der Erinnerung aufsagen. Ich lebte, um Gott und den Nonnen von Dog Snogging zu dienen, in der Hoffnung, irgendwann einmal zum Priester geweiht zu werden.
Und so wäre es auch gekommen, wären nicht eines Tages Arbeiter in der Abtei erschienen, Steinmetze und Maurer, die nach ein paar Tagen abseits eines der verlassenen Gänge im Pfarrhaus eine Zelle errichtet hatten. Wir sollten unseren ureigenen Eremiten bekommen, oder in unserem Fall: eine Eremitin. Eine Akoluthin, die Gott so inniglich liebte, dass sie sich in eine Zelle einmauern ließ, mit nur einer winzigen Öffnung, durch die man ihr Brot und Wasser reichen konnte, und dort wollte sie den Rest ihres Lebens verbringen, buchstäblich als Teil der Kirche, betend und Weisheiten unters Volk streuend, durch ihr Luftloch, bis der Herr sie zu sich nahm. Neben dem Märtyrertod war das der heiligste Akt der Hingabe, den ein Mensch vollbringen konnte.
Täglich schlich ich aus Mutter Basils Kammer, um nachzusehen, welche Fortschritte die Zelle machte, in der Hoffnung, mich irgendwie in jenem Ruhm zu sonnen, welcher der Eremitin zuteilwerden sollte. Doch als die Mauern immer höher wuchsen, sah ich, dass es kein Fenster gab, keine Luke, durch welche die Dorfbewohner Segnungen erfahren konnten, wie es doch Sitte war.
»Unsere Eremitin ist etwas ganz Besonderes«, erklärte Mutter Basil mit ihrem ruhigen Bariton. »Sie ist so fromm, dass sie nur jene sehen will, die ihr das Essen bringen. Sie möchte sich keinesfalls von ihren Gebeten für die Erlösung des Königs ablenken lassen.«
»Sie steht unter der Obhut des Königs?«
»Allerdings«, sagte Mutter Basil. Wir anderen waren durch schnöde Bezahlung verpflichtet, für die Vergebung des Grafen von Sussex zu beten, der im letzten Krieg gegen die Belgier Tausende Unschuldiger geschlachtet hatte und auf den Kohlen der Hölle braten würde, wenn wir nicht an seiner Stelle jene Buße taten, die der Papst höchstpersönlich auf sieben Millionen Ave Marias pro Bauer festgesetzt hatte. (Selbst mit einer Sonderregelung und einem fünfzigprozentigen Preisnachlass, wie man ihn in Lourdes erwerben konnte, bekam der Graf pro Penny dennoch nicht mehr als tausend Ave Marias zusammen, sodass Dog Snogging durch seine Sünden ein reiches Kloster wurde.) Unsere Eremitin jedoch wollte für die Sünden des Königs ganz allein einstehen. Es hieß, er sei von so herzerfrischender Bosheit, dass ihre Gebete besonders wirkungsvoll ausfallen mussten.
»Bitte, Mutter... bitte lasst mich der Eremitin ihr Essen bringen!«
»Niemand darf sie sehen oder sprechen.«
»Aber irgendwer muss ihr doch was zu essen bringen! Lasst mich es tun! Ich verspreche auch, nicht hinzusehen.«
»Ich will den Herrn dazu befragen.«
Ich war nicht dabei, als die Eremitin kam. Plötzlich ging das Gerücht, sie befinde sich in der Abtei, und die Arbeiter hätten sie bereits eingemauert. Wochenlang bettelte ich die Äbtissin an, sie sollte mir die heilige Pflicht übertragen, die Eremitin zu versorgen, doch erst, als Mutter Basil die Nacht allein mit der jungen Schwester Mandy verbringen musste, um in aller Abgeschiedenheit für die Vergebung dessen zu bitten, was die Äbtissin als »hammergeiles Wochenende« bezeichnete, erlaubte man mir, die Eremitin zu bewirten.
»Wenn ich es recht bedenke«, sagte die Mutter Oberin, »bleibst du am besten gleich dort, vor ihrer Zelle, bis zum Morgen, und versuchst mal, ob du etwas Frömmigkeit erlernen kannst. Und komm nicht vor dem Morgen wieder! Dem späten Morgen. Und bring Tee und Brötchen mit, wenn du kommst. Und Marmelade.«
Ich dachte, ich müsste platzen, so aufgeregt war ich, als ich zum ersten Mal den langen, dunklen Gang entlanglief – mit einem Teller voll Käse und Brot und einem Krug Ale in Händen. Halbwegs erwartete ich, Gottes Herrlichkeit durchs Fenster leuchten zu sehen, doch als ich ankam, war da gar kein Fenster, nur eine kreuzförmige Schießscharte wie in der Burgmauer. Anscheinend konnten die Steinmetze nur eine ganz bestimmte Art von Fenstern in dicke Mauern hauen. (Komisch eigentlich, dass sowohl Schießscharten als auch das Schwert mit seinem Heft – beides dient schließlich gewissermaßen dem Tode – ausgerechnet das Zeichen des Kreuzes beschreiben, eines Symbols der Gnade. Doch wenn ich es recht bedenke, stand es ja selbst im Dienste des Todes.) Die Öffnung war kaum groß genug, dass ich die Flasche hindurchreichen konnte. Der Teller passte gerade eben durch das Kreuz. Ich wartete. Aus der Zelle drang kein Licht. Eine Kerze im Vorraum war die einzige Beleuchtung.
Ich hatte schreckliche Angst. Ich lauschte, ob ich hören konnte, wie die Eremitin Novenen rezitierte. Ich hörte sie nicht einmal atmen. Ob sie schlief? Konnte es eine Sünde sein, jemanden beim Beten zu stören, der so heilig war? Ich stellte Teller und Krug auf den Boden und versuchte, ins Dunkel der Zelle zu spähen. Vielleicht leuchtete sie ja.
Da sah ich es. Das Kerzenlicht spiegelte sich in ihrem Auge. Sie stand da, keine zwei Schritte vor der Öffnung. Ich schreckte zurück, schlug an die Mauer hinter mir und stieß dabei das Bier um.
»Habe ich dich erschreckt?«, hörte ich ihre Stimme.
»Nein, nein, ich wollte nur, ich war... Verzeiht mir! Ich bin sprachlos ob Eurer Frömmigkeit.«
Da lachte sie. Es war ein trauriges Lachen, als hätte sie es lange schon zurückgehalten und nun kam es wie ein Schluchzen hervor, doch sie lachte tatsächlich, und ich war verwirrt.
»Ich bitte um Entschuldigung, Mutter...«
»Nein, nein, nein, entschuldige dich nicht! Wag es nicht, dich zu entschuldigen, Junge!«
»Mach ich. Tu ich nicht.«
»Wie heißt du?«
»Pocket, Mutter.«
»Pocket«, wiederholte sie und lachte noch ein wenig. »Du hast mein Bier verschüttet, Pocket.«
»Aye, Mutter. Soll ich Euch ein neues holen?«
»Wenn du verhindern willst, dass der Glanz meiner gottverfluchten Heiligkeit uns niederbrennt, dann solltest genau das tun, Freund Pocket. Und wenn du wiederkommst, möchte ich, dass du mir eine Geschichte erzählst, die mich zum Lachen bringt.«
»Ja, Mutter.«
Und das war der Tag, der meine Welt veränderte.
 
 
»Erinnere mich! Weshalb meucheln wir meinen Bruder nicht einfach?«, fragte Edmund. Von wimmerndem Geschreibsel zum Mordkomplott in einer Stunde. Edmund lernte schnell, wenn es um Bosheit ging.
Ich saß mit einer Feder in der Hand in meiner Kammer über dem großen Tor in der Außenmauer der Burg. Ich habe meinen eigenen Kamin, einen Tisch, zwei Stühle, ein Bett, ein Regal für meine Sachen, einen Haken für meine Narrenkappe und meine Kleider, und in der Mitte des Raumes einen großen Kessel, in dem man Öl erhitzen kann, um es dann durch Gitter im Boden siedend über etwaige Belagerer zu kippen. Abgesehen vom Klirren der massiven Ketten, wenn die Zugbrücke angehoben oder heruntergelassen wird, ist es eine kuschelige Kammer, in der sich Schlaf und andere horizontale Betätigungen betreiben lassen. Das Beste ist jedoch, dass ich dort für mich allein bin und einen fetten Riegel vor der Tür habe. Selbst unter Edelleuten ist Privatsphäre ein seltenes Gut, da dort die Konspiration gedeiht.
»Das mag Erfolg versprechend klingen, doch wird Edgar nicht entehrt, enterbt und sein Besitz gezielt an Euch übergeben, könnten Land und Titel an den erstbesten legitimen Vetter gehen, oder schlimmer noch: Euer Vater könnte Gefallen daran finden, einen neuen Erben zu zeugen.«
Bei dem bloßen Gedanken lief mir – wie bestimmt gut einem Dutzend junger Maiden in unserem Königreich – ein kalter Schauer über den Rücken, denn vor meinem inneren Auge sah ich Gloucesters welke Flanken, entblößt und willens, heiratsfähige Jungfern mit einem Erben zu adeln. Die Maiden würden an die Klostertüren trommeln, um dieser Ehre zu entkommen.
»Das hatte ich nicht bedacht«, sagte Edmund.
»Wirklich? Ihr habt nicht nachgedacht? Schockierend! Auch wenn ein schlichter Giftmord sauberer erscheinen mag, ist ein Brief das schärfere Schwert.« Wenn ich dem Schurken etwas Leine ließ, würde er vielleicht für unser beider Zwecke hängen. »Ich kann solch einen Brief verfassen, subtil und doch belastend. Ihr werdet Graf von Gloucester sein, bevor Ihr Erdreich auf den zuckenden Leichnam Eures Vaters schaufelt. Jedoch vermag der Brief vielleicht nicht alles zu bewegen.«
»Sprich aus, was du denkst, Narr! So gern ich dein Geschwätz ersticken möchte, sprich!«
»Der König begünstigt Euren Vater und Euren Bruder, was der Grund ist, weshalb sie gerufen wurden. Wenn Edgar mit Cordelia verlobt wird, was schon vor dem Morgen geschehen könnte – nun, mit der Mitgift der Prinzessin in der Tasche besteht für ihn kein Grund, jenen Verrat zu planen, den wir ihm zu Ehren gerade konstruieren. Ihr würdet Euer wahres Gesicht zeigen, edler Edmund, und der legitime Sohn würde dadurch nur noch reicher.«
»Ich werde dafür sorgen, dass er sich nicht mit Cordelia verlobt.«
»Wie? Wollt Ihr ihm Erschröckliches berichten? Ich weiß aus verlässlicher Quelle, dass sie Füße wie Paddelboote hat. Man bindet sie unter ihrem Rock ab, damit sie beim Gehen nicht so schlappen.«
»Ich werde dafür sorgen, dass es nicht zur Hochzeit kommt. Keine Angst, kleiner Mann. Aber kümmere dich um diesen Brief! Morgen will Edgar nach Barking, um die Kreditbriefe abzuliefern, und ich kehre mit meinem Vater nach Gloucester zurück. Dort werde ich ihm den Brief zustecken, damit sein Zorn in Ruhe schwelen kann, bis Edgar eintrifft.«
»Schnell, bevor ich Pergament vergeude! Versprecht mir eins: Ihr lasst nicht zu, dass Edgar Cordelia heiratet.«
»Soll sein, Narr. Wenn du für dich behältst, dass du diesen Brief verfasst hast.«
»Versprochen«, sagte ich. »Bei den Hoden der Venus.«
»Dann verspreche ich es auch«, sagte der Bastard.
»Also gut«, sagte ich und tunkte meine Feder in die Tinte, »obwohl ein Mord der einfachere Plan wäre.« Des Bastards Bruder Edgar war noch nie mein Fall. Ernst ist er, mit offenem Gesicht. Ich traue niemandem, der so vertrauenswürdig wirkt. So jemand führt doch was im Schilde. Allerdings böte auch Edmund einen erbaulichen Anblick, wenn er für den Brudermord mit schwarzer Zunge am Galgen baumelte. Narren feiern Feste, wie sie fallen!
Nach einer halben Stunde hatte ich einen Brief verfasst, der so hintertrieben und von Verrat getränkt war, dass ein jeder Vater – wenn er dieses Schreiben zu Gesicht bekäme – seinen Sohn auf der Stelle erdrosselt hätte oder – falls kinderlos – mit einem Vorschlaghammer auf die eigenen Eier eingedengelt hätte, um ungeborenen Verschwörern von vornherein das Leben zu vermiesen. Es war ein Meisterwerk der Fälschung und Manipulation. Ich löschte die Tinte gut ab und hielt den Brief hoch, um ihn Edmund zu zeigen.
»Ich brauche Euren Dolch, Sire«, sagte ich.
Edmund griff nach dem Brief, doch ich wich ihm tänzelnd aus. »Erst das Messer, edler Bastard!«
Edmund lachte. »Nimm du nur meinen Dolch, Narr! Damit bist du auch nicht sicherer. Ich habe noch mein Schwert.«
»Aye, welches ich Euch selbst gegeben habe. Ich brauche Euren Dolch, um das Siegel von diesem Kreditbrief zu lösen, damit ich es an Eurem Schreiben befestigen kann. Ihr dürft es nur in Gegenwart Eures Vaters aufbrechen, als würdet Ihr die schwarze Seele Eures Bruders eben erst entdecken.«
»Oh«, sagte Edmund.
Er reichte mir den Dolch. Ich machte mich am Siegelwachs zu schaffen und gab ihm die Klinge zusammen mit dem Brief zurück. (Hätte ich dafür eines meiner eigenen Messer nehmen können? Gewiss, doch ich hielt es nicht für angezeigt, Edmund von deren Existenz in Kenntnis zu setzen.)
Kaum steckte der Brief in seiner Tasche, als Edmund schon sein Schwert gezückt hatte und es mir an die Kehle hielt. »Ich denke, ich kann mir dein Schweigen besser sichern als nur durch dein Versprechen.«
Ich rührte mich nicht. »Ihr klagt, Ihr wäret zu Euren Ungunsten geboren... auf wessen Gunst wollt Ihr also bauen, wenn Ihr des Königs Narren tötet? Ein Dutzend Wachen hat Euch kommen sehen.«
»Das Risiko gehe ich ein.«
Genau in diesem Augenblick fingen die großen Ketten, die durch mein Zimmer liefen, an zu beben, und rasselten, als wären hundert unglückselige Gefangene daran gefesselt, und nicht eine Platte aus Eichenholz und Eisen. Edmund sah sich um, und ich huschte ans andere Ende des Zimmers. Wind pfiff durch die Schießscharten, die mir als Fenster dienten, und löschte die Kerze, die ich für das Siegelwachs verwendet hatte. Der Bastard fuhr herum, und plötzlich wurde es dunkel, als deckte jemand den Tag mit einem schwarzen Umhang zu. Der güldene Geist einer Frau schimmerte vor der dunklen Mauer in der Luft.
Der Geist sagte:
»Tausend Jahr am Galgen hängt
Der Bube, der den Narren kränkt.«
Ich sah Edmund nur im Licht des Geistes, doch er wich wie ein Krebs zur Tür zurück, die hinaus auf die Westmauer führte, tastete panisch nach dem Riegel. Dann riss er sie auf und war im selben Augenblick schon draußen. Licht fiel in meine kleine Kammer, und durch die Schießscharten im Stein sah ich die Themse.
»Hübsch gereimt, Wölkchen«, sagte ich ins Leere. »Sehr hübsch.«
Fool: Roman
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