22
Am
White Tower
»Wichser!«, kreischte
der Rabe.
Er war mir keine
große Hilfe, als ich heimlich Zugang zum White Tower suchte. Meine
Glöckchen hatte ich mit Lehm gefüllt und auch mein Gesicht
geschwärzt, doch selbst die beste Tarnung nützte nichts, wenn der
Rabe dann Alarm schlug. Ich hätte schon vor meinem Abschied vom
Tower eine Wache bitten sollen, ihn mit der Armbrust
abzuschießen.
Ich lag in einem
kleinen, flachen Skiff, das ich mir von einem Fährmann ausgeliehen
hatte, zugedeckt mit Lumpen und Ästen, sodass ich wie Treibgut
aussah, das auf der Themse dümpelte. Ich paddelte mit der rechten
Hand im eisig kalten Wasser, bis mein Arm ganz taub war.
Eisschollen trieben überall im Wasser. Noch so eine kalte Nacht und
ich wäre freiwillig durchs Verrätertor hineinmarschiert, anstatt zu
paddeln. Der Fluss mündete im Burggraben, und der Burggraben führte
unter einem niedrigen Steinbogen hindurch zu jenem Tor, das der
englische Adel seit Jahrhunderten nutzte, um seine Verwandten zum
Richtblock zu geleiten.
Zwei eisenbeschlagene
Türen trafen in der Mitte dieses Bogens aufeinander, unter Wasser
zusammengekettet. Sie schwangen mit der Strömung leicht hin und
her. Ganz oben, wo die Tore aufeinandertrafen, fand sich eine
Lücke. Nicht breit genug für einen bewaffneten Soldaten, doch eine
Katze, eine Ratte oder ein gelenkiger, tatkräftiger Narr von eher
schmächtiger Statur mochte sich dort ohne weiteres hindurchzwängen.
Was ich auch tat.
Drinnen, auf den
steinernen Stufen, sah ich keine Wachen, doch vier Meter Wasser
lagen zwischen mir und diesen Stufen, und mein Skiff wollte nicht
durch den Spalt im Tor passen. Hier sollte ein Narr wohl nass
werden. Da gab es keine andere Möglichkeit. Doch schien es mir, als
sei das Wasser flach, nur ein, zwei Fuß tief. Vielleicht konnten
wenigstens meine Schuhe trocken bleiben. Ich zog sie aus und
stopfte sie in mein Wams, dann rutschte ich am Tor hinab ins kalte
Wasser.
Himmelarsch und
Minipimmel, war das kalt! Nur bis zu den Knien, aber eisig. Und
mich dünkt, ich hätte es wohl unentdeckt geschafft, wenn mir nicht
dieses energische »Himmelarsch und Minipimmel, ist das kalt!«
entfahren wäre. So jedoch nahm mich oben an der Treppe das spitze
Ende einer Hellebarde in Empfang, die übelwollend auf meine Brust
gerichtet war.
»Meine Fresse«, sagte
ich. »Tut, was Ihr tun müsst, aber bringt es hinter Euch, und
schafft meine Leiche irgendwohin, wo es warm ist!«
»Pocket?«, sagte der
Gardist am anderen Ende des Speers. »Aye«, sagte ich.
»Euch habe ich ja
seit Monaten nicht gesehen. Was habt Ihr denn da im
Gesicht?«
»Lehm. Zur
Tarnung.«
»Ach so. Kommt rein
und wärmt Euch auf! Muss doch schrecklich kalt sein, in so einer
nassen Strumpfhose.«
»Du sprichst ein
wahres Wort gelassen aus, mein Freund«, sagte ich. Es war der
junge, pickelgesichtige Leibgardist, den ich damals auf der Mauer
gerügt hatte, als Regan und Goneril kamen, um ihr Erbe
einzutreiben. »Aber solltest du nicht auf deinem Posten bleiben? Da
du doch Dienst hast und so?«
Er führte mich über
das Pflaster des Burghofes durch einen Dienstboteneingang in die
Hauptburg und die Treppe hinunter in die Küche.
»Ach was. Wir reden
hier schließlich vom Verrätertor, oder? Das Kettenschloss ist groß
wie Euer Kopf. Da kommt keiner durch. Ist eigentlich ganz nett da.
Liegt im Windschatten. Nicht so fies wie oben auf der Mauer. Wisst
Ihr, dass die Herzogin Regan inzwischen hier im Tower wohnt? Ich
habe Euren Rat beherzigt, nicht über ihre Koitabilität36 zu sprechen,
auch wenn der Herzog tot ist und so. Man kann nicht vorsichtig
genug sein. Obwohl ich sie einmal im Morgenrock gesehen habe, als
sie auf den Zinnen draußen vor ihrem Solar stand. Hübsche Flanken
hat sie – selbst wenn man dem Tod ins Auge blickt, nur allein
dafür, dass man es offen ausspricht, Sir.«
»Aye, die Lady ist
wohl geraten, und ihre Öse ist weich wie Froschfell, Junge, doch
dein wackeres Schweigen wird dich doch noch an den Galgen bringen,
wenn du nicht aufhörst, laut zu denken.«
»Pocket, du
schimmlige, flohverseuchte Pestratte!«
»Bubble! Schatz!«,
rief ich. »Du drachenmaulstinkende Warzensau, wie geht es
dir?«
Die ochsenärschige
Köchin versuchte, ihre Freude zu verbergen, indem sie eine Zwiebel
nach mir warf, doch sie grinste. »Seit du das letzte Mal in meiner
Küche warst, hast du keinen vollen Teller mehr gesehen, habe ich
recht?«
»Es hieß, du seiest
tot«, sagte Squeak mit einem Halbmond des Lächelns unter ihren
Sommersprossen.
»Gib dem Quälgeist
was zu essen!«, sagte Bubble. »Und wasch ihm den Dreck aus dem
Gesicht. Schon wieder im Schweinestall rumgetrieben, was,
Pocket?«
»Eifersüchtig?«
»Eher nicht«, sagte
Bubble.
Squeak setzte mich
auf einen Hocker am Feuer, und während ich meine Füße wärmte,
schrubbte sie mir den Lehm aus dem Gesicht und aus den Haaren,
wobei sie gnadenlos mit ihren Brüsten auf mich
eintrommelte.
Heimat, die ich
meine!
»Und hat irgendjemand
Drool gesehen?«
»Im Kerker beim
König«, sagte Squeak. »Nicht mal die Wache soll davon wissen.« Sie
musterte den jungen Leibgardisten neben mir.
»Wusste ich schon«,
sagte er.
»Was ist mit den
Männern des Königs, seinen Rittern und der Garde? In der
Kaserne?«
»Von wegen«, sagte
der Gardist. »Die Burgwache war das reine Zuckerschlecken, bis
Hauptmann Curan von Gloucester kam. Er hat jeder Wache einen Ritter
vorangestellt und die alte Garde Mann für Mann neu besetzt.
Gewaltige Soldatenlager draußen vor den Mauern, Cornwalls Armee im
Westen, Albany im Norden. Es heißt, der Herzog von Albany schlafe
im Lager bei seinen Männern. Will nicht in den Tower
kommen.«
»Weise Entscheidung,
wenn sich so viele falsche Schlangen auf der Burg winden. Was ist
mit den Prinzessinnen?«, fragte ich Bubble. Obwohl sie die Küche
niemals zu verlassen schien, wusste sie doch stets, was in der Burg
so vor sich ging.
»Sie reden nicht
miteinander«, sagte Bubble. »Sie nehmen ihre Mahlzeiten in ihren
Gemächern ein, die sie schon als Mädchen bewohnt haben. Goneril im
Ostturm des Bergfrieds. Regan in ihrem Solar an der Südmauer. Sie
kommen nur zum Mittagsmahl zusammen, wenn der Bastard Gloucester da
ist.«
»Kannst du mich zu
ihnen bringen, Bubble? Ohne dass mich jemand sieht?«
»Ich könnte dich in
ein Ferkel einnähen und rüberschaffen lassen.«
»Hübsche Idee, aber
ich hatte eigentlich gehofft, ich könnte unentdeckt heimkehren.
Eine Spur aus Bratensaft würde nur die Hunde und Katzen anlocken.
Bedauerlicherweise habe ich da so meine Erfahrung.«
»Wir könnten dich
auch als Diener verkleiden«, sagte Squeak. »Regan ließ uns an
Stelle unserer Mägde ein paar Knaben anheuern. Sie quält und
ängstigt sie solange, bis sie heulen.«
Ich musterte Bubble
vorwurfsvoll. »Wieso hast du das nicht
vorgeschlagen?«
»Ich hätte zu gern
gesehen, wie du in ein Ferkel eingenäht wirst, du schlüpfriges
Schlitzohr!«
Seit Jahren nun ringt
Bubble schon mit ihrer tiefen Zuneigung für mich.
»Nun denn …«, sagte
ich. »Dann also ein Lakai.«
»Weißt du, Pocket«,
hatte Cordelia mit sechzehn Jahren gesagt, »Goneril und Regan
behaupten, meine Mutter sei eine Zauberin gewesen.«
»Ja, das habe ich
auch gehört, Lämmchen.«
»Wenn dem so ist,
dann bin ich stolz darauf. Es bedeutet, dass sie für ihre Kraft
keinen Kerl brauchte. Kraft hatte sie selbst genug.«
»Sie wurde verbannt,
oder?«
»Nun … ja … oder
ertränkt. Keiner will es mir genauer sagen. Vater verbietet es,
danach zu fragen. Aber ich wollte damit nur sagen, dass eine Frau
aus eigener Kraft zu Einfluss kommen sollte. Wusstest du, dass der
Zauberer Merlin seine Macht an Viviane übergab, damit sie ihm
gefällig war, woraufhin sie eine große Zauberin und Königin wurde
und Merlin zum Dank dafür hundert Jahre in eine Höhle
sperrte.«
»So sind die Männer,
Lämmchen. Kaum warst du ihnen gefällig, schon schnarchen sie, die
Höhlenbären. So ist die Welt nun mal.«
»Das hast
du nicht getan, als meine Schwestern
dir gefällig waren.«
»Nichts dergleichen
waren sie.«
»Waren sie wohl. Und
zwar oft. Alle auf der Burg wissen davon.«
»Infame
Lügen.«
»Auch gut. Nachdem
dir also Frauen gefällig waren, die namenlos bleiben sollen … Bist
du danach eingeschlafen?«
»Also … nein. Aber
ich musste dafür auch weder meine Zauberkräfte, noch mein
Königreich aufgeben.«
»Aber du hättest es
getan, oder?«
»Also wirklich …
Genug von Zauberern und dergleichen. Was hältst du davon, wenn wir
runter in die Kapelle gehen und wieder zum Christentum
konvertieren? Drool hat den ganzen Kommunionswein ausgetrunken und
alle Hostien aufgefuttert, die noch übrig waren, nachdem der
Bischof vertrieben wurde, also dürfte er gesegnet genug sein und
kann uns ohne jeden Klerus in die Gemeinde aufnehmen. Hat eine
Woche lang gerülpst wie das Kind in der Krippe.«
»Du willst nur das
Thema wechseln.«
»Verflixt! Ertappt!«,
rief Jones, die Puppe. »Das soll dir eine Lehre sein, du
schleimiger Schelm. Lasst ihn auspeitschen,
Prinzessin!«
Cordelia lachte, riss
mir Jones aus der Hand und schlug ihn an meine Brust. Noch als
Erwachsene hatte sie eine Schwäche für Marionettenkomplotte und
Kasperlejustiz.
»Nun, Narr, sag die
Wahrheit – sofern die Wahrheit in dir nicht schon verdörrt ist.
Würdest du deine Macht und dein Königreich dafür hingeben, dass dir
eine Lady gefällig ist?«
»Das hinge wohl von
der Lady ab, oder?«
»Ich, zum
Beispiel?«
»Vous?«, sagte ich mit hochgezogenen Augenbrauen,
ganz nach Froschfickerart.
»Oui«, antwortete sie in der Sprache der
Liebe.
»Keine Chance«, sagte
ich. »Ich würde schnarchen, bevor du mich zu deinem persönlichen
Gott erklären könntest, was du fraglos tätest. Diese Bürde muss ich
tragen. Der tiefe Schlaf der Unschuld wäre mein.« Oder meinetwegen
auch der tiefe Schlaf der frisch gevögelten Unschuld. »Ich fürchte,
dass Ihr mir am nächsten Morgen Euren Namen in Erinnerung rufen
müsstet.«
»Du bist nicht
eingeschlafen, nachdem meine Schwestern dich im Bett hatten. Ich
weiß Bescheid.«
»Nun, die Gefahr
eines gewaltsamen, postkoitalen Todes hält einen vermutlich auf
Trab, was?«
Sie kam über den
Teppich gekrochen, bis sie mir ganz nah war. »Du bist ein
schrecklicher Lügner.«
»Wie war noch Euer
Name?«
Sie schlug mir Jones
an den Kopf und küsste mich – kurz nur, doch mit Gefühl. Es war das
einzige Mal.
»Ich bekäme deine
Macht und dein Königreich, Narr.«
»Gib mir meine Puppe
wieder, namenlose Metze!«
Regans Solar war
größer, als ich es in Erinnerung hatte. Ein pompöser, runder Raum
mit Kamin und Esstisch. Zu sechst trugen wir ihr Abendessen hinein
und richteten es auf dem Tisch an. Sie war ganz in Rot, wie meist,
mit schneeweißen Schultern und rabenschwarzem Haar, hübsch
anzusehen im rötlich gelben Feuerschein.
»Möchtest du nicht
lieber hinterm Wandteppich hocken, Pocket?«
Sie winkte die
anderen hinaus und schloss die Tür.
»Ich habe mich doch
verstellt! Woher wusstet Ihr, dass ich es bin?«
»Du bist nicht in
Tränen ausgebrochen, als ich dich angeblafft habe.«
»Dreck. Ich hätte es
wissen müssen.«
»Und du warst der
einzige Diener mit Hosenbeutel.«
»Ich kann mein Licht
eben nicht unter den Scheffel stellen, was?« Sie machte mich
rasend. Überraschte sie denn gar nichts mehr? Sie sprach, als hätte
sie nach mir geschickt und mich längst erwartet. Sie verdarb mir
allen Spaß an Versteckspiel und Verkleidung. Ich fühlte mich
versucht, ihr zu verraten, dass sie übertölpelt und droolgepoppt
war, nur um ihre Reaktion zu sehen, doch leider standen da noch
Wachen, die ihr treu ergeben waren, und ich konnte nicht sicher
sein, dass sie mich nicht kurzerhand töten ließ. (Ich hatte meine
Messer bei Bubble in der Küche gelassen. Nicht dass sie mir gegen
eine Kompanie von Leibgardisten etwas genützt hätten …) »Nun,
Mylady, was macht die Trauer?«
»Es geht überraschend
gut. Ich glaube, Kummer steht mir. Kummer oder Krieg, da bin ich
mir nicht sicher. Aber ich habe einen gesunden Appetit, und mein
Teint ist rosig.« Sie nahm einen Handspiegel und betrachtete sich,
dann sah sie mich darin und wandte sich um. »Doch, Pocket, was
treibt dich hierher?«
»Ach, nur von wegen
Loyalität und so. Nachdem die Franzosen vor unseren windschiefen
Toren stehen, dachte ich mir, ich komm zurück und helfe, Heim und
Herd zu verteidigen.« Vermutlich wäre es das Beste, nicht weiter
auf meine wahren Gründe einzugehen, also fuhr ich eilig fort: »Und
wie läuft der Krieg so?«
»Kompliziert.
Staatsaffären sind kompliziert, Pocket. Ich glaube kaum, dass ein
Narr etwas davon versteht.«
»Aber ich gehöre doch
jetzt zur königlichen Familie, Täubchen. Wusstest du das
nicht?«
Sie ließ ihren
Spiegel sinken und sah mich an, als müsste sie gleich vor Lachen
losprusten. »Närrischer Narr! Wenn du durch Berührung adlig
würdest, wärst du schon seit Jahren Ritter, oder? Leider bist du
einfach nur gewöhnlich.«
»Ha! Ja, einstmals!
Doch nun, Cousinchen, fließt blaues Blut durch meine Adern.
Tatsächlich ist mir danach zumute, einen Krieg vom Zaun zu brechen
und die bucklige Verwandtschaft zu ficken, was mir die
hauptsächliche Freizeitbeschäftigung des Adelsstands zu sein
scheint.«
»Unsinn. Und nenn
mich nicht Cousinchen.«
»Dann das Land ficken
und ein paar Anverwandte meucheln? Ich bin noch keine Woche adlig.
Hab mir das Protokoll noch nicht einprägen können. Wir sind Cousin und Cousine, Täubchen! Unsere Väter
waren Brüder.«
»Unmöglich.« Regan
knabberte an einer der getrockneten Früchte herum, die Bubble auf
das Tablett gelegt hatte.
»Lears Bruder Canus
hat meine Mutter auf einer Brücke in Yorkshire vergewaltigt,
während Lear sie festhielt. Ich bin das Ergebnis einer feindlichen
Übernahme. Dein Vetter.« Ich verneigte mich. Stets zu Diensten, Euer Pogeboren.
»Ein Bastard. Ich
hätte es wissen müssen.«
»Oh, aber Bastarde
sind wahre Hoffnungsträger, nicht wahr? Oder habe ich nicht mit
angesehen, wie Ihr Euren Herrn, den Herzog, erschlagen habt, um in
die Arme eines Bastards zu entfliehen – der, wie ich mich entsinne,
jetzt der Graf von Gloucester ist. Wie läuft im Übrigen die
Romanze? Hoffentlich mehr schlecht als recht.«
Da setzte sie sich
und fuhr mit den Fingernägeln durch ihr pechschwarzes Haar, als
harkte sie Gedanken aus der Kopfhaut. »Nun, ich bin ihm noch
gewogen … obwohl er nicht recht halten will, was das erste Mal
versprach. Zudem ist die ganze Intrige scheißanstrengend, da
Goneril versucht, Edmund ins Bett zu lotsen, und er mir keinen
Respekt zollen darf, weil er fürchten muss, Albanys Unterstützung
zu verlieren, und Frankreich zu allem Überfluss auch noch
einmarschieren will. Wenn ich gewusst hätte, was mein Mann alles so
am Laufen hat, hätte ich noch ein wenig gewartet, bevor ich ihn
ermorde.«
»Armes Täubchen.« Ich
trat hinter sie und massierte ihr die Schultern. »Euer Teint ist
rosig und Euer Appetit gesund, und Ihr seid wie stets ein prächtig
koitables Weib. Seid Ihr erst Königin, könnt Ihr alle köpfen lassen
und Euch erst mal ein kleines Nickerchen gönnen.«
»Das ist genau der
Punkt. Es ist ja nicht so, als könnte ich mir einfach die Krone
aufsetzen und fröhlich vor mich hinregieren … Gott, der Heilige
Georg und der ganze verwesende Friedhof der Geschichte. Ich muss
die verfickten Franzmänner besiegen, dann muss ich Albany töten,
dann Goneril, und ich schätze, ich muss wohl Vater finden und dafür
sorgen, dass ihm was Schweres auf den Kopf fällt, weil mich das
Volk sonst niemals akzeptieren wird.«
»Da bringe ich gute
Nachricht. Lear sitzt unten im Verlies. Vollkommen neben der Rille,
aber am Leben.«
»Tatsächlich?«
»Aye, Edmund kam
jüngst von Dover mit ihm zurück. Wusstet Ihr das
nicht?«
»Edmund ist wieder
da?«
»Seit kaum drei
Stunden. Ich bin ihm hierher gefolgt.«
»Bastard! Er hat mir
nicht mal eine Nachricht gesandt, dass er zurück ist. Ich habe ihm
einen Brief nach Dover geschickt.«
»Diesen Brief?« Ich
zückte den Brief, den Oswald verloren hatte. Selbstverständlich
hatte ich das Siegel aufgebrochen, doch sie erkannte den Brief und
riss ihn mir aus der Hand.
»Woher hast du ihn?
Ich habe Oswald geschickt, Gonerils Burschen, dass er ihn Edmund
persönlich übergibt.«
»Ja, nun, ich habe
Oswald ins Wurm-Walhalla geschickt, bevor der Brief ausgeliefert
war.«
»Du hast ihn
getötet?«
»Ich sage doch: Ich
bin von Adel – ein meuchlerischer, kleiner Scheißer, wie ihr
anderen auch. Und außerdem ist dieser Brief sowieso ein flatternder
Schwarm Schmetterlingswichse, oder nicht? Habt Ihr denn keine
Leute, die Euch bei solchen Dingen beraten? Einen Kanzler oder
Haushofmeister, einen blöden Bischof oder irgendwen?«
»Ich habe niemanden.
Alle sind auf meiner Burg in Cornwall.«
»Ach, Liebes, gern
will Euch Euer Vetter Pocket helfen!«
»Das würdest du
tun?«
»Selbstredend.
Zuallererst kümmern wir uns um Eure Schwester.« Ich holte zwei
Fläschchen aus dem Beutel an meinem Gürtel. »Das Rote ist tödliches
Gift. Das Blaue aber ist nur wie ein
Gift, ruft dieselben Symptome hervor, als wäre man tot, doch man
schläft nur – einen Tag pro Tropfen, den man trinkt. Ihr könntet
zwei Tropfen in den Wein Eurer Schwester geben – beispielsweise,
wenn Ihr bereit seid, die Franzosen anzugreifen -, und sie würde
zwei Tage lang schlafen wie eine Tote, während Ihr und Edmund Euren
Willen bekommt, und zwar, ohne Albanys Unterstützung zu
verlieren.«
»Und das
Gift?«
»Nun, Täubchen, das
Gift wird vielleicht nicht nötig sein. Ihr könntet Frankreich
besiegen, Edmund für Euch allein haben und eine Vereinbarung mit
Eurer Schwester und Albany herbeiführen.«
»Ich habe schon jetzt
eine Vereinbarung mit ihnen. Das Königreich ist aufgeteilt, wie
Vater es verfügt hat.«
»Ich sage nur, dass
Ihr die Franzosen bekämpfen und Edmund bekommen könnt, ohne Eure
Schwester ermorden zu müssen.«
»Und was ist, wenn
wir Frankreich nicht besiegen?«
»Nun, dann habt Ihr
ja immer noch das Gift, oder?«
»Also, das ist ja ein
selten dämlicher Rat«, sagte Regan.
»Wartet, Cousinchen,
ich habe Euch noch nicht erzählt, dass Ihr mich zum Herzog von
Buckingham macht. Ich wünsche mir den klotzigen Palast, Hyde Park,
den St. James Park und ein Äffchen.«
»Du bist verrückt
geworden!«
»Namens
Jeff.«
»Hinaus!«
Im Gehen schnappte
ich mir den Liebesbrief vom Tisch.
Eilig lief ich durch
die Korridore, über den Burghof in die Küche, wo ich meinen
Hosenbeutel gegen ein Dienerbeinkleid tauschte. Es war eine Sache,
Jones und meine Narrenkappe beim Fährmann zu lassen, eine andere,
meine Messer bei Bubble zu verstecken, doch meinen Hosenbeutel
aufzugeben, das war, als gäbe ich meine Seele hin.
»Seine Größe hat mich
fast verraten«, sagte ich zu Squeak, der ich das tragbare Refugium
meiner verschwenderischen Männlichkeit überreichte.
»Aye, da könnte glatt
eine ganze Eichhörnchenfamilie einziehen«, bemerkte Squeak und ließ
eine Handvoll frisch geknackter Walnüsse in mein leeres
Suspensorium fallen.
»Ein Wunder, dass du
beim Gehen nicht geklötert hast wie ein trockener Kürbis«, sagte
Bubble.
»Schön. Macht nur
abfällige Bemerkungen über meine Männlichkeit, wenn Ihr wollt, aber
ich werde Euch nicht beschützen, wenn die Franzosen kommen! Sie
haben einen unnatürlichen Hang zu öffentlicher Knutscherei, und sie
riechen nach Schnecken und Käse. Ich werde laut lachen – ha! -,
während ihr beide gnadenlos von froschigen Plünderern
käsegeknutscht werdet.«
»Klingt eigentlich
gar nicht so übel«, sagte Squeak.
»Du solltest dich auf
den Weg machen, Junge«, sagte Bubble. »Goneril wartet auf ihr
Abendessen.«
»Adieu«, sagte ich als Vorgeschmack auf die
franzistische Zukunft meiner ehemaligen Freundinnen und
dermaleinstigen, froschgeknutschten Flittchen. »Adieu.« Ich verneigte mich, strich mit dem
Handrücken über meine Stirn, um mit großer Geste eine Ohnmacht
vorzutäuschen, und ging.
(Ich gebe zu, man ölt
seine Auftritte und Abgänge gern mit einem Hauch von Melodram.
Ausdruck ist für einen Narren alles.)
Gonerils Gemächer
waren weniger geräumig als Regans, aber luxuriöser, und ein Feuer
brannte im Kamin. Ich war nicht mehr dort gewesen, seit Goneril die
Burg verlassen hatte, um Albany zu heiraten, doch als ich nun
eintrat, spürte ich sowohl eine unleugbare Erregung, als auch eine
gewisse Furcht.Vermutlich brodelten verschiedenste Erinnerungen
unter dem Deckel im Topf meiner Wahrnehmung. Sie trug Kobaltblau
mit Goldbesatz, gewagt geschnitten. Sie wusste wohl, dass Edmund
wieder da war.
»Bärchen!«
»Pocket? Was machst
du denn hier?« Sie winkte die anderen Diener hinaus, und auch die
junge Dame, die ihr Haar geflochten hatte. »Und was machst du in
diesem absurden Aufzug?«
»Ich weiß«, sagte
ich. »Tuntiges Beinkleid. Ohne meinen Hosenbeutel fühle ich mich
wehrlos.«
»Ich finde, es macht
dich größer«, sagte sie.
Ein Dilemma. Größer
im Beinkleid oder atemberaubend männlich im Hosenbeutel? Beides
sind nur Illusionen, und jede birgt gewisse Vorteile. »Was glaubt
Ihr, was einen besseren Eindruck beim zarten Geschlecht macht,
Liebes? Lang oder dick?«
»Ist dein Lehrling
nicht beides?«
»Aber er … äh
…«
»Ja.« Sie biss in
eine japanische Pflaume.
»Verstehe«, sagte
ich. »Und was ist mit Edmund? Dem schwarzen Ritter?« Was mit Edmund
war? Sie war verzaubert – das war.
»Edmund.« Sie
seufzte. »Ich glaube, Edmund liebt mich nicht.«
Und ich setzte mich
vor Gonerils Mittagessensresten hin und spielte mit dem Gedanken,
meine Stirn in der Suppenterrine zu kühlen. Liebe? Blöde,
beschissene, scheißige, scheißbeschissen scheißige Scheißliebe?
Belanglose, überflüssige, beschissene, verfluchte, blöde, scheißige
Scheißliebe? Wozu? Was soll der ganze Quatsch? Liebe?
»Liebe?«, sagte
ich.
»Niemand hat mich je
geliebt«, sagte Goneril.
»Was ist mit Eurer
Mutter? Eure Mutter doch sicher?«
»Ich kann mich nicht
an sie erinnern. Lear ließ sie hinrichten, als wir noch klein
waren.«
»Das wusste ich
nicht.«
»Man durfte nicht
darüber sprechen.«
»Dann Jesus? Trost in
Christus?«
»Was für einen Trost
denn? Ich bin Herzogin, Pocket, Prinzessin, vielleicht bald
Königin. Mit Jesus kann man nicht regieren. Bist du blöd? Man
müsste ihn bitten, kurz mal eben rauszugehen. Dein allererster
Krieg, deine erste Hinrichtung, und du bist vergebungstechnisch
augenblicklich geliefert, oder? Jesusige Missbilligung und
mindestens ein gestrenger Blick sind einem sicher, und man muss
dauernd so tun, als würde man nichts merken.«
»Seine Barmherzigkeit
ist unerschöpflich«, sagte ich. »Steht irgendwo
geschrieben.«
»Und auch wir sollten
so sein, steht da. Nur glaube ich nicht daran. Ich habe unserem
Vater nie verziehen, dass er unsere Mutter ermordet hat, und ich
werde es auch niemals tun. Ich habe keinen Glauben in mir, Pocket.
Ich finde darin weder Trost, noch Liebe. Ich glaube einfach
nicht.«
»Ich auch nicht,
Mylady. Also, scheiß auf Jesus! Bestimmt wird Edmund sich in Euch
verlieben, sobald Ihr einander näherkommt und er Gelegenheit hatte,
Euren Gatten zu meucheln. Liebe braucht Raum zum Wachsen – wie eine
Rose.« Oder ein Tumor.
»Er ist wohl
leidenschaftlich, aber nie mehr so freudetrunken wie in jener
ersten Nacht im Turm.«
»Habt Ihr ihn mit
Euren – nun – speziellen Wünschen bekannt gemacht?«
»Damit werde ich kaum
sein Herz gewinnen.«
»Unsinn, Liebes, ein
schwarzherziger Prinz wie Edmund kann es praktisch kaum erwarten,
seinen Hintern von einer Schönheit wie Euch versohlt zu bekommen.
Wahrscheinlich sehnt er sich geradezu danach und traut sich nur
nicht zu fragen.«
»Ich glaube, er hat
ein Auge auf meine Schwester geworfen.«
Nein, sie hat das Auge seines Vaters geworfen,
beziehungsweise perforiert, dachte ich, überlegte es mir
jedoch anders. »Vielleicht kann ich dir helfen, den Konflikt zu
lösen, Bärchen.« Und mit diesen Worten holte ich das rote und das
blaue Fläschchen aus meiner Tasche. Ich erklärte ihr, das eine sei
für tiefen Schlaf, das andere zöge ewigere Ruhe nach sich.
Währenddessen hielt ich den seidenen Beutel fest, in dem sich noch
der letzte Wolfsfurz befand, den ich von den Hexen
hatte.
Was wäre, wenn ich
ihn bei Goneril benutzte? Wenn ich sie verzauberte, dass sie ihren
Gatten liebte? Sicher würde Albany ihr verzeihen. Er war ein
Edelmann, obwohl er von Adel war. Dann konnte Regan diesen Schurken
Edmund ganz für sich allein haben, und der Streit zwischen den
Schwestern wäre geschlichtet, Edmund wäre zufrieden mit seiner
neuen Rolle als Herzog von Cornwall und Graf von Gloucester, und
alles wäre gut. Natürlich gab es da noch das Problem, dass
Frankreich einmarschierte, Lear im Kerker saß und dann noch diesen
weisen, wohlgestalten Narren, dessen Schicksal ungewiss war
…
»Bärchen«, sagte ich.
»Wenn du vielleicht mit Regan zu einer Übereinkunft kommen
könntest. Wenn man sie vielleicht einschläfern würde, bis ihre
Armee ihrer Pflicht gegen Frankreich nachgekommen ist. Vielleicht
wäre Gnade …«
So weit etwa war ich
gekommen, als Edmund eintrat.
»Was soll das?«,
wollte der Bastard wissen.
»Könnt Ihr nicht
anklopfen?«, sagte ich. »Bastard, elender!« Man sollte meinen, dass
meine Abneigung gegen Edmund – nun, da auch ich ein halbedler
Bastard war – nachgelassen hätte. Seltsamerweise jedoch
nicht.
»Wache! Werft diesen
Wicht in den Kerker, bis ich Zeit habe, mich um ihn zu
kümmern.«
Vier Wachen – nicht
von der alten Tower-Truppe – kamen herein und jagten mich mehrfach
durchs Solar, bis mir die eingeschränkte Schrittweite meiner
Dienerhosen ein Bein stellte. Der Bursche, für die sie gemacht
waren, schien sogar noch kleiner zu sein als ich. Die Männer
drehten mir die Arme auf den Rücken und zerrten mich hinaus. Als
man mich rückwärts durch die Tür schleppte, rief ich:
»Goneril!«
Sie hob ihre Hand,
und die Männer blieben stehen und hielten mich nur
fest.
»Ihr wurdet geliebt
…«, sagte ich.
»Ach, schafft ihn
raus und prügelt ihn«, sagte Goneril.
»Sie scherzt«, rief
ich. »Die Lady scherzt!«