14
Auf zarten Hörnern
»Ich habe einen Geist
gebumfidelt«, sagte Drool – nass, nackt und trostlos im Waschkessel
unter der Burg Gloucester.
»Ohne Geister geht’s
wohl nicht«, sagte die Wäscherin, die dem Deppen die Kleider
schrubbte, weil diese vom Burggraben besudelt waren. Vier von Lears
Männern – und meine Wenigkeit – waren nötig, den tumben Tor aus der
stinkenden Brühe zu ziehen.
»Dafür gibt es keine
Entschuldigung«, sagte ich. »Die Burg ist auf drei Seiten von
Wasser umgeben. Ihr könntet den Graben zum See hin öffnen, und
Abfall und Gestank würden mit der Strömung fortgetragen. Eines
Tages wird man sicher feststellen, dass stehende Gewässer krank
machen. Wahrscheinlich wachsen darin garstige
Unterwasserkobolde.«
»Für einen so kleinen
Burschen bist du ganz schön langstielzig«, sagte das
Waschweib.
»Gesegnet«, erklärte
ich und schwenkte Jones mit großer Geste. Auch ich war nackt, bis
auf meine Kappe und den Puppenstock, da auch mein Gewand während
der Rettungsaktion im Grabenglibber gelitten hatte.
»Schlagt Alarm!« Kent
kam die Treppe zur Waschküche heruntergestürmt, das Schwert
gezückt, dicht gefolgt von den beiden Knappen, die er kaum eine
Stunde zuvor verprügelt hatte. »Verriegelt die Tür! Zu den Waffen,
Narr!«
»Heda«, sagte
ich.
»Du bist nackt«,
sagte Kent, der einmal mehr den Drang verspürte, das
Offensichtliche in Worte zu fassen.
»Aye«, sagte
ich.
»Sucht sein
Narrenkleid, Männer, und stopft ihn hinein! Im Sprengel sind die
Wölfe los! Wir müssen uns verteidigen.«
»Halt!«, rief ich.
Die Knappen hörten auf, in der Waschküche herumzurennen, und
standen stramm. »Gut so. Nun, Caius, wovon redet Ihr
eigentlich?«
»Ich hab ein Gespenst
gebumfidelt«, erzählte Drool den beiden Knappen. Die taten, als
hörten sie ihn nicht.
Kent schlurfte voran,
zögerlich ob der alabasternen Pracht meiner Nacktheit. »Edmund
wurde mit einem Dolch im Ohr aufgefunden – an die Lehne seines
Stuhls genagelt.«
»Übermütiger Esser,
der er ist.«
»Du selbst hast es
getan, Pocket. Das weißt du genau.«
»Moi? Seht mich an! Ich bin klein, schwach und
gewöhnlich. Niemals könnte ich …«
»Er fordert deinen
Kopf. Momentan sucht er die Burg nach dir ab«, sagte Kent. »Ich
schwöre, ich habe gesehen, wie er Rauch geschnaubt
hat.«
»Er wird uns doch
wohl nicht das Julfest verderben, oder?«
»Jul! Jul! Jul!«,
rief Drool. »Pocket, können wir Phyllis besuchen gehen? Ja? Können
wir?«
»Aye, Junge, wenn es
in Gloucester einen Pfandleiher gibt, bring ich dich hin, sobald
dein Kostüm getrocknet ist.«
Kent zog ein
verdutztes Stachelschwein von einer Augenbraue hoch. »Was redet er
denn da?«
»Jedes Jahr zum
Julfest in London nehme ich Drool mit hinunter zu Phyllis Steins
Pfandleihe, damit er dem Jesuskind Happy
Birthday vorsingen und die Kerzen auf der Menora auspusten
kann.«
»Aber das Julfest ist
ein heidnischer Feiertag«, sagte einer der Knappen.
»Halt’s Maul, du
Stoffel! Willst du dem Stiesel den Spaß verderben? Was macht ihr
eigentlich hier? Seid ihr nicht Edmunds Männer? Solltet ihr nicht
versuchen, meinen Kopf auf einen Stock zu spießen oder
irgendwas?«
»Sie haben ihren
Treueschwur auf mich übertragen«, sagte Kent. »Nach der Tracht
Prügel, die ich ihnen verpasst habe.«
»Aye«, sagte Knappe
eins. »Bei diesem guten Ritter gibt es mehr zu
lernen.«
»Aye«, sagte Knappe
zwei. »Und wir waren sowieso Edgars Männer. Lord Edmund ist ein
Lump, wenn ich so sagen darf, Sir.«
»Und – bester Caius«,
sagte ich, »wissen die Männer auch, dass Ihr mittellos seid und
nicht ernstlich eine Truppe halten könnt wie etwa – ach, ich weiß
nicht – der Graf von Kent?«
»Ausgezeichneter
Aspekt, Pocket«, sagte Kent. »Edle Herren, ich muss euch aus meinen
Diensten entlassen!«
»Dann werden wir also
nicht entlohnt?«
»Zu meinem Bedauern
nicht.«
»Ach so. Dann nehmen
wir unseren Abschied.«
»Lebt wohl und achtet
auf eure Deckung, Jungs!«, sagte Kent. »Man kämpft mit dem ganzen
Körper, nicht nur mit dem Schwert.«
Dienernd verließen
die beiden Knappen die Waschküche.
»Ob sie Edmund
verraten, wo wir uns verstecken?«, fragte ich.
»Ich glaube nicht,
aber du solltest trotzdem lieber dein Kostüm
anziehen.«
»Waschweib, wie macht
sich mein Narrenkleid?«
»Dampft auf dem
Feuer, Herr. Bald trocken genug, um es drinnen zu tragen. Habe ich
denn recht vernommen, dass Ihr Lord Edmund ein Messer ins Ohr
gespießt habt?«
»Wie? Ein simpler
Narr? Nein, dummes Ding. Ich bin harmlos. Ein Narr kann zwar mit
seinen Scherzen stechen, doch nur des andern Stolz
verletzen.«
»Schade«, sagte die
Wäscherin. »Er hätte es verdient – und Schlimmeres – für die Art
und Weise, wie er Euren tumben Freund behandelt und«, sie wandte
sich ab, »auch andere.«
»Wieso hast du das
Schwein nicht abgestochen, Pocket?«, fragte Kent, wobei er die
Spitzfindigkeit mit Füßen trat, bis sie ohnmächtig war und er sie
in einen Teppich rollen konnte.
»Schreit es doch noch
lauter heraus, Dummbart!«
»Aye, als würdest du
so etwas niemals tun. ›Guten Morgen, die Herren. Scheißwetter
heute. Ich habe einen Krieg angezettelt. ‹«
»Edmund übrigens
auch.«
»Siehst du? Jetzt
posaunst du es selbst heraus.«
»Ich wollte es Euch
gerade in Ruhe erzählen, als ich den Geist dabei erwischte, wie er
Drool den Kopf verdrehte. Dann sprang der Blödmann aus dem Fenster,
und wir mussten ihn retten. Der Geist deutete an, dass Frankreich
möglicherweise des Bastards Rettung ist. Vielleicht hat er sich mit
dem vermaledeiten König Jeff für eine Invasion
verbündet.«
»Geister sind
notorisch unzuverlässig«, sagte Kent. »Hast du schon mal in
Erwägung gezogen, dass du das alles nur halluzinierst? Drool, hast
du diesen Geist wirklich gesehen?«
»Aye, wir waren schon
fast beim Lachen, da hab ich es mit der Angst gekriegt«, sagte
Drool traurig und betrachtete sein Geläut im dampfenden Wasser.
»Ich glaub, mein Piephahn ist schon tot.«
»Weib, sei so gut und
schrubb dem Bengel die Pest vom Schwanz.«
»Wohl kaum«, sagte
sie.
Ich hielt die Spitze
meiner Narrenkappe fest, damit sie nicht bimmelte, und verneigte
mich zum Zeichen meiner Ernsthaftigkeit. »Wirklich, Liebes, frag
dich doch mal: Was würde Jesus
tun?«
»Wenn er so tolle
Titten hätte …«, fügte Drool hinzu.
»Nicht
vorsagen!«
»’tschuldigung...«
»Krieg? Mord?
Verrat?«, rief Kent uns in Erinnerung. »Unser Plan?«
»Aye, stimmt«, sagte
ich. »Wenn Edmund seinen eigenen Krieg anzettelt, dürfte das
unseren Plan für einen Bürgerkrieg zwischen Albany und Cornwall
komplett zunichtemachen.«
»Das ist ja alles gut
und schön, aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Wieso hast
du den Bastard nicht einfach erdolcht?«
»Er hat sich
bewegt.«
»Also wolltest du ihn
töten?«
»Nun, ich hatte es
wohl nicht ganz durchdacht, doch als ich das Messer nach seinem
Auge warf, wurde mir klar, dass jemand zu Tode kommen könnte. Und
ich muss sagen: Es war ungemein befriedigend. Lear sagt, Töten sei
der Sex des Alters. Ihr habt zahllose Männer erschlagen, Kent.
Würdet Ihr dem zustimmen?«
»Nein, das ist ein
ekelhafter Gedanke.«
»Und doch erfreut
sich Lear Eurer Loyalität.«
»Da bin ich mir
langsam nicht mehr so sicher«, sagte Kent und setzte sich auf eine
umgedrehte Holzwanne. »Wem diene ich? Warum bin ich
hier?«
»Ihr seid hier, weil
Ihr bei aller Ausweitung der ethischen Mehrdeutigkeit unserer Lage
dennoch in Eurer Rechtschaffenheit unerschütterlich bleibt. Euch,
mein verbannter Freund, wenden wir uns zu – ein Licht inmitten
finsterster Familienpolitik. Ihr seid das moralische Rückgrat, an
welches wir uns klammern. Ohne Euch sind wir nur eine zappelnde
Masse der Gier, die sich in ihrer eigenen, ekelhaften Galle
krümmt.«
»Tatsächlich?«,
fragte der alte Ritter.
»Aye«, sagte
ich.
»Dann weiß ich gar
nicht mehr, ob ich noch hier bei dieser Bande bleiben
möchte.«
»Es ist ja nicht
gerade so, als wollte Euch sonst irgendjemand haben, oder? Ich muss
mit Regan sprechen, bevor meine Lochung des bastardlichen Ohres
unseren Zielen schadet. Würdet Ihr Regan eine Nachricht
überbringen, Kent... äh, Caius?«
»Würdest du denn
deine Hosen anziehen? Oder wenigstens deinen
Hosenbeutel?«
»Na gut, okay. Das
gehörte ohnehin zum Plan.«
»Dann will ich der
Herzogin deine Botschaft überbringen.«
»Sagt ihr … nein,
fragt sie, ob für Pocket immer noch eine Kerze brennt. Dann fragt
sie, ob ich sie irgendwo allein treffen kann.«
»Ich bin dann mal
weg. Aber sieh zu, dass du dich nicht meucheln lässt, wenn ich
nicht dabei bin, Narr!«
»Täubchen!«, sagte
ich.
»Du miese, kleine
Ratte«, sagte Regan in prunkvollem Rot. »Was willst
du?«
Kent hatte mich zu
einer Kammer weit unten in den Eingeweiden der Burg geführt. Ich
konnte mir nicht vorstellen, dass Gloucester königliche Gäste in
einem verlassenen Kerker unterbrachte. Wahrscheinlich hatte sich
Regan einfach hier eingerichtet. Sie hatte einen Hang zu solchen
Orten.
»Dann habt Ihr also
den Brief von Goneril erhalten?«, fragte ich.
»Ja. Was geht es dich
an, Narr?«
»Mylady hat sich mir
anvertraut«, sagte ich, wippte mit den Augenbrauen und setzte mein
charmantestes Lächeln auf. »Was haltet Ihr davon?«
»Warum sollte ich
Vaters Ritter entlassen, ganz zu schweigen davon, sie in meine
Dienste aufzunehmen? Wir haben in Cornwall selbst eine kleine
Armee.«
»Nun, Ihr seid aber
nicht in Cornwall, oder, Liebes?«
»Was willst du damit
sagen, Narr?«
»Ich will damit
sagen, dass Eure Schwester Euch bat, nach Gloucester zu kommen, um
Lear und sein Gefolge abzufangen und so zu verhindern, dass er nach
Cornwall reitet.«
»Und mein Lord und
ich kamen in aller Eile.«
»Und mit einer sehr
kleinen Streitmacht, stimmt’s?«
»Ja, die Nachricht
besagte, es sei dringend. Wir mussten uns sputen.«
»Wenn Goneril und
Albany eintreffen, seid Ihr also weit weg von Eurer Burg und so gut
wie wehrlos.«
»Das würde sie nicht
wagen.«
»Eines möchte ich
Euch fragen, Mylady: Was glaubt Ihr, wem die Treue des Grafen von
Gloucester gilt?«
»Er ist unser
Verbündeter. Er hat uns in seine Burg gelassen.«
»Gloucester, der
beinahe von seinem ältesten Sohn gestürzt wurde... Meint Ihr, er
sei auf Eurer Seite?«
»Nun, dann eben auf
Vaters Seite, was dasselbe ist.«
»Es sei denn, Lear
hätte sich mit Goneril gegen Euch verschworen.«
»Aber sie hat ihm
seine Ritter genommen. Als er ankam, hat er eine ganze Stunde lang
gezetert, Goneril mit jeder Schmähung unter der Sonne bedacht und
mich ob meines Liebreizes und meiner Treue gepriesen, wobei er
sogar darüber hinwegsah, dass ich seinen Boten in den Stock
gesperrt hatte.«
Ich sagte nichts. Ich
nahm meine Narrenkappe ab, kratzte mich am Kopf und setzte mich auf
ein verstaubtes Foltergerät, um Regan im Fackelschein betrachten
und ihr in die Augen sehen zu können, während der Rost an den
verbogenen Rädchen ihres Verstandes knirschte. Sie war einfach süß.
Ich dachte daran, was die Eremitin über den weisen Mann gesagt
hatte, der gerade so viel Perfektion erwartete, wie die Natur
zuließ. Ich dachte, dass ich vielleicht tatsächlich den perfekten
Mechanismus vor mir sah. Ihre Augen wurden groß, als ihr die
Erkenntnis kam.
»Das
Biest!«
»Aye«, sagte
ich.
»Sie hätten alles...
Sie und Vater?«
»Aye«, sagte ich. Ich
merkte, dass ihr Zorn nicht vom Verrat herrührte, sondern daher,
dass es ihr nicht zuerst eingefallen war. »Ihr braucht einen
Verbündeten, Mylady, und zwar einen mit mehr Einfluss, als dieser
bescheidene Narr Euch bieten kann. Sagt, was haltet Ihr von Edmund,
dem Bastard?«
»Er ist ganz nett
anzusehen.« Sie kaute an einem Fingernagel und überlegte. »Den
würde ich nicht von der Bettkante stoßen, wenn Mylord ihn dafür
nicht erschlüge, oder – wenn ich es recht bedenke – vielleicht
gerade deshalb.«
»Perfekt!«, sagte
ich.
O Regan,
Schutzheilige des Priapus33,
Schlüpfrigste der Schwestern: von der Disposition herrlich ölig, im
Diskurs schön trocken. Meine giftige Xanthippe, meine sinnliche
Schlangenbeschwörerin – du bist die wahre Perfektion.
Ob ich sie liebte?
Allerdings. Denn mochte man mich auch beschuldigen, ein
ausgemachter Hurenbock zu sein, sind meine Hörner doch weich wie
die der Schnecke, und nie habe ich ins Horn der Lust gestoßen, ohne
dabei von Amors Pfeil gestreift worden zu sein. Ich habe sie alle
geliebt, von ganzem Herzen, und ich habe mir die meisten Namen auch
gemerkt.
Regan. Meine.
Perfekte. Regan.
O ja, ich habe sie
geliebt!
Sie war ganz ohne
Zweifel eine Schönheit – im ganzen Königreich gab es keine
Schönere. Ein Gesicht, das Dichter inspirieren konnte, und ein
Leib, der Lust, Begierde, Raub, Verrat, selbst Krieg auslösen
konnte. (Ich bin nicht ohne Hoffnung.) Männer hatten sich im
Wettstreit um ihre Gunst erschlagen – es war ein Hobby ihres
Gatten, Cornwall. Und obwohl ihr das Lächeln nicht verging, wenn
jemand mit ihrem Namen auf den Lippen sein Leben aushauchte, muss
man ihr wohl zugutehalten, dass sie mit ihrem Charme nicht geizte.
Es bot eine gewisse Spannung, dass irgendwer in allernächster Zukunft blöd gevögelt
werden würde, aber wie viel spannender war es doch, wenn dessen
Leben dabei am seidenen Faden hing. Wenn ich es recht bedenke, mag
die Vorfreude auf einen gewaltsamen Tod für die Prinzessin wie
Aphrodites Nektar selbst gewesen sein.
Warum hätte sie sonst
vor all den Jahren meinen Tod einfordern sollen, obwohl ich ihr
doch ein so eifriger Diener gewesen war, nachdem Goneril den White
Tower verlassen hatte, um Albany zu heiraten. Es schien, als hätte
alles mit einem Anflug von Eifersucht begonnen.
»Pocket«, sagte
Regan. Damals war sie vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt
gewesen, doch im Gegensatz zu Goneril hatte sie ihre weibliche
Macht bereits seit Jahren an diversen Burschen auf der Burg
erkundet. »Ich finde es unflätig, dass du meiner Schwester mit
persönlichem Rat zur Seite stehst, und wenn ich dich in meine
Gemächer rufe, ernte ich nur Gesang und Clownerie.«
»Aye, aber Myladys
Laune ist mit Gesang und Clownerie leichter aufzupeppen, wenn ich
so sagen darf.«
»Darfst du nicht. Bin
ich nicht hübsch?«
»Aber doch, Mylady!
Soll ich einen Reim auf Eure Schönheit schmieden? Es war einst ein Flittchen aus Limerick
…«
»Bin ich nicht so
hübsch wie Goneril?«
»Neben Euch ist sie
noch weniger als unsichtbar, nicht mehr als ein flackerndes,
neidisches Vakuum.«
»Aber findest
du mich attraktiv – auf fleischliche
Weise -, so wie dir meine Schwester gefällt? Begehrst du
mich?«
»Aber natürlich,
Mylady. Schon am Morgen, wenn ich erwache, habe ich nur einen
Gedanken, nur ein Traumbild vor Augen: Wie Eure Herrlichkeit unter
diesem bescheidenen, unwürdigen Narren liegt, nackt sich windend
und Affenlaute quiekend.«
»Tatsächlich? An
nichts anderes denkst du?«
»Aye, und manchmal
ans Frühstück, doch es dauert nur Sekunden, bis ich wieder bei
Regan bin, sich windend und Affenlaute quiekend. Hättet Ihr nicht
gern ein Äffchen? Wir sollten eines auf der Burg haben, meint Ihr
nicht?«
»Dann denkst du also
nur daran?« Und dabei strich sie das
Kleid von ihren Schultern, und stand da, mit rabenschwarzem Haar
und violetten Augen, schneeweiß und schön und wohlgeformt, wie von
den Göttern selbst aus einem festen Block reinen Verlangens
gemeißelt. Sie stieg aus der Pfütze von blutrotem Samt und sagte:
»Leg deinen Puppenstock beiseite, Narr. Komm her!«
Und ich, folgsamer
Narr, der ich war, tat es.
Und, oh, es folgten
Monate verstohlener Affenlaute: Jaulen, Grunzen, Kreischen,
Juchzen, Matschen, Klatschen, Lachen und einiges Gebell.
(Allerdings ohne Aa-Werfen, wie es Affen hin und wieder tun. Nur
die anständigsten, aufrechtesten Affenlaute wie beim klassischen
Vögeln). Ich war mit meinem ganzen Herzen bei der Sache, doch bald
schon zertrat sie die Romanze grausam unter ihrem schmalen Absatz.
Ich werde es wohl nie lernen. Anscheinend tritt ein Narr nicht so
oft gegen die Melancholie an wie gegen die Langeweile, unheilbar
und unter den Privilegierten weit verbreitet.
»Du warst in letzter
Zeit oft bei Cordelia«, sagte Regan, während sie sich im sanften,
postkoitalen Glimmer aalte (Euer Erzähler in einem Schweißtümpel am
Boden neben dem Bett, aus welchem ich nach Verrichtung königlicher
Dienste kurz und bündig verstoßen wurde). »Ich bin
eifersüchtig.«
»Sie ist ein kleines
Mädchen«, sagte ich.
»Aber wenn sie dich
hat, habe ich dich nicht. Sie ist jünger als ich. Das ist
inakzeptabel.«
»Aber Mylady, es ist
meine Pflicht, die kleine Prinzessin zum Lächeln zu bringen. Euer
Vater hat es befohlen. Außerdem, wenn ich anderweitig beschäftigt
bin, könnt Ihr doch den stämmigen Stallburschen nehmen, der Euch so
gut gefällt, oder diesen jungen Leibgardisten mit dem Spitzbart,
oder diesen spanischen Herzog oder was er ist, der sich schon einen
Monat auf der Burg herumtreibt. Spricht dieser Mensch eigentlich
ein Wort Englisch? Vielleicht hat er sich nur
verlaufen.«
»Das ist nicht
dasselbe.«
Ich merkte, wie mir
bei ihren Worten warm ums Herz wurde. Sollte es denn wahre
Zuneigung sein?
»Nun ja, was uns
verbindet, ist...«
»Die rammeln wie die
Ziegenböcke. Was ihnen gänzlich abgeht, ist Finesse, und ich bin es
leid, ihnen ständig Anweisungen zu geben, besonders diesem Spanier
… Ich glaube nicht, dass er auch nur ein einziges Wort Englisch
spricht.«
»Verzeiht, Mylady«,
sagte ich. »Apropos! Ich muss hinfort!« Ich stand auf und fischte
mein Wams unter dem Kleiderschrank hervor, meine Strumpfhose vom
Kamin, meinen Hosenbeutel vom Kronleuchter. »Ich habe versprochen,
Cordelia und ihre Puppen beim Tee über Elfen und Greife zu
unterrichten.«
»Das wirst du nicht
tun«, sagte Regan.
»Ich muss«, sagte
ich.
»Ich will aber, dass
du bleibst.«
»Und doch ist
Abschied ein so süßer Schmerz …«, sagte ich. Und ich küsste das
flaumige Grübchen in ihrem Kreuz.
»Wache!«, rief
Regan.
»Verzeihung?«,
entfuhr es mir.
»Wache!« Die Tür zu
ihrem Solar ging auf, und ein beunruhigter Leibgardist sah herein.
»Ergreift diesen Schurken! Er hat Eure Prinzessin geschändet!« Sie
hatte sogar Tränen hervorgepresst, in so kurzer Zeit. Ein kleines
Wunder, das war sie!
»Schockschwerenot!«,
rief ich, als mich zwei stämmige Leibgardisten bei den Armen
packten und in die Große Halle schleppten, im Fahrwasser der
wehklagenden Regan, deren Hausmantel weit offen stand und hinter
ihr herflatterte.
Es schien mir ein
vertrautes Motiv, und doch spürte ich kein Selbstvertrauen, wie es
eine Probe mit sich bringt. Vielleicht lag es daran, dass Lear
gerade öffentlich Gericht hielt, als wir die Große Halle betraten.
Bauern, Händler und niederer Adel warteten, während sich der König
Streitfälle anhörte und Urteile fällte. Damals war er noch in
seiner christlichen Phase, hatte von Salomonischer Weisheit gelesen
und sich in Rechtsstaatlichkeit versucht, die seiner Ansicht nach
doch eher putzig war.
»Vater, ich bestehe
darauf, dass Ihr diesen Narren auf der Stelle hängt!«
Lear war bass
erstaunt, nicht allein vom schrillen Klang ihres Ansinnens, sondern
angesichts des Umstands, dass sie halbnackt vor den Bittstellern
stand und keinerlei Anstalten machte, ihr rotes Kleid zu schließen.
(Später sollten sich um jenen Tag Legenden ranken, manchem Kläger
sei nach dem Anblick der schneehäutigen Prinzessin in ihrer ganzen
Pracht seine Klage nichtig erschienen, sein Leben wertlos, und er
sei heimgekehrt, um seine Frau zu prügeln oder sich im Mühlteich zu
ertränken.)
»Vater, Euer Narr hat
mich befleckt!«
»Das ist eine
flatternde Flasche Fledermauswichse, Sire«, sagte ich. »Wenn ich so
sagen darf.«
»Du sprichst
vorschnell, Tochter, und du scheinst mir zornig wie ein toller
Hund. Beruhige dich, und formuliere deine Klage. Inwiefern hat mein
Narr dir Unrecht angetan?«
»Er hat mich grob
gevögelt, gegen meinen Willen, und war vorzeitig
fertig.«
»Mit Gewalt? Pocket?
Selbst an Feiertagen wiegt er keinen Zentner... Er könnte nicht mal
eine Katze gegen ihren Willen vögeln.«
»Das stimmt nicht,
Sire«, sagte ich. »Würde man die Katze mit einer Forelle ablenken,
dann... also, äh, egal …«
»Er hat meine Tugend
entweiht und meine Jungfernschaft beschmutzt«, sagte Regan. »Ich
bestehe darauf, dass Ihr ihn aufknüpft! Hängt ihn gleich zweimal,
das zweite Mal kurz bevor er beim ersten Mal erstickt ist! Damit
wäre der Gerechtigkeit angemessen Genüge getan.«
Ich sagte: »Was
schürt Eure Rachsucht, Prinzessin? Ich wollte doch nur zum Tee bei
Cordelia!« Da die Kleine nicht zugegen war, hoffte ich, die
Erwähnung ihres Namens würde den König für mich einnehmen, doch
schien ich Regan nur noch weiter zu erzürnen.
»Er hat mich
niedergerungen und benutzt wie eine gemeine Buhle«, sagte Regan und
untermalte ihre Worte mit mehr Gebärden, als die Bittsteller in der
Halle ertragen konnten. Einige schlugen sich mit der Faust an den
Kopf, andere packten sich am Unterleib und sanken auf die
Knie.
»Nein!«, sagte ich.
»Ich bekam manch Weib mit List, mehrere mit Tücke, einige mit
Charme, ein paar aus Versehen, manch Metze auch für Geld, und wenn
alles andere nichts nützte, habe ich mich aufs Betteln verlegt,
doch bei den Hoden des Herodes: niemals mit Gewalt!«
»Genug!«, sagte Lear.
»Ich will nichts mehr davon hören! Regan, schließ dein Kleid! Wie
ich selbst verfügt habe, sind wir ein Königreich des Rechts. Es
wird einen Prozess geben, und wenn der Schlingel schuldig
gesprochen wird, will ich selbst dafür sorgen, dass man ihn zweimal
aufknüpft. Macht Platz für den Prozess!«
»Jetzt?«, fragte der
Schreiber.
»Ja, jetzt«, sagte
Lear. »Was brauchen wir? Zwei Leute für Klage und Verteidigung, ein
paar von den Bauern als Zeugen, und wenn alles seinen Gang geht,
Habeas Corpus, schönen Tag auch und so weiter, baumelt diesem
Narren noch vor dem Tee die schwarze Zunge aus dem Maul. Wäre das
in deinem Sinne, Tochter?«
Regan schloss ihr
Kleid und wandte sich schamhaft ab. »Glaub schon …«
»Und du, Narr?« Lear
zwinkerte mir zu, nicht eben unauffällig.
»Aye, Majestät.
Vielleicht noch ein paar Geschworene aus derselben Truppe wie die
Zeugen.« Nun, man muss sich ja bemühen. Nach der allgemeinen
Reaktion zu urteilen, würde man mich freisprechen, und zwar auf der
Basis von »Wer will es ihm verdenken?«: Berechtigte Koitierung würde man es nennen. Doch
nein …
»Nein«, sagte der
König. »Gerichtsdiener, verlies die Klage!«
Natürlich hatte der
Gerichtsdiener die Klage noch gar nicht formuliert, also entrollte
er ein Schriftstück, auf dem etwas geschrieben stand, was mit
meinem Fall rein gar nichts zu tun hatte, und improvisierte
irgendwas: »Die Krone erklärt, dass am heutigen Tage, dem
vierzehnten Oktober im Jahre des Herrn
Eintausendzweihundertachtundachtzig, der Narr, genannt Pocket, mit
Vorbedacht und böser Absicht die jungfräuliche Prinzessin Regan
gevögelt hat.«
Von der Galerie her
hörte man Gejohle, vom Gericht ein wenig Spott.
»Ich hegte keine böse
Absicht«, sagte ich.
»Dann eben ohne böse
Absicht«, sagte der Gerichtsdiener.
An dieser Stelle
flüsterte der Richter, der normalerweise als Burgwart fungierte,
dem Gerichtsdiener zu, der normalerweise Haushofmeister war: »Der
Richter wünscht zu wissen, wie es nun wirklich war.«
»Es war süß und etwas
schmutzig, Euer Ehren.«
»Merket auf, dass der
Beschuldigte erklärt hat, es sei süß und schmutzig gewesen, womit
er seine Schuld gesteht.«
Lauteres
Johlen.
»Moment, ich war noch
nicht fertig!«
»Riecht an ihm«,
sagte Regan. »Er stinkt nach Sex, wie Fisch und Pilz und Schweiß,
oder?«
Einer der bäuerlichen
Zeugen kam gelaufen und schnüffelte gnadenlos an meinem Ding herum,
dann sah er den König an und nickte.
»Aye, Euer Ehren«,
sagte ich. »Gewiss habe ich einen gewissen Duft an mir. Ich muss
zugeben, ich war heute sans trou in der
Küche, während ich auf meine Wäsche wartete, und Bubble hatte eine
Kasserolle zum Abkühlen auf dem Boden abgestellt, und ich stolperte
darüber und landete schwanztief im Bratensaft … doch da war ich
schon auf dem Weg zur Kapelle.«
»Du hast deinen
Schwanz in mein Mittagessen gesteckt?«, sagte Lear. Dann zum
Gerichtsdiener: »Der Narr hat seinen Schwanz in mein Essen
gesteckt?«
»Nein, in deine
geliebte Tochter«, sagte Regan.
»Still, Mädchen!«,
bellte der König. »Hauptmann Curan, schickt eine Wache, die Brot
und Käse im Auge behält, bevor der Narr es sich zu Willen
macht.«
So ging es eine
Weile, und es sah eher schlecht aus, da sich die Beweise gegen mich
häuften und die Bauern die Gelegenheit nutzten, die lüsternsten
Taten zu beschreiben, die ein böser Narr ihrer Meinung nach einer
arglosen Prinzessin antun mochte. Besonders die Aussage des
stämmigen Stallburschen schien mir anfänglich schwer belastend,
doch führte sie schließlich zu meinem Freispruch.
»Verlest die Aussage
noch einmal, damit der König das ganze abscheuliche Ausmaß des
Verbrechens erkennt!«, sagte der Kläger, dessen eigentliche
Berufung – so glaube ich – das Schlachten von Rindern
war.
Der Schreiber verlas
die Worte des Stalljungen: »Ja, ja, ja, reite mich, du wilder,
baumschwänziger Hengst!«
»Das hat sie nicht
gesagt«, sagte ich.
»Hat sie wohl. Das
sagt sie immer«, sagte der Schreiber.
»Aye«, sagte der
Verwalter.
»Aye, tut sie«, sagte
der Priester.
»Si«, sagte der Spanier.
»Also, zu mir sagt
sie das nie«, sagte ich.
»Hm …«, sagte der
Stalljunge, »… dann aber ›Hopp, mein gertenschwänziges, kleines
Pony!‹, oder?«
»Möglich«, sagte
ich.
»Zu mir sagt sie das
nie«, sagte der Gardist mit dem spitzen Bart.
Daraufhin herrschte
einen Moment lang Schweigen, und alle, die gesprochen hatten, sahen
einander an, dann mieden sie abrupt den Blickkontakt und fanden
manch Interessantes auf dem Boden.
»Also«, sagte Regan
und knabberte dabei an einem Fingernagel. »Es könnte auch sein,
dass ich – äh – geträumt habe.«
»Dann hat dir der
Narr doch nicht die Unschuld geraubt?«, fragte Lear.
»’tschuldigung«,
sagte Regan verlegen. »Es war wohl nur ein Traum. Kein Wein mehr
für mich zum Abendessen!«
»Lasst den Narren
frei!«, befahl Lear.
Die Menge
buhte.
Ich verließ die
Halle, Seite an Seite mit Regan.
»Er hätte mich
aufknüpfen können!«, zischte ich.
»Ich hätte eine Träne
vergossen«, sagte sie mit einem Lächeln. »Ehrlich.«
»Weh Euch, Mylady,
sollte Euer Rosenmund von einem After bei unserer nächsten
Begegnung unbehütet sein! Wenn des Narren Angebinde ungebuttert
kommt, wird Pockets Pläsier diese Prinzessin
peinigen.«
»Oooooh, mehr davon,
Narr! Soll ich eine Kerze reinstecken, damit du den Weg auch
findest?«
»Hexe!«
»Schuft!«
»Pocket, wo bleibst
du denn?«, sagte Cordelia, die eben den Korridor entlangkam. »Dein
Tee ist kalt geworden.«
»Habe die Ehre deiner
Schwester verteidigt, Liebes«, sagte ich.
»Am Arsch die
Räuber!«, sagte Regan.
»Pocket sieht aus wie
ein Narr, aber eigentlich ist er unser Held, nicht wahr, Regan?«,
sagte Cordelia.
»Ich glaub, ich muss
mich übergeben«, sagte die ältere Prinzessin.
»Nun denn«, sagte
ich, erhob mich von meinem Hochsitz auf der Folterbank und griff in
mein Wams. »Ich freue mich, dass Ihr so über Lord Edmund denkt,
denn er schickt mich mit diesem Brief.«
Ich reichte ihr das
Schreiben. Das Siegel war fragwürdig, doch sie hatte keinen Blick
für Briefpapier.
»Er ist in Euch
vernarrt, Regan. So vernarrt, dass er sich das Ohr abschneiden
wollte, um es dieser Botschaft beizulegen und Euch damit zu zeigen,
wie tief seine Zuneigung geht.«
»Tatsächlich? Sein
Ohr?«
»Sagt nur nichts auf
dem Julfest heute Abend, Mylady, aber Ihr werdet den Verband schon
sehen. Nehmt es als Zeichen seiner Liebe.«
»Hast du gesehen, wie
er sich ins Ohr geschnitten hat?«
»Ja, und ich habe ihn
aufgehalten, bevor es vollbracht war.«
»Meinst du, es war
schmerzhaft?«
»Oh, ja, Mylady. Er
hat schon mehr gelitten als andere in Monaten Eurer
Bekanntschaft.«
»Wie lieb von ihm!
Weißt du, was in dem Brief steht?«
»Unter Androhung
eines qualvollen Todes habe ich geschworen, nicht hineinzusehen,
doch kommt nur etwas näher …«
Sie beugte sich vor,
und ich zerdrückte den Wolfsfurz unter ihrer Nase. »Ich glaube, es
geht um ein mitternächtliches Rendezvous mit Edmund von
Gloucester.«