16
Sturm kommt auf
Über Nacht hatte sich
ein Sturm zusammengebraut. Ich saß beim Frühstück in der Küche, als
es auf dem Burghof Streit gab. Ich hörte Lear etwas brüllen und
lief hinaus, um mich um ihn zu kümmern, überließ Drool mein
Porridge. Auf dem Korridor fing Kent mich ab.
»Dann hat der Alte
die Nacht also überlebt?«, fragte ich.
»Ich habe vor seiner
Tür geschlafen«, sagte Kent. »Wo warst du?«
»Hab versucht, dafür
zu sorgen, dass die beiden Prinzessinnen wundgerammelt werden und
einen Bürgerkrieg vom Zaun brechen, danke der Nachfrage, und alles
ohne vernünftiges Abendessen...«
»Gelungenes Fest«,
sagte Kent. »Hab gefressen bis zum Platzen, damit niemand den König
vergiftet. Wer ist dieser Heilige Stephanus
überhaupt?«
Da sah ich Oswald den
Korridor entlangkommen.
»Guter Kent, geht und
sorgt dafür, dass die Töchter nicht den König meucheln und dass
Cornwall nicht Edmund meuchelt und dass die Töchter sich nicht
gegenseitig meucheln, und – wenn’s geht – meuchelt selbst
niemanden! Es ist zu früh für Meuchelei.«
Kent eilte davon, als
Oswald eben bei mir ankam.
»Also«, sagte Oswald,
»hast du die Nacht überlebt?«
»Selbstverfreilich.
Wieso nicht?«, fragte ich.
»Nun, weil ich
Cornwall von deinem Rendezvous mit Regan erzählt habe und davon
ausgegangen bin, dass er dich erschlägt.«
»Oh, Mann, Oswald,
sei so gut und leg etwas Arglist an den Tag! Die Verworfenheit auf
dieser Burg ist in einem unsäglichen Zustand, seit Edmund nett und
freundlich ist und du sagst, was du denkst. Was erwartet uns als
Nächstes? Cornwall füttert Waisenkinder, während ihm die
Rotkehlchen aus dem Arsch flattern? Also, versuchen wir’s noch mal!
Vielleicht kannst du ja wenigstens so tun, als wärst du böse.
Los!«
»Also hast du die
Nacht überlebt?«, sagte Oswald.
»Selbstverfreilich.
Wieso nicht?«, fragte ich.
»Ach, nur so. Hab mir
Sorgen um dich gemacht.«
Ich schlug Oswald
meinen Jones ans Ohr. »Nein, du Dussel, ich würde dir nie glauben,
dass du in Sorge um mein Wohlergehen bist … Du bist ein kleiner
Schlingel, was?«
Er griff nach seinem
Schwert. Ich schlug ihm Jones’ Stock mit aller Kraft aufs
Handgelenk. Der Schurke wich zurück und rieb seinen geprellten
Arm.
»Trotz deiner
Unfähigkeit steht unsere Vereinbarung. Ich möchte, dass du Edmund
aufsuchst. Bring ihm diese Nachricht von Regan!« Ich reichte ihm
einen Brief, den ich im Morgengrauen verfasst hatte. Regans
Handschrift war leicht nachzumachen. Ihre i’s hatten
Herzchenpunkte. »Brich das Siegel nicht! Der Brief bestätigt ihm
ihre Hingabe und weist ihn daraufhin, dass er sich seine Zuneigung
nicht anmerken lassen darf. Außerdem musst du ihn warnen, dass er
deiner Lady Goneril in Regans Beisein keinen Respekt zollen darf.
Und da ich weiß, dass dich die Intrige verwirrt, will ich dir deine
Interessen aufzeigen. Edmund wird sich deines Lords Albany
entledigen und somit deine Lady anderweitiger Bewunderung
anheimstellen, doch dann werden wir Cornwall verraten, dass Edmund
ihn mit Regan betrogen hat, und der Herzog wird den Bastard töten,
woraufhin ich Goneril mit dem Liebeszauber belegen werde, der sie
in deine Frettchenarme treibt.«
»Vielleicht lügst du.
Immerhin habe ich versucht, dich töten zu lassen. Warum solltest du
mir helfen?«
»Ausgezeichnete
Frage. Erstens bin ich – im Gegensatz zu dir – kein Schurke, und du
kannst davon ausgehen, dass ich mit einem Mindestmaß an Integrität
vorgehe. Und zweitens wünsche ich mir, dass Goneril von der Rache
dafür heimgesucht wird, wie sie mich, ihre kleine Schwester
Cordelia und König Lear behandelt hat. Ich kann mir keine bessere
Strafe für sie vorstellen, als sie mit einem menschlichen
Scheißhaufen zu verbandeln, wie du einer bist.«
»Das klingt
vernünftig«, sagte Oswald.
»Dann mach dich auf
den Weg! Sorg dafür, dass Edmund sich nichts anmerken
lässt!«
»Vielleicht erschlage
ich ihn selbst, weil er meine Herrin geschändet hat.«
»Nein, das tust du
nicht. Du bist ein Feigling. Oder hast du das schon
vergessen?«
Da fing Oswald vor
Zorn zu zittern an, doch er versuchte gar nicht erst, nach seinem
Schwert zu greifen.
»Mach dich hinfort,
Kerl! Pocket hat noch einen Arschvoll Possen zu
reißen.«
Lüstern grabbelte die
Hand des Windes auf dem Burghof herum, bauschte die Röcke der
Schwestern auf und peitschte ihnen das Haar ins Gesicht. Kent ging
in die Hocke und klammerte sich an seinen großen, breitkrempigen
Hut, damit dieser ihm nicht wegflog. Der alte König zog seinen
Pelzumhang fest um die Schultern und blinzelte gegen den Staub,
während der Herzog von Cornwall und der Graf von Gloucester im
Schutz des großen Tores standen – der Herzog war zufrieden, wie es
schien, und überließ seiner Herzogin das Wort. Erleichtert stellte
ich fest, dass Edmund nicht dabei war, also tänzelte ich auf den
Burghof, mit bimmelnden Glöckchen und einer Melodei im
Herzen.
»Hollahe!«, rief ich.
»Habt Ihr bei den Saturnalien auch alle ordentlich einen
weggesteckt?«
Leeren Blickes
starrten mich die beiden Schwestern an, als hätte ich Chinesisch
oder Hündisch gesprochen und sie wären nicht beide nächtens
wiederholt von einem eselschwänzigen Mondkalb gestoßen worden.
Gloucester senkte seinen Blick, beschämt – wie ich vermute -, weil
er dem Heiligen Stephanus mit seinem heillos scheinheiligen
Brimborium von einem Heiligabend abgeschworen hatte. Cornwall
grinste hämisch.
»Ah«, sagte ich,
»dann also lecker Christkind-Knusperkekse-Weihnachtsseligkeit?
Stille Nacht, Kamele und Heilige Drei Könige... Frankenstein, Gold
und Myrrhe allüberall?«
»Die verfluchten
Christenhexen wollen mir meine Ritter nehmen!«, sagte Lear. »Ich
habe schon mein halbes Gefolge an dich verloren, Goneril. Ich werde
nicht auch noch den Rest verlieren!«
»Oh, ja, Sire«, sagte
ich. »Eure Töchter sind schuld am Christentum. Ich vergaß, dass der
Wind Euch heute aus dem Heidenhimmel weht.«
Da trat Regan vor,
und – ja – sie lief leicht o-beinig.
»Wozu müsst Ihr fünfzig Mann behalten, Vater? Wir haben reichlich
Diener, die Euch umsorgen können.«
»Und«, sagte Goneril,
»diese unterstehen unserem Kommando, sodass es in unserem eigen
Haus und Hof keine Reibereien mehr gibt.«
»Da bin ich ganz der
Meinung meiner Schwester!«, sagte Regan.
»Du bist immer ganz
der Meinung deiner Schwester«, sagte Lear. »Ein eigener Gedanke
würde deinen spröden Schädel spalten wie ein Blitz, du elende
Hyäne!«
»So ist es recht,
Sire«, sagte ich. »Behandelt sie wie einen Eimer vollgerotzter
Taschentücher, und sie werden einlenken. Ein Wunder, dass sie
derart liebreizend geworden sind, bei solch fachmännischer
Vaterschaft.«
»Dann nehmt sie mir,
ihr fleischfressenden Aasfliegen! Könnte ich nur Eure Mutter aus
dem Grabe zerren und sie des schnöden Ehebruchs bezichtigen, denn
unmöglich könnt Ihr meinen Lenden entsprungen sein und mich dennoch
so behandeln.«
Ich nickte und lehnte
meinen Kopf an Gonerils Schulter. »Offenbar rührt Eure Unkeuschheit
von Mamas Seite der Familie her, Bärchen. Der Missmut und die
prallen Brüste kommen vom Papa.«
Sie stieß mich
beiseite, trotz meines Scharfsinns.
Nach und nach verlor
Lear vollends die Beherrschung, zitterte, während er hilflos seine
Töchter anschrie und mit jedem Wort schwächer und kleiner wirkte.
»Hört mich an, Ihr Götter! Wenn Ihr es seid, die dieser Töchter
Herzen gegen ihren Vater wenden, dann schenkt mir edlen Zorn und
besudelt meine Männerwangen nicht mit den Waffen einer Frau – mit
Wassertropfen!«
»Das sind keine
Tränen auf Euren Wangen, Oheim«, sagte ich. »Es
regnet.«
Gloucester und
Cornwall wandten sich ab, schämten sich für den alten Mann. Kent
hatte seine Hände auf des Königs Schultern gelegt und versuchte,
ihn sanft aus dem Regen zu schieben. Lear stieß ihn von sich und
trat vor seine Töchter.
»Ihr seelenlosen
Hexen! Meine Rache wird über euch kommen, wie sie die Welt... äh,
ich werde Dinge tun, von denen ich jetzt noch gar nichts weiß, aber
sie werden grausam sein – die Schrecken der Erde! Doch werde ich
nicht weinen! Niemals! Und wenn mein Herz in hunderttausend
Scherben bricht … weinen werde ich nicht! Oh, Narr, ich verliere
noch den Verstand!«
»Aye, Gevatter, Ihr
seid wohl auf dem besten Wege.« Ich versuchte, Lear einen Arm um
die Schulter zu legen, doch er stieß mich mit seinem Ellenbogen von
sich.
»Widerruft eure
Befehle, Hexen, oder ich verlasse dieses Haus!« Er hielt auf das
große Tor zu.
»Es ist doch nur zu
Eurem Besten, Vater«, sagte Goneril. »Jetzt lasst Euer wirres
Gerede und kommt wieder herein!«
»Ich habe euch alles
gegeben!«, schrie Lear und schwenkte seine lahme Klaue vor
Regan.
»Und es hat auch
verdammt lange gedauert, bis du es endlich rausgerückt hast, du
seniler alter Sack!«, sagte Regan.
»Das hat sie sich
jetzt ganz allein ausgedacht, Oheim«, sagte ich, um das Positive
hervorzuheben.
»Ich werde gehen«,
drohte Lear und tat noch einen Schritt aufs Tor zu. »Es ist mein
Ernst! Ich gehe durch dieses Tor hinaus.«
»Zu dumm«, sagte
Goneril.
»Schade eigentlich«,
sagte Regan.
»Jetzt gehe ich.
Durch dieses Tor. Ich komme nie wieder. Nimmermehr.«
»Tschüss«, sagte
Goneril.
»Au revoir«, sagte Regan perfekt
Franzmännisch.
»Ich meine es ernst.«
Inzwischen hatte der alte Mann das Tor durchschritten.
»Schließt das Tor!«,
sagte Regan.
»Aber Mylady, weder
Mensch noch Tier sollten heute dort draußen sein«, sagte
Gloucester.
»Schließt das
verdammte Tor!«, rief Goneril. Sie lief hinüber und legte mit aller
Kraft den großen Eisenhebel an der Pforte um. Das schwere,
beschlagene Fallgatter kam herunter, wobei die Spitzen den alten
König nur knapp verfehlten, bevor sie sich einen Fuß tief ins
steinerne Pflaster gruben.
»Ich gehe«, sagte
Lear durch das Gitter. »Glaubt ja nicht, dass ich es nicht
tue!«
Die Schwestern
verließen den Hof und suchten Schutz in der Burg. Cornwall folgte
ihnen und rief Gloucester, er solle mitkommen.
»Aber dieser
Sturm...«, sagte Gloucester und betrachtete seinen alten Freund
durchs Gatter. »Niemand sollte bei einem solchen Sturm dort draußen
sein!«
»Er hat es so
gewollt«, sagte Cornwall. »Kommt mit, mein guter
Gloucester!«
Gloucester riss sich
vom Gatter los und folgte Cornwall in die Burg, sodass nur noch
Kent und ich in unseren Wollumhängen im Regen standen. Kent schien
das Schicksal des alten Mannes zu quälen.
»Er ist allein,
Pocket. Es ist noch nicht mal Mittag, und der Himmel ist dunkel wie
zur Mitternacht. Lear ist da draußen und allein.«
»Ach, Drecksmist,
blöder!«, sagte ich. Ich sah mir die Ketten an, die hinauf ins
Vorwerk führten, die Balken, die aus den Mauern ragten, die Zinnen
zum Schutz der Bogenschützen. Verflucht sollten die Eremitin und
Belette sein, dass sie mich zu einem affengleichen Klettermaxen
ausgebildet hatten. »Ich werde mit ihm gehen. Aber Ihr müsst Drool
vor Edmund verstecken. Fragt das Waschweib mit den drallen Hupen.
Die wird Euch helfen. Sie mag den Jungen, egal, was sie auch sagen
wird.«
»Ich gehe Hilfe
holen, um das Gatter anzuheben«, sagte Kent.
»Keine Sorge. Kümmert
Ihr Euch nur um unser Mondkalb, und behaltet Edmund und Oswald im
Auge! Ich komme mit dem Alten wieder, sobald ich kann.« Mit diesen
Worten schob ich Jones hinten in mein Wams, sprang an der massiven
Kette hoch, erklomm sie Hand über Hand, schwang mich auf einen der
Balken, die über mir aus dem Mauerwerk ragten, dann hüpfte ich von
einem Balken zum nächsten, bis ich Halt im Stein fand, und
kletterte noch ein Stockwerk hinauf bis auf die Mauer. »Beschissene
Scheißburg!«, rief ich Kent winkend zu. Im nächsten Augenblick war
ich über die Mauer hinweg und die Ketten der Zugbrücke hinunter,
drüben auf der anderen Seite.
Der alte Mann war
schon bei den Toren des Dorfes angekommen, verschwand beinah im
Regen, schwankte in seinem Pelzumhang auf die Heide hinaus wie eine
betagte, nasse Ratte.