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Freundschaft und dann und wann ein
Schäferstündchen
Das ganze Leben ist
nichts als Einsamkeit, unterbrochen nur von Göttern, die uns
Freundschaft vorgaukeln, und ab und zu’ne Nummer. Ich gebe zu, ich
trauerte. Vielleicht war ich ein Narr zu erwarten, dass Cordelia
bleiben würde. (Ja, ja, ich weiß: Ich bin ein Narr – bloß nicht so
oberschlau, okay? Es nervt.) Aber die meisten Jahre meines
Mannseins war sie die Peitsche auf meinem Rücken gewesen, das Luder
meiner Lenden, Balsam für meine Phantasie – mein Quälgeist, mein
Tonikum, mein Fieber, mein Fluch. Ich sehnte mich nach
ihr.
Ich fand keinen Trost
mehr auf der Burg. Drool war weg, Taster war weg, Lear war verrückt
geworden. Zwar war mir Drool kaum bessere Gesellschaft gewesen als
Jones, und dabei entschieden unhandlicher, doch sorgte ich mich um
ihn, großes Kind, das er war, taumelnd im Kreise von viel zu vielen
Dolchen und Halunken. Mir fehlte sein lückenhaftes Grinsen, so
voller Versöhnlichkeit, Zugewandtheit und oftmals Cheddar. Und
Taster – was wusste ich denn schon über ihn? Nur ein bleicher Knabe
aus Hog Nostril-on-Thames. Doch wenn ich ein mitfühlendes Ohr
brauchte, war er da, auch wenn er sich oft genug selbstsüchtig ob
seiner Ernährungsproblematik von meinem Kummer ablenken
ließ.
Ich lag auf meinem
Bett und starrte aus den kreuzförmigen Schießscharten auf die
grauen Gebeine Londons hinaus, brütete in meinem Elend, sehnte mich
nach meinen Freunden.
Nach meiner ersten
Freundin.
Nach
Thalia.
Der
Eremitin.
An einem kühlen
Herbstabend in Dog Snogging, als ich der Eremitin zum dritten Mal
ihr Essen brachte, wurden wir Freunde. Ich hatte noch immer
ungeheure Ehrfurcht vor ihr, und in ihrer bloßen Gegenwart fühlte
ich mich klein, unwert und profan, wenn auch im positiven Sinne.
Unablässig betend und um Verzeihung heischend, reichte ich ihr den
Teller mit grobem Schwarzbrot und Käse durch das Kreuz in der
Mauer.
»Genug davon, Pocket.
Schon gut. Ich vergebe dir, wenn du mir ein Lied
singst!«
»Bestimmt seid Ihr
eine sehr, sehr fromme Frau und hegt große Liebe für den
Herrn.«
»Der Herr ist ein
Wichser.«
»Ich dachte, der Herr
ist ein Hirte?«
»Na ja, das auch.
Aber ein Mann braucht sein Hobby. Kennst du Greensleeves?«
»Ich kenne
Dona Nobis Pacem.«
»Kannst du
irgendwelche Piratenlieder?«
»Ich könnte
Dona Nobis Pacem wie ein Pirat
singen.«
»Es bedeutet
Gib uns Frieden auf Lateinisch,
stimmt’s?«
»Aye,
Mutter.«
»Etwas verlogen,
oder? Ein Pirat, der singt: Gib uns Frieden?«
»Glaub schon. Dann
könnte ich Euch einen Psalm singen, Mutter.«
»Na gut, Pocket, dann
also einen Psalm – einen mit Piraten und reichlich Blutvergießen,
wenn’s geht.«
Ich war nervös,
verzweifelt auf die Anerkennung der Eremitin erpicht, und
fürchtete, wenn ich sie verstimmte, würde mich ein Racheengel
niederstrecken, wie es in den Schriften ständig vorkam. Sosehr ich
mich auch bemühte, es wollte mir kein Piratenpsalm einfallen. Ich
räusperte mich und sang den einzigen nicht lateinischen Psalm, den
ich auswendig konnte:
»Der Herr ist mein Wichser, ich soll keine
anderen...«
»Warte, warte,
warte!«, sagte die Eremitin. »Heißt es nicht ›Der Herr ist mein
Hirte‹?«
»Ja, schon, aber Ihr
sagtet doch...«
Da fing sie an zu
lachen. Es war das erste Mal, dass ich sie lachen hörte, und es
klang, als lobte mich die Jungfrau Maria höchstpersönlich. In der
dunklen Kammer schien ihr Lachen überall um mich herum zu sein und
mich förmlich zu umarmen.
»Ach, Pocket, du bist
mir vielleicht einer! Einfältig und unbeleckt, aber zum
Verlieben.«
Ich merkte, wie ich
errötete. Ich war stolz und verlegen und verzückt. Ich wusste
nicht, was ich machen sollte, also sank ich auf die Knie und warf
mich vor der Schießscharte auf den Boden, presste meine Wange an
die Steine. »Verzeiht mir, Mutter.«
Wieder lachte sie.
»Erhebt Euch, Sir Pocket von Dog Snogging!«
Ich kam auf die Beine
und starrte das dunkle Kreuz in der Mauer an. Ich sah diesen matten
Stern, ihr Auge, in dem sich das Licht der Kerze spiegelte, und ich
merkte, dass ich weinte.
»Warum habt Ihr mich
so genannt?«
»Weil du mich zum
Lachen bringst und es verdient hast. Und weil du kühn bist. Ich
glaube, wir werden noch richtig gute Freunde.«
Gerade wollte ich sie
fragen, wie sie das meinte, doch der Eisenriegel quietschte, und
jemand öffnete die Tür zum Korridor. Dort stand Mutter Basil mit
einem Kerzenleuchter in der Hand, und sie sah verstimmt
aus.
»Pocket, was geht
hier vor?«, sagte sie mit ihrem barschen Bariton.
»Nichts, Mutter
Oberin. Ich habe nur der Eremitin ihr Essen gebracht.«
Anscheinend wollte
Mutter Basil den Vorraum nicht betreten, als fürchtete sie, die
Eremitin könnte sie sehen.
»Komm schon, Pocket!
Zeit fürs Abendgebet.«
Eilig verneigte ich
mich vor der Eremitin und hastete unter Mutter Basils Arm hindurch
zur Tür hinaus.
Als sie die Tür
schloss, rief die Eremitin: »Mutter Oberin, einen Moment noch,
bitte!«
Mutter Basils Augen
wurden groß, und sie sah aus, als hätte der Teufel nach ihr
gerufen. »Geh du nur schon zum Vespergottesdienst. Ich komme gleich
nach.«
Sie trat in den
Vorraum zur Zelle und schloss die Tür hinter sich, als eben die
Glocke schlug und uns zum Abendlob rief.
Ich fragte mich, was
die Eremitin wohl mit Mutter Basil zu besprechen hatte, vielleicht
eine Erkenntnis, die ihr in den langen Stunden ihrer Gebete
gekommen war, vielleicht hatte ich mich als unzulänglich erwiesen,
und sie bat, man möge mich nicht mehr zu ihr schicken. Nachdem ich
gerade meine erste Freundin gefunden hatte, fürchtete ich, sie
gleich wieder zu verlieren. Während ich dem Priester die Gebete auf
Lateinisch nachsprach, betete ich in meinem Herzen zu Gott, dass er
mir die Eremitin nicht wegnehmen möge, und als die Messe zu Ende
war, blieb ich in der Kapelle und betete bis weit nach der
Mitternachtsandacht.
Mutter Basil fand
mich in der Kapelle.
»Es wird einige
Änderungen geben, Pocket.«
Mir rutschte das Herz
in die Hose.
»Verzeiht mir, Mutter
Oberin, denn ich weiß nicht, was ich tue.«
»Was redest du da,
Pocket? Ich tadle dich nicht. Ich möchte deinen Eifer mit einigen
Pflichten belohnen.«
»Oh«, sagte
ich.
»Von nun an wirst du
der Eremitin abends vor dem Vesper Speis und Trank bringen, und
dort, im Vorraum, wirst du sitzen bleiben, bis sie gegessen hat,
doch wenn die Glocke zur Vesper ruft, sollst du gehen und erst am
nächsten Tage wiederkehren. Du sollst nie länger als eine Stunde
bleiben! Hast du verstanden?«
»Ja, Mutter Basil,
aber wieso nur eine Stunde?«
»Wir wollen die
Eremitin bei ihrer Kommunion mit Gott nicht über Gebühr stören.
Außerdem darfst du sie nie fragen, woher sie kommt. Frag nie nach
ihrer Familie oder ihrer Vergangenheit. Sollte sie je davon
sprechen, musst du dir die Finger in die Ohren stecken und
›Lalalala, ich kann Euch gar nicht hören, ich kann Euch gar nicht
hören‹ singen und sofort hinausgehen.«
»Das kann ich nicht,
Mutter.«
»Wieso
nicht?«
»Ich krieg den Riegel
zur Außentür nicht auf, wenn ich mir die Finger in die Ohren
stecke.«
»Ach, mein süßer
Pocket, ich habe deinen Witz von Herzen gern. Ich denke, du
solltest heute Nacht auf dem steinernen Boden schlafen. Der Teppich
verhindert nur die Kühlung deiner Fieberphantasien, die Gott so
sehr verabscheut. Ja, ein paar leichte Schläge und der nackte Stein
heute Nacht für dich und deinen Aberwitz.«
»Jawohl,
Mutter.«
»Du darfst also mit
der Eremitin niemals über ihre Vergangenheit sprechen. Wenn du es
doch tust, wirst du exkommuniziert und bis in alle Ewigkeit
verflucht sein, ohne Hoffnung auf Erlösung, das Licht des Herrn
soll nie mehr auf dich fallen, und du sollst für immer und ewig in
Finsternis leben. Und außerdem werde ich dafür sorgen, dass dich
Schwester Bambi an die Katze verfüttert.«
»Jawohl, Mutter«,
sagte ich. Ich war so aufgeregt, dass ich mir fast in die Hosen
machte. Ich sollte jeden Tag, den Gott werden ließ, mit der
Herrlichkeit der Eremitin gesegnet sein.
»Na, wenn das kein
schuppiger Haufen Schlangenwichse ist«, sagte die
Eremitin.
»Nein, Herrin, die
Katze ist nur echt scheißgroß.«
»Nicht das
Katzenvieh... die eine Stunde täglich! Nur eine
Stunde?«
»Mutter Basil möchte
nicht, dass ich Eure Kommunion mit Gott störe, Frau Eremitin.« Ich
verbeugte mich vor der dunklen Schießscharte.
»Nenn mich
Thalia.«
»Das würde ich nie
wagen, Herrin. Und ich darf Euch auch nicht nach Eurer
Vergangenheit fragen oder woher Ihr kommt. Mutter Basil hat es mir
verboten.«
»Da hat sie ganz
recht, aber du darfst mich Thalia nennen, weil wir Freunde
sind.«
»Aye, Herrin.
Thalia.«
»Aber von deiner
Vergangenheit darfst du mir ruhig erzählen, guter Pocket. Erzähl
mir von deinem Leben!«
»Aber ich kenne nur
Dog Snogging... Mehr habe ich noch nicht gesehen.«
Ich konnte sie im
Dunkeln lachen hören. »Dann erzähl mir eine Geschichte aus deinem
Unterricht, Pocket.«
Also erzählte ich der
Eremitin von der Steinigung des Heiligen Stefan, der Verfolgung des
Heiligen Sebastian und der Enthauptung des Heiligen Valentin, und
sie erzählte mir im Gegenzug von Heiligen, von denen ich im
Katechismus noch nie gelesen hatte.
»Und das«, sagte
Thalia, »ist die Geschichte davon, wie der Heilige Rufus von
Murmeltieren zu Tode geleckt wurde.«
»Das klingt nach
einem schrecklichen Martyrium«, sagte ich.
»Aye«, sagte die
Eremitin. »Murmeltierspucke ist die giftigste aller Substanzen, und
deshalb ist Sankt Rufus auch bis zum heutigen Tag der Schutzheilige
des Speichels und des Mundgeruchs. Doch genug von Märtyrern,
erzähle mir von Wunderdingen.«
Und das tat ich. Ich
erzählte vom immervollen Milchkübel der Heiligen Brigid von
Kildare, davon, wie der Heilige Fillan, nachdem sein Ochse von
einem Wolf gerissen worden war, es geschafft hatte, ebenjenen Wolf
vor einen Karren mit Steinen für den Bau einer Kirche zu spannen,
und wie der Heilige Patrick die Schlangen aus Irland
vertrieb.
»Aye«, sagte Thalia.
»Dafür sind ihm die Schlangen noch heute dankbar. Doch lass mich
dir von dem Wunder erzählen, wie der Heilige Cinnamon die Mazdas
aus Swinden vertrieb.«
»Vom Heiligen
Cinnamon habe ich noch nie gehört«, sagte ich.
»Nun, das liegt
daran, dass die Nonnen von Dog Snogging leicht beschränkt sind und
von so was nichts verstehen. Deshalb solltest du ihnen auch niemals
anvertrauen, was du hier von mir erfährst, damit die Erkenntnis sie
nicht überwältigt und sie der Schlag trifft.«
»Aus
Überfrömmigkeit?«
»Aye, mein Junge. Und
du wärst für ihren Tod verantwortlich.«
»Aber das würde ich
nie wollen.«
»Natürlich nicht.
Wusstest du, dass die Heiligen in Spanien kanonisiert werden, indem
man sie in eine Kanone steckt und abschießt?«
Und so ging es
tagein, tagaus. Woche für Woche tauschte ich mit Thalia Lügen und
Geheimnisse. Man mag sie grausam schimpfen, weil ihr einziger
Kontakt mit der Außenwelt darin bestand, einem kleinen Jungen
Märchen aufzutischen, aber andererseits ging es in der ersten
Geschichte, die mir Mutter Basil erzählte, um eine sprechende
Schlange, die nackten Leuten verdorbenes Obst anbot, und trotzdem
hatte der Bischof sie zur Äbtissin ernannt. Und im Zuge dessen
lehrte mich Thalia die Kunst der Unterhaltung. Einen gemeinsamen
Augenblick mit Geschichten und Heiterkeit zu verbringen, einem
Menschen nah zu sein, auch wenn man durch eine Mauer von ihm
getrennt ist.
Während der ersten
zwei Jahre kam einmal im Monat der Bischof aus York, um nach der
Eremitin zu sehen, und für einen Tag schien sie allen Mut zu
verlieren, als schöpfte er ihn ab und nähme ihn mit, aber sie
erholte sich bald darauf, und wir lachten und plauderten wie eh und
je. Nach ein paar Jahren kam der Bischof nicht mehr, doch ich wagte
nicht, Mutter Basil nach dem Grund zu fragen, aus Angst, er könne
ihr einfallen und der sauertöpfische Prälat würde seine
mutraubenden Besuche wieder aufnehmen.
Je länger die
Eremitin in ihrer Zelle saß, desto größer wurde ihre Freude an
allem, was ich ihr über den Alltag in der Außenwelt berichten
konnte.
»Erzähl mir vom
Wetter heute, Pocket! Beschreibe mir den Himmel, und lass keine
Wolke aus!«
»Nun, der Himmel sah
aus, als katapultierte jemand Riesenschafe in Gottes eisiges
Auge.«
»Scheißwinter. Krähen
am Himmel?«
»Aye, Thalia, als
tüpfelte ein wild gewordener Vandale mit Feder und Tinte wahllos
das Gewölbe dieses Tages.«
»Ah, hübsch
gesprochen, mein Kleiner! Wunderbar zusammenhanglose
Metaphorik.«
»Danke,
Herrin.«
Während ich meinen
Pflichten und Studien nachkam, versuchte ich, mir jede Einzelheit
zu merken und Metaphern zu ersinnen, um Wortbilder für meine
Eremitin zu pinseln, deren Licht und Farbe ich war.
Es schien, als
begönnen meine Tage um vier Uhr, wenn ich zu Thalias Zelle kam, und
endeten um fünf, wenn die Glocke zur Vesper läutete. Alles vorher
war nur Vorbereitung auf diese eine Stunde, und alles danach – bis
zum Schlaf – war seliges Gedenken.
Die Eremitin lehrte
mich zu singen, nicht nur die Kirchenlieder und Melodeien, die ich
von Kindesbeinen an gesungen hatte, sondern auch die romantischen
Weisen der Troubadoure. Mit einfachen, geduldigen Anweisungen
brachte sie mir das Tanzen und Jonglieren und akrobatische
Kunststückchen bei, alles mit Hilfe von Beschreibungen – kein
einziges Mal hatte ich die Eremitin in all den Jahren zu Gesicht
bekommen, nur hin und wieder durch die Schießscharte ihr
Profil.
Ich wurde älter.
Flaum spross auf meinen Wangen – meine Stimme brach, sodass ich
klang, als habe sich eine kleine Gans in meine Kehle verflogen und
schrie nach Futter. Die Nonnen von Dog Snogging sahen in mir
langsam mehr als nur ihr kleines Hündchen, denn viele waren kaum
älter als ich, wenn sie ins Kloster kamen. Sie schäkerten mit mir
und bettelten um ein Lied, ein Gedicht, eine Geschichte, je derber
desto besser, und davon hatte mir die Eremitin so manche
beigebracht. Woher sie diese jedoch kannte, wollte sie mir nicht
verraten.
»Wart Ihr
Schauspielerin, bevor Ihr Nonne wurdet?«
»Nein, Pocket. Und
ich bin auch keine Nonne.«
»Aber vielleicht Euer
Vater...«
»Nein, mein Vater war
auch keine Nonne.«
»Ich meine, war er
Schauspieler?«
»Liebster Pocket, du
darfst mich nicht nach dem Leben fragen, das ich geführt habe,
bevor ich hierherkam. Ich war immer schon das, was ich jetzt bin,
und alles, was ich bin, bin ich hier bei dir.«
»Liebste Thalia«,
sagte ich, »das ist ein flammendes Fläschchen
Drachenwichse.«
»Ja, nicht
wahr?«
»Ihr lächelt doch,
oder?«
Sie kam ganz nah an
die Schießscharte, zeigte mir ihr schiefes Grinsen. Ich lachte und
griff durch das Kreuz hindurch, um ihre Wange zu berühren. Sie
seufzte, nahm meine Hand und drückte sie fest an ihre Lippen, dann
– urplötzlich – stieß sie meine Hand von sich und trat aus dem
Lichtschein.
»Versteckt Euch
nicht!«, sagte ich. »Bitte, versteckt Euch nicht!«
»Als ob ich es mir
aussuchen könnte, ob ich mich verstecken möchte. Ich lebe in einer
beschissenen Gruft.«
Ich wusste nicht, was
ich sagen sollte. Nie zuvor hatte sie sich beklagt, die Eremitin
von Dog Snogging zu sein, wenn auch manch Ausdruck ihres Glaubens –
nun – abstrakt wirkte.
»Ich meine, versteckt
Euch nicht vor mir! Lasst mich Euch ansehen!«
»Du willst mich
sehen? Du willst mich sehen?«
Ich
nickte.
»Gib mir deine
Kerzen!«
Sie ließ sich vier
brennende Kerzen durch die Schießscharte reichen. Immer wenn ich
ihr etwas vorführte, wies sie mich an, diese draußen vor ihrer
Zelle in Halter zu stecken, damit sie mich auch sehen konnte, wenn
ich tanzte, jonglierte oder akrobatische Kunststückchen aufführte,
doch für ihre Zelle hatte sie nie mehr als eine Kerze haben wollen.
Sie stellte die Kerzen überall in der Zelle auf, und zum ersten Mal
sah ich die steinerne Pritsche mit der Strohmatte, auf der sie
schlief, ihre kärglichen Habseligkeiten auf dem schweren Tisch, und
Thalia, die im zerlumpten Leinenkleid dort stand.
»Sieh her!«, sagte
sie. Sie zog das Kleid über ihren Kopf und ließ es
fallen.
Sie war das schönste
Wesen, das ich je gesehen hatte. Sie sah jünger aus als in meiner
Phantasie, etwas dünn, aber fraulich – ihr Gesicht war das einer
schelmischen Madonna, wie von Künstlerhand geformt, eher von der
Lust als von Gott geführt. Ihr Haar war lang und fuchsfarben, und
es fing das Kerzenlicht, als würde es beim geringsten Sonnenstrahl
in güldenen Flammen aufgehen. Ich spürte, wie mir das Blut ins
Gesicht schoss, und in die Hose. Ich war erregt und verwirrt und
beschämt zur gleichen Zeit. Ich wandte ihr den Rücken zu und heulte
auf.
»Nein!«
Plötzlich war sie
direkt hinter mir, und ich spürte ihre Hand an meiner Schulter und
wie sie mir den Nacken rieb.
»Pocket! Süßer
Pocket, nicht! Ist schon gut.«
»Ich fühle mich, als
kämpfte in meinem Körper der Teufel mit der Jungfrau Maria. Ich
wusste nicht, dass Ihr so seid.«
»Wie eine Frau,
meinst du?«
Ihre Hand war warm
und ruhig, knetete die Muskeln in meiner Schulter durch das Kreuz
in der Mauer, und ich drückte mich dagegen. Am liebsten hätte ich
mich umgedreht und hingesehen. Ich wollte fliehen oder einfach nur
aufwachen – beschämt, weil mich der Teufel des Nachts mit einem
feuchten Traum in Versuchung führte.
»Du kennst mich,
Pocket. Wir sind doch Freunde!«
»Aber Ihr seid die
Eremitin.«
»Ich bin Thalia,
deine Freundin, die dich liebt. Dreh dich um, Pocket!«
Ich tat wie mir
geheißen.
»Gib mir deine
Hand!«
Und auch das tat
ich.
Sie legte meine Hand
auf ihren Leib und hielt sie fest, presste ihren Körper an den
kalten Stein, und durch das Kreuz in der Mauer entdeckte ich ein
völlig neues Universum – Thalias Körper, meinen Körper, Liebe, Lust
und Erlösung -, und es war verdammt viel besser als lahme Gesänge
und Jonglieren. Als die Glocke zur Vesper rief, lösten wir uns vom
Kreuz, erschöpft und keuchend, und wir fingen an zu lachen. Oh, und
ich brach mir einen Zahn ab.
»Noch einen im
Stehen, Teufelchen?«
Als ich am nächsten
Abend mit Speis und Trank zur Eremitin kam, erwartete sie mich
bereits. Fast zwängte sie ihr Gesicht durch das Kreuz in der Wand.
Sie sah aus wie einer dieser engelsgleichen Gargoyles links und
rechts des großen Eingangstors von Dog Snogging, nur dass die immer
zu weinen schienen und sie breit grinste. »Du bist doch heute nicht
etwa zur Beichte gegangen, oder?«
Ein kalter Schauer
lief mir über den Rücken. »Nein, Mutter, heute habe ich fast den
ganzen Tag in der Schreibstube gearbeitet.«
»Pocket, ich glaube,
es wäre mir lieber, wenn du mich nicht Mutter nennen würdest, falls
es nicht zu viel verlangt ist. Nachdem unsere Freundschaft nun eine
andere Ebene erlangt hat, scheint es mir doch – ach, ich weiß nicht
– geschmacklos.«
»Ja, hm – äh –
Herrin.«
»Mit Herrin kann ich leben. Jetzt reich mir mein
Abendbrot und versuch mal, ob du dein Gesicht genauso in die
Öffnung schieben kannst wie ich.«
Thalia hatte ihre
Wangenknochen in den Spalt gezwängt, obwohl dieser kaum breiter war
als meine Hand.
»Tut das nicht weh?«
Den Tag über hatte ich immer neue Abschürfungen an den Armen und
allerlei anderen Körperteilen entdeckt – von unserem Abenteuer am
Abend zuvor.
»Es ist nicht die
Häutung des Heiligen Bart, aber – ja – es brennt ein bisschen. Du
darfst auf keinen Fall beichten, was wir hier getrieben haben...
und auch nicht, was wir noch treiben werden. Das weißt du doch,
oder?«
»Komme ich denn in
die Hölle?«
»Na ja, also« – sie
wich ein Stück zurück und tat, als suchte sie die Antwort an der
Decke, »... jedenfalls nicht allein. Gib uns unser Abendbrot,
Junge, und schieb dein Gesicht in die Öffnung! Ich muss dir was
zeigen.«
So ging es über
Wochen und Monate. Ich entwickelte mich von einem mittelmäßigen
Akrobaten zu einem gewieften Schlangenmenschen, und Thalia schien
etwas von der Lebenslust wiederzufinden, die ich bei ihr schon
verloren glaubte. Sie war nicht in dem Sinne heilig, den die
Priester und Nonnen lehrten, doch war sie von gutem Geist und einer
tiefen Ehrfurcht erfüllt, die so ganz anders war. Eher an
diesem Leben, diesem Augenblick interessiert, als an einer
Ewigkeit außerhalb ihrer Reichweite, jenseits des Lochs in der
Mauer. Ich betete sie an und wünschte sie in Freiheit, bei mir, und
so begann ich, ihre Flucht zu planen. Aber ich war noch ein kleiner
Junge, und sie hatte einen kleinen Schaden. Es sollte wohl nicht
sein.
»Ich habe einen
Meißel gestohlen, von einem Maurer, der auf dem Weg nach York war,
um dort an der Kathedrale zu arbeiten. Es wird etwas dauern, aber
wenn Ihr Euch einen bestimmten Stein vornehmt, könnte Eure Flucht
im Sommer gelingen.«
»Du bist meine kleine
Flucht, Pocket! Die einzige Flucht, die ich mir gestatten
darf.«
»Aber wir könnten
durchbrennen und zusammen sein!«
»Das wäre fabelhaft,
aber ich kann hier nicht weg. Also, komm her und steck dein Geläut
ins Kreuz! Thalia hat eine kleine Überraschung für
dich.«
Es kam mir vor, als
setzte ich mich nie durch, sobald ich im Kreuz steckte. Abgelenkt,
wie ich war. Doch ich lernte dazu, und da mir die Beichte verwehrt
war – nicht, dass es mich sonderlich belastet hätte -, teilte ich
das Erlernte gern mit anderen.
»Thalia, ich muss
Euch beichten, dass ich Schwester Nikki von dem kleinem Mann im
Boot erzählt habe.«
»Wirklich? Nur
erzählt oder auch gezeigt?«
»Na ja, wohl auch
gezeigt. Aber ich glaube, sie ist schwer von Begriff. Ich musste
ihn immer wieder vorzeigen, und heute Abend nach der Vesper treffen
wir uns im Kreuzgang, und ich zeige ihn ihr noch mal.«
»Ach, die Freuden
einer langen Leitung! Und es wäre wahrlich eine Sünde, seinen
Erfahrungsschatz selbstsüchtig zu hüten.«
»Das dachte ich dann
auch«, sagte ich erleichtert.
»Und da wir gerade
vom kleinen Mann im Boot sprechen: Ich glaube, diesseits der Mauer
gibt es jemanden, der unartig war und einen ordentlichen
Zungenschlag verdient hat.«
»Aye, Herrin«, sagte
ich und zwängte meine Wangen in das Kreuz. »Führt mir die freche
Göre vor, auf dass sie gezüchtigt werden möge!«
Und so nahm es seinen
Gang. Ich kannte niemand anderen, der Schwielen an den
Wangenknochen hatte, doch mittlerweile waren auch meine Arme und
Hände kräftig wie bei einem Schmied, weil ich mich mit den
Fingerspitzen zwischen den großen Steinen festhalten musste, damit
mein Ding auch durch das Kreuz passte. Und so hing ich da wie eine
Spinne an der Mauer und ließ mich verwöhnen, hübsch und heftig, von
der Eremitin, als der Bischof das Vestibül betrat.
(Der Bischof betrat
das Vestibül? Der Bischof betrat das Vestibül? Ausgerechnet jetzt
kommst du uns mit so was, verschweigst uns Stellungen und Stimuli,
wo du doch längst die gegenseitige Notzucht mit einer Heiligen am
Kreuz gebeichtet hast? Also, echt nicht.)
Der gottverfluchte
Bischof von York betrat das gottverfluchte Vestibül mit der
gottverfluchten Mutter Basil, die ein paar gottverfluchte
Sturmlaternen bei sich trug.
Also ließ ich los.
Thalia unseligerweise nicht. Anscheinend waren auch ihre Hände
durch unseren Diskurs an der Mauer kräftiger geworden.
»Was, zum Teufel,
machst du da, Pocket?«, sagte die Eremitin.
»Was machst du da,
Pocket?«, fragte Mutter Basil.
Ich hing an der
Mauer, mehr oder weniger an drei Punkten befestigt, von denen einer
nicht in Schuhen steckte. »Aaaahhhh!«, sagte ich. Irgendwie fiel
mir das Denken schwer.
»Lass mal ein
bisschen Leine, Kleiner!«, sagte Thalia. »Es soll doch eher ein
Tanz sein, kein Tauziehen.«
»Der Bischof ist hier
draußen«, sagte ich.
Sie lachte. »Dann sag
ihm, er soll sich hinten anstellen. Ich kümmere mich um ihn, wenn
wir fertig sind.«
»Nein, Thalia, er ist
wirklich hier!«
»Ach, du Scheiße«,
sagte sie und ließ meinen Eumel los.
Ich stürzte ab und
drehte mich schnell auf den Bauch.
Thalias Gesicht
erschien im Kreuz. »’n Abend, Exzellenz.« Mit breitem Grinsen.
»Bock auf’n Mauerblümchen?«
Der Bischof machte so
schnell kehrt, dass ihm seine Mitra fast vom Kopf rotierte. »Knüpft
ihn auf!«, sagte er. Er griff sich eine von Mutter Basils Laternen
und ging hinaus.
»Das elende
Schwarzbrot, das es hier gibt, schmeckt wie Ziegenhoden!«, rief
Thalia ihm hinterher. »Eine Dame hat was Besseres
verdient!«
»Thalia, bitte!«,
sagte ich.
»Du bist nicht
gemeint, Pocket! Deine Dienste sind tadellos, nur das Brot ist
Scheiße.« Dann zu Mutter Basil gewandt: »Gebt dem Jungen keine
Schuld, Mutter Oberin! Er ist ein Guter.«
Mutter Basil packte
mich am Ohr und zerrte mich aus der Kammer.
»Du bist ein Guter,
Pocket!«, rief die Eremitin.
Mutter Basil sperrte
mich in einen Schrank in ihrem Gemach, dann ging mitten in der
Nacht die Tür auf, und sie reichte mir einen Knust Brot und einen
Nachttopf herein. »Bleib hier, bis der Bischof am Morgen wieder auf
die Reise geht, und falls irgendwer fragt: Man hat dich
aufgeknüpft.«
»Jawohl, Mutter
Oberin«, sagte ich.
Sie holte mich am
nächsten Morgen und führte mich eilig durch die Kapelle hinaus.
Noch nie hatte ich sie so verzweifelt gesehen. »Du warst mir immer
wie ein Sohn, Pocket«, sagte sie und fummelte an mir herum,
schnallte mir einen Ranzen und allerlei Zeug um. »Es tut mir weh,
dich fortzuschicken.«
»Aber Mutter
Oberin...«
»Schscht, Junge! Wir
bringen dich zur Scheune, knüpfen dich vor den Augen von ein paar
Bauern auf, dann ziehst du gen Süden und triffst dich mit einem
Trupp von Mimen18, die dich
mitnehmen.«
»Ich bitte um
Verzeihung, Mutter, aber wenn man mich aufhängt, können die Mimen
doch gar nichts mehr mit mir anfangen! Was soll ich spielen, eine
Marionette?«
»Ich werde dich nicht
wirklich aufhängen. Es soll nur so aussehen. Uns bleibt nichts
anderes übrig, Junge. Der Bischof hat es so befohlen.«
»Seit wann befiehlt
der Bischof seinen Nonnen, Leute aufzuknüpfen?«
»Seit du die Eremitin
gebumfidelt hast, Pocket.«
Bei deren Erwähnung
riss ich mich von Mutter Basil los, rannte durch die Klosterkirche,
den alten Korridor entlang und dann ins Vestibül. Die kreuzförmige
Schießscharte war verschwunden – zugemauert und verputzt. »Thalia!
Thalia!«, rief ich. Ich schrie und trommelte auf die Steine ein,
bis meine Fäuste bluteten, doch von der anderen Seite der Mauer kam
kein Laut. Nie mehr.
Die Schwestern
zerrten mich mit sich, fesselten mir die Hände und brachten mich in
die Scheune, wo man mich aufknüpfte.