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Um zwei Uhr nachmittags betraten Adrian, Lu See und Sum Sum das Pickerel in der Magdalene Street. Das Pub besaß eine niedrige Balkendecke und war mit Eichenholz vertäfelt. Die Tische verströmten den Geruch von Bier und Pfeifentabak. An den Wänden hingen die Ruder der einzelnen Colleges. Bis auf zwei alte Männer, die in der Nähe der Dartscheibe saßen, waren sie die einzigen Gäste.
Sie gingen zur Bar hinüber.
»Was darf’s sein?«, fragte der teiggesichtige Mann, der sich ein Geschirrtuch über die Schulter geworfen hatte.
»Für mich ein Pint Adnams«, sagte Adrian. Dann drehte er sich zu den Mädchen. »Und zwei Ginger Ale.«
»Chinesen hatt’n wir hier noch nie.«
»Bekommt man bei Ihnen auch etwas zu essen?«, fragte Adrian.
Der Gastwirt sah Lu See von der Seite an, dies jedoch mehr aus Neugier als aus irgendeinem anderen Beweggrund, bevor er ein Glas vom Regal nahm. Er sprach langsam und mit Cambridgeshire-Akzent. »Wir haben Bauernteller – mit Stilton oder Cheddar zur Auswahl –, Shepherd’s Pie und kalte Würstchen mit Soße.«
Lu See und Sum Sum sahen sich verwirrt an.
»Ich denke, wir sollten dreimal den Bauernteller mit Stilton bestellen«, schlug Adrian vor.
Sie nahmen an einem Tisch am Fenster Platz.
Lu See wollte über ihr bevorstehendes Bewerbungsgespräch am Girton sprechen. »Sag mir, was werden sie mich fragen? Ich habe nächste Woche, am 2. März genauer gesagt, das Vorstellungsgespräch.«
Adrian nahm einen Schluck von seinem Bier. »Sie werden dich zuerst nach deinem Zeugnis fragen.«
»Ich habe die Abschlussprüfungen an der Cambridge Senior School mit sehr guten Noten bestanden. Mein Name stand sogar in der Malay Mail, zusammen mit dem von ungefähr dreißig anderen Schülern.«
»Anschließend werden sie von dir wissen wollen, was du studieren willst.«
»Theologie. Unsere Kirche zu Hause hat mir immer sehr viel bedeutet. Und jetzt, da es meine Aufgabe ist, einen Ersatz für die zerstörte Orgel zu beschaffen, bedeutet sie mir umso mehr.«
»Was ist mit den Studiengebühren?«
»Ich habe von meiner Tante Geld bekommen. Und wir haben eine Vereinbarung getroffen. Wenn es mir gelingt, für die neue Kirche in Po On Village eine geeignete Orgel zu finden, wird sie mich weiter unterstützen. Ich muss nur dafür sorgen, dass die Orgel noch vor Weihnachten dort ist.«
Während ihres Gesprächs betrat ein knochiger Mann in einer lederfarbenen Weste und einem cremefarbenen Jackett mit gestelzten Schritten den Schankraum. Sein Gesicht war glatt, länglich und sehr blass. Er blieb stehen, um in einem Spiegel seine blonde Frisur zu bewundern, dann drehte er sich affektiert um und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.
»Adie!«, rief er.
»Hallo, Pietro.«
»Ich war gerade auf dem Weg zu Heffers, um mir das neue Buch über Stalins Reformen zu holen. Man muss diesen Mann wirklich loben. Die Webbs sind unbedingt für das, was man in Russland zu erreichen versucht.« Er strich sich über die Haare und lächelte Lu See an, wandte ihr dabei seine linke Gesichtshälfte zu. »Und wer magst du wohl sein?«
»Ich? Ich bin Teoh Lu See.«
»Theo Lausie, Theo Lausie …« Er legte einen Finger an sein Kinn, so als überlege er, wo er sie unterbringen sollte. »Brah-haaa! Natürlich!« Er lachte wie eine Hyäne. »Das Mädchen, von dem du mir schon so oft erzählt hast, Adie. Was für ein wunderschönes Gesicht du hast. Und du?« Er schnippte mit seinem Finger in Sum Sums Richtung. »Wer bist du?«
»Mein Name ist Sum Sum.«
»Samson! Was für ein entzückender Name! Und schöne Haare hast du … Wenn du mich fragst, siehst du allerdings mehr nach einer Delilah aus. Reizende Hände, wunderschöne Fingernägel, Schätzchen. Wie auch immer. Ich muss mich sputen.«
Er tänzelte zur Tür hinaus.
»Wer oder was in aller Welt war das denn?«, fragte Lu See kichernd.
»Das war Pietro. Er studiert am Christ’s im zweiten Jahr Politikwissenschaften, ist Halbitaliener, hasst Mussolini und die Faschisten. Er hat eine ganz ähnliche Weltanschauung wie ich. Übrigens ist er auf dem rechten Ohr taub und bittet deshalb jeden, ihn von links anzusprechen.«
»Adie?« Lu See sah Adrian aufmerksam an.
Er zuckte mit den Schultern. »So nennt er mich nun mal.«
»Sein Kopf hat eine merkwürdige Form.«
»Es ist das, was wir eine Denkerstirn nennen.«
»Es sieht aus wie eine Milchflasche.«
Als ihr Essen kam, riss Sum Sum ungläubig die Augen auf. Sie betrachtete das, was da vor ihr auf dem Teller lag: vier große eingelegte Zwiebeln, eine schlappe Frühlingszwiebel, ein Klecks braunes Chutney, ein trockenes Brötchen und eine schwitzende Scheibe blau gemaserter Käse, der nach Fußschweiß roch.
»Was soll ich damit fangen an?«, fragte sie Adrian.
»Was meinst du?«
»Ist normal, dass stinkt wie alte Schuhe, lah?«
»Hast du noch nie Stilton gegessen?«
Sum Sum schüttelte den Kopf, starrte dabei das stinkende, schwitzende Dreieck skeptisch an. »So haben Beine meiner Großmutter aussehen.«
»Nimm dir etwas von dem Brot, dazu ein Stück von dem Käse mit Chutney. Wenn du dich erst einmal an den Geruch gewöhnt hast, schmeckt es wirklich gut. Es ist ein bisschen so, als würde man man eine Durian essen.« Er schob den Teller auf sie zu, fast so, als wolle er sie necken.
Sie nahm einen Bissen und hätte ihn fast wieder ausgespuckt. »Aiyoo! Kein Wunder, dass keiner hier essen! Sie wollen uns vergiften.« Sie spülte sich den Mund mit einem kräftigen Schluck Ginger Ale aus.
Adrian spießte ein Stück krümeligen Stilton auf seine Gabel und schob ihn sich in den Mund. »Mit einer eingelegten Zwiebel schmeckt er wirklich sehr gut. Wie findest du es, Goosey?«
»Ehrlich gesagt, mir ist ein bisschen übel.«
»Komisch, dass du das ausgerechnet jetzt sagst. Mein Soziologiedozent hat gerade heute Vormittag über die verschiedenen Kräuter gesprochen, die gegen Übelkeit helfen. Überwiegend sind das Pflanzen, die man im Regenwald und auf den Ebenen Tibets findet. Pfeilwurz hilft am besten. Das Kraut ist auch gut für Kinder mit Blasenbeschwerden.«
»Aiyoo! Was ist das Blaue in Käse?«
»Schimmel.«
Sum Sum starrte Adrian fassungslos an. »Du machst dir über mir lustig, meh? Wehe, wenn mich auf Bären aufbinden!« Dann wurde ihr klar, dass das nicht der Fall war. »Schimmel? Essen Menschen in dies Land immer solche Sachen?«
Adrian tupfte sich den Mund mit einer Papierserviette ab und versuchte dabei, sein Lächeln zu verbergen.
Der Gastwirt schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. »Wir schließen! Trinken Sie bitte aus.«
Adrian sah auf seine Armbanduhr. Es war 14.40 Uhr. »Also, ich schlage vor, dass ihr Mädchen nach Hause geht und erst einmal ein Nickerchen macht. Nach dem Abendessen habe ich eine Überraschung für euch. Zieht eure bequemsten Schuhe an.«
Am Abend holte Adrian die Mädchen um acht Uhr von ihrer Pension am Portugal Place ab. Er zündete sich eine Zigarette an und warf die Streichholzschachtel dann auf das Kopfsteinpflaster.
»Hört zu«, sagte er leise. »Ich möchte, dass ihr beide meine Hand drückt. Ich will sehen, wie kräftig eure Finger sind.«
»Warum?«
»Mach es einfach, Goosey.«
Lu See packte seine Hand, so fest sie konnte, dann kam Sum Sum an die Reihe.
»Gut. Die Kraft in den Fingern ist entscheidend. Ich will euch nämlich etwas zeigen.«
»Was denn?«
Er streichelte Lu Sees Nacken. »Siehst du die Streichholzschachtel dort auf dem Boden? Genau so sehen die Gebäude vom Dach der King’s Chapel aus.«
»Ich kann dir nicht ganz folgen.«
»So hoch oben fühlst du dich wie ein Adler, mehr noch: wie ein kleiner Gott. Wir gehen klettern.«
Fünf Minuten später standen Lu See, Sum Sum und Adrian neben der Rosskastanie auf der King’s Parade und starrten zu den Sternen am Himmel hinauf. Sie waren in warme Mäntel und dicke Schals gehüllt, Adrian trug einen Rucksack auf dem Rücken. Im nahen Gibbs Building und dem Old Lodge gingen die Lichter an, aber dort, wo sie standen, herrschte pechschwarze Dunkelheit.
»Zuerst müssen wir auf diesen Baum klettern, damit wir über die Mauer ins King’s College kommen. Dann werden wir auf das Dach der Kapelle steigen«, erklärte Adrian.
Meinte er das ernst? Lu See machte unwillkürlich einen Schritt rückwärts. Sie stand so starr da wie einer der steinernen Wasserspeier. »Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?«
»Wahh! So aufregend, lah! Fantastisch!«
»Nein, das ist es absolut nicht, Sum Sum! Das ist verdammter Wahnsinn!«
»Psst!« Adrian legte Lu See seinen Zeigefinger auf die Lippen. »Wir wollen doch nicht, dass jemand auf uns aufmerksam wird.«
»Wie hoch ist die Kapelle?«, flüsterte Lu See. Sie zitterte. Es war eine Mischung aus Nervosität und Kälte, die sie erschaudern ließ.
»Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich vermute, dass es mehr als fünfundvierzig Meter sind. Seht ihr den Blitzableiter dort? Über den kommen wir zum Hauptdach hinauf.«
Sum Sum strahlte. »In Tibet, ich war mächtig gut in Klettern. Dort gibt viele Felsen und Berge.«
»Ich habe schon fast jedes College bestiegen. Das Trinity ist ziemlich schwierig. Peterhouse ist am leichtesten.«
»Aber das ist doch gefährlich«, mahnte Lu See.
»Natürlich ist es das. Sonst macht es doch keinen Spaß.« Er lächelte.
»Wie oft machst du das?«
»Wenn es nicht regnet und wenn auf den Strebepfeilern kein Schnee liegt, einmal pro Woche. In den wärmeren Monaten auch öfter. Ich bin auf die Idee gekommen, als ich die Dajaks in Borneo dabei beobachtet habe, wie sie auf Kokospalmen kletterten, und später dann die Eierräuber in Sabah, die auf den Klippen die Vogelnester ausnehmen. Willst du es nicht wenigstens einmal versuchen? Vertrau mir, es wird dir gefallen!«
Lu See schüttelte den Kopf. »Ich werde da nicht raufklettern. Nie im Leben!«
Adrian rieb sich nachdenklich das Kinn. »Vielleicht hast du sogar recht. Es ist ein bisschen ehrgeizig von mir, euch gleich mit der King’s anfangen zu lassen. Beginnen wir mit etwas Einfacherem. Kommt, folgt mir!«
»Können wir nicht einfach nach Hause gehen?«
»Nein, Goosey. Mir nach!«
Sie überquerten die Straße und liefen die Trinity Street entlang. Als sie die Einmündung der Trinity Lane passierten, sagte Lu See: »Du willst also tatsächlich auf ein dreißig Meter hohes Gebäude klettern. Im Dunkeln! Um Mitternacht! Bei diesem Wetter!«
»Damals in Tibet, als ich war neun, mein Bruder und ich sind auf Berg von Jadedrachen geklettert und dann in Tigerschlucht gesprungen.«
»Auf einen Berg zu klettern kann ich mir vielleicht noch vorstellen. Aber doch nicht auf das verdammte Dach einer Kapelle!«
»Du hast Höhenangst.«
»Das weißt du doch.«
»Nun, dies ist eine der wichtigsten Lektionen, die du in deinem Leben lernen wirst, nämlich wie du deine Angst überwindest. Hier wären wir«, sagte Adrian.
»Wo?«, fragte Lu See.
Er hob die Hand und zeigte nach oben. »Das ist die Divinity School. Sie hat gute, stabile Fallrohre, und das Mauerwerk ist nicht allzu bröckelig. Du kannst dich auch an den Fenstersprossen im zweiten Stock festhalten, wenn du eine Pause brauchst.«
Er sah sich noch einmal um, um sich zu vergewissern, dass außer ihnen niemand auf der Straße war. »Also, wer will mit mir hinaufklettern?«
»Ich!« Sum Sum hob die Hand.
»Wir müssen in unsere Pension zurück. Mrs Slackford sperrt um zehn Uhr die Tür zu.«
»Also habt ihr noch genügend Zeit. Es ist noch nicht einmal halb neun.«
Adrian holte ein zusammengerolltes, langes Tau und drei kurze Gurte aus seinem Rucksack. Die Gurte hatten an jedem Ende eine Schlinge, was ihnen das Aussehen von ledernen Handschellen verlieh.
»Wozu in aller Welt sind die denn gut?«, fragte Lu See und streckte die Hand aus, um einen der Gurte zu berühren.
»Im Winter sind die Regenrohre so kalt, dass man sich nicht sehr lange an ihnen festhalten kann. Immer, wenn du eine Pause brauchst, kannst du den Gurt hinter dem Rohr hindurchführen, die Enden um deine Handgelenke schlingen und dich dann einfach zurücklehnen.« Er drückte Sum Sum und Lu See jeweils einen Gurt in die Hand. »Das ist wesentlich weniger anstrengend, als sich mit den Fingern an den Mauerklemmen festzuhalten. Also: Zieht eure Mäntel und Schals aus und packt sie in den Rucksack. Ihr solltet euch nicht mit allzu schwerer Kleidung belasten. Ihr müsst auch die Handschuhe ausziehen, sonst findet ihr die Vertiefungen im Mauerwerk nicht.« Er wickelte die lange Taurolle um seinen linken Arm. »Ich werde vorausklettern. Wenn ich dieses Seil an einem der Kamine befestigt habe, werfe ich es vom Dach. Denkt dran, mit den Fingern immer hinter die Fallrohre zu fassen und die Knie anzuziehen. Zum Klettern nehmt ihr eure Fußspitzen, eure Absätze nehmt ihr, wenn ihr einen sicheren Stand gefunden habt.«
»Großer Gott, ich glaube einfach nicht, was hier geschieht!«
»Fangen wir an?«, fragte Sum Sum.
»Versucht einfach, denselben Weg zu nehmen, den auch ich nehme. Wenn ihr den Halt verliert, dann haltet euch am Sicherungsseil fest.« Er drückte Lu See einen ermutigenden Kuss auf die Stirn. »Keine Sorge, du wirst das schon hinkriegen. Wir sehen uns dann oben auf dem Dach.«
»Ich will das nicht machen.«
»Denk an das, was ich dir über das Überwinden deiner Ängste gesagt habe. Du wirst vor Begeisterung überschäumen, wenn du es erst einmal geschafft hast.«
Adrian kletterte behände am Fallrohr hinauf, nutzte die Nischen und kleinen Vertiefungen, wo immer er konnte. Dann, nach etwa fünf Minuten, ließ er das Seil herunter. Sum Sum begann sogleich mit dem Aufstieg.
Lu See blickte nach oben und bekreuzigte sich. Immer eine Hand über der anderen, sagte sie sich. Sie ergriff das metallene Fallrohr und spürte sofort den Zug in ihren Armen und ihrem Rücken. Nachdem sie sich versichert hatte, dass ihre Finger festen Halt fanden, drückte sie ihre Knie durch und kletterte ein paar Zentimeter nach oben, dann schob sie ihre linke Hand über ihre rechte, bis ihre Schuhe einen Spalt fanden, in dem sie sich verkeilen konnten. Jedes Mal, wenn sie das tat, verlagerte sie ihr Gewicht von einer Hand auf die andere, kroch nach oben wie eine Krabbe, zwängte ihre Füße dabei immer wieder in die feuchten Ritzen des geriffelten Mauerwerks.
Sie bewegte sich langsam und vorsichtig. Das lange Sicherungsseil baumelte dabei die ganze Zeit neben ihr.
Ignoriere das Seil, sagte sie sich. Sieh es nur als letzten Ausweg an. Wenn du ständig dieses Seil anstarrst, kommst du aus dem Gleichgewicht. Benutze es nur, wenn du abrutschst. Ihre Finger und Unterarme begannen zu brennen. Eins, zwei, drei … hoch! Sie kletterte weiter. Dann aber gab das Fallrohr plötzlich ein seltsam klagendes Geräusch von sich, so als würde das Metall anfangen, sich zu verformen.
Gütiger Gott, was ist, wenn eine der Halterungen bricht?
Ihr Herz begann zu hämmern, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Obwohl sich die Luft um sie herum ohne Mantel empfindlich kalt anfühlte, geriet Lu See ins Schwitzen. Sie spürte, wie unter ihrem Pullover die Schweißperlen auf ihrer Haut zu kitzeln begannen.
Schließlich erreichte sie einen kleinen Sims und legte eine Pause ein. Heftig schnaufend sog sie die Luft in tiefen Zügen in ihre Lungen. Während sie sich mit einer Hand am Fallrohr und mit der anderen am moosbewachsenen Mauerwerk festklammerte, presste sie sich so nah wie möglich an die Fassade.
Ich kann das, sagte sie sich. Tatsächlich macht es sogar Spaß. Ich muss mir nur Zeit lassen.
Etwas von dem grünen Moos löste sich unter ihren Fingerspitzen, als sie ihr Gesicht an eine Armierung aus Eisen presste und noch immer um Luft rang. Sie ließ ihren Blick schweifen.
Verdammt! Ist das hoch!
Plötzlich spürte sie, wie etwas gegen ihre Hand schlug. Lu See schrie erschrocken auf.
FLAPP! FLAPP! FLAPP!
Dreißig Zentimeter von ihrem Kopf entfernt schoss ein Vogel aus einer der tieferen Mauerspalten. Er schlug heftig mit den Flügeln, Federn stoben davon.
FLAPP! FLAPP! FLAPP!
»Alles in Ordnung, Goosey!«, rief Adrian von oben herunter. »Das war nur eine Taube. Sie ist schon weg.«
Lu See musste unwillkürlich lachen. Sie glühte jetzt förmlich vor Aufregung. Nach oben spähend sah sie den dunklen Schatten von Sum Sums Hinterteil und ihren Oberschenkeln, welche sich gerade über den First bewegten.
Lu See lockerte ihre Finger. Ihre schmerzenden Handgelenke brachten sie fast um. In ebendiesem Moment fuhr unten ein Auto vorbei. Seine Scheinwerfer erhellten die ganze Straße. Lu See schnappte nach Luft, als sie nach unten sah. Das Auto war nur noch so klein wie ein Schuhkarton.
Mit frischer Energie setzte sie ihre Füße auf den Sims und stellte sich dann auf die Verbindung zweier Regenrinnen, um sich an dem Mauervorsprung festzuhalten. Als sie sich nach oben zog, erblickte sie plötzlich ihr eigenes Spiegelbild. Sie hatte die Fenster im zweiten Stock erreicht. In der Hocke kauernd und die Füße seitlich an den Rahmen gedrückt hielt sie sich an den eisernen Gitterstäben des Fensters fest. Sie waren eiskalt.
»Wie kommst du voran?«
Es war Adrian. Er war zu ihr heruntergeklettert, um zu sehen, ob sie Schwierigkeiten hatte.
»Oh, ganz gut«, erwiderte sie lachend. »Ein Überraschungsangriff durch eine Killertaube, wenn man gerade an der Fassade eines Gebäudes hängt, das ist wirklich lustig.«
»Du machst das ganz hervorragend.« Er lächelte. »Das nächste Stück ist ein wenig kniffelig, deshalb dachte ich mir, ich helfe dir. Bereit?«
»Vorwärts und aufwärts!« Lu See umfasste einen schmalen Kamin und zog sich nach oben, zwängte ihre Schuhspitzen in die kleinen Vertiefungen, um Halt zu finden, und arbeitete sich weiter nach oben.
Als sie die nächste Ebene erreicht hatte, drehte sie sich zur Seite und lächelte ihn an. »Dafür bringe ich dich um, Adrian Woo.«
Genau in diesem Moment lockerte sich unter einem ihrer Füße das Mauerwerk. Kleine Brocken Mörtel lösten sich aus der Mauer, regneten nach unten, sie rutschte mit dem Fuß ab.
»O Gott!«
Ihre Hände tasteten nach irgendetwas, woran sie sich festhalten konnte. Eine Sekunde lang schien sie in der Luft zu schweben. Sie griff nach dem Seil, verfehlte es jedoch und spürte, wie sie nach hinten kippte.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie
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»Ich hab dich!«, rief Adrian. Er hielt sie an der Taille fest und zog sie an sich. Vor Lu Sees Augen verschwamm die Welt.
»Ich glaube, du solltest jetzt lieber das Seil zu Hilfe nehmen. Wenn du deine Füße auf meine Schultern stellst, kann ich dich stützen«, sagte er.
Ihre Beine zitterten. Sie fühlte sich schwach, so als hätte sie nur noch Pudding in den Knien.
»Nimm dir einfach Zeit, Goosey.«
Ein paar Minuten später waren sie oben, saßen, gegen das abfallende Dach gelehnt, einfach nur da. Sämtliche Muskeln in Lu Sees Armen zuckten. Ihr Herz schlug wie wild. Aber sie lachte, sprudelte geradezu über vor Begeisterung über den herrlichen Ausblick, den sie auf den Fluss, den Turm und die Laternen des nahen Trinity-Colleges hatte.
Sum Sum strich Lu See die Haare aus dem Gesicht. »Schau die Lichter dort hinten an, so weit weg, lah. Sehen aus wie Glühwürmer!«
»Das treibt den Adrenalinspiegel ganz schön nach oben, nicht wahr?«, rief Adrian.
Lu See legte ihren Kopf auf ihre Knie und lachte weiter. »Ich glaube nicht, dass ich mich jemals so lebendig gefühlt habe«, sagte sie keuchend. »Mein Hände sind aufgeschürft und wund, meine Ellbogen bluten, und mein Rücken schmerzt.«
Sie hob den Kopf. Der Fluss glitzerte im Mondlicht purpurfarben. Die Spitzen der Collegegebäude ähnelten verzierten Hochzeitstorten. Sie stieß einen Freundschrei aus.
»Du bist völlig plemplem«, sagte Sum Sum kichernd.
»Hast du gesehen, dass ich mir fast den Hals gebrochen hätte? Die Taube war riesig!«
»Groß wie Adler, lah!«
»Ich dachte, dir springen die Augen aus dem Kopf«, sagte Adrian.
»Ich glaube, ich hab mir vor Schreck in die Hose gemacht.«
Jetzt brüllten alle drei vor Lachen.
»Beim nächsten Mal bringe ich eine Thermoskanne mit heißer Schokolade mit«, sagte Adrian, zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief.
»Beim nächsten Mal?«, rief Lu See.
Adrian legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und strich dabei mit dem Daumen leicht über ihre Wange. »Pssst! Das ist die erste deiner Ängste, die du besiegt hast. Jetzt bist du offiziell eine Fassadenkletterin. Das war deine Feuerprobe. Genieße den Augenblick.«