11

Ende Mai wurde das Wetter besser, die tristen Tage wurden seltener. Der Himmel zeigte jetzt das tiefe Blau des Spätfrühlings, und die Backs, die weitläufigen begrünten Flussufer der Stadt an den Hinterseiten der zahlreichen Colleges, für die Cambridge so berühmt war, überraschten mit einem wahren Meer aus gelben und violetten Blüten.

Sum Sum genoss die frischen Gerüche des Frühsommers, die Geräusche dieser Jahreszeit. Das Zwitschern und Quaken. Sie spürte auch, dass sich in ihrem Bauch etwas veränderte.

Mein kleines char siu bao wird langsam kräftiger. Es schwimmt in mir wie ein Fisch.

Sie versuchte, sich nicht allzu viele Gedanken zu machen, was die Zukunft ihres Kindes anging, versuchte, optimistisch zu bleiben. Aber immer wenn sie an das Baby dachte, wurde sie einfach überwältigt. Freiheit, das war es, was sie sich für ihr ungeborenes Kind wünschte. Eine andere Freiheit als die ihre, die sie als Dienstmädchen erfahren hatte.

In ihrem Schlafzimmer auf dem Bett sitzend massierte sie mit den Fingerspitzen ihre Schläfen. Da waren so viele Fragen, Fragen, auf die sie keine Antwort hatte. Wo würde das Kind zur Schule gehen? Wer würde sein Schulgeld bezahlen? Wenn das Kind ein Junge war, würden die Teohs ihn dann unterstützen? Sie hatten den Sohn der Wäscherin unterstützt und ihm geholfen, eine Lehrstelle in Penang zu finden. Ein Junge, dachte sie, ihren Bauch tätschelnd. Ich trage vielleicht einen lächelnden kleinen Jungen unter meinem Herzen. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er wohl aussehen würde.

Dann fragte sie sich, welche Staatsangehörigkeit er haben würde. Wenn er in England geboren wurde, würde er dann Engländer sein? Konnte er nicht auch Tibeter sein? Was war, wenn die Behörden der Meinung waren, dass er keines von beidem sei? Vielleicht erklärte man ihn wie einen Flüchtling zu einer staatenlosen Person. Nicht von hier, nicht von dort. Was war dann?

Sie könnten sie an Bord eines Schiffes bringen und ihr untersagen, jemals wieder zurückzukommen. Sie könnten auch jemanden schicken, der ihr das Baby wegnahm. Jemanden, der ihr Böses wollte. Jemanden wie den Mann mit dem Muttermal.

Sie schauderte. Allein schon beim Gedanken an diesen Mann verdunkelte sich etwas in ihrem Inneren und breitete sich dann aus wie ein dunkler Fleck.

Sie betrachtete sich in ihrem Schlafzimmerspiegel, suchte nach körperlichen Spuren ihres Martyriums. Da waren jedoch keine zusätzlichen Fältchen um ihre Augen herum entstanden, keine neuen Linien hatten sich neben ihren Mundwinkeln in die Haut eingegraben. Ihr Gesicht zeigte nichts. Gar nichts. Es war leer und unbeschrieben wie ein weißes Blatt Papier.

Werde ich es Lu See jemals sagen, fragte sie sich, oder werde ich weiterhin über das schweigen, was auf diesem verlassenen Grundstück vor so vielen Wochen geschehen ist? Kann man eine Erinnerung einfach auslöschen?

Vielleicht würde es ihr gelingen, sie mit der Zeit in den hintersten Winkel ihres Gedächtnisses zu verbannen. Oder einzufrieren, so wie eine Fliege, die im Eis eingeschlossen ist. Sie spürte, wie sich ihre Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten. Was sie wirklich wollte, war, aus England zu verschwinden. Sie wollte diesen Ort, wo es geschehen war, weit hinter sich lassen. Warum konnte sie das, was in dieser Nacht geschehen war, nicht einfach vergessen?

Sum Sum vergrub ihr Gesicht in den Händen.

Genau in diesem Moment erschien Lu See mit einem Becher Tee in der Tür. »Stimmt etwas nicht?«, fragte sie.

Sum Sum zuckte mit den Schultern.

»Du warst die ganze Zeit so still. Hast du geweint?«

Sum Sum wandte den Blick ab.

»Ist irgendetwas geschehen?«

»Nein.« Sie wurde rot.

Lu See stellte den Tee auf das Nachttischchen und setzte sich dann neben sie auf das Bett. »Ich weiß, dass es in England nicht leicht für dich ist. Du fühlst dich hier isoliert. Das tun wir beide. Wir sind hier Außenseiter. Und ich bin mir sicher, dass du dir auch wegen des Babys Sorgen machst. Vielleicht hast du auch Heimweh nach Malaysia. Ich jedenfalls habe Heimweh.«

Sum Sum schwieg.

»Ich habe nachgedacht«, fuhr Lu See fort. »Möchtest du nach Hause? Möchtest du zurück nach Juru, wenn das Baby da ist?«

Sum Sum trank vorsichtig einen Schluck Tee.

»Du bedeutest mir alles, Kürbiskopf. Aber wenn du hier in Cambridge unglücklich bist, dann habe ich durchaus Verständnis dafür, wenn du zurückmöchtest. Du hast hier keine Freunde. Ich habe Adrian, und ich habe meine Bücher, um mich zu beschäftigen. Ich werde dafür sorgen, dass du nach Malaysia zurückkehren kannst. Du kannst bei Zweiter Tante Doris arbeiten. Und mach dir keine Gedanken: Sobald ich meinen Abschluss habe, werde auch ich zurückkommen.«

Sum Sum drehte sich um und sah ihre Freundin an. Wie gern hätte sie ihr von dem Mann mit dem Muttermal erzählt. Sie wollte ihr alles sagen, aber die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. Die Hand, die den Tee hielt, zitterte. Ihre Brust zitterte mit.

»Bitte, schau nicht so traurig drein.« Lu See zog Sum Sum an sich. »Wir dürfen nicht traurig sein. Nicht wir. Vor allem du nicht. Und weißt du auch warum? Weil du mich hast, Kürbiskopf. Ich werde immer für dich da sein. Ich hab dich lieb.«

Sum Sum rang sich ein aufgesetztes Lächeln ab. »Seh ich jetzt noch traurig aus?«

»Du kannst mir nichts vormachen.«

»Ich bin müde«, sagte Sum Sum schließlich. »Es ist alles in Ordnung. Das Baby macht mir müde.«

»Du sagst es mir doch, wenn dich irgendetwas quält, nicht wahr?«

Sum Sum fand jedoch keine Worte mehr. Sie starrte einfach auf den Boden und nickte einmal kurz mit dem Kopf, während sie ihren Becher so fest umklammert hielt, als fürchte sie, man würde sie von hier fortzerren, wenn sie sich nicht mit aller Macht an ihm festklammerte. Fortzerren auf ein verlassenes Gelände.

Juni. Jetzt, da sich Lu See intensiv auf ihre Aufnahmeprüfung vorbereitete, die ganze Zeit in der Divinity-Bibliothek saß und sich in ihre Lehrbücher vergrub, wurde Sum Sum immer verdrießlicher. Lu See hatte recht. Sie hatte niemanden, mit dem sie reden konnte. Ihre Welt war so klein und eng. Wenn sie allein nach draußen ging, fürchtete sie oft, der Mann mit dem Muttermal könnte ihr wieder auflauern. Sie hatte Lu See noch immer nicht von ihm erzählt. Tatsächlich versucht sie alles, um nicht an ihn zu denken.

Eines Morgens blickte Sum Sum überrascht von der Modern Screen auf, in der sie gerade las. Ein heftiges Verlangen hatte sie mit einem Mal gepackt. Nudeln! Ich brauche unbedingt eine Schüssel von Pietros köstlichen italienischen Nudeln.

Sie ging die Sydney Street hinunter und dann geradewegs ins Christ College hinein. Vorbei am Great Gate Tower und der Pförtnerloge mit ihren Bowlerhut tragenden Pförtnern lief sie durch den First Court und dann den Aufgang C hinauf.

Sie klopfte zweimal an die Eichentür, hinter der sich die Wohnungen der Studenten befanden.

»Herrr-eiiin!«

Mit Erlaubnis des Aufwärters betrat sie kurz darauf die Räume, die Pietro bewohnte. Die Wände dort waren über und über mit Opernplakaten und Aushangbildern für Tosca und Madam Butterfly beklebt. Pietro ruhte auf einer Chaiselongue und fächelte sich mit einem orientalischen Papierfächer Luft zu. Auf seinen Wangen lag ein Hauch von Rouge.

»Morgen, lah. Ich brauch diese Rezept«, verlangte Sum Sum ohne große Vorrede von ihm.

»Ah, wenn das nicht mein lieber Samson, Mörder der Philister, ist. Das Mädchen mit den wunderschönen Händen.« Er klappte den Papierfächer mit einem leisen klack zu und betrachtete seine Fingernägel. »Wenn meine doch auch nur so gepflegt wären.«

»Erinnerst du dir, letzte Woche, wo wir am Abend alle zusammen in College Hall gegessen haben, ja? Du musst mich zeigen, wie man dies Nudelgericht kocht, lah

»Mein liebes Würstchen, ich muss in zwanzig Minuten in eine Vorlesung, und die Küche des Colleges ist noch geschlossen. Abgesehen davon heißt das bei uns nicht Nudeln, sondern Pasta.«

»Bitte.«

Er wandte ihr seine linke Seite zu. »Außerdem werde ich im Pitt Club zu Mittag essen. Es geht also keinesfalls.«

»Es ist Notfall!«

Eine verlegene Pause.

»Ich bin schwanger, und ich hab kein Ehemann. Ich hab mein Jungfraulichkeit an ein Verkäufer von eingelegte Köstlichkeiten verloren.«

Pietros Augen wurden groß wie Tulpenzwiebeln. »Also, warum hast du das denn nicht gleich gesagt, Würstchen?« Er sprang auf die Füße und riss seinen Collegemantel von einem Haken hinter der Tür. »Komm mit!«

Zehn Minuten später standen sie in der Küche des Colleges. Pietro posierte mit einer Greta-Garbo-Sonnenbrille. Sum Sum hatte sich so, wie er sie gebeten hatte, links von ihm hingestellt, damit er sie besser verstehen konnte.

»Hier, binde dir eine Schürze um.«

»Du bist sicher, Koch hat nicht dagegen, dass du hier bist, lah

»Nun, genau genommen darf sich eigentlich nur das Personal in der Küche aufhalten, aber du brauchst dir keine Sorgen wegen Illingworth zu machen.« Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Wir beide, ich drücke mich einmal vorsichtig aus, wir verstehen einander sehr gut.«

»Ich kann dich nicht folgen …«

»Nein, das kannst du bestimmt nicht, Schätzchen.« Er lachte sein Hyänenlachen. »Du bist das, was meine Mutter un pesce fuor d’acqua, ein Fisch auf dem Trockenen, nennen würde. Im Grunde geht es dir genauso wie mir … wir stehen beide am Rande der bürgerlichen Gesellschaft, sind fast schon Ausgestoßene.«

»Mir gefällt, ausgestoßen sein«, erwiderte sie. »Ich bin anders als Leute hier. Ich bin Tibeterin. Ich bin ein Dienstmädchen, kein Studentin. Und bald ich werde auch noch ein ledige Mutter sein.«

Pietro, der sich noch niemals gescheut hatte, auch direkte Fragen zu stellen, hakte nach: »Der Vater deines Kindes verkauft also eingelegte Zwiebeln?«

»Nein, lah. Das hab ich nur gesagt, damit du mich endlich zuhörst.«

»Na, dann plaudere mal aus dem Nähkästchen.« Er senkte verschwörerisch die Stimme. »Ist es Adie? Oh, bitte sag, dass es Adie ist. Ich sehne mich einfach nach ein bisschen pikantem Klatsch.«

Sie zögerte. »Ich nicht will über die Vater sprechen.«

»Oh, du intriganter Eros! Welch schlimmer Quälgeist bist du doch! In unserem Alter kann die Liebe so unbeständig sein. Habe ich übrigens schon erwähnt, dass ich mich zur Zeit mit diesem hübschen kleinen Botaniker aus dem Caius, der im zweiten Jahr studiert, treffe? Er hat einen wirklich fantastischen Körper, um die Hüften herum schlank, oben breit. Das Problem ist, dass ich ständig auf dieses V aus lockigen schwarzen Haaren starren muss, das unter seiner Kehle sprießt. Das lenkt mich immer so schrecklich ab, liebes Würstchen. Ich sollte ihn wirklich bitten, sich zu rasieren …«

»Du bist völlig plemplem.«

Die Tomaten-Fleisch-Soße blubberte noch in ihrem Topf, während die Spaghetti bereits auf dem Teller dampften. »Wie hat Lausie auf die Neuigkeit mit dem Baby reagiert?«

»Sie will mich helfen, lah. Anfangs hat sie nicht gemerkt, dass mich immer schlecht war, weil sie so viel lernen muss. Sogar jetzt sieht sie mein Bauch nicht, aber ich spüre, wie er dick wird.«

»Du hattest noch nie eine besonders schlanke Taille, Schätzchen.«

»Aiyoo! Du bist unhöflich, lah. Wenn du die nächste Mal so was sagst, hau ich dir mit ein Pfanne auf die Kopf!«

Pietro zupfte ein Büschel Kräuter ab. »Riech mal. Weißt du, was das ist?«

Sum Sum legte ihre Hände um seine Hand und sog das Aroma ein. »Nein, aber Duft wunderbar. Was ist das?«

»Rosmarin. Den wirst du in Malaysia nicht finden. Ich ziehe ihn in einem Topf auf meinem Fensterbrett. Illingworth bekommt von mir von Zeit zu Zeit etwas davon, als Gegenleistung für gewisse Gefälligkeiten sozusagen.«

Sum Sum warf ihm einen irritierten Blick zu.

»Frag nicht.«

Sie sah in den Topf mit der Soße. »Kann ich für heute Abend von Rosmarin mitnehmen?«

»Zuerst klaust du mein Rezept, und dann plünderst du auch noch die wunderbare Küche des lieben Illingworth und nimmst alle Zutaten mit …« Er legte seinen Handrücken theatralisch an seine Stirn. »Wehe mir, das ist nun also der Lohn für mein kulinarisches Genie.«

»Ich wette, ich so was kann in Handumdrehen auch kochen!«

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Ich versichere dir, meine Liebe, das jeder Dummkopf eine Soße zusammenrühren kann, aber damit sie wirklich schmeckt«, er tippte sich an die Nase, »dazu ist Pietros Zauberkraft vonnöten.«

»Wie du so gut kochen gelernt?«

»Ich habe mit acht Jahren angefangen. Damals bin ich meiner Mutter in der Küche auf Schritt und Tritt gefolgt. Habe zugesehen, wie sie Teig geknetet oder Petersilie gehackt hat. Als ich dann einmal ihre rosa Schürze tragen durfte, war es endgültig um mich geschehen.«

An diesem Abend bereitete Sum Sum für Lu See und Mrs Slackford das Abendessen zu. Während der Duft von mariniertem Fleisch in der Luft hing, zündete sie Kerzen an und deckte den Tisch mit Mrs Slackfords feinem Silber.

»Was haben wir denn da?«, fragte die Hauswirtin, sichtlich verblüfft darüber, etwas auf ihrem Teller vorzufinden, das Sum Sum zubereitet hatte. Sie starrte das Essen durch ihre dicke Hornbrille, die ihr auf die Nasenspitze gerutscht war, argwöhnisch an.

»Das? Das ist Spaghetti alla Portugal Place.«

»Nun, dieses Gericht hat in der Tat keine Ähnlichkeit mit Hasenpfeffer oder Talgpudding«, sagte Mrs Slackford mit unüberhörbarem Sarkasmus in der Stimme. »Im Blauen Eber bekommt man so was jedenfalls nicht.« Sie nahm etwas davon auf die Gabel und probierte. »Aber es schmeckt.«

»Natürlich schmeckt, lah

»Also, ich bin wirklich sehr beeindruckt. Sie sind offensichtlich ein stilles Wasser. Dann werden Sie für Ihren Mann vermutlich ausgiebig kochen, wenn er nach seiner Dienstzeit zurückkommt. Lu See hat erzählt, dass er bei den Gurkha Rifles is. Bestimmt freut er sich schon sehr auf das Baby.«

Sum Sum presste höflich die Lippen aufeinander. Sie warf Lu See einen kurzen Blick zu. Diese kam ihr nachdenklich und in sich gekehrt vor.

»Alles in Ordnung?«, fragte Sum Sum.

Lu See zog eine Grimasse und zuckte dann verlegen mit den Schultern.

»Aiyoo, was is, lah?«

»Es ist wegen der Orgel. Ich habe Conrad P. Hughes mehrmals angeschrieben, aber ich habe bis jetzt noch keine Antwort von ihm erhalten. Dabei hatte ich ihn doch nur um einen kurzen Zwischenbericht gebeten.«

»Vielleicht hat viel zu tun.«

»So viel, dass er es nicht schafft, einer Kundin zu antworten, die bereits die Hälfte des Preises als Anzahlung geleistet hat?«

»Wie lange haben Sie schon nichts von ihm gehört?«, fragte Mrs Slackford.

»Mehrere Wochen.«

»O Mann, verdammt!« Mrs Slackford lachte bitter.

Lu See spürte, wie ihr eine Gänsehaut über die Arme kroch. Jetzt, da sie darüber nachdachte, fand sie es schon sehr merkwürdig, dass Conrad P. Hughes auf einer Anzahlung von fünfzig Prozent bestanden hatte. Was wusste sie eigentlich über ihn? Was hatte er für einen Ruf? Wie vertrauenswürdig war er?

»Ich werde am nächsten Samstag zu ihm fahren«, sagte Lu See, schlang eine Gabel voll Spaghetti hinunter und wandte sich wieder an Sum Sum. »Mach dir keine Sorgen. Ich werde der Sache auf den Grund gehen und ihm ordentlich die Meinung sagen.«

Am folgenden Samstag, als Lu See in London war, mieteten sich Pietro und Sum Sum eines der flachen Boote und verbrachten eine gemütliche Stunde auf der Cam.

Pietro überließ Sum Sum die lange Stange zum Staken. Er selbst machte es sich auf den Kissen bequem, die er aus seinem Zimmer mitgebracht hatte. In cremefarbenes Leinen gekleidet, auf dem Kopf einen steifen Strohhut mit einer Blume im Hutband, sah er aus, als wäre er einem Roman von E. M. Forster entsprungen. »Ein wunderbarer Tag, liebes Würstchen. Er erinnert dich bestimmt an Malaysia.«

»Kleines bisschen, lah

»Du sprichst in mein falsches Ohr, Schätzchen! Mein linkes Ohr, nicht mein rechtes.«

»Aiyoo! Dann nimm Hörrohr, lah!«

Pietro verdrehte die Augen. »Kein Grund, so zu schreien. Sag, welche Sprache sprechen die Leute bei dir zu Hause?«

»In Juru? Aiyoo, alles durcheinander.« Sie stand im hinteren Drittel des Kahns und stieß die Stange immer wieder in den Grund, verlagerte dabei das Gewicht geschickt von einem Fuß auf den anderen. Das Geräusch der kleinen Wellen, die leise an die Bootswände klatschten, wirkte beruhigend.

»Wie bei einer Bouillabaisse, meinst du?«

Sum Sum rümpfte plötzlich die Nase. Ein kaum wahrnehmbarer ordinärer Geruch zog über das Wasser. Es dauerte einen Moment, bis ihr bewusst wurde, was das war: der Geruch von Kampfer. Sie sah sich erschrocken um. Nicht weit von ihnen entfernt fütterte eine alte Dame eine Schar Enten mit trockenem Brot.

Mottenkugeln, sagte sie sich erleichtert. Die alte Dame riecht nach Mottenkugeln.

»Eine Bouillabaisse«, fügte Pietro erklärend hinzu, »ist eine Suppe, in die man alle möglichen Arten von Fischen gibt.«

Sum Sum lächelte und zeigte mit ihrer großen Zehe auf eine vorbeischwimmende Stockente. »Ja, genauso es ist. So wie Suppe. Die Malaien sprechen Bahasa. Die Chinesen sprechen Kantonesisch und Hokkien.« Sie musste den Kopf einziehen, als sie unter einer Brücke hindurchfuhren. Ihre Stimme hallte in dem steinernen Gewölbe wider, als sie sagte: »Und die Inder sprechen Tamil.«

»Ein tropischer Turm zu Babel.«

»Aber fast jeder spricht Mischmasch von Küchenenglisch.«

Pietro tauchte seine Finger ins Wasser. »Klingt für mich ziemlich chaotisch.«

»Aiyoo! Nein, lah.« Sie klemmte sich die Stange unter den Arm und formte eine Hand zu einer Schale. »Angenommen, Tasse Tee hier ist Malaysia.« Sie tat so, als würde sie etwas in die Tasse löffeln. »Tu ein Löffel Zucker ein, dann hast du Chinesen, noch ein Löffel Zucker, das sind Inder, die dritte Löffel sind Malaien. Du tust alles in eine Tasse Tee und rührst um, dann ist alles vermischt.«

Sie legten an einer Stelle im lichten Schatten an und sahen den Enten auf dem träge dahinfließenden Fluss zu. Magische Ruhe senkte sich über sie. Später las Pietro seine Zeitung. Plötzlich stieß er Sum Sum in die Rippen. »Hör dir das an. ›Bürgerkrieg in Spanien droht!‹ Was für ein Quatsch! Dieser Franco ist ein so hässlicher und höchst fragwürdiger Mann, sehen wir mal, was da noch steht: ›Edward VIII. und geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson machen Urlaub auf einer Yacht in Biarritz!‹ Der ungezogene Eddie spielt mit seinem Lümmel also wieder mal Verstecken! Was für ein unmögliches Benehmen für den König von England, und da, brahhaa, da schau, das wird dir gefallen – ›Tibet bereit, chinesische Oberherrschaft anzuerkennen?‹ Jedenfalls sagt das ein ein gewisser Wu Chung-hsin.«

»Dieser Mann ein Lügner! Die Tibeter werden ihr Unabhängigkeit niemals aufgeben.«

»Wer ist dieser Wu? Irgendein Verwandter von Adie?«

»Ist in China Leiter von tibetische Angelegenheiten. Ich ihn würde am liebsten Essstäbchen in sein dicke Nase drücken.«

»Der Artikel erweckt aber den Anschein, als hätte er sehr viel Charme, Schätzchen«, neckte Pietro sie.

»Charme? Diese Mann, lah, hat so viel Charme wie Scheißhaus unter freie Himmel mitten in Penang!«

Pietro lachte so herzlich, dass auch auf Sum Sums Gesicht ein kleines Lächlen erschien.

Als die Stunde vorbei war, vertäuten sie den Stechkahn am Anchor Pub und sprangen mit einem Satz an Land. Pietro nahm Sum Sum am Arm, und sie machten sich, hüpfend und tanzend wie Kinder, die Himmel und Hölle spielen, auf den Weg zu seiner Wohnung im College.

»Hast du Hunger, meine Liebe?«

»Kleines bisschen, lah

»Eigentlich wollte ich ja mit dir in diesem kleinen Pub in Huntington zu Mittag essen, aber der Drachen hinter der Bar hat offensichtlich eine Abneigung gegen mich, seit ich das letzte Mal dort war. Lass uns also in die Küche des Colleges gehen. Illingworth und ich werden dir in kürzester Zeit etwas zu essen zaubern.«

»Du erinnern mir an mein jünger Bruder Hesha. Als ich neun war, haben wir oft ein Spiel gespielt. Wir haben aus dem Marktkorb von mein Mutter fünf Zutaten genommen, und Hesha musste daraus Essen machen. Er hatte dafür nur so viel Zeit, wie A-Ma brauchte, um mit ihr kleine Beutel mit Schnupftabak fertig zu werden. Hesha hat immer gewonnen.«

»Wo ist dein Bruder jetzt?«

»Hesha noch in Tibet. Er jetzt sechzehn Jahre alt. Er sagt, dass er nach Nepal gehen will. Er will zu den Gurkha und für die Briten kämpfen.«

Sum Sum hielt inne. Da war er wieder, dieser Geruch nach Kampfer. Aber wo kam er her?

Sie packte Pietro am Ellbogen. »Riechst du das auch?«

»Was?«

Sie schnupperte in der Luft. »Einreibemittel, äh … medizinisch Salbe. Kampfer.«

Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Sie hielt den Blick fest auf den Weg gerichtet, den sie gerade eingeschlagen hatten.

Jetzt sah sich auch Pietro um, um herauszufinden, was sie so irritierte.

Eine Sekunde lang glaubte Sum Sum, im Schatten unter den Bäumen eine Gestalt zu erkennen. Als sie jedoch noch einmal hinsah, war der Schemen verschwunden. Sie schüttelte frustriert den Kopf. Ihr Verstand hatte ihr offenbar wieder einen Streich gespielt. »Nein, ist nichts, tut mir leid.«

Sie betraten den Hof von Christ College durch das große Tor und begaben sich sogleich in die Mensa, wo sie sich in bequeme lederne Armsessel fallen ließen.

»Fühlst du dich nicht wohl, Würstchen?«

»Geht mir gut, Pietro. Kein Sorge.«

Sum Sum holte tief Luft und spürte dabei, wie sich ihre Schultern entspannten.

Ich habe mir das nur eingebildet.

Im Stillen wiederholte sie diese Worte immer wieder. Der Satz hallte leise in ihrem Kopf wider, hörte sich dabei an wie Wellen, die ans Ufer klatschen.

»Vielleicht brauchst du einfach nur eine kleine Erfrischung«, sagte Pietro. Er läutete ein silbernes Handglöckchen, das ein helles Klingeln von sich gab, woraufhin einer der Collegediener erschien.

»Zweimal Fruchtsaft mit Limette, Hargreaves, und einen Teller mit deinen umwerfenden Keksen, bitte.« Er wartete, bis Hargreaves den Raum wieder verlassen hatte. »Hast du gesehen, was er für ein Gesicht gemacht hat? Es scheint ihm zu missfallen, dass ich dich hierher mitgebracht habe. Hargreaves ist auch nicht anders als all die anderen hier im College. Sie lehnen mich ab, weil ich so bin, wie ich bin. Nur Illingworth hat Verständnis für mich. Wir Außenseiter müssen zusammenhalten, ist es nicht so?«

Sum Sum schwieg. Stattdessen ließ sie ihren Blick langsam über die Wände schweifen, bewunderte die elegante Nussbaumtäfelung.

Ein paar Minuten später sagte Pietro, während er an seinen Getränk nippte: »Bestimmt vermisst du sie.«

»Wen?«

»Deine Familie in Tibet.«

»Ja. Ja, das tue ich. Vielleicht ich gehe eines Tages nach Tibet zurück. Ich muss mit Lu See darüber sprechen.«

Pietro schüttelte den Kopf. »Ich würde meine Familie niemals verlassen.«

»Aber du doch hier in Cambridge. Also hast du dein Mutter doch auch verlassen, oder etwa nicht?«

»Meine Eltern sind beide gestorben, als ich zwölf war.«

Schweigen.

Pietro schob seinen fein geschnittenen Unterkiefer nach vorne. »Das ist genau der Moment in unserer Unterhaltung, wo du zerknirscht dreinsehen und dich wortreich entschuldigen solltest.«

»Tut … tut mich leid, Pietro.«

Er beugte sich zu ihr herüber und nahm ihre Hand. »Das konntest du doch gar nicht wissen, Würstchen. Das alles ist so schrecklich makaber. Warum, glaubst du wohl, bleibe ich während der vorlesungsfreien Zeit immer hier in Cambridge? Ich fahre nur einmal im Jahr, zu Weihnachten, nach Italien, um meine noch lebenden Verwandten zu besuchen. Die Italiener sagen, wenn man seine Familie verlässt, ist das ein wenig so, als würde man sterben.« Er legte seinen Zeigefinger an sein Kinn, als wäre ihm gerade etwas Wichtiges eingefallen. »Da wir schon vom Sterben und in den Himmelkommen sprechen, lieber Samson – du musst einfach noch ein anderes Rezept von mir probieren. Lass uns gehen und ein wenig in Illingworths Speisekammer stöbern. Sollen wir?«

Er nahm aus dem Speiseschrank einen Riegel Rowntree-Schokolade und eine Dose gesüßte Kondensmilch, dann zupfte er aus dem Rosmarin, der auf dem Fensterbrett stand, ein paar Zweige. Er legte alles auf die Küchenanrichte. »Dieses kulinarische Triumvirat wird dir für den Rest deines Lebens gut dienen, Würstchen. Stell dich auf eine große Überraschung ein!«

Nachdem sie sich Schürzen umgebunden hatten, verrührten sie Zucker, Mehl, Butter und Ei miteinander. »Das wird der Mürbeteig«, erklärte Pietro, rollte den Teig auf einem Kuchenblech aus und schob ihn in den Ofen. Während der Teig buk, vermischten sie eine Tasse Kondensmilch mit Zuckerrübensirup, eine Zutat, die Sum Sum nicht kannte, und fügten den Rosmarin hinzu. Das Ganze ließen sie mit Butter in einem Topf so lange köcheln, bis es karamellisierte. Anschließend gaben sie die Karamellmasse auf den gebackenen Mürbeteig und ließen sie fest werden.

»Am Schluss wird noch die Schokolade klein gehackt und in einer Schüssel über dem Wasserbad erhitzt. Dann über den Mürbeteig geben und abkühlen lassen. Und Hokuspokus, dreimal schwarzer Kater: Rosmarin-Schokoladen-Frollino.«

Zwei Minuten später probierten sie die Kekse. Sum Sum hatte in ihrem ganzen Leben noch nie etwas so Köstliches gegessen.

»Also, ich wette, dass dein Hesha Mühe hätte, das zu übertrumpfen.«

Sum Sum musste ihm recht geben. Sie notierte sich das Rezept hastig in ihrem brandneuen blauen Schreibheft. Als sie ihren Stift weglegte, fragte Pietro, was sie da aufgeschrieben habe. Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und straffte stolz die Schultern. »Ein Tag, vielleicht in zehn oder zwanzig Jahre, ich werde eröffnen tolle Restaurant.«

»Wo?«

»Vielleicht in Malaysia. Malaien und Chinesen lieben Nudeln. Vielleicht sogar in Tibet.«

Pietro schlug sich mit der flachen Hand auf seine milchweiße Stirn. »Ein Mädchen aus Tibet, das in einer Trattoria im Dschungel Pasta kocht? Was kommt als Nächstes? Mussolini, der im Tütü eine Rede an die Nation hält?«

Als Lu See in London vor der Ladenzeile in der Nähe der U-Bahn-Station Angel aus dem Taxi stieg, fiel ihr sofort auf, dass irgendetwas nicht stimmte. Das schwarze Vitrolite-Glasschild mit der scharlachroten Aufschrift Conrad P. Hughes – Orgelspezialisten über dem Haupteingang war verschwunden. Außerdem waren die Fenster und der Eingang des ehemaligen Ladengeschäfts mit Brettern vernagelt.

Sie ging in den Lebensmittelladen nebenan und fragte einen alten Mann mit runzeligem, finsterem Gesicht, was mit der Orgelbauwerkstatt geschehen sei.

»Die sind umgezogen«, sagte er.

»Wohin?«

Er nannte ihr die Adresse eines Lagerhauses in der Nähe der Themse.

Sie fuhr mit demselben Taxi, mit dem sie gekommen war, durch eine Reihe heruntergekommener Straßen, vorbei an ungepflegten Docks. An der angegebenen Adresse angekommen musste sie feststellen, dass es sich dabei um ein verlassenes Lagerhaus handelte. Aus einem Schornstein in der Nähe kroch grauer Rauch und überzog den Himmel mit schmutzigen Schlieren. Der penetrante Gestank von altem Fisch hing in der Luft.

Lu See stand da und starrte auf das Schild mit der Aufschrift Konkursverwaltung. Sie ballte und öffnete mehrmals ihre Fäuste. Wie leichtgläubig und dumm sie doch gewesen war. Ein Gefühl der Leere und des Versagens breitete sich in ihrem gesamten Körper aus.

Wenigstens war niemand da, der sie weinen sah.