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»Aiyoo, du weißt, dass sie ist vollkommen plemplem, nich wahr?«, sagte Sum Sum und beobachtete den Vogel, der sich gerade auf dem Dollbord des Ruderbootes niedergelassen hatte. »Seit sie auf Rasen gefallen ist und sich Kopf an einem Stein angeschlagen hat, schreibt sie stundenlang Briefe an sich selber, macht sich die Achselhaare weg und redet mit eingebildeten Würstchen im Blätterteig. In piekfeines Englisch! Und jetzt läuft sie auch noch von zu Hause weg, um zu heiraten Big Ben.«

»Das habe ich gehört«, sagte Lu See und rümpfte die Nase.

»Oh, gut«, erwiderte Sum Sum. »Ich dachte, du bist in Stehen eingeschlafen, lah

»Hältst du jetzt bitte den Mund? Ich will den Sonnenuntergang genießen.«

Das tongkang-Boot tauchte gerade aus den tiefen Schatten über dem Fluss auf und folgte einem Schwarm flatternder Bülbüls, die sich in die Luft erhoben hatten.

Lu See stand auf dem Deck des Schleppkahns. Sie hatte eine Kokosschale in der Hand, aus der sie immer wieder einen Schluck Wasser trank, während sie in den dunstigen Regenwald starrte, durch dessen Blätterdach das Licht des späten Nachmittags fiel. Vom Fluss her zogen bereits feuchte, dichte Nebelschwaden auf. Lu See wog die Kokosschale ein paar Mal in der Hand, dann warf sie sie über Bord.

»Mein Gott, ich habe es tatsächlich getan«, sagte sie leise, mehr zu sich. Tagelang hatte sich ein beklemmendes Gefühl der Angst wie ein Faden über ihre Brust geschnürt, sich immer tiefer mit sich selbst verflochten wie die Schlafmatten der Iban von Sarawak. Jetzt jedoch begann sich das Geflecht langsam wieder aufzulösen. Während sie sich immer weiter vom ländlichen Refugium ihrer Familie entfernten, spürte Lu See, wie ihre innere Unruhe nachließ und sich stattdessen ein Gefühl von Hoffnung und Aufregung in ihr breitmachte. Zwar hatte sie noch immer große Angst, dass ihr Vater oder ihr Dritter Onkel Hängebacke sie zurückholen könnten, nun aber, da sie den ersten Schritt getan hatte, war sie in Hochstimmung. Ihre Zukunft lag jetzt in den Händen der Götter.

Einige Stunden zuvor, noch vor dem Morgengrauen, hatten sich Lu See und Sum Sum durch den Dienstbotenausgang von Tamarind Hill davongestohlen. Mit einem Schubkarren, in dem sie Lu Sees Koffer transportierten, waren sie so leise, wie es ihnen möglich gewesen war, über den schwarzen Rasen geschlichen. Zuerst hatte Lu See kaum etwas erkennen können. Als sich ihre Augen jedoch an die Dunkelheit gewöhnt hatten, hatte sie schräg vor sich die Reihe mächtiger Tamarinden ausgemacht, die die Auffahrt säumten. »Dort entlang«, hatte sie ihrer Begleiterin zugeflüstert und gespürt, dass sie die Nerven zu verlieren drohte. Das Atmen fiel ihr schwer.

Sum Sum schlurfte neben ihr. Sie wechselten immer wieder beklommene Blicke. Mit vereinten Kräften schoben sie den Schubkarren die unbefestigte Straße entlang. Als der Mond hinter den Wolken hervortrat, gingen sie schneller, da sie wussten, dass man sie jetzt, vor dem Hintergrund des umgebenden Waldes, sehen konnte. Nach einer Weile verlor Lu See jedes Zeitgefühl; ihre Welt beschränkte sich auf das Knirschen des Schubkarrenrads auf der Straße, auf ihre schmerzenden Hände, mit denen sie die Lenkstangen hielt, und die geradezu erstickende Angst, dass man sie zurückholen könnte. Sie war so auf sich selbst konzentriert, dass sie, als sie das Ufer des Flusses erreichten, gar nicht hörte, wie Sum Sum zu ihr sagte: »Wir nehmen kleine Ruderboot und steigen dann um in tongkang. Es liegt ungefähr einsundeinhalb Kilometer weiter, die Fluss runter. Ich hab schon alles geregelt.«

Lu See sah zu, wie ihr Dienstmädchen in die Hocke ging, die Hand ins Wasser des Juru tauchte und dann an einem dicken Seil zog. Lu See nahm plötzlich die Stille wahr, die sie umgab – es war, als verharrten selbst die Tiere der Nacht in ihrem Tun und beobachteten sie.

Das Mondlicht lag glänzend auf dem glatten, schwarzen Wasser des Flusses. Sum Sum stieg in den kleinen Kahn und legte die Ruder ein. Lu See verstaute den Koffer im Heck und kletterte dann in das kleine Boot, wobei sie versuchte, es mit einer Hand am Ufer im Gleichgewicht zu halten. Der Kahn war flach und leicht und kippelte unter ihren Bewegungen so heftig hin und her, dass sie sich beeilte, Platz zu nehmen.

»Bist du so weit, meh?«, fragte Sum Sum.

Lu See nickte. Sie warf einen letzten kurzen Blick zurück, um zu sehen, ob ihre Füße im matschigen Boden Spuren hinterlassen hatten.

Sum Sum löste die Vertäuung und stieß den Kahn vom Ufer ab. Lu See spürte Wassertropfen auf ihren Unterarmen, als das kleine Boot, das jetzt, da es beladen war, nicht mehr schaukelte, flussabwärts schwamm. In der Ferne, auf dem Hügel am oberen Ende der Auffahrt, konnte sie ihr Zuhause erkennen – kleine leuchtende Lichtpunkte ließen erkennen, dass die Bediensteten erwacht waren. Während das kleine Boot und seine Besatzung mit der Dunkelheit verschmolz, begann ein Hahn zu krähen. Es würde nicht lange dauern, bis man nach ihr suchte.

Der Bruch des Damms hatte das gesamte Dorf in einen Schockzustand versetzt. Wochenlang hörte man nachts in den Häusern die Menschen weinen. Wer über den Dorfplatz ging, hatte jedes Mal die Asche des heiligen Papiers in den Haaren, das die Mönche im Tempel verbrannten, um die Götter um Gnade zu bitten.

Seit dem Unglück war ein halbes Jahr vergangen. Es hatte mehrere Monate gedauert, um die Schäden wenigstens notdürftig zu reparieren, und beinahe ebenso lange hatte man gebraucht, um die Toten zu bergen. Noch Wochen nach dem Dammbruch wurden verwesende Körper, aufgebläht und weiß, viele Kilometer weiter flussabwärts aus dem Strom gezogen. Die meisten der Leichen konnten nicht mehr identifiziert werden. Offiziell wurde von zweiunddreißig Todesopfern gesprochen, aber Lu See war sich sicher, dass das Unglück mehr als doppelt so viele Menschenleben gefordert hatte. Natürlich verschärfte die Katastrophe den Konflikt zwischen den beiden Familienclans, denn sie beschuldigten sich gegenseitig, den Damm sabotiert zu haben. Lu See erinnerte sich daran, dass Sum Sum ihr erzählt hatte, sie habe an jenem Tag, an dem sich die Tragödie ereignete, einen Mann mit einer Pistole gesehen. Wer war dieser Mann? Warum hatte er die Waffe auf sie gerichtet? Die Antwort auf diese Frage wusste niemand.

Lu See und ihre Familie hatten an jedem einzelnen Begräbnis teilgenommen – muslimisch, christlich und taoistisch. Einige Totenfeiern waren Lu See besonders nahegegangen. Das Bild des toten Babys, fest in ein weißes Umschlagtuch gewickelt, verfolgte sie genauso wie das des alten Mr See, dem Eigentümer der Holzhandlung, mit seinem strähnigen chinesischen Bart, der so lang gewesen war, dass er ihn in seinen Hosenbund hatte stecken müssen. Bei jedem dieser Begräbnisse waren den Menschen die Trauer und der Kummer ins Gesicht geschrieben gewesen. Die Frauen hatten verzweifelt die Hände zum Himmel geworfen, sich kopfschüttelnd hin und her gewiegt. Die Männer hatten mit hängenden Schultern dagestanden und mit vor Verzweiflung geöffnetem Mund stumm zu Boden gestarrt.

Doch es war das Begräbnis ihres Cousins Tak Ming, das ihr am meisten zusetzte. Tak Ming war der einzige Sohn ihrer Zweiten Tante Doris und erst zwanzig Jahre alt gewesen. Lu Sees Brüder James und Peter hatten ein besonders enges Verhältnis zu ihm gehabt. Als man seinen Sarg in die Erde hinabließ, stieß Lu See ein Wimmern wie ein Tier aus, das in einer Schlinge erstickt. Sogar Lu Sees Vater, der seinen Hut abgenommen hatte und ihn über sein Herz hielt, weinte hemmungslos.

Nur Dritter Onkel Hängebacke war mit tränenlosen Augen stumm danebengestanden.

Später hatte sie ihren Vater, Ah-Ba, im Garten gefunden. Er kniete auf dem Boden, sein Kopf ruhte auf der Wurzel eines Feigenbaums. Als er Lu See sah, drückte er sie so fest an sich, dass ihr die Rippen wehtaten. Dann griff er in seine Tasche und zog seine Geldbörse heraus. Als er sie aufklappte, kam ein Foto zum Vorschein. Es zeigte die fünfjährige Lu See mit ihren beiden Brüdern, die, eine Schüssel mit Lychees neben sich, auf den Stufen des Pavillons saßen. Lu See wischte sich die Hand an ihrem Rock ab, bevor sie das Foto herausnahm. Auch ohne, dass er es ihr sagen musste, war ihr klar, wie viel ihrem Vater dieses Foto bedeutete.

»Ich sehe mir dieses Foto jeden Morgen nach dem Aufwachen an«, sagte er.

Sie studierte sein Gesicht, die kleinen Muskeln, die darin zuckten.

»Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn dir irgendetwas zugestoßen wäre. Wenn es meine Tochter und nicht Tak Ming gewesen wäre, die ich hätte begraben müssen.«

Dies war der Moment gewesen, in dem sie beschlossen hatte, zum Andenken an ihren Cousin eine neue Orgel bauen zu lassen.

Sie versuchte, jetzt nicht daran zu denken.

Sie versuchte auch nicht daran zu denken, was man zu Hause über sie sagen würde. Die Gedanken ließen sie jedoch nicht los. Sie hörte die tadelnde Stimme ihrer Mutter laut in ihrem Kopf schallen. »Wie kann ein so hübsches Mädchen, mit einem so schönen Mund und einem so hellen Teint nur so etwas Dummes tun! Sie hat alles, was man sich wünschen kann. Ist eine gute Schülerin, hat lauter gute Noten. Cha! Und sie ist sportlich, aiyoo, so sportlich, hat in der Oberstufe sogar schon für die Englisch-Leistungsgruppe der Bing Hua Feldhockey gespielt …«

Das reicht jetzt, beschloss Lu See. Sie brachte die Stimme ihrer Mutter mit einer ruckartigen Kopfbewegung zum Schweigen. Ich bin jetzt frei. Ich bin Teoh Lu See, neunzehn Jahre alt, und ich befinde mich gerade auf dem Weg in ein neues Leben. Ich mag zwar eine scheußliche Erkältung haben, aber ich fühle mich großartig! O Gott, ich mache das tatsächlich, ich … ich brenne tatsächlich gerade durch!

Sie holte tief Luft. Noch nie hatte sie außerhalb ihres Elternhauses übernachtet. Durchbrennen. Für Lu See war das ein herrliches Wort, voller Tabus, Geheimnisse und Abenteuer. Die Vorstellung, einfach von zu Hause wegzulaufen, erregte und erschreckte sie gleichermaßen, ebenso wie der Gedanke, dass sie in Penang an Bord eines gewaltigen Liniendampfers gehen und die lange Seereise nach England antreten würde. Auf dem Schiff würde wenigstens niemand ein Urteil über sie fällen, würde sie niemand tadeln. Es würde keine Hochzeit mit dem Einäugigen Riesen geben, keine Zurechtweisungen, weil sie sich mit diesem »grässlichen Woo-Jungen« traf. An Bord dieses Schiffes würde sie endgültig frei sein.

Durchbrennen. Das Wort war in der Studentensprache des 19. Jahrhunderts entstanden und bedeutete: heimlich davonlaufen. Das hatte sie im Wörterbuch ihres Vaters nachgeschlagen. Ihrer Ansicht nach lief sie jedoch nicht einfach davon – sie setzte vielmehr ihren Traum in die Tat um. Ermuntert von Adrian würde sie sich in Cambridge um einen Studienplatz bewerben. Die Vorstellung, am Girton College studieren zu können, begeisterte sie fast noch mehr als ihr Vorhaben, Adrian Woo zu heiraten.

Lu See schloss die Augen und spürte die letzten Strahlen der Abendsonne warm auf ihrem Gesicht.

Ein paar Schritte hinter ihr stand Sum Sum in ihren schwarzen Leinenschuhen neben dem Koffer aus glänzendem Fischleder. Seit sieben Jahren war sie ihr Dienstmädchen, aber nicht nur das, sie war auch ihre Vertraute und beste Freundin. Sum Sums Mondgesicht hatte die Farbe von Darjeelingtee, ihre langen glatten Haare trug sie zu einem Knoten gebunden. Während Lu See gertenschlank war, hatte Sum Sum eine kompakte Sanduhrfigur mit ansehlichen Rundungen. Jetzt hielt sie ihren Rücken gebieterisch gerade, als sie Lu See mit ausgestrecktem Arm eine kleine rote Zwiebel unter die Nase hielt.

»Gegen Erkältung«, sagte sie.

Lu See warf Sum Sum einen empörten Blick zu. »Meinst du das ernst? Du erwartest doch nicht etwa von mir, dass ich eine rohe Zwiebel esse?«

Noch während sie das sagte, spürte sie, wie ihr schon wieder die Nase lief. Sie schnäuzte sich herzhaft in ein Taschentuch.

»Sicher, lah. Meine Mutter war prima Medizinfrau, lah. Sie hat mir immer Zwiebeln gegeben.«

Das tongkang setzte seine Fahrt in Richtung Butterworth fort. Am Bug flatterte die Flagge der Malaiischen Föderation im Wind – horizontale Streifen in Weiß, Rot, Gelb und Schwarz mit einem tänzelnden Tiger in der Mitte. Ein Mitglied der Besatzung, ein Malake in einem kurzen Sarong, dessen Arme von der Sonne so gebräunt waren, dass sie fast schwarz wirkten, ging gerade zum Heck, wo er niederkniete. Er entrollte ein dickes Seil mit einem faustgroßen Haken, an dem ein Stück fauliges Hammelfleisch hing. Nachdem er das eine Ende an die Ankerwinde gebunden hatte, warf er das Seil mit dem Köder ins Wasser. Die Besatzung wollte offensichtlich ein Krokodil fangen, um das Fleisch für medizinische Zwecke und die Haut als Leder zu verkaufen. Der Lastkahn zog an einer Kulisse aus Palmwedeln vorbei. Als eine Windbö den Saum aus Schilf am Ufer bewegte, wurden die Nasenlöcher und die glitzernden, nassen Murmelaugen eines Reptils sichtbar, das im seichten Wasser dümpelte.

»Eine Zwiebel?«, wiederholte Lu See streitlustig.

»Aiyoo sami, keine Widerrede, lah. Ich bin älter als du.«

»Lächerliche elf Tage!«

Sum Sum hielt ihr die Zwiebel noch immer mit ausgestrecktem Arm hin. »Also, was ist jetzt? Isst du sie oder nicht? Mach schon, sonst werde ich noch richtig böse.«

Lu See zog eine angewiderte Grimasse, dann biss sie in die Zwiebel. Auf der Stelle begannen ihre Augen zu tränen. Ein heftiger Niesreiz kitzelte sie in der Nase. Es kam ihr so vor, als kroch eine Qualle mit all ihren Tentakeln in ihren Nebenhöhlen langsam vorwärts. Sie hielt den Atem an, während sie darauf wartete, dass das Kribbeln nachließ.

»Also?«, sagte Sum Sum, die sich offensichtlich nur schwer das Lachen verkneifen konnte. »Genau so, als wenn man in saure Guave beißt. So, und jetzt reib deine Haut mit Öl von Zitronengras ein, lah, damit die Moskitos dich nicht auffressen.«

Als Lu Sees Augen zu tränen aufgehört hatten, starrte sie wieder in den stillen, dämmrigen Regenwald hinein. Unzählige Fledermäuse schwirrten dort hin und her. Ein Stück weiter flussabwärts konnte sie ein einsames Dorf am Ufer des Juru ausmachen – mehrere Reihen von Langhäusern aus Bambusrohr, die sich, auf Pfählen stehend, knapp drei Meter über dem Boden erhoben. Ihre mit Schilf gedeckten Dächer zeigten noch die Spuren der jüngsten Unwetter. Jedes Haus hatte auf der Vorderseite eine Veranda, wo Kinder mit baumelnden Beinen auf Matten saßen und Reis aus zu Schalen gefalteten Bananenblättern aßen. Sie winkten dem Boot fröhlich zu. Lu See und Sum Sum winkten zurück.

Ein wenig später, inzwischen war auch der letzte Widerschein der Sonne vom Himmel verschwunden, und die ersten Glühwürmchen begannen zu tanzen, stieß einer der Männer auf dem Boot einen lauten Schrei aus. Das dicke Seil an der Ankerwinde hatte sich gestrafft. In diesem Moment sah auch Lu See das Krokodil, das sich in das Hammelfleisch verbissen hatte. Sie erblickte das lang gestreckte Maul, den blassen, geriffelten Unterbauch, den geschmeidigen Schwanz. Die ineinandergreifenden Zähne hatten zugepackt, und das Krokodil drehte sich ständig um sich selbst, wirbelte das spinatgrüne Wasser zu milchig trübem Schaum auf. Die glasigen, kugelförmigen Augen des Tieres schienen Lu See einen Moment lang anzustarren, ihr zu folgen, bevor die Männer das Reptil in das sich jetzt bedenklich zur Seite neigende Boot zogen.

Lu See beobachtete die Männer, die alle die typisch dunklen Gesichter und kräftigen Hände von Seeleuten hatten, wie sie sich sofort um das Tier scharten, ein jeder von ihnen einen Knüppel oder ein scharf geschliffenes parang in der Hand. Das über zwei Meter lange Krokodil fauchte. Jemand zündete eine Laterne an und hielt sie an einem Stab hoch in die Luft, während die Männer ihre Waffen schwangen. Der mächtige, muskulöse Schwanz des Tieres schlug immer wieder dumpf auf das Deck, und schon bald hinterließen menschliche Füße blutige Abdrücke auf den Planken. Schließlich stach eine Machete mit einem heftigen Stoß in das runzelige Fleisch zwischen den Augen des Tieres. Ein Schwall schwarzes Blut schoss hervor. Dann lag das Krokodil reglos wie ein Stück schweres Treibholz auf dem Deck.

Die Männer schlugen unter lautem Geschrei weiter auf den Kadaver ein, trennten den Kopf des Reptils vom Körper. Blut spritzte auf ihre Sarongs. Lu See stand mit bleichem Gesicht da, konnte den Blick aber nicht von dem grausigen Schauspiel abwenden. Der Lärm scheuchte die Bülbüls von den Bäumen auf, bevor sie sich, lautstark um die besten Plätze streitend, wieder auf den Ästen niederließen.

Dann war mit einem Mal ein weiterer Schrei zu hören. Diesmal klang er jedoch entsetzt. Die Männer hielten abrupt inne. Einer oder zwei von ihnen ließen ihr parang fallen.

»Was ist los?«, fragte Lu See. »Was hat das zu bedeuten?«

Sum Sum hangelte sich an der Steuerbordreling entlang, um herauszufinden, weshalb die Männer jetzt so aufgeregt debattierten. Sie sah die Vorderbeine des Reptils, dunkel und mit spitzen Zehen ohne Schwimmhäute. Dann erhaschte sie einen Blick auf ein Hinterbein – mit Schwimmhäuten und amphibisch wie die Hände in den gruseligen Wachsfigurenkabinetten.

»Sie sagen, dass die Krokodil ein Bein fehlt. Sie sagen, dass es Unglück bringt, wenn man Flussdrachen fängt, der nur drei Beine hat. Die vierte Bein erscheint einem dann im Traum und holt das erste Kind.«

»Glaubst du, dass das wahr ist?«

»Beim Dharmakaya-Himmel, wie ich sollen das wissen? Ich auf dem Land in Nähe von Lhasa aufgewachsen.«

»Und so wie du dich kleidest, siehst du auch noch immer so aus, als würdest du auf dem Feld arbeiten.« Lu See bückte sich zu einer der Reisetaschen aus Fischleder hinunter und ließ den Verschluss aufschnappen. »Hier«, sagte sie und drückte Sum Sum ein zusammengefaltetes Stück blaue Baumwolle in die Hand.

»Was ist das?«

»Wofür hältst du es denn, Kürbiskopf? Es ist ein Strandkleid.«

»Und was sollen ich damit machen?«

»Es anziehen, natürlich.«

Sum Sum stemmte die Hände in die Hüften und blickte an ihrer weißen Dienstmädchenkleidung herunter. »Warum?«

»Weil wir auf der Flucht sind und uns niemand erkennen soll, wenn wir morgen früh an Bord des Dampfers gehen werden.«

»Bestimmt fühlt man sich so, wenn man Bank überfallen hat.«

»Ich habe unsere Passagen auf der Jutlandia zwar unter falschem Namen gebucht, aber Vater und Dritter Onkel Hängebacke werden bestimmt schlau genug sein, um sich nach einer jungen Chinesin und ihrer kürbisköpfigen Dienerin zu erkundigen.«

»Unter Falschnamen? Aiyoo, das ist wirklich aufregend, lah! Unter welchem Namen denn?«

»Lucy Apricot.«

»Was für eine verrückte Idee! Nach England fahren, das ist wie in Märchen. Ich finde es toll!«

»Ich weiß. Wenn du das hier anziehst, werden wir jedenfalls weniger auffallen. Dritter Onkel Hängebacke wird uns dann nicht so leicht finden.«

»Also, dann könntest du mir vielleicht auch etwas von dein Schmuck geben? Ohrring von Jade mit die Tiger, lah

»Manchmal frage ich mich, warum ich dich nicht einfach in Tamarind Hill gelassen habe.«

Lu See sah auf das dunkle Wasser hinaus und schüttelte den Kopf. Das tongkang trieb jetzt gemächlich auf dem Fluss dahin. Stille senkte sich über das Boot. In der Ferne kreischte ein Waldvogel.

Sum Sum schauderte. »Der Dschungel ist nachts so unheimlich. Ich habe Angst von die Pontianak.« Sie meinte die Vampirfrau aus der malaiischen Volkssage.

»Unsinn, es gibt keine Pontianak

»Sie rollt mit Augen, bis man nur noch Weiß sieht.«

»Würdest du jetzt bitte still sein?«

Lu See stand an der Reling, die Hände auf dem Metall des Geländers. Während sie in die von nächtlichen Geräuschen erfüllte Dunkelheit lauschte, ging ihr der kindische Vers durch den Kopf, den ihre Brüder immer gesungen hatten, wenn sie krank im Bett ihrer Mutter lag.

Böses Mädchen, böses Mädchen,

tust als wärst du krank so sehr,

wart nur, Onkel Hängebacke

kommt mit seinem Stock daher.

Sie wusste, dass er ihr bereits auf den Fersen war.