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Vor der Invasion in Malaysia im Jahre 1941 hatte es in Georgetown, Penang, antijapanische Demonstrationen gegeben. Angeheizt von Zeitungsberichten über die Grausamkeiten der Japaner in Nanking machten sich die hiesigen Chinesen zunehmend Sorgen, dass die Kaiserliche Armee ihre Brutalität auch auf Malaysia ausdehnen würde.

Lu See hatte eine von der Chinesischen Handelskammer verfasste Petition unterzeichnet, in der die Ausweisung der im Land lebenden Japaner verlangt wurde. Sie wurde dem Resident Councillor vorgelegt, der sie höflich in einer der untersten Schubladen seines Schreibtischs verschwinden ließ.

Niemand hatte den Verdacht gehegt, Tokio könnte Spione einsetzen, die sich als Kautschukkäufer, Friseure oder Holzhändler tarnten. Und niemand hatte vermutet, dass die Japaner Einheimische anwerben könnten, damit sie ihren Schiffen auf dem Meer heimlich Leuchtzeichen gaben. Nur wenige Menschen hatten überhaupt daran geglaubt, dass es zu einer groß angelegten Invasion kommen würde. Der Gouverneur von Singapur hatte allen Malaysiern versichert, dass die alliierten Truppenverstärkungen kein Grund zur Beunruhigung seien, dass die zunehmende Präsenz australischer, walisischer und schottischer Soldaten ausschließlich dazu diene, die Versorgung mit Gummi und Zinn zu gewährleisten.

»Singapur ist uneinnehmbar«, sagten die Briten. Die Flottenbatterien und Dreißig-Inch-Geschütze, die aufs Meer hinauswiesen, seien der Beweis dafür. »Die Japsen wären verrückt, wenn sie versuchen würden, uns anzugreifen. Ihr seid hier sicherer als irgendwo anders.«

Auf diese Aussagen hin versammelten sich Hunderte britische Familien im Hafen von Penang, um sich nach Singapur einzuschiffen. Ein Gefühl der Erleichterung ergriff alle, als sie an Bord gingen. Die Chinesen hingegen waren klüger. Sie wussten, dass die Japaner Singapur niemals vom Meer her angreifen würden, sondern von der Ostküste aus. Die britischen Geschütze, die in die andere Richtung ausgerichtet waren, stellten so keine Gefahr für sie dar. Ohne jeden Zweifel: Die Japaner würden über Land einmarschieren.

Sobald Lu See Gerüchte hörte, dass die Japaner an der nordöstlichen Küste der malaiischen Halbinsel gelanden waren, machte sie sich an die Arbeit. Sie begann, die Orgelpfeifen in der neuen anglikanischen Kirche abzubauen.

»Warum machst du das?«, fragte Onkel Hängebacke. »Sollten wir stattdessen nicht lieber Reisvorräte anlegen oder alle Wannen mit Wasser füllen, falls es zu brennen anfängt?«

»Es geht um das Kupfer«, antwortete sie, während sie beobachtete, wie die hellen Sonnenstrahlen über den Kirchenboden krochen. »Die Japsen werden sie einschmelzen lassen und für ihre Kriegsmaschinerie nutzen. Das werde ich nicht zulassen. Diese Orgel bedeutet mir sehr viel.«

»Was willst du denn mit den Pfeifen machen, eh? Wie viele sind es eigentlich?«

»Es sind fünf Reihen. Und pro Reihe sind es einundsechzig Stück.« Die Adern in ihren Schläfen traten hervor, als sie, nachdem sie die Schrauben gelöst hatte, eine Pfeife aus ihrer Verankerung hob. »Wir werden sie im Dschungel vergraben und die Stelle mit einem Grabstein kennzeichnen. Ich gehe davon aus, dass nicht einmal die Japaner so pietätlos sind, um Gräber zu öffnen.«

Zusammen mit ihrem Onkel kennzeichnete sie jede einzelne Pfeife, damit sie später wusste, an welche Stelle sie gehörte, und wickelte sie dann in eine geölte Leinwand ein.

Lu See verlor jedes Zeitgefühl, während sie voller Konzentration arbeitete. Schweißflecken wuchsen auf Onkel Hängebackes Hemd wie Moos auf der Mauer eines Tempels.

»Aiyoo!«, klagte er. Er bewegte seinen Kopf hin und her und schüttelte seine dicken Hände. »Was ist nur mit meiner Nichte geschehen? Wer hat sie in diese verkniffene Weltverbesserin verwandelt, nah

»Jetzt haben wir es fast geschafft«, sagte sie und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Fast.«

Anschließend setzte sie sich hinter das Steuer eines der Lastwagen der Plantage, um ihre Ladung an den Rand des Dschungels zu transportieren. Dann gruben sie abwechselnd einen drei Meter langen Graben. Während Lu See schaufelte, hielt Onkel Hängebacke Wache.

»Nach wem soll ich eigentlich Ausschau halten?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht genau: nach japanischen Spionen, nach Denunzianten, nach den Woos.«

Zwei Stunden später drehte sich Lu See um und starrte in die Ferne, um sich für einen kurzen Moment von den Schmerzen in ihrem Rücken und ihren Armen zu erholen. Der Schweiß, der ihr übers staubige Gesicht lief, hinterließ rosa Spuren auf ihrer Haut. Ihre Hände waren wund und voller Blasen.

»Mein ganzer Körper fühlt sich schrecklich an«, stöhnte sie.

Über dem Horizont lag ein Dunstschleier. Im dunklen Wald zu ihrer Linken warfen die Bäume ein Mosaik aus Schatten auf den Boden. Plötzlich bemerkte sie, dass sich dort etwas bewegte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um besser über den Rand des Grabens sehen zu können.

»Was zum Teufel ist das?«

Sie zeigte mit dem Finger in die Richtung, in der sie etwas bemerkt hatte.

»Hm?«

»Dort, auf der Lichtung.«

Sie war sich sicher, genau an der Stelle, an der sich der Dschungel zu einer mit Chinaschilf bewachsenen Schneise lichtete, eine wellenförmige Bewegung gesehen zu haben.

Sie blinzelte, strengte ihre Augen an und meinte schließlich, die Gestalt eines Mannes zu erkennen.

Ein Mann mit einer schiefen Schulter.

Sie verharrte vollkommen still, so als sähe sie einer Schlange in die Augen. Sie wagte nicht, sich zu rühren. Als sie wieder blinzelte, war der Mann verschwunden.

»Ich sehe gar nichts, eh!«

»Ich bin mir aber sicher, dass da jemand war.«

Onkel Hängebacke betrachtete sie von der Seite, sah die Angst, die ihr ins Gesicht geschrieben stand.

Hatte sie sich das alles wirklich nur eingebildet? Sie schauderte. Es war dieses Zittern, das von irgendeinem sehr ursprünglichen Teil von ihr ausging. Sie suchte das Chinaschilf noch einmal mit den Augen ab. Allmählich kam sie sich albern vor. Eilig legten sie die Orgelpfeifen in die Erde.

Zwei Monate später, am 16. Februar 1942, sah Lu See in der Straight Times ein Foto von General Arthur Percival, der General Tomoyuki in den Ford-Motorenwerken in Singapur gerade die Kapitulationsurkunde übergab, die er kurz zuvor unterzeichnet hatte.

Aus Kuala Lumpur kam die Nachricht, dass die Japaner Banken, Kirchen, Moscheen und Tempel geplündert hatten.

Die Kapitulation war vollkommen.

»Jo-san, Miss Lu See.« Der Geschäftsinhaber stützte sich mit den Händen auf den Ladentisch und beugte sich nach vorn. »Und jo-san auch dir, meine kleine Freundin. Wie darf ich dich nennen?«

Lu See legte ihrer Tochter die Hände auf die Schultern. »Sag, wie du heißt.«

Das kleine Mädchen biss sich auf die Oberlippe und murmelte dann: »Mabel.«

Der Ladenbesitzer lächelte. »Gwai-lah! Sie ist sehr hübsch, genau wie ihre Mutter. Also, womit kann ich Ihnen heute dienen?«

Lu See betrachtete die leeren Regale. »Haben Sie weißen Zucker, Mr Ko?«

Der Ladenbesitzer wackelte mit dem Kopf. »Nein, tut mir leid.«

Sie warf einen kurzen Blick über ihre Schulter. »Ich kann bezahlen.«

Er wackelte wieder mit dem Kopf. »Selbst wenn Sie mich mit Diamanten bezahlen könnten, ich habe keinen Zucker. Unsere Dai-Nippon-Brüder rationieren sämtliche Waren.«

»Schauen Sie, bitte.« Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. »Es sind keine Regierungsbeamten in der Nähe. Außerdem ist der Zucker sowieso für den Oberst. Der Laster mit den Vorräten für ihn hat in den letzten Wochen keinen Zucker gebracht. Ich bezahle, welchen Preis auch immer Sie verlangen!«

»Aiya, Miss Lu See.« Mr Ko verzog das Gesicht, tat so, als wäre er beleidigt. »Wenn ich Zucker hätte, würde ich Ihnen natürlich welchen verkaufen, aber ich habe wirklich keinen.« Dann wies er mit dem Kinn Richtung Tür und senkte die Stimme. »Aber ich kenne da einen Mann, einen Freund, eh?« Er sah sie von der Seite an. »Er könnte Ihnen vielleicht Zucker besorgen.«

»Wie viel?«

»Aiya, dieser Mann ist ein Gauner. Er verlangt viel zu viel.«

»Wie viel?«

Er ließ die Kugeln seines Abakus klappern. »Er verlangt etwa 35 Dollar pro Katty.«

»Das ist absurd. Letztes Jahr haben Sie Dosen mit Zucker zu 6 Dollar pro Katty verkauft.«

»Ich sagte Ihnen doch, dass dieser Mann ein Halsabschneider ist. Ich rate Ihnen, nichts bei ihm zu kaufen.«

Sie nahm eine Handvoll japanisches Besatzungsgeld aus ihrer Börse, aber er hob die Hände. »Nein, bezahlen Sie später. Ich kann nicht garantieren, dass dieser Mann die Ware liefern kann. Kommen Sie morgen wieder.«

Am nächsten Tag stand Lu See wieder in seinem Laden.

»Dieser Kerl ist wirklich ein Teufel. Er sagt, dass der Zucker jetzt 37 Dollar pro Katty kostet. Ich rate Ihnen dringend, nicht zu kaufen.«

Sie wusste ganz genau, dass der Freund des Ladenbesitzers in Wirklichkeit gar nicht existierte und dass Mr Ko einen kleinen Vorrat an Zucker unter den Bodendielen versteckt hatte.

»Hören Sie doch endlich mit den Spielchen auf! Wenn der Zucker 37 Doller pro Katty kostet, dann ist es eben so. Aber ich brauche eine Quittung für den Oberst.«

Ko lachte und schüttelte den Kopf. »Dieser Bursche ist ein richtiger Halunke.«

Sie bezahlte und verließ den Laden mit einer Dose Zucker unter dem Arm. Draußen vor der Tür schirmte sie ihre Augen mit der Hand vor der gleißenden Sonne ab. Sie blickte nach oben und sah die Hinomaru, die japanische Flagge der aufgehenden Sonne, wie ein Leichentuch über dem Dorfplatz im Wind flattern.

Sie hasste es, Waren auf dem Schwarzmarkt kaufen zu müssen, aber ihr blieb einfach nichts anderes übrig. Sie hatte sich daran gewöhnt, genauso wie sie sich an alles andere gewöhnt hatte, was die Besatzung mit sich brachte.

In dem Bemühen, die letzten Spuren der britischen Herrschaft auszulöschen, hatten die Japaner eine neue Währung eingeführt. Sie gaben inzwischen auch eigene Briefmarken heraus, welche die »Wiedergeburt von Malaysia« verkündeten. Selbst die Uhren hatten sie auf Tokioter Zeit umgestellt. Es gab sogar den Versuch, Nippon-go zur Amtssprache der Region zu machen – in den Schulen wurde bereits Japanisch gelehrt, und das Aikoku Koushinkyoku, ein militärisches Marschlied, dröhnte zu jeder Tageszeit aus dem Radio.

Sie überquerte die Straße und betrat den Hauptplatz von Po On Village. Einige Hühner, die in der Erde nach Würmern gescharrt hatten, stoben vor ihr davon. Um Lu See herum waren alle Ladenschilder in Katakana beschriftet; die Auslagen der Straßenhändler waren jetzt ebenfalls in japanischer Schrift gekennzeichnet. Und auch bei jedem Straßenschild und Verkehrszeichen war das englischen Original in Katakana überschrieben worden.

Zwei Mitsubishi Zeros flogen über ihr am Himmel dahin, was die Gans des Dorfes mit einem klagenden onk-onk kommentierte.

Nicht mehr lange, ihr Scheißkerle, dachte Lu See, während sie den sich entfernenden Kampfflugzeugen hinterhersah.

Seit Monaten schon gab es Gerüchte von den amerikanischen Erfolgen in Iwo Jima, der Zurückeroberung von Rangoon, der Befreiung Manilas und den Luftangriffen auf Osaka und Yokohama. Ein jedes Mal, wenn es jemand wagte, von einem Sieg der Alliierten zu berichten, hüpfte und sang Lu Sees Herz. Als sie jetzt durch das Dorf ging, hörte sie, dass die Royal Air Force bereits Waffen und Funkgeräte im Dschungel von Johor abwarf.

Nicht mehr lange, bis die Briten wieder an der Macht sind, dachte sie. Aber bis dahin musst du deinen Kopf einziehen und den Mund halten. Kümmere dich nur um deine eigenen Angelegenheiten.

Sie ging an der alten Holzhandlung vorbei und zog wie üblich die feindseligen Blicke der Leute im Laden auf sich. Ihr war bewusst, dass es ihr einige der Dorfbewohner mehr als nur übel nahmen, dass sie für Tozawa arbeitete.

Unter den gegebenen Umständen würdet ihr genau dasselbe tun. Jedenfalls sehe ich nicht, dass ihr euch weigert, japanische Kunden zu bedienen. Verdammte Heuchler!

Genau in diesem Moment stieß sie mit einem Infanteristen zusammen, der gerade aus der Tür des Dorfladens geschlendert kam.

»Rei!«, schrie er.

Lu See verbeugte sich hastig.

Der Soldat richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Sie verbeugte sich erneut, starrte dabei wütend seine Hosenbeine an, die an den Knien mit Gurtgamaschen zusammengefasst waren. Dann erbot sie dem Soldaten einen höflichen Gruß.

Er schlug sie auf den Kopf und streckte dann seine Hand aus. Er wollte ihre Papiere sehen.

Lu See verbeugte sich noch einmal und wies ihren Schutzbrief vor. Der Infanterist warf einen Blick auf das offizielle kaiserliche Siegel und gab ihr die Papiere zurück. Lu See verbeugte sich ein viertes Mal. Als sie sich wieder aufrichtete, war er verschwunden.

In den vergangenen drei Jahren hatte diese kleine Rolle Papier, die Lu See in den Händen hielt, ihre Familie am Leben erhalten und für ihre Sicherheit gesorgt. Der Schutzbrief, ausgestellt von Oberst Tozawa, dem Standortkommandanten, war die Gegenleistung für das »Geschenk« des Familienwagens, eines Bentley Saloon von 1935, gewesen.

Lu See ging auf die Begrenzungsmauer aus Kalkstein zu und dann die Auffahrt hinauf, die nach Tamarind Hill führte, schritt dabei über die auf dem Weg verstreuten Jasminbaumblüten hinweg, dazu bereit, ein weiteres kleines Stück ihrer Seele zu opfern. Die Luft über der Straße flirrte in der Hitze, rings um sie herum zwitscherten die Vögel, und die Zikaden zirpten. Als sie sich dem Wachhäuschen näherte, trat eine Wache aus dem Schatten in die heiße Sonne. Lu See verbeugte sich und zeigte ihre Papiere vor. Der Mann ließ sie passieren.

Oberst Tozawa stand auf der vorderen Veranda des großen Hauses. Er trug einen Kimono aus Satin. Im Schatten hinter ihm sah Lu See einen jungen malaiischen Diener, der in seinen ausgestreckten Armen ein Tablett mit Tee hielt.

Tozawa war kahlköpfig und hatte einen stoppeligen Schnurrbart. Seine Augen waren tiefschwarz, sein Blick war hart und unnachgiebig. Es war Lu See unangenehm, in diese Augen sehen zu müssen, denn sie hatte dann stets das Gefühl, er könnte in ihre Seele blicken und ihre Gedanken lesen. Sie konnte seinen gierigen Blick bereits auf ihrem Körper spüren, als sie an der Reihe von Tamarindenbäumen vorbei zu den Unterkünften der Diener ging.

»Meine liebe Teoh-san«, sagte er und sog die Luft laut zwischen seine Zähnen ein. »Sie benehmen sich wirklich äußerst töricht.«

Lu See verbeugte sich tief. »Ich entschuldige mich, falls ich Sie auf irgendeine Art beleidigt haben sollte.«

»Es ist töricht von Ihnen, in dieser Hitze ohne Sonnenschutz unterwegs zu sein.«

Lu See wandte den Blick ab. Natürlich hatte er recht. Sie wollte und würde das nur nicht zugeben. »Vielen Dank für Ihre Sorge, o-Oberst-sama, aber ich bin die Sonne gewöhnt.«

»In Zukunft nehmen Sie bitte einen Sonnenschirm mit.«

»Hai, jawohl, o-Oberst-sama.«

»Außerdem wünsche ich, dass Sie diese Haarklammern tragen, wenn Sie, nachdem das Abendessen serviert ist, ins Speisezimmer kommen.« Er drückte ihr mehrere verzierte Haarspangen in die Hand. »Ich will nicht, dass Haare in mein Essen fallen. Haben Sie mich verstanden?«

»Hai, o-Oberst-sama.«

Sein Blick fiel auf die Dose mit Zucker, die sie unter dem Arm trug. »Ich freue mich schon sehr auf Ihren englischen Brotpudding. Ich werde zur üblichen Zeit zu Abend essen. Bitte geben Sie die Quittung für die Lebensmittel meinem Adjutanten. Er wird Ihnen Ihre Auslagen erstatten.«

Noch einmal verbeugte sie sich tief, die Hände hatte sie dabei flach auf ihre Oberschenkel gelegt. Sie wartete, bis er gegangen war, bevor sie sich wieder aufrichtete.

Die kaiserliche Armee hatte Tamarind Hill 1942 beschlagnahmt. Zuerst war geplant gewesen, das Gebäude zu einem Erholungsheim für verwundete Hikotai-Piloten zu machen, dann aber hatte Oberst Tozawa das Anwesen besichtigt und es für sich selbst beansprucht. Es ärgerte sie, dass jetzt er in ihrem Haus residierte, aber wenigstens behandelte der Oberst ihr Zuhause mit Respekt. Mit seiner Heerschar von Dienern war auch sichergestellt, dass alle Räume in Ordnung gehalten und der Garten gepflegt wurde.

Lu See war eingestellt worden, um für Oberst Tozawa zu kochen. Ursprünglich hatte Ah Gwei, der Koch der Teohs, die Mahlzeiten für den Oberst zubereitet. Ah Gwei war jedoch im Sommer 1943 geköpft worden, weil er im betrunkenen Zustand einen Seicho-Repräsentanten beschimpft und angespuckt hatte. Da Tozawa niemanden hatte, an den er sich sonst hätte wenden können, ließ er Lu See kommen, damit sie diese Aufgabe übernahm. Das erste Gericht, das sie für ihn gekocht hatte, war ein Nudelrezept aus Sum Sums kleinem blauen Schreibheft gewesen. Es hatte ihm nicht geschmeckt.

»Das ist nicht britisch!«, hatte er geschrien. »Im Katei-no-Topo-Magazin steht nirgendwo, dass Nudeln britisch sind.«

Von da an bereitete Lu See ausschließlich Speisen zu, die sie in Mrs Beeton’s Book of Household Management fand, einer alten Ausgabe, die ihrem Vater gehört hatte.

Trotz der zunehmenden Japanisierung des Landes bevorzugten viele der höchsten Besatzungsoffiziere britisches Essen – es vermittelte ihnen das Gefühl von Autorität und gehobenem sozialen Status. Sie liebten englisches Roastbeef, Schweinekoteletts, braune Soße, Baxters Tomatensuppe, Shepherd’s Pie und Ochsenschwanzsuppe aus der Dose. Sie tranken Johnnie Walker und Dewar’s. Sie rauchten Capsten und Raleighs. Zum Frühstück tranken sie Earl-Grey-Tee und aßen kalten Toast mit Marmelade.

Lu See arbeitete sieben Tage die Woche bei Tozawa. Sie kam bereits am Vormittag und machte erst Feierabend, wenn der letzte Topf geschrubbt und die letzte Schüssel gespült und weggeräumt war. Dann ging sie zu ihrem kleinen Haus zurück, um Mabel zu Bett zu bringen, ihre Kleidung zu waschen und aufzuräumen. Um sieben Uhr morgens stand sie auf, um das Frühstück für ihre Tochter zuzubereiten, bevor sie sie zur Dorfschule brachte und dann zu Kos Laden ging, um Lebensmittel einzukaufen.

»Der koloniale Lebensstil der Briten besitzt eine gewisse Eleganz, finden Sie nicht auch?«, fragte Oberst Tozawa, als er sich zum Abendessen setzte. Der Tisch war mit silbernem Besteck, Kristallgläsern und dem feinen blauweißen Porzellan gedeckt. In der Mitte standen zwei silberne Kerzenleuchter. Wie gewöhnlich gab es nur ein einziges Gedeck. »Dies ist zweifellos etwas, worum wir euch beneiden.«

Tozawa breitete seine Serviette auf seinem Schoß aus. Abgesehen von seinen hölzernen Sandalen war er elegant gekleidet. Weißes Hemd, grüne einreihige Uniformjacke und Hose.

»Darf ich Sie daran erinnern, o-Oberst-sama, dass wir weder Briten noch Kolonisten sind?«

»Und dennoch hat sich Ihre Familie dazu entschieden, den Baustil eines Landhauses aus einer Gegend nachzuahmen, die Tausende von Meilen entfernt liegt.«

Lu See nahm neben dem Sideboard aus Mahagoni eine respektvolle Haltung ein, während dem Oberst das Essen serviert wurde, bereit, sein Lob oder seinen Tadel entgegenzunehmen. Sie trug die verzierten Haarspangen, die er ihr gegeben hatte.

Er verzog seinen Mund zu einem dünnen Lächeln. Sie sah zu, wie der Diener ihm in einen der Kristallbecher ihres Vaters drei Finger breit Whisky einschenkte.

»Sehr gutes Aroma«, bemerkte er mit einem Kopfnicken in Richtung Shepherd’s Pie, als er den ersten Bissen gegessen hatte.

Sie verbeugte sich und zog sich wie eine Geisha mit einer geschmeidig gleitenden Bewegung zurück. Dabei spürte sie seinen Blick auf ihrem Rücken. Gerade als sie das Zimmer verlassen wollte, sagte er: »Noch eine Sache, bitte.«

Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. »Ja?«

»Warum sprechen Sie niemals von den Woos?«

»Verzeihung, o-Oberst-sama

»Ihre Nachbarn, die Woos. Sie sind Anhänger von Chiang Kai-shek, nicht wahr?«

Lu Sees Blut floss plötzlich schneller durch ihre Adern. Sie konnte förmlich spüren, wie sich der Blick seiner dunklen Augen in ihren Schädel bohrte und er versuchte, ihre Gedanken zu lesen.

»Das entzieht sich meiner Kenntnis.«

Er nahm den Pfefferstreuer und schüttelte ihn, betrachtete nachdenklich den gemahlenen Pfeffer, der auf seine Handfläche fiel. »Glauben Sie, dass sie chinesische Nationalisten sind?«

»Nein, o-Oberst-sama

»Das würde bedeuten, dass sie Kommunisten wären.« Er beobachtete ihre Reaktion ganz genau.

Sie schluckte. »Soweit mir bekannt ist, sind die Woos treue Anhänger des Kaisers Tenno Heika.«

»Sie sagen also, dass sie keine Kommunisten sind?«

»Nein«, antwortete sie, ohne zu zögern, wobei sie ihre Stimme so fest klingen ließ, wie es ihr nur möglich war. »Sie sind bestimmt keine Kommunisten.«

»Da ist etwas, das Sie mir verschweigen.« Er hielt seinen unnachgiebigen Blick fest auf ihr Gesicht gerichtet, auf ihren Hals, auf ihre Haare. »Ich empfinde Ihre Antwort als merkwürdig.«

»Oh.« Sie schluckte wieder. »Warum, o-Oberst-sama

»Die Woos waren doch die Todfeinde Ihres Vaters, das habe ich jedenfalls gehört. Ihr Vater hätte sie am liebsten allesamt erschossen, nicht wahr?«

Seine Worte ließen die anwesenden Diener sichtlich aufhorchen. Lu See wusste nicht, welche Antwort sie von ihr erwarteten.

Aber er hat sie nicht erschossen. Stattdessen hat er die Waffe gegen sich selbst gerichtet und sich den Schädel weggeblasen.

»Sie haben doch sicher irgendwann einmal etwas gehört, das die Woos mit den Kommunisten in Verbindung bringen könnte?«

»Die Kempeitai-Militärpolizei hat mich zu diesem Punkt bereits befragt, o-Oberst-sama

»Das ist mir durchaus bekannt. Aber ich finde es trotz alledem … sagen wir merkwürdig, das Sie die Woos in keiner Weise belastet haben. Gibt es nicht Gerüchte, dass sie in politische Verbrechen verwickelt sind?«

Lu See blinzelte. Sie wusste ganz genau, was für ein Spiel hier gerade gespielt wurde. Sie musste sehr vorsichtig sein.

»Der Streit meiner Familie mit den Woos gehört der Vergangenheit an. Mein verstorbener Mann war ein Woo. Es gibt keine Probleme mehr zwischen unseren Familien. Wie ich bereits sagte, sind die Woos treue Anhänger von Tenno Heika.«

»Ihr verstorbener Mann war ein Woo. Tatsächlich?«

»Ja, o-Oberst-sama

»Sie verbindet jetzt also ein freundschaftliches Verhältnis mit der Familie.«

»Seit unser Kind geboren ist, pflegen wir eine herzliche Beziehung.«

»Die Woos sehen Ihre Tochter also oft?«

Lu See lächelte mit ernsten Augen. »Nein.«

»Weil sie Ihnen noch immer nicht trauen, obwohl das Blut der Woos in den Adern Ihrer Tochter fließt. Woher wollen Sie wissen, dass die Woos Sie nicht belastet haben? Gewiss haben auch Sie sich irgendwann einmal über die hohen Lebenshaltungskosten oder die Wertlosigkeit unserer militärischen Ersatzwährung beklagt oder sich gar über Nippon-go lustig gemacht? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Woos so etwas von Ihnen behaupten werden.«

»Wenn sie mich solcher Dinge beschuldigen, kann ich das reinen Herzens abstreiten.«

Er trank einen Schluck Whisky. Sein kahler Kopf glänzte im Schein der Kerzen. »Wenn Sie mir bestätigen, dass die Woos die Kommunisten oben in den Bergen finanziell unterstützen, erhalten Sie eine Belohnung. Tatsächlich wäre jede Information, die Sie über die genjumin liefern können, höchst willkommen. Ich würde mich durchaus erkenntlich zeigen. Ihre Tochter könnte neue Kleidung bekommen. Außerdem könnte ich ihr auch englische Canterbury-Kekse zukommen lassen. Sie mag doch Canterbury-Kekse, oder?«

Lu See spürte, wir in ihrem Inneren etwas zu beben begann. Die einzigen Süßigkeiten, die Mabel seit Beginn des Krieges gegessen hatte, waren Rambutans und Mangos, die sie vom Waldboden aufgesammelt hatten, und einmal im Jahr ein mit Palmzucker gebackener Geburtstagskuchen. Wie gern hätte sie sie mit einer Dose Canterbury-Kekse verwöhnt …

»Ich kann Ihnen leider nichts sagen, o-Oberst-sama

Er stellte seinen kristallenen Becher vorsichtig auf dem Tisch ab. Die Spitze seines schwarzen Schnurrbarts glitzerte feucht. Er beobachtete sie noch einige Sekunden, studierte ihren Mund und ihre Augen.

Dann winkte er sie, während er laut die Luft zwischen den Zähnen einsog, mit einer knappen Handbewegung davon. Sie war für diesen Abend entlassen.

Von dem Tag an, als Oberst Tozawa Tamarind Hill in Besitz genommen hatte, war Lu See gezwungen gewesen, in einem kleinen Haus im chinesischen Stil unten am Fluss zu leben. Das Haus war früher vom Aufseher der Gummiplantage bewohnt worden, bevor er von den Kempeitai verhaftet worden war. Da man ihr nur so viel mitzunehmen erlaubt hatte, wie sie tragen konnte, hatte sie ihren alten Koffer aus Fischleder mit all jenen Dingen vollgestopft, von denen sie geglaubt hatte, sie irgendwann eintauschen zu können, und hatte sich auf den Weg den Hügel hinunter gemacht.

Das Häuschen besaß einen kleinen steinernen Hof und ein ordentliches Dach aus Lehmziegeln. Es verfügte über zwei Schlafzimmer, eine Küche und eine windbrüchige Veranda, die eine Familie gelber Geckos beherbergte. Da das Haus keinen Stromanschluss besaß, mussten sie nach Einbruch der Dunkelheit Kerzen anzünden. Alles in allem war es ein nettes kleines Häuschen, umgeben von schattigen Bäumen und dem Gesang der Vögel, und es wehte hier unten stets eine frische Brise, sodass es nachts angenehm kühl war.

Ihre Mutter schlief in einem der Schlafzimmer und Onkel Hängebacke in dem anderen. Das bedeutete, dass Peter und James die Polsterbänke im Hauptraum beanspruchten, während sich Lu See und Mabel eine Matratze und ein darüber aufgespanntes kegelförmiges Moskitonetz in der Küche teilten. Vor dem Krieg hatte Onkel Hängebacke in Penang gelebt, aber sein Haus war den Luftangriffen der Japaner zum Opfer gefallen.

Auf der Veranda standen zwei Korbstühle, ein großer durchgesessener, der für Onkel Hängebacke reserviert war und in dem er seine Stumpen rauchte, und ein kleinerer, auf dem ein hellrotes Kissen lag. Jeden Abend setzte sich Mabel auf dieses Kissen, faltete die Hände im Schoß und wartete geduldig darauf, dass ihre Mutter nach Hause kam.

Manchmal aß sie, auf dem dicken roten Kissen thronend, dort sogar zu Abend, eine Mahlzeit, die in aller Regel aus fadem Reis bestand. Die Schale hielt sie dabei fest in der Hand, während sie den Blick unverwandt auf die unbefestigte Straße richtete, die nach Tamarind Hill hinaufführte. Manchmal saß sie auch am Fenster in der Küche und schaufelte mit zwei Essstäbchen Reiskörner in den Mund, ohne dabei ihre Aufmerksamkeit auch nur eine Sekunde von dem Feldweg zu nehmen, den sie wie ein Habicht beobachtete.

»Chee-chee-chee! Deine Mutter kommt auch nicht schneller wieder, wenn du auf die Straße starrst, Kleine.«

»Ich weiß, Oma.«

»Warum gehst du dann nicht rein und ruhst dich aus? Du bekommst noch ganz müde Augen.«

»Es geht mir gut.«

»Komm, ich zünde frische Kerzen an und mache dir Bananenbrot.«

Mabel schüttelte entschieden den Kopf. »Nein.«

Als es dunkel wurde und der beißende Geruch der Kerosinlampen die Luft schwängerte, ließ sich Onkel Hängebacke mit seiner massigen Gestalt in den Korbsessel neben ihr fallen. Er zündete sich einen Stumpen an und nahm einen langen Zug und hielt dabei die andere Hand so vor die Zigarre, dass die rote Glut nicht zu sehen war. Er sagte Mabel ständig, dass Rauchen ungesund sei. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, dann starrte sie wieder auf die Straße.

»Aiyoo!«, schnaufte er. »Ich hatte einmal eine Hündin. Die war genau wie du. Sie hat immer Eichhörnchen gejagt, hat jeden Baum angestarrt, als hingen Goldbarren an seinen Ästen. Da wir schon von Gold sprechen, nächste Woche ist die Durian-Saison vorbei. Denk dran, dass man zu dieser Frucht niemals Alkohol trinken darf, das kann schlimme Folgen haben, weißt du.«

»Wie spät ist es, Onkel?«

Onkel Hängebacke rieb sich seinen Scheitel mit Zigarrenasche ein, um die Moskitos fernzuhalten. Sein kurzes graues Haar war ungleichmäßig geschnitten und sah aus, als hätte eine Ziege daran herumgeknabbert. Er nahm die Arme herunter und sah auf seine Armbanduhr, dann legte er seine Hände wieder auf seinen kugelrunden Bauch. »Zwei Minuten später als beim letzten Mal, als du mich das gefragt hast.«

Mabel starrte angestrengt in die Dunkelheit und lauschte den Geräuschen des Dschungels. In der Hoffnung, außer dem pfeifenden Trillern der Baumfrösche das Geräusch von Schritten zu hören, versuchte sie, mit ihrem Blick das Gewirr von Schlingpflanzen, die von den dicht stehenden Bäumen herabhingen, zu durchdringen. Und dann, während sie sich nach vorn beugte wie ein Eichhörnchen, das eine Nuss entdeckt hat, ging ein Ruck durch ihren Körper. Sie sprang von der Veranda herunter und hüpfte die Straße entlang. »Mama, Mama, Mama!« Sie rannte mit ausgestreckten Armen, sprang leichtfüßig über ein Schlagloch und warf sich ihrer Mutter in die Arme.

Seit das Land besetzt worden war, arbeiteten sowohl Peter als auch James als Postkontrolleure in der ehemaligen De-La-Rue-Druckerei in Butterworth, wo sie einem gewissen Mr Miyagi unterstellt waren. Sie fuhren jeden Morgen mit dem Rad zum Bahnhof von Juru, wo sie den Zug nach Butterworth nahmen, und kamen jeden Abend rechtzeitig zum Abendessen wieder zurück.

Als Lu See die von Kerzenschein erhellte Küche betrat, hörte sie Peter gerade sagen: »Heute hat mich auf dem Rückweg von der Druckerei so ein japanischer Laster fast von der Straße gefegt. Ich hatte Glück, dass ich nicht die Kontrolle über mein Fahrrad verloren habe und im Graben gelandet bin.«

Lu See sah, dass ihre Brüder zusammen mit ihrer Mutter am Tisch in der Mitte des Raums saßen, auf dem eine Schüssel mit Bananen stand. Lu Sees Mutter riss eine Frucht von dem Bündel ab und zielte damit wie mit einer Pistole auf ihren Sohn: »Bist du eine Maus oder ein Mann? Auf der Straße ist doch ausreichend Platz. Wo ist dein Mumm geblieben?«

Lu See erwartete fast, dass sie über den Tisch griff und ihn am Ohrläppchen zog.

»Du hättest sehen sollen, wie nah der Laster war«, rief er aufgebracht. »Jehova sei mein Zeuge, er hat mich sogar gestreift.«

»Cha!«, sagte die Mutter.

»Es ist aber wahr«, meinte Peter trotzig.

Sie warf ihm einen bösen Blick zu. James stand auf, um das Geschirr zu spülen, und bewegte sich dabei so vorsichtig, als läge ein schlafender Tiger auf dem Boden.

Seine Mutter nahm einen Packen abgegriffener Spielkarten aus einer Schublade, leckte ihren Daumen an. »Rommé?«

»Wir dürfen nicht Karten spielen!«, erwiderten ihre Söhne wie aus einem Mund. Die beiden Männer sahen mit ihren jungenhaft glatt rasierten Gesichtern und den ein wenig vorstehenden Augen, die ihnen einen leicht verwunderten Ausdruck verliehen, fast wie Zwillinge aus.

Sie seufzte erschöpft. »Was habe ich nur verbrochen, um mit Söhnen wie euch gestraft zu sein? Egal, wie viele Jahre vergehen, ich werde mich nie und nimmer an diese Sache mit den Zeugen Jehovas gewöhnen. Und ledig seid ihr beide auch immer noch!«

James verdrehte seine vortretenden Augen. »Fang nicht schon wieder damit an!«

»Also, nehmen wir zum Beispiel einmal dich, Peter. Als Kind hast du es gehasst in die Kirche zu gehen«, fuhr sie fort. »Du hast auf der Kirchenbank jedes Mal einen Wutanfall bekommen. Die ganze Gemeinde hat sich dann zu uns umgedreht und uns angestarrt.«

»Das war James.«

»Ich war damals vier«, führte James an, der mittlerweile wieder auf seinem Stuhl saß und eine Bibel im Schoß hielt.

»Du warst sieben, und du hast dich eingenässt«, widersprach seine Mutter.

»Er hatte Angst vor dem Priester«, erklärte Peter. »Da war irgendetwas mit seinen roten Haaren, nicht wahr?«

James schloss die Augen, so als wolle er nicht mehr daran erinnert werden.

»Und jetzt seid ihr beide zu religiösen Fanatikern geworden«, meinte sie ärgerlich.

Die Antwort kam wie aus einem Mund: »Wir sind keine religiösen Fanatiker!«

»Da bin ich aber erleichtert«, knurrte sie, doch ihr Tonfall strafte ihre Worte Lügen.

Das darauffolgende Schweigen war so deutlich, dass man sogar das Summen der Insekten hören konnte, die sich in die Küche verirrt hatten. Lu See räusperte sich.

Ihre Mutter sah von ihrem Kartenspiel auf, das sie auf dem Küchentisch ausgebreitet hatte. »Was ist los? Stimmt irgendetwas nicht?«

»Nein, es ist alles in Ordnung.«

»Du klingst, als hättest du einen Frosch im Hals. So räusperst du dich doch nur, wenn irgendetwas nicht stimmt.«

»Es ist alles in Ordnung. Ich habe gerade Mabel ins Bett gebracht.«

Ihre Mutter erhob sich von ihrem Stuhl, um den Wasserkessel auf den Herd zurückzustellen. Ihre bloßen Füße tappten dabei leise über den Boden. »Möchtest du einen Tee?«

Lu See lehnte dankend ab.

»Dann vielleicht eine Scheibe Bananenbrot? Oder Erdnüsse, mah, wir haben jede Menge Erdnüsse.« Sie nickte ihrer Tochter ermutigend zu. »Komm und iss etwas.«

Dies, so wusste Lu See, war die Art ihrer Mutter, ihre Liebe zu zeigen: sie mit Essen vollzustopfen.

Lu See schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Sie roch noch immer nach den Gewürzen, die sie beim Kochen verwendet hatte. »Beim Oberst ist etwas vom Reis übrig geblieben.«

»Aber du hast nichts davon gegessen«, stellte ihre Mutter fest.

»Woher willst du das wissen?«

»Du trödelst herum, und niemand trödelt mit vollem Magen. Das ganze Land hungert, und du verzichtest darauf, das, was bei ihm übrig bleibt, zu essen.« Sie stellte eine große Schale mit Erdnüssen auf den Tisch. »Hilfst du mir bitte beim Schälen?«

Lu See zog einen Stuhl heran. »Nur fürs Protokoll, ich habe nicht getrödelt.«

»Nur geschmollt«, sagte Peter.

»Genau«, fügte James hinzu.

Peter zeigte wie Moses mit dem Finger zum Himmel hinauf. »Denn sie werden Arbeiter genannt und sollen keine Müßiggänger sein.«

James lächelte. »Thessalonicher?«

»Genau.«

James begann, die Bibel auf seinem Schoß durchzublättern. »Lass mich raten, Kapitel 15, Vers …«

»Cha! Seid ihr jetzt endlich einmal still?!«, rief ihre Mutter. »Ständig sagt ihr, in der Bibel steht dies, in der Bibel steht das, Jehova sagt dies, Jehova sagt das. Schnickschnack! Können wir nicht einmal einen einzigen Abend ohne dieses ständige Predigen und dieses ewige Gezänk verbringen! Nehmt euch ein Beispiel an der stillen Anmut eurer Schwester.«

Peter runzelte die Stirn.

»Jetzt hast du ihn verärgert«, bemerkte James.

Lu Sees Mutter schälte eine Erdnuss und schob sie sich in den Mund. »Ein einziges deutliches Wort, und schon ist er eingeschnappt.«

»Nein, bin ich nicht.«

»Peter, du kannst dich nicht dein ganzes Leben lang wie ein Waschlappen benehmen, vor allem jetzt nicht, da Ah-Ba nicht mehr unter uns ist. Cha! Sieh dich doch nur einmal an. Du machst ein Gesicht wie ein Korb voller Krabben.«

»Oberst Tozawa sagt, dass ich nächste Woche ein scharfes Krabbengericht für ihn zubereiten soll«, warf Lu See ein.

»Musst du auch noch seinen Namen erwähnen?«, fragte ihre Mutter herausfordernd. Sie lebte in der ständigen Furcht, dass ihre Tochter mit diesem nicht-chinesischen, barbarischen Invasoren ins Bett gehen könnte. »Was auch immer du tust, widersetze dich seinen Annäherungsversuchen.«

»Also wirklich …«

»Das sind alle Vergewaltiger!«

»Er ist ein Gentleman«, sagte Lu See, ohne selbst sagen zu können, warum sie das Gefühl hatte, ihn verteidigen zu müssen.

Die finstere Miene ihrer Mutter sprach Bände.

Lu See war so vernünftig, das Thema zu wechseln. »Was bereitest du da gerade zu?«

»Satay-Soße.« Lu See merkte, wie ihr bei dem Gedanken an gegrillte Fleischspießchen in Erdnusssoße das Wasser im Mund zusammenlief. »Wir nehmen wieder Eichhörnchen statt Hühnchen. Aber sag das nicht Mabel. Und jetzt gib mir die Flasche mit der Sojasoße dort, und dann hack ein Stückchen Galgant und etwas Ingwer.« Sie begann damit, die Erdnüsse in einem Mörser zu zerstoßen. »Wir machen das hier noch fertig, bevor wir zu Bett gehen. Also Schluss jetzt mit dem Gerede.«

Lu See zerteilte mit ihrem Messer eine Ingwerknolle. Vor dem Krieg hatte sie nicht besonders gern gekocht, daher war sie als Köchin auch weit weniger geübt gewesen, als es der Oberst angenommen hatte. Aber sie widmete sich ihrer neuen Aufgabe mit Fleiß und Beharrlichkeit. Jetzt, da sie das Haus und auch alles andere verloren hatten, waren sie auf ihre Arbeit angewiesen – angesichts ihrer hohen intellektuellen Ziele aus der Vergangenheit war dies zweifellos ein tiefer Fall. Ihre Zeit in Cambridge schien endlos lange zurückzuliegen. Manchmal hatte sie das Gefühl, als würde sie in einem Traum leben. Es kam ihr so vor, als bestünde ihr Leben nur aus einer Reihe von Wunschvorstellungen und nicht aus echten Erinnerungen.

Sie betrachtete die Ingwerscheiben und verspürte plötzlich den Drang, sich zur Strafe in ihre Hand zu schneiden. Schuldgefühle und Bedauern schnürten ihre Brust ein. Es war einfach ein Reflex, ein Instinkt. Sie holte tief Luft und wartete. Nach ein paar Sekunden hatte der Drang, sich zu verletzen, nachgelassen.

Als Lu See am folgenden Abend wieder im großen Haus neben dem Sideboard aus Mahagoni stand und zusah, wie Tozawa Eintopf mit Kohl und Kartoffeln aß, wandte sich ihr dieser plötzlich zu und lächelte sie an.

Völlig verwirrt erwiderte sie sein Lächeln.

»Wie alt sind Sie, Teoh-san?«, fragte er sie und tupfte sich ein Kohlstückchen vom Schnurrbart.

»Entschuldigen Sie, o-Oberst-sama

»Ich habe Sie nach Ihrem Alter gefragt. Ich vermute, dass Sie, nachdem Ihr Mann gestorben ist, nicht wieder geheiratet haben, und nun wüsste ich gern, wie alt Sie sind.«

Lu See spürte, wie sie rot wurde. »Verzeihen Sie mir, o-Oberst-sama, aber während der ganzen Zeit, die ich hier arbeite, haben Sie mich noch nie nach meinem Privatleben gefragt.«

Tatsächlich war dies die erste persönliche Frage, die er ihr stellte, und sie war sich nicht sicher, wie sie darauf reagieren sollte.

Er sog die Luft durch seine Zähne und grinste. »Vielleicht werde ich jetzt, da dieser grässliche Krieg zu Ende geht, ein wenig unvorsichtig.«

»Das verstehe ich nicht.«

Seine Worte klangen in ihr nach. Sie wollte ihn fragen, was er mit seiner Bemerkung, der Krieg ginge zu Ende, sagen wollte. Standen die Japaner etwa kurz vor einer Kapitulation? Würden sie sich bald aus Malaysia zurückziehen? Sie hatte Gerüchte gehört, dass die Alliierten anrückten, dass U-Boote bereits Gurkhas an der malaysischen Küste abgesetzt hätten. Aber sie wagte nicht zu hoffen, dass das tatsächlich so war.

Er bedachte sie mit einem seidigen Lächeln. »Das ist doch eine einfache Frage, Teoh-san. Ich möchte wissen, wann Sie geboren wurden.«

Lu See zögerte. Sie spürte, wie sich ihr Herz verkrampfte und ihr das Atmen zunehmend schwerfiel. Das Blut in ihren Adern gefror. »Ich habe eine achtjährige Tochter.«

»Ganz recht.« Er sah sie an und ermunterte sie mit seinen Blicken fortzufahren. »Aber ich habe nach Ihrem Alter gefragt und nicht nach dem Ihrer Tochter.«

»Ich bin achtundzwanzig.«

»Ahhh so.« Seine dunklen Augen wurden schmal und schimmerten feucht. »Noch sehr jung. Sehr jung.«

Er nahm einen Schluck Whisky und beobachtete sie über den Rand des Glases hinweg.

Lu See konnte spürte, wie seine Augen Muster auf ihren Körper zeichneten. In den vielen Monaten, die sie jetzt für den Oberst arbeitete, hatte er, abgesehen von seinen vielsagenden Blicken, ihr gegenüber keinen Annäherungsversuch unternommen, und dafür war sie ihm mehr als nur dankbar. Jetzt aber spürte sie, dass eine Veränderung in ihm vorging. Angst stieg in ihr auf. Sie versuchte das Thema zu wechseln.

»W-Wie hat Ihnen heute Abend das Essen geschmeckt, o-Oberst-sama

»Hervorragend wie immer.« Er stellte den Kristallbecher vorsichtig ab. »Dann sind Sie also achtundzwanzig und haben eine achtjährige Tochter.«

Schweigen.

»Sie bemühen sich sehr, sie zu beschützen, seit die Neue Ordnung die Kontrolle über Malaysia übernommen hat.«

Lu See schluckte. »Ich tue das, was jede Mutter tun würde.«

»Der Wille einer Mutter ist hart wie Eisen, wenn ihr Kind in Gefahr ist, nicht wahr?« Seine Lippen zuckten. Es war ein merkwürdiges, unergründliches Lächeln.

Panik flammte in ihr auf und breitete sich dann in ihrem Inneren wie Funken im trockenen Gras aus.

»Sie würde jedes Opfer bringen, oder etwa nicht?«

Lu See vermochte seinem Blick nicht länger standzuhalten. Sie starrte stumm zu Boden. Draußen fiel Regen und erzeugte ein schwüles Flüstern, das bis zu ihnen ins Haus drang. Lu See stellte sich vor, wie Tozawas stoppeliger Schnurrbart über ihre Haut strich, und erschauderte.

»Habe ich Sie etwa beunruhigt, Teoh-san?«

Noch immer schwieg sie.

»Das lag nicht in meiner Absicht. Verzeihen Sie mir. Ich stelle Ihnen diese Fragen, weil Sie eine sehr schöne Frau sind. Und in Zeiten wie diesen können schöne Frauen wie sie sehr schnell in Gefahr geraten. Frauen wie Sie brauchen Schutz, verstehen Sie?« Sein Schnurrbart zuckte, als er lächelte. »Ansonsten verschwinden sie möglicherweise einfach spurlos. Und ich möchte nicht, dass Sie verschwinden.«

Lu See vollführte mit ihren Händen eine kleine flehende Geste. »Ihr Special Protection Paper hat mir schon bei zahllosen Gelegenheiten gute Dienste erwiesen, o-Oberst-sama.«

»Das bezweifele ich nicht. Aber ich fürchte, ich persönlich habe noch nicht genug getan, um für Ihre Sicherheit zu sorgen. Sie arbeiten für mich. Also bin ich für Sie verantwortlich. Sagen Sie mir, wie kommen Sie, wenn Sie hier mit der Arbeit fertig sind, zu ihrer Familie nach Hause?«

»Ich gehe zu Fuß den Hügel hinunter.«

»Es dauert also einige Zeit, bis Sie das Dorf erreicht haben.«

Unwillkürlich warf Lu See einen Blick auf ihre Armbanduhr – Adrians alte Armbanduhr. Sie funktionierte schon seit Jahren nicht mehr, aber sie trug sie aus Gewohnheit weiter, wollte sie einfach nur auf ihrer Haut spüren.

»Und die Straße ist nicht beleuchtet«, fuhr er fort. »Haben Sie denn keine Angst vor Banditen?«

Lu See wollte entgegnen, dass sie vor den japanischen Patrouillen und vor dem Wachposten, der sie jeden Abend nach herausgeschmuggeltem Essen durchsuchte, wesentlich mehr Angst hatte, entschied sich aber um: »Ich bin daran gewöhnt, o-Oberst-sama

»Und was ist, wenn es regnet, so wie heute Abend?« Tozawa strich sich mit dem Daumenknöchel über seinen Schnurrbart. Er machte eine kleine Bewegung mit seinem Kopf. »Sie werden nicht mehr zu Fuß den Hügel hinuntergehen. Von jetzt an werde ich einem meiner Männer sagen, dass er Sie nach Hause fahren soll. Er soll den Spähwagen nehmen.«

Lu See blinzelte ein paar Mal verwundert, bevor sie sich, die Hände flach auf ihre Oberschenkel gelegt, tief verbeugte.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, o-Oberst-sama, aber ich kann dieses Angebot wirklich nicht annehmen.«

»Sie müssen es annehmen. Ich werde die Wachposten über diese Neuerung informieren. Und jetzt räumen Sie den Tisch ab und bringen mir etwas von der Süßspeise, die Sie mir versprochen haben. Ich bin schon den ganzen Tag gespannt darauf, Ihren Kuchen zu probieren.«