Niemandes Sohn
20.6.
Es war eine ganz normale Tür.
Auch die Türschwelle war nicht auffällig, ebenso wenig wie der gewundene Tunnel dorthin. Wir waren durch verschiedene Tunnel gegangen, aus verwittertem Stein, geschichtetem Lehm, morschem Holz, durch Tunnel, die mal in diese, mal in jene Richtung führten. Sie waren so, wie man sich Tunnel vorstellt, feucht und dunkel und eng, weshalb ich mich an den Tag zurückversetzt fühlte, als Link und ich einem entlaufenen Hund bis in die Abwasserkanäle von Summerville gefolgt waren.
Das Merkwürdigste war wohl, wie wenig merkwürdig alles war. Nachdem wir das Geheimnis der Tunnel-Karte gelüftet hatten, war es nicht schwer gewesen, den Hinweisen zu folgen.
Bis jetzt.
»Das ist es. Hier sind wir richtig.« Liv blickte von der Karte auf.
Wir standen am Fuß einer Holztreppe. Am oberen Ende waren Lichtstrahlen zu sehen, die die Umrisse einer Tür bildeten. »Bist du sicher?«
Liv nickte und steckte die Karte ein.
»Dann sehen wir mal nach, was da draußen auf uns wartet«, sagte ich entschlossen.
»Nicht so eilig, Streichholz. Was denkst du, was hinter der Tür ist?« Ridley hielt mich zurück. Sie wirkte so nervös, wie ich mich fühlte.
Liv betrachtete die Tür nachdenklich. »Uralte Magie, wenn man den Mythen Glauben schenkt. Weder Licht noch Dunkel.«
Ridley schüttelte den Kopf. »Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst, Hüterin. Die uralte Magie ist wild. Und sie ist grenzenlos. Chaos in seiner reinsten Form. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen glücklichen Ausgang eures kleinen Abenteuers.«
Ich war die Treppe hochgegangen und stand jetzt direkt vor der Tür, Liv und Link warteten dicht hinter mir.
»Komm schon, Rid«, sagte Link ungeduldig. »Willst du Lena helfen oder nicht?« Seine Stimme hallte von den Wänden wider.
»Ich meine ja nur …«, murmelte Ridley, und ich hörte die Angst, die in ihrer Stimme mitschwang. Ich versuchte, nicht daran zu denken, dass ich Ridley das letzte Mal so eingeschüchtert erlebt hatte, als sie Sarafine Auge in Auge im Wald gegenübergestanden war.
Ich stemmte mich gegen die Tür; sie quietschte, aber das verwitterte Holz gab nach. Noch ein Stoß und sie würde aufgehen. Wir waren am Ziel, wo immer dieses Ziel auch sein mochte. Die Weltenschranke war nicht mehr fern.
Angst hatte ich keine, ich weiß selbst nicht, warum. Als ich die Tür schließlich aufstieß, dachte ich nicht darüber nach, dass ich im Begriff war, ein magisches Universum zu betreten. Ich dachte an zu Hause. Das Holz der Tür ähnelte dem des Tors, das wir auf dem Jahrmarktsplatz entdeckt hatten. Vielleicht war es ja ein Zeichen – etwas vom Anfang, das uns am Ende wieder begegnete. Die Frage war nur, ob es ein gutes oder ein schlechtes Omen war.
Im Grunde genommen war es egal, was auf der anderen Seite der Tür lag. Lena wartete, sie brauchte mich, auch wenn sie selbst es vielleicht gar nicht wusste. Es gab keinen Weg zurück.
Ich stemmte mich gegen die Tür und sie sprang auf. Der dünne Lichtstrahl, der durch die Ritzen fiel, verwandelte sich in eine blendend weiße Unendlichkeit.
Ich trat in das gleißende Licht und ließ die Dunkelheit hinter mir. Nur verschwommen sah ich die Stufen unter meinen Füßen. Ich sog die Luft tief ein. Sie schmeckte nach Salz und Meer.
Loca Silentia. Jetzt verstand ich, was damit gemeint war. Von dem Moment an, als wir aus der Dunkelheit der unterirdischen Tunnel in den weiten, ebenen Glanz des Wassers getreten waren, umgab uns nichts als Licht und Stille.
Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran. Wir standen an einem steinigen Strand des Küstentieflands, der von unregelmäßigen Palmenreihen gesäumt war. Graue und weiße Muscheln lagen überall verstreut. Ein verwitterter Holzsteg entlang der Küstenlinie bot einen Blick auf die vorgelagerten Inseln. Hier waren wir nun, wir vier, und lauschten. Eigentlich hätte man die Wellen oder den Wind, vielleicht auch eine Möwe am Himmel hören müssen. Aber die Stille war so undurchdringlich, dass wir verblüfft innehielten.
Die Landschaft war unspektakulär und überirdisch zugleich und so real wie ein besonders intensiver Traum. Die Farben waren zu bunt, das Licht zu hell. Und hinter dem Horizont war die Dunkelheit zu dunkel. Aber alles war irgendwie schön, sogar die Dunkelheit. Es war das überwältigende Gefühl des Augenblicks, das uns verstummen ließ. Ein Zauber entfaltete sich um uns herum, umschlang uns wie ein Band und knüpfte uns aneinander.
Ich ging zu dem Steg und im Dunstschleier tauchten in der Ferne die sanft geschwungenen Küsten der Sea Islands auf. Dahinter war nur dichter grauer Nebel. Im Wasser wuchs büschelweise Sumpfgras, die langen, flachen Flechten trieben träge in den schlammigen Ufertümpeln hin und her. Verfallene hölzerne Anlegestellen erstreckten sich weit in das reglos blaue Wasser, wo sie in der schwarzen Tiefe versanken. Wie verwitterte hölzerne Finger spreizten sie sich ins Meer, Brücken ins Nirgendwo.
Ich blickte hinauf zum Himmel. Kein einziger Stern war zu sehen. Liv überprüfte ihr Selenometer, dessen Zeiger aufgeregt tanzten. Sie klopfte mehrmals gegen ihre Monduhr. »Die Angaben sind völlig unbrauchbar. Wir sind jetzt ganz auf uns allein gestellt.« Sie nahm die Uhr ab und steckte sie in ihre Tasche.
»Ja, sieht ganz danach aus.«
»Und was jetzt?« Link hob mit seinem unversehrten Arm eine Muschel auf und schleuderte sie weit hinaus. Das Wasser verschluckte sie ohne jedes Geräusch. Neben ihm stand Ridley, ihre pinkfarbenen Strähnchen kräuselten sich im Wind. Am anderen Ende des Stegs direkt vor uns wehte die Flagge von South Carolina an einem dünnen Fahnenmast. Als ich die Fahne betrachtete, fiel mir auf, dass sie anders war als sonst üblich. Sie hatte zusätzlich einen siebenzackigen Stern neben der stilisierten Palme und der Mondsichel auf mitternachtsblauem Grund. Der Südstern. Er flatterte im Wind auf der Fahne, so als wäre er an dieser Stelle vom Himmel gefallen.
Falls hier wirklich die Nahtstelle war, an der sich die Welt der Sterblichen und die Welt des Magischen berührten, dann war davon jedenfalls nichts zu sehen. Ich hätte nicht genau sagen können, was ich mir erhofft hatte. Alles, was ich vorfand, waren ein Stern zu viel auf der Fahne von Carolina und Luft, so spürbar mit Magie erfüllt wie mit Meersalz.
Ich ging zu den anderen, die sich schon am Ende des Stegs befanden. Der Wind hatte aufgefrischt, und die Fahne flatterte am Mast, aber kein Laut war zu hören.
Liv warf einen Blick auf die Karte. »Wenn wir uns nicht geirrt haben, dann liegt die Schranke irgendwo zwischen uns und der Insel hinter dieser Boje.«
»Ich glaube, wir sind hier richtig.« Genau genommen war ich sogar absolut sicher, dass wir hier richtig waren.
»Woher weißt du das?«
»Du hast mir doch vom Südstern erzählt.« Ich zeigte auf die Flagge. »Überleg mal. Wenn man wie wir einem Stern den weiten Weg bis hierher gefolgt ist, dann ist der Stern auf der Fahne genau das Zeichen, das man erwartet. Es ist der Beweis, dass man am Ziel ist.«
»Natürlich. Der siebenzackige Stern«, sagte Liv und betrachtete die Fahne. Zum ersten Mal schien sie den Gedanken zuzulassen, dass es die Weltenschranke tatsächlich geben könnte.
Aber uns lief die Zeit davon, wir mussten weiter. »Okay, wonach genau suchen wir?«, überlegte ich laut. »Nach einem Stück Land? Oder nach etwas, das von Menschen gemacht ist?«
»Heißt das, wir sind noch gar nicht am Ziel?« Enttäuscht schob Link seine Gartenschere wieder in den Gürtel, die er am Tor vorsichtshalber hervorgeholt hatte.
»Ich glaube, wir müssen noch übers Wasser. Das ist auch logisch. Um zum Hades zu gelangen, muss man den Styx überqueren.« Liv strich die Karte mit der Hand glatt. »Wenn diese Zeichnung stimmt, dann suchen wir eine Art Verbindungsstück, das uns über das Wasser zur Weltenschranke führt. Vielleicht eine Sandbank oder eine Brücke.« Sie hielt das Pergament über die Karte.
Link nahm ihr beides aus der Hand. »Ja, jetzt sehe ich es auch. Irgendwie cool.« Er bewegte das Pergament über der Karte hin und her. »So sieht man’s, so sieht man’s nicht.« Ungeschickt ließ er die Karte fallen. Die Seiten klappten auf und die Karte segelte wie ein ungeordnetes Bündel Papier zu Boden.
Liv bückte sich und hob sie hastig auf. »Pass doch auf! Bist du übergeschnappt oder was?«
»Wenn du damit genial meinst, dann hast du recht«, sagte Link. Manchmal fragte ich mich, wie man immer so haarscharf aneinander vorbeireden konnte wie Link und Liv.
Liv verstaute Tante Prues Karte wieder und wir gingen weiter.
Ridley nahm Lucille auf den Arm und trug sie. Seit wir den Tunnel verlassen hatten, hatte Ridley kaum ein Wort gesagt. Jetzt wo man ihr die Krallen gezogen hatte, schätzte sie vielleicht die Gesellschaft von Lucille, vielleicht hatte sie aber auch einfach nur Angst. Wahrscheinlich wusste sie besser als wir alle, welche Gefahren auf uns warteten.
Das Bogenlicht in meiner Tasche wurde warm. Mein Herz klopfte, und die Welt um mich herum begann sich zu drehen.
Was stellte die Kugel mit mir an? Seit wir das Niemandsland betreten hatten, das die Landkarte Loca Silentia nannte, hatte das Licht aufgehört, uns den Weg zu weisen, und stattdessen die Vergangenheit beleuchtet. Macons Vergangenheit, um genau zu sein. Das Bogenlicht war zum Kanal meiner Visionen geworden, eine direkte Verbindung in eine andere Zeit, über die ich keinerlei Kontrolle hatte. Die Visionen kamen unregelmäßig, es waren zerstückelte Bilder aus Macons Leben, die unsere Gegenwart überlagerten.
Ein dürrer Palmwedel knackte unter Ridleys Sohlen, und schon wieder merkte ich, wie mein Bewusstsein schwand …
Macon spürte, wie seine Schulter knackte – es war der fürchterliche Schmerz, wenn Knochen brechen. Seine Haut spannte sich, als könne sie das, was sich in ihr verbarg, nicht länger zurückhalten. Die Luft wurde aus seinen Lungen gepresst, als würde ihn jemand zerquetschen. Alles verschwamm vor seinen Augen, er hatte das Gefühl, als ob er fiele, und durch den Sturz riss sein Fleisch auf.
Die Verwandlung.
Von nun an würde er nie mehr bei Tageslicht unter die Menschen treten können. Die Sonne würde das Fleisch von seinem Körper sengen. Und er würde fortan den Drang nach dem Blut der Sterblichen verspüren. Er war jetzt einer der Sippe, einer der vielen Blut-Inkubi in der langen Ahnenreihe von Mördern, die es im Stammbaum der Ravenwoods gab. Ein Raubtier, das sich mitten unter seiner Beute bewegte und nur darauf lauerte, ihr Blut zu saugen.
So schnell, wie die Vision gekommen war, so schnell war sie auch wieder verschwunden.
Mir war so schwindlig, dass ich gegen Liv stolperte. »Wir müssen weiter«, sagte ich benommen. »Die Dinge geraten immer mehr außer Kontrolle.«
»Was für Dinge denn?«
»Das Bogenlicht … die Bilder in meinem Kopf …« Ich konnte es einfach nicht besser erklären.
Liv nickte wissend. »Ich dachte mir schon, dass es schlimm für dich werden würde. Es war zu erwarten, dass ein Lotse heftiger auf einen derartig energiegeladenen Ort reagiert als andere, und erst recht jemand wie du, der eine so enge Verbindung zu Castern hat. Immer vorausgesetzt du bist tatsächlich …«
Immer vorausgesetzt ich war tatsächlich ein Lotse. Sie brauchte es nicht auszusprechen.
»Heißt das, du glaubst jetzt doch, dass es die Weltenschranke gibt?«
»Nein. Es sei denn …« Sie deutete auf einen Holzsteg, der ganz verfallen und verwittert war und sich viel weiter aufs Meer hinaus erstreckte als die anderen, so weit, dass man unmöglich erkennen konnte, wo er endete, weil er sich im Nebel aufzulösen schien. »Das könnte die Brücke sein, die wir suchen.«
»Sieht nicht gerade wie eine Brücke aus«, murmelte Link skeptisch.
»Es gibt nur eine Möglichkeit, es herauszufinden«, sagte ich und ging voraus.
Während wir unseren Weg zwischen vermoderten Brettern auf dem muschelübersäten Strand suchten, taumelte ich zwischen den verschiedenen Wirklichkeiten hin und her. Ich war hier und ich war doch nicht hier. Die Visionen kamen und gingen. Gerade noch hörte ich, wie Ridley und Link sich zankten, im nächsten Moment hüllte mich Dunst ein, und ich war wieder in Macons Vergangenheit. Ich nahm an, die Visionen sollten mir einen Hinweis geben, aber sie folgten jetzt so schnell aufeinander, dass ich sie nicht entschlüsseln konnte.
Ich musste an Amma denken. Sie hätte jetzt sicherlich gesagt: »Alles hat etwas zu bedeuten.« Und was hätte sie sonst noch gesagt?
V. O. R. A. H. N. U. N. G. Neun senkrecht. Sprich: Achte auf das Jetzt, Ethan Wate, denn es zeigt dir, was als Nächstes kommt.
Sie hatte wie immer recht – alles hatte etwas zu bedeuten, alles konnte uns eine Vorahnung von Künftigem geben. Die Art, wie Lena sich veränderte, hätte mir Hinweise geben können, wenn ich nur imstande gewesen wäre, sie zu verstehen. Und wieder blieb mir nichts anderes übrig, als die Schnipselchen meiner Visionen zusammenzufügen, um darin einen Sinn zu erkennen.
Aber ich kam nicht mehr dazu, denn als wir an der Brücke angelangt waren, überfiel es mich wieder. Der Holzsteg begann zu schwanken und die Stimmen von Ridley und Link schienen von ganz weit her zu kommen …
Im Zimmer war es dunkel, aber Macon brauchte kein Licht, um zu sehen. In den Regalen reihte sich ein Buch an das andere, ganz so wie in seiner Erinnerung. Es waren die unterschiedlichsten Werke zur amerikanischen Geschichte, besonders aber zu den beiden Kriegen, die dieses Land geprägt hatten – der Unabhängigkeitskrieg und der Bürgerkrieg. Macon strich mit dem Finger über die ledernen Buchrücken. Jetzt nutzten ihm diese Bücher nichts mehr.
Er kämpfte in einem ganz anderen Krieg. Es war ein Krieg unter Castern, der in seiner eigenen Familie tobte.
Er hörte Schritte von oben, dann das Geräusch des Halbmondschlüssels, der ins Schloss gesteckt wurde. Holz knarrte, ein Lichtstrahl drang herein, als sich die Luke an der Decke über ihm öffnete. Er wollte die Hand ausstrecken, ihr beim Herabsteigen helfen, aber er wagte es nicht.
Jahre waren vergangen, seit er sie zum letzten Mal gesehen oder berührt hatte.
Sie hatten sich nur in ihren Briefen getroffen oder zwischen den Buchdeckeln verständigt, mit Mitteilungen, die sie für ihn in den Tunneln hinterlegt hatte. Aber während dieser Zeit hatte er sie weder gesehen noch ihre Stimme gehört. Marian hatte darauf bestanden.
Sie stieg durch die Tür des Deckenverschlags und von oben fiel Licht in den Raum darunter. Macon stockte der Atem. Sie war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Eine rote Lesebrille hielt ihr glänzendes braunes Haar zurück. Sie lächelte.
»Jane.« So lange schon hatte er ihren Namen nicht mehr laut ausgesprochen. Er war wie eine schöne Melodie.
»So hat mich niemand mehr genannt, seit …« Sie senkte den Blick. »Ich nenne mich jetzt Lila.«
»Natürlich, das weiß ich ja.«
Lila war aufgeregt, ihre Stimme bebte, als sie sagte: »Es tut mir leid, dass ich einfach so hergekommen bin, aber es gab keinen anderen Weg.« Sie wich seinem Blick aus, es war ein schmerzliches Wiedersehen für sie beide. »Was ich dir sagen muss, konnte ich dir nicht einfach als Botschaft schicken oder als Notiz hier in deinem Arbeitszimmer hinterlegen.« Manchmal steckte Lila Mitteilungen zwischen die Seiten der Bücher, die sie für ihn dort deponierte. Es waren niemals persönliche Botschaften. Es ging immer um ihre Forschungen in der Lunae Libri – mögliche Antworten auf Fragen, die sie beide bewegten.
»Es ist schön, dich wiederzusehen.« Macon trat einen Schritt auf sie zu und Lila erstarrte. »Keine Sorge«, sagte er gekränkt. »Ich kann meinen Drang zügeln.«
»Das ist es nicht. Ich … ich hätte nicht herkommen dürfen. Ich habe Mitchell gesagt, dass ich noch bis spät nachts im Archiv zu tun hätte. Ich belüge ihn nicht gerne.« Natürlich. Sie fühlte sich schuldig. Sie war noch immer so aufrichtig, wie er sie in Erinnerung hatte.
»Wir sind in einem Archiv.«
»Haarspaltereien, Macon.«
Als er seinen Namen aus ihrem Mund hörte, holte er tief Luft. »Was ist so wichtig, dass du es wagst, zu mir zu kommen, Lila?«
»Ich bin auf etwas gestoßen, das dein Vater dir verheimlicht hat.«
Macons schwarze Augen wurden noch dunkler, als sie seinen Vater erwähnte. »Ich habe meinen Vater seit Jahren nicht gesehen. Nicht seit …« Er wollte es nicht laut aussprechen. Er hatte seinen Vater nicht mehr gesehen, seit Silas ihn dazu gebracht hatte, sich von Lila zu trennen. Silas mit seinen verqueren Ansichten, mit seiner Borniertheit, mit der er Sterblichen und Castern gleichermaßen begegnete. Aber von all dem sagte Macon nichts. Er wollte es ihr nicht noch schwerer machen. »Nicht seit der Verwandlung.«
»Es gibt etwas, das du wissen musst.« Lila sprach ganz leise, als könne man das, was sie zu sagen hatte, nur im Flüsterton ertragen. »Abraham lebt.«
Ihnen blieb keine Zeit zu reagieren. Sie hörten ein Sirren und dann nahm jemand in der Dunkelheit Gestalt an.
»Bravo. Sie ist schlauer, als ich dachte. Das also ist Lila.« Abraham klatschte laut Beifall. »Es war ein taktischer Fehler von mir, aber deine Schwester wird ihn mit Leichtigkeit korrigieren können. Meinst du nicht auch, Macon?«
Macon kniff die Augen zusammen. »Sarafine ist nicht meine Schwester.«
Abraham nestelte an den Schnüren seiner Schleife, die er um den Hemdkragen trug. Mit seinem weißen Bart und in seinem hellen Sonntagsanzug sah er eher wie ein vornehmer Südstaaten-Colonel aus und nicht wie das, was er wirklich war – ein Mörder.
»Aber, aber, kein Grund, ruppig zu werden. Schließlich ist Sarafine die Tochter deines Vaters. Es ist eine Schande, dass ihr beiden nicht miteinander auskommt.« Abraham ging lässig auf Macon zu. »Weißt du, ich habe immer gehofft, dass sich einmal eine Gelegenheit zu einem netten Plausch ergibt. Ich bin sicher, wenn wir erst miteinander gesprochen haben, dann wirst du verstehen, welchen Platz du in der Ordnung der Dinge innehast.«
»Ich kenne meinen Platz. Ich habe meine Wahl getroffen und mich schon vor langer Zeit dem Lichten verschrieben.«
Abraham lachte laut auf. »Als ob das möglich wäre. Du bist von Natur aus ein Dunkler Caster, ein Inkubus. Deine lächerliche Verbindung mit den Lichten Castern, die auf der Seite der Sterblichen stehen, ist völlig unangebracht. Du gehörst zu uns, zu deiner Familie.« Abraham richtete seinen Blick auf Lila. »Und wofür das alles? Für eine Sterbliche, mit der du niemals zusammen sein kannst. Für eine Frau, die mit einem anderen Mann verheiratet ist.«
Lila wusste, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Macon hatte seine Wahl nicht nur ihretwegen getroffen, sie war allenfalls einer der Gründe dafür. Sie blickte Abraham ins Gesicht und nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Wir werden einen Weg finden, um all dem ein Ende zu machen. Caster und Sterbliche sollten zu mehr in der Lage sein, als nur nebeneinanderher zu leben.«
Abrahams Miene veränderte sich. Sein Gesicht lief rot an und er sah mit einem Mal nicht mehr aus wie ein alternder Gentleman aus den Südstaaten. Das Lächeln, mit dem er Macon bedachte, war verschlagen und böse. »Dein Vater und Hunting – wir hatten gehofft, dass du so wirst wie wir. Ich habe Hunting gewarnt: Brüder sind oft eine Enttäuschung. Genau wie Söhne.«
Macon warf den Kopf herum. Sein Gesichtsausdruck glich nun dem Abrahams. »Ich bin niemandes Sohn.«
»Und ich kann es auf keinen Fall zulassen, dass du oder diese Frau sich in unsere Pläne einmischt. Es ist ein Unglück, in der Tat. Du hast dich von deiner Familie abgewandt, weil du dich in diese wertlose Sterbliche verliebt hast, und gerade darum wird sie sterben.« Abraham verschwand und nahm direkt vor Lila wieder Gestalt an. »Nun gut.« Er öffnete den Mund und entblößte seine blitzenden Zähne.
Lila schrie auf und hielt schützend die Arme vor den Kopf. Hilflos wartete sie auf den Biss, der niemals kam. Denn Macon hatte sich pfeilschnell zwischen sie und Abraham gestellt. Lila spürte sein Gewicht, als er sie packte und wegstieß. »Lila, lauf!«
Einen Augenblick lang war sie wie gelähmt. Die beiden Männer gingen in einer Heftigkeit aufeinander los, wie sie es noch nie erlebt hatte. Es klang, als würde sich die Erde selbst in Stücke reißen. Lila sah noch, wie Macon Abraham zu Boden schleuderte und aus tiefster Kehle einen lauten Schrei ausstieß, ehe sie davonrannte.
Der Himmel drehte sich um mich, so als hätte jemand die Rückspul-Taste gedrückt. Anscheinend sagte Liv gerade etwas zu mir, denn ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten, aber ich verstand die Worte nicht.
Ich schloss die Augen. Abraham hatte meine Mutter umgebracht. Auch wenn sie von Sarafines Hand gestorben war, so hatte doch Abraham den Befehl dazu gegeben, davon war ich überzeugt.
»Ethan? Hörst du mich?« Livs Stimme klang panisch.
»Mir geht’s gut.« Alle drei starrten erschrocken auf mich herab. Lucille saß mitten auf meiner Brust und ich lag ausgestreckt auf dem morschen Steg. Langsam richtete ich mich auf.
»Gib her.« Liv wollte mir das Bogenlicht aus der Hand nehmen. »Es funktioniert als eine Art metaphysische Verbindungsleitung. Es macht mit dir, was es will.«
Ich ließ die Kugel nicht los. Ich durfte diese Verbindung nicht abbrechen lassen.
»Sag mir wenigstens, was passiert ist. Wer war es? Abraham oder Sarafine?« Liv legte mir die Hand auf die Schulter.
»Ich möchte jetzt nicht darüber sprechen.«
Link musterte mich besorgt. »Alles okay, Mann?«
Ich blinzelte ein paarmal; ich hatte das Gefühl, als läge ich unter Wasser und sähe die anderen durch die gekräuselte Oberfläche hindurch. »Ja, alles okay.«
Ridley stand ein paar Schritte entfernt und wischte sich die Hand an ihrem Rock ab. »Berühmte letzte Worte.«
Liv hob ihren Rucksack auf und ließ den Blick über den langen Holzsteg schweifen, der erst am Horizont zu enden schien. Ich stand auf und stellte mich neben sie.
»Hier ist es«, sagte ich zu Liv. »Ich fühle es.«
Ich zitterte. Ebenso wie sie auch.