Unter dem Papier

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14.6.

»Das alles?« Auf dem Tisch mit den auszuliefernden Büchern lagen drei in braunes Papier eingeschlagene Pakete. Marian drückte gerade dem letzten den STADTBIBLIOTHEK-GATLIN-Stempel auf, der auf keinen Fall fehlen durfte. Zweimal wurde jedes Paket gestempelt und stets mit einer weißen Schnur verschnürt.

»Nein, diesen Stapel dort auch noch.« Sie zeigte auf einen zweiten Stapel, der neben dem Tisch auf einem Rollwagen lag.

»Ich dachte, niemand in dieser Stadt liest.«

»Oh doch. Die Leute lesen schon, sie wollen nur nicht, dass andere wissen, was sie lesen. Deshalb tauschen wir unsere Bücher nicht nur mit anderen Bibliotheken aus, sondern liefern auch ins Haus. Nur Bücher aus dem Freihandbestand. Mit zwei, drei Tagen Bearbeitungszeit natürlich.«

Großartig. Ich getraute mich nicht zu fragen, was in den braunen Bücherpaketen war, und ich wollte es eigentlich auch gar nicht wissen. Ich hob eines der Pakete auf und stöhnte. »Was ist da drin? Lexika?«

Liv nahm den dazugehörigen Bestellschein in die Hand. »Ja. Das Große Lexikon der Munition, um genau zu sein.«

Marian scheuchte uns mit einer Handbewegung zur Tür hinaus. »Du gehst mit, Liv. Du hattest ja noch gar keine Gelegenheit, unsere nette kleine Stadt anzuschauen.«

»Damit kann ich leben.« Liv seufzte und zog den Rollwagen zur Tür. »Komm schon, Herkules. Ich helfe dir beim Aufladen. Wir können doch die Damen von Gatlin nicht auf …«, sie warf einen Blick auf einen Leihschein, »… Caroliner Kuchendoktors Kochbuch warten lassen. Bist du so weit?«

»Carolina«, verbesserte ich automatisch.

»Hab ich doch gesagt.«

Zwei Stunden später hatten wir die meisten Bücher ausgeliefert und waren sowohl an der Jackson High als auch am Stop&Steal vorbeigefahren. Als wir das Kriegsdenkmal auf dem General’s Green umrundeten, wurde mir klar, warum Marian so versessen darauf gewesen war, dass ich in der Bibliothek arbeitete, obwohl sie fast nie Besucher hatte und gar keine Aushilfe im Sommer brauchte. Sie hatte von vornherein geplant, dass ich als Gleichaltriger den Fremdenführer für Liv spielen würde. Es war mein Job, ihr den See und das Dar-ee Keen zu zeigen und ihr zu erklären, was die Gatliner wirklich meinten, wenn sie etwas sagten. Es war mein Job, ihr Freund zu sein.

Ich fragte mich, was Lena davon halten würde. Falls sie es überhaupt zur Kenntnis nahm.

»Ich verstehe immer noch nicht, warum hier, mitten in der Stadt, die Statue eines Generals aus einem Krieg steht, den der Süden verloren hat und der für euer Land noch immer beschämend ist.« Natürlich verstand sie das nicht.

»Hierzulande hält man die Gefallenen in Ehren. Sie haben sogar ein eigenes Museum.« Dass es vor ein paar Monaten auch der Schauplatz des Selbstmordversuchs meines Vaters gewesen war, in den ihn Ridley getrieben hatte, sagte ich natürlich nicht.

Ich saß am Steuer des Volvo und warf Liv von der Seite einen Blick zu. Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, wann zum letzten Mal ein Mädchen außer Lena auf dem Beifahrersitz gesessen hatte.

»Du bist ein grottenschlechter Fremdenführer.«

»Das ist eben Gatlin. Hier gibt’s nicht viel zu sehen.« Ich schaute in den Rückspiegel. »Oder zumindest nicht viel, das ich dir zeigen möchte.«

»Was meinst du damit?«

»Ein guter Fremdenführer weiß, was er zeigt und was er besser nicht zeigt.«

»Ich muss mich korrigieren. Du bist ein grottenschlechter Fremdenirreführer.« Sie zog ein Gummiband aus ihrer Tasche.

»Also bin ich so etwas wie ein Ent-Führer?« Es war ein dämlicher Witz, eine Spezialität von mir.

»Im Großen und Ganzen überzeugen mich weder deine Kalauer noch deine Fremdenführer-Philosophie.« Sie flocht ihre blonden Haare zu zwei Zöpfen, von der Hitze waren ihre Wangen gerötet. Sie war nicht an die Schwüle hier in South Carolina gewohnt.

»Was willst du denn sehen? Sollen wir hinter der alten Baumwollspinnerei neben der Route 9 auf Blechdosen schießen? Oder Pennys auf die Eisenbahnschienen legen, damit sie platt gedrückt werden? Oder den Fliegen folgen bis zum Essen-auf-eigene-Gefahr-Dreckloch, das wir Dar-ee Keen nennen?«

»Ja. Am besten alles davon, aber besonders das Letzte. Ich bin nämlich am Verhungern.«

Liv legte den letzten Leihschein auf eines von zwei Häufchen vor sich auf dem Tisch. »… sieben, acht, neun. Das heißt, ich habe gewonnen und du hast verloren. Nimm die Finger weg von diesen Chips, die gehören jetzt mir.« Sie zog meine Chili-Pommes auf ihre Seite des roten Plastiktisches.

»Chips? Du meinst Fritten.«

»Egal, bei Wettschulden verstehe ich keinen Spaß.«

Auf ihrer Seite des Tisches befanden sich schon Zwiebelringe, ein Cheeseburger, Ketchup, Mayonnaise und mein gesüßter Tee. Ich wusste genau, welche Seite des Tisches meine und welche ihre war, denn Liv hatte mit Pommes eine Linie wie die Chinesische Mauer zwischen unseren Hälften gezogen.

»Gute Zäune, gute Nachbarn.«

Das kam in einem Gedicht vor, das wir einmal in der Schule gelernt hatten. »Walt Whitman.«

Sie schüttelte den Kopf. »Robert Frost. Finger weg von meinen Zwiebelringen.«

Das Gedicht hätte ich kennen müssen. Wie oft hatte Lena Frosts Gedichte zitiert oder sie in ihre eigenen verwoben.

Wir waren zum Mittagessen ins Dar-ee Keen gegangen; es lag an der Straße, in der wir die beiden letzten Päckchen abgeliefert hatten – an Mrs Ipswich (Schritt für Schritt zum geregelten Stuhlgang) und an Mr Harlow (Die beliebtesten Pin-up-Girls im Zweiten Weltkrieg), dessen Bestellung wir seiner Frau geben mussten, weil er selbst nicht zu Hause war. Da erst verstand ich, weshalb die Bücher in braunes Papier eingeschlagen waren.

»Ich komm einfach nicht darüber hinweg.« Ich zerknüllte meine Papierserviette. »Wer hätte gedacht, dass es in Gatlin so romantisch zugeht?« Ich hatte gewettet, dass sich vor allem Erbauungsliteratur in den Päckchen befand, Liv hatte gewettet, dass es Liebesgeschichten waren. Ich hatte verloren – acht gegen neun.

»Nicht nur romantisch, sondern romantisch und rechtschaffen. Eine wundervolle Mischung, so …«

»Scheinheilig?«

»Ganz und gar nicht. Ich wollte sagen: amerikanisch. Ist dir aufgefallen, dass wir Was die Bibel sagt und Köstlich-göttliche Delilah im selben Haus abgegeben haben?«

»Ich dachte, es sei ein Kochbuch.«

»Wenn Delilah schärfer ist als diese Chili-Chips, dann ja.« Sie fuchtelte mit einem Pommesstäbchen in der Luft herum.

»Fritten.«

»Genau.«

Ich wurde sogar jetzt noch rot, als ich daran dachte, wie Mrs Lincoln vor Scham fast im Boden versunken war, als wir die Bücher bei ihr abgaben. Ich hatte darauf verzichtet, Liv zu erklären, dass die große Verehrerin von Delilah die Mutter meines besten Freundes und die gnadenlos rechtschaffenste Frau in der ganzen Stadt war.

»Du magst das Dar-ee Keen also?«, wechselte ich das Thema.

»Ich bin ganz verrückt danach.« Liv biss in ihren Cheeseburger, der so groß war, dass selbst Link seine Probleme damit gehabt hätte. Dabei war ich Zeuge gewesen, wie sie bereits mehr verdrückt hatte als jeder Spieler einer Basketball-Auswahlmannschaft. Ihr schien es völlig egal zu sein, was ich von ihr dachte, was wirklich sehr entspannend war. Besonders weil alles, was ich in letzter Zeit gemacht hatte, in Lenas Augen falsch gewesen war.

»Und was würde ich unter deinem braunen Packpapier vorfinden? Erbauliche Bücher, Liebesromane oder beides?«

»Gute Frage.« Ich hatte so viele Geheimnisse, dass ich selbst schon nicht mehr wusste, wohin damit, aber ich wollte keines davon preisgeben.

»Ach komm schon. Jeder hat Geheimnisse.«

»Nicht jeder«, log ich.

»Unter deinem Papier versteckt sich gar nichts?«

»Nö. Vielleicht noch mehr Papier.« In gewisser Hinsicht wünschte ich mir sogar, dass es stimmte.

»Also bist du wie eine Zwiebel?«

»Nein, eher eine stinknormale, alte Kartoffel.«

Sie nahm ein Pommesstäbchen und betrachtete es. »Ethan Wate ist keine stinknormale alte Kartoffel. Sie, Sir, sind eine Fritte.« Lächelnd schob sie sie sich in den Mund.

Lachend stimmte ich ihr zu. »Gut, dann bin ich eben eine Fritte. Aber bei mir ist nichts unter braunem Papier versteckt. Da gibt es nichts zu erzählen.«

Liv rührte mit einem Strohhalm ihren süßen Tee um. »Jede Wette, du stehst auf der Warteliste für die Köstlich-göttliche Delilah.«

»Du hast mich ertappt.«

»Ich kann dir nichts versprechen, aber unter uns, ich kenne die Bibliothekarin. Ziemlich gut sogar.«

»Das heißt, ich rücke auf der Warteliste weiter nach oben?«

»Bei mir bist du die Nummer eins, Süßer.« Liv fing an zu lachen und ich lachte mit. Der Umgang mit ihr war unkompliziert, so als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen. Ich amüsierte mich, aber als ich zu lachen aufhörte, fühlte ich mich plötzlich schuldig. Wie bescheuert kann man eigentlich sein?

Sie machte sich wieder über ihre Fritten her. »Irgendwie ist diese ganze Heimlichtuerei doch romantisch, findest du nicht?«

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Die Heimlichtuerei hier ging weiter als anderswo.

»In der Stadt, in der ich wohne, ist die Kneipe in derselben Straße wie die Kirche, und die ganze Gemeinde marschiert nach dem Gottesdienst direkt in den Pub. Manchmal essen wir sonntags sogar dort.«

Ich lächelte. »Es schmeckt bestimmt köstlich-göttlich.«

»Vielleicht nicht ganz so scharf wie hier. Und die Getränke sind nicht ganz so kalt.« Sie zeigte mit einer Pommes auf ihren Tee. »Eis ist etwas, das die Erde bedeckt, es gehört nicht ins Glas.«

»Hast du etwas auszusetzen an dem berühmten Gatliner süßen Tee?«

»Tee sollte heiß sein, mein Herr. Mit heißem Wasser frisch aufgebrüht.«

Ich stibitzte eine Pommes und zeigte damit auf ihren Tee. »Nun, Ma’am, für einen strenggläubigen Baptisten aus dem Süden ist das alles Teufelszeug.«

»Weil es kalt ist?«

»Weil es Tee ist. Koffein ist verboten.«

Liv machte ein entsetztes Gesicht. »Dieses Land werde ich nie verstehen.«

Ich stibitzte noch eine Pommes. »Womit wir beim Thema Blasphemie wären. Du warst nicht dabei, als Millies Breakfast ’n’ Biscuits drüben an der Hauptstraße damit angefangen hat, aufgebackene Brötchen aus Tiefkühlteig zu verkaufen. Meine Großtanten, die Schwestern, hat fast der Schlag getroffen, beinahe hätten sie den ganzen Laden in Schutt und Asche gelegt. Da sind Stühle geflogen, sag ich dir.«

»Sind sie Nonnen?« Liv legte einen Zwiebelring zwischen die Hälften ihres Cheeseburgers.

»Wer?«

»Die Schwestern.« Noch einen Zwiebelring.

»Nein. Sie sind wirklich Schwestern.«

»Verstehe.« Sie legte die Hälften des Cheeseburgers wieder zusammen.

»Das bezweifle ich.«

Sie nahm den Burger und biss hinein. »Ertappt.« Wir fingen wieder an zu lachen, deshalb hörte ich auch nicht, wie Mr Gentry hinter uns auftauchte.

»Habt ihr genug zu essen?«, fragte er und wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab.

Ich nickte. »Ja, Sir.«

»Wie geht’s deiner Freundin?« Er fragte so, als hoffte er, ich sei inzwischen zur Vernunft gekommen und hätte Lena zum Teufel gejagt.

»Ähm, gut, Sir.«

Er nickte enttäuscht und ging wieder zum Tresen zurück. »Sag Amma einen schönen Gruß von mir.«

»Ich nehme an, er mag deine Freundin nicht.« Es war eine Frage, aber ich wusste Liv nichts darauf zu antworten. War ein Mädchen noch deine Freundin, wenn es mit einem anderen davonfuhr? »Wenn ich mich nicht täusche, hat Professor Ashcroft sie mal erwähnt.«

»Lena. Meine … sie heißt Lena«, sagte ich und hoffte, dass man mir nicht ansah, wie unbehaglich ich mich fühlte. Aber Liv schien nichts zu bemerken.

Sie nippte an ihrem Tee. »Wahrscheinlich treffe ich sie demnächst mal in der Bibliothek.«

»Ich weiß nicht, ob sie in die Bibliothek kommen wird. In letzter Zeit sind die Dinge ein bisschen … schwierig.« Ich wusste selbst nicht, warum ich das sagte. Ich kannte Liv ja kaum. Aber es tat gut, es einmal laut auszusprechen. Mein Magen entkrampfte sich ein wenig.

»Ich bin sicher, alles wird gut. Zu Hause hab ich mich auch ständig mit meinem Freund gestritten«, sagte Liv unbeschwert; offenbar wollte sie, dass ich mich wieder besser fühlte.

»Wie lange seid ihr denn schon zusammen?«

Liv fuchtelte in der Luft herum und die merkwürdige Uhr schlackerte an ihrem Handgelenk. »Ach, wir haben uns getrennt. Er war ein Idiot. Ich glaube, es hat ihm nicht gepasst, dass seine Freundin schlauer ist als er.«

Ich wollte nicht mehr über Freundinnen und Exfreundinnen reden. »Wozu ist dieses Ding eigentlich gut?« Ich nickte in Richtung Uhr oder was auch immer es war.

»Das?« Liv streckte den Arm über den Tisch, damit ich die klobige schwarze Uhr besser sehen konnte. Sie hatte drei Skalen und eine dünne silberne Nadel, die auf einem Rechteck mit lauter Zickzacklinien angebracht war. Das Ding sah aus wie einer dieser Apparate, mit denen man die Stärke von Erdbeben misst. »Das ist ein Selenometer.«

Ich sah Liv verständnislos an.

»Von Selene, der griechischen Göttin des Mondes. Und Metron heißt Maß im Griechischen.« Sie lächelte. »Dein Griechisch ist wohl etwas eingerostet?«

»Kann man so sagen.«

»Das Selenometer misst die Anziehungskraft des Mondes.« Sie drehte vorsichtig an einem Rädchen. Auf der Anzeige erschienen Zahlen.

»Warum interessierst du dich für die Anziehungskraft des Mondes?«

»Ich bin Hobby-Astronomin und am meisten fasziniert mich der Mond. Er übt eine unglaubliche Wirkung auf die Erde aus. Du weißt schon, Gezeiten und so. Deshalb habe ich das Selenometer gebaut.«

Fast hätte ich meine Cola wieder ausgespuckt. »Du hast es gebaut? Im Ernst?«

»Schau nicht so beeindruckt. So schwierig war das gar nicht.« Liv wurde rot, ich hatte sie verlegen gemacht. Sie nahm noch eine Fritte. »Diese Chips sind wirklich hervorragend.«

Ich versuchte, mir vorzustellen, wie Liv in der englischen Variante des Dar-ee Keen saß und über einem Berg von Pommes die Anziehungskraft des Mondes ausrechnete. Es war schöner, als sich Lena auf dem Sitz von John Breeds Harley vorzustellen. »Erzähl mir von deinem Gatlin. Wo man die Pommes beim falschen Namen nennt.« Ich war niemals weiter als bis nach Savannah gekommen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie es war, in einem anderen Land zu leben.

»Mein Gatlin?« Die roten Flecken in ihrem Gesicht verschwanden allmählich.

»Wo du herkommst.«

»Ich komme aus einer Stadt nördlich von London, aus Kings Langley.«

»Noch nie gehört.«

»Das liegt in Herfordshire.«

»Sagt mir immer noch nichts.«

Sie biss in ihren Cheeseburger. »Vielleicht hilft dir das weiter: Es ist der Ort, in dem Ovomaltine erfunden wurde. Du weißt schon, das Getränk?« Sie seufzte. »Du rührst das Pulver in Milch und dann wird ein Kakao mit Malzgeschmack daraus.«

Ich riss die Augen auf. »Meinst du Schokomilch? So was wie Nesquik?«

»Genau. Es schmeckt toll. Du solltest es mal probieren.«

Ich lachte in mein Colaglas und der Inhalt spritzte auf mein verwaschenes Atari-T-Shirt. Das Ovomaltine-Mädchen trifft den Nesquik-Jungen. Ich hätte es am liebsten Link erzählt, aber er hätte garantiert die falschen Schlüsse gezogen.

Obwohl ich sie erst seit ein paar Stunden kannte, hatte ich eindeutig das Gefühl, dass wir Freunde waren.

»Was machst du, wenn du keine Ovomaltine trinkst oder wissenschaftliche Messgeräte herstellst, Olivia Durand aus Kings Langley?«

Sie zerknüllte das Papier, in das ihr Cheeseburger eingewickelt war. »Lass mich nachdenken. Eigentlich verbringe ich die meiste Zeit damit, zu lesen und in die Schule zu gehen. Meine Schule ist in Harrow. Nicht zu verwechseln mit dem Jungeninternat.«

»Harrow? Klingt wie Horror.«

Sie rümpfte die Nase. »Du lässt wohl keinen schlechten Witz aus, was?«

»Und? Stimmt es denn?«

»Was?«

»Ist die Schule in Harrow der Horror?«

»Nein, ist sie nicht. Jedenfalls nicht für mich.«

»Warum nicht?«

»Na ja, das liegt wohl daran, dass ich ein Genie bin.« Sie sagte das ganz trocken, als würde sie mir gerade erklären, dass sie blonde Haare hatte und aus Großbritannien kam.

»Und warum bist du ausgerechnet in unsere Stadt gekommen? Gatlin ist nicht gerade ein Mekka für Genies.«

»Ich nehme an einem Akademischen Austauschprogramm für Hochbegabte zwischen der Duke University und meiner Schule teil. Gibst du mir mal die Mayonnaise?«

»Mann-naise«, sagte ich betont langsam, um ihr zu demonstrieren, wie wir es aussprechen.

»Hab ich doch gesagt.«

»Aber warum hat dich die Duke University nach Gatlin geschickt? Du hättest auch Kurse am College in Summerville belegen können.«

»Nein, Dummerchen. Hier kann ich mit der Betreuerin meiner Abschlussarbeit zusammenarbeiten, mit der berühmten Professor Dr. Marian Ashcroft, die wirklich ihresgleichen sucht.«

»Und worüber geht deine Abschlussarbeit?«

»Über Brauchtum und Mythologie und ihre Bedeutung für die Einheit der Nation nach dem Bürgerkrieg.«

»Die meisten Leute hier nennen ihn immer noch den Krieg zwischen den Staaten«, sagte ich.

Sie lachte entzückt. Schön, wenn sie das lustig fand; für mich war es einfach nur peinlich. »Stimmt es, dass die Leute hier im Süden manchmal die alten Bürgerkriegsuniformen anziehen und die Schlacht zum Spaß nachspielen?«

Ich stand auf. Wenn ich so etwas sagte, war es eine Sache. Etwas anderes war es, das von Liv zu hören. »Ich denke, wir sollten jetzt gehen. Wir müssen noch Bücher ausliefern.«

Liv nickte und nahm ihre Pommes. »Die können wir aber nicht hier liegen lassen. Lucille wird sich darüber freuen.«

Ich ersparte ihr den Hinweis, dass Amma Lucille mit Brathähnchen verwöhnte und ihr die Auflaufreste auf einem eigens für die Katze reservierten Porzellanteller servierte, wie die Schwestern es ihr nahegelegt hatten. Nie und nimmer würde Lucille fettige Pommes zu sich nehmen. Lucille war eine sehr spe-zi-elle Katze, wie die Schwestern sagen würden. Aber immerhin schien sie Lena zu mögen.

Als wir zur Tür gingen, fiel mein Blick durch die fettverschmierten Fensterscheiben auf ein Auto. Einen schwarzen Sportwagen. Er wendete am Rand des geschotterten Parkplatzes.

Sie fuhr also absichtlich nicht an uns vorbei.

Na toll.

Ich stand da und sah zu, wie der Wagen reifenquietschend in die Dove Street einbog.

In dieser Nacht lag ich in meinem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte an die blau gestrichene Decke. Vor ein paar Monaten hatte ich es auch so gemacht, damals waren Lena und ich in unseren Schlafzimmern gelegen, sie in Ravenwood Manor, ich in Wates Landing, und hatten gelesen, geredet, gelacht. Damals und noch viele Abende danach. Ich war es gar nicht mehr gewöhnt, ohne sie einzuschlafen.

Ich drehte mich auf die Seite und betrachtete mein altes, ramponiertes Handy. Seit Lenas Geburtstag funktionierte es nicht mehr richtig, aber wenigstens klingelte es, wenn jemand anrief. Wenn jemand anrief.

Was Lena garantiert nicht tun würde. Bisher hatten wir auch nie ein Telefon gebraucht.

Ich lag da und kam mir vor, als wäre ich wieder sieben Jahre alt. Damals hatte ich jedes Puzzle in meinem Zimmer in ein einziges Riesendurcheinander verwandelt. Meine Mutter hatte sich dann immer zu mir auf den Fußboden gesetzt und mir dabei geholfen, aus diesem Durcheinander ein Bild zu machen. Aber ich war kein Kind mehr und meine Mutter war tot. Ich drehte und wendete die Puzzleteile in meinen Gedanken, aber sie fügten sich zu keinem Bild zusammen. Das Mädchen, in das ich mich wie verrückt verliebt hatte, liebte ich immer noch wie verrückt. Daran hatte sich nichts geändert. Aber jetzt hatte dieses Mädchen, das ich wie verrückt liebte, Geheimnisse vor mir und weigerte sich, mit mir zu sprechen.

Und dann waren da noch diese Visionen.

Abraham Ravenwood, ein Blut-Inkubus, der seinen eigenen Bruder auf dem Gewissen hatte, kannte meinen Namen und konnte mich sehen. Ich musste herausfinden, wie diese Teile zusammenpassten, welches Muster sie ergaben. Ich konnte das Puzzle nicht mehr in den Karton zurücklegen. Dazu war es zu spät. Ich wünschte, jemand würde kommen und mir nur eine einzige richtige Stelle in diesem Puzzle zeigen.

Gedankenversunken stand ich auf und öffnete das Fenster. Ich beugte mich hinaus und atmete tief durch. Plötzlich hörte ich Lucilles unverkennbares Miauen. Amma hatte bestimmt vergessen, sie wieder ins Haus zu lassen. Ich wollte gerade rufen, dass ich runterkäme, als ich die beiden entdeckte. Unter meinem Fenster, in einer Ecke der Veranda, saßen Lucille Ball und Boo Radley Seite an Seite im Mondlicht.

Boo klopfte mit dem Schwanz auf den Boden und Lucille antwortete mit einem Miauen. Sie saßen einträchtig nebeneinander, schwanzwedelnd und miauend, und unterhielten sich so gesittet und manierlich wie zwei ehrbare Einwohner der Stadt. Ich wusste nicht, worüber sie tratschten, aber es musste etwas Wichtiges sein. Ich legte mich wieder ins Bett, hörte der seltsamen Unterhaltung zwischen Macons Hund und der Katze der Schwestern zu, und irgendwann schlief ich ein.