Narben
19.6.
»Ich muss dir etwas sagen.« Amma rang nervös die Hände. »Es geht um die Nacht des Sechzehnten Mondes, um Lenas Geburtstag.«
Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass sie mit mir sprach. Ich starrte immer noch in die Mitte des Kreises, wo vor wenigen Augenblicken noch meine Mutter gewesen war.
Diesmal hatte sie mir ihre Botschaften nicht in Büchern oder Liedzeilen mitgeteilt. Diesmal war sie selbst gekommen.
»Sag’s dem Jungen endlich.«
»Psst, Twyla.« Arelia legte ihrer Schwester die Hand auf den Arm.
»Lügen. Wo Lügen sind, wuchert das Dunkle. Sag’s dem Jungen. Jetzt sofort.«
»Wovon redet ihr?« Mein Blick glitt zwischen Twyla und Arelia hin und her. Amma sah die beiden missbilligend an, woraufhin Twyla so energisch den Kopf schüttelte, dass ihre perlengeschmückten Zöpfe nur so flogen.
»Hör mir zu, Ethan Wate.« Ammas Stimme klang rau und brüchig. »Du bist nicht vom Dach der Gruft gefallen, jedenfalls nicht so, wie wir es dir erzählt haben.«
»Wie bitte?« Was redete sie denn da für wirres Zeug? Wieso kam sie ausgerechnet jetzt auf Lenas Geburtstag zu sprechen, wo ich gerade erst den Geist meiner verstorbenen Mutter gesehen hatte?
»Du bist nicht runtergefallen, hörst du?«, wiederholte sie.
»Was soll das? Natürlich bin ich runtergefallen. Ich bin auf der Erde wieder aufgewacht, ich lag flach auf dem Rücken.«
»Aber so war es nicht.« Amma zögerte einen Augenblick. »Es war Lenas Mutter. Sarafine hat dich mit einem Messer erstochen.« Amma sah mich eindringlich an. »Sie hat dich getötet. Du warst tot und wir haben dich ins Leben zurückgeholt.«
Sie hat dich getötet.
In Gedanken wiederholte ich die Worte – und dann passte plötzlich alles zusammen, die Teile fügten sich ineinander, und zwar so rasend schnell, dass ich fast nicht mitkam …
… der Traum, der gar kein Traum gewesen war, sondern die Erinnerung daran, wie ich nicht geatmet und nichts gefühlt und nichts gedacht und nichts gesehen hatte …
… der Schmutz und die Flammen, die meinen Körper hinwegtrugen, als mein Leben verlosch …
»Ethan! Ist alles in Ordnung mit dir?« Ich hörte Amma, aber sie war weit weg, so weit wie in jener Nacht, als ich auf der Erde gelegen war.
Ich könnte jetzt unter der Erde liegen, so wie meine Mom und Macon.
Ich müsste es sogar.
»Ethan?« Link schüttelte mich.
Empfindungen stiegen in mir hoch, die ich nicht beherrschen konnte und an die ich mich nicht erinnern wollte. Der Geschmack von Blut in meinem Mund, Blut, das in meinen Ohren toste …
»Er wird ohnmächtig.« Liv stützte meinen Kopf.
Ich hatte Schmerz verspürt und Lärm gehört und noch etwas. Da waren Stimmen. Undeutliche Gestalten. Menschen.
Ich war gestorben.
Ich griff unter mein T-Shirt und fuhr mit der Hand über die Narbe auf meinem Bauch. Die Narbe, die von dem Messer stammte, mit dem Sarafine mich erstochen hatte. Ich hatte sie fast schon vergessen, aber von jetzt an würde sie mich für immer an die Nacht erinnern, in der ich gestorben war. Ich dachte an Lenas Reaktion, als ich ihr die Narbe gezeigt hatte.
»Du bist immer noch der Gleiche und Lena liebt dich noch immer. Ihre Liebe ist der Grund, weshalb wir hier zusammengekommen sind.« Arelias Stimme war sanft und verständnisvoll. Ich öffnete die Augen, und während ich langsam wieder zu mir kam, wurden die verworrenen Schatten wieder zu Menschen.
In meinem Kopf ging alles drunter und drüber, ich verstand rein gar nichts. »Wieso ist ihre Liebe der Grund, weshalb wir hier sind?«
Amma sprach leise, ich musste mich anstrengen, um sie zu verstehen. »Lena hat dich ins Leben zurückgeholt. Ich habe ihr dabei geholfen, zusammen mit deiner Mutter.«
Ich begriff nicht, was sie da sagte, deshalb versuchte ich, Wort für Wort den Sinn zu erfassen. Lena, Amma und meine Mutter hatten mich gemeinsam aus dem Tod zurückgeholt. Lena und Amma hatten es bis zum heutigen Tag vor mir verheimlicht. Ich betastete die Narbe. Sie fühlte sich an, als ob jedes Wort stimmte, was Amma gesagt hatte.
»Seit wann weiß Lena, wie man Tote auferweckt? Wenn sie das könnte, meinst du nicht, sie hätte Macon schon längst zurückgeholt?«
Amma sah mich an. Ich hatte sie noch nie so verzagt erlebt. »Sie hat es nicht aus eigener Kraft gemacht. Sie hat den Bann aus dem Buch der Monde benutzt. Der Bann, der das Leben über den Tod siegen lässt.«
Lena hatte das Buch der Monde zu Hilfe genommen. Das Buch, das Genevieve und Lenas gesamte Familie auf Generationen hinaus dazu verdammt hatte, dass alle an ihrem sechzehnten Geburtstag berufen wurden, unwiderruflich entweder Licht oder Dunkel zu werden. Das Buch, mit dem Genevieve Ethan Carter Wate – wenn auch nur für eine Sekunde lang – vom Tod ins Leben zurückgeholt hatte; eine Tat, für die sie ihr ganzes restliches Leben büßen musste.
Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Mein Verstand ließ mich erneut im Stich, ich begriff mich selbst nicht mehr. Genevieve. Lena. Der Preis, der zu bezahlen war.
»Wie konntet ihr das nur tun?« Ich wich vor ihnen und ihrem Beschwörungszirkel zurück. Ich hatte genug heraufbeschworen.
»Sie hatte keine andere Wahl. Sie konnte dich nicht einfach gehen lassen.« Amma blickte mich schuldbewusst an. »Und ich auch nicht.«
Ich schüttelte den Kopf und rückte weiter von ihnen ab. »Das ist gelogen. Das würde sie nie tun.« Aber es stimmte nicht. Genau das würde sie tun, beide würden sie es tun. Ich wusste es, weil ich es genauso gemacht hätte.
Aber es spielte keine Rolle mehr.
In meinem ganzen Leben war ich noch nie so wütend auf Amma gewesen und so enttäuscht. »Du hast genau gewusst, dass man von dem Buch nichts umsonst bekommt. Du selbst hast es mir gesagt.«
»Ja, mein Junge.«
»Lena wird dafür bezahlen müssen, und das nur meinetwegen. Ihr beide werdet dafür bezahlen müssen.« Ich hatte das Gefühl, mein Kopf würde gespalten oder explodieren.
Eine verstohlene Träne lief über Ammas Wange. Sie legte zwei Finger auf die Stirn und schloss die Augen. Es war ihre Art, sich zu bekreuzigen und ein stilles Gebet zu sprechen. »Sie bezahlt ihn bereits, in diesem Augenblick.«
Mir stockte der Atem.
Lenas Augen. Die Nummer, die sie auf dem Jahrmarkt abgezogen hatte. Ihre Flucht mit John Breed. Die Wörter sprudelten gegen meinen Willen aus mir hervor.
»Sie wird Dunkel! Nur wegen mir!«
»Wenn Lena Dunkel wird, dann liegt es nicht daran, dass sie das Buch benutzt hat. Das Buch hat einen anderen Tribut gefordert.« Amma hielt inne, als könne sie es nicht ertragen, mir auch noch den Rest zu erzählen.
»Welchen?«
»Ein Leben hat das Buch geschenkt, ein anderes hat es genommen. Wir wussten, dass es Konsequenzen haben würde«, sagte Amma gepresst. »Aber wir haben nicht geahnt, dass es Melchizedek sein würde.«
Macon.
Das durfte nicht wahr sein.
Ein Leben hat es geschenkt. Und ein anderes hat es genommen.
Mein Leben für Macons Leben.
Alles passte zusammen. Wie sich Lena in den letzten Monaten benommen hatte. Wie sie sich von mir, von allen zurückgezogen hatte. Wie sie sich selbst angeklagt hatte, an Macons Tod schuld zu sein.
Und es stimmte ja. Sie hatte ihn getötet.
Um mich zu retten.
Ich musste an Lenas Notizbuch denken, an die verschlüsselten Seiten. Worüber hatte sie geschrieben? Über Amma? Sarafine? Macon? Das Buch? Es war die wahre Geschichte jener Nacht. Und dann die Gedichte, die sie auf die Wände gekritzelt hatte. Nobody the Dead and Nobody the Living. Zwei Seiten einer Medaille. Macon und ich.
Denn Grün kann niemals bleiben. Vor Monaten hatte ich noch geglaubt, Lena habe die Gedichtzeile von Robert Frost falsch verstanden. Aber natürlich hatte sie es richtig verstanden. Sie hatte von sich selbst gesprochen.
Kein Wunder, dass es ihr wehtat, mich anzusehen. Kein Wunder, dass sie weggelaufen war. Sie fühlte sich schuldig. Ich fragte mich, ob sie es wohl jemals wieder aushalten würde, mich anzuschauen. Für mich ganz allein hatte Lena das alles auf sich genommen. Es war nicht ihre Schuld.
Es war meine Schuld.
Keiner von uns sprach ein Wort. Es gab kein Zurück mehr, für niemanden von uns. Was Lena und Amma in jener Nacht getan hatten, konnte nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Ich hätte eigentlich gar nicht hier sein dürfen, aber ich war hier.
»Das ist der Lauf der Dinge und den kann man nicht aufhalten.« Twyla schloss die Augen. Es schien, als würde sie etwas hören, was ich nicht hörte.
Amma zog ein Taschentuch hervor und wischte sich übers Gesicht. »Es tut mir leid, dass ich es dir nicht gesagt habe. Aber es tut mir nicht leid, dass wir es getan haben. Wir hatten keine andere Wahl.«
»Du verstehst nicht. Lena glaubt, dass sie Dunkel wird. Sie ist mit einem Dunklen Caster oder Inkubus davongelaufen. Ich bin schuld daran, dass sie in Gefahr schwebt.«
»Unsinn. Lena hat getan, was sie tun musste, weil sie dich liebt.«
Arelia hob ihre Opfergaben auf – die Knochen, den kleinen hölzernen Vogel, die Mondsteine.
»Nichts kann Lena dazu bringen, Dunkel zu werden, Ethan. Sie muss es selbst wollen.«
»Aber sie glaubt, dass sie Dunkel ist, weil sie Macon getötet hat. Sie glaubt, dass sie ihre Wahl damit getroffen hat.«
»Aber das hat sie nicht«, mischte Liv sich ein. Sie war etwas zur Seite gegangen, um unsere Unterhaltung nicht zu stören.
Ein paar Schritte hinter ihr saß Link auf einer alten Steinbank. »Dann müssen wir sie eben suchen und es ihr sagen.« Angesichts der Tatsache, dass er gerade erfahren hatte, dass ich gestorben und wieder zum Leben erweckt worden war, wirkte er ziemlich unbeeindruckt. Ich ging zu ihm und setzte mich neben ihn auf die Bank.
Liv sah mich forschend an. »Alles in Ordnung?«
Liv. Ich konnte ihr nicht in die Augen schauen. Ich war eifersüchtig und verletzt gewesen und ich hatte sie mit hineingezogen in das Wirrwarr meines verkorksten Lebens. Und das alles, weil ich geglaubt hatte, Lena würde mich nicht mehr lieben. Ich war dumm gewesen und hatte mich geirrt. Lena liebte mich so sehr, dass sie alles gewagt hatte, um mich zu retten.
Ich hatte Lena im Stich gelassen, und zwar nachdem sie sich geweigert hatte, mich im Stich zu lassen. Ich hatte ihr mein Leben zu verdanken. So einfach war das.
Ich fuhr mit der Hand über die zerfurchte Sitzfläche der Bank. Jemand hatte Worte in den Stein geritzt.
IN THE COOL, COOL, COOL
OF THE EVENING
Es war der Text des Liedes, das ich in der Nacht in Ravenwood gehört hatte, als ich Macon zum ersten Mal begegnet war. Es konnte kein Zufall sein, besonders nicht in einer Welt, in der es gar keine Zufälle gab. Nein, es war bestimmt ein Zeichen.
Aber ein Zeichen wofür? Für das, was ich Macon angetan hatte? Ich konnte nicht einmal erahnen, was Lena empfunden haben musste, als sie begriff, dass sie ihn statt meiner verloren hatte. Was hätte ich gefühlt, wenn ich auf diese Weise meine Mutter verloren hätte? Hätte ich Lena jemals wieder ansehen können, ohne zugleich meine tote Mutter vor mir zu sehen?
»Ich bin gleich wieder da.« Ich stand auf und lief den Weg zwischen den Bäumen entlang, über den wir gekommen waren. Ich sog die Nachtluft tief ein, froh darüber, am Leben zu sein und atmen zu können. Irgendwann blieb ich stehen und blickte hinauf zu den Sternen.
Sah Lena denselben Himmel, oder sah sie einen Himmel, der mir immer verborgen bleiben würde? Waren unsere Monde wirklich so verschieden?
Ich griff in meine Tasche und holte das Bogenlicht hervor, damit es mir zeigte, wo ich Lena finden konnte. Aber das tat es nicht. Stattdessen zeigte es mir etwas anderes …
Macon und sein Vater Silas waren immer sehr verschieden gewesen und das war beiden auch bewusst. Macon ähnelte seiner Mutter Arelia, einer mächtigen Lichten Caster. Während seiner Zeit auf dem College in New Orleans hatte Silas sich über beide Ohren in sie verliebt, so wie sich später Macon und Jane auf der Duke-Universität kennen und lieben gelernt hatten. Sowohl Macon als auch sein Vater hatten sich vor ihrer Verwandlung verliebt.
Macons Großvater hatte Silas nicht davon überzeugen können, dass die Verbindung mit einer Lichten Caster eine Schmach für die gesamte Sippe war. Und er hatte Jahre dazu gebraucht, Silas und Arelia zu entzweien. Damals waren Macon, Hunting und Leah schon auf der Welt. Ihre Mutter musste all ihre Kräfte einsetzen, die sie als eine Diviner hatte, um Silas’ Jähzorn und seinem unstillbaren Drang nach Blut zu entkommen. Mit Leah war sie nach New Orleans geflohen. Silas hätte es ihr nie erlaubt, auch noch die Söhne mitzunehmen.
Macon hatte jetzt nur noch seine Mutter, an die er sich wenden konnte. Sie war die Einzige, die es verstehen würde, dass er sich in eine Sterbliche verliebt hatte – das größte Vergehen, das einer wie er begehen konnte. Ein Blut-Inkubus.
Ein Krieger des Teufels.
Macon hatte seiner Mutter seinen Besuch nicht angekündigt, aber sie würde ihn trotzdem schon erwarten. Er stieg aus dem Tunnel in die angenehme Wärme der Sommernacht von New Orleans. Glühwürmchen tanzten im Dunkeln und der Duft der Magnolien nahm ihm beinahe die Sinne.
Sie saß bereits in einem alten Holzschaukelstuhl auf der Veranda und arbeitete an einer Stickerei. Viel Zeit war vergangen.
»Mutter, du musst mir helfen.«
Sie ließ ihre Nadel sinken und erhob sich. »Ich weiß. Alles ist bereit, cher.«
Abgesehen von einem Inkubus selbst gab es nur ein Ding, das mächtig genug war, einem anderen Inkubus Einhalt zu gebieten.
Ein Bogenlicht.
Bogenlichter, so hieß es, entstammten dem Mittelalter; es waren Waffen, mit denen man die mächtigsten aller Verderber, die Inkubi, beherrschen und gefangen nehmen konnte. Macon hatte noch nie zuvor ein Bogenlicht gesehen. Es gab nur noch wenige, und es war beinahe unmöglich, eines zu beschaffen.
Aber seine Mutter besaß ein Exemplar und genau das brauchte er jetzt.
Macon folgte ihr in die Küche. Sie öffnete ein kleines Schränkchen, auf dem sie den Geistern einen Altar errichtet hatte, und zog ein Holzkästchen hervor, um dessen Rand sich eine Inschrift in niadischer Sprache, der uralten Sprache der Caster, zog.
WER SUCHT, DER WIRD FINDEN
DIE WOHNSTATT DES UNHEILIGEN
DEN SCHLÜSSEL ZUR WAHRHEIT
»Das hat mir dein Vater geschenkt, bevor er sich verwandelte. Seit Generationen wird es in der Familie der Ravenwoods vererbt. Dein Großvater hat immer gesagt, es hätte einst Urahn Abraham gehört, und ich glaube, das ist wahr. Es trägt noch heute die Spuren seines Hasses und seiner Engstirnigkeit.«
Sie öffnete das Kästchen und eine schwarz schimmernde Kugel kam zum Vorschein. Macon musste sie nicht erst berühren, um ihre Kraft zu spüren und zu erahnen, was für ein entsetzliches Los es war, eine ganze Ewigkeit in diesem gläsernen Gefängnis zu verbringen.
»Eines musst du wissen, Macon. Wenn ein Inkubus erst einmal im Bogenlicht gefangen ist, dann kann er sich selbst nicht mehr daraus befreien. Jemand anders muss es tun. Wenn du jemandem das Bogenlicht gibst, dann musst du dir absolut sicher sein, dass du ihm vertrauen kannst, denn du legst mehr als nur dein Leben in seine Hände. Du machst ihn zum Herrn über tausend Leben. So nämlich fühlt sich eine Ewigkeit im Inneren der Kugel an.«
Sie hob das Kästchen hoch, damit er das Bogenlicht betrachten konnte, damit er sich den Kerker, den diese Kugel darstellte, allein durch ihren Anblick vergegenwärtigte.
»Ich verstehe, Mutter. Keine Sorge, ich kann Jane vertrauen. Sie ist der ehrlichste und charakterfesteste Mensch, den ich kenne. Sie liebt mich, obwohl sie genau weiß, was ich bin.«
Arelia fuhr Macon über die Wange. »An dir ist nichts Unrechtes, cher. Und wenn es so wäre, dann trüge ich die Schuld daran. Ich habe dich zu diesem Schicksal verdammt.«
Macon beugte sich zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich liebe dich, Mutter. Nichts von alledem ist unsere Schuld. Er allein ist dafür verantwortlich.«
Sein Vater.
Silas war wahrscheinlich gefährlicher für Jane als Macon selbst. Sein Vater hielt sklavisch an den Überzeugungen Abrahams, des ersten Blut-Inkubus aus dem Geschlecht der Ravenwoods, fest.
»Es ist nicht seine Schuld, Macon. Du weißt nicht, wie dein Großvater war. Wie er deinen Vater drangsaliert hat, damit er wie er selbst an dieses verquere Überlegenheitsgefühl glaubte – dass Sterbliche weit unter Castern und Inkubi stehen und nur dazu taugen, die Blutlust zu stillen. Dein Vater wurde aufgehetzt, genau wie sein Vater vor ihm.«
Aber Macon berührte das nicht. Er hatte schon lange aufgehört, Mitleid mit seinem Vater zu empfinden oder sich zu fragen, was seine Mutter dazu bewogen haben mochte, ihn zu lieben.
»Sag mir, wie man es benutzt.« Macon griff vorsichtig nach der Kugel. »Darf ich sie anfassen?«
»Ja. Die Person, die dich damit berührt, muss es mit der erklärten Absicht tun, und selbst dann passiert dir nichts, wenn sie nicht das Carmen Defixionis dazu spricht.«
Seine Mutter nahm ein kleines Säckchen mit einem Gris-Gris, dem stärksten Talisman, den es im Voodoo-Kult gab, von der Kellertür und stieg damit die finstere Treppe hinab. Sie kehrte mit einem Gegenstand zurück, der in ein verstaubtes Stofftuch gehüllt war. Sie legte ihn auf den Tisch und wickelte ihn aus.
Es war das Responsum.
Was so viel heißt wie »die Antwort«.
Es war in niadischer Sprache geschrieben und verzeichnete sämtliche Gesetze, die für einen Inkubus galten. Es war ein uraltes Buch. Auf der ganzen Welt gab es nur noch wenige Exemplare davon. Seine Mutter blätterte durch die brüchigen Seiten, bis sie die richtige Stelle gefunden hatte.
»Carcer.«
Das Gefängnis.
Das gezeichnete Bogenlicht sah genauso aus wie die Kugel, die in der mit Seide ausgeschlagenen Schachtel neben den Resten eines Schmoreintopfs auf dem Küchentisch seiner Mutter lag.
»Wie funktioniert es?«
»Ganz einfach. Man muss das Bogenlicht nur berühren und den Namen des Inkubus, den man gefangen setzen will, zusammen mit dem Carmen aussprechen. Den Rest besorgt das Bogenlicht.«
»Steht das Carmen auch in dem Buch?«
»Nein, es ist viel zu mächtig, als dass es dem geschriebenen Wort anvertraut werden könnte. Du musst es auswendig lernen von jemandem, der es kennt.«
Seine Mutter senkte die Stimme, als befürchte sie, jemand könnte sie hören. Dann flüsterte sie die Worte, die ihn zu ewiger Verdammnis verurteilen konnten.
»Comprehende, Liga, Cruci Fige.
Ergreife, Sperre ein, Hefte ans Kreuz.«
Arelia verschloss die Schachtel und gab sie Macon. »Nimm dich in Acht. In dem Bogen ist die Macht und in der Macht ist die Nacht.«
Macon gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Das werde ich ganz gewiss.«
Er wandte sich zum Gehen, aber seine Mutter hielt ihn zurück. »Dies hier brauchst du noch.« Sie kritzelte einige Zeilen auf ein Stück Pergamentpapier.
»Was ist das?«
»Der einzige Schlüssel, der dieses Schloss wieder öffnen kann.« Sie deutete auf das Kästchen, das er unter den Arm geklemmt hatte. »Die einzige Möglichkeit, wie du jemals wieder herauskommst.«
Ich schlug die Augen auf. Ich lag auf der Erde und blickte hinauf zu den Sternen. Das Bogenlicht hatte Macon gehört, genau wie Marian es gesagt hatte. Ich wusste weder, wo er war, ob im Jenseits oder in einer Art Caster-Himmel, noch wusste ich, weshalb er mir all das gezeigt hatte. Aber wenn ich aus dieser Nacht etwas gelernt hatte, dann die Erkenntnis, dass nichts ohne Grund geschah.
Und diesen Grund musste ich herausfinden, ehe es zu spät war.
Wir waren immer noch auf dem Bonaventura-Friedhof, aber inzwischen standen wir nahe dem Eingangstor. Ich musste mir gar nicht erst die Mühe machen, Amma zu erklären, dass ich nicht mit ihr nach Hause gehen würde, sie schien es ohnehin zu wissen.
»Wir müssen jetzt los.« Ich umarmte Amma.
Sie nahm meine Hände und drückte sie ganz fest. »Eines nach dem anderen, Ethan Wate. Auch wenn deine eigene Mutter dich losschickt, kannst du sicher sein, dass ich dich trotzdem auf Schritt und Tritt im Auge behalten werde.« Ich ahnte, wie schwer es für sie war, mich gehen zu lassen, statt mich in mein Zimmer zu schicken und mir für den Rest meines Lebens Hausarrest aufzubrummen.
Dass sie es nicht tat, war ein Beweis dafür, wie schlimm die Dinge standen.
Arelia drückte mir etwas in die Hand, ein kleines Püppchen, wie Amma sie machte. Es war ein Voodoo-Talisman. »Ich habe deiner Mutter vertraut und ich vertraue dir, Ethan. Das ist meine Art, dir Glück zu wünschen, denn es wird ganz gewiss nicht einfach werden.«
»Der richtige Weg ist nie der bequeme.« Ich wiederholte die Worte, die meine Mutter mir hundertmal gesagt hatte. Ich tat es, um ihre Gegenwart heraufzubeschwören auf meine eigene Art.
Twyla strich mir mit ihren dürren Fingern über die Wange. »Das gilt in beiden Welten: Man muss verlieren, wenn man etwas gewinnen will. Wir sind nur kurze Zeit hier, cher.« Es war eine Warnung, als wüsste sie etwas, das mir verborgen war. Nach allem, was ich in dieser Nacht gesehen hatte, war ich mir sogar sicher, dass es so war.
Amma schlang ihre Arme ein letztes Mal um mich und drückte mich, dass meine Knochen knackten. »Ich werde auf meine Weise dafür sorgen, dass du Glück hast«, raunte sie. Dann wandte sie sich an Link. »Wesley Jefferson Lincoln, komm mir ja heil wieder, sonst sage ich deiner Mutter, was du in meinem Keller angestellt hast, als du neun Jahre alt warst, hast du mich verstanden?«
Link quittierte die ihm wohlbekannte Drohung mit einem Lächeln. »Jawohl, Ma’am.«
Zu Liv sagte Amma nichts, sie nickte ihr nur kurz zu – ein Beweis dafür, wem ihre Sympathien galten. Jetzt da ich wusste, was Lena für mich getan hatte, begriff ich auch, was Amma für sie empfand.
Amma räusperte sich. »Die Wachen sind weg, aber Twyla kann sie nicht für alle Zeiten fernhalten. Ihr macht euch besser auf den Weg.«
Ich stieß das schmiedeeiserne Tor auf, Link und Liv folgten mir.
Ich komme, L. Ob du willst oder nicht.