Caster-Boy

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12.6.

Auf der Rückfahrt vom See sprachen Link und ich nicht viel. Wir mussten Lenas Auto nehmen, aber ich war nicht in der Verfassung zu fahren. Meine Füße waren zerschnitten, und ich hatte mir den Knöchel verstaucht, als ich über einen umgestürzten Baum klettern wollte.

Link störte das nicht. Er genoss es, am Steuer des Sportwagens zu sitzen. »Mann, das Ding geht ab wie ’ne Rakete. So was nennt man Pferdestärken, Alter.« Link war schon immer ein Autonarr gewesen, aber heute ging mir seine Begeisterung auf die Nerven. Mir schwirrte der Kopf und ich wollte nicht zum hundertsten Mal Lobhudeleien auf Lenas Auto hören.

»Dann fahr schneller, Mann. Wir müssen sie suchen. Sie fährt bei irgendeinem Typen auf dem Motorrad mit.« Ich wollte Link nicht erzählen, woher sie den Kerl kannte. Wann hatte sie die Bilder von der Harley auf dem Friedhof gemacht? Frustriert schlug ich mit der Faust gegen die Tür.

Link sprach nicht laut aus, was offensichtlich war. Es war ziemlich klar, dass Lena nicht gefunden werden wollte. Er fuhr einfach, und ich starrte angestrengt aus dem Beifahrerfenster, während der heiße Wind auf den winzigen Schrammen in meinem Gesicht brannte.

In der letzten Zeit war einiges schiefgelaufen, auch wenn ich es nicht hatte wahrhaben wollen. Ich wusste nur nicht so genau, ob man uns oder ich ihr oder sie mir etwas angetan hatte. Vielleicht tat sie vor allem sich selbst etwas an. An ihrem Geburtstag hatte alles angefangen, an ihrem Geburtstag und an Macons Todestag. Ich fragte mich, ob Sarafine dahintersteckte.

Viel zu lange hatte ich geglaubt, es seien nur diese blöden Phasen der Trauer. Ich dachte an den goldenen Schimmer in ihren Augen und daran, wie sie am See gelacht hatte. Das Lachen Sarafines aus meinem Traum. Was, wenn die Träume auch nur eine Art Phase waren, Vorboten von etwas anderem? Von etwas Übernatürlichem? Etwas Dunklem?

Was, wenn es das war, wovor wir uns schon so lange gefürchtet hatten?

Ich schlug wieder gegen die Tür.

»Ich bin sicher, mit Lena ist alles in Ordnung. Sie braucht nur ein bisschen Zeit für sich. Mädchen reden ständig davon, dass sie Freiraum brauchen und so was.«

Link schaltete das Radio an, dann schaltete er es gleich wieder aus. »Killerstereo.«

»Ist mir doch egal.«

»Hey, lass uns beim Dar-ee Keen vorbeischauen und nachsehen, ob Charlotte arbeitet. Vielleicht läuft was mit ihr. Könnte doch sein, vor allem wenn wir mit diesem heißen Gefährt ankommen.« Link wollte mich ablenken, aber das schaffte er nicht.

»Link, die ganze Stadt weiß, wem dieses Auto gehört. Wir sollten es besser zurückbringen. Tante Del wird sich schon Sorgen machen.« Dann hätte ich auch einen Vorwand, um nachzusehen, ob die Harley vor Lenas Haus stand.

Aber Link ließ nicht locker. »Du willst mit Lenas Auto aufkreuzen, aber ohne Lena? Dann macht sich Tante Del erst recht Sorgen. Lass uns einen Abstecher machen und ein Eis essen und dann denken wir mal in aller Ruhe nach. Wer weiß, vielleicht ist Lena ja im Dar-ee Keen. Es liegt gleich neben dem Highway.«

Er hatte recht, aber deswegen fühlte ich mich trotzdem nicht besser. Ich fühlte mich sogar noch schlechter. »Wenn du so gern ins Dar-ee Keen gehst, warum suchst du dir dort keinen Job? Ach nein, das geht nicht, weil du ja im Sommerkurs zusammen mit den anderen Lebenslänglichen, die in Bio durchgefallen sind, Frösche sezieren musst.« Die Lebenslänglichen waren Schüler, die schon seit Urzeiten an der Schule waren und es irgendwie nie bis zum Abschluss schafften. Das waren die Typen, die noch Jahre später ihre Schuluniformjacken trugen, wenn sie schon längst im Stop&Steal schufteten.

»Du musst gerade reden. Kann man einen langweiligeren Ferienjob haben als deinen? In der Bibliothek.«

»Ich könnte dir mit ’nem Buch aushelfen, aber dazu müsstest du erst lesen lernen.«

Link kriegte es einfach nicht in den Kopf, dass ich im Sommer in der Bibliothek bei Marian arbeiten wollte, aber das störte mich nicht. Ich hatte Fragen über Fragen, was Lena, ihre Familie und Lichte und Dunkle Caster anging. Weshalb hatte sich Lena an ihrem sechzehnten Geburtstag nicht entscheiden müssen? Durfte sie es sich wirklich selbst aussuchen, ob sie Licht oder Dunkel werden wollte? War alles so einfach? Das Buch der Monde war verbrannt, daher war die Lunae Libri der einzige Ort, an dem ich die Antwort auf diese Fragen finden konnte.

Und dann hatte ich noch jede Menge anderer Fragen. Ich versuchte, nicht an meine Mutter zu denken. Ich versuchte, nicht an Fremde mit Motorrädern zu denken oder an Albträume und blutige Lippen und goldene Augen. Stattdessen starrte ich aus dem Fenster und sah in Trance zu, wie die Bäume an mir vorbeihuschten.

Das Dar-ee Keen war gerammelt voll. Kein Wunder, denn es war einer der wenigen Orte, die man von der Jackson High zu Fuß erreichen konnte. Im Sommer musste man nur den Fliegen folgen, dann fand man den Weg dorthin von allein. Früher hatte es Dairy King geheißen, dann war der Laden verkauft worden und hatte einen neuen Namen bekommen, aber die Besitzer waren zu knausrig, um komplett neue Buchstaben im Namensschild zu bezahlen. Heute waren alle verschwitzter als sonst und stinksauer. In der Sommerhitze von South Carolina eine Meile zu Fuß zu gehen, statt rumzuflirten und am See warmes Bier zu trinken, ist nicht jedermanns Vorstellung von einem gelungenen Tag. Es war so, als hätte man einen Nationalfeiertag gestrichen.

Emily, Savannah und Eden hingen am besten Tisch in der Ecke mit dem Basketballteam herum. Sie waren barfuß, trugen ihre Bikini-Tops und superkurze Jeansröckchen – Mini-Teile, bei denen ein Knopf offen bleibt, damit man ein bisschen was vom Bikinihöschen sieht, ohne dass der Rock gleich runterfällt. Keiner hatte gute Laune. In ganz Gatlin gab es keine Reifen mehr, deshalb stand die Hälfte der Autos immer noch auf dem Schulparkplatz. Was die Mädchen nicht davon abhielt, laut zu kichern und ständig an ihren Haaren herumzufummeln. Emily quoll beinahe aus ihrem Bikinitop, und Emory, ihrer jüngsten Eroberung, fielen fast die Augen raus.

Link schüttelte den Kopf. »Die beiden müssen echt überall die erste Geige spielen.«

»Ist mir egal, solange ich nicht zuhören muss.«

»Mann, du brauchst dringend eine Portion Zucker für die Nerven. Ich stell mich mal an. Soll ich dir was mitbringen?«

»Nein danke. Brauchst du Geld?« Link war fast immer pleite.

»Nö, ich werde Charlotte überreden, dass sie mich einlädt.«

Link konnte beinahe jeden beschwatzen. Ich drängelte mich zwischen den Leuten hindurch; ich wollte so weit weg von Emily und Savannah sein, wie es nur ging. Ich setzte mich an den Tisch in der hintersten Ecke, direkt unter dem Regal, auf dem sich eine Sammlung von Limodosen und Flaschen aus dem ganzen Land reihte. Einige davon standen schon da, als mein Vater noch ein kleiner Junge gewesen war, und der braune, orange und rote Sirup in den Flaschen hatte sich nach den vielen Jahren des Verdunstens am Boden abgesetzt. Das Ganze war ziemlich widerlich – die Flaschen und Dosen, die Fliegen und die Tapete aus den Fünfzigerjahren mit den Limoflaschen darauf. Aber nach einer Weile störte es gar nicht mehr.

Ich setzte mich und betrachtete den dunklen Sirupsatz in einer der Flaschen. Der trübe Anblick entsprach genau meiner Stimmung. Was war am See nur in Lena gefahren? Gerade hatten wir uns noch geküsst und im nächsten Augenblick lief sie davon. Und dieser goldene Glanz in ihren Augen. Ich war ja nicht dumm. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte. Lichte Caster hatten grüne Augen, Dunkle Caster hatten gelbgoldene Augen. Lenas Augen waren nicht ganz golden, aber was ich da am See gesehen hatte, war genug gewesen, um mir Angst zu machen.

Eine Fliege landete direkt vor mir auf dem knallroten Tisch. Da war wieder dieses bekannte Gefühl, wenn sich mein Magen umdrehte. Furcht und Panik verschmolzen zu dumpfer Wut. Ich war so wütend auf Lena, am liebsten hätte ich die Tischplatte zertrümmert. Aber ich wollte auch wissen, was los war und wer der Typ auf der Harley gewesen war. Dann könnte ich ihm wenigstens in den Arsch treten.

Link setzte sich mir gegenüber an den Tisch mit dem größten Eisbecher, den ich jemals gesehen hatte. Die Eiscreme ragte zehn Zentimeter über den Rand des Plastikbechers hinaus. »Charlotte hat wirklich was drauf.« Er leckte den Strohhalm ab.

Schon allein von dem süßlichen Geruch wurde mir übel. Ich hatte das Gefühl, in dem Schweiß und dem Dreck und den Fliegen und den Emorys und Emilys zu ersticken.

»Lena ist nicht da. Wir sollten gehen.« Ich konnte nicht herumsitzen, als wäre alles in Butter. Link dagegen konnte das. Immer und überall.

»Reg dich ab. Ich hab’s gleich.«

Eden ging an uns vorbei, sie holte sich gerade noch eine Cola light. Sie lächelte uns an, so falsch wie immer. »Was für ein süßes Pärchen. Siehst du, Ethan, du brauchst deine Zeit gar nicht mit dieser kleinen Miss Reifenstecher-Fensterbrecher zu vergeuden. Du und Link, ihr beiden Turteltäubchen, seid füreinander geschaffen.«

»Sie hat deine Reifen nicht zerstochen, Eden.« Alles deutete auf Lena hin, das war mir klar. Ich musste die Lästermäuler zum Schweigen bringen, ehe sich auch noch ihre Mütter einmischten.

»Ja, ich war’s«, sagte Link, den Mund voller Eiscreme. »Lena ist total geknickt, weil sie nicht selbst auf die Idee gekommen ist.« Er ließ keine Gelegenheit aus, den Cheerleadern eins auszuwischen. Für die Mädchen war Lena schon längst nur noch ein fader Witz, von dem sie trotzdem nicht lassen konnten. So war es eben in einer kleinen Stadt. Wenn man einmal ein Vorurteil über dich gefasst hatte, dann änderte man es nicht mehr, selbst wenn du dich ändern würdest. Auch als Urgroßmutter wäre Lena immer noch das verrückte Mädchen, das im Englischunterricht die Glasscheiben splittern ließ. Und die meisten, die damals dabei gewesen waren, würden dann sicher immer noch in Gatlin leben.

Aber ich nicht. Nicht wenn alles so blieb, wie es war. Zum ersten Mal, seit Lena nach Gatlin gezogen war, dachte ich ernsthaft darüber nach, wegzugehen. Die Schachtel mit den College-Prospekten stand noch unter meinem Bett. Solange Lena bei mir gewesen war, hatte es keinen Grund gegeben, die Tage zu zählen, bis ich Gatlin verlassen konnte.

»Hallooo, wer ist denn das?« Edens Stimme war einen Tick zu laut.

Ich hörte die Türglocke bimmeln und kam mir vor wie in einem Clint-Eastwood-Film, wenn der Held in den Saloon kommt, nachdem er kurz zuvor die halbe Stadt erschossen hat. Alle Mädchen um uns herum reckten die Hälse, die verschwitzten blonden Pferdeschwänze flogen durch die Luft.

»Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden«, säuselte Emily und stand hinter Eden auf.

»Den hab ich hier noch nie gesehen. Du etwa?« Ich sah förmlich, wie Savannah im Geist das Jahrbuch der Jackson High durchging.

»Nein. An den würde ich mich garantiert erinnern.« Der arme Kerl. Emily hatte ihn ins Visier genommen und war zum Schuss bereit. Wer immer er war, er hatte keine Chance. Ich drehte mich um, neugierig geworden auf den Typen, den Earl und Emory grün und blau prügeln würden, sobald sie merkten, dass ihre Freundinnen ihn anschmachteten.

Er stand in der Tür, mit einem ausgewaschenen schwarzen T-Shirt, Jeans und abgewetzten Army-Stiefeln. Von meinem Platz aus konnte ich die abgewetzten Stellen nicht sehen, aber ich wusste, dass sie da waren. Denn er hatte genau das Gleiche angehabt, als ich ihn bei Macons Begräbnis zum ersten Mal gesehen und er sich mit einem lauten Ratschen in Luft aufgelöst hatte.

Es war der Fremde. Der Inkubus, der keiner war. Der Tageslicht-Inkubus. Mir fiel der silberne Sperling ein, den Lena in der Hand gehalten hatte, als sie in meinem Bett schlief.

Was wollte der Typ hier?

Auf seinem Arm war ein schwarzes tribalartiges Tattoo. Die Zeichen hatte ich irgendwo schon mal gesehen. Bei seinem Anblick hatte ich das Gefühl, als stecke ein Messer in meinem Bauch. Ich berührte die Narbe. Sie pochte.

Savannah und Emily gingen an die Theke und taten so, als wollten sie etwas zu essen bestellen, dabei nahmen sie nie etwas anderes als Cola light zu sich.

»Wer ist das?«, fragte Link unbeeindruckt. Offenbar sah er in dem Kerl keine Konkurrenz – wozu auch, er hatte bei den Mädchen hier sowieso keine Chance.

»Keine Ahnung. Er ist auf Macons Beerdigung aufgekreuzt.«

Link musterte ihn. »Ist er einer von Lenas komischen Verwandten?«

»Ich weiß nicht, wer er ist, aber er ist nicht mit Lena verwandt.« Allerdings hatte er Macon die letzte Ehre erwiesen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, das hatte ich schon damals gespürt.

Wieder bimmelte die Türglocke.

»Hey, Engelsgesicht, warte auf mich.«

Ich erstarrte. Diese Stimme hätte ich überall wiedererkannt. Auch Link zuckte zusammen und drehte sich zur Tür. Er sah aus, als hätte er ein Gespenst gesehen oder Schlimmeres …

Ridley.

Lenas Cousine war so sexy gekleidet wie immer, nur dass es jetzt Sommer war und sie sogar noch weniger anhatte als sonst. Sie trug ein hautenges Spitzen-Tanktop und einen schwarzen Rock, der so winzig war, dass er vermutlich einer Zehnjährigen gepasst hätte. Ridleys endlos lange Beine sahen noch länger aus, denn sie stelzte auf Sandalen mit so hohen Absätzen, dass man damit einen Vampir hätte pfählen können. Nicht nur den Mädchen blieb bei ihrem Anblick der Mund offen stehen. Die meisten aus unserer Schule waren beim Winterball gewesen und hatten miterlebt, wie Ridley die Turnhalle verwüstet und dabei immer noch besser ausgesehen hatte als alle anderen Mädchen zusammen, eines ausgenommen.

Ridley streckte sich und hielt die Arme über den Kopf, als wäre sie eben erst aufgewacht. Sie verschränkte die Finger ineinander, streckte sich noch mehr und zeigte jede Menge Haut und ein schwarzes Tattoo um ihren Nabel. Es sah den Zeichen, die ihr Freund am Arm trug, ziemlich ähnlich. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr.

»Heilige Scheiße, sie ist da.« Langsam kapierte auch Link. Er hatte Ridley seit der Nacht von Lenas Geburtstag nicht mehr gesehen. Damals hatte Link ihr ausgeredet, meinen Vater umzubringen. Aber auch wenn er sie seither nicht gesehen hatte, in seinem Kopf spukte sie trotzdem die ganze Zeit herum. Man musste sich nur die Songs anhören, die er geschrieben hatte, seit sie abgehauen war. »Ist sie jetzt mit diesem Typen zusammen? Glaubst du, er ist … du weißt schon … wie sie?« Ein Dunkler Caster. Link brachte es nicht über sich, es auszusprechen.

»Das bezweifle ich. Seine Augen sind nicht gelb.« Er war vielleicht kein Dunkler Caster, dafür etwas anderes, ich wusste nur nicht, was.

»Sie kommen hierher.« Link senkte den Kopf und starrte auf seinen Eisbecher; keine Sekunde später war Ridley schon bei uns.

»Na, wenn das nicht zwei von meinen absoluten Lieblingen sind. So ein Zufall, euch hier zu treffen. John und ich sterben, wenn wir nicht gleich was zu trinken kriegen.« Ridley warf ihre blonden Haare zurück. Die pinkfarbenen Strähnchen hatte sie immer noch. Sie glitt auf einen Stuhl am Tisch gegenüber und winkte ihrem Begleiter, sich auch zu setzen. Aber er blieb stehen.

»John Breed.« Er sagte es ganz schnell, als wäre es ein einziger Name; dabei sah er mich forschend an. Seine Augen waren so grün, wie Lenas Augen es gewesen waren. Was in aller Welt hatte ein Lichter Caster mit Ridley zu schaffen?

Ridley lächelte ihn an und deutete auf mich. »Das ist Lenas … du weißt schon, ich hab dir von ihm erzählt.« Sie tat mich mit einem Schnippen ihrer rot lackierten Fingernägel ab.

»Ich bin Lenas Freund, Ethan.«

John war verwirrt, aber nur einen Moment lang. Er war der Typ, der immer locker blieb, weil letztendlich alles so laufen würde, wie er es wollte. »Lena hat mir gar nicht gesagt, dass sie einen Freund hat.«

Seine Worte versetzten mir einen Stich. Er kannte Lena, aber ich kannte ihn nicht. Er hatte sie ganz offensichtlich nach der Beerdigung getroffen und mit ihr gesprochen. Wann war das gewesen und warum hatte sie mir nichts davon erzählt?

»Woher genau kennst du meine Freundin?«, fragte ich viel zu laut und spürte, dass alle Augen auf uns gerichtet waren.

»Entspann dich, Streichholz. Wir sind nur auf Besuch hier.« Ridley musterte Link. »Wie geht’s, wie steht’s, Dinkyboy?«

Link räusperte sich umständlich. »Gut.« Seine Stimme krächzte. »Sehr gut. Dachte, du wärst nicht mehr in der Stadt.« Ridley sah ihn nur an und sagte kein Wort.

Ich fixierte immer noch John und er fixierte mich. Wahrscheinlich dachte er sich tausend Möglichkeiten aus mich loszuwerden. Denn er war auf etwas – auf jemanden – aus und ich war ihm dabei im Weg. Ridley tauchte nicht ohne Grund mit ihm hier auf, nicht nach vier Monaten.

Ich ließ ihn nicht aus den Augen und sagte: »Ridley, du hättest nicht hierherkommen sollen.«

»Mach dir nicht in die Hose, Süßer. Wir waren in Ravenwood und sind zufällig hier vorbeigekommen.« Sie sagte es leichthin, als wäre es völlig nebensächlich.

Ich lachte. »In Ravenwood? Dort darfst du keinen Fuß über die Türschwelle setzen. Eher würde Lena das ganze Haus niederbrennen.« Ridley und Lena waren wie zwei Schwestern aufgewachsen, bis Ridley auf die Dunkle Seite berufen worden war. Ridley hatte Sarafine geholfen, Lena an ihrem Geburtstag in eine Falle zu locken, was uns alle beinahe umgebracht hätte, meinen Vater eingeschlossen. Es war undenkbar, dass Lena noch irgendetwas mit ihr zu tun haben wollte.

Ridley lächelte. »Die Zeiten haben sich geändert, Streichholz. Ich verstehe mich zwar nicht sonderlich gut mit meiner Familie, aber Lena und ich haben uns wieder vertragen. Frag sie doch selbst.«

»Du lügst.«

Ridley wickelte einen Kirschlolli aus, der zwar völlig harmlos aussah, aber in ihrer Hand eine gefährliche Waffe war. »Du hast offensichtlich eine Vertrauenskrise. Ich würde dir gern helfen, aber wir müssen weiter. Johns Motorrad volltanken, ehe es in eurer Provinztankstelle keinen Sprit mehr gibt.«

Ich hielt mich an der Tischkante fest, dass meine Knöchel weiß wurden.

Sein Motorrad.

Jede Wette, es war eine Harley. Es war dasselbe Motorrad wie auf dem Foto in Lenas Zimmer. John Breed hatte Lena am Lake Moultrie mitgenommen. Und auch ohne dass er es ausdrücklich sagte, wusste ich, dass John Breed nicht die Absicht hatte zu verschwinden. Wenn Lena das nächste Mal eine Mitfahrgelegenheit brauchte, würde er wieder an der Straßenecke auf sie warten.

Ich stand auf. Ich wusste selbst nicht, was ich vorhatte, aber Link wusste es. Er rutschte hinter dem Tisch hervor und bugsierte mich zur Tür. »Lass uns hier verschwinden, Mann.«

»Du hast mir wirklich gefehlt, Dinkyboy«, rief Ridley uns nach. Es sollte sarkastisch klingen, einer ihrer üblichen Sprüche eben. Stattdessen klang es so, als würde sie die Wahrheit sagen.

Ich schlug mit der flachen Hand gegen die Tür und sie flog auf. Bevor sie wieder hinter uns zufiel, hörte ich John sagen: »Nett, dich kennengelernt zu haben, Ethan. Schöne Grüße an Lena.« Meine Hände zitterten. Ich hörte Ridley lachen. Heute brauchte sie mich nicht anzulügen, um mir wehzutun. Heute reichte dafür die Wahrheit.

Wir sprachen kein Wort auf der Fahrt nach Ravenwood. Keiner von uns beiden wusste, was er sagen sollte. Mädchen können einem so was antun, besonders Caster-Mädchen. Als wir an der langen Zufahrt zu Ravenwood Manor ankamen, waren die Tore verschlossen, etwas, das ich bisher noch nicht erlebt hatte. Der Efeu hatte sich um das verschlungene Gitter gewunden, als ob er schon immer da gewesen wäre. Ich stieg aus dem Auto und rüttelte am Tor, obwohl ich wusste, dass es nicht aufgehen würde. Ich schaute zum Haus hinter dem Tor. Die Fenster waren dunkel und der Himmel über dem Haus drohte noch dunkler.

Was war passiert? Ich hätte akzeptieren können, dass Lena am See ausgerastet war, dass sie das Gefühl hatte, sie müsste einfach verschwinden. Aber warum mit ihm? Warum ausgerechnet mit diesem Caster-Boy auf seiner Harley? Wie lange traf sie sich schon mit ihm, ohne es mir zu sagen? Und was hatte Ridley mit all dem zu schaffen?

Ich war noch nie so wütend auf Lena gewesen wie jetzt. Von jemandem, den man hasst, verletzt zu werden, ist eine Sache, aber das hier war etwas anderes. Diesen Schmerz konnte einem nur jemand zufügen, den man liebte und von dem man dachte, dass er diese Liebe erwiderte. Es war, als würde man mit einem Messer von innen nach außen erstochen.

»Bist du okay, Mann?« Link knallte die Fahrertür zu.

»Nein.« Ich sah unverwandt auf die lange Auffahrt.

»Ich auch nicht.« Link warf die Autoschlüssel durchs offene Wagenfenster und gemeinsam machten wir uns auf den Weg.

Wir trampten in die Stadt zurück; Link drehte sich alle paar Minuten um und suchte die Straße hinter uns nach der Harley ab. Aber ich rechnete nicht damit, dass sie auftauchen würde. Diese spezielle Harley fuhr ganz sicher nicht in die Stadt. Anders als wir war sie vermutlich längst durch die Tore von Ravenwood gefahren.

Ich war zum Essen nicht nach unten gekommen; das war mein erster Fehler gewesen. Mein zweiter Fehler war, dass ich den Schuhkarton meiner schwarzen Chucks öffnete. Ich schüttete den gesamten Inhalt auf mein Bett. Eine Nachricht, die mir Lena auf die Rückseite einer Snickers-Verpackung geschrieben hatte, die abgerissene Eintrittskarte des Films, den wir bei unserem ersten Date angesehen hatten, eine verblichene Rechnung vom Dar-ee Keen und eine mit Leuchtstift markierte Seite, die ich aus einem Buch herausgerissen hatte, das mich an sie erinnerte. Es war die Schachtel, in der ich alle unseren gemeinsamen Erinnerungsstücke aufbewahrte – sozusagen meine Version von Lenas Halskette. Jungs machten so was eigentlich nicht, deshalb wusste davon auch keiner, nicht einmal Lena.

Ich hob das zerknitterte Foto vom Winterball auf, das nur wenige Sekunden vor dem Moment geschossen worden war, als meine sogenannten Freunde flüssigen Kunstschnee über uns gekippt hatten. Das Bild war unscharf, aber Lena und ich küssten uns gerade und waren so glücklich, dass es wehtat, das Foto anzuschauen. Wenn ich an jenen Abend zurückdachte, kam es mir vor, als stünde ich immer noch da und würde sie küssen, und ich sehnte mich danach, obwohl ich wusste, wie schrecklich die Sache ausgegangen war.

»Ethan Wate, bist du da drin?«

Ich hörte, wie jemand meine Tür öffnete, und versuchte, die Sachen so schnell wie möglich wieder in der Schachtel zu verstauen, aber sie fiel mir aus der Hand, und alles flatterte zu Boden.

»Was ist los mit dir?« Amma kam herein und setzte sich an das Fußende meines Betts. Seit ich in der sechsten Klasse wegen einer Darmgrippe das Bett hatte hüten müssen, hatte sie das nicht mehr getan. Nicht dass sie mich nicht gerngehabt hätte. Aber dass sie sich zu mir ans Bett setzte, das war einfach nicht unsere Art, miteinander umzugehen.

»Ich bin müde, mehr nicht.«

Sie betrachtete das Durcheinander auf dem Fußboden. »Du siehst aus wie ein Fisch, der im Morast dümpelt. Unten in der Küche steht ein wunderbares Schweinekotelett und wartet darauf, gegessen zu werden. Ich weiß nicht, welcher Anblick trauriger ist, du oder das verschmähte Kotelett.« Sie beugte sich zu mir und strich mir das Haar aus der Stirn. Sie nörgelte immer an mir herum, dass ich mir endlich die Haare schneiden lassen sollte.

»Ich weiß, ich weiß. Die Augen sind die Fenster zur Seele und ich muss mir die Haare schneiden lassen.«

»Du brauchst einen klaren Blick nötiger als einen Haarschnitt«, sagte Amma mit traurigem Gesicht und fasste mich unterm Kinn, als wollte sie mich so hochheben. Jede Wette, wenn’s drauf ankäme, könnte sie das auch. »Ich merke doch genau, dass es dir nicht gut geht.«

»Ach ja?«

»Ich weiß es, denn du bist mein Junge, außerdem ist alles meine Schuld.«

»Was soll das heißen?« Ich kapierte kein Wort und sie erklärte es nicht weiter; so verliefen alle unsere Unterhaltungen.

»Aber ihr geht es auch nicht gut, Junge.« Amma sprach leise, dabei sah sie zum Fenster hinaus. »Es muss nicht immer jemand schuld daran sein, wenn etwas passiert. Manchmal ist es einfach so, wie es ist. Wie man die Karten gezogen hat.« Bei Amma war immer das Schicksal verantwortlich, wenn sie aus ihren Tarotkarten, aus den Knochen auf dem Friedhof oder sonst irgendwo den Gang der Welt ablas.

»Ja, Ma’am.«

Sie blickte mich an, und ich sah, dass ihre Augen glänzten. »Und manchmal sind die Dinge anders, als sie zu sein scheinen, und dann kann nicht einmal eine Seherin vorhersagen, was auf uns zukommt.« Sie nahm meine Hand und legte etwas hinein. Es war einer ihrer vielen Talismane, eine rote Schnur, in die winzige Perlen geflochten waren. »Binde es um dein Handgelenk.«

»Amma, Jungs tragen keine Bändchen am Arm.«

»Seit wann mache ich Schmuck? Das ist etwas für Frauen, die zu viel Zeit und zu wenig Verstand haben.« Sie zupfte an ihrer Schürze und strich sie glatt. »Eine rote Schnur ist eine Verbindung zur Anderwelt, sie gibt dir den Schutz, den ich dir nicht geben kann. Na los, bind es um.«

Es hatte keinen Sinn, mit Amma zu diskutieren, wenn sie diese Miene aufgesetzt hatte, eine Mischung aus Angst und Trauer. Sie trug sie wie eine Last, die sie niederdrückte. Ich streckte ihr den Arm hin und ließ es zu, dass sie das Bändchen um mein Gelenk knotete. Ehe ich etwas sagen konnte, holte sie eine Handvoll Salz aus ihrer Schürzentasche und streute es über das Fensterbrett.

»Alles wird wieder gut, Amma. Mach dir keine Sorgen.«

Amma blieb in der Tür stehen und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Hab den ganzen Nachmittag lang Zwiebeln geschnitten.«

Etwas passierte, wie Amma schon gesagt hatte. Ich hatte allerdings den Verdacht, dass es dabei nicht in erster Linie um mich ging. »Hast du schon mal was von einem Kerl gehört, der John Breed heißt?«

Sie erstarrte. »Ethan Wate, lass es nicht so weit kommen, dass ich das Kotelett an Lucille verfüttere.«

»Nein, Ma’am.«

Amma ahnte etwas, und es war nichts Gutes, aber sie wollte nicht darüber reden. Das wusste ich so sicher, wie ich ihr Kotelettrezept kannte, für das sie keine einzige Zwiebel brauchte.