14

Mit dem Riesenpilz im Rücken und ohne Möglichkeit zur Flucht starrte Reg Barclay zu den vielen Frills und Alpusta. Die Frills waren sehr aufgeregt, schlugen kraftvoll mit ihren Schwingen und flogen hin und her. Die Alpusta hüpften auf ihren Netzen und hielten an dem weichen Pilz nach Stellen Ausschau, wo sie sich niederlassen konnten.

Reg schwebte hilflos und war zu weit vom Shuttle entfernt, um an Bord Zuflucht suchen zu können. Zwar hatte Captain Picard angeboten, sich der gewaltigen Übermacht zu ergeben, aber vielleicht wollten die Fremden gar nichts davon wissen. Nach dem grässlichen Beben, das die ganze Kristallwelt erschüttert hatte, wirkten sie zorniger als jemals zuvor. Reg wünschte sich nur, noch einmal Melora zu sehen, bevor er starb.

»Yerjakzik!«, rief Keefe Nordine hinter ihm. »Wie schön, dich wiederzusehen, alter Freund!«

Ein ehrwürdiger alter Frill mit silbergrauem Rücken löste sich aus dem Schwarm und flog den Außenweltlern entgegen. Reg kämpfte gegen den Drang an, sich voller Furcht zu ducken – das sehnige Geschöpf war mindestens drei Meter lang. Es hielt vor ihnen an und richtete sich wie eine Kobra auf. Erneut schlug es mit den Schwingen und eine geisterhafte Stimme erklang.

»Wir haben euch überall gesucht«, sagte der Frill. »Die Situation wird immer schlimmer und unsere Brüder wissen keinen Rat. Die Alpusta sind bereit, den amtierenden Cheftechniker der Elaysianer anzuerkennen.«

Reg begriff erst, dass der Frill ihn meinte, als einer derspinnenartigen Alpusta auf einem langen mobilen Netz nach vorn sprang. An seinem dornigen Leib hing ein dunkelblauer Kristall.

»Nehmen Sie ihn, Reg«, meinte Nordine und gab ihm einen Stoß.

Barclay versuchte, tapfer zu lächeln, als er sich dem monströsen Geschöpf näherte. Nach allem, was sie bisher erlebt hatten, befürchtete er irgendeinen Trick. Doch der große Alpusta faltete die Beine und schien sich zu verneigen, wodurch Reg Gelegenheit bekam, den Kristall vom kopflosen Körper zu nehmen. Er war an einem Strang befestigt, der von einem alten Netz stammte und sich wie ein schmieriger Gummiriemen anfühlte. Reg unterdrückte seinen Abscheu, legte sich den Riemen um den Hals und fügte den blauen Kristall seiner Sammlung hinzu.

Er glaubte, irgendetwas sagen zu müssen, und deshalb verkündete er: »Ich werde dieses Heilige Fragment nutzen, um die Kristallwelt zu retten!«

Diese Worte schienen auf Zustimmung zu stoßen, denn die Frills drehten ab und flogen fort, während die Alpusta auf ihren langen Netzen zurückwichen. Reg schwebte völlig reglos, während sich der Himmel vor dem Riesenpilz leerte. Hunderte von erstaunlichen Lebensformen verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.

Barclay ließ den angehaltenen Atem entweichen und sah zum Captain, der ihn respektvoll musterte. »Gut gemacht, Mr. Barclay. Ich weiß nicht, ob es uns etwas nützt, aber jetzt haben wir alle sechs Kristalle. Ich sollte besser einen Kontakt zum Schiff herstellen.«

Er klopfte auf seinen Insignienkommunikator. »Picard an Enterprise.«

»Hier Riker«, meldete sich der Erste Offizier. »Ist alles in Ordnung?«

»Ja, Nummer Eins, es ist alles in Ordnung, zumindest mit uns.«

»Tut mir Leid, dass Sie so lange nichts von uns hörten«, sagte Riker. »Wir haben mit den Jeptah verhandelt.«

»Gut«, erwiderte Picard. »Sie konnten sich also mit ihnen in Verbindung setzen.«

»Ob Sie’s glauben oder nicht – die Jeptah setzten sich mit uns in Verbindung«, betonte Riker. »Es dauerte eine Weile, sie zu überzeugen, aber ich glaube, sie sind jetzt bereit, es mit unserem ursprünglichen Plan zu versuchen. Damit meine ich die Deaktivierung der Schale und die Versorgung der Kraftfelder mit unserer Energie.«

»Was ist mit Tangre Bertorans Widerstand?«

»Er scheint keine Rolle mehr zu spielen«, antwortete Riker. »Ich schätze, nach dem dämlichen Versuch, den Riss mit der gestohlenen Phaserbank zu zerstören, hatten die anderen Jeptah genug von ihm.«

Der Captain runzelte die Stirn. »Ich denke, wir sollten froh sein, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. Aber seien Sie vorsichtig, Nummer Eins.«

»Keine Sorge, Sir. Wir haben unsere Forderungen gestellt. Die Jeptah geben uns die Phaserbank zurück und wir schicken LaForge in die Schale – um sicher zu sein, dass kein weiterer Versuch stattfindet, die Enterprise zu übernehmen. Wir sind also wieder dort, wo wir begonnen haben, allerdings ohne Tangre Bertoran. Glauben Sie mir: Wir haben es jetzt mit sehr niedergeschlagenen, aber auch klügeren Jeptah zu tun.«

»Auch wir sind erfolgreich gewesen. Wir haben den letzten der sechs Kristalle bekommen und kehren so schnell wie möglich zu Ihnen zurück. Aber der Flug dürfte trotzdem acht bis zehn Stunden dauern.«

»Kein Problem, Sir«, sagte Riker. »Wir versuchen, bis zu Ihrer Ankunft alles vorzubereiten. Übrigens: Wir haben keine Nachricht von Melora Pazlar und die Jeptah weigern sich, über sie zu reden. Wir werden darauf bestehen, ihren Aufenthaltsort zu erfahren, bevor wir aktiv werden.«

»Gute Idee. Picard Ende.« Der Captain stieß sich vorsichtig vom Pilz ab und schwebte zum Shuttle. »Mr. Data, treffen Sie Startvorbereitungen.«

»Ja, Sir«, sagte der Androide, kehrte zum Pilotensessel zurück und ließ seine Finger über die Schaltflächen huschen.

»Dem Himmel sei Dank«, murmelte Reg. Eine Hand berührte ihn am Arm, und als er den Kopf drehte, sah er Deanna Troi. Sie lächelte.

»Der Schmuck steht Ihnen gut.« Sie deutete auf die Kristalle an seinem Hals. »Es wird Zeit, ihm noch etwas hinzuzufügen.« Sie nahm den Kristall der Lipuls ab und reichte ihn Reg.

»Aber die Lipuls haben Sie gewählt«, protestierte Barclay.

»Und ich wähle Sie«, erwiderte Deanna. »Ich weigere mich, der Kristallwelt weitere Hilfe zu leisten – sie hat mir zu viel abverlangt. Ich werde die Krankenstation aufsuchen und mich dort gründlich ausruhen.«

»Wir alle könnten Ruhe gebrauchen«, sagte Reg und seufzte. Dann zeigte sich Sorge in seinem Gesicht. »Was mag mit Melora geschehen sein?«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Troi. »Offenbar hat jemand mit den Jeptah gesprochen und sie zur Vernunft gebracht. Vielleicht war es Melora.«

Reg nickte ernst und fand Trost in diesen Worten. Wo auch immer sich die Elaysianerin befand: Bestimmt verzichtete sie nicht darauf, ihre Meinung zu sagen und zu versuchen, ihrem Volk zu helfen. Trotzdem: Sie fehlte Reg sehr. Ohne sie fühlte er sich allein und verlassen, trotz der Präsenz seiner Schiffskameraden.

»Kommen Sie an Bord!«, rief Captain Picard von der offenen Luke. Er warf ein Seil zum alten Pilz. Barclay, Troi und Keefe Nordine griffen danach, zogen sich zum wartenden Shuttle.

Während des Rückflugs zur Enterprise schlief Barclay ein, aber er fühlte sich trotzdem müde und erschöpft, als er den Shuttle verließ. Zwei Gruppen nahmen sie im Hangar in Empfang. Die eine bestand aus Medo-Personal, das sich um Deanna Troi und Keefe Nordine kümmerte, die andere aus Geordi LaForge und einigen Technikern.

Nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, wollte sich Reg nicht gern von Deanna trennen, aber er sah, dass sich die Counselor kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Der fröhliche Nordine schüttelte ihnen die Hand und rief ermutigende Worte, als man ihn in einem Rollstuhl fortbrachte. Captain Picard dankte dem jungen Zivilisten noch einmal und versprach, ihm nach Kräften zu helfen.

»Retten Sie diesen einzigartigen Planeten«, sagte Nordine. »Eines Tages möchte ich hierher zurückkehren – für einen kurzen Besuch!«

»Wir werden uns alle Mühe geben«, erwiderte Picard und wandte sich dann an LaForge. »Wie ist die Lage?«

»Unser Hauptenergiegitter ist mit den energetischen Transferleitungen der Schale verbunden«, antwortete der Chefingenieur. »Die Kraftfelder sind inzwischen erweitert worden und umfassen auch die Enterprise, ohne die Funktion unserer Bordsysteme zu beeinträchtigen. Diesmal haben die Jeptah erstaunlich große Kooperationsbereitschaft gezeigt. Wir brauchen jetzt nur noch die sechs Kristalle mit dem Terminierungsmodul zu verbinden und die Schale zu deaktivieren. Dann sammeln die Kollektoren keine dunkle Materie mehr und das fraktale Programm wird beendet. Alle Aktivitäten müssten aufhören. Nur die Kraftfelder bleiben bestehen, weil sie mit unserer Energie versorgt werden. Wenn wir die Schale wenige Sekunden später reaktivieren, sollten die Programme wieder mit den ursprünglichen Werten arbeiten. Wir haben alles mehrmals überprüft und ich bin sicher, dass es funktioniert. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn Data von der Brücke aus den energetischen Transfer kontrolliert.«

Der Androide nickte. »Mit Ihrer Erlaubnis, Captain.«

»Natürlich.«

Data ging mit langen Schritten zum Ausgang und die anderen folgten dem Captain. Reg trat neben LaForge und räusperte sich. »Äh… entschuldigen Sie, Sir, haben Sie etwas von Lieutenant Pazlar gehört?«

Geordi verzog das Gesicht. »Ja, Reg, aber ich fürchte, es sind keine guten Nachrichten. Captain, Sie sollten das ebenfalls hören.«

Picard blieb stehen und sah erwartungsvoll zum Chefingenieur, während Reg nervös die Hände rang.

»Die Jeptah wollten uns nichts verraten«, begann LaForge, »aber wir haben sie schließlich zum Reden gebracht. Offenbar transferierten sie Lieutenant Pazlar zur Schale und sie war zugegen, als unsere Phaser auf den Riss abgefeuert wurden. Ich weiß nicht genau, was passierte, aber angeblich hat sie Tangre Bertoran angegriffen und… getötet.«

Barclay schnappte nach Luft und hob die Hand zum Mund. »Sie hat ihn umgebracht?«

»Sie kann recht hitzköpfig sein, Reg«, sagte Geordi sanft. »Ich behaupte nicht, den Verlust von Tangre Bertoran sehr zu bedauern, aber die Jeptah scheinen das anders zu sehen. Ich glaube, man hat seine Leiche bereits zum Blutprisma gebracht, um sie dort den Frills zu überlassen.«

»W-wo ist Melora?«, fragte Reg.

»Das scheint niemand zu wissen.« LaForge seufzte und schüttelte den Kopf. »Ich schätze, es handelt sich um eine sehr ernste Sache. Vermutlich ist Lieutenant Pazlar zu ihrer Enklave zurückgekehrt, wo man über ihr Schicksal entscheiden wird. Tut mir Leid, Reg.«

Barclays Unterlippe zitterte und seine Eingeweide schienen sich in schwarzes Mark zu verwandeln, wie das Innere eines sterbenden Kristalles. Seine Knie waren bereits geschwächt vom langen Aufenthalt in der Schwerelosigkeit, aber jetzt drohten sie ganz nachzugeben.

Plötzlich spürte er eine starke Hand an der Schulter, die ihm Halt gab. Er drehte den Kopf und sah Captain Picard, der einen mitfühlenden, gleichzeitig auch entschlossenen Blick auf ihn richtete.

»Kopf hoch, Mr. Barclay. Denken Sie daran, dass sich Lieutenant Pazlar aus freiem Willen an dieser Sache beteiligte. Sie wäre sicher sehr von uns enttäuscht, wenn wir jetzt zögern. Wir müssen unsere persönlichen Gefühle beiseite schieben und das zu Ende führen, was sie begonnen hat.«

»Ja, Sir«, sagte Barclay und zwang sich dazu, die Schultern zu straffen. »Ich gehe zur Sicherheitsabteilung und hole die echten Kristalle.«

»Diese hier sind nicht echt?«, fragte Geordi und deutete auf die glitzernden Objekte an Regs Hals. Sie wirkten wie riesige Zähne an einer primitiven Halskette.

»Einige von ihnen.« Reg zeigte auf den klaren, den dunkelblauen und den bernsteinfarbenen, von bunten Bändern umgebenen Kristall. »Diese hier – sie stammen von den Lipuls, Alpusta und Yiltern – haben wir bei der letzten Reise bekommen; sie sind echt. Bei den anderen handelt es sich um Duplikate. Die Originale habe ich in einem Sicherheitsfach untergebracht und ich hoffe, es ist alles in Ordnung mit ihnen.«

»Wenn sie von einem Kraftfeld geschützt waren, dürfte nichts mit ihnen passiert sein«, meinte LaForge.

»Also auf zur Sicherheitsabteilung«, sagte Picard. »Übrigens, Mr. LaForge: Sie haben ausgezeichnete Arbeit geleistet, als Sie das Schiff wieder unter Kontrolle brachten. Wie ich hörte, gebührt das Verdienst den Leuten Ihrer Abteilung.«

»Sie befanden sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.« LaForge lächelte. »Ich weise immer wieder darauf hin, dass der Maschinenraum ein besonders sicherer Arbeitsplatz ist, aber man hört nie auf mich. Stimmt’s, Reg?«

»Hmm? O ja, Sir«, murmelte Barclay geistesabwesend. Er hatte nicht richtig zugehört.

»Sie werden Melora wiedersehen«, sagte Geordi mit falscher Fröhlichkeit. »Niemand in der Kristallwelt kann Ihnen etwas verweigern. Immerhin sind Sie der König der Cheftechniker, oder?«

»Ich denke schon«, erwiderte Reg und lächelte schief, obwohl er sich ganz und gar nicht wie ein König von irgendetwas fühlte.

Reg blieb in einen Nebel der Sorge gehüllt, als er den Captain, LaForge und zwei andere Techniker zur Sicherheitsabteilung auf Deck Zehn begleitete. Sie war eine Mischung aus Bunker und Büro, wie die Polizeiwache in einer Stadt, und besonders kräftig gebaute Besatzungsmitglieder verrichteten hier ihren Dienst. Es gab auch Arrestzellen und spezielle Sicherheitsfächer für Objekte, die besonderen Schutz benötigten. Angehörige der Crew machten kaum Gebrauch davon und vertrauten der Sicherheit ihrer Quartiere. Aber Würdenträger und andere Passagiere, die sich gelegentlich an Bord befanden, griffen häufig auf das Angebot zusätzlicher Sicherheit zurück.

Der Captain nahm die drei Kristalle entgegen, die Barclay von den Bewohnern der Kristallwelt bekommen hatte. Der violette stammte von den Elaysianern, eine Hinterlassenschaft des ermordeten Zuka Juno. Der smaragdgrüne gehörte dem Gendlii und Tangre Bertoran hatte ihn für seinen eigenen gehalten. Der blutrote kam von den Frills.

Reg trennte sich sowohl von den drei Duplikaten als auch von den – echten – Kristallen, die er bei der letzten Reise bekommen hatte. Captain Picard nahm alle sechs Heiligen Fragmente entgegen. Eigentlich hätte es Barclay erleichtern sollen, die kostbaren Relikte – und die Verantwortung für sie – nicht mehr tragen zu müssen, aber stattdessen spürte er eine sonderbare Art von Enttäuschung. Erst hatte er Melora verloren und jetzt auch die Kristalle. Alles Besondere entglitt ihm, verschwand aus seinem Leben.

Pflichtbewusst folgte er Captain Picard, LaForge und den anderen zum Transporterraum. Es regte sich kaum Furcht in ihm, als sie sich zur Schale beamten. Nach allem, was er hinter sich hatte, war es eine Kleinigkeit, für einige wenige Sekunden die molekulare Struktur zu verlieren. Schade, dass der Transporter keine gebrochenen Herzen zusammensetzen konnte.

Einige ernste, in Gelb gekleidete Elaysianer empfingen sie in einem runden Korridor. Hinter der Gruppe schwebte ein Alpusta und gab sich betont sanft. Reg dachte daran, dass die Alpusta an Bord der Enterprise ziemlich gewütet hatten; jetzt baten sie auf ihre eigene Art und Weise um Vergebung.

»Ich bin Hako Fezdan«, sagte ein dünner, humorloser Jeptah. Er deutete auf seinen Alpusta-Kollegen. »Wir haben Techniker, die außerhalb der Schale Verbindungen überprüfen können, falls das erforderlich werden sollte. Aber nach den Anzeigen unserer Instrumente zu urteilen ist alles bereit.«

»Hoffen wir’s«, erwiderte Picard ungeduldig. »Vom Shuttle aus durchgeführte Sondierungen ergaben, dass die Thoron-Strahlung überall in der Kristallwelt zunimmt. Wir müssen das Problem so schnell wie möglich lösen.«

Der Jeptah verbeugte sich. »Wir stimmen Ihnen ohne irgendwelche Einschränkungen zu, Captain. Ich möchte tiefes Bedauern über den Zwischenfall zum Ausdruck bringen, der auf die Initiative des verstorbenen Peer Tangre Bertoran zurückging.«

»Zur Kenntnis genommen«, sagte Picard brüsk. Es klang so, als sei er noch nicht ganz bereit, die Übernahme der Enterprise und den Diebstahl der Phaserbank zu verzeihen. »Wo ist das Terminierungsmodul?«

»Hier entlang, Captain. Bitte halten Sie sich an den Händen.«

Erneut fassten sich die Außenweltler wie Schulkinder an den Händen und flogen dann durch stille, leer Korridore. Reg vermutete, dass die Arbeiter zu ihren Heimatenklaven zurückgekehrt waren, um dort auf das Ende zu warten.

Schließlich erreichten sie die massive Tür des Programmierzentrums, in dem der Lipul Zuka Juno umgebracht hatte. Doch sie betraten den großen Raum nicht. Stattdessen griff Hako Fezdan unter die Tür und öffnete eine kleine, geheime Klappe.

Weiter oben öffnete sich eine größere Klappe und dahinter erstreckte sich ein dunkler, muffig riechender Raum. Der Staub von Jahrtausenden wehte daraus hervor, drang Reg in die Nase und veranlasste ihn, heftig zu niesen. Der Alpusta wich erschrocken zurück und seine Beine streiften die Rückwand.

»Tut mir Leid«, sagte Reg und rieb sich die Nase.

Der Elaysianer verbeugte sich entschuldigend. »Wie Sie sehen, ist das Terminierungsmodul nie benutzt worden. Es sollte auch nie benutzt werden. Ich glaube, nur vier von uns finden in dem Raum Platz: Sie, Captain, der Stellvertreter der sechs Cheftechniker, ich und Commander LaForge.«

»Einverstanden«, sagte Picard knapp.

Reg wäre am liebsten zurückgewichen – er verabscheute dunkle Orte, die nur wenig Platz boten –, aber er vertrat sechs Cheftechniker. Seine Pflicht bestand darin, alles bis zum Ende durchzustehen. Ein weiteres Opfer für die Kristallwelt.

Hako Fezdan stieß sich vom Boden ab und schwebte ins finstere Zimmer. Er streckte die Hand aus, um den Captain, LaForge und Barclay hereinzuziehen.

Überrascht stellte Reg fest: Es war tatsächlich recht eng in dem Raum, aber er bot auch einen spektakulären Anblick. Die Wände bestanden aus Kristall, so gelb wie die Sonne. Drähte und Schaltkreise zeigten sich im Innern des transparenten Materials, führten zu sechs sechseckigen Öffnungen. Nicht etwa Farben markierten sie, sondern Formen, den sechs intelligenten Spezies der Kristallwelt nachempfunden.

Unter ihnen im Korridor weinte einer der Elaysianer und auch Hako Fezdan wirkte blass, als er über den Ernst der Maßnahme nachdachte, die sie nun ergreifen wollten. »Es gibt eine Zeremonie, die der Prozedur vorausgehen sollte…«, brachte er mit vibrierender Stimme hervor.

»Hat sie irgendeinen Einfluss auf die Wirksamkeit der Deaktivierung?«, fragte Picard.

»Nein«, antwortete der Jeptah. »Aber die Heiligen Fragmente müssen in der richtigen Reihenfolge eingesetzt werden, von links nach rechts. Das letzte – der Kristall der Lipuls – vervollständigt die Terminierung und dann stellt die Schale alle ihre Funktionen ein. Entfernt man anschließend die Fragmente aus den Öffnungen, wird die Schale wieder aktiv.«

»Also los«, sagte LaForge. »Ich gebe Data Bescheid.« Er klopfte auf seinen Insignienkommunikator. »LaForge an Data.«

»Hier Data«, ertönte die Stimme des Androiden.

»Wir sind soweit. Wie sieht’s bei Ihnen aus?«

»Ihre Vorbereitungen scheinen so gründlich wie immer zu sein«, sagte Data. »Wir können jederzeit Energie in die Kraftfelder der Schale leiten.«

»In Ordnung«, erwiderte der Chefingenieur. »Ich beginne mit dem Countdown.« Er gab Picard ein Zeichen, der daraufhin den ersten Kristall in die Öffnung ganz links schob. Dunkle Schaltkreise in den gelben Kristallwänden glühten plötzlich.

»Fünf«, sagte LaForge.

Picard nahm den zweiten Kristall und fügte ihn dem Terminierungsmodul hinzu.

»Vier«, sagte Geordi.

Der violette Kristall, den Reg mehrere Tage lang getragen hatte, kam als nächster an die Reihe, und der Chefingenieur setzte den Countdown fort: »Drei.«

Ein weiterer Kristall wurde eingesetzt und LaForge sagte: »Zwei.«

Der von bunten Bändern umgebene bernsteinfarbene Kristall bereitete dem Captain einige Probleme, aber schließlich steckte er ebenfalls in der für ihn bestimmten Öffnung.

»Eins«, verkündete Geordi.

Nur noch eine Öffnung war noch leer.

»Energie wird transferiert«, meldete Data. »Transfer erfolgreich – Funktion der Kraftfelder normal.«

Hako Fezdan blickte nach unten und einer der Elaysianer bestätigte erfreut: »Die Kraftfelder sind stabil.«

Captain Picard schob den letzten Kristall ins Terminierungsmodul und alle hielten den Atem an.

Nichts geschah. Zumindest in ihrer unmittelbaren Nähe kam es in der Schale zu keinen Veränderungen. Die Menschen richteten einen fragenden Blick auf den Elaysianer, doch Hako Fezdan schüttelte nur verwundert den Kopf.

»Inzwischen hätte die Deaktivierung stattfinden müssen«, sagte er.

»Data«, wandte sich LaForge an den Androiden, »beobachten Sie irgendwelche Veränderungen bei der Schale?«

»Nein«, lautete die Antwort. »Abgesehen davon, dass sie die zusätzliche Zufuhr von Energie zu kompensieren versucht. Ich erwarte neue Anweisungen.«

Verärgert zog Picard die Kristalle aus den Öffnungen und schob sie dann erneut hinein, doch wieder geschah nichts.

»O nein«, stöhnte Barclay und ein flaues Gefühl entstand in seiner Magengrube, schlimmer als jemals zuvor. »Ich glaube, ich weiß, was passiert ist.«

»Heraus damit«, sagte der Captain.

Reg schluckte. »Bei der Replikation der ersten drei Heiligen Fragmente stellte ich fest, dass der von Tangre Bertoran stammende Kristall nicht so zusammengesetzt war wie die beiden anderen. Zu jenem Zeitpunkt dachte ich mir kaum etwas dabei, denn ich wusste nicht viel über die Kristalle. Vielleicht hat Bertoran mir ein Duplikat gegeben.«

»Verdammter Idiot!«, fluchte LaForge und ballte unwillkürlich die Fäuste. »Selbst im Tod legt er uns Hindernisse in den Weg.«

Picard sah Hako Fezdan an und in seinen Augen blitzte es. »Ist das möglich? Wissen Sie etwas davon?«

Der Elaysianer wich vor dem Zorn des Captains zurück. »Er zog uns nicht immer ins Vertrauen. Aber… Ja, es ist möglich. Er war absolut gegen die Deaktivierung der Schale.«

»Enterprise an Einsatzgruppe«, erklang Rikers Stimme. »Bei der Schale gibt es keine Veränderungen und wir stehen jetzt kurz vor einer Überladung. Was geht bei Ihnen vor?«

»Wir konnten keine Deaktivierung durchführen«, erwiderte der Captain. »Beenden Sie den energetischen Transfer.«

»Ja, Sir.«

Captain Picard packte den Elaysianer an seinem weiten Gewand und schüttelte ihn. »Suchen Sie in Bertorans Quartier, in seinem Büro, überall dort, wo er den Kristall versteckt haben könnte – und finden Sie ihn!«

»J-ja, Sir!«, hauchte Hako Fezdan. Er floh regelrecht aus dem Zimmer, ließ Picard, LaForge und Barclay allein zurück – drei Menschen, die einer kolossalen Katastrophe hilflos gegenüberstanden.

Unter ihnen weinte noch immer der Elaysianer. Reg hätte ihm gern Gesellschaft dabei geleistet, aber er fühlte sich wie betäubt.