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Geordi LaForge spürte, wie seine Nervosität wuchs, als er im Transporterraum Drei stand, während der neben ihm wartende Data die Ruhe selbst zu sein schien. Er wäre viel lieber im Maschinenraum gewesen, um dort am Projekt der Schale zu arbeiten und sicherzustellen, dass die notdürftigen Reparaturen des Reaktors hielten. Wenn dem Faktor Zeit wesentliche Bedeutung zukam, verabscheute er es, diplomatischen Pflichten genügen zu müssen, nur um die Dinge in Gang zu bringen. Doch die bevorstehende Begegnung mit Tangre Bertoran war wichtig. Sie mussten Kommunikationskanäle öffnen und die Grundlage für eine Kooperation schaffen, wenn sie rechtzeitig eine Lösung für das Problem finden wollten.
»Wie ist er?«, fragte Geordi leise.
Data neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »Er ist selbstherrlich, rechthaberisch, aufsässig, arrogant, brillant, energisch, streitsüchtig, derzeit auch besorgt…«
»Schon gut, schon gut«, brummte LaForge. »Ich habe eine Vorstellung gewonnen. Wie brachten Sie es fertig, mit ihm zusammenzuarbeiten?«
Dünne Falten bildeten sich in Datas Stirn. »Ich habe ihm die Wahrheit gesagt. Obgleich er kaum an ihr interessiert zu sein schien.«
»Ah.« Geordi faltete die Hände. »Danke.«
»Transferfokus ausgerichtet«, meldete der bolianische Transportertechniker. »Es ist alles vorbereitet.«
LaForge nickte und nahm einen Tricorder zur Hand. »Energie.«
Der Techniker bediente die Kontrollen der Konsole und ein Behälter materialisierte auf der Transporterplattform. LaForge und Data aktivierten ihre Tricorder und näherten sich dem summenden Apparat, an dem hier und dort Kontrolllampen blinkten.
»Übereinstimmung mit den Daten des Strukturspeichers«, berichtete der Bolianer. »Offenbar kam es zu keinen Veränderungen.«
»Na bitte«, sagte Geordi zufrieden. »Der Transporter funktioniert wieder!«
»Aber nur bei sehr geringen Entfernungen im Innern unseres eigenen Kraftfelds«, erinnerte ihn Data. »Außerhalb davon sind die Interferenzen noch immer zu stark.«
»Ja, das stimmt«, erwiderte Geordi. »Nun, wir müssen das System weiter verbessern, wenn wir Personen und Geräte hin und her beamen wollen. Na schön, an alle: die Magnetstiefel aktivieren.«
LaForge betätigte eine Taste seines Instrumentengürtels und daraufhin wurden seine magnetischen Sohlen aktiv. Es fühlte sich seltsam an, die Stiefel eines Raumanzugs an Bord zu verwenden, während man eine gewöhnliche Uniform trug und ganz normale Luft atmete. Aber sie wollten dafür sorgen, dass es ihre Gäste bequem hatten. »Schalten Sie jetzt die künstliche Gravitation aus, Fähnrich.«
»Ja, Sir.« Wieder betätigte der Bolianer Schaltelemente und Geordi spürte, wie sein Körpergewicht sich verflüchtigte. Die beiden einzigen negativen Empfindungen waren eine sonderbare Leere in der Magengrube und ein oder zwei Sekunden der Desorientierung.
»Transferfokus wird ausgerichtet«, sagte der Bolianer. »Zwei Personen erfasst.«
Zwei funkelnde Säulen bildeten sich auf der Transporterplattform und wurden zu Elaysianern, die gelbe Gewänder trugen und über dem Boden schwebten.
Tangre Bertoran lächelte anerkennend, als er Arme und Beine streckte. »Danke, Commander LaForge. Ich weiß dieses Willkommen ebenso zu schätzen wie Ihre Bemühungen, uns Komfort zu gewähren.«
Geordi hob einen Fuß nach dem anderen und trat auf die Besucher zu. »Hoffentlich können wir schnell Fortschritte erzielen. Haben Sie die Strukturdaten Ihrer Kraftfelder mitgebracht?«
»Hier sind sie.« Bertoran hob einen isolinearen Chip. »Die Kraftfelder gehören zu den am besten abgesicherten Systemen der Schale, denn sie müssen unter allen Umständen funktionieren. Ich glaube, es lässt sich eine Verbindung mit den Injektionskupplungen der internen Kraftfeldgeneratoren herstellen.«
»Mal sehen«, sagte Geordi und nahm den isolinearen Chip entgegen.
»Vorausgesetzt, Ihre energetischen Transferleitungen können unseren Parametern angepasst werden.«
»Überlassen Sie das uns«, sagte der Chefingenieur, stapfte zu einer peripheren Konsole und schob den Chip in einen Abtaster. Dann sah er auf den Bildschirm und scrollte langsam durch die Daten. Zwar konnte er mit seinen künstlichen Augen mehr wahrnehmen als ein normaler Mensch, aber die einzelnen Datenpakete enthielten selbst für ihn überraschend viele Informationen.
Der Mensch pfiff leise. »Solche Justierungsspulen für Eindämmungsfelder sehe ich jetzt zum ersten Mal, obwohl ich mich an der Akademie mit den theoretischen Aspekten solcher Strukturen beschäftigt habe. Ich bin nicht sicher, ob sie sich mit den Ringkernspulen unseres Reaktors verbinden lassen.«
»Überlassen Sie das uns«, sagte Tangre Bertoran und lächelte zuversichtlich. »Dies ist eine Partnerschaft. Sie produzieren die Energie und wir finden einen Weg, um sie zu verwenden. Können wir hier arbeiten, anstatt die Brücke oder den Maschinenraum aufzusuchen?«
»Ja, bequemer kann ich es uns nicht machen.« Geordi deutete zur Transporterplattform. »Wir beamen alles Nötige hierher, auch das Personal.«
»Derzeit gebe ich mich mit Ihnen und Mr. Data zufrieden«, erwiderte Bertoran. »Übrigens: Das ist meine Assistentin Ansala Karpolin. Sie wird sich das eine oder andere notieren, damit wir nichts vergessen.«
Die Jeptah verneigte sich unterwürfig, holte einen kleinen Handcomputer samt Stift hervor, sah Bertoran an und wartete auf Anweisungen.
Geordi lächelte. »Dafür habe ich Data.«
Der Androide neigte den Kopf. »Willkommen an Bord der Enterprise.«
»Ich bin schon einmal hier gewesen.« Tangre Bertoran lächelte hintergründig. »Ich hoffe, dies ist der Transporterraum Drei und keine Simulation, die uns täuschen soll.«
Geordis Anspannung nahm abrupt zu und er räusperte sich. Seine erzwungene Fröhlichkeit verschwand. »Äh… beziehen Sie sich auf Ihren letzten Besuch?«, fragte er und spürte dabei Datas verwunderten Blick auf sich ruhen.
»Ja«, bestätigte Bertoran und wirkte enttäuscht. »Haben Sie wirklich geglaubt, dass ich nicht die Aufzeichnungen des Sakralen Protektors überprüfen würde?« Der Elaysianer senkte den Kopf und schien zu versuchen, seinen Ärger unter Kontrolle zu halten. »Mir ist klar, dass Sie später eine Sonde schickten, aber es war unter Ihrer Würde, dass Sie uns mit dem Holodeck und dem angeblichen Torpedo etwas vorgemacht haben. Die Gravitation hat mich zu jenem Zeitpunkt so sehr abgelenkt, dass ich nicht richtig denken konnte. Andernfalls hätte ich das Täuschungsmanöver durchschaut.«
»Die Elaysianer außerhalb des Schiffes mussten so schnell wie möglich den Wirkungsbereich der Schilde verlassen. Wir konnten keine Reparaturen vornehmen, während immer wieder Kristallsplitter an die Außenhülle prallten.«
Der Jeptah wischte diese Erklärung mit einer verächtlichen Geste beiseite. »Ich weiß, dass die Anweisung von Captain Picard kam, nicht von Ihnen. Ein cleverer Mann, Ihr Captain. Ich bin quitt mit ihm und deshalb hat sich diese Angelegenheit erledigt. Aber ich werde nicht vergessen, welche Rolle Sie dabei spielten.«
LaForge beschloss, die arrogante Schelte einfach zu ignorieren und wieder zur Sache zu kommen. »Wir wissen noch immer nicht, welche Folgen sich durch den Einsatz unserer Waffen gegen die Anomalie ergäben. Vielleicht würde dadurch alles noch schlimmer.«
»Mir ist nur eins klar: Sie weigern sich, Ihre Waffen auf den Riss zu richten«, erwiderte der Jeptah spöttisch. »Aber Sie sind sehr wohl bereit, sie gegen uns oder den Sakralen Protektor einzusetzen. Ihr Captain ist ein intelligenter und gebieterischer Mann. Ich hoffe, er hat seine Entscheidungen aus den richtigen Gründen getroffen.«
Bertoran bewegte die Arme wie beim Brustschwimmen und die segelartigen Ärmel fingen genug Luft ein, um ihn vom Transporter fortzutragen.
Data bedachte LaForge mit einem fragenden Blick.
»Ich erzähle es Ihnen später«, flüsterte der Chefingenieur. »Übrigens: Sie haben ihn ganz richtig beschrieben.«
Tangre Bertoran räusperte sich majestätisch. »Als Sie eben die Schilde erwähnten, fiel mir etwas ein. Können Ihre Schutzschirme aktiv bleiben, während Sie unsere Kraftfelder mit Energie versorgen?«
»Das ist eine ausgezeichnete Frage«, erwiderte Data. »Nach unseren bisherigen Berechnungen müssten wir die gesamte normalerweise für die Schilde reservierte Energie verwenden, um Ihre Kraftfelder zu stabilisieren. Vielleicht wäre es möglich, das Schiff näher an die Schale heranzusteuern und im Innern Ihrer Kraftfelder unterzubringen. Dann könnten wir auf den Schutz der Schilde verzichten.«
»Wie viel Energie genau ist notwendig?«, fragte LaForge und sah erneut auf den Bildschirm, der die Daten des isolinearen Chips zeigte. »Gibt es eine direkte Korrelation zwischen diesen Joule-Werten und den bei uns gebräuchlichen Standard- Newton?«
»Alles zu seiner Zeit, meine Herren«, sagte Tangre Bertoran. »Zuerst möchte ich mehr über das Schiff und sein Potenzial erfahren.«
Captain Picard wusste, dass sie seit langer Zeit unterwegs waren, als ihn die funkelnden Formationen in der Kristallwelt zu langweilen begannen. Als sie tiefer kamen und sich dem Herzen dieses phantastischen Planeten näherten, trübte sich das Licht im Schatten der aufragenden Monolithe und erstaunlicherweise wurde dadurch alles noch bunter und eindrucksvoller. Die Prismen brachen das unstete Zwielicht und verwandelten es in etwas, das Picard an Nordlichter erinnerte. Man hätte meinen können, durch einen Regenbogen zu fliegen.
Er rieb sich die Augen, die angesichts einer regelrechten Flut von optischen Reizen müde geworden waren, presste dann besorgt die Lippen zusammen. Ohne die Möglichkeit, den Transporter zu verwenden, mussten sie einen großen Teil der noch verbleibenden Zeit für solche Reisen verwenden. In diesen kristallenen Labyrinthen konnte der Shuttle nur mit einem Bruchteil seiner sonst üblichen Geschwindigkeit fliegen, denn immer wieder mussten sie dunklen Wolken oder Wucherungen imitierter Kristalle ausweichen. Selbst ohne diese Hindernisse wären sie hinter der Prozession nur langsam vorangekommen. Picard fragte sich, wie die Frills und Elaysianer mit diesem strapaziösen Flug fertig wurden.
Der Captain war froh, dass Lieutenant Pazlar an den Kontrollen saß. Sie flog das kleine Raumschiff mit dem gleichen Geschick, mit dem sie sich in der Schwerelosigkeit bewegte. Immer wieder wich sie Vorsprüngen aus und lenkte das Shuttle um Ecken. Picard konnte das Ende der Prozession mit seiner seltsamen Fracht kaum mehr sehen, aber Pazlars Gebaren teilte ihm mit, dass sie nach wie vor auf Kurs waren.
Er sah zu Troi und Barclay, die beide zu schlafen schienen. Die Counselor schlummerte friedlich, während sich Barclay immer wieder hin und her warf. Er hatte mehr Zeit als die anderen in der Schwerelosigkeit verbracht, konnte sich aber einfach nicht an sie gewöhnen. An Bord der Enterprise hatte Picard es für sinnvoll gehalten, sie beide der Einsatzgruppe zuzuweisen, aber jetzt wären ihm einige klingonische Sicherheitswächter lieber gewesen.
Da ihm keine Klingonen zur Verfügung standen, musste er sich auf seine diplomatischen Fähigkeiten verlassen. Die Weigerung eines einzelnen Cheftechnikers, ihnen zu helfen, konnte den ganzen Planeten zum Untergang verurteilen. Wie sollte er ihnen den Ernst der Lage verdeutlich, ohne wie ein Unheilsprophet zu wirken?
Picards Blick galt den Instrumenten und er bemühte sich, nicht aufs Chronometer zu sehen. Aber schließlich gab er der Versuchung nach. Seit über zehn Stunden waren sie mit einem Shuttle unterwegs, in dem Schwerelosigkeit herrschte und das ihnen nur wenig Platz bot.
»Eigentlich kommen wir gut voran«, sagte Melora Pazlar. »Jetzt verstehe ich, warum so viele Frills zur Prozession gehören – für den Fall, dass es einige von ihnen nicht schaffen. Die Jeptah können sie mit den Schwebeplattformen zurückbringen.«
»Wie lang mag die Prozession sein?«, fragte Picard.
Pazlar schüttelte den Kopf und lächelte. »Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, die Frills ganz vorn könnten das Ziel inzwischen erreicht haben.«
Diese Worte weckten Hoffnung im Captain. »Es ist also nicht mehr weit?«
»Ich schätze, dass wir das Blutprisma in weniger als einer Stunde erreichen«, antwortete die Elaysianerin. »Ich erinnere mich nicht genau an die Route. Damals bin ich allein geflogen, ohne einen Shuttle oder von einem Frill gezogen zu werden.«
»Ein Todesfall in Ihrer Enklave?«
Pazlar zuckte mit den Schultern und wirkte schwermütig. »So was passiert, wenn die Familie aus mehr als dreihundert Personen besteht.«
»Ja, natürlich.« Picard nickte. »Wenn Sie müde sind und abgelöst werden möchten…«
»Abgelöst?«, wiederholte Pazlar. Es klang fast entsetzt. »Es ist alles in Ordnung mit mir, Sir. Wirklich. Es macht Spaß, den Shuttle zu fliegen. Wenn man uns doch nur erlauben würde, solche Fortbewegungsmittel zu benutzen. Wissen Sie, in gewisser Weise sind wir technikfeindlich. Wenn die technischen Spielereien nicht sehr alt sind, stehen wir ihnen ablehnend gegenüber.«
Der Captain musterte die Elaysianerin einige Sekunden lang und lächelte dann. »Es ist seltsam, wie wir uns an unsere Technologie anpassen. Als ich Ihnen zum ersten Mal begegnete, Lieutenant, hielt ich Sie für eine Gefangene Ihrer Technik. Ich verstand nicht, warum Sie solche Mühen für den Aufenthalt in unserem Ambiente hinnahmen. Dann dachte ich an die Enterprise und die Schale, die der Kristallwelt Schutz gewährt, und mir wurde klar: Wir alle bemühen uns, an einem Ort zu sein, der eigentlich gar nicht für uns bestimmt ist. Vermutlich liegt es in unserer Natur – und dadurch werden Sie uns sehr ähnlich.«
Pazlar schmunzelte und drehte den Kopf ein wenig zur Seite, wodurch sich die V-förmigen Stirnhöcker deutlicher abzeichneten. »Ich bin vor etwas weggelaufen. Wovor, das wusste ich nicht – bis zu meiner Rückkehr.«
»Wovor liefen Sie weg?«
»Ich nehme an, dies fällt eher in den Zuständigkeitsbereich von Counselor Troi«, sagte Pazlar. »Es geht dabei um eine Art von… Provinzialismus. Ich liebe mein Volk, aber es ist so sehr in seinen Traditionen und Protokollen verwurzelt – im Status quo –, dass in seinem Denken für etwas Neues kein Platz ist. Das ergibt für Sie wahrscheinlich keinen Sinn, Captain…«
»Ganz im Gegenteil, ich verstehe Sie sehr gut«, erwiderte Picard und dachte an seine eigene provinzielle Herkunft: Er war in Frankreich aufgewachsen, auf dem Land. »Ich bin auf einem Gutshof groß geworden, der sich mit Ihrer Enklave vergleichen lässt. Viele Leute arbeiteten bei uns, obgleich wir sie nicht alle für Mitglieder der Familie hielten. Die ganze Gegend war wirtschaftlich von der Weinkellerei abhängig. Man könnte von einer erweiterten Familie sprechen. Ich hätte dort bleiben und ein angenehmes Leben führen können, mit viel Arbeit, ja, aber auch mit der Frucht der Rebe.«
Er senkte den Kopf und lächelte wehmütig. »Stattdessen floh ich zu Starfleet, so wie Sie. Ich hatte einen Bruder, der nie verstehen konnte, warum ich ging. Ich ertrug einfach nicht die Vorstellung, jeden Morgen die gleiche Landschaft zu sehen, wie schön sie auch sein mag. Mir gefiel es, Bauer zu sein – ich halte gern die Früchte meiner Arbeit in den Händen –, aber ich wollte mich nicht jeden Tag mit den gleichen Dingen beschäftigen. Eins muss man Starfleet lassen: Die Tätigkeit an Bord eines Raumschiffs ist selten langweilig.«
»Das weiß ich nicht«, sagte Pazlar. »Bisher bin ich nie lange genug an Bord eines Raumschiffs gewesen, um es herauszufinden.«
»Warum?«
Melora schwieg einige Sekunden lang und nahm eine Kurskorrektur vor. »Ich wollte vermeiden, dass die Leute immer wieder versuchen, meinen speziellen Bedürfnissen entgegenzukommen. Nun, wohin man mit Starfleet auch geht – man ist vom Weltraum umgeben. Ich begann damit, nach ungewöhnlichen Missionen in geringer Schwerkraft Ausschau zu halten. Es gibt jede Menge davon und ich bin für viele von ihnen qualifiziert. Wenn ich der Schwerkraft für längere Zeit entkommen konnte, fühlte ich mich besser und es hat sich auch positiv auf meine Einstellung ausgewirkt.«
Ihre Miene verfinsterte sich. »Bis vor kurzer Zeit. Vielleicht bin ich zu weit herumgekommen, dadurch zu ruhelos und einsam gewesen… Jetzt wird mir das klar.«
»Welches Ziel streben Sie bei Starfleet an?«
»Ich habe nie so weit vorausgedacht – es ist größtenteils eine Sache des Überlebens gewesen. So seltsam es auch klingt, aber der Dominion-Krieg bot mir den ersten Hinweis darauf, dass ich mich bei Starfleet hervortun kann. Jetzt bin ich Missionsspezialistin, was fast alles bedeutet. Damit gebe ich mich zunächst zufrieden – ein Schattenzeichen nach dem anderen.«
»Wenn Sie irgendwo Wurzeln schlagen möchten… Wir würden uns freuen, Sie auf Dauer an Bord der Enterprise zu haben.«
Zum ersten Mal wandte die Elaysianerin den Blick von Konsole und Fenster ab. »Ist das Ihr Ernst, Sir?«
»Ich meine es immer ernst, wenn es um die Crew meines Schiffes geht.«
Melora atmete tief durch und die Falten an den Stirnhöckern wurden länger. »Ich habe überlegt, ob ich hier bleiben und dabei helfen sollte, meine Heimat vom Chaos zu befreien. Vorausgesetzt natürlich, dass ich überhaupt noch eine Heimat habe…«
»Sie könnten eine bekommen, bei uns«, sagte Picard. Er sah wieder auf die Anzeigen. »Sie brauchen Ihre Entscheidung nicht jetzt sofort zu treffen. Denken Sie darüber nach.«
Der Captain hörte ein Flüstern, drehte den Kopf und sah, wie sich Troi und Barclay bewegten. Ihre Augen waren geschlossen und sie gaben vor zu schlafen. Aber sie nahmen beide die gleiche Haltung ein und das hielt Picard für verdächtig. Vermutlich hatten sie nichts dagegen, wenn Melora Pazlar zu einem permanenten Besatzungsmitglied wurde.
»Da ist es«, sagte Lieutenant Pazlar und deutete durchs Fenster ins funkelnde karmesinrote Zwielicht. »Einer der ältesten Kristalle der Kristallwelt – das Blutprisma.«
Captain Picard schwebte noch immer in seinem Sessel, beugte sich vor und hielt aufmerksamer Ausschau. Überall um den Shuttle herum ragten kristallene Monolithe wie Mammutbäume auf und ihre uralten Facetten ließen das Licht hin und her tanzen. Picard spähte ins schimmernde Halbdunkel, bis seine Augen ermüdeten und zu brennen begannen. Dann schließlich sah er es: eine brennende Dunkelheit im Zentrum eines großen Kristallhaufens.
Als sie näher kamen, stellte der Captain fest: Das Blutprisma war gebrochen. Andernfalls hätte es viel weiter emporgeragt. Doch selbst der Kristallstumpf erwies sich als sehr beeindruckend, vor allem wegen seiner dunkelroten Farbe. Er ließ sich nur schwer von den schwarzen Kristallen unterscheiden, die in Mulden neben dem Blutprisma wuchsen.
Pazlar reduzierte die Geschwindigkeit des Shuttles, denn die Prozession sammelte sich. Picard hörte, wie jemand nach Luft schnappte, und besorgt drehte er sich um – er befürchtete, dass Troi einen Rückfall erlitt. Doch die Counselor erwachte gerade. Barclay hingegen hatte die Augen weit aufgerissen und sein Mund stand noch immer offen.
Mit einem zitternden Finger deutete er durchs Backbordfenster nach draußen, in Richtung einer verwitterten bernsteinbraunen Facette. »Die… die Wand… bewegt sich!«
»Lassen Sie mich sehen«, sagte Troi, die besser als der Captain erkennen konnte, was Barclay meinte.
Picard löste den Gurt, schwebte nach oben, streckte sich und sah ebenfalls die glänzende Facette. Sie schien zu wabern, den Bewegungen des Shuttles zu folgen. Der Captain glaubte fast, eine Woge voller Fische zu beobachten.
»Die Frills«, sagte Pazlar. »Vermutlich haben sie noch nie einen Shuttle gesehen. Sie verhalten sich so, als wollten sie mit uns um die Wette fliegen.«
»Bitte entschuldigen Sie, dass mich der Anblick so aus der Fassung gebracht hat«, sagte Barclay verlegen.
»Die Geschöpfe bieten einen erstaunlichen Anblick«, kam ihm Troi zu Hilfe. »Sie sind fast transparent und deshalb lassen sie sich kaum von der Umgebung unterscheiden.«
»Das sind die jungen Exemplare«, erklärte Melora. »Wenn sie älter werden, gewinnt ihre Haut eine dunklere Tönung.«
»Ich bin neugierig«, sagte Deanna. »Wann fanden Sie heraus, dass die Frills intelligent und mehr sind als nur exotische Tiere?«
»Sie waren lange vor den Elaysianern hier«, antwortete Pazlar. »Interessanterweise ließen sie uns leben, obgleich sie viele niedere Lebensformen ausrotteten. Manche Wissenschaftler halten die Lipuls und Frills für die einzigen wirklich einheimischen Spezies der Kristallwelt – ihre Entwicklungsgeschichte reicht bis in die Zeit zurück, als dieser Planet eine Meereswelt war. Es ist nicht bekannt, woher wir anderen kamen. Nur eins steht fest: Wir waren alle hier, als die Uralten mit dem Bau der Schale begannen. Wer weiß? Vielleicht stammen wir von Keimen ab, die durchs All trieben. Oder von Kolonisten, die sich hierher verirrten. Die Lipuls sind möglicherweise die Einzigen, die darüber Bescheid wissen, aber sie sehen die Geschichte anders als wir. Ich glaube, für sie ist alles eine Zeit.«
»Die meisten von Ihnen stammen also von woanders«, sagte Picard. »Obgleich Sie schon sehr lange hier sind. Das erklärt die Vielfalt.« Er sah erneut durchs Fenster und beobachtete einmal mehr, wie flossenartige Schwingen vor dem Hintergrund des bernsteinfarbenen Kristalls schlugen. Die Frills lebten, der Kristall lebte, doch die Kristallwelt starb einen Tod, der seit Äonen immer wieder hinausgeschoben worden war.
»Wenn sich die Elaysianer auf der Erde entwickelt hätten…«, sagte Picard nachdenklich. »Vielleicht wären sie in der Lage gewesen, die großen Affen, Wale und anderen Geschöpfe lange vor uns als intelligent zu erkennen. In dieser Hinsicht haben wir uns einiges vorzuwerfen.«
»Das stimmt«, murmelte Barclay.
Das Blutprisma ragte zerklüftet vor ihnen auf, als sie in den Einschnitt zwischen vier hohen Monolithen glitten. Die müden Prozessionsteilnehmer schwebten neben dem Stumpf in einer warmen Luftströmung; junge, silbrige Frills huschten aufgeregt zwischen ihnen hin und her.
Pazlar aktivierte die Manövrierdüsen und hielt den Shuttle hundert Meter entfernt an. Wie Haie sausten die jungen Frills um die eingewickelten Leichen herum. Manche näherten sich ihnen mit aufgerissenen Mäulern, drehten aber im letzten Augenblick ab.
»Dies mag barbarisch erscheinen«, sagte Melora entschuldigend, »aber die Frills sind immer Aasfresser gewesen. Dies bewahrt sie vor dem Verhungern. Wir haben froschartige Tiere als Nahrung für sie gezüchtet, doch sie konnten sich nicht daran gewöhnen. Schon seit einer ganzen Weile schrumpft ihre Anzahl, was uns alle besorgt.«
»Wenn wir unsere Mission nicht rasch erfüllen, sind Leichen bald keine Mangelware mehr«, sagte Picard.
»Ich habe uns so schnell wie möglich hierher gebracht«, verteidigte sich Pazlar.
»Ich weiß«, erwiderte der Captain und zog sich in seinen Sessel. »Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Lieutenant. Ich möchte diese Sache nur so bald wie möglich hinter uns bringen, damit wir uns wieder unserer Aufgabe widmen können. Wir sollten bei der ersten sich bietenden Gelegenheit mit dem Cheftechniker der Frills reden.«
»Ja, Sir.« Pazlar sah aus dem Fenster. »Allem Anschein nach hat die Zeremonie begonnen.«
Picard richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Menge vor dem Blutprisma. Die Jeptah schwebten und noch immer huschten junge Frills hin und her – die Atmosphäre war eher die eines Zirkus als die einer Bestattung. Picard hatte in letzter Zeit an vielen Bestattungszeremonien teilgenommen und musste sich zwingen, das Geschehen zu beobachten. Ganz gleich, wie oft er so etwas sah und wie nobel der Tote war – er konnte kaum mehr ertragen.
Es begann damit, dass die etwa fünfzig Jeptah einen Kreis auf dem Blutprisma bildeten. Ohne Gravitation konnten sie nicht auf dem Kristallstumpf stehen, aber sie schwebten so dicht wie möglich darüber. Picard sah Lippenbewegungen, aber der Shuttle war zu weit entfernt, um die gesprochenen Worte zu verstehen. Immer wieder verneigten sich die Jeptah.
Jene Frills, die die Leichen den ganzen weiten Weg von der Schale bis hierher gebracht hatten, blieben reglos und stumm. Ihre Mäuler öffneten und schlossen sich, was darauf hindeutete, dass sie atmeten. Wahrscheinlich sind sie noch immer erschöpft, dachte Picard. Die anderen Frills glitten fort vom Zentrum des Geschehens, blieben aber am Rand und flogen dort erwartungsvoll hin und her.
Die Jeptah hoben synchron die Arme und Picard glaubte fast, einen schmerzerfüllten Schrei aus Dutzenden von Kehlen zu hören. Einige der in Gelb gekleideten Gestalten winkten und daraufhin setzten sich die mit dem Zaumzeug ausgestatteten Frills in Bewegung. Langsam zogen sie ihre Fracht in Richtung der versammelten Elaysianer.
Der Kreis der Jeptah wurde enger, als sie nach oben schwebten, um die Leichen in Empfang zu nehmen. Gleichzeitig nahmen sie den Frills die Zügel ab und ließen sie fortfliegen. Das scharlachrote Bündel mit den Resten von Zuka Juno stand im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses – alle Jeptah wollten es berühren. Auch den flachen Paketen, die tote Alpusta enthielten, streckten sich viele Hände entgegen. Mit den goldenen Zügeln und dem edelsteinbesetzten Zaumzeug wurden die etwa dreißig Leichname an in den Kristall geschnittene Sprossen gebunden.
Im Weltraum schweben Hunderte von weiteren Alpusta, durch ihre Ausrüstung mit der Schale verbunden, dachte Picard. Vielleicht symbolisiert diese kleine Gruppe auch all die anderen, die nicht geborgen werden konnten.
Plötzlich holte ein Jeptah ein Messer unter seinem Gewand hervor und schlitzte damit eines der Alpusta-Bündel auf – die Leiche glitt daraus hervor. Ein Frill von der Prozession näherte sich und biss kurz zu. Dieses seltsame Ritual wiederholte sich noch ein Dutzend Mal. Jene Frills, die die Leichen gezogen hatten, bekamen die ersten Bissen. Auch Zuka Junos Sack wurde aufgeschnitten, der Leichnam darin verstümmelt.
Zwar waren die betreffenden Frills erschöpft und hungrig, aber sie genehmigten sich nur bescheidene Happen. Das Ritual schien ihnen nicht viel Vergnügen zu bereiten; offenbar wollten sie es nur hinter sich bringen. Nach dem kurzen Zubeißen drehten sich die Frills und gaben den Jeptah Gelegenheit, nach ihren Schwänzen zu greifen. Sie zogen die Elaysianer zu einem Sims, von dem aus man einen guten Blick auf den Kristallstumpf des Blutprismas hatte. Es war mehr als nur ein Sims, begriff Picard plötzlich, als er einen darin eingelassenen Drahtkäfig bemerkte.
Die Jeptah begaben sich in den schützenden Käfig und die meisten von ihnen kehrten dem Festmahl, das sie gerade vorbereitet hatten, den Rücken zu. Ein älterer, silbriger Frill breitete alle seine Schwingen aus, wodurch er einen erstaunlich prächtigen Anblick bot, öffnete das Maul und gab einen heiseren Schrei von sich. Es war das erste Geräusch, das Picard seit Beginn der Reise vor mehr als zehn Stunden von einem Frill gehört hatte. Er beugte sich vor und war nicht mehr in der Lage, den Blick abzuwenden.
Die Frills, die bisher am Rand des offenen Bereichs gewartet hatten, sausten los und zerfetzten die Bündel mit Zähnen und Klauen. Blut spritzte an den dunkelroten Kristall und verstärkte seinen düsteren Glanz. Zunächst sah es nach einer Fressorgie aus, aber es steckte eine gewisse Ordnung dahinter. Die Frills setzten den Flug fort, während sie fraßen, doch sie nahmen nicht mehr, als ihr Bewegungsmoment erlaubte. Anschließend wichen sie beiseite, um einer neuen Welle hungriger Mäuler Platz zu machen. Hundert Meter vor dem Shuttle wimmelte es so sehr von Leben, dass Picard kaum mehr das Blutprisma sehen konnte.
»Früher einmal bestand die Brut aus einigen wenigen Auserwählten«, sagte Melora und seufzte leise. »Heute ist es Brauch, dass die Brut nur wenig frisst und praktisch alles den Bedürftigen überlässt – das sind alle anderen. Die Frills waren schon vor den mutierten Kristallen und dem Riss in Not.«
»Konnten die Erhabenen ihnen nicht helfen?«, fragte Barclay.
»Diese Geschöpfe sind sehr stolz«, antwortete Melora. »Soweit ich weiß, lehnten sie alle Hilfsangebote ab, auch die froschartigen Tiere.«
Innerhalb weniger Sekunden war es vorbei. Nichts blieb übrig, nicht einmal Fetzen von den bunten Bündeln. Einige Frills flitzten noch immer vor dem Blutprisma hin und her, um Eindruck zu schinden oder nach einigen hier und dort schwebenden Bluttropfen zu schnappen. Captain Picard hoffte, dass die an Zuka Juno vorgenommene Autopsie gründlich gewesen war, denn sie ließ sich wohl kaum wiederholen.
»Hiermit weise ich ausdrücklich darauf hin, dass ich mir im Falle meines Todes eine Starfleet-Bestattung wünsche«, sagte Barclay.
»Zur Kenntnis genommen«, erwiderte Picard und lächelte grimmig. Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine zweite Prozession, beziehungsweise eine Gruppe von etwa zwanzig Frills, die sich dem Blutprisma näherten. Die Geschöpfe am Kristallstumpf hörten mit ihren Spielereien auf und wichen in die Schatten zurück. Picard blickte zum Sims mit dem Käfig, hielt aber vergeblich nach den Elaysianern Ausschau. Sie schienen verschwunden zu sein.
»O nein.« Melora schnitt eine Grimasse und wandte sich vom Fenster ab. »Ich wusste nicht, dass es auch zu einer Fleischteilung kommt.«
»Fleischteilung?«, wiederholte Reg unsicher. »W-was ist das?«
Melora zog ihren Gurt straffer. »Manche Frills sind alt oder krank«, erläuterte sie. »Oder sie haben gegen Gesetze verstoßen, vielleicht ein anderes intelligentes Geschöpf angegriffen. Was auch immer der Fall sein mag: Die Betreffenden sind hierfür bestimmt.« Sie deutete aus dem Fenster und blickte dann wieder auf die Anzeigen.
»Sie sind zum Tod verurteilt?«, fragte Barclay entsetzt. »Sie sollen bei lebendigem Leib gefressen werden?«
Picard wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Der Abscheu in Pazlars Gesicht wies ihn darauf hin, dass Barclay richtig vermutet hatte. Auch diesmal wandte er nicht den Blick ab – er musste die Frills verstehen, um erfolgreich mit ihnen verhandeln zu können. Die Selbstaufopferung schien in ihrer Kultur eine große Rolle zu spielen, auch wenn sie schreckliche Formen gewann – sie ließen es zu, wie Vieh zum Schlachthof geführt zu werden.
Es lief Picard kalt über den Rücken, als er sah: Der Gefangene am Ende der Gruppe schwebte aufrecht und hatte Beine. Es war kein Frill, sondern ein Humanoide!
»Ist das ein Elaysianer?« Deanna Troi sprach die Frage aus, die dem Captain auf der Zunge lag.
»Nein«, antwortete Melora. Ihre Aufmerksamkeit galt auch weiterhin den Instrumenten. »Nach diesen Anzeigen zu urteilen ist es ein Mensch.«