4

Die künstliche Gravitation verschaffte Deanna Troi zwar eine gewisse Erleichterung, aber trotzdem schlief sie schlecht an Bord des Shuttles. Immer wieder rutschte sie im Sessel von einer Seite zur anderen, so als hätte sich ihr Körper teilweise an die Schwerelosigkeit gewöhnt – jene Stellen, die die Sesselpolster berührten, schienen eine besondere Sensibilität zu entwickeln.

Der Verlust ihrer empathischen Fähigkeiten bereitete Deanna noch immer Sorgen und sie fragte sich, ob er permanenter Natur war. Selbst wenn sie die Krise überlebten – würde sie anschließend in der Lage sein, ihre Tätigkeit wieder aufzunehmen? Nun, es gab natürlich viele Counselor, die nicht von Betazed stammten, keine emotionalen Emanationen empfingen und trotzdem gute Arbeit leisteten. Aber Deanna hatte sich immer auf ihren ganz besonderen Instinkt verlassen. Ohne die Empathie blieb ihr nichts anderes übrig, als ganz neue Arbeitsmethoden zu entwickeln. Es bedeutete, dass sie die Gespräche mit ihren Patienten anders führen und gründlicher analysieren musste.

Regs leises Schnarchen ließ Troi schließlich einschlafen. Erste ruhige Traumbilder formten sich in ihr, obgleich ihre Farben lebhafter als sonst zu sein schienen. Sie träumte davon, dass sie zusammen mit Will und ihrer Mutter auf Betazed ein üppiges Essen genoss, das nie stattgefunden hatte. Nach einer Weile verblassten diese weltlichen Szenen in ihrem Unterbewusstsein und sie sah die gewaltigen Monolithen und Bögen der Kristallwelt.

Furcht regte sich in Deanna, denn sie wusste, dass Träume über die Kristallwelt sehr unangenehm sein konnten, obwohl sie sich nicht an Einzelheiten erinnerte. Eine sanfte Brise trug ihren gewichtslosen Körper durch die unglaublichen Passagen zwischen funkelnden Kristallformationen und die Gedanken an mögliche Gefahren lösten sich auf. Sie war ein wenig überrascht, als sie bei ihrem Flug die Schale passierte und den Weltraum erreichte. Dort entspannte sie sich, denn das All bot eine vertraute Umgebung.

Troi brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass sie mit ihr flogen. Sie drehte den Kopf und bemerkte Hunderte von geisterhaften Schemen, wie die Segel einer großen Flotte. Die Farbe der Lipuls entsprach dem von Mondschein und sie hatten ebenso wenig Substanz, aber sie waren real! In dieser Hinsicht war Deanna ganz sicher, obwohl sie nicht die Hand heben konnte, um einen von ihnen zu berühren.

Wohin sind wir unterwegs?, fragte sie sich, als sie durch das unendliche All glitten. Zum ersten Mal begriff Deanna, dass die Lipuls nicht völlig unabhängig waren. Sie brauchten jemanden, der Strukturen schuf, Computer programmierte, ihre Entwürfe in Realität verwandelte. Diese seltsame Armada suchte nach Realität, dachte Deanna. Sie gewann den Eindruck, Geschichte zu erleben.

Szenen großer Herausforderungen und Triumphe präsentierten sich ihren staunenden Blicken und schließlich verstand sie die lange Suche. Das Zeitalter der Traumschiffe war eine furchterregende und gleichzeitig wundervolle Epoche gewesen, voller Reisen, Helden und Abenteuer. Die meisten der von den Lipuls gefundenen Lebensformen befanden sich auf einem zu niedrigen Entwicklungsniveau und kamen nicht für einen Kontakt in Frage.

Näher… näher… Die Suche konzentrierte sich auf Orte, die nahe und doch unsichtbar waren. Ganz plötzlich spürte Deanna, wie sie zusammen mit den Lipuls eine sonderbare Barriere passierte, von einer Art, die sie noch nie zuvor berührt hatte. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich befleckt und unerwünscht, so als hätte sie einen schmutzigen Fluss durchschwommen, um diesen Ort zu erreichen.

Doch auf der anderen Seite gab es viele Planeten, alle voller Leben mit einer phantastischen Vielfalt. Darüber hinaus existierte eine Präsenz, die Deanna nicht sehen, aber fühlen konnte. Und es gab Strudel aus Dunkelheit, in die selbst die Traumschiffe nicht eindringen konnten. Bei den Lipuls wuchsen Verwirrung und Furcht, bis sie schließlich die Flucht ergriffen. Deanna floh mit ihnen. Die meisten – aber nicht alle -Traumschiffe kehrten in die Sicherheit ihrer alten Kristalle zurück.

Deanna erkannte den Schrecken. Vor einigen Nächten hatte er sich in ihr ausgebreitet! Sie schnappte nach Luft, richtete sich kerzengerade in ihrem Sessel auf und sah sich verblüfft in einer fremden, unvertrauten Umgebung um. Sie versuchte aufzustehen, aber ihre Beine bewegten sich wie in Zeitlupe durch Treibsand und sie begriff, dass sie nicht entkommen konnte.

»Counselor Troi«, erklang eine strenge Stimme, schnitt durch Furcht und Benommenheit. »Was ist los?«

Sie konzentrierte sich auf die Stimme, auf das Gesicht, auf Captain Picard. Nur die Etikette hielt sie davon ab, ihm in die Arme zu fallen. Er hob den Zeigefinger vor die Lippen und deutete aufs Deck, wo Reg schlief.

Die Realität kehrte zurück, auch wenn es sich um eine Realität handelte, die Deanna noch immer fremd erschien. Sie rieb sich die Augen und sank in den Sessel zurück. »Ich… ich hatte einen weiteren seltsamen Traum«, erklärte sie. »Und ich habe den Eindruck, dass er mir von den Lipuls geschickt wurde. Er war wie eine Geschichtslektion.«

»Gibt es irgendetwas, über das ich Bescheid wissen sollte?«, fragte der Captain ruhig.

»Ich weiß nicht…« Deanna schüttelte den Kopf und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. »Halten Sie es für möglich, dass die Lipuls mit ihren Traumschiffen eine andere Dimension erreichen können?«

Der Captain zuckte mit den Schultern. »Ausgeschlossen ist das vermutlich nicht, aber Sie kennen sich mit diesen Dingen besser aus als ich. Meinen Sie die Dimension auf der anderen Seite des Risses?«

»Ja, ich… glaube schon.« Trois besorgter Blick reichte in die Ferne. »Dort gibt es etwas – etwas Grässliches. Vielleicht wollten mir die Lipuls den Rat geben, mich davon fern zu halten.«

»Aber der Traum enthielt nichts, das uns jetzt sofort helfen könnte?«

Troi schüttelte bedrückt den Kopf. »Nein. Gibt es irgendeine Möglichkeit, ohne weitere Zwischenaufenthalte zum Cheftechniker der Lipuls zu fliegen?«

Der Captain nahm wieder im Sessel des Kopiloten Platz und verschränkte die Arme. »Der Gendlii ist uns am nächsten und wir nutzen die noch verbleibende Zeit besser, wenn wir zuerst mit den Cheftechnikern reden, die vielleicht noch überzeugt werden müssen.«

»Natürlich«, erwiderte Deanna und sah die Logik des Captains ein. Der beunruhigendste Aspekt des Traums bestand darin, dass sie das Gefühl hatte, schon einmal in der anderen Dimension gewesen zu sein. Es gab keine visuellen Eindrücke, die vertraut wirkten, wohl aber eine Emotion, der sie dort schon einmal begegnet war: absolutes Entsetzen.

Sie kannte das Entsetzen, hatte es zum Beispiel bei der Verfolgung durch die Borg gespürt. Doch der Grund für jenes Empfinden war ganz konkret gewesen. Die Gefühle aber, die sich auf das Etwas in der anderen Dimension bezogen, liefen auf ein Schwarzer-Mann-unterm-Bett-Entsetzen hinaus, auf ein Monstrum-in-der-Finsternis-Grauen. Sie konnte keinen Namen damit verbinden, kein Gesicht und kein Geräusch, denn sie betrafen einen Bereich unterhalb der Bewusstseinsschwelle, wo die Vernunft keine Rolle mehr spielte. Ihre primitiven Sinne wussten, dass es existierte, auch wenn die normalen Sinne nichts wahrnahmen.

Interessanterweise verhielt es sich mit den Sensoren der Enterprise ähnlich: Sie konnten den Dimensionsriss unweit der Kristallwelt nicht orten. Aber er existierte und machte sich unter der Oberfläche bemerkbar, ohne auf dem Radarschirm zu erscheinen.

Alles in Deanna drängte danach, so schnell wie möglich mit dem Cheftechniker der Lipuls zu sprechen, doch die Prioritäten des Captains waren richtig. Außerdem wusste sie überhaupt nicht, ob die beunruhigenden Träume von jenem Lipul stammten oder von einem anderen Angehörigen des überaus langlebigen Volkes. Derzeit konnte sie dem Captain keine Argumente präsentieren, hatte nichts weiter als nebulöse Träume und vage Ängste. Es fühlte sich so an, als gäbe es in ihrem Gehirn ein Loch, hervorgerufen von gelöschten Erinnerungen.

Picard drehte seinen Sessel und streckte die Hand nach der Instrumententafel aus – auf seine Berührung hin erwachte sie mit einem Piepsen zu elektronischem Leben. »Ich würde die anderen gern noch schlafen lassen, aber inzwischen sind wir schon seit über fünf Stunden hier. Es wird Zeit, dass wir uns wieder auf den Weg machen.«

Deanna nickte, lehnte sich in ihrem Sessel zurück und stellte besorgt fest, dass die Traumbilder bereits zu verblassen begannen.

Während des größten Teils der Reise versuchte Deanna ohne großen Erfolg, mit Keefe Nordine zu reden und mehr über seinen geistigen Zustand zu erfahren. Aber er wollte nur mit Reg Barclay oder dem Captain sprechen, mied sowohl die Counselor als auch Melora Pazlar. Melora hatte alle Hände voll zu tun, den Shuttle durch das bunt schillernde dreidimensionale Labyrinth der Kristallwelt zu steuern und Ansammlungen dunkler Wucherungen auszuweichen. Deanna konnte verstehen, dass Nordine Melora nicht stören wollte, aber warum ging er ihr aus dem Weg?

Vielleicht hatte er sie als das erkannt, was sie war: eine Psychologin, die sich ein Bild von ihm machen wollte. Es war sehr schwer, einen geeigneten Zeitpunkt für ein Gespräch zu finden, denn er unterhielt sich dauernd mit den anderen. Deanna lauschte aufmerksam und je mehr sie von ihm und seinem persönlichen Hintergrund hörte, desto mehr hielt sie ihn für einen jungen Mann, der mehr Zeit hatte als Verstand. Er hatte sich auf einige tollkühne Abenteuer eingelassen und sie glücklicherweise überlebt, bevor es ihn zu den Frills verschlug. Jetzt kehrte er heim, traumatisiert und nicht mehr imstande, aus eigener Kraft zu gehen. Über seine Beine wurde nicht gesprochen. Das war kein Thema, denn sie reisten ohne künstliche Gravitation.

Einmal hörte Deanna, wie Nordine mit Barclay sprach. Die beiden jungen Männer flüsterten wie zwei Schüler in der letzten Reihe eines Klassenzimmers und Troi spitzte die Ohren:

»Ich sage Ihnen, Reg, Sie wissen gar nicht, wie gut Sie dran sind«, meinte Nordine. »Mit diesen Kristallen am Hals sind Sie ein wichtiger Mann. Was waren Sie, bevor Sie hierher kamen?«

»Einfach das, was… ich bin«, erwiderte Reg. »Ein Starfleet- Techniker.«

»Eine der Drohnen«, kommentierter Nordine voller Anteilnahme. »Ich muss vermutlich zu einem solchen Leben zurückkehren, aber Sie nicht. Sie haben diese Welt regelrecht erobert, Reg. Sie sind… die wichtigste Person auf dem ganzen Planeten! Und so wie die politische Situation hier beschaffen ist, kann es bestimmt nicht schaden, ein hohes Amt innezuhaben. Hinzu kommt: Sie schicken sich an, den Planeten zu retten und ein Held zu werden. Meine Güte, Sie können sich Ihre Kristalle in eine Krone einsetzen lassen.«

»Äh… glauben Sie wirklich?«, erwiderte Reg ganz offensichtlich geschmeichelt.

»Na klar. Sie haben einen eigenen Planeten für sich gewonnen – ohne einen Schuss abzufeuern! Und damit noch nicht genug: Sie sind das Oberhaupt eines Volkes, das aus den größten Snobs der Kristallwelt besteht. Ich meine die Elaysianer. Nicht einmal sie können Ihnen irgendwelche Schwierigkeiten bereiten.«

Keefe Nordine säuberte einen Fingernagel. »Natürlich brauchen Sie einen Verbindungsmann, jemanden, der sich hier auskennt. Außerdem benötigen Sie weitere Mitarbeiter und einige Shuttles, um schnell genug von einem Ort zum anderen zu gelangen.«

»Aber ich… ich bin Starfleet-Offizier«, sagte Reg fast enttäuscht. »Ich habe bereits einen Job.«

»Starfleet hat sicher nichts dagegen einzuwenden«, entgegnete Nordine. »Die Flotte verliert einen Techniker und gewinnt das Bündnis mit der wichtigsten Person auf dem Planeten, nämlich mit Ihnen.« Er zwinkerte Reg zu. »Auf diese Weise können Sie auch sicher sein, dass Sie Ihre Freundin behalten. Gutes Aussehen und Macht – eine unwiderstehliche Mischung.«

»Gutes Aussehen?«, wiederholte Barclay und lächelte verlegen.

»Behalten Sie das im Gedächtnis«, riet Nordine dem Lieutenant. »Zuerst müssen wir den Planeten retten, in Ordnung?«

»Ja.« Reg lachte nervös.

Deanna schmunzelte, schloss die Augen und dachte daran, dass Keefe Nordine wenigstens die richtigen Prioritäten hatte. Wenn es ihnen nicht gelang, den Planeten zu retten, ließen sich seine großartigen Pläne in Hinsicht auf ein politisches Patronat nie verwirklichen. Und Nordines Worte passten gut zu seinem psychologischen Profil. Er war ein mieser Gauner und Abenteurer, dazu bereit, jedes Risiko einzugehen, wenn er sich einen Vorteil davon versprach.

Deanna beschloss, Captain Picard zu raten, ihn nach seiner Behandlung in der Krankenstation der Enterprise so schnell wie möglich loszuwerden.

Am Ende eines langen Tages wirkte Melora noch immer wachsam, als sie den Shuttle an den fraktalen Linien eines gewölbten, hellgrünen Kristalls vorbeisteuerte. Bei den anderen hingegen machte sich Müdigkeit bemerkbar. Ob es nun an der Schwerelosigkeit oder einer allgemeinen Erschöpfung lag – sie wurden immer schläfriger. Reg und Nordine schliefen schon seit einer guten Stunde und selbst Captain Picard fiel es schwer, die Augen offen zu halten.

»Ist es hier drin wirklich stickig oder bilde ich mir das nur ein?«, fragte er und gähnte.

»Mit der Temperatur ist soweit alles in Ordnung«, erwiderte Troi. »Aber mir fallen immer wieder die Augen zu.«

»Wir nähern uns dem Gendlii«, sagte Melora. »Und wir atmen von draußen stammende Luft. Vielleicht stecken die Sporen dahinter.«

»Die Sporen?«, fragte Picard.

Die Elaysianerin nickte und deutete durchs Fenster auf den hellgrünen Kristall. »Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie hier und dort Pilzfladen, aber das primäre Wesen ist noch etwa fünf Flugminuten entfernt.«

Deanna blickte neugierig zum lumineszierenden Kristall und bemerkte weiße Stellen mit schwarzen Streifen. Sie wiesen eine gewisse Ähnlichkeit mit Haufen aus schmelzendem Schnee am Straßenrand auf.

»Wie können Pilze so auf dem Kristall wachsen?«, fragte Troi.

»Sie sind imstande, gewisse Substanzen aus dem Kristall zu lösen und als Nahrung zu verwenden«, erklärte Melora. »Das primäre Geschöpf hat das Mark einer riesigen Kristallformation angezapft und wird immer größer. Diese kleine Pflanzen haben keine eigene Intelligenz; sie kommen und gehen. Es gibt einige mehrere Hektar große Ansammlungen, die etwa so intelligent sind wie Vögel, aber sie reichen nicht annähernd an das intellektuelle Niveau des ursprünglichen Wesens heran.«

»Wie… wie stellt man fest, ob eine Pflanze intelligent ist oder nicht?«, fragte Barclay.

Melora lächelte. »Sie werden sehen.«

Keefe Nordine schwebte schwerelos in seinem Sessel. Abgesehen vom langen schwarzen Bart sah er aus wie ein Junge in den Ferien. »Ich bin froh, dass ich an dieser Reise teilnehme, denn ich hatte nie Gelegenheit, den Gendlii zu sehen. Von solchen Abenteuern halten die Frills nicht viel.«

»Ich hoffe, dass kein Abenteuer daraus wird«, brummte Picard.

»Da erhoffen Sie sich vermutlich zu viel«, erwiderte Nordine fröhlich. »Es ist nur selten langweilig in der Kristallwelt.«

Sie erreichten das Ende des großen grünen Prismas und glitten in einen offenen Bereich zwischen weit gespannten Bögen. »Dort ist er!«, rief Melora. »Direkt voraus.«

Es sah nicht einmal nach einer Kristallformation aus, sondern nach einem gewaltigen Busch mit einer dicken Schneeschicht, in der sich hier und dort ein wenig Schmutz zeigte. Wenn jenes Etwas der zentrale Pilz war, so musste er Millionen von Hektar umfassen. Er war so groß wie eine Insel oder eine Stadt – einfach kolossal!

Deanna überlegte, ob es sich um ein einzelnes Wesen handelte oder eine Art Kollektiv. Sie hatte gehört, wie manchmal von den Gendlii die Rede gewesen war, dann wieder von dem Gendlii, was auf ein einzelnes Individuum hinwies.

»Ich habe von Riesenpilzen auf der Erde gehört«, sagte Picard voller Ehrfurcht. »Aber sie werden nicht größer als etwa zehn Hektar.«

»Föderationswissenschaftler glauben, dass die Sporen vielleicht mit einem Meteoriten oder Kometen hierher gekommen sind«, meinte Melora. »Der Gendlii war also ein interstellarer Reisender, den es hierher verschlug.«

»Eins steht fest: Er hat sich häuslich eingerichtet«, kommentierte Nordine. »Müsste es hier nicht Schwerkraft geben?«

»Nein. Die Substanz ist sehr porös und leicht.« Melora lächelte. »Sie werden sehen.«

Als sich der Shuttle näherte, staunte Troi noch mehr über den gewaltigen Parasiten, der mehrere riesige Prismen verschluckt zu haben schien. Es sah nach einem dicken Tuch aus, das jemand über die kristallenen Finger des Haufens gelegt hatte und alles bedeckte. Glücklicherweise verzichtete der Gendlii darauf, den ganzen Planeten zu übernehmen; er gab sich damit zufrieden, nur in diesem Bereich zu wachsen.

Der Captain warf Deanna einen verwirrten Blick zu und sie konnte fast seine Gedanken lesen: Wie sollen wir mit einem Riesenpilz kommunizieren? Troi wusste keine Antwort, zuckte mit den Schultern und lächelte hilflos.

Der Shuttle glitt dem faserigen Gewächs entgegen. Es sah immer mehr aus wie der Stiel eines Pilzes aus dem Blickwinkel einer Ameise betrachtet: glatt und essbar wirkend, trotz der gelegentlichen schwarzen Streifen. Pazlar hielt den Shuttle nicht an, flog weiter über die knollige Oberfläche der Pflanze und schien nach etwas Ausschau zu halten.

»Suchen Sie nach einer Art Landeplatz?«, fragte Troi.

»Nein, nach den Gehilfen. Sie müssen hier irgendwo sein.« Melora lächelte. »Dort sind sie.«

Der Shuttle passierte eine weit vorgewölbte Ausbuchtung, und dahinter entdeckte Deanna etwas, das nach einer kleinen Enklave von Elaysianern aussah. Überall hingen Netze und Seile, die verhinderten, dass einige wenige Habseligkeiten fortschwebten. Diese Elaysianer schliefen nicht etwa in den Ritzen und Spalten eines Kristalls, sondern in den Vertiefungen des Pilzes. Als sich der Shuttle näherte, kamen sechs von ihnen zum Vorschein und flogen den Besuchern entgegen.

»Lassen Sie sich von ihrem Erscheinungsbild nicht erschrecken«, warnte Melora. »Sie haben entschieden, hier zu wohnen und ihr Leben dem Gendlii zu widmen. Sie weilen an diesem Ort, um Leuten wie uns zu helfen.«

Pazlar öffnete die Luke und glitt hinaus, bevor jemand sie nach einer Erklärung fragen konnte. Picard stieß sich ab und verließ den Shuttle ebenfalls, dichtauf gefolgt von Keefe Nordine.

Deanna sah zu Reg, der nervös seine Kristalle betastete. Ihm lag nicht viel daran, die Sicherheit des Shuttles aufzugeben, aber in einem Punkt hatte Nordine Recht: Er war der Würdenträger unter ihnen.

»Sie werden dort draußen gebraucht«, sagte die Counselor aufmunternd.

»Ich weiß«, murmelte er. »Ich, äh… überlasse Ihnen den Vortritt.«

»Na schön, aber ich bin sicher, es gibt keinen Grund zur Besorgnis.« Deanna verließ ihren Sessel und flog langsam nach draußen.

Als sie den offenen Zugang passierte und die elaysianischen Gehilfen sah, hätte sie ihre letzten Worte am liebsten zurückgenommen. Es gab doch einen Grund zur Besorgnis. Die armen Gehilfen schienen blind, krank und grässlich entstellt zu sein. Pilze wuchsen aus ihren Augen, Ohren und dem Mund, aus allen Körperöffnungen. Die einfachen Gewänder konnten nicht darüber hinwegtäuschen, wie deformiert und ausgezehrt ihre Körper waren – alles deutete darauf hin, dass die parasitische Pflanze sie bei lebendigem Leib fraß!

Stumm schwebten die Elaysianer vor dem Shuttle und starrten blind an den Besuchern vorbei. Sie erweckten den Eindruck, überhaupt nicht zu wissen, wie es um sie stand.

Deanna hörte, wie hinter ihr jemand nach Luft schnappte. Sie drehte den Kopf und sah, wie Barclay die Augen aufriss und sich die Hand auf den Mund presste. Troi glitt an seine Seite, hielt sich mit der einen Hand am Shuttle fest und schloss die andere um Barclays Arm, wollte ihm auf diese Weise helfen, sich wieder zu fassen. Melora Pazlar bedachte sie beide mit einem entschuldigen Blick, so als hätte sie nicht mit einer derartigen Begrüßung gerechnet.

Als niemand ein Wort sprach, räusperte sich Picard und sagte: »Ich bin Captain Jean-Luc Picard von der U.S.S. Enterprise und einige Besatzungsmitglieder begleiten mich. Unter ihnen befindet sich Reginald Barclay, amtierender Cheftechniker der Elaysianer und stellvertretender Cheftechniker der Frills.«

Einer der Gehilfen hob den entstellten Kopf und schien zu horchen. Er war ganz offensichtlich blind und nicht in der Lage zu sprechen; Deanna fragte sich, ob er wenigstens hören konnte.

Picard fuhr fort: »Wir sind hier, um den Gendlii zu bitten…«

Der Gehilfe hob abrupt die Hand, als wollte er auf diese Weise weiteren Worten vorbeugen. Er bedeutete den Besuchern, ihm zu folgen, streckte dann die Hand einem anderen Gehilfen entgegen. Auf diese Weise verbanden sich die Elaysianer miteinander, bis sie ein grünes Seil erreichten, das an einer fernen Ecke der Enklave befestigt war. Sie streckten das Seil Picard entgegen und er sorgte dafür, dass alle danach griffen, auch Nordine.

Hand über Hand zogen sich sechs Elaysianer und fünf Besucher am Seil entlang. Nach einer Weile gelangten sie zu einer Stelle, an der der riesige Pilz aufgehackt zu sein schien. Blutflecken zeigten sich dort.

Kann ein Pilz bluten?, fragte sich Deanna.

Der Hauptgehilfe beugte sich über die in den Pilz geschnittene Grube und tastete einige Sekunden lang mit einer Hand umher. Er wirkte dabei wie ein wählerischer Kunde, der in einem Lebensmittelgeschäft die Waren prüft. Schließlich brach er ein sauberes, nicht vom Blut beflecktes Stück ab und bot es den Besuchern an.

»Nehmen Sie es, Captain«, sagte Melora.

Picard griff nach dem Brocken und richtete einen fragenden Blick auf Pazlar.

»Sie sollen das Stück essen«, erklärte die Elaysianerin. »Auf diese Weise kommuniziert der Pilz mit anderen intelligenten Wesen.«

Reg rümpfte ein wenig die Nase und Troi versuchte, ihre Empfindungen nicht zu deutlich zu zeigen. »Wie erfolgt die Kommunikation von unserer Seite aus?«, fragte sie und war nicht ganz sicher, ob sie die Antwort hören wollte.

»Der Pilz isst von Ihnen«, sagte Melora. »Sie geben ihm etwas von Ihrem Blut.«

Das erklärt die Blutflecken, dachte Troi. Allerdings wurde der Vorgang dadurch nicht appetitlicher.

Reg räusperte sich. »Wenn wir von dem Pilz essen… Werden wir dann so wie… sie?« Er deutete auf die entstellten Elaysianer, deren Gesichter und Körper vom Pilz zerfressen waren.

»Ich glaube, dazu kommt es, wenn man die Sporen aufnimmt«, erwiderte Melora. »Diese Leute leben seit Generationen hier und versuchen, mit dem Pilz eins zu werden.«

»Was ihnen durchaus zu gelingen scheint«, warf Keefe Nordine ein. Der junge Abenteurer sah Captain Picard an und lächelte schelmisch. »Wenn Sie den Brocken nicht essen wollen, so überlassen Sie ihn mir. Ich glaube, dies ist ein Job für einen Verrückten.«

Picard verzog das Gesicht, blickte von Nordines eifriger Miene zum Pilzstück, das er in der Hand hielt und langsam braun wurde – er wusste nicht, was von beiden ihn mit mehr Abscheu erfüllte.

»Wer Gagh gegessen hat, schreckt vor so etwas sicher nicht zurück«, sagte Troi ermutigend.

»Danke für Ihr Vertrauen, Counselor.« Der Captain schob sich den Pilzbrocken in den Mund und kaute mühevoll, so als sei die Masse recht trocken und geschmacklos. Nach einige Sekunden schluckte er entschlossen.

Bildete es sich Deanna nur ein oder huschte tatsächlich ein zufriedenes Lächeln über die Lippen des blinden Hauptgehilfen?