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Die Anzeigen des Tricorders wiesen Geordi LaForge darauf hin, dass Frachtraum Sechzehn nicht leer war. Gruppen von Alpusta durchstreiften das Schiff und bewegten sich trotz ihrer Größe erstaunlich schnell. Sie durchsuchten die Frachträume und Geordi hoffte inständig, dass sie nicht erkannten, was sie dort fanden.

Vermutlich suchten sie vor allem nach Waffen und Überlebenden, dachte der Chefingenieur. Seine Leute und er hatten vier Gruppen gebildet; drei aus zwei Personen, eine aus drei. Die anderen drei Gruppen waren in Jefferiesröhren unterwegs und ihre Aufgabe bestand darin, den Gegner abzulenken. Die eigentliche Mission kam allein Geordi und Olswing zu: Sie sollten die mobilen Gravitationsgeneratoren holen. Ohne jene Waffen konnten sie nicht hoffen, die EPS- Abzweigungsmodule zu erreichen.

LaForge und Olswing kletterten zwischen den Decks 23 und 24 durch eine Jefferiesröhre und entfernten sich von ihrem Ziel. Sie wussten, dass es gefährlich war, länger als zwei Sekunden an einem Ort zu verharren.

Wamm! Etwa zwanzig Meter hinter ihnen traf ein Phaserblitz die Röhre und hinterließ ein hässliches Loch, dessen Ränder rot glühten. Die Alpusta hatten inzwischen damit begonnen, Gebrauch von den Phasern zu machen und sofort damit zu schießen, wenn die Sensoren jemanden orteten. LaForge und Olswing zogen sich am Geländer entlang und flogen in der Schwerelosigkeit mit geradezu halsbrecherischer Geschwindigkeit durch die kantigen Röhren.

Glücklicherweise konnte der Gegner die Position der Verfolgten nicht unmittelbar ermitteln und brauchte entsprechende Angaben von der Brücke, was immer zu einer Verzögerung von einigen Sekunden führte. Bisher war noch keiner der Techniker getroffen worden, aber es gefiel Geordi ganz und gar nicht, dass seine Leute zu Zielscheiben wurden. Es musste eine bessere Möglichkeit geben, die Alpusta abzulenken.

Er bedeutete Olswing, langsamer zu werden, klopfte dann auf seinen Insignienkommunikator. »Fuchs Eins an Fuchs Zwei.«

»Hier Fuchs Zwei«, antwortete der Deltaner, der mit dem Ardananer zusammen war.

»Befinden Sie sich noch immer in der Nähe des vorderen Torpedoraums?«

»Ja, wir sind ihm ziemlich nahe«, bestätigte der Deltaner.

Irgendwo hinter ihnen heulte ein Phaser und Geordi zog sich rasch weiter. »Der Gegner soll glauben, dass wir dort angreifen, um die Torpedos zu zerstören. Das dürfte die Aufmerksamkeit aller Eindringlinge auf den unteren Decks wecken. Befestigen Sie Ihren Phaser an irgendetwas, justieren Sie ihn auf schwere Betäubung und sorgen Sie dafür, dass er kontinuierlich in den Torpedoraum feuert. Anschließend machen Sie sich aus dem Staub, kehren zur Kartographie zurück und warten dort auf eine Nachricht.«

»Ja, Sir.«

Geordi sah zu Olswing und gab ihm ein Zeichen. Die beiden Männer machten kehrt, flogen in die Richtung, aus der sie kamen. Wieder zogen sie sich am Geländer entlang, immer schneller, schenkten den von energetischen Entladungen geschaffenen Löchern keine Beachtung. Die Alpusta schossen noch immer, wenn auch nur auf Schatten.

Als sie sich dem Frachtraum Sechzehn näherten, hielt Geordi lange genug inne, um den Tricorder vom Gürtel zu lösen. Mit einer Hand zog er sich weiter, während er den großen Raum sondierte, der sich unter ihnen erstreckte. Niemand hielt sich dort auf.

»Alles klar«, flüsterte er Olswing zu. Er hakte den Tricorder wieder an den Gürtel, wurde schneller und flog geradewegs nach unten. Im letzten Augenblick streckte er die Arme nach vorn, stieß mit dem eigenen Bewegungsmoment die Luke in der hohen Decke auf und fand sich plötzlich im fast leeren Frachtraum wieder.

Hier und dort schwebten einige bunte Fässer und große Metallkisten. Geordi rollte sich zu einem Ball zusammen, prallte vom Deck ab und hielt genau auf einen der galvanisierten Container zu. Hinter ihm folgte Olswing seinem Beispiel. Jeder von ihnen bekam eine Kiste zu fassen, und sie schwebten mit ihnen zur Decke.

Von einem Augenblick zum anderen öffnete sich die Haupttür und ein langbeiniger Alpusta sprang in den Raum. Geordi zerrte am Verschluss der Kiste und versuchte, sie zu öffnen; aus den Augenwinkeln sah er, wie der Alpusta mit einem Phasergewehr anlegte. Er musste sofort reagieren, durfte nicht zögern. LaForge stieß sich von der Decke ab und ging hinter einem Fass in Deckung.

Der Alpusta schoss, aber er war kein guter Schütze. Der Strahl zuckte an Geordi vorbei und kochte über die Wand. Es gelang Olswing, seine Kiste zu öffnen und einen zylindrischen Gravitonprojektor daraus hervorzuholen – der auf einem Stativ montierte Apparat sah ganz und gar nicht wie eine Waffe aus.

Der spinnenartige Alpusta sprang durch den Frachtraum und warf das unvertraute Phasergewehr beiseite. Er schleuderte ein Netz mit einem Dorn, der sich in Olswings Oberschenkel bohrte. Der Techniker gab einen schmerzerfüllten Schrei von sich und ließ den Gravitonprojektor los. Der Alpusta zirpte aufgeregt, zog das Netz langsam zu sich und holte Olswing wie einen harpunierten Fisch ein.

Hinter dem Fass gelang es Geordi endlich, seine Kiste zu öffnen und den Apparat hervorzuholen. Er brauchte nicht einmal damit zu zielen – es genügte völlig, das Gerät einzuschalten.

Olswing schrie noch immer und ruderte mit den Armen, während das monströse Wesen ihn immer näher zog. Geordi betätigte einen Schalter und wartete kurz, bis Kontrolllampen aufleuchteten. Dann warf er den Apparat in Richtung des Alpusta.

Als der Gravitonprojektor bis auf sechs Meter an das Wesen herankam, sackte es zusammen wie ein Ballon, in den man eine Nadel gestochen hatte. Der Alpusta drehte sich mehrmals um die eigene Achse, fiel auf den Boden und verwandelte sich dort in einen jämmerlichen Haufen. Olswing landete auf dem Wesen. Einige Sekunden lang blieb er zwischen den zuckenden Beinen gefangen, doch dann schaffte er es, von dem Geschöpf fortzukriechen.

LaForge griff rasch nach dem zweiten Gravitonprojektor, schaltete ihn ebenfalls ein und richtete das Emissionbündel genau in dem Augenblick auf den Eingang, als ein zweiter Alpusta hereinsprang. Die Beine des Wesens wurden so steif wie Metallstangen; es zitterte, als sei es an einer unsichtbaren Lanze aufgespießt.

Geordi sah zu Olswing, der sich die Hand auf den blutenden Oberschenkel presste. »Nehmen Sie den Projektor und verlassen Sie den Frachtraum durch die Jefferiesröhre!«

Der Techniker schnitt eine schmerzerfüllte Grimasse, stieß sich vom Boden ab, schwebte zur Luke und griff unterwegs nach dem Gravitonprojektor. LaForge sah sich noch einmal im Frachtraum um und bedauerte, dass sie keine Möglichkeit hatten, mehr Geräte mitzunehmen – schemenhafte Bewegungen im Korridor deuteten darauf hin, dass sich weitere Gegner näherten. Der Chefingenieur wich zurück, hielt den Emissionsfokus des Projektors dabei auf den Alpusta im Eingang gerichtet.

Geordi presste sich seine neue Waffe an die Brust und glitt durch die Luke. Er schwor sich, zum letzten Mal vor den Eindringlingen zu fliehen – sie hatten jetzt die Mittel, um zum Gegenangriff überzugehen.

Im Kontrollraum der Enterprise wand sich Riker hin und her, doch seine Versuche, die Fesseln abzustreifen, blieben vergeblich – in der Schwerelosigkeit fand er einfach keinen Ansatzpunkt. Er hatte das Gefühl, schon seit Stunden über dem Boden zu schweben, während sich der Gegner auch weiterhin bemühte, den Sicherheitscode zu entschlüsseln und jene Besatzungsmitglieder zu überwältigen, die bei der Übernahme des Schiffes entkommen waren.

Riker wusste nicht, welche Fortschritte die Fremden bei diesen beiden Aufgaben erzielten, aber vor einigen Minuten war es zu plötzlicher Aktivität gekommen. Ein recht aufgeregter Tangre Bertoran hatte die Brücke mit dem Frill und einigen Alpusta verlassen. Andere in Gelb gekleidete Elaysianer und Alpusta arbeiteten noch immer an den Brückenkonsolen. Die Codespezialisten setzten ihre Bemühungen mit unermüdlicher Entschlossenheit fort und Riker begann zu befürchten, dass sie früher oder später einen Erfolg erzielten.

Seine Sorge wuchs insbesondere deshalb, weil niemand mehr versuchte, Informationen von ihm zu bekommen. Man schenkte ihm überhaupt keine Beachtung.

Erneut kämpfte der Erste Offizier gegen die Fesseln an, rieb sich dadurch aber nur noch mehr Haut von den Handgelenken und Fußknöcheln. Er war hilflos, ebenso wie die meisten anderen Besatzungsmitglieder der Enterprise. Einmal mehr fragte er sich, mit welcher Situation die beiden Einsatzgruppen konfrontiert sein mochten. Er wusste nur, dass der Captain seinen Shuttle verloren hatte. Vermutlich waren Picard und die anderen ebenso überrascht worden wie die Crew der Enterprise. Riker hoffte, dass sie Widerstand leisten konnten, so wie die Crewmitglieder an Bord, denen es nach wie vor gelang, Tangre Bertoran Schwierigkeiten zu bereiten.

Captain Picard flog durch die glitzernden Schluchten des kristallenen Planeten und konnte kaum glauben, dass sich diese Märchenwelt gegen ihn verschworen hatte. Er blickte zurück und hielt vergeblich nach den Verfolgern Ausschau. Außer ihm selbst und seinen Begleitern gab es anscheinend weit und breit nichts Lebendiges. Sie schienen über den Rand der Zivilisation in eine primordiale Welt gefallen zu sein und der Sturz in die Tiefe dauerte an.

Die Beine spürte er kaum mehr – über Stunden hinweg waren sie dem Wind ausgesetzt gewesen und dadurch taub geworden. Dieses Empfinden erfüllte Picard mit Anteilnahme in Hinsicht auf Keefe Nordine, der durch seinen langen Aufenthalt in der Kristallwelt einen großen Teil der Muskelmasse in den Beinen verloren hatte. Durch den gegenwärtigen Flug verbesserte sich Nordines Zustand nicht und Picard nahm sich vor, dem jungen Zivilisten jede notwendige Hilfe zukommen zu lassen.

Er versuchte, sich in Bezug auf das Schiff keine zu großen Sorgen zu machen. Um die Situation einzuschätzen und einen Plan zu entwickeln, brauchte er weitere Informationen. Die beiden Einsatzgruppen mussten um ihr eigenes Überleben kämpfen und waren aufeinander angewiesen; die Enterprise musste derzeit allein zurechtkommen. Picard verabscheute es, in diesem Zusammenhang so gleichmütig zu sein, aber die aktuelle Lage ließ ihm keine andere Wahl. Bis sie Genaueres erfuhren, mussten sie auch weiterhin versuchen, den letzten noch fehlenden Kristall zu bekommen.

Fünf Kristalle hatten sie bereits und eigentlich konnten sie davon ausgehen, dass sie bisher bei ihrer Mission erfolgreich gewesen waren. Aber so fühlte es sich nicht an. Den Kontakt mit der Enterprise zu verlieren und durch die Kristallwelt gejagt zu werden… Solche Entwicklungen hatte der Captain gewiss nicht vorhergesehen.

Sein Insignienkommunikator piepste und Datas vom Zischen des Winds untermalte Stimme erklang. »Wir sind fast da, Captain. Allerdings…«

Der Androide brauchte den Satz nicht zu beenden, denn Picard sah es selbst: Ein großer Schwarm aus dunklen Gestalten glitt über die Spitze eines eisblauen Kristalls hinweg und hatte es ganz offensichtlich auf sie abgesehen. Es kam fast einer Erleichterung gleich, nach der langen Reise anderen lebenden Geschöpfen zu begegnen, selbst wenn sie feindlich gesinnt waren.

»Ich sehe sie«, sagte Picard. »Fliegen Sie Ausweichmanöver bis zum Kontakt mit dem Shuttle. Und vergewissern Sie sich, dass Nordine Ihnen folgt.«

»Ja, Sir.«

Der Captain klopfte erneut auf seinen Insignienkommunikator. »Picard an Troi.«

»Hier Troi.«

»Wir haben Sie fast erreicht und Ihre Freunde wollen uns in Empfang nehmen.«

»Ich habe ihre Bewegung bemerkt«, entgegnete die Counselor. »Wir folgen der Gruppe, um zu Ihnen zu gelangen. Barclay meint, wir können eine Rauchwolke erzeugen, indem wir die Kryo-Tanks zusammen mit den Ablassventilen des Triebwerks öffnen.«

Picard lächelte trotz der Gefahr. »In den Handbüchern wird davon abgeraten, aber ich werde keine Meldung erstatten. Picard Ende.« Er betätigte die Kontrollen des Düsenaggregats und stellte fest, dass der Treibstoffvorrat auf ein Achtel gesunken war. Einen nicht unbeträchtlichen Teil davon verbrauchte er, als er Schub gab, um Nordine und Data zu folgen – sie flogen nach oben, über den sich nähernden Schwarm hinaus.

Mit ihren zitternden, schimmernden Schwingen sahen die geschmeidigen Frills wunderschön aus, doch diese Eindruck konnte nicht über ihre Gefährlichkeit hinwegtäuschen. Jeptah folgten ihn, hielten sich an goldenen Leinen fest. Sie spielten kaum eine Rolle, glaubte Picard, der vor allem an große Mäuler mit spitzen Zähnen dachte. Die Frills waren nicht nur ein Transportmittel, sondern auch eine Waffe.

Es mochten etwa hundert sein und sie segelten nun nach oben, um den drei Außenweltlern den Weg abzuschneiden. Data flog voraus, führte Nordine und Picard zwischen ein grünes Prisma und einen weiten lavendelfarbenen Bogen. Die Frills und Elaysianer mussten ihre Formation ändern. Ihr Schwarm zog sich in die Länge und wurde dünner – der Durchmesser schrumpfte auf etwa zehn Flieger. Zwar beschleunigte Picard mit voller Schubkraft, aber trotzdem gewann er den Eindruck, dass die Verfolger aufschlossen. Die Frills waren viel schneller als die Alpusta und der Captain begriff, dass sie ihn einholen würden, wenn die Jagd lange genug dauerte.

Er vernahm ein dumpfes Donnern, blickte über die Schulter und sah, wie der Shuttle durch die Wolke aus Frills und Jeptah glitt. Troi mochte in Hinsicht auf ihr Geschick als Pilotin nicht sehr zuversichtlich sein, aber sie führte genau das richtige Flugmanöver durch und zwang mindestens ein Dutzend Frills, dem kleinen Raumschiff auszuweichen. Doch die anderen gruppierten sich neu und setzten die Verfolgung fort. Ihre Schwingen schlugen in einem einheitlichen Rhythmus und dadurch entstand ein unheilvolles Brummen. Plötzlich ging von dem Shuttle eine wogende weiße Wolke aus, die aus Eiskristallen und Treibstoffgasen bestand, einige Frills umhüllte und den Blick auf alles verwehrte, das sich hinter ihnen befand. Data reagierte sofort darauf, beendete abrupt den Flug nach oben und schwenkte in einen weiten Bogen. Nordine und Picard wiederholten das Manöver und der Shuttle flog so dicht an ihnen vorbei, dass sie die Wärme der Manövrierdüsen spürten.

Troi schoss einige hundert Meter über sie hinaus, bevor sie begriff, dass sie anhalten musste. Sie ging auf Gegenschub und der Shuttle drehte sich, kam dann zum Stillstand. Er wirkte wie eine Insel der Vernunft in einer verrückt spielenden Welt. Die drei Flüchtlinge verloren keine Zeit, machten erneut Gebrauch von ihren Düsenaggregaten und flogen zum kleinen Raumschiff.

Data erreichte es als Erster, doch es blieb nicht genug Zeit für das Öffnen der Luke. Er schlang den rechten Arm um eine Landekufe; mit der linken Hand griff er nach Nordine und zog ihn zu sich heran – der junge Abenteurer wäre sonst am Shuttle vorbeigeflogen.

Picard hörte das Schlagen von Schwingen unmittelbar hinter sich, und als er den Shuttle erreichte, bohrten sich Zähne in sein Düsenaggregat. Er fühlte sich hin und her gerissen, wie eine Puppe im Maul eines Hunds, und eine Art Peitsche traf ihn am Gesicht – der Jeptah schlug mit seiner Leine zu. Weitere Frills näherten sich; Zorn und Gier blitzten in ihren Augen.

Ein roter Phaserstrahl tastete nach dem Frill, der Picard angegriffen hatte, trennte den Kopf vom Rest des Körpers. Grünes Blut spritzte. Als der Captain nicht mehr zwischen den beiden grässlichen Kiefern feststeckte, schaffte er es, noch einmal Schub zu geben – er sprang dem Shuttle regelrecht entgegen.

Nordine wich zur Seite aus und Data ließ den Phaser los. Er packte den vorbeisausenden Captain, hielt ihn mit einer Kraft fest, über die nur ein Androide verfügte, und gab Picard Gelegenheit, das Düsenaggregat zu deaktivieren. Die Frills kamen heran und plötzlich schien der Himmel nur noch aus spitzen Zähnen und schlagenden Schwingen zu bestehen.

Während sich Data, Nordine und Picard an den Landekufen festklammerten, ließ Troi die Manövrierdüsen feuern. Der Shuttle drehte sich und glitt fort. Der zornige Schwarm folgte ihm und die Jeptah trieben die Frills an, aber der Shuttle war schneller. Der Abstand zwischen ihm und den Verfolgern wuchs immer mehr.

Troi steuerte das kleine Raumschiff hinter einen großen roten Kristallhaufen, um ihnen Deckung zu gewähren, hielt dann an. Sofort öffnete sich die Luke und Barclay streckte die Hand aus, um ihnen an Bord zu helfen. Nie zuvor hatte sich der Captain so sehr über eine helfende Hand gefreut, als er sich ins Innere des Shuttles zog.

»Beeilung!«, rief Barclay. »Sie nähern sich wieder!« Data stieß sich von der Landekufe ab, und zwar mit genau dem richtigen Bewegungsmoment, um durch die Luke zu fliegen. Eine halbe Sekunde später zog er Nordine an Bord, als draußen ein Frill vorbeiflog und nach seinen Beinen schnappte. An Bord herrschte ein ziemliches Durcheinander, als es die drei Flüchtlinge plötzlich wieder mit Gravitation zu tun bekamen, während sie noch die Düsenaggregate trugen. Picard taumelte in den Heckbereich des Shuttles, zerrte Nordine hinter sich her und sank dann auf den Boden. Data schloss die Luke und rammte sie dabei gegen das Maul eines heranfliegenden Frills.

Dumpfes Pochen deutete darauf hin, dass die aalartigen Geschöpfe den Shuttle angriffen. Troi aktivierte die Schilde, wodurch es draußen zu Schreien und knisternden Geräuschen kam. Picard wandte sich vom Chaos jenseits des Fensters ab und Data nahm im Sessel des Piloten Platz.

»Führe weitere Ausweichmanöver durch«, sagte der Androide. Seine Finger huschten über die Kontrollen und es dauerte nicht lange, bis der Shuttle zwischen bunten Prismen flog und die Verfolger weit hinter sich zurückgelassen hatte.

Der Captain seufzte erleichtert und streifte das Düsenaggregat ab. Der Treibstofftank wies sehr beeindruckende Bissspuren auf und Picard war sehr dankbar dafür, dass sich die Zähne nicht in seinen Rücken gebohrt hatten.

»Welchen Kurs sollen wir nehmen, Captain?«, fragte Data.

Picard überlegte und rieb sich dabei die prickelnden Beine. »Wie weit sind wir von der Enterprise entfernt?«

»Es würde etwa acht Stunden dauern, sie zu erreichen.«

Der Captain nickte ernst. »Und bis zur Enklave der Alpusta?«

»Sechseinhalb Stunden«, erwiderte Data. »Das ist eine vorsichtige Schätzung.«

Keine der beiden Möglichkeiten gefiel Picard. »Nur ein einziger Kristall fehlt und unter solchen Umständen widerstrebt es mir, unsere Mission zu unterbrechen. Andererseits: Wir brauchen Antworten.«

»Wie weit sind wir vom Gendlii entfernt, Data?«, warf Deanna ein.

Der Androide warf einen Blick auf die Instrumente. »Etwa zwei Stunden und fünfzehn Minuten.«

»Ich weiß nicht, warum wir jenen Ort aufsuchen sollten«, sagte Troi und schüttelte den Kopf. »Aber es ist nicht weit und vielleicht bekommen wir dort Auskünfte.«

»Wie heißt es so schön?« Picard lächelte schief. »›In der Not frisst der Teufel fliegen.‹ Nehmen Sie Kurs auf den Gendlii und versuchen Sie auch weiterhin, die Enterprise oder die Schale zu erreichen.«

»Ja, Sir.«

Data öffnete externe Kommunikationskanäle, forderte das Schiff und die Schale mit ruhiger Stimme auf, sich zu melden – diese Bemühungen konnte der Androide stundenlang fortsetzen, ohne zu ermüden.

Picard seufzte erneut und musterte die erwartungsvollen Gesichter von Troi, Barclay und Keefe Nordine.

»Wie haben wir Pazlar verloren?«, fragte er.

Reg wollte eine Antwort stottern, aber Deanna berührte ihn an der Schulter, brachte ihn dadurch zum Schweigen. »Wir hatten gerade den Kristall des Lipuls gefunden.« Bei diesen Worten tastete sie nach dem Kristall an ihrem Hals.

»Gute Arbeit«, sagte Picard.

»Darüber berichte ich gleich.« Troi sah kurz zu Barclay, der sich nervös die Hände rieb. »Nun, wir waren dem Monolithen so nahe, dass wir die Angreifer zu spät bemerkten – sie konnten uns überraschen. Ohne irgendeine Erklärung verlangten sie, dass wir uns ergeben. Melora war ihnen näher und versuchte, sie zur Vernunft zu bringen. Als das nicht funktionierte, versuchten sie, uns gefangen zu nehmen. Ich schaffte es, in den Shuttle zu gelangen und Barclay an Bord zu beamen. Die Angreifer flogen fort und nahmen Melora mit.«

Barclay nickte mehrmals. »Ja, genau so geschah es. G-genau so.«

Picard kratzte sich am Kinn und vermutete, dass er nicht die ganze Geschichte gehört hatte. Aber fürs Erste gab er sich mit diesen Informationen zufrieden. »Nun, Counselor… Bitte erzählen Sie mir jetzt, wie Sie den Kristall des Lipuls fanden, obwohl der Cheftechniker tot war.«

»Ja, Sir.«

Der Captain hörte mit großem Interesse zu und selbst Data beugte sich näher, als Troi von ihrem erstaunlichen Traum erzählte. Die Visionen hatten Deanna nicht nur mitgeteilt, wo sich der Kristall befand, sondern sie auch darauf hingewiesen, dass der Cheftechniker der Lipuls die Schale sabotiert und seinen elaysianischen Kollegen Zuka Juno umgebracht hatte. Es war eine verblüffende Enthüllung, aber sie stimmte mit den bekannten Fakten überein. Picard schauderte innerlich, als er sich vorstellte, wie der Lipul den hilflosen Elaysianer erstickt hatte.

»Aber warum?«, fragte er.

»Der Grund ist etwas, das sich dort draußen im Riss befindet«, antwortete Troi ernst. »Ich habe die Informationen stückchenweise bekommen, zum Teil vom Gendlii, aber inzwischen zweifle ich nicht mehr daran, dass die Lipuls mit ihren Traumschiffen jene Dimension aufsuchten. Das geschah vor langer Zeit, bevor sich der Riss öffnete. Ich weiß nicht genau, was sie in der anderen Dimension fanden, aber es gab dort vielfältiges Leben und… und eine dominierende Intelligenz, eine Entität. Ich glaube, die Lipuls stahlen etwas aus der anderen Dimension, und die Entität lernte, ebenso zu reisen wie sie.«

Deanna deutete aus dem Fenster. »Ich nehme an, die Entität öffnete den Riss. Wahrscheinlich hat sie den Cheftechniker der Lipuls übernommen und ihn gezwungen, ihr zu Willen zu sein. Ich weiß, dass jene Wesenheit in ein fremdes Selbst vorstoßen kann.«

Der Captain nickte langsam und begegnete dem Blick der Counselor. »War die Entität in Ihrem Bewusstsein, als Sie delirierten?«

»Ja«, bestätigte Deanna mit rauer Stimme. »Und ich weiß nicht, ob ich die Kontrolle über mich aufrechterhalten kann, wenn die Wesenheit zurückkehrt. Vielleicht ist sie sogar jetzt präsent.«

»Was ist mit den Elaysianern und den anderen Völkern?«, fragte Picard. »Hat die Entität irgendeinen Einfluss auf sie ausgeübt?«

Troi schüttelte den Kopf. »Ich vermute, sie haben einfach nur fürchterliche Angst. Bestimmt wollten sie uns nie wirklich erlauben, die Schale zu deaktivieren. Es ging den Jeptah gegen den Strich, dass wir von Anfang an das Sagen hatten, und deshalb versuchen sie jetzt, alles zu übernehmen. Wenn man genau darüber nachdenkt… Der Hilferuf ging allein von den Lipuls aus. Nur sie wussten, wie schlimm es stand.«

Der Captain stand auf und streckte die wackligen Beine. »Haben Sie jemanden erreichen können, Mr. Data?«

»Nein, Sir. Niemand reagiert auf unsere Kom-Signale.«

»Mr. Nordine, Sie sind jetzt unser einziger Fachmann hinsichtlich des Planeten«, sagte der Captain. »Was halten Sie von dieser Sache?«

»Nun«, begann der junge Mann, »wenn alle Alpusta, Elaysianer und Frills hinter uns her wären, hätten wir es bestimmt nicht bis hierher geschafft. Es würde überall von Verfolgern wimmeln. Ich schätze, es ist nur ein kleiner Haufen, der Ihnen Schwierigkeiten bereitet. Ich weiß über die Jeptah Bescheid – sie haben zwar großen Einfluss, aber es sind nicht sehr viele.«

»Ich bin zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt«, sagte Picard. »Mr. Data, lassen Sie die Schilde aktiv und nehmen Sie Kurs auf die Enklave des Gendlii.«

»Ja, Sir.«

Der Captain blieb ruhig, aber in seinem Innern brodelte es. Er besaß nur wenige Informationen, die größtenteils aus visionären Träumen oder traumartigen Begegnungen mit bizarren Geschöpfen stammten. Jetzt erhofften sie sich von einem riesigen Pilz Antworten.

Melora Pazlar schauderte nach der Rematerialisierung und stellte fest, dass sie an einem vertrauten Ort schwebte: im Transporterraum der Enterprise. Vor sich sah sie Tangre Bertoran und eine Gruppe, die aus zwei Jeptah, einem großen Frill und einem gepanzerten Alpusta bestand. Seit ihrer Kindheit hatte sie keinen Alpusta mehr gesehen, der eine Rüstung trug. Sein Anblick weckte Sorge und Furcht in Melora, denn sie wusste, dass es hier nicht um eine Parade oder dergleichen ging.

»Ich dachte, der Transfer über größere Distanzen sei nicht sicher«, sagte sie zu Bertoran und stieß sich von der Transporterplattform ab.

Er lächelte herablassend. »Ihnen dürfte aufgefallen sein, dass wir inzwischen keine Anweisungen mehr von den Außenweltlern entgegennehmen. Wir kontrollieren jetzt die Situation – und auch die Technik.«

Melora schwieg und widerstand der Versuchung, ihn einen hinterhältigen Lügner zu nennen. Er hatte sie nie auf seine Absicht hingewiesen, die Enterprise zu übernehmen. Damit wäre sie auf keinen Fall einverstanden gewesen. Zu spät begriff sie, dass ihre Loyalität dem eigenen Volk gegenüber sie dazu verleitet hatte, sich für die falsche – die skrupellose – Seite zu entscheiden.

»Wenn Sie alles unter Kontrolle haben…«, sagte Melora. »Warum brauchen Sie mich dann? Ich wollte zu meiner Enklave zurückkehren und dort auf das Ende warten, so oder so.«

Bertoran schnitt eine Grimasse, die Ärger zum Ausdruck brachte. »Zwar kontrollieren wir hier die Situation, wie Sie sehen, aber es gibt noch einige unerledigte Angelegenheiten. Eine kleine Gruppe von Besatzungsmitgliedern treibt sich frei an Bord herum und bereitet Probleme. Wir dachten, dass Sie mit ihnen reden und sie zur Vernunft bringen könnten.«

Melora lachte. »Sie wollen von mir, dass ich eine Starfleet- Crew dazu bringe, ihr Schiff zu verraten? Offenbar wissen Sie nicht viel über diese Leute. Sie sind loyal und hartnäckig – im Gegensatz zu mir geben sie nicht einfach auf.«

Bertorans Miene verfinsterte sich. »Sie wollen uns nicht helfen?«

»Warum brauchen Sie überhaupt dieses Schiff?«, fragte Melora. Sie wollte Zeit gewinnen, um die Lage besser einzuschätzen und zu entscheiden, welche Rolle sie bei den aktuellen Ereignissen spielen wollte.

»Wir beabsichtigen, die Waffen der Enterprise gegen den Riss einzusetzen«, antwortete Bertoran.

Melora hoffte, dass ihr Gesicht nicht verriet, wie entsetzt sie war. Starfleet-Waffen waren keine Spielzeuge, mit denen man herumexperimentieren konnte. Sie erinnerte sich an die Besprechungen, bei denen Captain Picard und seine Offiziere die Möglichkeit erörtert hatten, die Waffen der Enterprise auf den Riss zu richten. Sie wussten nicht, welche Folgen sich daraus ergeben mochten, und die Jeptah wussten es ebenfalls nicht. Nur die Lipuls wussten etwas – und vielleicht auch Deanna Troi, ihre Auserwählte.

»Sie haben überhaupt keine Ahnung, was ein Einsatz der Waffen bewirken könnte!«, entfuhr es Melora und damit gab sie ihren neutralen Standpunkt auf. »Und Sie wissen nicht, was sich auf der anderen Seite des Risses befindet. Eine fremde Dimension erstreckt sich dort, mit vielen unbekannten Lebensformen!«

»Wir wissen, dass der Riss die Kristallwelt zerstört, und jetzt verfügen wir über die Mittel, ihn zu zerstören.« Tangre Bertoran verschränkte die Arme und bedachte Melora mit einem bösen Blick. »Ich gebe Ihnen eine weitere Chance, Ihre Loyalität der Heimat gegenüber zu beweisen. Aus Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, haben wir eine Phaserbank des Schiffes ausgebaut und an der Schale montiert. Sie besteht aus vierzehn Phaserprojektoren. Wir kommen mit der Technik zurecht, aber Sie sind mit der Starfleet-Terminologie vertraut. Mit Ihrer Hilfe könnten wir die Vorbereitungszeit drastisch reduzieren.«

»Na schön«, erwiderte Melora, die nicht wusste, was sie sonst antworten sollte. Sie hielt es für besser, frei zu bleiben, als sich von diesen arroganten Narren gefangen nehmen zu lassen.

»Unsere Absicht besteht darin, die Phaser in einem Schattenzeichen abzufeuern«, sagte Bertoran und kniff dabei die blauen Augen zusammen. »Wir werden uns jetzt zur Schale beamen, um dort mit den letzten Vorbereitungen zu beginnen.«

Der große Alpusta und der geschmeidige Frill schwebten nach vorn und Melora wich zurück, fühlte sich auf der Transporterplattform in die Enge gedrängt. Bertoran und seine Getreuen wollten ganz offensichtlich kein Risiko eingehen und sie unbeobachtet arbeiten lassen.

Melora Pazlar begriff: Sie hatte einen Fehler gemacht, und ihr blieb weniger als eine Stunde, um ihn zu korrigieren.