45 Es war ein ausgesprochen mildwarmer Septembermorgen, als der Rote Rabe nach nur einer Nachtfahrt Öland erreichte.

Corin hatte die halbe Nacht durchgearbeitet und die vereinbarten Sternpositionen zusammen mit der Anzeige der seltsamen Uhrkonstruktion, die Broklas Tick nannte, in einem Büchlein vermerkt.

Nun döste Corin an Deck des Raben vor sich hin. Er hatte sich praktischerweise in seinen alten Käfig gelegt, der zwar auch einigen ungenutzten Gegenständen als Abstellkammer diente, aber noch genügend Platz für Corins müden Körper und viel frische Meeresluft bot. Düstere Gedanken an die Zeit, wo er hier als Gefangener hauste, und an das, was davor geschehen war, überkamen ihn jedenfalls nicht.

Das einzige, was Corin wirklich auf die Nerven ging, war die Elfenbeinmöwe. Das Miststück schien sich einen Spaß daraus zu machen, immer dann aufzutauchen, wenn er gerade dabei war einzuschlafen. Der weiße Höllenvogel schlawenzelte dann um seine Füße herum und blickte lustvoll aus seinen bernsteinfarbenen Augen auf Corins nicht gerade saubere Zehen. Corin wusste nicht, was für ein Problem das Flatterding hatte, aber irgendwie hatte dieser Möwenterrorist es auf seine Extremitäten abgesehen. Corin war sich aber ganz sicher, dass er keine seiner Extremitäten abzugeben hatte, nicht mal für viel Geld, unendliche Weisheit oder ein kühles Bier.

Dabei war es zweifelhaft, ob der gefiederte Nerventöter überhaupt irgendetwas im Austausch für seinen kleinen Zeh anzubieten hatte. Pah. Mit seinem kleinen Schnabel konnte das Viech ihm ohnehin nichts abknabbern. Oder? Vielleicht hatte es eine Säge unter seinem Flügel.

Gab es Sägen, die man mit einem schwimmbehäuteten Fuß bedienen konnte? Oder einem Flügel? Gab es fliegende Sägen? Oder sägende Flügel? Corins Bewusstsein driftete weiter ab, er fing an zu sabbern und schlief endlich ein.

Watschel, watschel.

Gerade tollten Vater und Mutter Säge mit ihren vier minderjährigen Sägekindern über eine riesige Blumenwiese, als Corin wieder hoch schreckte.

Da stand sie, breitbeinig, der Wahnsinn in Federn, und wollte Corins Körper.

»Ksch!«, scheuchte Corin die Elfenbeinmöwe fort und der Vogel machte sich davon. Corin fiel genervt auf den Boden seines Käfigs zurück. Er wollte doch einfach nur schlafen!

»Schiffe voraus«, brüllte der Ausguck und es war mit einem Schlag vorbei mit Corins Müdigkeit. Er hastete aus dem Käfig und lief nach vorne zum Bug des Raben.

Claas, Ole und Sture waren bereits dort und musterten die drei Schiffe fern am Horizont in Küstennähe. »Ihr Konvoi, vermute ich mal«, brummte Ole und rieb sich mit der Hand über die Bartstoppeln seiner dunkelbraunen, ledrigen Wangenhaut. Claas fuhr mit seiner Pranke durch den eigenen vollen Bart und Corin fragte sich, wie viele Lausfamilien wohl soeben kreischend unter ihren Frühstückstischen in Deckung gegangen waren.

Doch Kapitän Claas hatte keine Läuse, dafür umso mehr Bedenken. »Was, wenn die Königin gar nicht an Bord ist«, argwöhnte Claas, »sondern uns eine Meute schwer bewaffneter Soldaten erwartet?«.

»Du kannst sogar sicher sein«, antwortete Sture, »dass ihre Schiffe randvoll sind, mit Soldaten. Aber sie wird sie nicht einsetzen«. Diese Prophezeiung hatte Ole, Claas und Corin neugierig gemacht. »Warum bist du da so sicher?«, schnaubte der Kapitän. Sven Sture sah ihn an, lächelte siegessicher und ging dann ohne ein weiteres Wort zu äußern nach achtern119. Claas grunzte. »Grinsen war immer schon die denkbar schlechteste aller Antwort«, murmelte er.

Eine halbe Stunde später hatte sich der Rabe so weit der Küste und dem Flaggschiff des Konvois genähert, dass Sture den Anker hatte werfen lassen. Es war offensichtlich, dass es sich bei dem fremden Segler um das Flaggschiff mit der Königin an Bord handelte. Der mächtige Holk war nicht nur das größte Fahrzeug und trug mit drei großen Kronen120 auf dem Segeltuch das Siegel der Regentin, es war auch das einzige Schiff direkt an der Küste. Die anderen beiden Schiffe kreuzten weiter draußen auf der offenen See.

Das Flaggschiff war gerade so weit entfernt, dass man die dutzenden Männer an Bord, die gebannt hinüber zum Roten Raben starrten, problemlos erkennen und zählen konnte.

»Das gefällt mir nicht«, grummelte Claas und sprach den meisten seiner Kumpanen aus der Seele. Sture hingegen gefiel die Sache außerordentlich. Hatte er tatsächlich Bedenken, konnte er diese hervorragend hinter seinem Lächeln verstecken. Groß genug war es dafür auf jeden Fall.

Der Piratenkommandant ließ ein Ruderboot zu Wasser bringen und winkte Corin zu sich.

»Toll«, nörgelte Corin und legte sich wenig später mächtig und vor allen Dingen alleine in die Riemen, »das ist also der Grund, warum ich mitkommen sollte«. Sture lachte beherzt und beobachtete dann weiter den Küstenabschnitt, den sie gerade ansteuerten.

Öland war zwar eine sehr lange Insel, aber ungeheuer schmal und flach. Der große Sandstrand mit den folgenden Wiesen vermittelte den Eindruck, das Eiland würde ein paar Mannslängen weiter schon wieder enden, zumal Bäume auf diesem Abschnitt gänzlich fehlten. Nahe dem Strand ragte als besonderes Merkmal eine große Hütte aus dem Sandboden. Das Holz des Gebäudes war von Wind und Wetter in dunklem Graubraun gefärbt. Ein großes Holzgerüst in der Nähe bestätigte die erste Vermutung, dass hier normalerweise Fischer arbeiteten und ihre Netze reparierten.

Als Corin das Boot fast an sein Ziel gerudert hatte, konnten er und Sture vor der Tür der Hütte eine Person in Uniform ausmachen. Knapp hinter der Linie, bis zu der die mäßig engagierten Wellen gerade noch an Land reichten, lag ein Ruderboot auf dem Strand.

Zwei Strandkrabben liefen zwischen Boot und Wasserkante um die Wette und versuchten sich gegenseitig in die Wellen zu schubsen. Die größere der beiden Krabben war hellrosa, hatte kräftige Scheren und Corin hätte wetten können, dass sie Hermann hieß, wenn Krabben überhaupt einen Namen hatten. Das kleinere Krustentier war dunkler, hatte eine hässliche Seepocke auf dem oberen Panzer und hieß Bernd.

Hermann versuchte Bernd immer wieder in die Fluten zu schubsen und dachte wohl, das sei irgendwie lustig. War es aber nicht und Bernd war entsprechend bedient. Eben noch hatte Bernd diesen wundervollen, feuchten Traum, das Meer hätte eine herrlich verweste Kuh angespült, ein Festmahl. Bernd reckte seine Scheren in die Höhe, tanzte um die eigene Achse herum und dankte seinem Schöpfer, dessen Namen ihm dummerweise gerade entfallen war.

Doch gerade als Bernd sich auf den Delikatessenberg stürzen wollte, riss ihn Hermann mit einem unsanften Tritt in die Gonopoden121 zurück in die nüchterne Realität. Wenn man eine männliche Krabbe war, wusste man, wie sehr man nicht in die Gonopoden getreten werden wollte, und schon gar nicht von einem muskelbepackten Krustentrottel wie Hermann. Das tat nicht nur höllisch weh, man musste auch um seinen Ruf fürchten, denn das Letzte was Bernd gebrauchen konnte, waren Gerüchte, Hermann hätte ihm in aller Öffentlichkeit an den Gonopoden rumgefummelt.

Bernd hatte genug. Er wollte einfach nur weg, sich unter irgendeinem Stein verkriechen, vielleicht auf dem Weg noch die eine oder andere Seegurke vermöbeln. Aber im Wasser war Hermann noch schneller als er, darum war die Taktik der Wahl Hermann an Land abzuhängen und erst dann in die See zu kriechen, was sicherlich auch im Sinne seiner überaus lästigen Seepocke war. Gerade schubste ihn Hermann wieder in die nahende kleine Welle, als ein riesiger Keil die Fluten teilte und sich mit einem ohrenbetäubenden Schleifgeräusch die Sanddüne hinaufbohrte. Bernd erstarrte vor Schreck, seine Seepocke bekam einen Herzanfall und Hermann machte sich in den Panzer. Dann drehten sich die beiden Krabben auf der Stelle, hechteten panisch ins Meer und verschwanden in der Tiefe.

»Wiedersehen«, rief Corin leise den Krabben nach, sprang mit Sture auf den Strand und zog das Ruderboot weiter hoch ins Trockene. Corin rückte seine Cinquedea in der Lederscheide zurecht und starrte auf den Soldaten, der vor der Tür der Fischerhütte Wache schob.

Nicht nur, dass der Mann aussah wie Herkules, er war auch mit einer leichten Armbrust und einem Kurzschwert bewaffnet. Sture, selbst unbewaffnet, schmunzelte und ging energischen Schrittes auf die Behausung zu, Corin folgte mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube.

Als sie die Hütte erreicht hatten, öffnete Herkules die Tür und machte einen Schritt zur Seite. Ohne Misstrauen und Vorsicht an den Tag zu legen, trat Sture in den dunklen Raum, hinter ihm Corin, schließlich die Wache, die die Tür sofort wieder hinter sich schloss.

Die Augen der Piraten gewöhnten sich schnell an das spärliche Licht, das sich mühsam von zwei entzündeten Öllampen her sowie durch ein paar verformte Bretter in den Außenwänden in die restliche Dunkelheit kämpfte.

Der Raum war groß und der einzige in der Hütte. Einen weiteren Ausgang gab es nicht, lediglich ein paar unverglaste Fenster mit geschlossenen und gesicherten Läden. Eine Sitzecke und eine Feuerstelle waren vorhanden, sogar ein Bett, ein Regal mit allerhand Krimskrams, den man wohl zum Fischen brauchte, ein paar Kisten, Stühle, Netze. Man konnte sich noch gut durch die Hütte bewegen, aber Corin fand, ein wenig Aufräumen und Entmüllen wäre dem Ambiente der Behausung zuträglich gewesen.

Stoffe raschelten, ein helles, großes Ding kam hinten in der Sitzecke empor und fing ein wenig mehr Licht von der nahen Lampe ein. Corin hielt den Atem an.

Das war die Königin! Königin Margarete! Plötzlich schien ihr weiches Gesicht im fahlen Licht zu leuchten und Corin glaubte jedes kleinste Detail in ihrem Gesicht zu erkennen. Sie hatte glatte, faltenfreie Haut, eine schöne Stupsnase, aber ihre angestrengt zusammengepressten Lippen passten so gar nicht zu diesem ansonsten märchenhaften Antlitz. In ihrem hochgesteckten Haar waren ein paar graue Strähnen zu erkennen, sogar in dieser schlechten Beleuchtung.

»Sture«, stelle die Königin fest und Sven konnte den Tornado fast hören, der in ihrem Inneren tobte. Herkules blieb aufgebaut vor der Tür zurück, aber Sture querte den Raum und konfrontierte die Königin direkt. Corin blieb wie abgesprochen direkt in Stures Nähe.

»Margarete«, grüßte Sture wenig originell zurück und nickte der mächtigsten Frau der Welt jovial zu.

Margarete atmete tief durch und hasste sich. Sie hasste sich dafür, dass es etwas in ihr gab, was sie permanent und ohne Unterlass in zwei Stücke zu reißen gedachte. Das eine Stück wollte Sture packen und ihm mit glühenden Eisen das lateinische Alphabet in den Körper einbrennen. Und wenn man bei Z angekommen wäre und es noch eine freie Stelle an Stures geschundenen Körper gegeben hätte, würde Margarete gleich noch das kleine Einmaleins hinterher schieben.

Das andere Stück in ihr wollte ihn auch packen. Wollte ihn umarmen, sein warmes Gesicht an ihrer Wange spüren, mit der Hand durch sein goldenes, zausseliges Haar fahren, mit ihrer Fingerkuppe über die Kurven seiner weichen Lippen streichen, und, und, und, das volle Programm eben.

»Was hast du mir anzubieten«, begann Sture ruhig und freundlich die Verhandlungen.

Margaretes Augenlider flatterten kurz und ihr Unterkiefer mahlte. Mit Nachdruck versuchte sie sich selbst zu disziplinieren. Ihr Blick fiel auf Corin, der daraufhin unbeholfen eine Verbeugung andeutete. »Wie ich sehe, hast du dir ein Kind als Leibwächter mitgebracht«, stellte sie provozierend fest. »Nein«, war Corin drauf und dran das Gespräch zu kapern, »denn Sture ist eigentlich schon ein ganz großer Junge«.

Der Piratenkommandant war schneller. »Wie ich sehe, hast du dir ein echtes Prachtexemplar gegönnt«, erwiderte Sture mit einer kleinen Kopfbewegung in Richtung Herkules, »leistet er so gute Dienste wie ich?«. Svens Betonung war so eindeutig, dass Corins Gehirn auf der Stelle einen Pietätsalarm auf hohem Katastrophenniveau auslöste und damit nicht nur ungeheure Blutmengen in seine Wangen beorderte, sondern auch den innigen Wunsch manifestierte, auf der Stelle im Holzboden der Hütte zu versinken und nie mehr, zumindest aber nicht innerhalb der nächsten fünfhundert Jahre, wieder aufzutauchen.

Ratsch.

Margarete war entzwei und die Hälfte mit den glühenden Eisen verpasste Sture eine Schelle mit der flachen Hand, während die andere Hälfte heulend auf den Boden fiel.

Es klatschte laut und Sture rieb sich grinsend die Wange. »Dann kommen wir doch lieber zum Geschäft«, schlug der Pirat vor. Die Königin sog nochmals tief die Luft in ihre Lungen und zwang ihre beiden Hälften unter Androhung von Kloster und Haferschleim wieder zusammen.

»Gib Gotland frei«, begann Margarete ihren Vorschlag. »Deine Piratenbande wird aufgelöst. Aus den Besten machen wir eine solide Söldnertruppe, andere können als Piraten von Zeit zu Zeit die Liga piesacken, aber der große Rest soll das bekommen, was er verdient«.

Sture hob eine Braue und schürzte die Lippen. »Und was ist für mich drin?«.

»Pardon«, versprach Margarete und lächelte zum ersten Mal, wenn auch fast unmerklich, »ein kleines Schloss irgendwo im Reich. Und…«.

Ratsch.

Margarete war wieder entzwei. Der Teil mit den glühenden Eisen taumelte dieses Mal zu Boden und brannte sich den Buchstaben V wie Verzweiflung selbst in die Stirn. Die andere Hälfte hörte einen Engelschor singen, machte einen Schritt auf Sture zu und berührte seine Hand. »Und mich«, kam gar nicht mehr über ihre Lippen.

»Das ist alles?«, platzte es aus Sture heraus und Corin war sicher, dass der Kommandant ernsthaft beleidigt war. »Margarete, ich bin wirklich enttäuscht. Was du mir anbietest habe ich bereits«.

Der Engelschor fiel kreischend in eine Jauchegrube und Margaretes zuversichtliche Hälfte stolperte betäubt rückwärts. Die Zuversicht selbst verschwand in einem kleinen Rattenloch in der hinteren Ecke des Raumes.

»Ich dachte an ein Herzogtum«, setzte Sture seine Schimpfkanonade fort, »ein Sitz im Reichsrat, Unmengen von Geld. Aber was du mir anbietest ist gar nichts«. Seine letzten Worte waren so kalt und brutal, dass Corin die arme Königin, die vor ihm stand, am liebsten tröstend in die Arme geschlossen hätte.

Margaretes ehemalig zuversichtliche Hälfte rang mit der anderen um das glühende Eisen, aber die blöde Kuh wollte das Ding einfach nicht hergeben. Sie entschied sich für etwas, das sie nie für möglich gehalten hatte und für das sie sich bis an ihr Lebensende verachten würde. Totale und absolute Erniedrigung.

»Komm zurück«, stammelte die Königin und ihre Lippen bebten. Ihre Hand suchte Stures, aber die Hand war bereits mit dem zugehörigen Kommandanten auf dem Weg zur Tür. »Corin, wir gehen«, brummte Sture und Corin folgte mit gesenktem Haupt.

Was nun passierte, passierte so unglaublich schnell, dass Corin sich später nicht mehr an den genauen und fatalen Ablauf der Dinge zu erinnern vermochte.

»Halt!«, rief Margarete laut. Vielleicht ein letzter verzweifelter Versuch Sture zum Dialog zu bewegen. Möglicherweise war auch die Vorstellung, die verfluchte Liebe ihres Lebens nie wieder zu sehen, der Grund dafür, dass sie viel zu energisch auf seinem Bleiben beharrte.

Herkules jedenfalls war alarmiert und hob die Armbrust, eigentlich nur, um sich in Bereitschaft zu versetzen.

Corin sah, dass die Armbrust ein Ziel erfasste und zögerte keinen Wimpernschlag lang. Er zog die Cinquedea und machte drei beachtliche Sätze hinüber zu Herkules.

Herkules wiederum sah nun eine akute Bedrohung und drückte ab. Der Bolzen wurde mit einem Knall auf sein Ziel katapultiert, heulte davon, an Corin vorbei, und rammte sich mit einem dumpfen Schmatzgeräusch tief in Stures Schulter.

»Nein!«, brüllte Margarete und stürzte, so gut das in ihrem Kleid möglich war, zu ihrem Geliebten, der soeben von der Wucht des Geschosses von den Füßen gerissen wurde und rücklings zu Boden krachte.

Herkules schleuderte seine nun nutzlose Armbrust mit voller Kraft Corin entgegen und verschaffte sich damit genügend Zeit, selbst sein Schwert zu ziehen. Die Armbrust traf Corin im Gesicht und schlug seine Unterlippe auf Fingerbreite auf.

Schon stand Herkules mit Gebrüll vor ihm und Corin musste die erste Attacke parieren. Herkules Hiebe waren enorm kraftvoll und vergleichsweise präzise. Dem konnte Corin nur seine Flinkheit entgegen setzen.

Der Junge hüpfte über eine große Kiste, um die eigenen möglichen Angriffswinkel aus einem optimalen Bereich wählen zu können. Herkules setzte dagegen, in dem er einfach alles aus dem Weg schubste, was ihn in seiner Bewegungsfreiheit einschränkte.

Ein großes Regal mit diversen Kleinteilen fiel um, ein paar Keramikschalen zerbrachen, eine der Öllampen fiel um und zerplatzte.

Herkules griff an, Corin blockte, Corin attackierte, Herkules parierte, alles ging zu Bruch.

Das brennende Öl der Lampe ergoss sich über den Holzfußboden.

»Aufhören! Sofort!«, brüllte Margarete, aber die beiden Kontrahenten hörten nicht. Sture lag auf dem Boden, das Gesicht schmerzverzerrt und mit beiden Händen den Bolzenschaft umklammernd, den kleineren Teil des Geschosses, welcher nicht in seinen Körper eingedrungen war. Die Wunde blutete kaum, aber die Qualen, die der daumenstarke Stahlbolzen in der Schulter verursachte, waren brutal. Sture presste einen langen Klagelaut durch die zusammen gequetschten Lippen und grunzte. Margarete kniete neben ihm, legte ihre Hand auf seine Stirn und überlegte, was zu tun sei.

Wieder ging eine komplette Kiste zu Bruch und wurde in die Flammen geschleudert, die das Opfer dankbar annahmen. Herkules schnaubte laut und täuschte einen Seitenangriff an, den Corin leicht pariert hätte, aber dann stieß der Leibgardist die Blankwaffe geradewegs auf Corins Brust. Der Junge drehte sich weg um seinen Oberkörper nicht zu gefährden und versuchte die gegnerische Waffe zusätzlich mit seiner Cinquedea fortzudrücken. Das war ein gefährliches Manöver, denn Herkules war ihm kräftemäßig haushoch überlegen. Die königliche Klinge traf die Cinquedea und glitt an ihr hoch, schlug endlich gegen die Parierstange vor dem Griff, hatte aber noch so viel kinetische Energie, dass es Corin die Waffe in der Hand herumriss und ihm fast das Handgelenk gebrochen hätte.

Herkules nutzte erneut seinen Kraftvorteil und schubste Corin zurück. Corin stolperte rückwärts in die Flammen, konnte sich gerade noch fangen und warf sich einfach wieder vorwärts, dem nachsetzenden Herkules in die Arme. Der schleuderte ihn herum wie ein Kopfkissen und beförderte Corin sehr unsanft in einen Haufen behagliches Gerümpel.

Corin drehte sich liegend auf den Rücken, spürte schmerzhaft verschiedene Angel- und Küchengerätschaften über seine Wirbelsäule schubbern und hob die Cinquedea in Angriffsstellung. Keinen Augenblick zu spät, denn Herkules hatte sich neben ihm aufgebaut und zum finalen Hieb ausgeholt.

Corin war schneller. Die Cinquedea fuhr in die Brust des Leibgardisten. Der Mann sank kraftlos zusammen und war wenige Augenblicke später tot.

Corin keuchte und prustete. Als er versuchte sich aufzurichten, sah er ein großes drehendes Schachbrett vor seinen Augen wabern und so gönnte Corin sich eine kleine Verschnaufpause auf dem gemütlichen Gerümpel. Seine Wirbelsäule war ohnehin schon tödlich beleidigt.

Die Flammen wüteten derweil und hatten ein Viertel des Raumes bereits in ihren Rachen gestopft.

»Mach, dass du weg kommst«, presste Sture hervor und funkelte Margarete wütend an. Die Königin sah ihm weiterhin in die Augen, zu ihrer eigenen Überraschung aber ohne sichtbare Regung.

Ob Margaretes Hälften sich mit dem glühenden Eisen beharkt, gegenseitig erwürgt oder Hand in Hand in den Sonnenuntergang aufgemacht hatten, war unwichtig. Was wichtig war - es gab sie in ihrer Halbform gar nicht mehr. Stattdessen blieb eine vernarbte Hülle mit einer herrlich schweigenden Leere zurück.

Nein, das war nicht ihr Ende, wusste Margarete, noch nicht. Aber es würde eine Weile dauern, bis die leere Hülle wieder Inhalt finden würde. Vielleicht, kam es der Regentin in den Sinn, sollte sie überhaupt keinem Menschen jemals wieder gestatten, diesen Platz einzunehmen. Es gab schließlich andere Dinge. Es gab Erinnerungen. Es gab Gott. Und neben diesen anderen Dingen, neben dem lieben Gott, war Nichts ein echt prima Kumpel.

Margarete strich ihrem Kommandanten ein letztes Mal über die Wange und Sture konnte die Geste trotz einer abwehrenden Kopfbewegung nicht verhindern. Dann ergriff sie das schwere Silberkreuz, das um ihren Hals hing. Ihr Daumen fuhr über den Elfenbeinstein mit dem Portrait ihres verstorbenen Sohnes. Das Kreuz war eiskalt, aber das Elfenbein in der Mitte schien heiß wie die Sonne. Margarete stand auf und bahnte sich einen Weg durch das Gerümpel.

»Corin«, ächzte Sture laut. Corin nahm seine Kräfte zusammen und richtete sich auf. Er war erschöpft, aber außer ein paar Blessuren nicht ernsthaft verletzt. Jetzt erschrak der junge Giles vor der Wucht, die das Feuer mittlerweile entwickelt hatte. Er hetzte rüber zu Sture und fand den Kommandanten, der sich vor Schmerz auf dem Rücken wand und in hektischen, kurzen Zügen Atemluft durch die Nase sog. Corin packte Sture so gut er konnte und half ihm auf die Beine. Gemeinsam kämpften sie sich durch die Hütte und erreichten endlich den Ausgang.

Die verdammte Bretterbude brannte lichterloh, Flammen und Rauch waren den Schiffen vor Anker natürlich nicht unbemerkt geblieben. Margarete stand am Wasser und blickte hinaus auf ihr Flaggschiff, auf dem emsige Geschäftigkeit ausgebrochen war. Mehrere Boote wurden gerade zu Wasser gelassen, um der Königin zu Hilfe zu eilen. Corin stützte Sture mit seiner ganzen Kraft und bugsierte den Kommandanten in das Beiboot auf dem Strand. Sven fiel rücklings in das Boot und schrie erneut vor Schmerzen, aber Corin hatte keine Zeit sich um ihn zu kümmern. Er hetzte zum Bug des Bootes und schob das Gefährt in die Wellen. Als das Boot endlich genug Auftrieb hatte um sich vom sandigen Grund zu lösen, sprang Corin hinein, brachte die beiden Riemen in Position und ruderte sich die Seele aus dem Leib.

Corins Blick fiel auf die Königin, die ausdruckslos hinaus auf das weite Meer schaute. Er drehte sich um und sah die sich nähernden Boote des Flaggschiffes. Corin stieß einen Fluch aus und legte sich noch mehr in die Riemen, mit Kurs auf den Raben und damit leider nicht wirklich weit von den feindlichen Kräften entfernt. Einer der Soldaten im ersten Boot mit Kurs auf die Königin legte seine Armbrust auf Corin an. Sture lag mehr oder weniger in Deckung auf dem Boden. Corin widerstand dem Impuls ebenfalls in Deckung zu gehen und ruderte stattdessen wie ein Berserker weiter. Die Entfernung zwischen den kleinen Booten war recht groß und würde vermutlich auch nicht weiter schmelzen, denn die Männer hatten zu aller erst das Wohl und die Sicherheit der Königin im Sinn.

Corin glaubte die Visierklappe der Waffe zu sehen und in direkter Linie dahinter das Auge des Schützen. Vielleicht sollte er sich über Bord werfen? Aber dann würden sie niemals den Raben erreichen. Corins Hals schnürte sich zu und es wurde unerträglich heiß unter seinem Leinenhemd.

Der Soldat drückte ab, Corin sah einen schwarzen verwaschenen Punkt vor sich, den seine Augen nicht zu fokussieren vermochten, dann, einen Wimpernschlag später, hörte er den Knall des Abschusses, nachdem er den Bolzen schon auf sich zujagen sah. Corin duckte sich. Er hörte ein hohes Summen, das rechts an ihm vorbeizog und bereits einen tieferen Klang annahm, wabernd, wie eine viel zu schnell landende Ente, die wie wahnwitzig mit ihren Flügeln flatterte. Das Geschoss war vorbeigeflogen und hinter Corin in die See gestürzt.

An Bord des Roten Raben brummte Claas seinen hundertsechsunddreißigsten Fluch an diesem Tage hervor, ein Fluch, der in blumig-derben Details und auf anschauliche Weise eine komplexe Interaktion des hoheitlichen Gesäßes von König Richard von England mit zwei sich paarenden Igeln schilderte. Die Boote des Flaggschiffs nahmen gottlob alle Kurs auf die am Strand stehende Königin, aber was würde passieren, wenn man die Königin in Sicherheit gebracht hatte? Wie würden die auf See kreuzenden Konvoischiffe reagieren? »Hoch mit den Ankern und ran an die Segel«, zischte Claas und die Piraten machten sich sofort an die Arbeit.

Corin ruderte so wild, dass nicht nur seine Hände brannten wie im Feuer. Auch seine Füße, mit denen er sich gegen den Bootsspiegel stemmte, pochten vor Schmerz. Sture lag auf dem Boden, in der Bilge122, und hatte das Bewusstsein verloren. Ob es der geringen Aussicht auf Erfolg geschuldet war, Corin wusste es nicht, auf jeden Fall erfolgte kein zweiter Angriff der Unionssoldaten mehr. Noch nicht.

»Eure Hoheit«, keuchte der erste Soldat, der seinen Fuß an den Strand setzte, »seid ihr wohlauf? Soll die Flotte das Piratenschiff aufbringen?«. Margarete sah hinüber zum Roten Raben, der soeben das Beiboot mit Sture und seinem jungen Begleiter abfing, bereits die Segel gesetzt hatte, sich in den Wind legte und ganz langsam Fahrt aufnahm.

Sie könnte ihren Schiffen die Jagd befehlen. Aber sie hatte nicht nur Zweifel, dass das große Schiff mit dem roten Auge am Bug zu fassen war, sie hatte bei Vereinbarung dieses Treffens auch Stures Unversehrtheit garantiert. Ob ein Stahlbolzen in der Brust noch als unversehrt durchging, darüber wollte die Königin lieber gar nicht weiter nachdenken. Aber Margarete Valdemarsdatter, Königin von Dänemark, Norwegen, Schweden und was sonst noch, brach nicht vorsätzlich ihr Wort. Sie würde einen anderen Weg finden, ihr Ziel zu erreichen.

Mit einem Krachen fiel die brennende Fischerhütte in sich zusammen.

119 Nach hinten, zum Schiffsheck

120 Eben die Kronen Dänemarks, Norwegens und Schwedens

121 Fortplanzungsorgane männlicher Krabben

122 Die unterste Linie des Bootsraumes