5 Dywig war immer noch als kleiner, winkender Punkt am Horizont zu erkennen und immer noch streckten Vater Giles, Jonathan und Corin am Heck stehend ihre Hände nach oben, um sich gebührend von dem Familienfreund zu verabschieden.
Der mäßige Wind kroch durch Corins Haare. Der junge Giles genoss den Geruch des offenen Meeres. Er drehte sich um und bestaunte das riesige Hauptsegel, das von einer breiten Rah31 am Mast herunterhing und soeben nochmals getrimmt wurde.
Auf der Backbordseite32 berührte die rot glühende Sonne gerade den Horizont. Halleluja, dachte Corin, was für ein Abenteuer. Das raue Meer, ein großes Schiff, Aufbruch zu neuen Ufern, das alles war wirklich der Inbegriff von Freiheit. Er hätte laut losbrüllen können vor Freude, doch da war es bereits geschehen. »Jaaaahuuuuuuuuu!«, platzte es aus ihm heraus und es schien kein Quäntchen Luft mehr in seinen Lungen zu sein, als er fertig war.
»Spinner«, kommentierte Jonathan leise lachend, während sein Vater das tat, was er am besten konnte. Genervt den Kopf schütteln.
Mit ein paar Sätzen war Corin an der Leiter, die vom Heck weg hinab zum Hauptdeck führte und ein weiterer Satz brachte ihn nach unten. Er lief zum Hauptmast und legte ehrfürchtig seine beiden Hände an das riesige Holz. Er blickte hoch, am Segel vorbei, auf das Krähennest, das weit oben für den Ausguck angebracht war. Corin umarmte den Mast und legte ein Ohr an. Knrrrrrr, hörte der junge Giles das Knarren der unzähligen Taue33, die den Mast hielten und das Segel ausrichteten.
Wieder blickte Corin nach oben, den Mast immer noch umarmend, da kam Bolt vorbeigestiefelt. Vielleicht auf dem Weg in die Kombüse, dachte Corin, um dem noch lebenden Abendessen den Kopf abzubeißen. Vielleicht aber auch nur, um einfach so irgendjemandem oder irgendetwas den Kopf abzubeißen.
»Darf ich da mal hoch?«, fragte Corin den Schiffsmeister, ganz so, als ob er die Antwort nicht schon kennen würde. »Auf diesem Schiff wird gearbeitet, Junge«, grunzte Bolt, »nicht rumgealbert«, und schon war der Kapitän weiter gestampft.
Corin dachte gar nicht daran, sich die Laune verderben zu lassen. Es kam ihm kurz in den Sinn, ob er nicht versuchen sollte, den Mast einfach aus dem Schiff herauszureißen - so viel Energie brodelte in ihm. Doch dann verwarf er die Idee. Es wäre schon etwas peinlich gewesen, wenn ihm das Kunststück womöglich gelungen wäre.
Corin stürzte zur Backbordreling34 und grinste die Sonne an. »Na komm schon Sonne«, brüllte er gen Horizont, und sein Kopf wurde vor Anstrengung fast so rot, wie die des untergehenden Himmelskörpers, »versteck dich nicht vor mir!«. Er reckte die Faust in die Höhe und Jonathan, der immer noch mit seinem Vater am Heck des Schiffes stand, hob nun peinlich berührt die Hand vor die Augen.
»Ich krieg dich, dämliche Hexe, verstehst du?«, schrie Corin weiter über die Reling gebeugt, und die bebenden Adern an seinem Hals wurden dicker und dicker, »ich krieg dich!«.
Doch dieses Mal war die Sonne schneller. Die Nacht hatte schon ihre Schuhe zugebunden und wartete auf ihren Auftritt.
*
Es war dunkel. Es war eng. Es roch nach fauligem Holz und in der Ecke hatte Jonathan einen Haufen mit irgendeiner Substanz gesehen, die für Kanalratten sicher zu den sieben Weltwundern gehörte. Das schien sich auch bereits herumgesprochen zu haben, denn das Trippeln der kleinen Biester hörte er ohne Unterlass. Wären da nicht die fünftausend anderen Lärmquellen gewesen, vom quietschenden Gebälk, über das Knarren jedes verdammten einzelnen Taues an Bord, bis hin zum dämlichen Klatschen des Wassers gegen die Bordwand, hätte er sich wohl die Mühe gemacht, unter der hiesigen Nagetierpopulation ein Massaker anzurichten.
Warum musste das blöde Meer denn bitte immer genau gegen die Planke am Kopfende seines Bettes schlagen? Auch die Vorstellung, dass Corin das Meer sicherlich am nächsten Morgen gehörig zur Rede stellen würde, verbesserte seine Laune nicht. Jonathan wollte schlafen. Er musste schlafen. Er konnte nicht schlafen. Es war zum Verzweifeln.
Jonathan hörte das Atmen seines kleinen Bruders und das leise Schnarchen seines Vaters. Schön. Sollten die beiden die Nacht in diesem Loch erholsam hinter sich bringen, er würde –
Klonk.
Jonathan spitzte die Ohren. Das war ein neues Geräusch. Er war sich eigentlich sicher, dass er jeden erzeugbaren Lärm an Bord dieses Schiffes bereits gehört hatte, aber dieses Geräusch war definitiv neu.
Klonk.
Vielleicht war es der Riesenkraken, der sich das Weltwunder der Ratten in der Ecke mal ansehen wollte. Nein, unwahrscheinlich.
Schab.
Ein kurzes Schleifen, als wenn jemand etwas Metallenes über das Deck zog. Jonathans Nackenhaare sträubten sich und von einem Moment zum anderen war ihm gar nicht mehr nach Rumalbern zumute.
Klonk.
Jonathan schwang sich aus dem Bett35, welches die Bezeichnung nicht verdiente. Leider war ein anderer Terminus für dieses Wrackmöbel noch nicht erfunden, Bett traf es aber definitiv nicht. Der junge Herr Giles war entschlossen, am nächsten Tag in Ruhe einen passenden Begriff zu entwickeln, wusste aber bereits, dass er zur Wahrung von Authentizität Anleihen aus den Namen gängiger Folterinstrumente vornehmen würde.
Es war fast stockdunkel in der kleinen Kammer im vorderen Teil des Schiffes, nur ein wenig Mondlicht drang von einer geöffneten Luke ein und erlaubte Jonathan eine grobe Orientierung. Er schritt in Richtung Tür.
Der Zugang zur Kammer führte direkt auf das Hauptdeck in der Mitte des Schiffes und Jonathan öffnete die Tür einen kleinen Spalt. Er lugte hinaus. Die Steuerbordseite des Schiffes war gut einzusehen, und dort war niemand. Kein Mensch zu sehen.
Da! Weiter hinten, am Heck des Schiffes, huschten zwei dunkle Schatten. Jonathan öffnete seine Tür ein Stück weiter. Waren das Menschen? War das der Steuermann? Aber warum gingen die Schatten so gebeugt?
Gerade als Jonathan die Tür noch weiter öffnen wollte, hörte er ein leises Knarzen und die Tür eine Mannslänge neben ihm öffnete sich langsam. Jonathan schrak zurück und schloss schnell die eigene Tür wieder bis auf einen kleinen Spalt. Die Nachbartür öffnete sich weiter und das Knarzgeräusch wurde zu einem feinen Singen, das schließlich ganz verstummte. Aber niemand kam heraus. Jonathans Herz beschloss völlig eigenmächtig, dass man oben im Hirn mal ein bisschen in Schwung kommen möge und legte ein paar Schläge zu.
Zwei schwere Stiefel stampften über den Boden. Jenseits der geöffneten Tür sah Jonathan die massige Gestalt von Kapitän Bolt, der sich erst Richtung Steuerbord umgesehen hatte und nun irgendetwas am Heck fixierte.
Jonathan öffnete erleichtert seine Tür und Bolt fuhr erschrocken zusammen. »Ach Ihr seid es«, brummte er Jonathan an, aber schon war die Aufmerksamkeit des Kapitäns wieder woanders, denn irgendetwas hatte der Mann wohl an Backbord gesehen. Und das ließ ihm nun die Augen übergehen. »Gepellte Maria«, ächzte er hervor, aber weiter kam sein liebreizender Fluch nicht. Ein lautes Fauchen durchschnitt die relative Stille der Nacht und mit einem dumpfen, fürchterlichen Geräusch bohrte sich ein Holzpflock in den Hals des Kapitäns. Eine Blutfontäne quoll seitlich aus der Wunde, in der das Geschoss steckte, und Bolt ging gurgelnd zu Boden.
Jonathans Schreckmoment währte einen ganzen Herzschlag lang. Dann warf er mit voller Wucht die Tür auf und starrte auf die Backbordseite. Ein riesiges, dreimastiges Segelschiff war seitwärts gegangen und Jonathan erkannte mehrere düstere und scheinbar zerlumpte Gestalten auf der Reling des unheimlichen Schiffes, dessen Hauptdeck noch etwas höher war, als das der Maria Van Brügge. Am Bug sah er im fahlen Mondlicht ein aufgemaltes, großes Auge.
Wieder hörte Jonathan das laute Fauchen. Ein Bolzen hämmerte dicht an seinem Kopf vorbei in die halboffene Tür zu Bolts Quartier. Irgendetwas haute mit der Faust auf den Alarmknopf unter Jonathans Schädeldecke und der brüllte endlich, was seine Lungen herzugeben vermochten, »Piraten! Alarm! Piraten!«. Ohne eine weitere Attacke abzuwarten, machte er einen Satz in die eigene Kammer und schmetterte die Tür zu.
Draußen brach die wahrhaftige Hölle los. Überall trampelte und brüllte es plötzlich auf dem Schiff. Geschrei, Alarmrufe, mehr und mehr und mehr. Jonathan hatte den breiten Holzriegel an der Tür umgeworfen und den Zugang somit erst mal versperrt. Eine Öllampe wurde entzündet. »Was ist denn los da draußen?«, wollte ein verdatterter Jasper Giles wissen und hing zitternd die Lampe an einen Haken an die Decke. »Piraten«, keuchte Jonathan, »sie greifen das Schiff an. Sie sind längsseits gekommen und haben die Wache schon umgebracht«.
Auch Corin war wach geworden. »Was ist los?«, krächzte er verschlafen, aber niemand hatte Zeit für ihn. Jonathan hatte sich im Dämmerlicht der Öllampe auf eine ihrer Kisten gestürzt. »Wir müssen kämpfen, Vater«, bestimmte er knapp und war schon dabei ein Kettenhemd aus der Truhe zu nehmen und es sich überzuziehen. Jasper Giles, als Geschäftsmann entschlossen und tatkräftig, war dieser Situation nicht wirklich gewachsen. »Ja«, stammelte er, »ja, das müssen wir wohl«. Jonathan warf seinem Vater einen Lederpanzer zu. Der alte Giles verlor fast das Gleichgewicht, als ihn der Kürass an der Brust traf.
»Piraten?«, erkundigte sich Corin, der immer noch in seinem Bettwrack lag, und seine Stimme klang trotz seinem Faible für Seeräuber alles andere als begeistert.
Zumindest die naive Piratenromantik würde sich nach diesem Erlebnis ein für alle mal erledigt haben, blitzte es in Jonathan auf, aber der Gedanke war einen Wimpernschlag später auch schon wieder fort. Vermutlich wollte sich der Gedanke selbst noch schnell eine Rüstung besorgen.
Jonathan hatte sich in Windeseile ein Lederarmband angelegt und sah zu seinem kleinen Bruder herüber. »Du bleibst hier, Corin«, war seine Antwort, bevor Corin auch nur auf die Idee kam, die entsprechende Frage zu stellen. Eine Antwort so schlecht gewählt, dass Jonathan sie noch bitter bereuen würde.
Inzwischen zeigte auch Jasper Giles Initiative und hatte sich den Lederpanzer übergestreift. Jonathan schloss hastig zwei der vier Riemenverschlüsse auf der Rückseite der väterlichen Rüstung – das musste reichen. Jonathan beugte sich zur Waffenkiste herab, nahm zwei Kurzschwerter heraus, reichte eines seinem Vater und dirigierte den alten Giles dann Richtung Tür.
»Bist du bereit?«, versicherte sich Jonathan bei seinem Vater und mühte sich einen aufmunternden Gesichtsausdruck ab. Vater Giles nickte. Sein Ältester vermochte nicht zu sagen, ob das, was er im Gesicht seines Vaters sah, noch als verunglücktes Lächeln durchging.
»Dann los. Pass auf die Armbrustbolzen auf«, gab er seinem Vater einen letzten Rat mit auf den Weg.
Jonathan öffnete die Tür einen Spalt und bemühte sich zügig einen Überlick zu gewinnen. Das Hauptdeck vor ihnen hatte sich mittlerweile in ein Schlachtfeld verwandelt. Mit einem Schrei, der Jasper Giles und Corin zusammenzucken ließ, stieß Jonathan die Tür ganz auf. Gefolgt von seinem Vater, stürzte er sich in das mörderische Getümmel.
Mit einem Krachen fiel die Tür zu der kleinen Kammer wieder in ihr Schloss.
*
Und was das für ein Schlachtfeld war. Der Lärm war ohrenbetäubend, überall schrien Menschen aus Leibeskräften, einige um in Rage zu kommen oder zu bleiben, andere vor Schmerzen oder in Todesqualen. Ringsum trampelte es, Holz brach, Metall klirrte, Segelstoff riss, Menschen und Gegenstände fielen in das Wasser. Es roch nach Feuer, Blut und Schweiß - es roch nach Tod.
Für einen Augenblick stand Jonathan da, mitten im Getümmel. Bizarre Gefühle und Gedanken flitzten durch seinen Kopf, ließen sich in Panik durch die Speiseröhre fallen und plumpsten in seinen Bauch.
Niemals hatte Jonathan Giles in einer Schlacht gekämpft, nie hatte er einen Menschen ernsthaft verletzten müssen. Aber natürlich wusste er sehr wohl um die äußerst gewalttätige Welt um ihn herum.
Dies war der Augenblick von dem er bisher niemals wusste, ob er ihn freudig erwarten oder schlotternd fürchten würde. Weder noch, klärte Jonathan ein weiterer Gedanke auf - er wollte diese Situation nämlich einfach nur vermeiden. Tja, hat nicht ganz geklappt, entschuldigte sich der Gedanke und stürzte sich den anderen folgend Jonathans Speiseröhre hinunter in die Magengrube.
Vorbereitet war er, als Kämpfer, das stand außer Frage. Zur Wahl stand kämpfen oder sterben, eine Wahlfrage, für die man eigentlich kein Licht brauchte, um sie näher betrachten und beantworten zu können.
Jonathan brüllte wie ein Berserker und stürzte sich auf die ersten Kämpfenden.
An Deck der Maria Van Brügge standen rund 20 Matrosen einer Überzahl von 30 Piraten gegenüber. An zwei Ecken brannte irgendeine Flüssigkeit auf dem Boden, was zusammen mit dem Mondlicht für ausreichend Beleuchtung sorgte, gleichzeitig aber das Hauptdeck in ein unheilvolles Licht tauchte.
Seinen Vater hatte Jonathan bereits aus den Augen verloren, als direkt vor ihm ein Matrose der Maria Van Brügge von einem Piraten mit dem Hieb seines Schwertes in die Brust getötet wurde. Der Matrose ächzte tief, ein seltsamer, langgezogener Seufzer, und ein wunderbarer Prolog für Jonathans brandneues Sammelalbum mieser Schauer und Traumata. Der Seemann sackte leblos auf das Deck.
Der Killer, ein bärtiger, schlanker Pirat, stieß einen keuchenden Triumphschrei aus, der seine Lungen laut rasseln ließ. Ein weiterer Atemzug war ihm noch vergönnt, dann war Jonathan mit einem Satz bei ihm. Gerade wollte er dem Piraten dessen bluttriefendes Kurzschwert mit der eigenen Klinge davon schlagen, da mobilisierte der Seeräuber unerwartete Kraftreserven und parierte Jonathans Entwaffnungsversuch. Jonathan schwang sein Schwert herum und bevor der Pirat zu einem Angriff ansetzen konnte, fuhr ihm Jonathans Waffe in die Brust. Jonathan hörte Rippen krachen und Fleisch reißen. Die Vibrationen, die das Eindringen der Klinge in den Körper des Seeräubers auf die Waffenhand übertrugen, ließen Jonathans Nackenhaare entsetzt hochspringen. Spürte er da gerade den letzten, verzweifelten Schlag des sterbenden Piratenherzens durch den Schwertstahl hindurch? Das Sammelalbum füllte sich schnell. Und Jonathans Nackenhaare wünschten sich nichts sehnlicheres, als Beine zum Weglaufen.
Der Pirat starrte ihn aus großen, angsterfüllten Augen an. Statt eines Schreis hörte Jonathan nur ein leises, gurgelndes Seufzen.
Jonathan hatte einen Menschen getötet, zum ersten Mal in seinem Leben. Diesen Augenblick würde er bis an das Ende seines eigenen Lebens nicht vergessen. Erst recht nicht, wenn das Ende sehr, sehr schnell kommen würde.
Giles Junior konzentrierte sich wieder auf die tobende Schlacht. Er nahm Deckung hinter einer Kiste und sah sich um. Wo steckte nur sein Vater? Ein Bolzen pfiff in einiger Entfernung an ihm vorbei und schlug mit ungeheurer Gewalt in die Reling. Jonathan verfolgte den Weg des Geschosses und sah einen Piraten mit einer Armbrust auf dem fremden Schiff hoch oben in den Wanten stehen. Es gab nicht viel, was Jonathan da tun konnte und glücklicherweise war der Schütze nun mit einer aufwändigen Nachladeprozedur beschäftigt.
Jonathan sprang aus seiner Deckung hervor und gesellte sich zu zwei Kombattanten vor ihm. Der junge, verängstigte Matrose der Maria Van Brügge hatte sichtbar Probleme, sich den massigen Piraten vom Leibe zu halten, der zu allem Übel seine Dominanz im Nahkampf mit einem gehässigen Grinsen auskostete.
»Deckung!«, raunzte Jonathan den Matrosen an, stellte sich an dessen Seite und parierte in Vertretung einen Angriff des fülligen Seeräubers. Dem schien die neue Herausforderung durchaus gelegen zu kommen. Mit einem freundlichen »Ah!« nickte er Jonathan erst zu, dann wurde sein Blick umso grimmiger und die Intensität seines Angriffs umso brutaler. Der Matrose ließ sich erschöpft fallen und gönnte sich eine kurze Verschnaufpause, während Jonathan mit ein paar schnellen Paraden in die Offensive kam.
*
Bamm!
Ein besonders dumpfer und lauter Knall ließ Corin zusammenfahren. Das Getöse von draußen war fast unerträglich, er spürte, fühlte, hörte, roch das Wüten draußen – und konnte nichts tun. Er war von seinem Bettwrack aufgestanden und hielt sich mit beiden Händen an einem Holzpfeiler in der Mitte der kleinen Kammer fest. Das Schiff schwankte, schaukelte, vibrierte, und die Öllampe an der Decke tanzte wie eine Fledermaus, der man eine saftige Schmeißfliege auf den Hintern gebunden hatte.
Warum hatte sein Bruder ihm befohlen hier zu bleiben? Warum sah Jonathan immer noch den kleinen Bruder, nein, das kleine Kind in ihm? Corin war genauso begabt im Umgang mit dem Schwert und viel geeigneter für den Kampf als ihr Vater.
Es war doch ein Kreuz, mit seinem großen Bruder, im wahrsten Sinne des Wortes. Jonathan war kein dummer Mensch, sicher, aber der jüngste Giles empfand es als profunden36 Irrtum, dass sein großer Bruder nicht zu akzeptieren bereit war, Corin mehr als Mann, denn als Kind zu sehen. Ein profunder, tödlicher Irrtum. Ein Irrtum, den Corin Giles auf der Stelle korrigieren würde.
Er schwang sich um den Holzpfeiler an die Waffenkiste, kniete nieder und zog ein Kettenhemd heraus. Gerade als Corin es sich überstülpen wollte, bemerkte er das hohe Gewicht, entschied sich spontan gegen die Rüstung und kramte in Windeseile ein festes Lederhemd hervor, in das er schnell hineinschlüpfte.
Drei Kurzschwerter lagen noch in der Kiste. Für Corin keine Qual der Wahl: Zielsicher griff er eine blank polierte Cinquedea37, ein prächtiges Kurzschwert, das seinen Namen der fünf Finger breiten, reich verzierten Klinge verdankte. Das Heft der Waffe schmückte ein mit Ranken geprägter Ledereinsatz, der von einem Silberrahmen eingefasst wurde. Die kunstvollen Punzen38 im Rahmen zeichneten das Prachtstück als eine Arbeit von Meister Winkel aus. Auf der rechten Seite war klein in lateinischer Sprache die Widmung »Tue Recht und habe Acht« und in der Zeile darunter »Anno 1395, Boulaide, für Corin Giles« eingraviert.
Wie gut konnte sich der jüngste Giles an den Freudentaumel erinnern, als der dicke Winkel ihm die Cinquedea überreicht hatte. Corins Vorschlag, mit der neuen Waffe gleich mal Jonathan umzubringen, zumindest ein bisschen, war in der Familie jedoch nicht sonderlich gut angekommen.
Ein Wimpernschlag und Corin hatte die Klinge äußerst geschickt zweimal in der Waffenhand rotieren lassen. Dann stürzte er zur Tür.
Er war fünfzehn Jahre alt und er war bereit für den Kampf.
*
Auf dem halbdunklen Hauptdeck herrschte Chaos. Rauch hatte die Sicht deutlich verschlechtert. Flammen schlugen aus einer Luke weiter hinten. Vor Corins Füßen lag ein toter Matrose der Maria Van Brügge. Direkt daneben lag ein toter Pirat und so wie die beiden Leichen einander zugewandt lagen, sah es aus, als ob sich ein unmögliches Ehepaar zur Nachtruhe auf das Deck begeben hatte.
Corin suchte angestrengt Bruder und Vater im verrauchten Dunkel zu erkennen, aber im Getümmel waren sie nicht auszumachen. Bis an das Ende des Schiffes reichte die Sicht bei Weitem nicht.
»Bist ein bisschen jung zum Sterben«, quiekte eine hohe Stimme direkt neben Corin. Der Junge schrak zusammen, hob sein Schwert, bereit die unbekannte Gefahr zu parieren. Ein dürrer, alter Pirat mit riesigen, leuchtenden blauen Augen und langen, spärlichen Haaren über den schmächtigen Schultern, stand wie aus dem Nichts neben Corin und hielt ihm sein Schwert an den Hals. Einen winzigen Moment später war das Schwert der alten Krähe – diese Bezeichnung passte für den Alten am besten, fand Corin - geblockt.
Doch der alte Seeräuber schien nicht von ungefähr so lange am Leben geblieben zu sein. Sein dünnes Ärmchen wirbelte das Schwert schnell und präzise herum und eröffnete einen neuen Angriff. Mehrere Sätze an Attacken, Paraden und Blöcken folgten zwischen den beiden, doch während die Krähe bereits an den Höhepunkt ihrer Fertigkeiten kam, wurde Corin erst richtig warm. Immer höher trieb er das Tempo des Schlagabtauschs. Die wilde Entschlossenheit und die Sicherheit, mit der Corin seine Waffe führte, beeindruckten den Alten nachhaltig. Klonk. Ein letzter Block des Alten misslang und Corin schlug ihm das Schwert aus der Hand.
»Ooooh«, raunzte der Pirat aus einem nahezu zahnlosen Mund, als er einen Lidschlag später die Spitze der Cinquedea an seinem faltigen Hals zu spüren bekam. Corin fixierte den Alten mit seinem Blick. Einen Atemzug später senkte er sein Schwert. Die Krähe gluckste freudig und nickte ihm dankbar zu. Dann drehte sich der Seeräuber um die eigene Achse und stakste schnell auf seinen hageren Beinen davon.
»Ob das eine gute Idee war«, murmelte Corin zu sich selber, aber da fiel sein Blick seitwärts. »Vater«, schrie er lauthals, als er Jasper Giles knapp zehn Schritte weiter im Kampf mit einem jüngeren Piraten sah. Der alte Giles hatte mächtig damit zu tun, sich gegen den Seeräuber zur Wehr zu setzen und war sichtlich in der Passiven. »Ich komme!«, schrie Corin und wollte gerade über eine Kiste springen, die den kürzesten Weg zu seinem Vater versperrte.
Jasper Giles drehte sich zu seinem jüngsten Sohn. Auf dem Gesicht des Vaters glaubte Corin unendliche Traurigkeit zu sehen - als der Pirat sein Schwert seitlich in die Brust des Vaters trieb.
Die Schwerkraft verhundertfachte sich.
Corin kam auf der Kiste zu Fall, die er gerade überspringen wollte. Ein heißer Schauer zuckte von den Fußspitzen bis in Corins Kopfhaut und ein kalter Schauer flitzte augenblicklich hinterher. Es war, als ob heiße Eisen und kalte Schneewalzen abwechselnd über seine nackte Haut rollen würden, immer und immer wieder, weil weder das heiße Eisen noch die blöde Schneewalze es dem anderen gönnte, als letzter über Corin hinweg gerollt zu sein.
Corin wollte schreien, aber er konnte nicht.
Der Seeräuber stieß die Klinge mit der zweiten Hand noch tiefer in die Brust des Vaters und dieser sackte auf die Knie.
Das heiße Eisen und die Schneewalze hatten sich unerwartet gütlich geeinigt und waren davon gerollt, aber nun kam ein ganzer Ameisenstaat vorbeimarschiert, um auf Corins Organen die Alexanderschlacht bei Issos nachzustellen. Für einen Augenblick hoffte der junge Giles, ohnmächtig zu werden. Der Augenblick war zu kurz und der Wunsch blieb unerfüllt.
Der Pirat hob das Bein und trat dem knienden Jasper Giles gegen die Schulter. Die blutige Klinge rutschte quietschend aus der Wunde und der Körper von Corins Vater fiel schlaff zur Seite auf den Boden. Corin sah einen kleinen Schwall Blut aus der Brust quellen.
Jasper Giles, Corins Vater, war tot.
Und der Pirat - grinste?
Die Trauer, die heulend vor Corins Verstand wartete eingelassen zu werden, spielte kurz mit dem Gedanken, die Tür einzutreten. Zu spät. Corins Zorn blies sich auf und trommelte mit den Fäusten auf der Brust herum. Der Junge wollte den Mörder seines Vaters töten, wie war ihm völlig schnuppe. Er hätte ihn erwürgt oder aufgehängt oder Bissen für Bissen an ausgehungerte Seegurken verfüttert, aber praktischerweise hatte er ja eine Waffe in der Hand, ein Waffe, mit der er umgehen konnte und mit der die Aufgabe schnell zu erledigen war.
Der junge Giles bäumte sich auf, presste seine Rechte um das Heft der Cinquedea und machte fünf lange Sätze direkt hinüber zum Ort der Katastrophe. Der Pirat, der sich bereits nach einem neuen Gegner umsehen wollte, bemerkte Corin aus den Augenwinkeln und stellte sich dem Kampf. Er parierte eine erste gewaltige Attacke Corins, holte zur eigenen Attacke aus, aber kam nicht mehr dazu sie auszuführen. Blitzschnell hatte Corin das eigene Schwert durch fliegendes Umgreifen in der Hand gewendet und stieß die Klinge mit solch gewaltiger Wucht durch das Herz des Seeräubers, das die Spitze der Cinquedea neben dem Schulterblatt wieder aus dem Körper trat. Die Pupillen des Piraten weiteten sich ein letztes Mal.
Als der Pirat zu Boden fiel, war er bereits tot.
Corin zog die Klinge aus dem Körper und wirbelte herum. Sein Vater lag nur einen Schritt weiter. Corin fiel auf die Knie, ließ die Cinquedea auf den Holzboden knallen und hob fassungslos die Hände. Er wollte irgendetwas tun. Irgendetwas musste er doch tun! Er sah den Vater an, der vor ihm mit offenen Augen in einer Blutlache auf dem Holzdeck lag.
Die Trauer hatte noch nicht aufgegeben. Jetzt versuchte die Heulsuse durch ein Fenster in Corins Verstand zu klettern. Sie hatte einen großen Eimer Salzwasser dabei. Corins Augen wurden feucht.
»Corin!«, schrie jemand. Corin griff flink seine Cinquedea und katapultierte sich mit einem Satz auf die Füße.
»Corin!«, rief Jonathan noch einmal und sein kleiner Bruder wirbelte herum, jetzt wo er den Hilferuf orten konnte. Der nun älteste Giles hatte es mit zwei Piraten gleichzeitig zu tun, die ihn in die Defensive zwangen und an die Reling zurückgedrängt hatten.
Ein lautes Krachen von oben ließ Corin zusammenfahren. Er blickte hoch und sah, dass Piraten auf den Haupt- und Fockmast39 der Maria von Brügge geklettert waren und nun mit Messern überall die Takelage40 lösten. Gerade kam das Großsegel mitsamt der oberen Rah, der langen hölzernen Querstange, vom Hauptmast herunter. Corin warf sich auf den Boden und entging der Kollision mit der schweren Holzkonstruktion nur knapp. Dafür begruben ihn nun Unmengen an Segeltuch. Hektisch ließ er die Cinquedea kreisen, wühlte sich durch das Segel, schnitt mehrere Löcher in das Tuch und kam endlich wieder frei.
»Halt durch, Jonathan, ich komme!«, brüllte Corin seinem Bruder entgegen.
Jonathan hatte alle Hände voll zu tun, am Leben zu bleiben. Mit dem Rücken an die Reling gedrängt, bearbeiteten ihn beide Piraten mit einer Attacke nach der anderen.
Nun mag man ja glauben, dass ein hervorragender Schwertkämpfer - wie es Jonathan auch ohne Erfahrungen auf dem Schlachtfeld zweifelsohne war - es problemlos mit mehr als einem Gegner gleichzeitig aufnehmen könnte. Man sollte es aber nicht glauben. Mit einem Schwert lässt sich eben nur eine einzelne attackierende Nahkampfwaffe zurzeit abwehren. Ein zweiter Angreifer, so untalentiert er auch sein mag, ist immer eine akute tödliche Gefahr, es sei denn, er ist tatsächlich so untalentiert, dass er es schafft, sich mit der eigenen Waffe vorher selbst umzubringen.
Gerade wollten beide Piraten synchron zustoßen, da gelang es Jonathan endlich seine Klinge am Hals des einen Piraten vorbeizuziehen. Gurgelnd stolperte der schwerverletzte Pirat zurück, warf seine Waffe fort und presste beide Hände über die klaffende Wunde.
Corin wollte zum entscheidenden Sprung ansetzen, der ihn aus dem Gewirr an Segeltuch und Tauwerk befreit hätte, da durchfuhr die Maria Van Brügge ein unheilvolles Beben. Das ganze Schiff erzitterte und neigte sich grollend nach Steuerbord, von dem Piratenschiff weg. Alles an Deck machte einen Satz, und Kisten, Tauwerk, Segel, Tote und Verletzte rutschten gen rechter Seeseite. Corin kam zwischen den Segelfetzen irgendwie auf die Füße, wirbelte herum und wollte endlich seinem Bruder zu Hilfe kommen, da sah er schon das Unglück heraufziehen: Die untere Rah schwang durch die Schieflage der Maria ebenfalls herum. Von keinem Segel und keiner Brasse41 mehr gehalten, fegte sie einen Teil des Decks leer und sauste dann mit Macht Richtung Reling, genau dort, wo Jonathan und der verbliebene Pirat eben noch kämpften.
Der Pirat duckte sich gerade noch rechtzeitig, über seinen Rücken fegte die Rah.
Für Jonathan war es zu spät. Die schwere Holzbohle traf ihn mitten auf der Brust und durchschlug mit ihm die Reling.
»Jonathan!«, brüllte Corin und quetschte mit allen Leibeskräften die Lungen so dicht zusammen, dass diese heilfroh waren, nicht unter Klaustrophobie42 zu leiden.
Corin sah noch, dass Jonathan für einen winzigen Augenblick zu ihm herüber blickte, im Angesicht des eigenen Todes.
Dann verschwanden Reling, Jonathan und Corins bisheriges Leben in der Finsternis.
Die Zeit stand endgültig still.
Corin fixierte den Punkt, wo eben noch sein Bruder stand. Wo er eben noch lebte.
Corin hörte nicht mehr das Kampfgeschrei um ihn herum, das bereits deutlich abgeebbt war. Er spürte nicht mehr die Vibrationswellen, die erneut durch das angeschlagene Schiff bebten.
Corin roch nichts mehr und fühlte nichts mehr.
Er sah auch nicht den neuen Schwung Takelage, der vom Hauptmast herunterregnete und um ihn herum lautlos auf das Deck prallte. Er spürte nicht die schwere Holzrolle, die herum schwang und ihn am Kopf traf.
Corins Bewusstsein gähnte und legte sich schlafen.
Leere blieb. Leere blieb gerne mal etwas länger, besonders wenn die Speisekammer voll war.
Leere lachte. Es war eine kalte, dunkle, gemeine Lache.
31 Langer Querbalken, von dem früher die Segel herunterhingen
32 Backbord ist Schiffslinks, Steuerbord Schiffsrechts. Merkhilfe: SteueR = Rechts
33 Oberbegriff für alle Arten von Seilen an Bord eines Schiffes
34 Das Schutzgeländer auf der schiffslinken Seite
35 Hängematten waren in Europa noch nicht bekannt.
36 Alles umfassend, gründlich.
37 Kurzschwert, dessen Klinge zum Griff hin deutlich breiter wird. Italienische Aussprache, also etwa Tschingkwedea
38 Mit Stempel eingeschlagene Muster
39 Vorderer Mast
40 Alles, was die Segel hält und trimmt
41 Tauwerk zum Einstellen der Segel
42 Angst vor engen Räumen