13 Überall war Lärm. Gedämpfter Lärm. Schreie wie durch eine Wand aus Wasser, das Klirren von Metall, Ächzen, Stöhnen, Poltern, Schritte, das Quietschen von Holz und das Knarren gespannter Taue.
Die Luft ging ihm aus. Jonathan sah, dass der Pirat, den er gerade am Hals getroffen hatte, beide Hände auf die klaffende Wunde presste, aber dennoch schoss Blut in Strömen hervor. Keuchend hob Jonathans sein Schwert zur Parade, aber der andere Pirat war glücklicherweise noch nicht soweit. Das rote Zeug in Jonathans Adern wirbelte pochend und wütend umher und bei jedem einzelnen Herzschlag prügelte ein riesiger Hammer gegen Brust und Hals.
Luft, dachte er, Luft.
Warum war es nur so verflucht dunkel hier?
Jonathan riskierte einen kurzen Blick zu seinem Bruder. Da! Corin hatte sich aus dem Segeltuch befreien können! Der riesige Hammer prügelte dieses Mal gegen Jonathans Kopf. Da stand ein Pirat hinter Corin, noch ein Satz und der Mörder würde bei seinem Bruder sein! »Corin!«, wollte Jonathan warnen, aber stattdessen richteten sich seine Nackenhaare auf und die wiederum brachten keinen einzigen Mucks raus, wie man es von Nackenhaaren eben auch gewöhnt war.
Ein Balken kam auf Jonathan zugeschossen, zugerast.
Das schwere Holz rammte seine Brust und trieb das letzte bisschen Atem aus Jonathans Lungen. Er verspürte keinen Schmerz, als sein Körper hinfort katapultiert wurde, aber er spürte einen Druck im Rücken, sah Holzteile und Splitter um sich herumfliegen, die erst nach oben stiegen, sich um alle Achsen drehten – und einfach nicht mehr der Schwerkraft gehorchen wollten.
Jonathan sah den Sternenhimmel, als er nach hinten fiel.
So viele Sterne. So viele Holzsplitter. Das Licht der Feuer an Bord der Maria Van Brügge gab den Splittern ein rot-gelbes Leuchten, in seltsamem Kontrast zu den blau-weißen Sternen.
Die Sterne funkelten, die Splitter rotierten.
Jonathan fiel.
Er spürte den Drang zu atmen, aber scheinbar hatte jemand seine Lungen entfernt.
Weiter und weiter kippte er nach hinten, bis er das Gefühl hatte, nahezu auf dem Kopf zu stehen. Oder hatte er sich schon einmal komplett gedreht?
Dann ward es nur noch Dunkel um ihn herum, die Sterne und die Splitter – sie waren verschwunden. Wo war er? Fiel er immer noch? Wo war das Schiff? Wo war Corin? Wo war…
Ein eiskalter Wind blies in seine Haare, so kalt, dass Jonathan fürchtete sein Kopf würde platzen oder verschrumpeln oder schrumpelplatzen, was auch immer Letzteres sein mochte. Die Eisluft traf ihn wie eine zähe Wand aus Gelee, erreichte nun auch seine Stirn, seine Augen, die Nase, das Kinn. Er wollte die Arme bewegen um die Wand fortzudrücken, aber seine Glieder gehorchten ihm nicht. Oder nicht schnell genug. Jonathan stürzte in die Wand, immer tiefer hinein, sie überzog seine Brust, seine Hüften, schließlich seine Beine.
Überall war eisige Kälte, eine grauenhafte, eisige Kälte.
Atme! Der Gedanke schrillte durch Jonathans Gehirn und verdrängte alle anderen mit einer Heugabel. Atme!
Er öffnete den Mund und spürte, wie sich die kalte Wand einen Weg in sein Inneres bahnte.
Atme!
Aber es ging nicht. Jonathan konnte nicht atmen. Panik stieg in ihm auf.
Atme! Sein Hals verkrampfte sich, sein Rachen bebte, er spürte etwas Warmes aus seinem Mund aufsteigen, etwas, das gefälligst in seinem Magen hätte bleiben sollen um sich wenn überhaupt in die andere Richtung zu bewegen.
Er starrte auf seine Nasenspitze. Die war noch da, wo sie hingehörte. Eine wabernde Blase stieg vor seinen Augen auf, soviel konnte er in der Dunkelheit gerade noch sehen. Die Blase stieg weiter nach oben, an die Oberfläche. Wasseroberfläche!
Jonathans Panik kannte keine Grenzen mehr. Er ruderte mit den Armen und strampelte mit den Beinen wie ein Besessener. Seine Kehle krampfte in Würgereflexen.
Sein Kopf durchstieß die Wasserlinie und sein Hals explodierte. Jonathan Giles spuckte Wasser, hustete, versuchte verzweifelt Luft zu schnappen, aber noch versperrte Flüssigkeit den Weg zu seinen Lungen. Er schlug um sich und seine Hände prallten auf die Wasseroberfläche. Wie von Sinnen schüttelte er den Kopf, würgte, prustete. Ein Schwall Erbrochenes drückte aus seinem Magen und schwappte in die See.
Es war, als ob sich seine Luft- und die Speiseröhre heimlich zu einem Armdrücken verabredet hätten. Die Speiseröhre erwies sich jedoch als schlechter Verlierer und haute der siegenden Luftröhre mit einer Bratpfanne, von der weder Speise- noch Luftröhre wussten, wo sie verdammt noch mal herkam, mächtig eins über.
Endlich, endlich, war da ein wenig Freiraum. Ein Luftzug erreichte Jonathans gequälte Lungen und machte es sich gemütlich.
Doch immer wieder wollte das Wasser in seinen Mund zurück, trotz seines Strampelns und Ruderns. Etwas zog ihn in die Tiefe, wie ein Krake, der mit seinen Fangarmen Jonathans Brust umklammert hielt.
Das Kettenhemd, schoss es Jonathan durch den sehr, sehr kleinen Bereich im Gehirn, der nicht im Panikmodus war.
Er sah sich um, versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen, während er weiter hustete und spuckte und mit den Armen um sich schlug.
Da war etwas. Irgendetwas. Es schwamm. Es war direkt neben ihm. Jonathan streckte die Hand aus und berührte eine Holzplatte. Eine Holzplatte! Eine wunderbare, gemütliche, bildschöne Holzplatte. Jonathan zog und stemmte, prustete und spie.
Irgendwie, irgendwie hatte er es auf die Platte geschafft. Wenn die Platte jetzt Gegenleistungen fordern würde, Jonathan hätte das Stück Holz auch mit Goldstücken überhäuft, geheiratet und auf der Stelle geschwängert, wenn es denn wirklich nötig gewesen wäre.
Er hustete immer noch ohne Unterlass und die Anstrengung trieb ihm die Tränen in die Augen. Er schluchzte.
Es war so dunkel. Es war so kalt.
Ein weiterer ganzer Luftzug schaffte die Hürdenstrecke in seine Lungen.
Jonathan war entsetzlich müde. Er war entsetzlich traurig.
Es war so entsetzlich kalt.
Es wurde unendlich dunkel um Jonathan.
*
Es wurde heller. Ein hellgelber matschiger Fleck tanzte langsam vor einem hellroten matschigen Hintergrund. Ein bisschen zu viel Matsch und ein bisschen zu hell.
»Seht Ihr, der Junge kommt zu sich«, flüsterte eine kratzende alte Frauenstimme.
Mit einem Schlag spürte Jonathan seinen Körper. Eine Frostwelle durchschüttelte seine Glieder, beginnend an den Zehen und den Fingerspitzen fuhr sie durch Arme und Beine, lief über Schultern, Nacken und Bauch, und zerschmetterte schließlich an einem weichen Gegenstand, der wohlig warm und schwer auf seiner Brust lag.
Jonathans Finger spürten weichen Stoff und ein feiner Lavendelgeruch belebte seine Nase.
»Guten Morgen«, grüßte jemand freundlich. Jemand? Nur ein hellgelber Matschfleck. Matsch schien in dieser Gegend ungeheuer freundlich zu sein, aber bedeutete das möglicherweise, dass dieser Matsch im Gegenzug auch extrem ungehalten werden konnte? Jonathan konnte sich wahrhaftig etwas Schöneres vorstellen, als von misslaunigem Baggermatsch durch den Wald gejagt zu werden.
»Aufwachen«, forderte die Unbekannte freundlich. Die Unbekannte? Es handelte sich also um weiblichen Baggermatsch. Das machte die Sache nochmals komplizierter und erheblich riskanter. Nichts war schlimmer, als die Gefahr, sich dem Zorn eines weiblichen Baggermatschmonsters auszusetzen. Wenn das Baggermatschmonster dann noch ihre Tage hatte, na, dann gute Nacht.
Doch. Eins war schlimmer als ein weibliches Baggermatschmonster.
Igel.
»Wacht auf!«. Die Stimme der Unbekannten war frisch und klar und in jeder Silbe konnte Jonathan ein Lächeln hören. Als ob man die Sonne umarmen würde. Das war kein Monster!
»Hört Ihr mich?«, fragte die Sonne und Jonathans Gedanken machten eine Kehrtwende, indem er nun überlegte, ob er den Matschflecken nicht einfach heiraten könnte. Er versuchte sich einen Matschfleck im Brautkleid vorzustellen und es gelang ihm. Er stand mit dem Matschfleck vor dem Altar und ein alter, schwarz… Matschfleckpfarrer… las… Buch… Willst…
»Hey! Augen auf!«, machte die Sonne und Jonathan kam wieder zu sich. Das war es ein verdammt guter Tipp, den die Sonne da gegeben hatte. Die Effektivität seiner Augen konnte ganz erheblich gesteigert werden, wenn er die Lider öffnete.
Jonathan öffnete die Augen entgegen dem Widerstand durch irgendwas schrecklich Verkrustetem und sah der über ihn gebeugten Sonne mitten ins Gesicht.
Sein Atem stockte. Sie war wunder, wunder, wunder…
»Ist der Stein zu schwer?«, fragte Sophia und ihr Lächeln war so umwerfend, dass Jonathan froh war, dass er bereits lag. Sie war absolut und makellos schön. Ihre blasse Haut war wie allerfeinster Puderzucker und ihre grünen Augen leuchteten wie… boah!
»Ist der Stein zu schwer?«, fragte die Sonne noch einmal, jetzt mit einem hörbaren Unterton, den Jonathan als die perfekte, aber völlig unmögliche Mischung aus freundlicher Drohung und liebreizendster Fürsorge wahrnahm.
Der Stein. Oh. Ja. Da war etwas Schweres, Warmes auf seiner Brust. Jonathan neigte den Kopf nach unten, soweit das überhaupt möglich war, lupfte die bis an sein Kinn gezogene Bettdecke ein Stück, und sah an seinem Körper herunter. Eingewickelt in einem Tuch, lag ein angenehm warmes Ding auf seinem Brustbein. Der Stein. Ansonsten schien, abgesehen von ein paar Schrammen und blauen Flecken, alles an seinem Körper an vertrauter Position und in gewohnt hervorragendem Zustand zu sein. Allerdings in einem sehr nackten Zustand.
Jonathan schaute Sophia an und sein sehr bleiches Gesicht bekam plötzlich rötliche Wangen.
»Ch pch cha nch«, krächzte er und sein Wagemut wurde sofort mit einem Hustenanfall belohnt. Sophia legte ihre Hand auf seine Stirn, doch die Hustenattacke blieb.
Jonathan krampfte, sein Zwerchfell schmerzte und zwei Tränen liefen über die mittlerweile wieder bleich werdenden Wangen.
Nach dem zehntausendsten Huster - soviel zählte Jonathan jedenfalls - beruhigte sich sein Körper endlich wieder, dafür rasselten jetzt seine Lungen wie ein rostiges Kettenhemd. Er stöhnte und Sophia strich mit ihren Fingern die Tränen aus seinem Gesicht. »Alles gut«, flüsterte sie und Jonathan wünschte sich, sie würde nie wieder aufhören, ihn zu berühren.
Er atmete tief durch. Und noch einmal. Er räusperte sich, sehr vorsichtig, um dem Husten gleich zu zeigen, wer der Herr im Hause war.
»Ich bin ja nackt«, sagte er sehr leise und immer noch krächzend, aber wenigstens verständlich. Sophia kicherte. »Nein, nein, keine Sorge«, flüsterte sie zurück. »Ihr habt eine Windel an«. Sophia konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, erst recht nicht, als sie einen sehr peinlich berührten Jonathan sah, dessen Augen sich ungläubig weiteten.
»Wundervoll«, maulte er ächzend, und versuchte nicht an die fünftausend Minuspunkte zu denken, die er soeben auf seiner Attraktivitätsskala hatte kassieren müssen, »und wie lange liege ich hier schon?«. »Fast drei Tage«, antwortet Sophia und legte wieder ihre Hand auf seine Stirn.
»Was ist denn passiert?«, wollte Sophia wissen.
Jonathan konnte sich sofort an alles erinnern. Zu seinem Leidwesen. Treibsand begann an Jonathan zu zerren, sog all die mühsam gewonnenen Lebensenergien wieder hinaus, die aus seinem Körper tropfend, nein, sprudelnd im Nirgendwo unter ihm versickerten. Trotz seiner Windeln. Nur die Hand auf seiner Stirn verhinderte, dass sein Körper gleich hinterher sickerte.
Er wollte erzählen, irgendwo anfangen, aber es ging nicht. Sein Kinn bebte, seine Augen wurden wieder feucht und dann kam der Husten zurück und zeigte Jonathan, wer tatsächlich Herr im Hause war.