21 Eine kräftige Morgenbrise blies durch Corins kurzes, dunkles Haar. Die Sonne wärmte sein Gesicht und hier oben, im Krähennest des Roten Raben, schien es ihm, er könne bis an das Ende der Welt sehen. Am liebsten hätte er es dem Himmel entgegengebrüllt, wie großartig es hier oben war. Das wollte er dem Himmel nicht antun und darum grinste er nur breit.
»Hallo«, rief Corin der Elfenbeinmöwe zu, die sich soeben auf den Rand des Krähennestes gesetzt hatte und ihn nun anstarrte. »Kennen wir uns?«, fragte er den Vogel und sein Grinsen wurde noch ein bisschen breiter. »Kiah«, antwortete die Möwe und stieg von einem Fuß auf den anderen. »Oh, ja, ganz meinerseits«, gab Corin lachend zurück und wollte gerade die nächste Frage stellen, als er das fremde Schiff am Horizont sah. Er kniff die Augen zusammen. Ein Zweimaster. Auf ihrem Kurs.
»Schiff Steuerbord voraus«, brüllte Corin vom Krähennest herunter und sah, wie sich die Piraten umgehend an der Steuerbord-Reling sammelten.
»Kiah«, brüllte die Möwe, aber das nutzte nichts.
Corin kraxelte in heller Vorfreude den Mast hinunter auf das Deck, als Claas auch schon seine Befehle herumbrüllte, den Raben für den Angriff vorzubereiten.
Keine halbe Stunde später hatte der Rote Rabe den Gegner mittschiffs gerammt. Die Enterhaken flogen und nur wenige Augenblicke später lagen beide Schiffe längsseits.
»Angriff!«, grölte Claas und das musste sich Corin wahrlich nicht zweimal sagen lassen. Er stürzte sich mit seiner Cinquedea in den Kampf und der erste Gegner, der sich ihm in den Weg stellte, war bereits mit der dritten Attacke ausgeschaltet, wie Corin es zu nennen pflegte.
Corin stürmte weiter auf die andere Seite des Schiffes, wo sich ein älterer Seefahrer aufhielt. Corins Präsenz schien den Mann schwer zu beeindrucken, denn er fuchtelte nervös mit seinem Säbel und machte einen Schritt zurück. »Du!«, schrie Corin den Alten durch das Getöse auf Deck an, »wenn du die Geldgeier verteidigen willst, dann kämpfe! Sonst gib auf!«.
Das musste der Seefahrer sich nicht zweimal sagen lassen, denn offensichtlich hatte er nicht die geringste Lust für seinen Schiffsherrn zu sterben. Der Mann ließ den Säbel fallen und hob die Hände. »Leg dich auf den Boden, die Arme ausgestreckt«, befahl Corin und der Mann gehorchte. Corin grinste. Er nahm den feindlichen Säbel und warf ihn über Bord.
Nach einer weiteren halben Stunde war alles vorbei. Die gegnerische Besatzung hatte sich entweder ergeben, war über Bord gesprungen oder lag tot an Deck.
Nur der Schiffsherr war noch übrig. Zitternd stand der in Seide gekleidete, stämmige Mann mit den buschigen, roten Augenbrauen an der Reling und wartete auf die Erfüllung seines Schicksals.
Wie sehr Corin dieses arrogante und gierige Pack hasste. Dicke Goldringe an den Fingern waren Beweis genug. Dieser Mann bereicherte sich auf Kosten der Ärmsten, das war ganz offensichtlich. »Los, du miese, fette, feige Goldratte. Spring!«, forderte Corin den Kaufmann auf und seine Cinquedea zeigte nun direkt auf den Hals des Schiffsherrn.
Der Mann grunzte ängstlich und sprang über die Reling. Als es laut platschte, jubelten die Piraten los. Lachend warf Corin dem Mann noch ein herumliegendes Brett hinterher.
Der Kampf war gewonnen.