27 Das Heck des Schiffes stieg bedrohlich empor und der Hauptmast mit dem zerrissenen Segel klatschte frontal auf die ruhige See. Der Segler drehte und wand sich, fast so, als wolle er sich in das Wasser hineinschrauben, mal etwas zur Seite taumelnd, dann kopfüber. Es gurgelte und knarrte in beängstigender Lautstärke und einmal mehr fühlte sich Corin an ein sterbendes, riesiges Monster erinnert, das nach letztem Aufbäumen seinen finalen Atemzug in die Welt hinausröchelte.

Aber Corin hatte keine Angst. Im Gegenteil. Er hatte das Monster besiegt, alle, die dem Untier geholfen hatten, waren tot oder geflohen, und die sieben Seeleute, die sich rechtzeitig besonnen hatten, standen mit einem mulmigen Gesichtsausdruck an Deck des Roten Raben und sahen dem Schiff bei seinem Todeskampf zu.

»Nieder mit den reichen Kaufmannssäcken!«, schrie einer der übergelaufenen Matrosen, doch man merkte ihm an, dass er es vor allem deswegen schrie, weil er hoffte damit einen besseren Eindruck zu hinterlassen. Corin lachte lauthals, reckte seine Cinquedea in die Luft und brüllte dann ein bestätigendes »Hey, hey!« in die Runde. Die Piraten, unter ihnen Claas, folgten lachend.

Broklas kam aus seiner großen Holzkiste herausgeklettert und klopfte sich imaginären Staub von der langen roten Robe. Der Wissenschaftler sah gerade noch das Heck des fremden Schiffes in den Fluten verschwinden und kam langsam zu Corin herübergetrabt.

»Mann, Broklas, was für ein Leben«, versuchte er den alten Mann mit seiner guten Laune anzustecken, »frei wie ein Vogel!«. »Vögel«, raunzte Broklas zurück, »bringen keine Menschen um, Corin«. »Gierige Großhändler, die nichts weiter wollen als die Armen zu bescheißen. Haben die was anderes verdient?«. Broklas war sich erstens zu schade und zweitens zu schlecht gelaunt, um eine Antwort auf diese Frage zu geben. Sein finsterer, stechender Blick war aber Auskunft genug.

Was hatte der alte Mann nur, fragte sich Corin.

Aber bevor sich so etwas wie die Idee einer Antwort durch sein Gehirn gearbeitet hatte, kam Corin schon eine neue und viel bessere Idee. »Du kannst nicht ewig in deiner Kiste hocken bleiben, Broklas«, fing er grinsend an und die Idee war wirklich so gut, dass er es gar nicht abwarten konnte, den Satz zu Ende zu sprechen, »darum habe ich ein verlockendes Angebot für dich. Ich werde dir ein paar Lehrstunden im Umgang mit dem Schwert geben. Du zeigst mir was, ich zeige dir was«.

Broklas wusste einfach nicht, was gut für ihn ist, dachte Corin belustigt, als sich das grimmige Gesicht des Wissenschaftlers einfach nicht aufhellen wollte. Die Piratenmeute jedenfalls fand den Vorschlag großartig. »Hier, Corin!«, rief Ole von weiter hinten und warf ein Kurzschwert im hohen Bogen herüber. Die Seeräuber johlten vor Freude und sofort bildete sich ein Ring neugieriger Zuschauer um Broklas und Corin.

Missmutig nahm der Alte das Schwert. »Da habe ich wohl noch eine ganze Menge zu tun«, murmelte er zu sich selber und auch wenn Corin ihn gehört hätte, wäre dem Jungen nicht im Traum eingefallen, dass Broklas nicht vom anstehenden Schwertkampf sprach.

»Los geht’s, Broklas«, gluckste Corin freudig und drehte die Cinquedea mehrfach so schnell und kunstvoll in seiner Waffenhand, dass mehrere Zuschauer spontan applaudierten. »Wir fangen an mit der einfachen Parade«.

Broklas nahm das Schwert aus der Scheide und seine erste Schulstunde seit sehr langer Zeit hatte begonnen.