1 »Gott zum Gruße, werte krötenwarzige Ritter-Ralle«, fauchte Corin sein Gegenüber in herrlichem Keuch-Stakkato an. Zischend fuhr Corins Schwert hinab und grub sich tief in Jonathans parierende1 Klinge, während beide Kämpfer bemüht waren, das Gleichgewicht zu halten. Und das war nicht einfach, denn beide saßen auf Pferden, die nervös schnaubten und aufgeregt versuchten, den komplizierten Reitmanövern ihrer jungen Herren Folge zu leisten.

Jonathan holte tief Luft, während sich die Klingen immer noch unter Armdruck kreuzten. »Was für ein herrlicher Tag, geschätzter Herr flattermäuliger Piratenpupser«, grunzte er Corin gepresst entgegen und beide Kombattanten2 konnten sich ein vages Schmunzeln nicht verkneifen. Jonathan gab kurz nach, nur um sofort mit einem heftigen Ruck den jüngeren und etwas schmächtigeren Corin zurückzustoßen, so dass dieser gezwungen war, sich mit der Linken am Knauf seines Sattels festzuhalten. Schnell gab Corin seinem Pferd die Hacken und der alte Hengst wirbelte herum. Alt war der dunkelbraune Rottaler, aber keineswegs lahm. Schon preschte er im Galopp die alte Heerstraße hinab, dicht gefolgt von Jonathan auf seinem jüngeren Fliegenschimmel3.

Die Luft wehte durch Corins Kleidung und pustete sein Hemd so weit auf, dass sich die Lederweste darüber spannte. Er schloss die Lider über seinen stahlblauen Augen, reckte sich nach vorn und grinste triumphierend. War das ein Leben! Die Maisonne schien ihm warm ins Gesicht und es duftete nach Kiefern und wildem Flieder. Corin war fast sechzehn, fünf Jahre jünger als Jonathan, und obwohl etwas schmächtiger, konnte er es mit seinem Bruder absolut aufnehmen. Wenn das bisschen mehr Kraft Jonathan doch einmal einen Vorteil verschaffte, konnte Corin das immer noch mit gewitzter Frechheit ausgleichen.

Corin hörte die Hufen von Jonathans Pferd dicht hinter sich, lachte juchzend auf und suchte in den vielen halboffenen Schubladen in seinem Hirn nach einer passenden Strategie. Für die offensichtliche Lösung den Bruder loszuwerden, hätte er auf einen Igel, besser noch einen ganzen Sack voll Igel, zurückgreifen müssen. Jonathan hasste Igel abgrundtief und die Wahrscheinlichkeit ihn beim Schmusen mit einem der stacheligen Säuger zu erwischen, war in etwa so groß, wie die Wahrscheinlichkeit eine Nonne beim Jonglieren von Wildschweinen zu beobachten. Und zwar während sie auf dem Altar eine mittelalterliche Galliarde4 mit einem Überigel tanzte. Und dabei die Charakterstudie einer hochdepressiven Hämorride aus dem Allerwertesten des Heiligen Vaters rezitierte. Und dabei – nun ja, es war eben maximal unwahrscheinlich und Jonathan hasste Igel wirklich sehr.

Corin stemmte sich hoch, riss an den Zügeln und brüllte seinen Rottaler an, bis seine Stimme einen Purzelbaum schlug. Wiehernd kam das Pferd zum Stehen und prompt musste Corin einen schmerzenden Schlag gegen sein linkes Bein einstecken, als Jonathans Schimmel donnernd an ihm vorbeischrammte, sich dann aufbäumte, auf den Hinterbeinen drehte und endlich neben Corin zur Ruhe kam. Die beiden Brüder grinsten sich an, keuchend, bereit die Holzschwerter erneut in Position zu bringen.

»Ein ganz vorzüglicher Tag, Eure durchlauchtigste, flutsch-eiternde, kreuzkriechende Pockenbeule«, eröffnete Corin eine neue Runde an Ehrbezeugungen und hob sein Schwert leicht, um in Richtung auf Jonathans Weste zu zeigen, auf der ein großes, blaues Kreuz prangte. »Wirklich entzückend, gnädigste schlabberhirnige Seegurke«, erwiderte Jonathan nach zwei Herzschlägen Bedenkzeit und seine Holzwaffe wies auf Corins linken freien Arm, auf dem ein mit schwarzem Pech gemalter Totenkopf prangte.

»Pah«, winkte Corin ab und fiel endgültig aus der ohnehin schlecht gespielten Rolle, »weißt du was du bist?«. Aber eine Antwort auf die eigene Frage blieb er schuldig, statt dessen trieb er mit ungeheurer Schnelligkeit sein Schwert nach vorne, so dass Jonathan fast eine Drittelumdrehung in seinem Sattel vollführen musste, um den Angriff noch erfolgreich zu parieren. Sein halblanges, dunkelbraunes Haar blieb strähnenweise vor den Augen hängen und wieder einmal wünschte sich Jonathan, er hätte sich auch für den kurzen Bürstenschnitt seines kleinen Bruders entschieden. Er stieß Corins Schwert zurück, drehte das eigene elegant in seinem Handgelenk und setzte zu einer Attacke an.

Rund 200 Mannslängen5 weiter zurück rollte ein großer Holzwagen über die unbefestigte Landstraße. Die zwei mächtigen normannischen Zugpferde hatten ihre liebe Mühe das gewaltige Gefährt in Bewegung zu halten. Die vier großen Räder des Wagens knirschten und knarrten über den nackten, hartgewalzten Erdboden. Ein großes Stoffverdeck schützte die wertvolle Ladung, feine Tücher und Stoffe, vor Regen und Sonne.

Jasper Giles, ein faltiger, groß gewachsener Mann Ende vierzig, saß fluchend und schnaubend neben seinem langjährigem Mitarbeiter und Vertrauten Caspar Dywig auf dem Kutschbock. Dywig war die Entspannung pur. Der alte Mann – Dywig war mittlerweile fast sechzig – zog genüsslich an einer langen Pfeife und betrachtete grinsend das Schauspiel, welches die beiden Jungs weiter vorne boten.

In seinem langen Leben hatte Dywig schon viel gesehen und es gab wenig, was ihn aus der Ruhe bringen konnte. Als Handelsbeauftragter für den berühmten Tuchmacher Giles aus Luxemburg war er durch halb Europa gereist, und das war durchaus lebensgefährlich und abenteuerlich im Jahre 1396.

Es herrschte Krieg in Europa, wie so häufig. Franzosen und Engländer steckten tief in den Wirren des Hundertjährigen Krieges, die Osmanen6 aus dem Osten bedrohten das Heilige Römische Reich7 und die damit verbundene wirtschaftliche Notlage war überall in Europa zu spüren. Wo der Krieg die Menschen verschonte, hatte knapp dreißig Jahre zuvor die Pest fast die Hälfte der Bevölkerung hinweggerafft. Auch der Glaube vieler Menschen war erschüttert: Mit dem abendländischen Schisma traten für rund vierzig Jahre gleich zwei Päpste in Rom und Avignon auf den Plan und buhlten um die Gunst der Fürsten Europas.

Jasper Giles war es weitgehend gelungen seine beiden Söhne Corin und Jonathan vor der rauen Wirklichkeit zu bewahren. Seine Webstühle in Boulaide, Luxemburg8, waren über die Grenzen des jungen Herzogtums hinaus bekannt und seine Tücher überall im Franken- und dem Heiligen Römischen Reich geschätzt. Die feinen Stoffe wurden bis nach Paris und Prag verkauft. Aber vielerorts konnte man sich die teuren Waren nun nicht mehr leisten und immer seltener konnte Dywig auf seinen Reisen neue Aufträge in sein großes Handelsbuch schreiben. Dann kam die Nachricht von marodierenden Söldnertruppen, die durch Lothringen9 zogen und alles mordeten und niederbrannten, was ihnen in den Weg kam. Jasper Giles fasste also einen Entschluss: Im Norden wollte er sein Glück versuchen. Viel hatte er schon gehört, von einer mächtigen, schönen Königin, die die Reiche Dänemarks, Norwegens und Schwedens vereint hatte. Sicher würde er hier einen dankbaren Markt für seine wertvollen Waren finden.

Doch die Söhne mussten Jasper Giles begleiten, wirkten sie doch in so vielen Dingen noch fürchterlich unreif auf ihn, und ganz und gar ungeeignet, die Geschäfte alleine weiter zu führen. Nie war es Monsieur Giles gelungen, bei seinem Nachwuchs Begeisterung für die Tuchmacherei zu wecken, stattdessen verbrachten beide ihre Zeit lieber beim örtlichen Schmied, einem unglaublich fülligen Mann namens Winkel, und lernten meisterlich, wie man sich gegenseitig mit Metallwaren die Gliedmaßen abschlug. Jasper Giles schüttelte wütend den Kopf. Was hatte er nur falsch gemacht!

»Herrgott im Himmel und Maria. Jonathan! Corin! Was macht ihr da?«, brüllte er nach vorne, ganz zum Vergnügen von Dywig und völlig ignoriert von seinen beiden Söhnen. Dywig nahm noch einen tiefen Zug aus seiner Pfeife, schüttelte den Kopf, blies gelassen den Rauch in die warme Frühsommerluft und antwortete mit breitem Grinsen, »was Jungs in ihrem Alter eben so tun. Sich gegenseitig umbringen«. Jasper Giles schnaubte wütend. »Jonathan! Schluss jetzt! Bring deinen kleinen Bruder zur Räson!«, schrie er aus Leibeskräften, in der Hoffnung, der ältere Jonathan würde dem Treiben ein Ende setzen.

Tatsächlich hatte sich Jonathan in der Vergangenheit als der Besonnenere gezeigt, der den quirligen Corin immer wieder die Grenzen wies. Eine Aufgabe, das war Jasper Giles durchaus klar, die eigentlich er selbst hätte wahrnehmen müssen, wäre da nur nicht so verdammt viel Arbeit gewesen. Er hatte irgendetwas fundamental falsch gemacht, in der Erziehung seiner Kinder. Mit fünfzehn Lebensjahren konnte man von seinem Nachwuchs durchaus erwarten, dass er sich vollzeitig im väterlichen Betrieb engagierte. Doch bei der eigenen Brut hatte er das nicht mal mit dem älteren Sohn durchsetzen können. Ein schweres Versäumnis, welches nun nicht mehr korrigierbar erschien und den großen Teil von Jasper Giles allgemeinem Unmut ausmachte.

Giles schnaubte nochmals und hieb mit der Faust gegen den Holzrahmen des Wagenaufbaus. Auch Jonathan wollte wohl dieses Mal nicht hören. Wenn nur dieser Dywig endlich mit seiner Grinserei aufhören würde.

In blitzschneller Folge kreuzten sich die Schwerter. Auf seinem Rottaler sitzend, presste Corin seine Lippen in höchster Konzentration zusammen, während von Jonathans Stirn bereits eine einzelne Schweißperle auf seinen Fliegenschimmel regnete. Angriff, blocken, decken, blocken. Die Abfolge, in der beide mit ihren Kurzschwertern agierten, war atemberaubend – im wahrsten Sinne des Wortes.

Corin schnaufte – und war einen Sekundenbruchteil lang unaufmerksam. Jonathan öffnete sein Handgelenk, doch bevor die Waffe auch nur ein Haar breit von der Schwerkraft zu Boden bewegt werden konnte, hatte er bereits umgegriffen und das Schwert direkt in Angriffsposition gebracht. Er wirbelte die Holzklinge herum und der Rücken der Schneide schlug hart auf Corins Waffenhand. Mit einem Schmerzensschrei ließ Corin sein Schwert fallen und zog reflexartig seine andere Hand auf die getroffene. Schon spürte er Jonathans stumpfe Klingenspitze am Hals.

Beide keuchten.

Corin rieb sich die schmerzende Hand und funkelte seinen älteren Bruder wütend an. Mit dem dämlichen Grinsen, fand Corin, hatte Jonathans Gesicht erstaunliche Ähnlichkeit mit dem, was einem Rentier zwischen den Hufen zu kleben pflegte, wenn es mit entzündetem Fußpilz durch eine Schneckenkolonie galoppierte.

Corins zerknirschter Gesichtsausdruck gefiel wiederum Jonathan. Er rief Erinnerungen an den alten Müller wach, dem Corin mal einen Wildeber10 in sein Latrinenhäuschen geschmuggelt hatte. Der ältere Giles Junior grinste. »Hängen, Rübe runter oder hopp aufs Rad!«, ließ sich Jonathan jedes Wort auf der Zunge zergehen, »na? Deine Wahl!«.

Corin kniff die Augen zusammen und versuchte so zerknirscht auszusehen, wie irgend möglich. Schon war er mit der geschlagenen Hand dabei, unauffällig die große Spange aus seinem Hosenbund zu entfernen. Er würde sich zwar mächtig vorsehen müssen, dass ihm die Hose später nicht auf peinlichste Weise abhandenkommen würde, aber das Accessoire11 würde ihm nun wertvollere Dienste leisten. Blitzschnell stieß er die Spange mit der Spitze in die Seite von Jonathans Fliegenschimmel. Das arme Tier erschrak fast Tode, mit einem heiseren Wiehern bäumte es sich auf und während Corin schützend den Arm hob und die gegnerische Holzklinge von seinem Hals fort schlug, flog der ältere Giles auch schon in hohem Bogen Richtung staubiger Straße.

»Ha! Der Sieg ist mein!«, triumphierte Corin laut, während er den rechten Arm in Siegerpose in die Höhe reckte, »Versager, Versaaaaager!«. Jonathan lag auf dem Rücken, auf einigen glatt geschliffenen Wegsteinen, die Augen geschlossen - und rührte sich nicht.

»Was macht ihr da!«, hörte Corin die sich überschlagene Stimme seines Vaters aus einiger Entfernung.

Corins Blick klebte auf seinem Bruder und seine Nackenhaare stellten sich auf. Es war ein verdammt seltsames Gefühl, das den jüngsten Giles soeben gepackt hatte. Da war dieser überwältigende Triumph, dieser unbändige Drang die Schmach seines Bruders bis zum Allerletzten auszukosten und nach Möglichkeit noch ein ganzes Rudel galoppierender Igel über dessen Leib zu treiben. Na ja, er mochte Jonathan natürlich, der war ein lieber, rechtschaffener Kerl und ein guter, meist unterlegener Gegner. Aber häufig ging ihm der große Bruder auch ganz schön auf die Nerven.

Der jetzige Triumph hatte aber einen erschreckend fauligen Beigeschmack. Es war so, als ob irgendetwas Mehrbeiniges in seinem Hirn auf und ab lief, auf der Suche nach einer Alarmglocke und vom innigen Wunsch beseelt, neben den vielen Beinen auch mindestens zwei Arme zu haben, die das mehrbeinige Dings entsetzt und warnend in die Höhe werfen könnte.

Ein Begriff in Flammenschrift kam Corin in den übermütigen Sinn. Ein Begriff, der ein perfektes Synonym für das war, was nicht nur bei Maultieren mehrfach am Tag aus dem Hinterteil gepurzelt kam.

»Jonathan!«, rief Corin mit zittriger Stimme und man darf versichert sein, das Jonathan nicht der gesuchte Begriff in Flammenschrift ist, denn Jonathan pflegte nicht mehrmals am Tag hinten aus einem Maultier herauszupurzeln, auch wenn es befremdlicherweise das eine oder andere Maultier gab, das sich genau das wünschte.

Keine Reaktion.

»Jonathan?«, setzte Corin Giles nach. Keine Bewegung seines Bruders. Mit einem Satz sprang Corin von seinem Pferd und plumpste neben Jonathan auf die Knie, nicht sicher, was nun überhaupt zu tun wäre.

Angst war ein übler Gefährte, der normalerweise lange blieb, wenn er sich erst mal hingesetzt hatte. Jetzt kam die Angst Corins Kehle hochgekrabbelt und war eifrig darauf bedacht, hinter sich die Tür zuzumachen. Und mehrfach abzuschließen.

Der große Wagen ächzte und quietschte und für einen Augenblick fürchtete Dywig, das Bremsmanöver würde die Holzkonstruktion in Stücke reißen. Jasper Giles hatte seinen ganzen Körper gegen den Bremshebel gestemmt. Klötze pressten sich gegen die metallumfassten Holzräder und endlich kam das schwere Gefährt zum Stillstand. Jasper und Dywig sprangen vom Wagenbock.

»Was hast du jetzt wieder angerichtet?«, schrie Jasper Giles seinem jüngsten Sohn entgegen, doch dessen hilflose Konzentration war ganz bei seinem leblosen Bruder. Die Hand auf Jonathans Brust gelegt, suchte er nach Lebenszeichen. Aber da war nichts. Corin spürte nichts.

Angst zog ihren Mantel aus, fing an zu lachen, gab dem mehrbeinigen, alarmglockensuchenden Dings in Corins Kopf einen Tritt in den Allerwertesten und freute sich dann auf ein richtig heißes Fest.

Der Vater packte seinen jüngsten Sohn an der Schulter und riss ihn zurück.

Angst grölte schmutzige Lieder. Corin wurde heiß und kalt.

Dywig kniete nieder, legte sein Ohr auf Jonathans Nase und tastete zielsicher nach seinem Handgelenk. Jasper Giles gab ihm ein paar Sekunden. »Atmet er?«, wollte er schließlich wissen und sein Gesicht schien in Nullzeit dreihunderttausend zusätzliche Falten angelegt zu haben. »Ja«, kam die zögernde Antwort von Dywig. Mit seinen beiden Händen tastete er Jonathan ab, erst den Brustkorb, dann die Arme, dann die Beine. »Nichts gebrochen«, murmelte er, schaute dann zu Corin. »Hol mir den kleinen Lederbeutel unter dem Wagenbock«, und als Corin einen Herzschlag lang brauchte, um zu begreifen, fügte er noch ein scharfes »schnell!« hinzu. Mit einem Satz war Corin fort.

Dywig legte seine flache Hand auf Jonathans Stirn, dann griff er mit den Zeigefingern beider Hände den Hals entlang und tastete sich bis zum Nacken herum. Vorsichtig hob er mit der linken Hand Jonathans Kopf an, nahm dann seine Rechte zur Hilfe. Als er die linke Hand zurückzog, klebte Blut an seinen Fingerspitzen. »Noch kein Grund zur Besorgnis«, gab er Jasper Giles zu verstehen, ohne sich von Jonathan abzuwenden.

Corin hetzte herbei, den Lederbeutel in seiner Hand, und warf sich wieder auf die Knie neben seinem Bruder. Er streckte den Beutel Dywig entgegen, sein Blick war ganz auf Jonathan geheftet. Dywig griff in den hingehaltenen Beutel, zog sofort ein Keramikfläschchen hervor, biss in einen seltsam geformten, dunkelbraunen, schmutzigen Korken, zog den Pfropfen aus der Flasche und spuckte ihn auf den Boden. Unter anderen Umständen hätte Corin dem ekligen Stöpsel nun durch Zeigen eines Fingerkreuzes eindeutig zu verstehen geben, dass eine Attacke auf sein Leibeswohl absolut zwecklos wäre und Corin selbst Doktorgrade in allen bekannten Korkenkampftechniken nachweisen konnte.

Das Gesicht des Bewusstlosen war blass geworden und seine Lippen hatten jede Farbe verloren. Dywig führte die Flasche unter Jonathans Nase.

Die Wirkung kam binnen weniger Augenblicke. Mit einem tiefen Seufzer und einem krampfenden Zucken aller Gliedmaßen kam Jonathan zu Bewusstsein. »Alles in Ordnung, Jonathan, alles in Ordnung«, beruhigte Jasper Giles seinen Ältesten, »dein lieber Herr Bruder hat gerade versucht dich umzubringen«.

Es blitzte in Corins Augen, beschämt senkte er den Blick. Er war zu weit gegangen, mal wieder. Ohne seinen Bruder anzusehen, murmelte er etwas, das als sogenannte Fragschuldigung in die Linguistik hätte eingehen können. »Bist du sehr böse auf mich?« nuschelte sich Corin stockend zurecht und die Linguistik entschied, sich noch für ein paar weitere Jahrhunderte die Ohren zuzuhalten.

Jonathan war noch vollauf dabei, die Schwärze aus seinem Verstand zu bürsten.

»Das ist völlig nebensächlich, Corin Giles«, raunzte Jasper die fällige Antwort, »denn ich bin sehr böse auf dich«.

*

»Wie weit ist es denn noch?«, rief Corin dem vorausfahrenden Wagen hinter.

Er selber ging seit Stunden zu Fuß und für das Tempo, das er halten musste, hätte er seiner Meinung nach mindestens zweieinhalb weitere Beine haben müssen. Anders gesagt: Corin war fix und fertig.

Die blöde Maisonne heizte ihm ein und der Gestank von Kiefern und wildem Flieder brachte ihn zum Niesen. Seine Füße taten ungefähr so weh, als ob er persönlich nach Rom gelaufen wäre und zwar mit dem Wagen plus den dämlichen Pferden oben auf seinen Rücken geschnallt. Er hatte Durst, war müde und hatte unglaublich schlechte Laune.

»Bis du dich ausgetobt hast, mein Lieber«, rief wohl gelaunt sein Vater zurück, der wie üblich zusammen mit Dywig auf dem Wagenbock saß. Ja, sein Vater schien das irgendwie zu genießen, da war sich Corin sicher, denn Jasper Giles grinste so blöde. »Ich habe mich schon ausgetobt. Wirklich!«, gab Corin mürrisch zurück. Er sah Jonathan hinter dem Verdeck des Wagens hervorlugen. Ein Verband war um den Kopf des Bruders gewickelt und sein Gesicht wirkte immer noch ein wenig blass. Jonathan winkte. Corin winkte abfällig zurück und murmelte irgendetwas Unverständliches, was in etwa dem entsprach, was Stinktiere mit kleinen, niedlichen Feldhamstern machten, wenn sie wirklich verdammt schlechte Laune hatten.

»Keine Sorge, Junge«, hörte er Dywig lachend sagen, »wir sind bald da«. Corin trat missmutig nach einem Stein und murmelte wieder etwas Unverständliches, was in etwa dem entsprach, was die kleinen Feldhamster über die Stinktiere dachten, wenn sie nach dem, was die Stinker mit ihnen gemacht hatten, wieder alleine waren.

Doch Dywig sollte Recht behalten, es dauerte wirklich nicht mehr lange. Als sie die Kuppel des nächsten Hügels erreichten, kamen sie auch an die Grenze des Waldes und kein Baum versperrte ihnen die Sicht. Endlos weit schienen sich die Felder auszustrecken, nur geteilt von einem Fluss, der sich von Süden schlängelnd näherte und dann in der Ferne in ein großes Gewässer mündete, dessen anderes Ufer nicht auszumachen war. Es war das erste Mal, dass Corin und Jonathan das Meer sahen, aber eine ungünstige Gelegenheit, sich von der See beeindrucken zu lassen.

Denn an den Ufern des Flusses, ein ganzes Stück bevor sich das Meer Richtung Horizont erstreckte, lag geschützt durch eine zackenförmig verlaufene hohe Mauer, eine gewaltige Stadt. Eine Reihe von Kirchtürmen ragte hoch in den Himmel und ihre Dächer glühten grünlich in der sich langsam neigenden Sonne.

»Man nennt sie eine der fünf Herrlichkeiten des Reiches«, erklärte Dywig vergnügt, nachdem er den Wagen zum Stehen gebracht hatte, um Corin eine kleine Pause zu gönnen, »in einem Atemzug mit Rom, Venedig, Pisa und Florenz. Es ist die Königin der Nordhändler: Lubeca12«.

*

Eine königliche Stadt hätte sie wirklich sein können, Lubeca, mit ihren mächtigen Stadtwällen und in die Wolken ragenden Kirchtürmen. Doch einen König gab es hier weit und breit nicht. Lubeca war eine freie Stadt des Heiligen Römischen Reiches, verwaltet von reichen Händlerfamilien und unabhängig von den Fürsten umgebender Herzogtümer13.

An diesem frühen Sommerabend brodelte das Leben in der Handelsstadt. Auf den Straßen zwischen den prächtig verzierten Häusern tummelten sich Menschen aller Stände sowie Tiere aller Arten: Bauern mit ihrem Vieh, Gaukler und Minnesänger, Bettler, reiche Händler zu Pferd, Stadtwachen in ihren schweren Rüstungen, und vor allem einfache Händler mit Kisten und Karren, die ihre Waren auf zahllosen Märkten den vorbeiströmenden Menschen anboten.

Der schwere Wagen mit Jasper Giles und Dywig auf dem Kutschbock suchte sich im Schritttempo einen Weg durch die Massen. Zwischen den beiden Männern lugte Jonathan unter dem Verdeck hervor und starrte beeindruckt die Fassaden der Bauten hinauf, weit in die Höhe, bis zu den Dächern hoch oben im Himmel.

Corin war ebenso fasziniert. Den Blick nach oben geheftet bewunderte er die Häuser und Kirchen und stolperte, die Arme schützend nach vorne gereckt, hinter dem Wagen her. Erst nach ein paar Augenblicken bemerkte er, dass neben ihm ein ganz in grün gekleideter junger Mann umhertanzte und mehr schlecht als recht auf einer Holzflöte spielte. Mit dem zerzausten blonden Haar, das unter der grünen Mütze hervorlugte, und dem seltsamen Getänzel und Gewackel, das er zu seiner Musik aufführte, schätze Corin der Mann sei der hiesigen Bierbraukunst nicht abgeneigt.

Platsch. Corin bemerkte, dass die Straße14 bei weitem nicht mehr so fest war, wie eben gerade noch. Er blickte nach unten und sah, dass er mitten in einen großen Haufen von dem getreten war, was Pferde allgemein hin aus der Körperseite fallen ließen, mit der man sich weit weniger beschäftigte, als Kopf oder Rücken. Angewidert blieb Corin stehen, betrachtete seinen verschmutzen Schuh und fluchte. Plötzlich taten auch die Füße wieder weh. Das fing ja großartig an. Und jetzt lachte der grüne Flötenkasper ihn auch noch hemmungslos aus.

»Corin!«, ermahnte ihn sein Vater, der vom Kutschbock um den Wagen herum nach hinten lugte. »Nicht trödeln! Marsch, marsch!«

Missmutig setzte sich Corin wieder in Bewegung und schnell schloss auch der Barde auf, nahm seine Mütze ab und hielt sie Corin vor die Brust. »Einen gesegneten Abend, mein junger Freund«, sagte der Barde schmunzelnd, deutete eine Verbeugung an, knuffte ein paar Mal die Mütze an Corins Brust und fuhr dann fort, »eine kleine Spende für einen großen Künstler?«.

»Corin!«, hörte der wieder seinen Vater von vorne mahnen. Corin trottete weiter, drehte sich noch einmal zu dem Barden um und zeigte seine leere Hosentasche, indem er sie nach außen stülpte. Corin zuckte lachend die Schultern und der Barde blieb zurück, nicht ohne Corin noch mit einer Handbewegung über dem Kopf und einem freundlichen Lächeln einen guten Tag zu wünschen.

In diesem Moment preschten mehrere Reiter in einer Zweierreihe aus einer kleineren Gasse und überquerten die gepflasterte Hauptstraße. Um den beträchtlichen Verkehr dort scherten sie sich wenig. Die beiden Pferde an der Spitze des Trosses schubsten die im Wege stehenden Passanten brutal zur Seite und auch der Barde fiel rücklings und unsanft zu Boden. »Macht Platz für den Ratsherrn Helsing!«, brüllte ein Uniformierter in der zweiten Reihe. Der Reiter ließ sein Pferd ausscheren, nahm eine Peitsche und schlug zweimal auf den am Boden kauernden Barden ein, der sich schleunigst bemühte, die Straße frei zu machen.

Weitere Reiter kamen nach und in der Mitte des Trosses sah Corin einen vermeintlich Adeligen höchsten Ranges auf seinem Pferd die Straße passieren. Der dicke Mann mit seinem sauber gestutzten grauen Bart blickte regungslos nach vorne und schien sich nicht weiter für die Menschen um ihn herum zu interessieren. Die Kleidung des Ratsherrn hätte prächtiger nicht sein können: Das schwarze Samtgewand war über und über mit goldenen Bändern bestickt, ein riesiger schwarzer Stoffhut mit Edelsteinen in jeder nur erdenklichen Farbe thronte auf seinem Kopf.

Schon hatte der Tross die Kreuzung hinter sich gelassen und ritt nun direkt auf ein Gebäude zu, das Corin noch großartiger vorkam, als die vorherigen. Ein riesiger Bau mit Türmen an der einen Seite und mit bunten Ornamentfenstern an der Vorderfront. An der Fassade und den Giebeln wimmelte es von kleinen und größeren Skulpturen, die sich alle um das Thema Meer drehten. Da war ein riesiger Fisch aus Stein, dessen überdimensionierte Reißzähne aus Gold gerade ein ganzes Schiff zermalmten. Eine gigantische Krake, die mit einem Fangarm Seemänner vom Mast eines anderen Schiffes klaubte.

Corin besann sich wieder auf den Barden. Der hatte sich zum Glück nicht viel getan, rappelte sich gerade wieder auf und klopfte die nun nicht mehr ganz so grüne Kleidung sauber.

Rums. Ein großes Eingangstor schloss sich hinter den Reitern, als der letzte von ihnen in dem riesigen Gebäude verschwunden war.

*

Helsings Laune war mies. Sehr mies. Nicht nur, dass er zu spät zur wichtigsten Ratssitzung seit Monaten kam. Er hatte in der letzten Nacht kein Auge zugetan, sich beim Frühstück an einem Apfelkern verschluckt und an den grässlichen Unfall mit dem Nachttopf15 mochte er lieber gar nicht mehr denken.

Ratsherr Helsing hetzte durch das riesige Foyer und durch den langen Gang zum Versammlungssaal. Die Wachen, die überall entlang der großen, hölzernen Zwischentüren positioniert waren, öffneten ihm sofort willig den Weg und wenn sie es mal nicht schafften, die schweren Eichentüren rechtzeitig vor dem heranrollenden Helsing aufzuschwingen, machte dieser nur eine wirbelnde Geste mit seiner Hand, verzog das Gesicht noch weiter, als es ohnehin schon verzogen war, und zischte etwas Unverständliches vor sich hin.

Endlich kam er vor dem verzierten Hauptportal des Ratssaales an, das groß genug gewesen wäre, dass man einen ganzen Pottwal hätte hindurch schieben können, was nach Helsings Meinung angesichts der üppigen Körperfülle vieler seiner Kollegen und ihm selbst eine durchaus nützliche bauliche Eigenschaft darstellte. Die zwei Wachen öffneten das Tor dieses Mal nur weit genug, dass Helsing gerade eben durchschlüpfen konnte – was bei seinem beachtlichen Wanst durchaus noch eine ganze Ecke war.

Der riesige Ratsaal, durch große Glasmosaike16 lichtdurchflutet, war mit rund zweihundert an Tischen sitzenden Delegierten voll besetzt. Gerade war ein junger Engländer am Reden, der hinter seinem schmalen Tisch aufgestanden war und die Versammelten rundum adressierte. »Die wärmsten Grüße bringe ich von Englands König«, hofierte der hoch gewachsene Gesandte, »Richard17 ist fest entschlossen den historischen Handelsbund zwischen England und der Hanse auch in das nächste Jahrhundert zu tragen«.

Helsing setzte sich missmutig an seinen Tisch, nahm den prunkvollen Hut vom Kopf und verstaute das Kleidungsstück unter mäßigem Geklacker der vielen Edelsteine unter seinem Stuhl. Glücklicherweise zog er mit seinem verspäteten Eintreffen wenig Aufmerksamkeit auf sich. Nur die zwei fülligen Ratsherren die direkt vor Helsing saßen, kommentierten die Ankunft des Nachzüglers mit frechem Grinsen. Jacob Holk und Goswin Clingenberg, beide in den Fünfzigern und mit spärlichem, weißem Haar, waren von der eröffneten Rede schon jetzt tödlich gelangweilt und nutzen jede Gelegenheit einer Ablenkung. »Helsing«, begann Clingenberg leise zischend, »Ihr seht so kraftvoll aus wie eine jungfräuliche Heringsdame auf Laichtour«, und Holk ergänzte umgehend, »eine gesalzene Heringsdame18, natürlich«. Holk kicherte leise und ziemlich dümmlich, während Clingenberg seinem Kumpanen einen leichten Stoß mit dem Ellenbogen für die vorweg genommene Pointe verpasste. Helsing ignorierte die beiden einfach.

»Doch diese Allianz ist gefährdet«, fuhr der englische Gesandte fort, »die Menge an Schiffen und Waren, die die englische Krone durch Piraterie in britischer, germanischer und baltischer See19 verliert, ist nicht länger tolerierbar«. Der Gesandte wühlte in ein paar Papieren, die vor ihm lagen. »Alleine im letzten Jahr sind es«, begann er, noch bevor er das gewünschte Dokument fand, als sich ein anderer, jüngerer Ratsherr zu Wort meldete.

Johan Nybur, ein schlanker Mann von vielleicht fünfunddreißig Jahren, hatte sich hinter seinem Tisch erhoben und unterbrach den Engländer. »Ehrwürdigster Lord. Natürlich teilen wir die Sorge Seiner Herrlichkeit bezüglich der Sicherheit auf den Seewegen. Aber Ihr wisst doch auch sehr gut«, fuhr Nybur mit hörbar schärferem Ton fort, »dass es nicht nur englische Schiffe sind, die den Piraten zum Opfer fallen«. Von den Ratsherren war zustimmendes Murmeln zu hören, was Nybur bestärkte, noch einen drauf zu setzen. »Tatsächlich verlieren die hansischen Kaufleute zehnmal so viele Schiffe«.

Der Gesandte zuckte nur mit den Schultern. »Dann tut etwas dagegen!«, brachte er fordernd zum Ausdruck, als sei dies die einzig logische Konsequenz. Nun platze es aus Nybur heraus. »Das wäre bei weitem einfacher, wenn Seine Herrlichkeit es unterlassen würde, zur Kompensation seiner eigenen Verluste unsere Waren zu konfiszieren«, und damit hatte Nybur genau in das Wespennest gestochen, welches den Großteil der Ratsherren in zorniges Raunen versetzte.

Goswin Clingenberg stand auf und brüllte ein »Hört, hört!« in die Runde und sein sitzender Counterpart Jacob Holk nickte so heftig, dass Helsing erwartete, der grantige Alte würde sich vor lauter Zustimmung den Hals brechen.

Ein Hammer schlug mehrfach auf einen Tisch und es war niemand geringeres als Alfred Van Attendorn, der Vorsitzende dieser Ratsversammlung, der versuchte die Ordnung wieder herzustellen. »Edle Herren, edle Herren, bitte!«, erhob er seine Stimme und sein von Falten zerfurchtes Gesicht bebte. »Wenden wir uns doch dem Kern des Problems zu«. Wieder klopfte er einige Male mit dem goldverzierten Hammer auf den Tisch. »Und das ist, da werdet ihr alle zustimmen, die außer Kontrolle geratene Seeräuberei«. Und als ob gute Argumente wirklich Dispute lösen würden, kehrte plötzlich gespenstische Ruhe ein. Clingenberg setzte sich wieder hin und Holk rieb sich den überanstrengten Nacken.

»Ich möchte darum den ehrenwerten Johan Nybur bitten, die Berichte der Städte zu diesem Thema zusammenzufassen«, forderte Van Attendorn den immer noch stehenden Nybur zu einem Vortrag auf. Der englische Gesandte setzte sich ohne eine Miene zu verziehen hin. Van Attendorn holte tief Luft während er zufrieden seinen Ratshammer tätschelte.

Johan Nybur holte einen neuen Stapel Papiere aus einer Tasche hervor und machte sich dann zur Kopfseite des Saales auf. An dieser Wand war die nördliche bekannte Welt aufgemalt, mit Nordatlantik und Ostsee, Britannien im Westen, Skandinavien im Norden, dem Staatsgebiet des teutonischen Ritterordens im Osten, dann noch weiter rechts der Beginn der russischen Königreiche. Im Süden waren Frankreich links und das fast alle weitere Ländereien umfassende Heilige Römische Reich mittig und rechts skizziert20.

Nybur nahm einen langen Zeigestab aus einer Halterung an der Wand, holte tief Luft und wandte sich wieder dem Rat zu. »Von überall her nichts als Schreckensmeldungen«, begann er mit düsterer Miene. »Offensichtlich hat sich das Seeräubergesindel in solcher Zahl auf Gotland festgesetzt, dass die riesige Insel praktisch als gesetzlos und verloren gelten muss«. Mit der Spitze des Zeigestocks tippte er ein paar Mal auf die größte Insel in der Ostsee, Gotland, die mit ihrer Hauptstadt Visby nahe der schwedischen Ostküste eingezeichnet war. »Es darf bezweifelt werden, dass die Einwohner der Hansestadt Visby überhaupt zu Widerstand in der Lage sind«, setzte Nybur fort. »Das Haus Mecklenburg, das die Piraten im verlorenen Kampf um die schwedische Krone auf den Plan gerufen hatte21, scheint aber auch keinerlei Kontrolle mehr über die Situation zu haben«. Ein leichtes Raunen ging durch den Saal, mehrere Herren schüttelten verächtlich den Kopf. Holk ätzte leise: »Dieser Mecklenburg ist ein dämlicher Hering, das habe ich immer gesagt«, und Clingenberg bestätigte diese Einschätzung mit einer wegwerfenden Handbewegung.

»Obwohl zahlreiche mecklenburgische Hauptleute noch auf Gotland sind, scheint die Macht doch allein bei den Piraten zu liegen«, klagte Nybur und hob in einer Geste der Verzweiflung die Schultern, »aber es kommt noch schlimmer«. Wehleidiges Raunen.

»Ihre hochwohlgeborene Durchlaucht, Ihre Großmächtigkeit Königin Margarete, Regentin von Dänemark, Norwegen und Schweden«, lobhudelte Nybur, und Clingenbergs dicke Wangen wackelten und zitterten, als er Nyburs Titelfloskeln still, aber verächtlich nachäffte. Holk grinste, knuffte Clingenberg mit dem Ellenbogen in die Seite, und kommentierte leise »unsere liebe Nachbarin und Frau König. Ha!«. »Hat im Kampf um Gotland eine schwere Niederlage erlitten«, brachte Nybur den Satz zu Ende. »Nicht nur, dass ihre Truppen unter Hauptmann Sven Sture den Kampf gegen die Piraten verloren haben, nein, Sture selber ist offensichtlich mit vielen seiner Männer übergelaufen«.

Den Ratsherren verschlug es einfach nur die Sprache. »Die kühnsten Berichte behaupten sogar, Sture hätte sich zum Hauptmann von mittlerweile 5000 Piraten aufgeschwungen und diese militärisch durchorganisiert«.

Ein Herzschlag später, dann brach das Raunen wieder los, kroch die Wände hinauf und explodierte zu einem wahren Tumult. Mehrere Ratsherren standen auf, schimpften und schrien lauthals ihren Zorn hinaus.

Holk und Clingenberg hatte es nach wie vor die Sprache verschlagen. Das sich eine konzentrierte militärische Aktion gegen die Piraten letztendlich zum Vorteil für die Seeräuber entwickelt haben sollte – das war eine Katastrophe ohne Parallele. »Wenn es nicht uns selbst treffen würde«, jammerte Holk, »könnte man fast darüber lachen«.

Doch Clingenberg konnte nicht anders, als zu grinsen, »natürlich kann man darüber lachen. Stell dir doch bitte mal das dumme Gesicht von der lieben Frau König vor, als man ihr mit dieser Nachricht gekommen ist«.

Und nun konnte sich auch Holk ein böses Lächeln nicht mehr verkneifen.

1 Abwehrend

2 Kämpfer

3 Ein weißes Pferd (Schimmel) mit farbigen Punkten

4 Spätmittelalterlicher Springtanz

5 Die Größe eines Mannes eben; Längeneinheiten waren zu jener Zeit sehr unterschiedlich

6 Türken

7 Ein kompliziertes und faszinierendes Staatenkonstrukt, das bis 1806 mehr oder weniger stabil Bestand hatte und aus vielen Ländern Zentraleuropas bestand

8 Zu jener Zeit Teil des Heiligen Römischen Reiches und gerade zum Herzogtum aufgestiegen

9 Das Gebiet südlich von Luxemburg, heute Frankreich

10 Männliches Wildschwein

11 Modisches Zubehör

12 Lübeck, zu jener Zeit eine der bedeutendsten und größten Städte Nordeuropas

13 Ähnlich wie in den norditalienischen Handelsstädten, hatten Landesfürsten und Könige hier nichts zu sagen

14 Stadtwege waren früher unbefestigt, in Lubeca gab es aber einige Pflasterstraßen

15 Bis in das frühe 20. Jahrhundert waren Nachttöpfe oft die einzige Alternative zur Toilette

16 Glasfenster waren sehr selten und teuer

17 Richard der II. von England

18 Gesalzene und somit konservierte Heringe waren viele Jahrhunderte lang ein Exportschlager

19 In der Reihenfolge: Nördliche und südliche Nordsee, Ostsee

20 Die genauen Küstenlinien, wie wir sie heute auf Karten sehen können, waren zu dieser Zeit noch unbekannt und formten sich erst langsam mit der Erfindung des Sextanten und genauerer Zeitmessung.

21 Man hatte sogenannte Kaperbriefe ausgestellt, die Seeräubern bei Angriff auf gegnerische Ziele Straffreiheit zusicherte.