35 Der Rote Rabe lief nur acht Tage nach Beginn der Exkursion Kurierquetsche wieder in den Hafen von Visby ein. Das bereits aus weiter Ferne gesichtete Piratenschiff sorgte bei seiner Ankunft für reichlich Aufmerksamkeit, nicht nur Sture und Otto Peccatel standen auf den Holzstegen und der Felsenmole, auch Dutzende andere Piraten hatten sich versammelt, platzend vor Neugierde.

»Wir haben es«, brüllte Corin von der Reling aus und wedelte mit dem Pergament. Claas stand hinter ihm, winkte und grinste.

Kurze Zeit später hatte man den Raben mit langen Seilen so dicht an die Pier gezogen, dass Corin über eine Landungsplanke als erster das Schiff verlassen konnte. Sture und Peccatel waren sofort bei ihm und die Traube von neugierigen Piraten folgte ihrem Kommandanten wie ein kleiner Bienenschwarm. »Hier. Lies selber«, gluckste Corin fröhlich und reichte Sven Sture das Schriftstück. Der ließ sich das nicht zweimal sagen, nahm die Botschaft und studierte sie.

»Corin«, hörte man Broklas’ Stimme durch das Gewühl rufen und Corins Miene wurde noch ein wenig heller, als sie ohnehin schon war. Der Junge bahnte sich einen Weg durch die Menge und traf auf den Wissenschaftler, der zusammen mit Sophia gerade erst angekommen war. Beide waren sichtlich aus der Puste.

»Broklas!«, freute sich Corin und umarmte seinen Mentor. Für Sophia kratzte er eine demütige Verbeugung und ein Lächeln zusammen. Sophia lächelte zurück, nickte und bahnte sich ihrerseits einen Weg durch das Getümmel.

Sture hatte das Schriftstück gerade fertig durchgelesen, als ihn von der einen Seite Claas und von der anderen Seite Sophia erreichten.

»Sie konzentrieren sich auf einen Seekrieg«, murmelte Sture vor sich hin. »Vielleicht sollten wir eine Sitzung einberufen«, schlug Sophia vor und bemühte sich bei der Gratwanderung zwischen zu forsch und zu devot nicht in die Tiefe zu stürzen. Sie fiel zwar nicht, aber Sture ignorierte sie dennoch.

»Gut, Leute, hier ist der Plan«, begann er seine spontane Rede, kletterte auf eine nahe Holzkiste und schaffte es innerhalb weniger Augenblicke jedem Anwesenden einmal in die Augen zu blicken. Selbst die Möwen wurden still.

»Otto, mach’ die Festungen kampfbereit. Ich will, dass sich während des Angriffs alle Männer hinter den Festungsmauern aufhalten. Claas, sorg du mir dafür, dass die großen Schiffe in Sicherheit gebracht werden. Du weißt schon wo. Der Hafen ist mir zu unsicher«.

Claas nickte. »Winterfels«, bestätigte der Kapitän und meinte das nur Ausgewählten bekannte Versteck, in dem die Piratenschiffe den Winter überdauerten.

»Dann los Männer«, stachelte Sture die Piraten an, »wir haben noch neun Tage bis zum 28. Juli«. Otto übernahm für ihn und kletterte auf die Kiste, während Sture herunter sprang. »Gebt den Anderen Bescheid, Männer«, brüllte Peccatel, »ich möchte die ganze Bande bei Sonnenuntergang vor dem Westtor sehen!«.

Sture wendete sich der Herzogin zu. »Und Ihr, meine großmächtige Durchlauchtigkeit«, sagte er leise zu ihr, »habt eine ganz private Sitzung mit mir, heute Abend«.

Sophia verfluchte sich dafür, dass das einzige, was man an ihr als schlagfertig bezeichnen konnte, ihr Mund war, der soeben mehrfach auf und zu ging, ohne aber ein einziges sinnvolles Wort zu produzieren. Stattdessen gab sie eine Tonfolge von sich, die entfernt an ein sehr leise gurrendes, epileptisches Rebhuhn erinnerte.

Doch Sture war bereits davon stolziert und präsentierte dem Universum seine makellosen weißen Zähne.

»Und wir sehen uns bei Sonnenuntergang hier beim Raben«, gab Claas seinen Männern zu verstehen, »das wird eine harte Nacht, also stürzt nicht gleich die Becher, ihr Höllenhunde. Das gilt übrigens auch für Höllenwelpen, Corin«. Die Männer lachten und gingen auseinander.

Sophia stand immer noch an der Pier, starrte auf die Schiffe im Hafen und fühlte sich entsetzlich.

Alles, was sie hier tat, war absolut nutzlos.

Es stimmte. Die Piraten waren nicht mehr unter Kontrolle, jedenfalls nicht unter der ihres Hauses. Nicht nur, dass damit das wichtigste Instrument im Kampf gegen Königin Margarete wegfiel, man würde ihre Dynastie auch früher oder später für das Treiben der Seeräuber zur Verantwortung ziehen.

Es musste doch eine Möglichkeit geben, die Piraten wieder auf ihre Seite zu bringen.

Na ja. Sven Sture. Sophia musterte die Planken der Pier, auf der sie stand. Sven Sture war sicherlich ihre letzte Chance. Offensichtlich war er nicht uninteressiert an ihr. Und man konnte sagen, was man wollte, der Mann war gutaussehend, gebildet, hatte Manieren. Manieren! Ha! So ein Quatsch, Sture hatte vielleicht Manieren, aber die lagen gefesselt und geknebelt in irgendeiner Hirnwindung.

Die Herzogin seufzte und schüttelte den Kopf. Wie weit würde sie gehen, im Überlebenskampf ihres Hauses?

Sie würde sehr weit gehen. Sehr weit. Der Kloß, der sich gerade in ihren Hals geschummelt hatte, würde nicht der letzte sein. Eine ganze Armee von Klößen wartete noch auf sie und ihren Hals. Sie würde sie alle schlucken, ohne Ausnahme.

Sophia schloss die Augen und befahl ihrer Erinnerung keinerlei Gedanken an Jonathan zu verschwenden. Aber ihre Erinnerung war wohl etwas überarbeitet oder mit dem falschen Fuß aufgestanden oder eben einfach nur bockig. Sophia kamen Jonathans tiefblaue Augen in den Sinn, diese absolut wahnsinnigen strahlenden Augen, mit denen Sophia am liebsten – ach, sie wusste einfach nicht, was man mit Augen machen konnte, das war ja das Schlimme, am liebsten hätte sie sie gestreichelt oder geküsst oder irgendwas anderes Verrücktes gemacht, was man mit Augen eben nun mal nicht machen konnte. Oder zumindest nicht machen sollte.

Sophia erinnerte sich daran, wie sie Jonathan mal gegenüber saß, wie sie seinen Kopf gehalten hatte, ihre Hände an seinen Ohren, und ihn näher und näher an ihr Gesicht geführt hatte. Wie sie tiefer und tiefer in seinen Augen versank, so als würde sie von einem Baum springen, in Zeitlupe, und in einen klaren Bergsee fallen.

Der Geruch seiner Haare! Der Geruch seiner Haare. Der Geruch seiner Haare!

Sie hätte an Ort und Stelle wahnsinnig werden können, bei diesem köstlichen, süßen, männlichen Geruch - ach, eigentlich hatte sie ja gar keine Ahnung wonach seine Haare genau rochen und es war ihr eigentlich auch komplett egal. Sie wusste nur, dass sie durchdrehen würde, wenn sie noch einen Augenblick weiter an den herrlichen Geruch seiner Haare denken müsste und das würde sich vermutlich auch nicht ändern, wenn sich Jonathan in ihren Gedanken vorher in einer Güllegrube wälzte. Möglicherweise würde sogar genau das Gegenteil passieren und sie würde noch mehr durchdrehen. Übrigens würde sich auch nicht das Geringste ändern, wenn Sophia sich in einer Güllegrube wälzen würde.

Was würde wohl passieren, wenn Sophia schnell abwechselnd an Jonathans Haaren riechen und in seine Augen schauen würde. Konnten Gehirne bersten? Herzen explodieren? Aber natürlich.

Dumme Sophia, dachte die Herzogin, dein Herz ist doch schon lange entzwei.

»Vielleicht mögt Ihr mit uns kommen, Durchlaucht«, riss Broklas die Herzogin aus ihren Gedanken. Ihr trauriger Blick verriet einen Hauch Dankbarkeit für die Störung.

»Wir arbeiten an einem faszinierenden Experiment, draußen, beim Brunnen«. Broklas stupste Corin an, der sich ebenfalls noch auf der Pier aufhielt und dem ebenso wie dem Wissenschaftler nicht verborgen geblieben war, dass es Sophia dreckig ging.

»Du kommst doch auch mit, Corin, oder?«, fragte er seinen Schüler laut flüsternd und mit viel zu aufgesetzter Mimik. »Na klar bin ich dabei, Broklas«, flüsterte Corin ebenso laut zurück, und beide lächelten so herzerwärmend dumm-dämlich, dass Sophia schon von der Pier hätte springen müssen, um sich nicht davon anstecken zu lassen.

Die Herzogin sprang nicht.