43 Der hohe Ritter Von Cord hatte es sich so richtig gemütlich gemacht. Er hatte seinen kräftigen Körper auf einer bequem gepolsterten Bank zur Ruhe gelegt und genoss die frische Spätsommerluft an diesem wunderschönen Vormittag.
Besonders praktisch bei dieser Bank war, dass sie ihn an verschiedene, schöne Punkte im Umkreis der riesigen Marienburg brachte, an kleine plätschernde Bäche, an goldenen Getreidefeldern vorbei, auf bunte, saftige Wiesen.
Diese außergewöhnlich nützliche Eigenschaft hatte Von Cord zum einen der Tatsache zu verdanken, dass es sich bei der Bank um eine Sänfte handelte, zum anderen, dass Thomas und Jonathan sie trugen. »Schneller«, feuerte Von Cord seine beiden Knappen trällernd an, in ritterlich galantem Ton selbstverständlich. Thomas und Jonathan keuchten wie zwei junge Stiere nach einem Wettschwimmen mit Tauchgang auf die Ziellinie. Vergleichbar nass waren sie auch.
»Welches ist das Gründungsjahr des Ordens? Jonathan?«, fragte Von Cord mit gespieltem Ernst und erfreute sich an einem kleinen Sperling, der auf einem nahen Zweig saß, zwitscherte und den vorbeischwebenden Von Cord ziemlich dämlich anglotzte.
»Während… während«, keuchte Jonathan und es gab kein Körperteil an ihm, über das nicht Schweißtropfen rannen. Wirklich kein Körperteil.
»Während der Kreuzzüge, im Heiligen Land, in der Stadt Akkon in Galiläa«, prustete Jonathan heraus. »Wa-ann?«, bohrte Von Cord nach und schnippte ein lästige kleine Tannennadel von seiner schneeweißen Robe. »1190«, presste Jonathan hervor und versuchte an sein weiches Bett zu denken, sah aber stattdessen nur eine glühend heiße Eisensänfte mit Messern und Nagelspitzen, auf der sich ein drachengroßer Luzifer räkelte und hämisch lachend Schwefelwolken in die Luft pupste.
»Der volle Name des Ordens ist? Thomas?«, wollte Von Cord nun wissen. Tom jaulte auf. »Ordo Domus Sanctae Mariae Theutonicorum«, zischte ein kochend heißer Sprachbrei aus seiner Kehle. Auch Thomas versuchte sich sein weiches Bett vorzustellen, sah aber stattdessen nur einen schielenden Esel, was zum einen daran lag, dass seine Fantasie bereits in Ohnmacht gefallen war, zum anderen daran, dass sie gerade einen schielenden Esel passierten.
»Nenn mir die ersten drei Hochmeister des Ordens, Jonathan«, formulierte Von Cord genussvoll die nächste Frage. Jonathan gab ein Geräusch von sich, das Tom fälschlicherweise für die zwanghafte Entlüftung heißer Gase durch sämtliche Körperöffnungen gleichzeitig hielt.
»Gott«, flehte Jonathan, aber Gott war, wie so häufig, nicht in Stimmung. »Nein, der war nicht dabei, aber sehr nahe dran«, kommentierte Von Cord und fand das wohl sehr lustig. »Walpot«, begann Jonathan aufzuzählen, »Kerpen, Bart«.
Eine weitere halbe Stunde dauerte die Übung noch.
Dann endlich machten die drei an einem Bach im Schatten einer großen Buche Rast.
Nachdem Jonathan und Thomas wieder einigermaßen zu Atem gekommen waren, wuschen sie sich und legten sich erschöpft auf eine angrenzende Wiese. Von Cord spazierte inzwischen gut gelaunt im Schatten des Baumes und suchte nach essbaren Bucheckern.
»Ritter Von Cord«, sprach Jonathan seinen Meister an, ohne sich von der Wiese zu erheben, »glaubt Ihr, dass der Orden irgendwann gegen die Piraten ziehen wird?«. Thomas stöhnte leise. Es war immer dasselbe mit Jonathan.
Von Cord lachte, knabberte eine Buchecker auf, aß die kleine dreikantige Nuss darin und warf die leere Schale fort. Dann lehnte er sich gegen den großen Baum und ließ sich von dessen gewaltiger Krone beeindrucken.
»Ich werde dir eine kurze Lehrstunde in europäischer Politik geben, Jonathan«, plauderte er schließlich los und lächelte dabei.
Von Cord wusste, wie ungeheuer komplex die Welt tatsächlich war. Nichts ist wirklich einfach, war Von Cords Devise, und je einfacher man es sich machte, desto mehr Fehler beging man. Den politischen Status Quo in drei Sätzen zusammenzufassen war also nicht weniger als kühn. Oder dämlich. Vermutlich beides, denn auch die Relation dieser beiden Eigenschaften untereinander begründete eine weitere Von Cord’sche Devise.
»Europa ist schwach«, begann der Ritter seinen Abriss, »Frankreich und England verheert und geschwächt von ihrem lächerlichen Krieg115 gegeneinander. Die Kirche tief gespalten, mit zwei Päpsten in zwei Reichen116. Das Heilige Römische Reich ohne starken Kaiser, nur einem faulen König, der in Prag in seinem Schloss sitzt und mit seinen Hunden spielt«.
Von Cord knabberte eine weitere Buchecker auf und sog den schmackhaften Kern heraus. Thomas kam nicht umhin sich vorzustellen, dass Von Cord die Nüsse in einer Wangentasche lagerte, dann im Garten vor der Marienburg heimlich auf einen Baum klettern würde, um die Beute als eiserne Reserve für harte Winter in einem alten Astloch einzulagern.
»Und weißt du, was die hohen Herren dieses schwachen Europa ausbrüten?«, fragte Von Cord rhetorisch und neigte seinen Kopf zur Seite. Weder die Rhetorik, noch Jonathan, noch Thomas wussten die Antwort.
»Sie denken darüber nach, unseren heiligen Orden in den Südwesten zu schicken, als eine Art Barrikade für die nach Europa drängenden Türken. Klingt nicht sonderlich verlockend, oder?«.
Von Cords Dramatikattacke ließ Jonathan ziemlich kalt. »Können die das einfach so bestimmen?«, wollte Jonathan trotzdem wissen. »Na ja«, brummte Von Cord und tötete eine weitere Buchecker per Genickbiss, »einfach so nicht. Aber es soll dir zeigen wie sehr wir aufpassen müssen. Wie sehr der Bruder Hochmeister aufpassen muss. Wenn es um Politik geht, wenn es um militärische Aktionen geht, muss er Rückendeckung aus Rom haben, um sich vor den europäischen Regenten rechtfertigen zu können«.
Damit war seine Frage beantwortet, befürchtete Jonathan. Den wirklich großen Coup gegen die Piraten würde er nicht erleben.
»Armer Joie«, frotzelte Thomas, »er kann einfach nicht abwarten seine Piraten abzumurksen«. Jonathan schnitt ihm zur Antwort eine Grimasse, die Tom bedeuten sollte, dass er sich seine Meinung in getrocknete Kuhfladen gestopft, mit Dornenzweigen umwickelt und einer hübschen Butterblume verziert, sonst wo hineinstecken sollte.
»Mach dir keine Sorgen, Knappe Jonathan«, munterte Von Cord ihn lachend auf, »du wirst noch früh genug Gelegenheit bekommen, deine Piraten zu treffen«.
»Knappe Jonathan«, murrte Giles Junior leise vor sich hin. Dass der von Sophia verliehene Rittertitel nur eine Luftnummer war, hatte sich Jonathan natürlich denken können. Er stand auf und schlenderte missmutig zum mächtigen Stamm der Buche, um ebenfalls ein paar Nüsse zu ergattern.
»Ich werde mal für kleine Ritter«, kündigte Von Cord immer noch lachend an und steuerte auf ein nahes Wäldchen zu, in dem er alsbald verschwand.
Thomas sah Jonathan auf den Knien nach den Eckern forsten und sein Jagdtrieb war ebenfalls geweckt. Er sprang auf, kniete sich neben Jonathan und versuchte ihm die begehrten Nüsse vor der Nase wegzuschnappen.
»Es sind keine mehr da«, brummte Jonathan, während er mit den Händen durch die leeren Schalen auf dem Boden fuhr. »Ich wusste es«, murmelte Thomas und wieder kam ihm Von Cord in den Sinn, dieses Mal mit einem riesigen buschigen Schwanz und an die Rinde eines Baumes gekrallt.
»Wir könnten den Baum schütteln«, safragte Tom als er auf allen Vieren kriechend in die Baumkrone blickte und hatte durch seine seltsame Intonation tatsächlich den bisher unbekannten Duktus117 der Ich weiß nicht, ob das eine Frage ist oder nicht Frage erfunden. Jonathan sah ihn mitleidig an, nicht wegen der Intonation, sondern weil die Buche vermutlich laut losgelacht hätte, wenn irgendjemand versucht hätte, sie zu schütteln. Der Stamm war riesig.
»Wie heißt du eigentlich wirklich«, wollte Jonathan ganz unvermittelt wissen, stupste seinen Freund an und ließ die eigene Nase in Richtung der geheimnisvollen Tätowierung auf Toms Arms zeigen.
Jonathan konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals in seinem Leben etwas gesagt hatte, was er so schnell bereute, wie diese letzten Worte.
Toms Augen wuchsen auf abartige Größe. Die Pupillen in seinen braunen Augen weiteten sich und sein Gesicht wurde aschfahl. Der junge Mann begann augenblicklich am ganzen Körper zu zittern. Ohne den Blick von Jonathan zu lassen, fiel Thomas von allen Vieren auf die Seite, wie ein Hund, der sich in einer Demutsgeste dem ranghöheren Tier unterordnet.
In Toms großen, klaren Augen sah Jonathan ein Entsetzen so epischen Ausmaßes, dass es Giles Juniors ganzen Körper gleichfalls erschaudern ließ. Da tobten eine nicht Enden wollende Einsamkeit und eine an Wahnsinn grenzende Verzweiflung, die in Worte gar nicht mehr zu fassen waren. Selbst wenn man es versuchte, würde man am Ende bloß einen baufälligen Turm an stereotypen Trostlosigkeiten errichtet haben, der zwar beeindruckend grauenhaft im Mondlicht glänzen mochte, aber sofort wieder in sich zusammenstürzte, wenn man in eben diese Augen sah.
Das schwarze Monster in Jonathans Brust, der Strudel, die Wand, ach, er hatte dem Ding ja schon tausende von Namen gegeben und keiner traf es richtig. Das war auch völlig wurscht. Wichtig war nur, dass sich das Ding gerade wieder bemerkbar machte. Aber dieses Mal saß das kleine Miststück, das keine Form und keinen Namen hatte, nur auf seinem nicht vorhandenen Hintern, knurrte ein bisschen und wedelte mit dem ebenfalls nicht vorhandenen Schwanz. Jonathan hatte es dressiert, sein kleines schwarzes Monster, und irgendwie war es jetzt ein braves, kleines, schwarzes Monster. Irgendwie. Hatte er das selbst vollbracht? War es Sophia gewesen? Oder Gott? Jonathan wusste es nicht.
Was er aber wusste, war, dass er dem bestialischen Ungeheuer, welches in Thomas wütete, soeben äußerst mächtig in den Arsch getreten hatte. Und das Trauma, das grauenhafte Erlebnis, das fürchterliche Ding, welches Tom in sich herum trug, war nun sehr, sehr schlechtlaunig. Jonathan hatte die fette Drecksau gereizt und versehentlich von der Kette gelassen. Das war im Allgemeinen nicht das, was man von einem Freund erwartete.
Jonathan würde es also wieder einfangen müssen, das Untier.
Tom wimmerte kurz auf und versuchte auf dem Rücken liegend davon zu kriechen, was ziemlich bescheuert aussah und allgemein als ineffektiv bezeichnet werden konnte.
»Nein, nein, nein«, rief Jonathan verzweifelt und zu seiner Überraschung war er es selbst, der fast heulte. Jonathan stürzte sich auf den Freund, packte ihn und klammerte sich an seinen Körper.
Tom schlug um sich, zeterte und jaulte.
»Ruhig, Tom«, rief Jonathan immer wieder ohne seinen Griff zu lockern, »es ist alles gut«.
Thomas hörte auf zu strampeln und fing dafür an zu flennen. Aber Jonathan ließ ihn immer noch nicht los.
»Ich werde dich nie wieder fragen«, sagte Jonathan leise. Was immer Tom auch erlebt hatte, es musste von allumfassender, ultimativer Grauenhaftigkeit gewesen sein. »Werde dich nie wieder fragen«, wiederholte Jonathan und schämte sich unendlich.
Thomas schämte sich auch unendlich, insbesondere, weil er flennte wie ein kleines Mädchen.
»Du bist mein Freund«, wisperte Jonathan und hoffte die Wahnsinnsmisere für Thomas erträglicher zu machen, indem er ihn nicht direkt ansah, »du bist mein einziger Freund«.
Thomas beruhigte sich endlich. Jonathan löste seinen Klammergriff.
»Dafür wandert man anderswo auf den Scheiterhaufen, ihr kleinen Ferkel«, donnerte Von Cords amüsierte Stimme, als er die beiden in sich verschlungenen Knappen auf dem Boden liegen sah.
Jonathan und Thomas kamen langsam wieder auf die Beine.
Von Cord bemerkte ihre langen Gesichter und bewies genügend Taktgefühl, einfach mal den Mund zu halten.
Jonathan holte tief Luft und klopfte sich den Dreck und die Schalen der Bucheckern aus der Kleidung. Thomas tat es ihm gleich und blieb still, was kein gutes Zeichen war.
Aber das schwarze Biest in Thomas lag nun wieder an der Kette. Jonathan hoffte inständig, das Ding hätte mitbekommen, dass es von nun an beobachtet werden würde. Jonathan Giles würde da sein, wenn es jemals wieder freikäme.