23 Es war unglaublich erleichternd, dass es dermaßen bewegende Momente in seinem Dasein geben konnte, nach all dem Erlebten. Tatsächlich war das Ereignis so bewegend, dass noch ein bisschen mehr Bewegung oben drauf, und Jonathans Hirn wäre gezwungen gewesen, die eigenen Hirndrüsen standrechtlich zu erdrosseln, damit bloß kein weiteres Glückshormon mehr in den bereits absolut gesättigten Blutkreislauf hätte fließen können. Anders gesagt, hätte sich Jonathan in diesem Augenblick die Pulsadern aufgeschnitten, was sicherlich recht kontraproduktiv gewesen wäre, hätte man lediglich eine goldleuchtende, himmlische Flüssigkeit aus den Blutgefäßen treten sehen, möglicherweise gefolgt von einer großen Herde winziger, rosafarbener Einhörner.
Die zwanzig Mönche aus Burgund sangen und die Anzahl der unterschiedlichen Töne und Stimmlagen war so überwältigend, dass Jonathan glaubte hunderten von Sängern gegenüber zu stehen. So perfekt und filigran setzten sich die einzelnen Klänge zu einem unfassbaren Ganzen zusammen, dass Ritter Giles zum ersten Mal in seinem Leben eine Gottesnähe zu spüren glaubte, die ihm bisher fremd geblieben war.
Ein Schauer krabbelte über Jonathans Körper, fand nicht so recht einen Weg und kroch deshalb schnuppernd auf des Ritters Rücken umher. Schließlich war auch das letzte kleine Härchen aufgescheucht und der Schauer verebbte irgendwo auf Jonathans Fußsohlen. Farbiges Licht flutete durch die bunten Fenster der Kirche und Jonathan erwartete jeden Augenblick, dass breit grinsende Engel das Hauptschiff des turmlosen Doms hinabschweben würden.
Er saß in der ersten Reihe direkt neben Sophia und neben der Creme des hiesigen Hofes. Dieser Umstand brachte jede Menge Komplikationen mit sich. Jonathan war der einzige, offizielle, persönliche Leibritter der Herzogin, nicht nur ausgestattet mit einem vermutlich aus der Luft gegriffenen Titel und sehr realer Kleidung, sondern auch mit einem hübschen Salär96, das der einen oder anderen Hofschranze97 die Zornesröte ins Gesicht trieb.
Bei Hofe gebot es die Etikette sich im Umkreis des Herzogs oder der Herzogin dezent im Hintergrund zu halten, aber manchmal gab es keinen geeigneten Hintergrund. Dann nutzte Sophia die Gelegenheit, Jonathan auch in aller Öffentlichkeit nahe zu sein.
Jonathan drehte die Augen so weit wie möglich zur Seite, ohne nennenswert den Kopf zu bewegen und somit Aufmerksamkeit zu erregen. Sophia saß neben ihm und lauschte mit halb geschlossenen Augen dem Gesang.
Sie war so schön! Mein Gott, war sie schön. Ja, auch die Musik.
Sophias Hand lag auf ihrem Oberschenkel und schob sich zur Seite. Jonathan schickte seine eigene Hand auf Erkundungstour, aber er wagte nicht die letzte Fingerbreite zwischen ihr und ihm zu überbrücken.
Der junge Giles fürchtete schon, dass die Muskeln, die seine Augäpfel zur Seite zwangen, jeden Moment protestierend die Arbeit einstellen würden, so sehr schmerzte der Versuch unauffällig zur Seite in ihre Richtung zu blicken. Sophias Hand bewegte sich. Ein Finger nur?
Jonathan spreizte vorsichtig seinen kleinen Finger ab. Die Fingerspitze suchte kreisend nach Halt. Aber sie fand nichts. Seine Augenmuskeln jaulten mittlerweile vor Schmerz, na ja, vielleicht war Jaulen das falsche Wort, dachte Jonathan, aber er würde ganz schön was zu hören kriegen, von seinen Augenmuskeln, wenn das hier zu Ende war. Und das Letzte was er wollte war eine weitere förmliche Protestnote eines schmollenden Körperteils.
Jonathan schloss seine Augen.
Die Fingerspitze traf auf etwas. Es war weich und warm und kam der Fingerspitze sehr bekannt vor, denn es war eine andere Fingerspitze. Es war Sophia. Irgendjemand ließ den Schauer in Jonathans Körper wieder von der Leine und in schneller Abfolge bekam jedes Körperhärchen auf Jonathans Leib einen wohligen Tritt in den Hintern. Die Glückshormone erreichten wieder kritische Höchstwerte und sein Herz begann wild zu flattern, hüpfte ein wenig umher, stieß sich dann aber den Kopf an Jonathans Schlüsselbein und beruhigte sich wieder.
Mein Gott, dachte Jonathan. Mein Gott.
Das große dunkle Loch in seiner Seele war geschlossen, die schwarze Wand war ihrerseits eingemauert worden.
Es war der schönste Augenblick seines Lebens, aber was noch viel besser war – es würden noch sehr viel schönere Momente folgen.