Dreizehntes Kapitel

Ihr müsst jetzt aufbrechen«, sagt Saldowr. Saldowr und ich haben uns vom verschlossenen Mund der Gezeiten entfernt, doch Conor kann sich nicht losreißen. Der Sand wirbelte gewaltig auf, als Saldowr den Schlussstein an seinen Platz setzte. Doch jetzt ist das Wasser wieder klar und Conor mustert den Stein aus unmittelbarer Nähe. Nicht einmal eine feine Naht ist dort zu erkennen, wo der Stein sich geöffnet hat. Kaum vorstellbar, dass sich in seinem Inneren immer noch der Gezeitenknoten befindet.
Ich will ihn wiedersehen, auch wenn er mir Angst macht. All die Kraft und Energie – genug, um Tausende von Städten zu erleuchten –, die von ihm ausgeht. Vielleicht wird Saldowr den Schlussstein ein weiteres Mal entfernen, wenn wir ein wenig warten.
»Ihr müsst Indigo jetzt verlassen«, wiederholt Saldowr eindringlich. »Ein Sturm zieht auf.«
»Aber wir können Indigo noch nicht verlassen. Wir müssen auf Faro warten. Conor ist auf ihn angewiesen. Hier unten in den Wäldern von Aleph kommt er allein zurecht, doch außerhalb bekommt er nicht genug Sauerstoff, wenn er auf sich allein gestellt ist.«
Saldowrs Miene bleibt unverändert. Anscheinend ist ihm nicht bewusst, wie gefährdet Conor in Indigo ohne fremde Hilfe ist.
»Dann werden seine Lippen blau und er kann nicht mehr schwimmen. Eigentlich ist das merkwürdig, denn Conor ist viel stärker und widerstandsfähiger als ich, wenn wir an der Luft sind. Eine Zeit lang kann auch ich ihm helfen, doch meine Kräfte in Indigo reichen nicht aus. Es sei denn … es sei denn, sie sind inzwischen gewachsen«, füge ich zweifelnd hinzu. Saldowr schüttelt den Kopf.
»Du bist noch nicht stark genug, mein Kind. Der Wille deines Bruders ist auf die Luft und die Erde gerichtet. Das schwächt ihn in Indigo. Doch in dir sind die Menschenwelt und Indigo gleich stark vorhanden. Beide ringen in dir. Wärst du nicht geteilt, würdest du noch stärker sein. Dann könntest du aus ganzem Herzen nach Indigo kommen … aber genug davon. Ihr müsst wieder an die Luft. Es ist keine Zeit mehr zu verlieren.«
»Begleiten Sie uns?«
»Nein, ich kann den Gezeitenknoten nicht verlassen.«
»Aber was soll aus Conor werden?«
»Die Delfine werden euch begleiten. Ihr kennt sie und sie kennen euch. Wo immer die Delfine sind, da ist Indigo, doch können sie auch nach Belieben durch die Luft springen. In Begleitung der Delfine wird dein Bruder frei atmen können. Sie werden so viel wie möglich mit dem Rücken über der Oberfläche sein, um ihm die Reise zu erleichtern. Und dennoch seid ihr die ganze Zeit sicher in Indigo. Die Delfine werden sich freuen, die Reise mit euch unternehmen zu können. Das weiß ich sicher.«
Ich werde wieder auf einem Delfin reiten! Voller Freude erinnere ich mich daran, wie der Delfin im Sommer mit mir durch die Wellen jagte, schnell wie ein Pfeil und wild wie der Wind. Vielleicht begegnen wir sogar dem Delfin wieder, der gestrandet war. Für Conor ist das die perfekte Lösung. Ich lächle Saldowr dankbar an, doch dann fallen mir wieder die Haie ein.
Sie schwimmen über unseren Köpfen und bewachen die Wälder von Aleph mit derselben Unbarmherzigkeit, wie die Graurobben Limina bewacht haben. Sobald wir nicht mehr unter Saldowrs Schutz stehen, sind wir den Haien wehrlos ausgeliefert. Manchmal greifen sie sogar die Mer an. Faro hat mir letzten Sommer davon erzählt. Manchmal hören sie nicht, dass wir Mer sind. Sie wollen hören, dass wir Robben sind.
Meine Gedanken überschlagen sich, als hätte die Angst sie wie ein Sturm durcheinandergewirbelt. Ich sehe schon einen Hai auf mich zukommen, mit weit geöffneten Kiefern, bereit zum Angriff.
Verliert man das Bewusstsein, wenn man von einem Hai gefressen wird, oder bekommt man alles genau mit? »Diese … diese Haie«, beginne ich. Saldowr hebt seine Hand, um mich zum Schweigen zu bringen.
»Gute Gefährten«, sagt er. »Vielleicht nicht die intelligentesten Geschöpfe in Indigo, doch äußerst pflichtbewusst. Komm mit, dann kannst du sie kennenlernen.«
»Ich? Einen Hai … kennenlernen?«
»Ja. Ihr beide. Jetzt schau nicht so erschrocken. Es ist zu eurem eigenen Schutz. Kommst du, Conor?«
Doch Conor ist immer noch in den Anblick des Schlusssteins versunken.
»Conor!«, ruft Saldowr eindringlich.
Conor blickt sich um. Saldowr wartet mit verschränkten Armen und sieht gebieterischer aus als je zuvor. Mit offensichtlichem Widerwillen verlässt Conor den Stein und schwimmt uns entgegen. »Diese Muster, Saldowr«, sagt er eifrig, »sehen wie eine Schrift aus, aber eine Schrift, die ich noch nie gesehen habe. In welcher Sprache ist sie geschrieben? «
»Von welchen Mustern redest du?«
»Von denjenigen, die in den Stein geritzt sind. In dem Moment, als der Schlussstein wieder an seinem Platz war, sind sie sichtbar geworden. Sowie … wie die Zauberschrift, die wir mit Wasser und Pinseln hergestellt haben, als wir klein waren, weißt du noch, Saph? Hast du nicht auch gesehen, wie sich plötzlich die Muster auf dem Stein abgezeichnet haben? Ich bin sicher, dass es irgendeine Schrift ist.«
Ich schweige. Ich habe zwar weder ein Muster noch eine Schrift erkannt, doch will ich Conor in Saldowrs Gegenwart nicht widersprechen. Conor berührt meine Hand. »Schau sie dir an, Saph. Vielleicht kannst du sie sogar lesen.«
»Warte!«, sagt Saldowr. »Warst du in der Lage, irgendetwas von der Schrift zu entziffern, mein Sohn?«
»Nein.« Conor zögert. »Nicht wirklich. Die Zeichen verschwammen vor meinen Augen. Aber wenn ich sie ein bisschen länger studieren könnte, würde es mir vielleicht gelingen. «
»Vielleicht. Doch zum Studieren ist jetzt keine Zeit.«
»Können Sie die Schrift lesen, Saldowr?«, frage ich ohne Umschweife.
»Ich bin der Hüter des Gezeitenknotens«, sagt er, als wäre dies eine Antwort.
»Aber …«
»Für Fragen ist jetzt keine Zeit.«
Für Fragen ist in Indigo nie Zeit, denke ich aufmüpfig. Conor ist genauso neugierig wie ich, doch Saldowrs Miene ist unergründlich.
»Vergesst den Stein jetzt«, sagt er. »Die Zeit wird kommen, glaub mir, Conor. Doch nun müsst ihr zu eurem eigenen Schutz die Haie treffen und nach Hause zurückkehren, ehe der Sturm losbricht.«
»Dürfen wir nicht zuerst Faro sehen, nur für einen Moment? Wir wollen uns bei ihm bedanken«, sage ich. Es gibt so vieles, über das ich mit ihm reden möchte. Conor ist stocksauer auf Faro und Elvira, weil sie so vieles vor uns geheim gehalten haben, doch ich weiß nicht recht… Vielleicht hatten sie keine Wahl. Das Leben der Mer ist so vollkommen anders als unseres. Immer noch gibt es so viele Dinge, die ich nicht verstehe.
»Bitte, lassen Sie uns zu Faro«, bettele ich.
Doch Conor sagt: »Ach, lass doch, Saph. Ich will ihn sowieso nicht sehen.«
Saldowr gibt seine Zustimmung ohnehin nicht, und ich wage nicht, ein weiteres Mal zu fragen. Unwillig folge ich Conor und Saldowr nach oben, durch das dichte Blattwerk der wogenden Meeresbäume hindurch, bis wir die Wälder von Aleph verlassen haben.
Saldowr hält an. »Bleibt dicht beieinander und hinter mir«, sagt er. Saldowr ist so viel mächtiger als Faro oder Elvira, dass Conor es nicht nötig hat, sich an seinem Handgelenk festzuhalten. In seiner Nähe zu bleiben, reicht aus. »Bleibt hinter mir, wir kommen jetzt ins Revier der Haie.«
Mir ist übel vor Angst. Wäre Saldowr nicht bei uns, würde ich auf der Stelle kehrtmachen und in die Wälder zurückkehren. Doch wir schwimmen stetig weiter.
Plötzlich tauchen sie vor uns auf. Ihre massigen, grauweißen Körper verleihen dem Meer selbst eine tote, graue Farbe. Sie sind so breit wie Hubschrauber und so lang wie U-Boote, mit zurückspringendem Unterkiefer und kleinen Augen. Erbarmungslosen Augen. Alles, was ich je über Haie gehört habe, schießt mir durch den Kopf. Wie gefährdet sind wir, wenn nicht einmal die Mer vor ihnen sicher sind?
»Ich glaube, es sind Weiße Haie«, murmelt Conor.
Dann stimmen also die Gerüchte, die wir in den letzten Jahren gehört haben. Weiße Haie dringen mit den warmen Strömungen immer weiter gen Norden vor. Als die Haie sich in unsere Richtung drehen, breitet Saldowr die Arme aus, um sie zu begrüßen. Sein Umhang bauscht sich schützend um uns.
»Kommt, meine Freunde!«, ruft er. Zwei Haie verlassen die Patrouille und tauchen zu uns hinab. Trotz Saldowrs Gegenwart ist es die schwierigste Aufgabe meines Lebens, jetzt ruhig zu bleiben und nicht zurückzuschrecken. Ich spüre die Angst in meinem Mund, sie schmeckt nach Metall. Die Haie dürfen sie nicht riechen. Vielleicht sind sie wie gefährliche Hunde, die stets spüren, wenn man Angst vor ihnen hat. Conor legt seinen Arm um meine Schultern und hält mich fest.
»Ist schon okay, Saph«, flüstert er. »Saldowr wird nicht zulassen, dass sie uns etwas tun.«
Die Haie öffnen ihre Kiefer, als sie vor Saldowr zum Stehen kommen. Ihre offenen Mäuler offenbaren mehrere Reihen von Zähnen, jeder einzelne so lang wie meine Hand. Ob Haie je zum Zahnarzt gehen? Ich muss mich zusammenreißen, um nicht hysterisch loszukichern.
Diese Zähne würden einen wie eine Kettensäge auseinanderreißen. Der Wal war Ehrfurcht gebietend, doch die Haie sind grauenerregend. Kein Signal der Verbundenheit geht von ihnen aus. Sie sind Fremde.
»Ich bin mit eurer Arbeit sehr zufrieden«, lobt Saldowr. »Jetzt hört mir gut zu. Ich bin mit zwei Freunden des Gezeitenknotens gekommen. Macht euch mit ihnen vertraut, damit sie passieren können.«
Er schiebt uns nach vorne und umhüllt uns mit den Falten seines Umhangs, sodass wir geschützt, aber nicht verdeckt sind. Die Haie schwingen ihre großen Köpfe hin und her. Ich balle die Fäuste und bohre die Fingernägel in meine Handflächen.
Conors Griff um meine Schultern verstärkt sich. »Bleib ganz ruhig, Saph«, flüstert er. »Es wird alles gut gehen.«
»Sie nehmen euren Geruch auf«, sagt Saldowr leise. Ein Haiauge fixiert mich, während der Kopf hin und her schwingt. Der Blick ist dumpf, kalt und aufmerksam. Für den Hai bin ich keine Person. Er will nicht mit mir kommunizieren.
»Lernt sie gründlich kennen. Macht euch mit ihnen vertraut«, wiederholt Saldowr. »Sie sind Freunde des Gezeitenknotens. Teilt die Erinnerung an ihren Geruch mit euren Gefährten.«
»Schwimmt näher an sie heran«, drängt er uns. »Wir müssen ganz sicher sein, dass sie euren Geruch aufnehmen.«
Würde ich jetzt meine Hand ausstrecken, könnte ich die Flanke des Hais berühren. Sie ist so rau, dass meine Haut bei der Berührung in Fetzen gehen würde. Die Kraft, die von dem Hai ausgeht, pulsiert wie eine Maschine. Ich versuche, ihm meine Gedanken zu übermitteln, will ihm zeigen, dass ich kein Feind bin, doch sein Bewusstsein ist ebenso abweisend und schroff wie seine Haut. Ich finde keinen Zugang zu ihm.
Doch meine Angst ist schwächer geworden. Ich meine zu verstehen, was der Hai tut. Er versucht, die unzähligen Bestandteile meines Geruchs voneinander zu trennen und in seinem Gedächtnis zu speichern. Die Erinnerung wird er an die anderen Haie weitergeben, damit diese keinen Argwohn hegen, wenn sie uns später begegnen. Sie tun dies, weil Saldowr es ihnen befohlen hat.
Conor und ich schweben aufrecht im Wasser, ohne uns zu regen. Die Haie verharren an Ort und Stelle. Wir stehen unter Saldowrs Schutz. Wir stehen unter Saldowrs Schutz, wiederhole ich im Stillen. Ich darf nicht in Panik geraten. Die Haie würden den Geruch der Panik sofort erkennen. Wir stehen unter Saldowrs Schutz.
»Sie haben euch gehört und euren Geruch in sich aufgenommen«, sagt Saldowr schließlich. Seine Stimme klingt erleichtert, als sei nicht einmal er völlig sicher gewesen, wie sich die Haie verhalten würden.
Er streckt ihnen seine Hände entgegen. »Ihr habt euch gut und richtig verhalten, meine Freunde«, lobt er sie. »Ihr seid ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft und werdet in den Wäldern von Aleph nicht vergessen werden. Auch eurer Kinder und Kindeskinder wird gedacht werden. Ihr habt gute Arbeit geleistet. Nun kehrt zurück und erfüllt eure Pflicht.«
Der Hai, der mir am nächsten ist, dreht ab und berührt mich fast dabei. Als sein Maul an mir vorbeigleitet, erkenne ich einen vertrauten Ausdruck. Saldowrs Lob lässt ihn tatsächlich lächeln.
»Ihre Pflicht bedeutet ihnen alles«, erklärt Saldowr, nachdem die Haie wieder ihre Wachposition eingenommen haben und wir in die sicheren Wälder von Aleph zurückgekehrt sind. »Ein Hai würde eher hundert Mal sterben, als seine Pflichten zu vernachlässigen.« Nach einer Weile fügt er in einem anderen Ton hinzu: »Aber sie können auch sehr empfindlich sein. Man muss ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie geschätzt werden. Sie hassen Spott und Gelächter. Vergesst das nie. Beleidigt man einen, beleidigt man alles, womit sie zu tun haben. Außerdem mögen sie es nicht, um etwas gebeten zu werden, das nichts mit ihren Pflichten zu tun hat.«
Als wolle er seine Kritik relativieren, fügt er sogleich hinzu: »Aber sie sind wirklich hervorragende Wächter und unermüdlich, was ihre Aufgabe betrifft.«
»Darauf wette ich«, murmelt Conor.

Sobald uns der erste Delfin erreicht, wird mir bewusst, wie groß meine Angst vor den Haien war. Ich habe das Gefühl, einem Freund zu begegnen, der einen dunklen, gefährlichen Wald mit seiner Laterne erhellt. Diesen wunderschönen, warmblütigen Tieren gehört meine ganze Sympathie. Ihre Augen sprühen vor Intelligenz und ihre Stimmen dringen durch das Wasser zu uns.
»Hallo, kleine Schwester.«
»Hallo, Bruder.«
Ich habe keinerlei Mühe, die Delfine zu verstehen, ganz anders als neulich im Boot von Mals Vater. Ich blicke zu Conor hinüber. Er hebt lächelnd seine Hand zum Gruß.
»Kannst du sie verstehen, Con?«
»Jeder könnte sie verstehen. Dazu braucht man keine Sprache.«
Doch mir fällt es leicht, mit ihnen zu reden. Heißt das, dass ich jetzt fließend Mer spreche? Ich weiß es nicht. Doch Conor hat recht. Die Sprache der Delfine besteht aus mehr als Wörtern. Sie umkreisen uns im Wasser und stupsen uns spielerisch in die Seite. Es ist ein Willkommensritual, getragen von Wärme und Zuneigung. Mit überschäumender Freude wird mir klar, dass wir in der langen Nacht, in der wir um das Leben ihrer gestrandeten Schwester kämpften, das Vertrauen der Delfine erworben haben. Sie sind nicht nur hier, weil Saldowr es ihnen befohlen hat, sondern aus eigenem Antrieb. Sie freuen sich, uns zu sehen.
»Sie danken uns, Conor.«
»Ich weiß.«
»Er muss überlebt haben, der gestrandete Delfin.«
Saldowr lächelt beim Anblick der Delfine. Ich denke daran, was der Wal gesagt hat. Weil die Delfine so intelligent sind, verbringen sie ihr ganzes Leben mit Spielen. Auf seine eigene sanfte Art war der Wal durchaus neidisch auf die Delfine. Auch er würde so gern spielen. Und natürlich hätte er es gern gehabt, wenn man über seine Scherze gelacht hätte.
»Ich grüße euch, Brüder!«, ruft Saldowr den Delfinen entgegen. Noch nie habe ich so viel Zuneigung in seiner Stimme gehört. Dann wendet er sich an uns. »Sie sind bereit, euch jetzt nach Hause zu bringen. Sie werden euch aus Indigo heraustragen, ehe der Sturm losbricht.«
Es sind junge, männliche Delfine. Sie schwimmen an unsere Seite, damit wir auf ihre Rücken klettern können. Ich erinnere mich daran, was Faro mir letzten Sommer gesagt hat. Ich muss mit ihnen reiten, nicht auf ihnen.
Ich sitze auf dem Rücken des Delfins und beuge mich weit nach vorne, passe meinen Körper seiner Gestalt an. Ich schlinge meine Arme um ihn und schmiege mein Gesicht an seine Haut. Spüre seine Energie. Er kann es kaum erwarten, wieder durch das Wasser zu fliegen. Conor und sein Delfin setzen sich schon in Bewegung. Conor dreht sich zu mir um, sein Gesicht glüht vor Aufregung. »Ist das wirklich wahr, Saph?«
»Ja, es ist aufregend.«
Mit einem lässigen Schlag seiner Schwanzflosse beschleunigt Conors Delfin das Tempo und deutet an, zu was für einer Geschwindigkeit er in der Lage sein wird, wenn er erst richtig loslegt. Plötzlich springt er nach vorne, macht einen perfekten Salto und taucht neben mir aus dem sprudelnden Wasser. Der Delfin und Conor lachen.
»Ich versteh nicht, dass du nicht runtergefallen bist, Con!«
Doch Conor ist schon wieder verschwunden, weil der Delfin ein neues Spiel mit ihm spielt. Ein ums andere Mal schießen sie mit Höchstgeschwindigkeit durchs Wasser und machen dann eine Vollbremsung, sodass es um sie herum schäumt und brodelt. Danach gleiten sie in großen Kurven dahin, zeichnen eine Acht ins Wasser, drehen sich so anmutig im Kreis und um die eigene Achse, dass jeder Eiskunstläufer vor Neid erblassen würde. Mir wird vom Zuschauen ganz schwindelig. Ich kann den Delfin und Conor kaum noch voneinander unterscheiden.
»Bist du bereit, kleine Schwester?«, fragt mein Delfin sanft.
»Ja.«
Ich schließe die Augen. Ich weiß, dass wir das Territorium der Haie durchqueren müssen, doch lege ich keinen Wert darauf, sie jemals wiederzusehen.
»Hab keine Angst, mein Kind«, sagt Saldowr. »Mach die Augen auf und schau mich an.« Widerwillig öffne ich meine Augen. Saldowr sieht mich fragend an. »Du bist ein merkwürdiges Kind. In der Tiefe hast du überlebt, obwohl das eigentlich unmöglich ist. Wenn du Angst haben solltest, dann hast du keine, doch wenn es keinen Grund zur Angst gibt, gerätst du in Panik. Ich habe dir doch gesagt, dass dir die Haie nichts tun werden?«
»Ich weiß, aber …«
»Fass dir ein Herz! Mit jedem Mal wird dein Mut größer werden. Dies ist nur der Anfang.«
»Der Anfang wovon?«
»Von der Zeit, in der du all deinen Mut brauchen wirst.«
Saldowr ist doch älter, als ich gedacht habe. Sein Gesicht ist straff und glatt, doch seine Augen sehen so aus, als lebte er schon seit Jahrtausenden und hätte mehr gesehen, als ich mir jemals vorstellen könnte. Conor hat recht – Saldowr ist wie Granny Carne, obwohl er andererseits ihr komplettes Gegenteil verkörpert. Ihre Weisheit gehört zur Luft und zur Erde, seine Weisheit gehört zu Indigo. Doch teilen sie eine Eigenschaft, die bedeutsamer ist als alle Unterschiede. Ich weiß nicht genau, was es ist, doch ich spüre es. Macht ist nicht das richtige Wort. Granny Carne und Saldowr sind wie Magneten, die alles anziehen. Menschen und Tiere und Wissen.
Vielleicht ist Saldowr wirklich schon seit Tausenden von Jahren am Leben. Vielleicht kann er in die Vergangenheit und in die Zukunft blicken, wie Granny Carne. Ich schaudere. Es muss eine Bürde sein, so viel zu wissen.
Saldowr ist eine beeindruckende Erscheinung, wie er so durchs Wasser pflügt, die Hand zum Abschiedsgruß hebend, während sein Umhang sich um ihn bauscht. Doch vielleicht fühlt er sich auch allein. Er weiß so viel mehr als jeder andere, und dieses Wissen muss ihn einsam machen, denke ich – so wie ein Umhang aus Eis.
Jeder, der einen Rat sucht, geht zu Granny Carne. Und doch ist sie allein, weil sie ein Leben führt wie niemand sonst. Wie sollte das auch anders sein, wenn sie wirklich schon Hunderte oder gar Tausende von Jahren auf dem Buckel hat.
»Vergiss nicht, dass du beschützt wirst, mein Kind«, sagt Saldowr. »Die Haie werden dir nichts anhaben. Wenn du daran denkst, werden auch die Haie daran denken. Du darfst keine Schwäche zeigen.«
Er ist sehr ernst. Mir wird klar, dass Saldowrs Schutz nicht wie ein Zaubertrick funktioniert. Wir müssen unseren eigenen Beitrag leisten, damit er wirksam wird.
»Ich weiß«, erwidere ich. Doch kann ich nichts dagegen tun, dass mir bei dem Gedanken an die kaltblütigen Augen der Haie, die über Conor und mich hinweggleiten, schon wieder der Schreck in die Glieder fährt.
»Bitte sagen Sie Faro …« Welche Botschaft soll ich ihm übermitteln? »Sagen Sie ihm, dass ich ihn so gern noch gesehen hätte. Versichern Sie ihm, dass ich zurückkomme.«
»Natürlich, das werde ich tun. Doch jetzt beeilt euch. Der Sturm braut sich bereits zusammen.«

Obwohl ich meine Augen fest geschlossen halte, spüre ich, dass wir das Territorium der Haie erreicht haben. Ein kalter Strom wandert durch mich hindurch wie eine Radarwelle. Meine Haut zieht sich zusammen. Kälte, Leere, Feindschaft. Die Haie mustern uns und befragen ihre Erinnerung, was sie mit uns tun sollen.
Ich muss meine Augen öffnen. Ich sollte sie nicht verschlossen halten wie ein Baby, das Verstecken spielt. Wenn ich dich nicht sehe, kannst du mich nicht sehen. Das ist es, was Babys denken. Doch die Haie sehen mich nur zu gut. Ich öffne die Augen. Die Vielzahl der Haie macht das Wasser grau. Hier sind sie, in einer Linie, und halten Wache. Ich schaudere, als sie auf mich zukommen, prüfend und hungrig.
Wer ist das?
Die Stimme ist streng, doch ohne jedes Gefühl. Der Hai geht emotionslos seiner Pflicht nach. Die Delfine, die uns tragen, schwimmen dicht nebeneinander und berühren sich fast.
»Hab keine Angst, Saph«, sagt Conor leise. Er hebt den Kopf. »Sieh den Haien in die Augen und sag ihnen, wer wir sind.«
»Wir sind … wir sind …« Meine Stimme ist dünn. Plötzlich spüre ich, wie die Haie meine Schwäche wittern. Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich, dass der Hai, der am weitesten entfernt ist, uns zu umkreisen beginnt.
»Wir stehen unter Saldowrs Schutz«, sagt Conor. Seine Stimme ist ruhig. Ja, das ist es, was ich sagen muss. Ich nehme all meinen Mut zusammen und versuche, das wilde Pochen meines Herzens zu ignorieren. Mein Mund ist voller Salzwasser. Dieser Geschmack macht mich stark. Saldowrs Stimme in meinem Ohr: Du darfst keine Schwäche zeigen. In der Tiefe hast du überlebt.
Hab keine Angst, sage ich mir. »Wir sind … wir stehen unter Saldowrs Schutz«, wiederhole ich, diesmal mit festerer Stimme, und dann fallen mir die richtigen Worte ein. »Erinnert euch an uns, Freunde, so wie wir uns an euch erinnern. Saldowr beschützt uns.«
Der eisige Griff der Haie löst sich. Die Delfine sammeln all ihre Stärke, gleiten empor und rauschen davon. Das Territorium der Haie entschwindet in der Ferne. Es ist, als käme man aus einer klammen Höhle an die Sonne. Wir jagen mit den Delfinen dahin, teilen die wilde Freiheit ihrer Sprünge, indem wir plötzlich vom Grauen ins Blaue schießen und uns für einen Augenblick über der Wasseroberfläche befinden – in der Welt der Luft, der Möwen und der schäumenden Gischt –, um im nächsten Moment wieder in die Wellen einzutauchen.
Conors Delfin bleibt dicht an der Oberfläche und nie länger als ein paar Sekunden unter Wasser. Unsere Delfine springen parallel in die Luft – das Wasser strömt von ihren Körpern, indem sie sich hoch über der See wölben – und tauchen durch den schaumigen Wellenkamm.
Conor dreht sich mit strahlendem Gesicht zu mir um. Das ist es, was er will – in Indigo und doch nicht in Indigo sein, die Freiheit der Delfine teilen und ungehindert atmen können.
Als wir das nächste Mal an die Oberfläche kommen, sehe ich ein Schiff am fernen Horizont, einen schwarzen Felsen und einen Leuchtturm. Das Tageslicht blendet mich.
»Der Bishop Rock!«, ruft Conor, »wir sind fast zu Hause.«
Die Erde wirdimmer Conors Zuhause sein. Ich wünschte, ich wäre da ebenso sicher. Ich schmiege mein Gesicht an den Rücken des Delfins und rieche das Salz von Indigo. Ich will nicht fort. Solange ich auf dem Rücken des Delfins reite, bin ich immer noch in Indigo. Irgendwo in der Tiefe, in einer steinernen Wiege, liegt mein kleiner Bruder. Irgendwo im Wasser führt mein Vater ein anderes Leben.
Ich kann nicht fort, nicht jetzt …
Doch bleibt mir keine Wahl. Ohne die Delfine kann Conor nicht überleben, und die Delfine sind keine zahmen Tiere. Sie nehmen uns mit auf die Reise, doch danach kehren sie zu ihrem eigenen Leben zurück. Ach wäre ich doch …

Wir schwimmen die Küste entlang, befinden uns an der Luft, sind aber nicht auf sie angewiesen, weil wir immer noch in Indigo sind. Neben uns ragen mächtige Granitfelsen aus dem Wasser. Auf ihrer Kuppe eine Handvoll Wohnhäuser, die aussehen wie Spielzeughäuschen. Ich kann das Land riechen. Nie zuvor habe ich seinen Geruch so intensiv wahrgenommen. Wir kommen ihm näher. Wenn jetzt jemand auf den Felsen stünde und Conor und mich auf den Rücken der Delfine sähe, er würde seinen Augen nicht trauen. Und selbst wenn – es würde ihm niemand Glauben schenken. Kann man allen Ernstes einem Freund erzählen, man habe einen Jungen und ein Mädchen auf Delfinen reiten sehen, weit draußen auf dem Meer?
Gleich werden sich die Delfine der Küste zuwenden und mit Höchstgeschwindigkeit davonschießen, unmittelbar unter der Wasseroberfläche. Sie werden uns zum Strand bringen, und wir werden tropfnass an Land taumeln, während uns der eisige Wind ins Gesicht schlägt.
Erst jetzt spüren wir, wie aufgewühlt die See ist. Die Sonne ist verschwunden und die Farbe des Wassers hat sich von Blau in Bleigrau verwandelt. Der Schaum wird von den Wellenkämmen geblasen. Saldowr hat recht gehabt – ein Sturm zieht auf. Der Himmel verdüstert sich. Die Wolken am Horizont sehen aus wie eine Ansammlung von Blutergüssen.
Wir sind fast am Ziel. In wenigen Minuten werden uns die Delfine verlassen. Indigo wird sich vor uns verschließen, so wie sich der Stein vor dem Gezeitenknoten geschlossen hat.