Achtes Kapitel

Wir drängen uns im engen Flur zusammen, ziehen unsere nassen Regenjacken und Gummistiefel aus. Mal, sein Vater und Roger folgen Patrick und seinem Freund Charlie ins Wohnzimmer. Dort brennt ein Kaminfeuer. Meine Hände fummeln zitternd am Reißverschluss herum, und als Rainbow sieht, dass ich nicht zurechtkomme, eilt sie mir zu Hilfe. Zu meiner Beschämung klappern meine Zähne so stark, wie man es sonst nur in Büchern liest.
»Du bist krank«, sagt Rainbow. »Was ist passiert?«
»Sie war im tiefen Wasser«, erwidert Conor. »Alles in Ordnung, Saph?«
»Kkkalt!«
»Komm mit rauf ins Badezimmer«, sagt Rainbow entschieden. »Du musst deine nassen Sachen ausziehen und unter die warme Dusche. Ich kann dir eine Jeans und ein Oberteil leihen.« Conor und Rainbow helfen mir die Stufen hinauf. Ich kann nicht glauben, dass ich mich in einem so jämmerlichen Zustand befinde. So ist es mir noch nie ergangen, gleichgültig, wie lange ich im Wasser war.
»Willst du duschen oder baden?«
»Bbbbaden.« Ich bin völlig durchgefroren. Die Badewanne sieht lustig aus – kurz, aber tief. Rainbow lässt dampfend heißes Wasser einlaufen. »Kann ich dich allein lassen? Du wirst doch nicht in Ohnmacht fallen oder so was?«
In der dampfenden Hitze des Badezimmers fühle ich mich bereits besser. Rainbow geht hinaus, lässt aber die Tür angelehnt, falls es mir wieder schlechter gehen sollte.
»Ich setze mich auf die Stufen, damit niemand zu dir hereinkommen kann«, verspricht sie. Ich ziehe die nassen Kleider aus und lasse mich dankbar ins Wasser gleiten. Es ist so heiß, dass es anfangs wehtut, doch nach einer Weile ist es herrlich. Ich tauche mit dem Kopf unter Wasser, was in so einer kleinen Wanne nicht leicht ist. Der Geruch des Meeres ist verschwunden. Rainbow hat mir ein Stück duftende Rosenseife dagelassen. Ich wasche mich langsam und genießerisch und denke an rein gar nichts.
Jemand klopft sanft an die Tür. »Ich habe dir etwas Tee gemacht. Ich stelle ihn vor die Tür. Geht es dir schon besser? «
»Viel, viel besser.«
Ich klettere aus der Wanne, schlinge mir ein Handtuch um und hole den Tee. Rainbow sitzt immer noch auf der Treppe. Sie springt auf. »Ich hole dir ein paar Sachen von mir. Garantiert frisch gewaschen! Die anderen sitzen am Feuer und wärmen sich auf. Aber sie scheinen in besserer Verfassung zu sein als du. Was ist eigentlich passiert?«
»Ach, nichts. Ich musste bloß ein bisschen schwimmen, das ist alles. Vermutlich hat mich eine Strömung hinausgezogen. «
»Ist er wohlbehalten aufs Meer hinausgeschwommen, der Delfin?«
»Ja, ich glaub schon.«
Im Grunde möchte ich nicht mehr darüber reden, doch Rainbow fährt etwas verlegen fort: »Tut mir leid, dass ich nicht geblieben bin, aber das Wasser hat mir einfach Angst gemacht. Ich habe noch nie gesehen, dass es so schnell gestiegen ist.«
»Ich weiß.«
Wir schweigen einen Moment, ehe es aus Rainbow hervorbricht: »So ist das nun mal bei mir. Die Gezeiten machen mir manchmal Angst. Ich bilde mir dann ein, dass das Meer nicht dort stehen bleibt, wo es sollte, sondern immer weiter aufs Land vordringt und schließlich unser Haus überspült. Eine alberne Vorstellung, ich weiß.«
»Nein, das ist nicht albern«, sage ich langsam. »Meine Mum hat auch Angst vor dem Meer, viel mehr als du sogar. Sie geht nicht einmal an den Strand, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.«
»Aber du hast keine Angst, oder, Sapphire? Du liebst das Meer. Du liebst es mehr als das Land.«
»Woher weißt du das?«
Rainbow zuckt die Schultern, sieht plötzlich jünger und weniger selbstsicher aus. »Weiß auch nicht, warum ich das gesagt habe. Aber ich hatte so ein Gefühl, als wir um den Delfin herumstanden … ach, du wirst mich für komplett verrückt erklären.«
»Was für ein Gefühl?«
»Dass du mit ihm gesprochen hast, aber nicht auf Englisch. Was für eine Sprache war das?«
»Das kann keine andere Sprache gewesen sein. Ich spreche keine andere.«
Rainbow sieht enttäuscht, aber nicht überzeugt aus.
»Wo sind deine Eltern?«, frage ich rasch, damit sie nicht noch mehr Fragen stellt.
»In Kopenhagen. Meine Mutter besucht ab und zu ihre Freunde. Mein Stiefvater begleitet sie. Er ist Patricks Vater.«
»Aha.«
»Wir kommen gut alleine klar. Sie haben River mitgenommen, damit ich nicht auf ihn aufpassen muss. Und Patrick ist doch schon 16«, fügt sie rasch hinzu.
»Wann kommen sie zurück?«
»Bald«, antwortet sie vage.
»Du gehst also zur Schule und machst alles ganz allein, wenn sie nicht da sind?«
»Ich gehe nicht zur Schule. Ich lerne zu Hause.«
»Wie? Du gehst … überhaupt nicht?«
»Nein.«
Also viel wird sie bestimmt nicht lernen, während ihre Eltern in Kopenhagen sind, denke ich und befürchte zugleich, dass sie mir ansieht, was mir durch den Kopf geht.
»Ich spreche Englisch, Dänisch und Deutsch«, sagt Rainbow leise. »Aber am liebsten mache ich Musik. Außerdem koche ich gerne. Ich will später mal Köchin werden.«
Das hört sich so viel beeindruckender an als alles, was ich bisher in der Schule erreicht habe. »Du musst sehr schlau sein.«
»Bin ich nicht, aber du solltest es mal selbst ausprobieren … zu Hause lernen, meine ich, und sehen, ob’s funktioniert. «
»Ja, vielleicht. Aber meine Mutter will auf jeden Fall, dass ich zur Schule gehe – schon allein damit ich aus dem Haus bin«, entgegne ich trocken. Wie lachen beide.
Rainbow holt ihre Kleider.
Ihre Jeans ist ein wenig zu groß für mich, aber ihr cremefarbenes Shirt ist so hübsch, dass ich wünschte, ich könnte es immer tragen. Ich werfe einen verstohlenen Blick in den beschlagenen Spiegel.
»Es passt perfekt zu deinen dunklen Haaren und Augen«, sagt sie. »Es steht dir viel besser als mir. Behalt es einfach.«
Ich schaue sie ungläubig an. So ein wunderschönes Oberteil? Es muss sehr teuer gewesen sein. »Ist doch nur ein Shirt, Sapphire«, fügt Rainbow hinzu, als amüsiere sie sich über meine Reaktion. »Du kannst es wirklich gerne haben. «
Vielleicht sind sie ja reich. Doch andererseits würden reiche Leute nicht in einem so winzigen Haus wohnen. Ich sollte ablehnen, aber die Versuchung ist groß.
»Es gehört dir!«, sagt Rainbow entschieden.
»Danke«, murmle ich. Ich habe stets Schwierigkeiten, meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, selbst wenn ich wirklich dankbar bin.

Als wir ins Wohnzimmer kommen, sitzen sie alle vor dem Kamin. Da nicht genug Stühle da sind, hat Patrick ein paar große Kissen auf den Boden gelegt. Er hat auch einige Flaschen Bier geholt und jeder erzählt jetzt seine Version von der Rettung des Delfins.
Ich sitze schweigend da und trinke meinen Tee. Der Delfin ist wieder sicher in Indigo, während ich mich in einem warmen, erleuchteten Raum befinde; das Kaminfeuer prasselt, alle Gesichter sind vor Erleichterung und vom Bier gerötet. Die Haustür ist fest verschlossen, die Nacht und der Regen können uns nichts anhaben. Diese Häuser sind schon sehr alt. Manche von ihnen haben bereits seit über 400 Jahren den Stürmen standgehalten, die von Südwesten heranziehen. Rainbows Wohnzimmer strahlt eine solide Behaglichkeit aus. Obwohl es so nahe am Meer liegt, scheint es doch fest mit der Erde verbunden zu sein.
Der schmale Raum wird von Stimmen und Gelächter erfüllt, und es ist ein gutes Gefühl, ein Teil davon sein.
Rainbow kommt zu mir herüber und nimmt meinen leeren Becher. Möchtest du noch etwas Tee? Ist dir noch kalt?«
Conor legt mir den Arm um die Schultern. »Endlich hast du aufgehört zu zittern. Ich hab mir Sorgen um dich gemacht, Saph. Deine Lippen waren schon ganz blau.«
»Ich habe gar nicht gefroren, als ich im Wasser war.«
»Da warst du benommen«, schaltet sich Roger ein. »Gott sei Dank hast du keine Unterkühlung davongetragen.«
Und wenn schon, denke ich im Stillen. Du hättest bestimmt gewusst, was zu tun gewesen wäre.
»Sapphire kann sich sogar mit Delfinen unterhalten«, sagt Mal unschuldig. »Habt ihr das gehört? Was hast du zu dem Delfin gesagt, Saph?«
Alle schauen mich an und lächeln über diesen Scherz.
»Nur Conor nennt mich Saph!«, entgegne ich kühl. Mal wendet sich errötend von mir ab. Für einen Moment habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich die Stimmung verdorben habe. Doch Rainbow nimmt sich ein Handtuch und beginnt, Mals lange Surferhaare trocken zu rubbeln, indem sie ihn damit aufzieht, dass er sicherlich seinen Föhn vermisst, und plötzlich ist die Stimmung wieder genauso entspannt wie zuvor. Ich reiche Mal mit versöhnlicher Miene den Teller mit den Schokoladenkeksen, doch leider wackelt er so stark, dass ihm vier Kekse in den Schoß fallen.
»Du zitterst ja schon wieder«, sagt er überrascht, indem er die Kekse aufhebt.
»Die Kälte muss sie völlig durchdrungen haben«, sagt Roger, der meine Hand nimmt und zu reiben beginnt. »Die ist ja eiskalt. Warst du nicht eben in der heißen Badewanne?«
»Aber mir ist nicht kalt.«
Alle blicken mich besorgt an. Rainbow holt von oben eine Bettdecke und legt sie mir um die Schultern.
»Du brauchst ein bisschen mehr Fleisch auf den Rippen«, sagt Mals Vater. »Hier, nimm noch einen Schokoladenkeks.«
Dann wendet sich das Gespräch wieder dem Meer zu. Wie kommt es, dass zurzeit so viele Delfine stranden, mehr als je zuvor? Geraten sie in die Schleppnetze der Trawler? Werden sie krank? Wird ihr Echolot durch militärische Sonarsysteme gestört?
Mals Vater gibt den Trawlern die Schuld daran. Patrick glaubt, dass es noch eine andere Ursache gibt, von der wir nichts wissen.
»Es bricht einem das Herz, ein so wundervolles Tier am Strand verenden zu sehen«, sagt Mals Vater.
Ich wünschte, Faro könnte das hören. Für ihn gibt es nur schwarz und weiß. Er glaubt, den Menschen sei Indigo völlig egal, weil es ihnen nur um Macht und Geld und mehr Platz zum Leben ginge. Faros Meinung nach gehen von Menschen nur Verschmutzung, Gefahr und Zerstörung aus.
Doch alle Leute, die sich hier versammelt haben, sind Menschen. Sie wissen nichts von Indigo, und doch haben sie darum gekämpft, den Delfin zu retten. Sie haben ihr Leben riskiert. Wenn ich Faro das nächste Mal treffe, werde ich ihm davon erzählen.
»Wir sollten jetzt nach Hause gehen«, sagt Roger schließlich und steht auf. »Eure Mum wird bald mit der Arbeit fertig sein.«
Es fällt schwer, die Wärme und Gemeinschaft zu verlassen. Rainbow und Patrick haben es wirklich gut. Sie haben ein Haus ganz für sich, und wenn sie morgens aufwachen, können sie tun und lassen, was ihnen gefällt. Ich frage mich, wie lange ihre Eltern verreist sein werden.
»Wann kommen eure Eltern eigentlich zurück?«, fragt Mals Vater, als hätte er meine Gedanken gelesen.
»In ein paar Wochen«, antwortet Patrick leichthin.
»Ihr zwei scheint ja ziemlich gut klarzukommen«, sagt Mals Dad anerkennend. Er findet, dass die meisten Kinder heutzutage viel zu sehr verwöhnt werden – sie studieren alle, wollen in die Medienbranche und liegen ihren Eltern auf der Tasche, obwohl sie längst ihr eigenes Geld verdienen sollten. Patrick hat einen Fulltime-Job im Surfshop. Doch Conor hat mir erzählt, dass Mal Arzt werden will, was ein jahrelanges Studium erfordert. Warum nur akzeptieren Eltern ihre Kinder nie so, wie sie sind? Ich glaube, meine Mutter wäre im siebten Himmel, wenn ich ihr erzählen würde, dass ich Ärztin werden will. Sie hat Conor und mir stets gesagt, dass es nicht am Geld scheitern soll, wenn wir einen Beruf ergreifen wollen, der eine lange Ausbildung voraussetzt.
»Ihr wisst, dass wir nicht viel Geld haben, aber ich würde alle Hebel in Bewegung setzen, damit ihr eure Pläne verwirklichen könnt. Ich kann auch jederzeit einen zweiten Job annehmen.« Wenn Mum dies sagt, wirkt sie so wild entschlossen, dass ich wünschte, mein Ehrgeiz wäre groß genug, um sie zufriedenzustellen.

Wir verlassen das Haus von Rainbow und Patrick und gehen die regennasse Straße hinunter.
»Schauen wir mal, ob Jennie schon zurück ist. Wenn nicht, gehe ich zum Restaurant und hole den Schlüssel«, sagt Roger.
Hinter den vorgezogenen Vorhängen brennt Licht. Mum macht sich vielleicht gerade eine Tasse Tee. Sie entspannt sich vor dem Schlafengehen noch gerne eine halbe Stunde vor dem Fernseher, den sie so leise stellt, dass wir davon nicht aufwachen. Sie glaubt, dass Conor und ich in unseren Betten liegen und schlafen, doch in wenigen Sekunden werden wir in der Haustür erscheinen. Sie wird davon bestimmt nicht begeistert sein. Roger zögert. »Natürlich müssen wir eurer Mutter bis zu einem gewissen Grad die Wahrheit erzählen, aber es besteht kein Grund, sie unnötig zu beunruhigen«, sagt er.
»Wir werden ihr im Groben berichten, was passiert ist«, schlägt Conor vor.
»Genau«, stimmt Roger zu. »Wir brauchen zum Beispiel nicht zu erwähnen, dass Sapphire im Wasser war.«
»Natürlich nicht.«
»Das würden wir nie tun«, füge ich hinzu und ernte einen scharfen Blick von Roger. Doch es ist zu dunkel, als dass er meine Miene erkennen könnte.
Sobald Conor und ich im Bett liegen, muss ich ihm von Dad erzählen. Es gibt keinen Grund, es länger hinauszuzögern. Conor würde fuchsteufelswild werden, wenn ich es länger für mich behalten würde als unbedingt nötig.
Ich denke an den Tag von Dads Trauerfeier zurück. Conor und ich hatten uns geschworen, nicht aufzugeben, bis wir Dad gefunden hätten. Alle anderen trauerten um ihn, doch wir waren uns sicher, dass er noch lebt.
Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn er gestorben wäre. Einfacher, als Conor erzählen zu müssen, dass Dad zwar lebt, aber selbst sagt, dass er nicht zu uns zurückkehren kann.