|173|Die Amazonen in der Archäologie

Wenn Archäologen, DNA-Spezialisten, Bundeskriminalamt und ZDF gemeinsam an der Lösung des Amazonenrätsels arbeiten, ist die Erwartungshaltung groß.

Was hatten die Archäologen Jeannine Davis-Kimball und Leonid Jablonskij im Jahr 1994 gefunden, das die Vermutung, es könne die Amazonen wirklich gegeben haben, in die Nähe der Gewissheit rückte?

Der russische Archäologe hatte seine amerikanische Kollegin eingeladen, mit ihm zusammen einen Kurgan zu untersuchen, einen Grabhügel, der bereits ein Jahrhundert zuvor entdeckt und geöffnet worden war. Die Forscher von damals hatten nur Spuren von Plünderern entdeckt, doch der Archäologe ahnte, dass die ungewöhnliche Größe und die Lage des Grabmals auf ein Geheimnis im Inneren verwiesen.

Kurgane sind in der Ukraine und Zentralrussland häufig zu finden. In vorgeschichtlicher Zeit stellten sie einen Fixpunkt im Leben der Nomaden dar, die über Generationen hinweg hierher kamen, um ihre Toten zu bestatten. Diese Gräber könnten demnach aufschlussreiche Informationen geben über die Zeit, in der |174|auch die Amazonen gelebt hätten. Allerdings befanden sich sämtliche gefundene Kurgane im Nordpontusraum und damit weit entfernt von der Heimat der Amazonen am Südufer des Schwarzen Meeres. Konnte es überhaupt eine Verbindung geben zwischen den Grabhügeln der russischen Steppenlandschaft und den Kriegerinnen von damals?

Auszuschließen war es nicht, denn die Amazonen legten auf ihren Kriegs- und Beutezügen große Distanzen zurück bis in Gebiete, die so weit im Norden lagen, dass die Geographen der Antike noch keinen Begriff von ihnen hatten.

Zum anderen gibt es in den antiken Quellen immer wieder Verweise auf eine Verbindung zwischen Amazonen und Skythen oder Sauromaten, die in diesen Gegenden lebten. Besonders die Geschichten über den Anfang und das Ende des Amazonenreiches sind hier lokalisiert.

Justin, auf dessen Bericht von der Vorgeschichte der Amazonen sich dieses Buch stützt, hat erzählt, dass die ersten Amazonen skythische Frauen waren, die sich eine neue Identität als Amazonen gegeben hatten, nachdem ihre Männer in einen feindlichen Hinterhalt geraten waren und die Frauen sich schutzlos von feindlichen Stämmen umgeben sahen.

Herodot lässt die Geschichte der Amazonen dort auch wieder zu Ende gehen. Er erzählt: Als die Griechen an den Thermodon kamen, um Hippolytes Gürtel zu holen, kam es zum Kampf zwischen Griechen und Amazonen. Die Griechen nahmen alle Amazonen, die sie gefangen genommen hatten, mit auf ihre Schiffe. Auf See griffen die Frauen an und besiegten die Griechen, konnten aber die Schiffe nicht navigieren. Von Wind und Wellen getrieben, strandeten sie schließlich auf skythischem Gebiet. Die Skythen hielten die Kriegerinnen zunächst für Männer. Als sie ihre wahre Identität entdeckten, schickten sie eine kleine Gruppe junger Männer zu den Amazonen mit dem Auftrag, freundlich und zurückhaltend Kontakt zu suchen und ihr Vertrauen zu |175|gewinnen. Wenn das gelungen war, sollten sie die Amazonen nach Möglichkeit überreden, sich dem Volk der Skythen anzuschließen und mit ihnen Nachwuchs zu zeugen, von dem sie sich hohes kriegerisches Talent versprachen.

So geschah es. Die Amazonen freundeten sich mit den jungen Skythen an und willigten sogar ein, mit den Männern zusammenzuleben, allerdings nicht bei deren Stamm. Dazu sei ihre Lebensweise und die der skythischen Frauen zu verschieden, argumentierten sie.

Die Männer willigten ein und zogen gemeinsam mit ihnen in ein benachbartes Gebiet. Aus dieser Vereinigung zwischen Skythen und Amazonen gingen die Sauromaten hervor, jener Volksstamm, bei dem die Frauen gleichberechtigt an der Seite ihrer Männer arbeiteten, jagten und in den Krieg zogen.

Das war Herodots Erklärung für das Verschwinden der Amazonen. Kann sie durch archäologische Funde untermauert werden?

Vielleicht lag die Antwort in dem Kurgan, den Jeannine Davis-Kimball und ihr russischer Kollege nun genau inspizierten. Er war sehr oberflächlich geplündert worden, denn die beiden Archäologen stießen bald auf Gold. Dutzende von Goldperlen – waren sie Teil einer reich verzierten Rüstung? Sie fanden Broschen und Applikationen, die Überreste prunkvoller Kleidung, ein Trinkgefäß aus purem Silber und einen Spiegel als ersten Hinweis darauf, dass es sich um das Grab einer Frau handelte. Ein Ohrring erhärtete die Vermutung.

Aus der Lage des Skeletts schloss das Team, dass die Tote in Angriffshaltung bestattet wurde. Die Oberschenkelknochen waren gebogen und die Steißbeinwirbel gestaucht, was darauf hinwies, dass sie viel geritten ist – aber hatte sie auch gekämpft?

Eine neue Entdeckung schien diese Frage zu beantworten. 110 filigran gearbeitete Pfeilspitzen fanden sich unter den Grabbeigaben. Es könnte sich demnach um eine Kriegerin handeln, die einen hohen Rang innegehabt haben musste, vielleicht sogar eine |176|Stammesfürstin gewesen war. Das Grab war für sie allein angelegt worden, und diese Einzelstellung konnten nur hoch stehende Persönlichkeiten für sich beanspruchen.

Auch in anderen Kurganen war man schon auf ähnliche Pfeilspitzen gestoßen und hatte sie aufgrund dieses Waffenfundes automatisch Männern zugeordnet. Das könnte sich nachträglich als Irrtum herausstellen, wenn diese Tote definitiv eine Frau war.

Jeannine Davis-Kimball brauchte Gewissheit. Der DNA-Spezialist Joachim Burger sollte die Frage, ob es sich um einen Krieger oder eine Kriegerin handelte, eindeutig klären. Tief im Knocheninneren fand er tatsächlich noch organisches Material – nach 2 500 Jahren. Seine Analyse brachte die gewünschte Eindeutigkeit: Die Tote war eine Frau.

Man hatte eine berittene Kriegerin gefunden aus der Zeit, in der die Geschichten von den Amazonen kursierten. Wie mochte sie ausgesehen haben? In den Quellen wird einmal erwähnt, dass die Amazonen groß und blond gewesen seien. Passte die Kriegerin in dieses Bild?

Jetzt war das Bundeskriminalamt gefragt, das aus dem zur Verfügung stehenden Material das Gesicht einer jungen Frau mit europäischen Zügen rekonstruierte.

Mit diesem „Fahndungsfoto“ in der Hand verließ Jeannine Davis-Kimball die Ausgrabungsstelle und begab sich auf eine Abenteuerreise, die sie bis ins chinesische Grenzgebiet führen sollte.

Der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war: Sie hatte den Beweis, dass es Kriegerinnen der Steppe gegeben hatte. „Ihre“ Tote hatte gelebt, Verwandte gehabt, vielleicht selbst Kinder geboren, die sich wahrscheinlich auch fortgepflanzt hatten. Die genealogische Linie könnte sich über Jahrhunderte, ja über Jahrtausende hinweg erhalten haben. Was wäre, wenn sich Nachfahren der Amazonen finden ließen?

Um noch mehr über die Lebensweise der Steppenkriegerinnen zu erfahren, reiste sie zunächst nach Ulgii, die Hauptstadt einer mongolischen Provinz, wo ihre Tradition noch lebendig war. Die |177|Frauen hier galten als exzellente Bogenschützinnen, was sie in sportlichen Wettkämpfen immer wieder unter Beweis stellten.

In diesem Ort gab es auch eine Art Heimatmuseum, wo Trachten, Accessoires und Fundstücke aus der Region ausgestellt waren. Für Davis-Kimball wurde dieses Museum zu einem Ort der Offenbarung. Hier sah sie zum ersten Mal die typischen, spitz zulaufenden Hüte der Steppenkriegerinnen, verziert mit ähnlichen Goldperlen, wie sie sie im Kurgan gefunden hatte. Sie gehörten also vielleicht nicht wie vermutet zur Rüstung, sondern waren Teil des Kopfschmucks. Ähnliche Muscheln wie die, die sie in den Gräbern der Steppe gefunden hatte, verzierten hier die Gürtel.

Es waren Details, aber in der Summe bestätigten sie Davis-Kimballs Annahme, dass es ranghohe Steppenkriegerinnen gegeben hatte, die über Reichtümer verfügten und sie zu Repräsentationszwecken einsetzten.

Auf ihren Spuren reiste sie weiter zu einem Nomadenvolk, das in den Bergen an der Grenze zu China lebte. Bei ihnen, erzählte man, würde ab und zu ein Kind geboren, das anders aussehe als die anderen.

Das Kind, das die Archäologin hier fand, war ein neun Jahre altes Mädchen mit haselnussbraunen Augen, blondem Haar und Gesichtszügen, in denen sich sowohl mongolische als auch europäische Einflüsse spiegelten. War sie eine Nachfahrin der Steppenkriegerinnen von vor 2 500 Jahren?

Wieder war der Molekular-Anthropologe gefragt. Er sollte herausfinden, ob die DNA, die er aus den Knochenfunden im Kurgan gewonnen hatte, Gemeinsamkeiten mit den Erbanlagen des kleinen Mädchens zeigte.

Was Dr. Joachim Burger nach wenigen Tagen bekannt gab, glich, in seinen eigenen Worten, einem Lottogewinn. Die DNA des kleinen Mädchens war verwandt mit der der Kriegerin aus dem Kurgan.

Für Jeannine Davis-Kimball war das der letzte noch fehlende Beweis. In der kleinen Meiramgul lebten die Kriegerinnen der Steppe fort:

|178|„Meiramgul ist die Nachfahrin einer Steppenkriegerin. Jener Frauen, die vor 2 500 Jahren einen Mythos inspirierten. Einst verschleiert in schillernden Legenden, lange verborgen in der kargen Erde der eurasischen Steppen. Es gab sie: Jene Kriegerinnen, die diesen Namen verdienten. Und es gibt sie noch heute.“

Mit diesen Schlusssätzen legte Jeannine Davis-Kimball nahe, dass eine Verbindung existiert zwischen der vor zweieinhalb Jahrtausenden gestorbenen Kriegerin und dem Mythos von den Amazonen. Ohne den Wert ihrer Recherchen schmälern zu wollen, muss aber gesagt werden, dass diese Verbindung nicht nachweisbar ist. Ob die Amazonen identisch waren mit diesen Kriegerinnen, ob die Reiterinnen der Steppe den wahren Kern darstellten, um den herum sich die Amazonensagen bildeten, oder ob sie gar nichts mit ihnen gemein hatten – das ist nicht herauszufinden.

Wie weit kann die Archäologie gesicherte Aussagen treffen zu der Frage, ob es die Amazonen wirklich gab?

Professor Renate Rolle vom Archäologischen Institut der Universität Hamburg sagt unmissverständlich: „Es ist heute möglich, von Amazonen in der Realität der Antike zu sprechen.“

Bei dieser Annahme bezieht sich auch die deutsche Archäologin auf Herodots Bericht über das Aufgehen der Amazonen im Stamm der Sauromaten. Und dazu passt eine ganze Reihe von archäologischen Befunden:

In den pontisch-kaspischen Steppen sowie im südlich anschließenden Steppenbereich der Ukraine sind Gräber bewaffneter Frauen gefunden worden. Im Jahr 1986, als Renate Rolles Bericht erschien, gab es 40 „gesicherte“ Amazonengräber. Diese Zahl galt damals schon als Minimum, da bei älteren Ausgrabungen ein Grab mit Waffenbeigaben automatisch einem Mann zugeordnet worden war. Doch selbst dann, wenn diese Zuordnung korrigiert würde und man mit weiteren Grabfunden rechnete, kann „aus archäologischer Sicht von ‚Amazonenheeren‘, jedenfalls in Osteuropa, nicht die Rede sein“.

|179|Bei der Frage, ob die gefundenen Waffen – meist Pfeile – überhaupt Angriffswaffen waren oder einfach für die Jagd gebraucht wurden, brachte ein Fund an der nördlichen Schwarzmeerküste den Durchbruch. Das Grab wurde einer jungen Frau zugeordnet. Es enthielt Bronze- und Silberschmuck, Pfeile, Bogen, vier Lanzen sowie einen mit Eisenlamellen besetzten Kampfgürtel. Das Grab gehörte zu einer kleinen Untergruppe von Frauengräbern, die nicht nur Pfeil und Bogen, sondern ganze Waffenkombinationen, Rüstungsteile und manchmal sogar Pferde enthielten. Die große Zahl von Waffen, die in ihrer Kombination sinnvolle Angriffswaffen darstellten, sprach dafür, dass diese Frauen mehrere Kampfdisziplinen beherrschten.

20 solcher Gräber wurden bisher gefunden, bei denen man zweifelsfrei von echten Kriegerinnen der Antike sprechen kann. Neben Pfeil und Bogen enthielten sie Lanzen, Wurfspieße und Schwerter, metallverstärkte schwere Gürtel, die im Kampf die Lenden schützten, und kostbaren Zierart am Wehrgehenk. Außer Waffen wurden auch spezifisch weibliche Beigaben wie Spiegel, Ohrringe und Schminke gefunden, ebenso kleinteiliger Schmuck und aufwendig gearbeitete Kopfbedeckungen, die darauf hinwiesen, dass die Kriegerinnen auf ihr Aussehen Wert legten und ihre Weiblichkeit nicht etwa versteckten, um für Männer gehalten zu werden. Im Gegenteil, sie zogen selbstbewusst als Frauen gegen den Feind.

Das älteste dieser Gräber stammt aus Kaukasien und gehört an das Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. Bestattet war hier eine 30bis 40-jährige Frau, an deren Schädel die Spur einer schweren Verletzung zu erkennen war. Die Wunde konnte als Folge eines Schlags oder Stichs identifiziert werden, hervorgerufen durch eine Speerspitze oder einen Stein. Als Beigaben fanden sich eine Lanze, ein Dolch aus Eisen, der Unterkiefer eines Pferdes sowie Schmuck und Tongefäße.

Andere Gräber mit ähnlichen Beigaben datierten die Archäologen auf einen Zeitraum zwischen dem 6. und dem 4./3. Jahrhundert v. Chr.

|180|Obwohl es keine Hinweise auf organisierte Frauenheere gibt, sind inzwischen doch viele Einzelheiten aus den antiken Berichten über die Amazonen archäologisch erfasst. Aufgrund der Skelettfunde lassen sich sogar Aussagen über das Aussehen dieser Frauen treffen. Sie waren zwischen 1,49 cm und 1,64 cm groß und vom Typus her kräftige, aber schlanke Fünfkämpferinnen. Dass sie mehrere Disziplinen beherrschten, verraten die Waffenbeigaben, die Kraft, Schnelligkeit und Geschicklichkeit in ihrer Handhabe gefordert haben mussten.

Die Funde bestätigen weitgehend das, was in den Texten überliefert wurde: „Aufgrund der Schriftquellen und der archäologischen Situation scheinen Amazonen in gleichberechtigter Stellung vielfach eine Normalität reiternomadischen Lebens dargestellt zu haben.“

Ob und wieweit diese Kriegerinnen der Steppe den Amazonen, von denen uns die antiken Autoren berichten, ähnelten, wissen wir nicht. Ob sie so mutig waren und stolz, Furcht erregend und begehrenswert, grausam und unbesiegbar, ob es den Staat aus freien Frauen, zu einer Gemeinschaft verschworen durch ein blutiges Ritual und ein grausames Gesetz wider sich selbst, je gegeben hat – darauf kann die Archäologie keine Antwort geben.

Aber gerade dadurch, dass sie sich weigern, geschichtlich zu werden, bleiben die Amazonen gegenwärtig in den Geschichten über die Töchter von Liebe und Krieg, unbändig schön, schlau, stark.


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