Das Geheimnis der Pferde
Mit dieser Idee eines idealen und reinen Gemeinwesens vor Augen wurden die Frauen tätig. Noch wusste kein Außenstehender, was die Skythinnen im Schilde führten. Umgekehrt drohte ihnen immer noch Gefahr seitens rachsüchtiger Nachbarvölker. Es war mehr als dringlich, sich jetzt sofort der kriegerischen Ausbildung zu widmen. Das hieß: Pferdeausbildung, Reiten und Bogenschießen wurde von Staats wegen verordnet. Die Skythinnen orientierten sich dabei an dem, was sie bei ihren Männern gesehen und gelernt hatten. Es war ihnen klar, dass die Nomadenkrieger ihre Herrschaftsansprüche durchgesetzt hatten, weil sie auf einen einzigen Verbündeten setzten – das Pferd. Und diese Tradition führten sie weiter. Sie übernahmen den noch vorhandenen Bestand an Pferden, arbeiteten mit ihnen und züchteten Reitpferde, die in Aussehen und Charakter den heutigen Arabern glichen. Ihr kleiner, edler Kopf mit den ausdrucksvollen Augen verriet Intelligenz. Der kurze, gut proportionierte Körper machte die Pferde wendig, ihre langen Beine und die insgesamt schlanke Silhouette deuteten auf Ausdauer und Schnelligkeit. All diese Eigenschaften musste das ideale Kriegspferd besitzen, um seine komplexen Aufgaben erfüllen zu können. Gemeinsam mit den Pferden trainierten die Reiterinnen, hohes Tempo und die Fernwaffen Pfeil und Bogen so einzusetzen, dass der Feind in kürzester Zeit verwirrt und handlungsunfähig war, während sie selbst auf Distanz blieben und das eigene Risiko minimierten. Sie lernten, zwischen überraschendem Angriff und plötzlicher Flucht zu wechseln und |28|damit eine – im Vergleich zur herkömmlichen Kampfweise zu Fuß – sehr fortschrittliche Strategie umzusetzen: Die Reiterkriegerinnen agierten, als seien sie selbst bewegliche Waffen, und sorgten für eine gründliche Desorientierung des Gegners. Sie setzten ihr ganzes reiterliches Können daran, als möglichst chaotischer, wilder Haufen zu erscheinen, der schießend, ausfallend, wendend und flüchtend ein Durcheinander stiftete, das je unübersichtlicher, desto erfolgreicher operierte. Damit erschwerten sie ihren Gegnern das Erkennen und Einschätzen ihrer Aktionen. Krönung dieser Verwirrtaktik war die Spezialität des „Rückwärtsschießens“, wobei Flucht und Angriff in einer Bewegung zusammenfielen.
Der Erfolg dieser Art von Kriegführung beruhte auf Schnelligkeit, gründlicher Ausbildung von Mensch und Pferd sowie hohem Täuschungsvermögen. Sie erforderte unbedingten Gehorsam der Pferde und reiterliche Perfektion. Stopps aus dem vollen Galopp, blitzartige Wendungen und erneutes Angaloppieren mussten fließend, bei hohem Tempo und auf großem Raum ineinander übergehen. Die Reiterinnen saßen noch ohne Sattel auf dem Pferd, verfügten aber schon über Trense und Zügel. Trotzdem musste das Pferd in der Lage sein, auch bei hingegebenem Zügel der Reiterin zu folgen, wenn diese ihre Hände für Pfeil und Bogen brauchte. Es musste außerdem lernen, im richtigen Moment, wenn die Bogenschützin ihre Pfeile nach hinten abschoss, die Gewichtsverlagerung der Reiterin zu ignorieren und geradeaus weiterzugaloppieren. Die Stimme und die vorwärts treibenden Schenkel waren dann die einzigen Hilfen, auf die das Pferd zu reagieren hatte. Obwohl die Kriegerinnen keinen Wert auf guten Reitstil legten und diejenige als beste Reiterin galt, die bei ihrem Pferd maximale Leistung mit optimalem Gehorsam zu verbinden wusste, war grobes Verhalten dem Tier gegenüber nicht üblich. Das Reiten musste nebenbei erfolgen und durfte nicht in einen Kampf mit dem Pferd ausarten. Denn die Hauptaufgabe der Kriegerin war ja das Bogenspannen, Zielen und Schießen. Grobe Hilfen hätten bei diesen Aufgaben, die einen absolut ruhigen Sitz und hohe Konzentration verlangten, |29|nur gestört. Aus praktischen Gründen lag es also nahe, die Pferde so auszubilden, dass sie bereits auf feine Einwirkungen reagierten. Sogar Elemente der hohen Dressur waren inbegriffen: So wurden die Tiere auch zum Niederknien abgerichtet, um die Reiterin schnell und einfach aufsitzen zu lassen. Deren Ausbildung war erst abgeschlossen, wenn sie absolut sicher auf dem Pferd saß und bei schnellem Manövrieren keine Unsicherheit zeigte. Ein Sturz hätte das Aufgreifen durch einen Gegner und damit das Todesurteil bedeuten können.
Je perfekter die Frauen das Kriegshandwerk lernten und je inniger ihr Verhältnis zu den Pferden wurde, desto mehr veränderten sie sich selbst. Ihre Körper wurden infolge des täglichen Trainings schlanker und muskulöser, das Zielen und Schießen vom Pferderücken aus gewöhnte sie an eine aufrechte Haltung, die Arbeit mit den Jungpferden, die zu absolut verlässlichen Partnern herangezogen werden mussten, verlangte eine klare Körpersprache und hohe Körperspannung.
Die Pferdedressur begann mit der Bodenarbeit, bei der das junge Tier lernte, seine Ausbilderin nachzuahmen. Es lernte das Niederknien, die schnellen Wendungen und plötzlichen Stopps, indem es seine Trainerin beobachtete und ihre Aktionen wiederholte, die sie mit stimmlichen Kommandos verband. Im nächsten Schritt wurde von ihm gefordert, auf Zurufe zu reagieren, wenn die Amazone auf seinem Rücken saß und ihrer Stimme mit einem Schenkeldruck oder einem Klatscher auf den Pferdehals Nachdruck verlieh. Ein für den Kriegseinsatz taugliches Pferd konnte schließlich stimmliche Nuancen und minimale Schenkel-, Zügel- und Gewichtshilfen verstehen, kombinieren und blitzschnell in der eigenen Bewegung umsetzen. Das ganz besondere und innige Verhältnis, das zwischen Amazone und Pferd bestand, beruhte letzten Endes darauf, dass beide Partner gemeinsam eine primitive, präzise und leicht erlernbare Sprache zur Verfügung hatten, über die sie sich blind verständigen konnten. Diese pferdegerechte |30|Ausbildung festigte das Vertrauen des Tieres in seine Reiterin. Es orientierte sich an ihr, so wie es sich auch in seiner natürlichen Umgebung stets am Verhalten des ranghöchsten Tieres orientierte.
Von den Ausbilderinnen und Reiterinnen erforderte diese Erziehung ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Körperbeherrschung. Während sie ihren Pferden Schnelligkeit, Mut und aggressives Vorgehen lehrten, lernten sie es selbst. Sie schulten sich und ihre Tiere auf der Jagd, die ihr einziger Lebensunterhalt war, da sie als Kriegerinnen und Nomadenfrauen kein Getreide anbauten, also ohne Mehl und Brot auskamen. War die Jagd erfolglos oder die Frauen auf Kriegszug, ernährten sie sich von Schlangen und Eidechsen. Ihre grünen Augen, munkelte man später, hätten die Amazonen von den Eidechsen, ihre Widerstandskraft von dem Schlangengift, das – in kleinen Mengen genossen – immunisierend wirke, und ihr unbändiges Wesen vom Wild, das sie ernährte.