|25|Der Amazonenstaat

Eine Wahl zwischen Leben und Tod

Die skythischen Frauen taten nun etwas, was die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Sie verweigerten die Opferrolle, verwarfen den Gedanken, heimlich bei Nacht und Nebel in die alte Heimat zurückzukehren und machten aus der Not eine Tugend. Es erhob sich keine zweifelnde oder mahnende Stimme, als sie zusammen Rat hielten und beschlossen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Mit Waffengewalt wollten sie sich gegen die erwarteten Vergewaltigungen und Verschleppungen wehren. Schließlich waren sie Skythinnen, die mit Pferden und Waffen umgehen konnten, wenn Not am Mann war. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie als Kriegerinnen im Reiterheer mitkämpften, wenn ein Angriff stattfand, während ein Teil des Heeres auf Expansionszug war. Aber die Skythinnen, die in der Ebene von Themiskyra festsaßen, wollten mehr. Und anderes. Sie sahen in ihrer aussichtslosen Lage auch die Chance, Kriegerinnen bleiben zu dürfen und nicht mehr in ein Frauenleben zurückkehren zu müssen, über das doch die Männer entschieden. Und so gründeten sie einen Staat, der ein reiner Frauenstaat sein sollte, basierend |26|auf den Grundwerten Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit.

Zwei Königinnen standen an der Spitze des neuen Staatswesens. Die ersten beiden, Marpessa und Lampedo, wurden demokratisch vom Volk der Frauen gewählt. Danach war die Monarchie erblich, sodass immer die Tochter einer Königin ihrer Mutter auf den Thron nachfolgte. Es war eine kluge und weitsichtige Entscheidung, zwei Königinnen zu wählen und zwei Heere zu bilden. Das kleinere wurde ausschließlich mit Defensivaufgaben betraut und blieb unter der Führung einer Königin stets in der Gegend von Themiskyra. Das größere Heer sollte in Zukunft – nach gelungener Verteidigung und Stabilisierung des Staates – unter dem Oberbefehl der zweiten Königin Eroberungsfeldzüge unternehmen.

Soweit war es aber noch lange nicht. Noch saßen die Frauen in der Gründungsversammlung und gaben dem neuen Staat Form und Inhalt. Das Staatsziel war die Freiheit, die Form eine Monarchie, die Verfassung beruhte auf Gleichheit. Die Funktionen der beiden Königinnen beschränkten sich auf den militärischen Oberbefehl und repräsentative Aufgaben. Für den Zusammenhalt des neuen Staates wurde ein hohes Verantwortungsbewusstsein jeder einzelnen Staatsbürgerin gegenüber dem Gemeinwesen verlangt und vorausgesetzt.

Das Ideal der Gleichheit besiegelten die Frauen als Erstes in der ihnen eigenen Radikalität: Nicht alle ihre Männer waren umgekommen, als sie im Gefolge von Plynos und Skolopitos in den Hinterhalt gelockt wurden. Einige wenige konnten entkommen – zu wenige jedoch, um den Frauen Schutz und Sicherheit garantieren zu können. Diese Männer opferten die Frauen der Staatsraison. Sie töteten sie, damit ihr Staatswesen von Anfang an eine Gemeinschaft von Gleichen sei.

Mit dem Ziel, die Freiheit zu erkämpfen und zu erhalten und in der Gewissheit, dass sich alle Staatsbürgerinnen diesem Ziel aus eigenem Interesse verpflichtet fühlten, verzichtete die Gründungsgemeinschaft auf eine Rechtsordnung. Explizit gab es nur |27|ein Gesetz, das absolut verpflichtend war, das den Frauenstaat von allen anderen Staatsformen unterschied und ihn als einmaliges Phänomen der Weltgeschichte klassifizierte. Das Gesetz, von dem die Existenz dieses Staates abhing, forderte von jeder einzelnen Angehörigen den Verzicht auf die Liebe zu einem Mann.