ZEHN

~ Von Hochzeiten und Küssen ~

Narcise hörte ein Geräusch.

Ihre erste Reaktion war Erleichterung: Hatte Chas etwas vergessen und war zurückgekehrt?

Er war lediglich ein paar Stunden fort gewesen – vielleicht in London und brachte dort seine Angelegenheiten in Ordnung und traf Vorbereitungen und war jetzt zurückgekehrt. Oder hatte eingesehen, dass er letzten Endes doch nicht gehen musste. Vielleicht hatten sie Angelica bereits gerettet. 

Aber diese erste Reaktion währte nicht lange und wurde durch ein ganz anderes Gefühl verdrängt.

Sie lauschte angespannt, die Haare in ihrem Nacken schienen sich aufzurichten. Es war wahrscheinlich nichts als eine Maus oder ein Eichhörnchen gewesen, die ein kleines Steinchen über den Boden rollen ließen. Oder vielleicht war es der Wächter, für den Chas gesorgt hatte, oder sogar Dimitri, der ihr–

Das leicht scharrende Geräusch eines Fußes – kaum hörbar, sicherlich nicht für einen Sterblichen – machte, dass Narcise vom Bett herunterglitt und nach ihrem Säbel griff. Das war die eine gute Sache, die Moldavi getan hatte: Er hatte ihr beigebracht, mit einem Schwert zu kämpfen. Er hatte ihr gestattet, das zu lernen. Sicherlich hatte er dabei ebenso sehr sein eigenes Vergnügen im Sinn – zu sehen, wie sie die Klinge mit Männern kreuzte, die sie allesamt nur bespringen wollten – als auch im Sinn gehabt, ihr ein falsches Gefühl von Sicherheit zu geben – dass diese Fähigkeit ihr nützlich sein könnte, wenn sie eines Tages die Freiheit wiedererlangte. 

Letztendlich hatte es ihr nichts genutzt. Es war Chas gewesen, der sie befreit hatte, nicht ihre eigenen Fähigkeiten – eine Tatsache, die sie gleichermaßen wütend und dankbar machte.

Sie zog das Schwert aus seiner Lederscheide, drehte sich leichtfüßig um und glitt tief in die Schatten hinein.

Die schmale, aber tödliche Klinge in ihrer Hand beruhigte sie, und Narcise stand in einer Ecke hinter dem Türeingang und fragte sich, ob es für sie besser wäre, hier zu warten, bis wer auch immer das nun war hereinkam, oder ob sie durch die Tür hinausstürmen und ihrem Gegner dort zu ihren Bedingungen entgegentreten sollte. Aber die Chance dazu bekam sie nie.

Genau in dem Moment, als sich die Tür öffnete, roch sie ihn und sprang aus ihrem Versteck hinter der Tür hervor.

„Was tust du hier?“, fragte sie fordernd und stieß mit der Spitze ihrer Klinge in Giordans Brust. Genau unter seiner Halsgrube. 

„Wenn ich das verflucht noch mal wüsste“, erwiderte er und griff mit seiner bloßen Hand nach der Klinge und stieß sie weg von seiner Haut. Die Klinge zerschnitt ihm Handfläche und Finger, und augenblicklich füllte sich die Luft mit seinem Blutgeruch. 

Narcise machte eine Schritt rückwärts, wobei sie das Schwert sinken ließ. Ihr Herz hämmerte wild. Satt und warm und vertraut stieg ihr seine Essenz in die Nase. Trotz der Abscheu, die ihr wie eine Bleikugel in den Magen sank, konnte sie die instinktiven Reaktionen ihres Körpers nicht unterdrücken: Das Blut rauschte jetzt in ihren Adern, ihr Gaumen schwoll an, drohte ihre langen Zähne freizugeben, und das Wasser lief ihr im Mund zusammen. All ihre Sinne waren geschärft und angespannt. Sie schluckte, mehrmals. 

„Das hast du mit voller Absicht gemacht“, fuhr sie ihn an und trat noch weiter zurück. 

Giordans Gesichtsausdruck war nicht weniger feindselig. „Genau wie du, meine Liebe.“

Sie nahm ein Tuch zu Hilfe, um sein Blut von ihrer Klinge zu wischen, und schob den Säbel wieder in seine Scheide. „Ich frage dich abermals: Was tust du hier?“ Dann schüttelte sie den Kopf. „Vergiss die Frage. Geh einfach.“

„Nichts täte ich lieber“, erwiderte er. Seine blauen Augen glitten an ihr entlang und gaben Narcise zum ersten Mal nach langer Zeit das Gefühl, wieder schmutzig und verbraucht zu sein. „Aber Woodmore schickt mich. Er deutete an, hier sei etwas, was ich mir wieder holen solle. Wenn ich mich hier jetzt so umschaue, kann ich nur vermuten, er hat dich gemeint.“

„Ganz sicher nicht“, entgegnete sie. „Ich soll hier – in einem absolut sichern Versteck – bleiben, bis zu seiner Rückkehr mit Angelica.“

„Und falls er nicht zurückkommt?“, fragte Giordan sanft. Er war zum Bett gegangen und nahm eines der Laken, um den Schnitt an seiner Hand zu säubern.

„Dann werde ich zu Dimitri gehen. Er wird mich beschützen.“

„Ich habe dich nie als eine Frau betrachtet, die beschützt werden muss, Narcise. Du kannst dich sehr gut um dich selbst kümmern.“

„Außer, wenn mein Bruder mich weggesperrt hat.“

Giordan schaute sie an. „Selbst da warst du beeindruckend. Auf deine besondere Art.“

Sie drehte sich weg und verlegte sich darauf, daran zu denken, wie sie ihn hasste, und nicht an die Erinnerungen, die gleich einer Flut über sie schwappten, Vertrautheit und Empfindungen, die sie nur schwach machten. „Ich weiß nicht, warum Chas dich hergeschickt hat, aber ich gehe hier nicht fort. Schon gar nicht mit dir. Geh einfach.“

„Du weißt nicht, warum er mich hergeschickt hat?“ Er lachte kurz auf. Schneidend. „Ich schon. Hierher, wo ich ihn riechen kann, überall an dir. Wo ich euch beide auf dem Bett riechen kann, und an der Wand und überall. Dieser ganze Raum stinkt nach euch beiden, zusammen. Deswegen hat er mich hierher geschickt, meine Liebe.“ 

Narcise drehte sich wieder zu ihm, ganz beiläufig. „Warum verlängerst du dann dein Martyrium, Giordan? Niemand hier zwingt dich, in der Brühe deiner eigenen Eifersucht zu köcheln.“ Ihr Herz hämmerte jetzt hart, aber ihre Knie waren weich.

Seine Augen glühten rot auf, und ehe sie sich’s versah, stand er direkt vor ihr. Seine blutige Hand hatte sich um ihren Hals gelegt und brachte damit diesen Duft der Versuchung viel zu nahe. „Eifersucht? Du glaubst, es ist das, was ich empfinde? Du bist eine Närrin, Narcise.“ Er bewegte die Finger und hielt jetzt ihr Kinn fest, genauso brutal wie ihren Hals zuvor. „ Wenn ich dich immer noch haben wollte, würde mich ein verdammter Vampirjäger verflucht noch mal nicht abhalten.“

Seine Finger steckten voller Kraft, und sie war gezwungen, ihn weiter einzuatmen: das frische Blut, sein männlicher Duft, die Hitze, die sein Körper verströmte. 

„Ich denke, wir beide wissen genau, was du seit jeher gewollt hast“, presste sie heraus, und es gelang ihr, die Bitterkeit in sich nicht zu einem alles verschlingenden Strudel anschwellen zu lassen. Verbannte die schrecklichen Bilder, die sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten. „Und das war nicht ich, nicht wahr, Giordan? Mein Bruder ist doch die viel größere Trophäe.“

„Offensichtlich hast du das Woodmore verschwiegen. Oder er hätte sich nicht die Mühe gemacht, mich herzuschicken.“ Giordan kam näher, seine Beine streiften jetzt die ihren. Obwohl er breiter war, waren sie beide fast gleich groß, und seine Augen bohrten sich in ihre. 

Sie konnte nichts dagegen tun. Sie trat zurück, drehte ihr Gesicht beiseite, entwand sich seinem Griff, den er gelockert hatte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, noch einen Schritt näher und die Knie würden ihr versagen. Sie wollte ihn wegstoßen, aber sie wagte es nicht, ihn anzufassen. Stattdessen wischte sie sich sein Blut vom Kinn und auf ihre Hosen. 

„Warum glaubst du, hat er mich hergeschickt?“, fragte Giordan, insistierte. Kam wieder näher. Seine langen Zähne schimmerten im schwachen Licht, nur die kleine Spitze da auf seiner Unterlippe. „Warum, Narcise?“

Sie konnte sehen, wie sein Puls schlug, dort an seinem Hals, diese goldene Haut dort im V seines gelockerten Hemds, so weich und verletzlich. Plötzlich schnellte seine Hand hervor und vergrub sich vorne in dem Männerhemd, das sie trug. Er schob sie rückwärts, gegen die Wand.

„Du kannst einfach nicht die Finger von mir lassen, nicht wahr, Giordan?“, verhöhnte sie ihn, obwohl ihr Mund restlos ausgetrocknet war. Ihr Herz erstickte sie fast, so hart und wild schlug es ihr in der Brust. „Ist nicht das der Grund, warum er dich schickt?“

Seine Augen brannten immer noch, aber irgendwie kühl, und seine Finger packten das Hemd noch fester. Er riss sie zu sich heran, ihr Körper prallte gegen seinen, als er ihr Hemd losließ. Seine Arme hatten sich blitzschnell um sie geschlossen, der eine hinten an ihrem Nacken hielt ihre Haare dort fest eingeklemmt, und der andere packte sie an der Hüfte und zog sie hoch, gegen seinen Körper. 

Bei seinem Manöver war ihr die Luft weggeblieben, und für einen Moment konnte Narcise ihm nur in seine Augen starren, die jetzt einen roten Feuerrand hatten. Ihre Knie zitterten. Ihr Magen war in Aufruhr. Sein Blutgeruch füllte ihre Sinne, entströmte immer noch seiner Wunde, war immer noch an ihren Fingern, verlockend und satt. 

Sie hasste ihn, hasste, wie er sie erniedrigt hatte, sie benutzt hatte ... aber ihr Körper kannte seinen nur zu gut. Verzehrte sich immer noch nach ihm. 

Giordan packte im Nacken fester zu, bis es ihr am Schädel fast wehtat, hielt ihren Kopf still, wickelte sich ihre Haare um das Handgelenk. Sein Gesicht kam näher, sein Mund voll und bereit, seine Zähne neckten sie dort unter seiner Oberlippe, und Narcise schloss die Augen. Ihre eigenen Lippen wurden weich, ihr Herz raste. Sie wappnete sich, fühlte bereits, wie die Lust zitternd in ihr emporstieg.

Er streifte ihre Lippen mit seinen. So zart, es war wie eine Brise. Eine köstliche, vertraute Brise. Sie unterdrückte einen Seufzer. Dann kehrte er zurück, sein geöffneter Mund passte sich genau auf ihren, ein kleines Necken seiner heißen, feuchten Zunge fuhr ihr über die Lippen. Wärme fuhr wie ein Orkan durch sie hindurch, und sie folgte ihm, schmeckte, wollte mehr. 

Er ließ sie los. Stieß sie von sich, so dass sie gegen die Wand prallte. Sie riss ihre Augen wieder auf. 

Die hämische Genugtuung auf seinem Gesicht machte, dass sie nach ihrem Schwert sprang.

„Bastard“, sagte sie und schlug fast einen Purzelbaum, als sie über das Bett sprang, um an ihr Schwert zu kommen. Sie riss es aus der Scheide und trat ihm entgegen. „Verschwinde, Giordan. Oder ich werde es benutzen.“

„Wie ich sagte“, wiederholte er, seine Augen jetzt wieder kalt, seine Zähne verschwunden, „wenn ich dich haben wollte, würde mich niemand abhalten können. Nicht einmal du.“ 

Wütend sprang sie los, die Klinge vor sich und mit einem tödlichen Schwung durch die Luft sirrend. Er sprang behende beiseite, seine Augen voller lachender Überheblichkeit. Sie setzte noch einmal nach, das Schwert wirbelte, aber er wich ihr viel zu leicht aus, was sie noch wütender machte. 

„Du bist viel zu aufgebracht, meine Liebe. Du handelst einfach voreilig und–“, er machte eine rasche Drehung und sprang mit einem großen, eleganten Satz über das Bett, „–im Affekt. Du hast dich nicht im Griff.“

Das Zimmer vor ihren Augen wurde rot, ihre Wut färbte es rot und heiß, und Narcise holte tief Luft, als sie herumwirbelte. Weg von ihm. Er hatte Recht, Luzifer verfluche ihn. Sie musste ihre Beherrschung wiedergewinnen. Schwer atmend blieb sie stehen, drehte sich dann um und hielt das Schwert bereit. 

Er stand dort, auf der anderen Seite des Zimmers, sein Atem ein bisschen schwerer, aber er schien keineswegs außer Atem zu sein. Er hatte nicht einmal eine Kampfposition eingenommen. Seine kurzen, braunen Locken drängten sich dicht an dicht auf seinem Kopf, wie die eines griechischen Gottes, und sie wusste, der Rest von ihm war ebenso golden und muskulös wie solche Götter. Sein Hemd war blutverschmiert wie auch seine Hand, wo es nur noch schwach aus der Wunde tropfte, und auf seine Hosen. 

Narcise erwiderte seinen Blick und hob ihr Kinn an. Sie hielt seinem Blick stand und legte die Spitze ihres Schwerts in die geöffnete Handfläche ihrer anderen Hand. Sie sah das Aufflackern in seinen Augen, das Beben seiner Nasenflügel, und sie wartete. 

„Sei keine Närrin“, sagte er mit angespannter Stimme. 

Sie hob eine Augenbraue. „Was ist mit dir, Giordan? Hast du Angst, die Kontrolle über dich zu verlieren?“

„Ich habe nichts getrunken. Seit zwei Wochen.“

Ein kleiner Schauer jagte ihr über den Rücken. Das war eine lange Zeit. Besonders für ihn. 

„Wenn du dich schneidest, weißt du genau, was passieren wird.“

Das wusste sie in der Tat, und schon der Gedanke ließ sie innerlich erzittern. Heiß und bebend und verängstigt. Und erwartungsvoll. Hilflos. Sie schluckte schwer. „Verschwinde“, sagte sie und trat zurück, damit er zur Tür gelangen konnte. „Ich sage das nicht noch einmal, Giordan.“

Er warf ihr einen letzten, undurchdringlichen Blick zu und schritt dann an ihr vorbei zur Tür. Als seine Finger sich um den Türknauf legten, riss er sie auf und drehte sich um. „Niemals hätte ich dich für einen Feigling gehalten, Narcise.“

Sie knallte hinter ihm die Türe zu und wünschte sich ein Türschloss.

Es verging eine ganze Weile, bis sie aufhörte zu zittern. Und noch länger, bis sie es schaffte, ihre Tränen zu trocknen. 

~*~

Ihr Geruch war immer noch auf seinen Fingern, unmöglich ihn loszuwerden. Es war, als hätte er seine Finger in das Tintenfass von Miss Maia Woodmore getaucht, und jetzt wäre er auf ewig damit befleckt.

Dimitri schloss die Augen. Er hatte in der Tat seine Finger, seinen Mund, sich selbst in ihr Tintenfass getaucht – gewissermaßen. Tiefer konnte er nicht in jenen tiefschwarzen Schlund versinken, in dem er sich verlieren würde, die Kontrolle verlieren würde, die hohen, dicken Mauern verlieren, die er um sich hochgezogen hatte. Er würde dann wieder fühlen.

Sein angeekeltes Schnauben war laut genug, um sich selbst aus diesem gedanklichen Pestsumpf herauszuziehen. Satans blutige Gebeine, die Frau treibt mich noch dazu, in Metaphern zu denken.

Er konzentrierte sich jetzt stattdessen auf die vorbeiziehenden Bilder von London, dort draußen, vor den Fenstern seiner Kutsche. Die gleiche Kutsche, in der sich heute früh der Zwischenfall mit Miss Maia Woodmore ereignet hatte, und den Grund dafür konnte er einfach nicht vergessen, Zudem schien obendrein auch noch ihr Geruch in die allerletzte Ritzen der Polsterungen gedrungen zu sein. 

Sich den Gefahren von Sonnenschein auszusetzen, um Blackmont Hall zu verlassen – nach einigen wenigen, und dann noch unruhigen, Stunden Schlafs – war das kleinere von zwei Übeln gewesen. Er hatte es durchaus ernst gemeint, mit seiner Begeisterung für Miss Woodmores Idee, sie und Bradington sollten doch ihre Zeit bei einem gemeinsamen Spaziergang im Garten verbringen. Aber Dimitri hatte nicht über die Vorteile davon hinausgedacht, sie aus dem Salon hinauszubekommen, wo er der guten Sitten halber neben ihnen sitzen müsste. Er hatte nicht bedacht, dass der Garten sich genau vor den Fenstern seines Arbeitszimmers befand. 

Er war schlicht nicht in der Verfassung, sich das zuckersüße, rührselige, romantische Geplapper der wiedervereinten Liebesleute anzuhören. 

Und das lag nur zum Teil daran, dass er – zu seiner großen Schmach – selbst sein eigenes zuckersüßes, rührseliges, romantisches Geplapper der zwar etwas unmoralischen, aber bezaubernden Meg gewidmet hatte. Viele, viele Jahrzehnte zuvor. Als er jung und töricht und verliebt gewesen war. 

Er war in der Tat so verliebt gewesen, dass er seine Seele verkauft hatte, um ewig mit ihr leben zu können. 

Oder so hatte er es sich vorgestellt. 

Bitterkeit zerriss ihm die Eingeweide, und Dimitri ließ sich ganz auf diese unangenehme Empfindung ein. Es war so viel besser, als an weibliche Tintenfässer zu denken, die – zu seinem großen Ärger – seine Magengrube irgendwie weich werden ließen und sein Blut in Wallung brachten. 

Er blickte aus dem Fenster der Kutsche und sah, dass sie in die Bond Street eingebogen waren und sich gerade einen Weg durch diese Straße voller Läden und ihrer Damenkundschaft bahnten. Die Zofen und Lakaien folgten den Damen auf dem Fuß, trugen Pakete, und umschifften Hunde, Straßenverkäufer, Straßenkinder mit schmuddeligen Gesichtern, und gutgekleidete Gentlemen.

Als er in sein Gefährt eingestiegen war, hatte Dimitri kein bestimmtes Ziel im Sinn gehabt. Er musste einfach nur aus dem Haus. Und Tren, der schlaue Kerl, war klug genug, nicht nach einem Ziel zu fragen, wenn ihm keins genannt wurde ... und ebenfalls klug genug, nicht mit seinem Herrn in der Kutsche in der Auffahrt stehen zu bleiben, bis die Reise losgehen konnte. Er schnalzte also den Pferden zu und fuhr los.

Dimitri hatte kurz überlegt, zum Rubey’s zu gehen, was unfein gesagt, ein Bordell war, das die besonderen Wünsche und Gelüste von Drakule erfüllte. Die gleichnamige Besitzerin, die jüngste in einer ganzen Reihe von Rubeys, war eine besonders gute Freundin von Giordan Cale – und auch von Voss. Für eine bloße Sterbliche war sie auch recht scharfsinnig, und dann auch attraktiv, sinnlich und mütterlich – alles in einem. 

Aber Dimitri hatte keine Verwendung für eine von Rubeys Frauen. Gewiss. Es hatte Gelegenheiten gegeben – seltene Gelegenheiten – im Laufe des letzten Jahrhunderts, da er sich sein Vergnügen genommen hatte, und normalerweise im Gegenzug auch etwas Vergnügen bereitete hatte... Aber das war stets geschehen, nachdem er seinen Blutdurst gestillt hatte, wenn er seinen Drang danach befriedigt hatte ... obwohl es auch einen Zwischenfall gegeben hatte, wo sein Körper über ihn gesiegt hatte. Er trug immer noch die Narben davon auf seinem Arm, weil er seine Reißzähne lieber da hinein verbissen hatte, anstatt sie in die sich lustvoll windende Frau unter ihm zu versenken. 

Für einen kurzen Augenblick schloss Dimitri die Augen. Das Letzte, woran er jetzt denken wollte, war eine Frau, die sich lustvoll unter ihm wand. Denn das hatte er heute Morgen schon gehabt. Nur war die noch bekleidet gewesen, den Schicksalsgöttinnen sei Dank. 

Er hob die Hand, um sich frustriert an der Nasenwurzel zu kneifen, und Maias Geruch kam mit der Hand mit. Und dabei hatte er sich schon dreimal gewaschen. 

Hatte sie ihn denn gebrandmarkt?

Und er durfte sie sich schlicht und ergreifend fortan nur als Miss Woodmore vorstellen und als nichts anderes. 

Als er wieder zum Fenster hinausblickte, bemerkte er, dass Tren die Gelegenheit ergriffen hatte, um durch Fleet Street und ostwärts Richtung Ludgate zu fahren. Die Kuppel der neuen St. Paul’s Cathedral erhob sich weithin sichtbar über die Dächer der umliegenden, dicht gedrängt stehenden Häuser. Selbst durch den dichten Londoner Nebel konnte man ihre runde Form erkennen. Für Dimitri war sie zumindest etwas Neues. Für alle anderen Londoner war es die gleiche Kathedrale, die schon seit ihrer Fertigstellung vor über hundert Jahren dort stand. 

Dimitri hingegen erinnerte sich noch genau an das vorhergehende Gebäude, dessen Turmspitze von einem einschlagenden Blitz 1561 zerstört worden war, und fast exakt hundert Jahre später war der Rest der Kathedrale in Flammen aufgegangen, zusammen mit achtundachtzig anderen Kirchen und dreizehntausend Londoner Häusern. Das Brand von London von 1666 hatte St. Paul’s Bleidach zum Einschmelzen gebracht, und das geschmolzene Metall ergoss sich auf die Straßen und bildete dort breite Bäche flüssiger Hitze. 

Nie würde er die Geräusche der zusammenbrechenden Häuser und umfallender Türme vergessen, zusammen mit dem Kreischen der Frauen und dem Geschrei der Männer. Die Straßen waren so heiß, dass weder Mensch noch Pferd es ertrug, auf ihnen zu laufen. Er und Meg hatten in Cheapside kurz zuvor in einer Schenke ein Zimmer genommen und wurden mitten in der Nacht von den Rufen und dem Glockengeläut geweckt. Zu dem Zeitpunkt hatte das Feuer den Himmel bereits goldrot eingefärbt, und die Luft war voller Rauch, der die Einwohner verschlang und sie mit Ruß und Rauchschwaden erstickte. 

Sie stolperten aus der Schenke auf die Straße, als das Feuer auf dem Dach des Nachbarhauses tanzte, Flammen hüpften dort wie kleine Teufelchen. Dimitri hörte hinter sich einen Schrei und sah, wie eine Frau das kleine, brennende Haus anschrie, und er begriff, dass ihr Mann darin eingeschlossen war. Ohne zu zögern, rannte er um das Haus herum auf der Suche nach einer Öffnung in dieser Wand aus wütenden Feuerzungen. Es brannte nur die Vorderseite, und Dimitri riss die Tür hinten auf und rannte geduckt in eine finstere Hölle aus Rauch.

Zu seinem Glück war der Mann in der Nähe der Tür zusammengebrochen, und Dimitri war in der Lage, ihn nach draußen zu ziehen. Aber als er dem Haus wieder entflohen war, konnte er Meg nirgends mehr finden. 

Selbst jetzt noch erinnerte sich Dimitri an sein panisches Entsetzen, sie zu verlieren. Dieses lähmende Gefühl, kalt und leer, mitten in all dem glühenden Chaos. 

Sie war sein Ein und Alles geworden, und er ein Mann um die dreißig, der den Großteil seines Lebens nur in der Gesellschaft von Büchern und mit Studien zugebracht hatte, und nur wenig Erfahrungen mit Frauen gemacht hatte. Als sie in England eine neue Heimat fand, hatte seine rumänische Mutter sich die Maxime der Puritaner zu eigen gemacht, dass Kindern mit Liebe zu begegnen, diese vom Pfad der Gottesfurcht wegführte. Daher hatte er seine ganze Kindheit hindurch seine Mutter als distanziert und kalt wahrgenommen. 

Sein Vater, der Earl, der während der Cromwell Jahre ein Königstreuer geblieben war, gab darauf Acht, auch der neuen Regierung möglichst wenig aufzufallen, und brachte seinen vier Söhnen das Gleiche bei. Was sie am besten erreichten, indem sie taten, als würden sie ein schlichtes und rigides Leben nach den Vorstellungen Cromwells leben. Sie pflegten wenig Geselligkeit, und als der Lord Protektor über das Reich herrschte, verbrachten sie die meiste Zeit außerhalb Londons. 

Daher hatte die verführerische, den Sinnenfreuden zugeneigte Meg – die ein paar Jahre älter als er war – Dimitris Welt gründlich auf den Kopf gestellt, sie gab seinem gesetzten und faden Leben einen neuen aufregenden Geschmack. Sie erzählte ihm von ihrem gefährlichen, aufregenden Leben als Schauspielerin in den geheimen Theatern von Southwark in einer Zeit, da die öffentlichen Bühnen von Cromwell geschlossen worden waren. Voller Lebenslust und Lachen war sie eine wagemutige Frau, die vor Sinnlichkeit nur so strotzte. 

Und so war Meg sein Ein und Alles geworden. Sie verführte ihn, den ordentlichen und biederen vierten Sohn eines Earl, lockte ihn in ihr Bett, wo er ihr mit Leib und Seele verfiel.

Im Rückblick ging Dimitri auf, dass sie nicht annähernd so verliebt in ihn gewesen war wie er in sie. Meg war verliebt in die Idee, dass er der Sohn eines Hocharistokraten und Sohn einer wohlhabenden Familie war, und was es bedeuten könnte, wenn sie zusammen waren. Aber sie kam aus einer anderen sozialen Schicht als er und hatte auch nicht, was deutlich schwerer ins Gewicht fiel, seine moralische Standhaftigkeit. Sie lebte im Hier und Jetzt und pflegte einen skandalösen Lebenswandel, während Dimitri nur für die Zukunft lebte.

Aber in jener heißen Nacht, als er aus einem brennendem Haus herausgekommen war, einem Mann das Leben gerettet hatte und sie nicht wiederfand, brach seine Welt zusammen. Er konnte sich ein Leben ohne die dunkeläugige, verführerisch lächelnde, üppige Rothaarige nicht mehr vorstellen, und er stand auf der Straße. Panisch. 

Dann hörte er irgendwie hoch über all dem Chaos ihre Stimme. 

Dort oben am Fenster von dem Zimmer, das sie in der kleinen Schenke gemietet hatten, in dem brennenden Haus. Er sah, wie sie sich aus dem Fenster beugte und nach ihm rief. Sie war wieder hineingegangen? Warum? Dann sah er die Rubinhalskette an ihrer Hand baumeln. 

Sie war wegen der Kette wieder hineingegangen, seinem neuesten Geschenk an sie. 

Sein Kopf war bis auf diese schreckliche Angst wie leergefegt, Dimitris einziger Gedanke war, wie er sie nur retten könnte. Er raste durch die Eingangstür der Schenke, die gerade Feuer gefangen hatte. Drinnen war alles schon voller Rauchschwaden, und die Hitze der umliegenden Gebäude machte die Schenke zu einem Ofen. 

Aber er konnte sie retten. Da war noch genug Zeit.

Er rannte die Treppen hoch, die sowieso schon eng und steil und jetzt auch noch dunkel und verstopft mit heißem Rauch waren. Stolpernd, um sein Gleichgewicht bemüht, stieg er zwei Treppen hoch, bis er ihr Zimmer fand, blind und heiß, fast außerstande zu atmen. Das Brüllen des Feuers war ohrenbetäubend, die Geräusche von krachenden, berstenden Balken wie sie zu Schutt zerfielen, die Wände warm und rauh unter seinen Händen.

Irgendwie, irgendwie fand er sie, seine Arme füllten sich wieder mit der vertrauten, weichen Wärme von Meg, die nahe der Tür auf dem Boden zusammengebrochen war. Er hob sie hoch, und er ging die Treppe eher fallend als aufrecht und restlos blind hinunter, die verschmutzten Augen brannten ihm vor Rauch. Das Dach über ihm brannte nun lichterloh, und die herabfallenden Trümmer des Dachstuhls schlugen um ihn herum auf, verhedderten sich in ihrer beider Kleider, als er die Stufen hinunterstolperte.

Runter, runter, runter, stieg er, fiel immer wieder gegen die Wand, kam endlich unten an. Genau da hörte er ein lautes Donnern, gefolgt von einem schrecklichen Krach. 

Als Nächstes merkte er, wie Schmerz ihn durchfuhr, und die Hitze ihn zu Boden drückte, und alles war Licht ... überall eingefärbt von rotem und orangenem Flackern. Er hustete, schmeckte Rauch, keuchte mühsam ihren Namen, und versuchte dorthin zu kriechen, wo er die Tür vermutete. 

Dimitri schleppte sie beide zu der Öffnung, sein Körper geschwächt und brennend, seine Geliebte wie eine Puppe leblos in seinen Armen, ihre Hand umklammerte immer noch den Rubin, die Goldkette um ihr Handgelenk geschlungen.

Rette sie. Ich tue alles, was du willst. Rette sie. Rette uns. Alles, um zu überleben.

Gedanken schossen ihm wild durch den Kopf, als er mit übermenschlicher Kraft vorwärts kroch, über Schutt und Kohlen, das Gesicht nah am Boden hielt, um nicht den Rauch einzuatmen. 

Es war ein Wunder, dass er es aus dem rauchenden, brennenden Gebäude schaffte, und dann noch ein weiteres Wunder, dass er Meg hochheben und die brennenden Straßen hinunter zu tragen vermochte, nach Westen stolpernd und weg von der Feuersbrunst.

Und schließlich brach er zusammen, hustend, seine Augen voller Schmutz, seine Haare und der Rücken verbrannt, und sein ganzer Körper ein einziger Schmerz. Er konnte keine Luft holen. Alles, was er roch, war Rauch. Ihr Körper neben ihm war warm und tröstlich. 

Und Dimitri rührte sich nicht mehr, unter einer Brücke schmiegte er sich nur noch an seine Geliebte, während in der Ferne das Feuer weitertobte. Die Sonne ging gerade auf, aber der Himmel über London war schon längst eine einzige rote Kuppel. 

Er schloss die Augen und fühlte, wie alle Kraft aus ihm wich. Meg hatte sich nicht bewegt, selbst als er sie schüttelte und versuchte, nach ihrem Atem zu horchen. Aber seine Ohren waren taub von dem Lärm ringsum, und er vermochte nicht zu sagen, ob ihre Brust sich hob und senkte.

Alles. Rette uns. Lass uns leben.

Er schlief ein oder wurde ohnmächtig oder etwas in der Art... Und das war der Moment, in dem der dunkle, gefallene Erzengel Luzifer ihm erschien. Ihm genau das anbot, worum er gebeten hatte. 

Ich kann dir geben, wonach du verlangst, Dimitri. Ich kann sie für dich retten. Euch beide. Ewiges Leben. Mit der Frau, die du liebst. Wirst du dem zustimmen? Euch beide. Wirst du sie retten?

 

Selbst jetzt noch spürte Dimitri bei der Erinnerung daran jenen kalten Hauch, der damals über ihn gewandert war. Die klaren, blauen Augen und das schöne Gesicht der Erscheinung aus seinen Träumen. 

Was muss ich tun?

Luzifer lächelte. Du musst nichts tun, außer zu leben. Für immer. Und das Leben genießen. Du rettest ihres, indem du das tust, und sicherst euch so ein langes, gemeinsames Leben.

Dimitri erinnerte sich an das undefinierbare Gefühl, hier etwas Bösem zu begegnen, die Kälte, die ihn gepackt hatte. Er öffnete den Mund – oder vielleicht auch nur den Mund in seinem Traum – um nein zu sagen, um mehr Fragen zu stellen, im in Frage zu stellen, vielleicht sogar, um zu beten... Aber Luzifer fuhr fort: Du liebst sie also nicht genug? Nicht genug, um sie zu retten?

Meg erzitterte in dem Moment, und Dimitri fühlte, wie ihr Körper um Luft rang. Sie würde sterben. Er würde sie verlieren. Nein. Er schaute seinen nächtlichen Besucher an. Wir werden ewig leben? Zusammen?

Du wirst ewig leben. Im Traum streckte Luzifer ihm die Hand entgegen, legte sie Dimitri auf die linke Schulter. Liebst du sie wirklich genug? Wirklich und wahrhaftig? Wirst du zustimmen?

Ja. Ich werde sie retten. 

Die Hand des Teufels lag auf seiner Haut, und ein furchtbarer Schmerz fraß sich in ihn hinein, unter seinen Haaren hervor und über seine linke Schulter und das Schulterblatt. Dann soll es so geschehen.

Als Dimitri die Augen öffnete, war das Erste, was er sah, der Rubin, der um Megs Hals baumelte. Sie saß aufrecht, ihre Augen klar und glücklich, das Haar fiel ihr über die Schultern. Nicht die kleinste Spur von Asche oder Ruß war auf ihrem wunderschönen Gesicht zu sehen, und auch ihre Kleider waren nicht zerrissen oder versengt. 

Dimitri setzte sich auf und stellte fest, dass auch er unversehrt war. Bis auf ein kleines Pochen an der Schulter, genau dort, wo der Teufel ihn berührt hatte. 

Ein paar Meilen entfernt brannte die Stadt hinter ihnen. Sie konnten den Rauch riechen, der die Sonne verdunkelte und sich wie ein Leichentuch selbst hier über sie legte. Aber sie waren am Leben. Unverletzt. Und zusammen. 

 London brannte drei Tage lang ununterbrochen.

Meg blieb noch drei Monate mit Dimitri zusammen. Und dann, als ihr die Möglichkeiten ihrer neuen Unsterblichkeit bewusst wurden, suchte sie sich ihr Glück woanders: jüngere Männer, eine unsterbliche Karriere auf der Bühne, und Reisen in ferne Länder. 

Die Stadt brauchte Jahre, um wieder aufgebaut zu werden, mit nichts als Stein und Mörtel.

Und genau so errichtete Dimitri seine eigenen Mauern um sich herum. Dicker und höher als je zuvor. Stein um Stein. 

~*~

„Sie sehen bezaubernd aus, Miss Woodmore. Maia“, sagte Alexander lächelnd. 

Sie hatte ihre Finger locker um seinen Arm gelegt, als sie – wie geplant – durch die Gärten von Blackmont Hall spazieren gingen. Die Rosen blühten immer noch, aber die Frühlingsblumen, die so betörende Düfte verströmten, der Flieder, die Maiglöckchen und Tulpen, waren alle verschwunden. 

Rosa Sonnenhut und Silber-Perowskie standen am Wegesrand, wie auch dichtes, grünes Moos und sorgfältig gestutzter Buchsbaum. Es war wirklich eine Schande, dass der Besitzer sich nicht daran erfreuen konnte ... zumindest nicht tagsüber, bei Sonnenschein.

„Ich danke Ihnen, Mr. Bradington“, erwiderte sie.

Sie waren alleine. Ums Herz hätte ihr heiter und leicht sein sollen. Es war heiter. Das war es, und sie war glücklich und zufrieden, und – durfte sie so weit gehen? – erleichtert.

„Ich glaube wirklich, dass Sie meinen Vornamen wieder gebrauchen sollten, wie Sie es schon in der Vergangenheit zu tun pflegten“, sagte er und schaute sie an. „Wir werden schließlich heiraten und vermählt sein. Schon bald, so hoffe ich sehr.“

Maia erwiderte sein Lächeln und achtete nicht auf das seltsame, beklommene Gefühl in ihr. „Das hoffe ich auch, Alexander.“

Ich konnte Sie nicht hypnotisieren.

Sie waren niemals unter meinem Bann.

Maia weigerte sich, diese Worte in ihr Bewusstsein dringen zu lassen, ebenso wie dieses entsetzliche Gefühl von Scham. Es durfte nicht wahr sein.

„Ich bin so glücklich, dass Sie zurückgekehrt sind“, erzählte sie Alexander. 

Sie erspähte eine von Efeu umrankte Pergola und änderte die Richtung, so dass sie darauf zuliefen. Maia war sich nicht sicher, was sie vorhatte, aber die Tatsache, dass es dort Schatten gab und man außer Sichtweite des Hauses war, konnte von Vorteil sein.

„Wann sollen wir?“

Angelica. Sie konnte nicht einmal an eine Hochzeit denken, bis Angelica wieder zu Hause und in Sicherheit war. Und Chas musste sie zum Altar führen. Und Sonia musste aus Schottland anreisen. „Sobald Sie die Ehe-Erlaubnis bekommen können“, antwortete sie. 

Sie hatte Alexander nichts von der Entführung ihrer Schwester erzählt, und wirklich rein gar nichts von Chas’ Berufszweig. Wie konnte sie so etwas nur erklären? Wenn sie noch ein bisschen Zeit gewinnen könnte, bis sie Nachricht von Angelica erhielten, wenigstens das...

„Wird Ihnen das nicht zu knapp werden, mit der Zeit? Ich kann die Genehmigung sicherlich binnen zwei Wochen haben. Werden Sie in zwei Wochen so weit sein? Ich weiß, da muss ein Kleid genäht werden, und dann auch noch Blumendekorationen und Einladungen und das Essen ... und wo soll unsere Vermählung denn stattfinden?“

In Maia kämpfte Freude mit Kummer. Hier stand ein Mann vor ihr, der sich darum sorgte, was sie dachte, der ihr zuhörte, der verstand, was sie alles tun musste. Aber sie konnte einfach nichts unternehmen, bis ihre ganze Familie wieder um sie war. Und in Sicherheit. 

Und nichts davon durfte sie ihm erzählen. Zumindest noch nicht. 

Sie waren bei der Pergola angekommen. Der Schatten, den der Efeu und die Clematis warfen, bedeckten den Fußweg ein kleines Stück, und – als hätte er ihre Gedanken lesen können – Alexander blieb dort stehen und drehte sie zu sich.

„So bald wie möglich“, sagte sie und wusste, sie konnte alles verzögern, sollte das erforderlich sein. Aber vielleicht wäre eine Beschäftigung jetzt ganz gut für sie. Es gab einfach zu viele Dinge, über die sie nicht nachdenken wollte. „Und ich hatte gehofft, wir könnten in St. Dunstan heiraten. Das ist so eine bezaubernde, kleine Kirche.“ Das Herz schlug ihr in der Brust, als sie zu ihrem Verlobten aufblickte.

Er beobachtete sie mit seinen graublauen Augen. Sie waren ihr immer so warm und liebevoll erschienen, so gar nicht wie jene dunklen, blitzenden Augen von ... von anderen Leuten. Und er war nicht ganz so groß und auch nicht so steif und unnahbar. Er war niemals unhöflich. Er vermittelte nie den Eindruck, dass eine Unterhaltung mit ihr ihn von so viel gewichtigeren Dingen abhielt. 

„St. Dunstan wäre wirklich ein ganz wundervoller Ort. Ich werde einen großzügige Spende veranlassen und morgen mit dem Pfarrer sprechen. Wenn das Ihr Wunsch ist, Maia.“

Sie schluckte, als sie merkte, wie seine Augen sich verändert hatten. Seine Hände schlossen sich um ihre Arme, und er zog sie zu sich. Das Herz schlug ihr jetzt bis zum Hals. Hämmerte. Ihre Knie waren butterweich, und ihr Magen flatterte nervös. Er würde sie jetzt küssen.

Sie hatte Angst davor, was ihr dieser Kuss verraten würde.