VIER

~ Ein Zwischenfall in Wien ~

Während der freundschaftlichen Unterhaltung mit Giordan Cale war Dimitri die ganze Zeit nicht imstande zu vergessen, dass irgendjemand, irgendwie von seiner Rubin Asthenie wusste. Diese nur schwer fassbare Erkenntnis rief ihm zwangsläufig das Feuer jener Nacht in Wien ins Gedächtnis zurück. Letztendlich hatte das ihn wieder nach England getrieben, und darauf gründete auch sein Misstrauen gegenüber Voss sowie die Feindschaft zwischen ihm und Moldavi.

Er erinnerte sich an die Nacht, als wäre es erst gestern gewesen, obwohl sich alles 1690 ereignet hatte – vor über hundert Jahren. Er hatte die Eröffnung seines Herrenklubs feiern wollen, den er dort in Wien gebaut hatte, einer Stadt die sich nach Aufhebung der Türkischen Belagerung nun in einer Phase architektonischer Erneuerung befand.

„Wenn Cezar Moldavi versucht, sich Zutritt zu verschaffen“, so hatte Dimitri seinen Geschäftsführer angewiesen, „geben Sie mir unverzüglich Bescheid.“ Zu dem Zeitpunkt hielt er ein Glas Whisky in der Hand, an dem er kaum genippt hatte, wunderbar gelagert, selbstverständlich. Er würde seinen Gästen nichts anderes anbieten, ganz besonders nicht am Abend der Eröffnung. 

Es gab noch andere Köstlichkeiten zu trinken, und natürlich auch die frische, blutige Sorte. Dimitri sparte nicht an Luxus, zumindest nicht, was seine Investitionen betraf. Die Tage des puritanischen Oliver Cromwell gehörten längst der Vergangenheit an.

Aber eine Sorte von Cuvée bot er nicht an, nämlich den Lieblingstrank von Cezar Moldavi: das Blut junger Kinder. Insbesondere Knaben, aber letztendlich war das Geschlecht egal. Dimitri kniff angeekelt die Lippen zusammen. 

Erst gestern hatte eine Geschichte in Wien die Runde gemacht, von einer weiteren Kinderleiche, die man im Wald gefunden hatte. Das Blut des Jungen war fast vollständig ausgetrunken, und man hatte sie zum Sterben liegen lassen.

Er war acht gewesen.

Man hatte einer Gruppe von Juden die Schuld hierfür gegeben, da man sie des öfteren solcher Greueltaten bezichtigte, aber Dimitri wusste die Wahrheit. Im Laufe der Jahrhunderte hatte man den Juden schon oft derlei Ritualmorde angelastet – sich für ihre religiösen Zeremonien das Blut von christlichen oder muslimischen Kindern zu nehmen. Aber in Wirklichkeit waren es gewisse Mitglieder der Drakulia, die nicht nur die Kinder ermordeten, sondern auch diesen Mythos befeuerten. Das war nur einer der Wege, auf dem Luzifer zwischen den Sterblichen Chaos säte. 

Es war einer der Gründe, warum Dimitri Cezar Moldavi die Partnerschaft aufgekündigt hatte. Es gab viele Dinge im Leben eines Drakule, die gewalttätig, widerwärtig und niederträchtig waren, aber Kinder auszusaugen war eine von denen, bei der er kein Auge zudrücken würde. Sobald er über Moldavis blutrünstige Veranlagung in Bezug auf Kinder im Bilde war, hatte er ihm seinen Anteil als Investor in dem Klub wieder ausbezahlt. 

„Wir sollen Moldavi also aus irgendeinem Grund den Zutritt verwehren?“, erwiderte Yfreto, der Geschäftsführer des Klubs. 

„Genau. Er ist nicht unter den geladenen Gästen“, war Dimitris Antwort im Hinblick auf die bevorstehenden Festivitäten des Abends. „Natürlich wird das den Mistköter nicht fernhalten, aber besser, man ist gewappnet.“

„Selbstverständlich, Mylord. Und dann wollte ich noch sagen, dass über die Hälfte der privaten, abschließbaren Truhen für Gäste im Vorraum noch zur Verfügung stehen.“

Dimitri nickte zustimmend. Jeder, der eintrat, musste Waffen – insbesondere Pflöcke und Schwerter, zusammen mit allen Wertsachen, darunter auch Schmuck und Edelsteine – in einer privaten Truhe lassen. Jede davon hatte ihren eigenen Schlüssel, der dann dem Gast ausgehändigt wurde. Indem er ein derart umfassendes Verbot aussprach, konnte Dimitri sich vor Rubinen sicher sein und auch verhindern, dass es zu tödlichen Unfällen durch Pflock oder Schwert kam. Oder zu anderen dummen Zufällen. 

Die Drakule waren eine recht jähzornige Sippschaft.

Abgesehen von ihrem Jähzorn frönten die Drakule auch immer ihren Vergnügen. Nacht für Nacht tranken, aßen und vögelten sie – auf so viele verschiedene Arten wie nur möglich, denn es gab niemanden, der sie davon abhalten oder ihnen Einhalt gebieten konnte. Wenn man nichts zu befürchten hatte, wenn man jedes nur erdenkliche Vergnügen lediglich greifen musste, wurde man zusehends eigennütziger, gieriger und korrupter. Genau die Sorte von Mensch, die Luzifer gefiel, und die seinen Befehlen folgen würde, wann und wo immer er es verlangte. Sie waren wie eine Armee – oder vielleicht eher eine Gesellschaft von Agenten – im Wartezustand. 

Sicherlich, man konnte ein derartiges, oberflächliches Leben der Sinnenfreuden auch als wenig erfüllend empfinden, und so hatte Dimitri beschlossen, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Daher hatte er seine Energie und seine Mittel, oder zumindest Teile davon, in ein privates Etablissement gesteckt, das sich ganz den Gelüsten der Drakule verschrieb. 

Es war entweder das oder nach England zurückzukehren.

Er hatte das Land schon vor über zwanzig Jahren verlassen. Damals, als Meg – für die er alles hingegeben hatte – ihn verlassen hatte.

Heute am Eröffnungsabend war fast jeder Stuhl in seinem Herrenklub von einem Drakule belegt, oder von einem der handverlesenen Sterblichen, die ihnen Gesellschaft leisten durften. Männer spielten Dame, Backgammon oder Schach. Kerzen standen in kleinen Grüppchen in Ecken oder auf Tischen, neben einigen flachen Schalen, in denen Kohlen glühten, damit man sich an ihnen die Opiumpfeifen anzünden konnte. 

„Ihr scheint unzufrieden, Mylord. Fehlt Ihnen noch etwas zum Glück?“ Eine zierliche Hand strich besänftigend über Dimitris Schultern und kitzelte ihn an den Haarspitzen, und Lerinas vertrauter Duft stieg ihm in die Nase. 

Er schaute zu ihr hoch und hob das Glas. „Alles was ich brauche, ist genau hier.“ Vielleicht flackerte da etwas Unmut in ihren Augen auf, weil seine Bemerkung sie nicht ausdrücklich mit einschloss, aber Dimitri war sich nicht sicher. Sollte das der Fall sein, so tat es ihm Leid. Sie war eine schöne Frau, aber um glücklich zu sein, verlangte sie etwas mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung, als er ihr geben konnte – oder wollte.

Dank Meg.

Die frischen Bissspuren an ihrem Hals zeugten von seiner Zuwendung und der Lust, die er ihr verschafft hatte – früher am heutigen Tage. Lerina war eine dieser seltenen Sterblichen, die es nach der Berührung und den Bissen der Vampire verlangte, ganz besonders, wenn der Biss mit einem Koitus zusammen erfolgte. Und Dimitri verhalf ihr zu beidem, denn letzten Endes war er ein Mann, und wenn sich das Vergnügen schon willig anbot, sagte er nicht nein.

Aber ... sie klammerte ein bisschen zu sehr, berührte ihn zu oft, redete zu viel, und wenn sie redete, dann betraf es Dinge, die ihn nicht interessierten: Mode und Klatsch und Picknickausflüge. Er trug niemals eine Perücke und verspürte wenig Lust. sich ihr Gejammer anzuhören, wie schwierig, ja, unmöglich es sei, eine modische Perücke zu finden. Er wusste nicht, ob sie je ein Buch las. Wie bei den meisten Frauen war ihr Geschichtswissen quasi nicht existent – bis auf die jüngeren Ereignisse hier in Wien mit der türkischen Belagerung. Und als er einmal, ganz zu Anfang, als er noch dachte, sie könnte ihm Meg ersetzten, sein Interesse bekundet hatte, ein Teleskopmodell wie das von Sir Isaac Newton zu erwerben, um die Gestirne zu betrachten, hatte sie vorgeschlagen, dass er lieber in echte Diamanten investieren sollte, anstatt in die am Himmel.

Lerinas Lachen, das stetig schriller wurde, begann, ihm auf die Nerven zu gehen. Sie war schlicht nicht interessant und ihre Gespräche langweilig, aber dann wiederum war sie auch leider selten still. Und leicht zu vergessen war sie auch nicht. 

Abgesehen von all dem hatte sie versucht, ihn zu überreden, sie in eine Drakule zu verwandeln – so dass sie ewig miteinander leben könnten. 

Ewig, das wusste Dimitri genau, war viel zu lange, um es mit nur einer Frau zu verbringen – Lerina mit eingeschlossen. Und wenn er die Sache aus diesem Blickwinkel betrachtete, war er fast froh, dass Meg ihn verlassen hatte. Fast.

Und daher beabsichtigte Dimitri morgen, wenn die letzten Gäste den Klub verlassen hatten, Abschied von Lerina zu nehmen. Er würde ihr einen dicken Geldbeutel und drei Truhen mit Stoffen, sowie die Besitzurkunde zu einem kleinen Haus hier in Wien mit auf den Weg geben. 

In dem Moment blickte er auf und sah Voss, der sich einen Weg zu ihm bahnte. Voss war niemals ein besonders enger Bekannter von Dimitri gewesen, denn er war eher daran interessiert herauszufinden, von wie vielen Frauen er trinken konnte, und wie viele er ins Bett bekam, oder Opium zu rauchen, oder sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, aber sie hatten schon ein paar Mal zusammen Karten gespielt. Er war charmant genug und ging Dimitri nicht so sehr auf die Nerven, wie es weniger intelligente Menschen taten, aber es gab ein Problem, was Voss betraf. So amüsant er diesen Zeitgenossen auch fand, Dimitri traute ihm schlicht nicht über den Weg.

„Ein bezaubernder Ort, Dimitri“, sagte Voss. Er hielt ein in Leder eingeschlagenes Päckchen in den Händen. „Ich habe dir zur Eröffnung auch ein Geschenk mitgebracht.“

„Das ist sehr freundlich von dir.“ Er nahm das Geschenk entgegen. Es handelte sich um einen wirklich ausgezeichneten Brandy, dem auch ein Zinnkelch beigegeben war. Der Kelch war von ausgesuchter Handwerkskunst: fein gearbeitet und doch sehr männlich. 

Er wollte ihn schon beiseite stellen, aber Voss lächelte. „Bitte koste doch heute Abend davon. Ich habe noch nie etwas Besseres getrunken. Und ich dachte, du würdest vielleicht erraten, woher er stammt.“ Seine Augen blitzten schelmisch. 

Da er stets eine Aufgabe begrüßte, die seinen Verstand herausforderte, willigte Dimitri in das Spiel ein. Als er ihm einen großzügigen Schluck in den Kelch einschenkte, hielt Voss seinen weiten Mantelärmel fest, damit nichts darauf tropfte. Dann hob er fragend die Augenbraue, ob er sich etwas in ein weiteres Glas einschenken dürfe, was Dimitri ihm gestattete.

Dimitri nippte an dem Brandy. Er war in der Tat vorzüglich, und er genoss, wie ihm die feurige Wärme bis in den Magen hinunterschoss. Selbst Lerinas andauerndes Zupfen an seinen Haarspitzen vermochte ihn nicht von dem Genuss dieses ausgezeichneten Tropfens abzulenken. 

Voss hatte das bemerkt und hatte Lerina natürlich auch bewundernde Blicke zugeworfen, ein Mann musste blind sein, wenn er sich nicht bemerken würde. Aber Dimitri sah auch, dass Voss sie nur wie ein Unbeteiligter bewunderte, da war nichts Besitzergreifendes.

Abgesehen davon würde es niemand in Anbetracht von Dimitris Bissspuren und seinem Geruch an ihr wagen, ihr Avancen zu machen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz unter den Drakule, dass niemand von jemandem trank, der oder die das Zeichen eines anderen Vampirs trug – geschweige denn mit ihr kopulierte oder auf andere Weise Umgang hatte. Ob es sich nun um eine Geliebte, einen Diener oder einen andere Art von Verhältnis handelte, eine Bissspur war ein Besitzzeichen und unantastbar. Voss mochte ein Esel sein, aber dumm war er sicher nicht. 

Und den Gedanken, dass Voss daran interessiert sein könnte, Lerinas nächster Gönner zu werden, verwarf Dimitri, gleich nachdem er ihm in den Sinn gekommen war. Der blonde Mann hatte kein Interesse an der Verpflichtung, für den Unterhalt einer einzigen Frau zuständig zu sein. Wobei „Verpflichtung“ und „einer einzigen“ hier die Sache abschlägig beschieden.

Als Dimitri sich gerade den zweiten Schluck Brandy zu Gemüte führte, bemerkte er auf einmal, dass dem Brandy etwas beigemischt worden war. Er nahm einen Schluck und versuchte, den Zusatz zu erraten. Es war nicht Blut, aber es war fast genauso angenehm.

„Hast du schon entschieden, woher der Tropfen nun stammt?“, fragte Voss und beobachtete ihn dabei genau.

„Spanien.“ Aber da ist noch etwas.

Der Mann hob die Augenbrauen. „In der Tat. Du enttäuschst mich nicht, Dimitri. Aber wo genau?“

„Ich muss noch etwas mehr davon kosten,“ erwiderte er und beugte sich vor. Lerinas Hände fielen ihm auf die Schulter, aber dann setzte sie sich auf den Stuhl neben seinem und begann mit den großen, schweren Knöpfen an seinem Mantel zu spielen. Dimitri wurde in dem Moment glücklicherweise von Yfreto abgelenkt, der seine Anwesenheit im Kartenzimmer benötigte. Als er wieder an seinen Platz zurückkehrte, stellte er fest, dass Voss auch wieder dort war. 

„Hast du jetzt Zeit gehabt, es dir zu überlegen?“, fragte ihn dieser und reichte ihm den wieder aufgefüllten Kelch.

Dimitri nahm noch einen Schluck und bemerkte wieder den Zusatz. „Salvi“, sagte er. „Du hast Salvi hinzugefügt.“ Das war eine Kräutermischung, die bei den Drakule die Lust steigerte und sie auch zusätzlich entspannte. Einen Sterblichen hingegen würde es binnen Sekunden einschlafen lassen. 

Voss neigte den Kopf. „In der Tat. Ich dachte, eine Steigerung der Wirkung würde es dir zusätzlich erschweren, die Herkunft des Getränks zu ergründen, da du doch so ein Experte bist. Aber du musst mir noch verraten: wo in Spanien?“

Sie wurden im Laufe ihrer Unterhaltung und beim Genuss des wirklich ausgezeichneten Brandys noch dreimal unterbrochen. Dimitri begann, die Wirkung des Salvi zu spüren, und erkannte das Gleiche in den Augen von Voss. Just in dem Moment, trat einer von Dimitris Kellnern an sie heran mit einer Truhe in Händen, die Dimitri nicht kannte. Als er hochschaute, um ihn zu grüßen, bemerkte Dimitri, wie still Voss plötzlich geworden war. 

Und als die Truhe näher kam, spürte er es.

„Mylord“, sprach der Kellner und öffnete die Truhe, worin sich eine Sammlung von Zinnkelchen befand, identisch mit dem, aus dem Dimitri getrunken hatte, und den er noch in Händen hielt. „Ich habe diese in dem Alkoven dort am Eingang gefunden. Hinter einem Vorhang versteckt.“

Mit der Truhe offen vor ihm, überkam Dimitri die unheilvolle Macht eines Rubins. Er verspürte einen Druck auf der Brust, sein Atem kam stoßweise, seine Bewegungen wurden langsamer. Er brauchte nur einen Augenblick um sich zusammenzureimen, was Voss im Schilde geführt hatte. Er hatte die Kelche ausgetauscht und jedes Mal wieder mit Brandy angefüllt, und das alles, um herauszufinden, welcher Kelch ihn schwächen würde. Zorn stieg in Dimitri hoch, als er sich Voss zuwandte. 

Der andere Mann hob das Glas, wie um anzustoßen. „Ein Geschenk für meinen Gastgeber. Eine Sammlung von Kelchen erlesener Handwerkskunst.“

„Das ist es also, was du vorhattest“, sagte Dimitri. Es kostete ihn unendliche Mühe sich zu bewegen und zu sprechen, als sei nichts geschehen. „Ich hatte mich schon selbst gefragt. Willst du mich damit übertölpeln?“

Es war genau die Art von Spiel, das Voss sich zu seinem Vergnügen ausdachte.

Was genau der Grund war, warum Dimitri dem Mann nie recht vertraut hatte. 

Und warum er sich hier unter gar keinen Umständen eine Blöße geben würde. Der Rubin war weit genug entfernt und offensichtlich auch von einer ungefährlichen Größe, so dass er dadurch nicht vollständig gelähmt oder geschwächt wurde. Was zumindest vermuten ließ, das Voss ihm nicht übelwollte. 

Und dann erblickte Voss plötzlich etwas, was seine Aufmerksamkeit von dem etwas betreten dreinschauenden Mann vor ihm ablenkte. 

Cezar Moldavi hatte soeben das Zimmer betreten, umgeben von fünf Begleitern. 

Ein weiteres Problem, um das er sich kümmern musste, aber das hier war ein delikateres.

Insgeheim belegte Dimitri Voss mit allen nur erdenklichen Flüchen. Nicht nur war er von einem ausgezeichneten Brandy gespickt mit Salvi etwas gehemmt, zusätzlich jetzt auch noch von einem Rubin. 

„Ich würde dich ja erwürgen, aber ich muss mich im Moment um andere Dinge kümmern. Aber du bist hier nicht länger erwünscht, Voss. Geleiten Sie den Herrn hinaus“, sagte er zu seinem Bediensteten, wobei er sich diese Worte in einem normalen Tonfall abrang.

Voss erhob sich und verbeugte sich knapp. Aber er interessierte Dimitri schon lange nicht mehr.

„Wer hat diesem Kindersauger Zutritt gewährt?“, fauchte er, immer noch sitzend. Selbst Lerina tat einen Schritt von ihm weg, als sie seinen finsteren Blick auf der Suche nach seinem Geschäftsführer sah. Wo zum Teufel noch mal steckte Yfreto? „Ich hatte ausdrücklich angeordnet–“

„Dimitri“, sagte Moldavi unverfroren und kam geradewegs auf sie zu. „Dein Etablissement ist so gastfreundlich.“

Der andere Mann war schmächtig gebaut, aber eine insgesamt gepflegte Erscheinung. Er trug keine Perücke und sein ungepudertes, schwarzes Haar war im Stil der Kreuzritter glatt nach hinten gekämmt. Er hatte einen recht breiten Kiefer und ebensolche Lippen, und er bewegte sich wie immer, als ob er erwartete, jederzeit angegriffen zu werden. Seine Schultern waren leicht gekrümmt, aber seine Augen wanderten ruhelos umher. Nie verweilten sie lange auf irgendetwas. 

Dimitri blickte ihn nur kühl an. Er machte keine Anstalten sich zu erheben, und seine Stimme war tonlos. „Ich hatte kaum erwartet, dich hier zu sehen, Moldavi.“ Insbesondere, weil Dimitri ihre geschäftliche Zusammenarbeit schon vor über einem Jahr beendet hatte, als er seinem Möchtegernteilhaber seinen Anteil in einem frühen Stadium der Bauarbeiten wieder ausbezahlt hatte. „Hier sind keine Kinder.“

„Wie bedauerlich“, sagte Moldavi. Seine Stimme hatte ein leicht zischendes Lispeln aufgrund eines Unfalls, nach dem ihm die Zähne nie wieder richtig nachgewachsen waren. Man munkelte, eine Gruppe von Schulkameraden hatte ihn verprügelt und dann halbtot liegen lassen. „Haben die doch das süßeste, reinste Blut.“

„Ich kann dazu nichts sagen“, erwiderte Dimitri, der sich immer noch auf das Atmen konzentrieren musste. Die Truhe mit den Kelchen befand sich immer noch in der Nähe auf dem Boden, aber er würde Voss – der sich reichlich Zeit beim Verlassen des Zimmers ließ – nicht die Genugtuung geben, mit seinem hinterlistigen Spiel Recht zu behalten. Seine Asthenie preiszugeben, war gleichbedeutend wie einen schlaffen Schwanz oder eine andere intime Schwäche einzugestehen. Und auch recht gefährlich. „Ich erinnere mich nicht, dich eingeladen zu haben, Cezar.“

Der andere Mann lächelte hinterhältig, und ein winziger goldener Punkt blitzte an seinem linken Vorderzahn auf. „Das war sicher nur der Nachlässigkeit geschuldet. Du sorgst doch sonst so für uns alle. Weswegen ich auch ein Geschenk für dich mitgebracht habe.“ Er trat zur Seite und gab den Blick auf eine verhüllte Gestalt hinter ihm frei. 

Dimitri war Moldavis Schwester zuvor noch nie begegnet, aber man konnte sie nicht verwechseln, denn ihre Schönheit war legendär unter den Drakule. Narcise Moldavi war ohne Zweifel eine aufsehenerregende Frau ihrer Zeit – oder der Ewigkeit, schließlich war sie unsterblich. Sie hatte Haut glatt wie Elfenbein und veilchenblaue Augen, die aber beunruhigend leer aussahen. Langes, glänzendes, nachtschwarzes Haar fiel ihr in sanften Wellen über die Schultern. Und ihr lila Gewand war aus einem Material gemacht, das sich an sie schmiegte, wie vom Wind geformt: es zeigte die aufgerichteten Brustwarzen, ihre Hüftknochen und sogar ihren Venushügel. Außer einem Armband, das sie am Oberarm trug, und von dem eine Feder herabbaumelte, trug sie keinen weiteren Schmuck.

Dimitri ließ dies alles kalt, aber nicht etwa wegen Lerina – oder gar Meg. „Ich habe kein Interesse an deinen Resten, Moldavi“, sagte er. Trotz der anregenden und zugleich entspannenden Wirkung des Salvi gab es eine ganze Reihe von Gründen, warum die Gegenwart von Narcise auf ihn keinerlei Wirkung ausübte, darunter insbesondere die Leere in ihren Augen. Obwohl er das Aufblitzen von Scham und Wut in ihren Augen gesehen hatte. Für Dimitri war offensichtlich, dass sie von ihrem Bruder kontrolliert wurde. „Ganz besonders nicht an deiner Schwester. Obwohl: sie ist nicht wirklich dein Typ, nicht wahr? Du lässt hier doch den anderen den Vortritt und schnüffelst selbst an eher griechischen Vergnügungen.“ Wie beispielsweise steife Schwänze und kleine Kinder.

„Du wagst es, meine Familie zu beleidigen?“ Moldavis Augen brannten vor Wut. Seine Begleiter schlossen sich in einer Reihe um ihn zusammen und zeigten ihre Zähne.

„Im Gegenteil. Die Beleidigung richtete sich ausschließlich gegen dich“, erwiderte er. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest.“ Das sagte er nicht als Frage und kehrte dem widerlichen Mann sogleich den Rücken zu. Noch traute Dimitri sich nicht aufzustehen, aber er hatte keine Angst davor, Cezar Moldavi den Rücken zuzukehren.

In dem Augenblick näherte sich ein weiterer von Dimitris Bekannten, Lord Eddersley, und nahm den verwaisten Platz von Voss ein.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er Dimitri und beobachtete Moldavi über die Schulter seines Gastgebers hinweg und schaute ihm dann wieder in die Augen. 

Dimitri spürte einen Luftzug und veränderte Gerüche, als Cezar Moldavi und sein kleiner Trupp weitergingen. Er gab sich nicht der Illusion hin, dass der Mann den Klub auch wirklich verlassen würde, aber Dimitri wollte kein Aufheben machen. Nicht heute Abend.

Er musste sich hier nichts beweisen, aber Moldavi hatte es offensichtlich gedrängt, seinen Begleitern etwas zu demonstrieren: dass er sich auch uneingeladen Zutritt verschaffen und Dimitris Abend aufmischen konnte. Sich mit dem Mann zu streiten, wäre nur Öl in Moldavis Feuer zu gießen und ihm mehr Aufmerksamkeit zuzugestehen, als er verdiente. 

Aber sobald Dimitri herausgefunden haben würde, wer den Bastard hereingelassen hatte, würde ein Donnerwetter losbrechen. „Ich musste mich nur um ein kleines Ärgernis kümmern“, antwortete Dimitri auf Eddersleys Frage, als Lerina darum bat, kurz weggehen zu dürfen. 

„Er ist nicht mehr hier, aber nach Hause ist er auch nicht gegangen.“ 

Dimitri nickte Lerina etwas abwesend zu, als sie sich zum Gehen wandte, und ihr Arm an seinem Arm entlang glitt. „Wie ich vermutete.“ Er griff sich wieder die Flasche Brandy, die Voss ihm dagelassen hatte, und setzte sie dann wieder ab. Es war vielleicht besser, wenn er sich dem Salvi fernhielt. 

Kurze Zeit später erblickte Dimitri zufällig, wie zwei Gestalten aus einem der dämmrigen Alkoven hervorkamen, die genau für derlei private Treffen gedacht waren.

Er erstarrte und wurde dann heiß vor Zorn, als er die beiden erkannte. Cezar Moldavi und Lerina. 

Er beobachtete sie noch immer, als Moldavi zu ihm herüberschaute und seinen Blick frech erwiderte, der selbstgefällige Bastard. 

Kalte Wut legte sich über Dimitri, als er begriff. 

Und als die zwei näherspazierten, sah er die Bissspuren an Lerinas linker Schulter. Die Schulter, die zu Beginn des Abends noch glatt und unversehrt gewesen war. Die Bestätigung seines Verdachts. 

Wut strömte ihm jetzt durch den ganzen Körper, und seine Finger krallten sich in die Armlehnen. Ein derartiger Mangel an Respekt musste geahndet werden – denn jeder hier wusste, dass Lerina sein Zeichen trug.

Dimitri erhob sich.

Der Raum schwankte viel mehr, als er erwartet hatte, und er hielt inne, um Voss erneut zu verfluchen, weil dieser ihm heute Abend die Sinne und den Verstand derart vernebelt hatte. Die Truhe mit dem Rubinkelch war bereits geschlossen und fortgeschafft worden, aber das Salvi war schnell, mächtig und stark ... und seine Wirkung dauerte offensichtlich immer noch an.

Seine Knie gaben fast nach, aber Dimitri gestattete es sich nicht, Schwäche zu zeigen. Unter großen Anstrengungen gelang es ihm, aufrecht und gerade stehen zu bleiben, und sich auf Moldavi zu konzentrieren. Noch einen kleinen Augenblick, dann würde er zu dem Mann hingehen und ihn zur Rede stellen ...

Aber wie sich herausstellte, war das nicht nötig. Moldavi wusste nur zu gut, was er tat, und er ließ Lerina los, als er sich Dimitri näherte. Für seine Geliebte – von nun an seine ehemalige Geliebte – hatte Dimitri nur einen kurzen, kalten Blick übrig, und stattdessen konzentrierte sich Dimitri auf seinen ehemaligen Geschäftspartner. Jetzt ließ er seine langen Zähne sehen, sowie das rote Feuer in seinen Augen.

Ohne dass einer der beiden ein Wort gesprochen hätte, war es im Raum ganz still geworden, und die Luft knisterte. Karten bleiben auf den Tischen liegen, ebenso wie noch volle Gläser, die Plaudereien verstummten. Alle wussten, das hier würde ein Kampf unter Zeugen sein.

„Für jemand, der ungeladen erscheint, bist du nun wirklich restlos zu weit gegangen“. Sagte Dimitri, seine Stimme beherrscht und kalt. Er hatte die Faust geballt, und das Zimmer senkte sich ein wenig zur einen Seite, aber die Wut hielt ihn aufrecht. „Deine Beleidigungen sind unentschuldbar.“

Moldavi sagte nichts. Er trat nur näher, wobei er seine Begleiter, unter ihnen auch Narcise, in einem Grüppchen hinter sich stehen ließ, die alles beobachteten. „Wenn du der bezaubernden Dame gegenüber vielleicht etwas aufmerksamer gewesen wärst, wäre es gar nicht dazu gekommen.“

Dimitri warf Lerina einen kurzen Blick zu und sah die Mischung aus Entsetzen und Scham auf ihrem Gesicht. Was zunächst nur eine launische Bitte von ihr gewesen sein mochte, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen, war nun zu einem schwerwiegenden Fehler von ihr ausgewachsen, und auch von Moldavi.

Er würde sich später um Lerina kümmern.

„Geh“, sagte Dimitri zu ihm. „Oder ich sorge selbst dafür, dass du es tust.“

Moldavi bleckte wieder diesen mit Gold verzierten Eckzahn. „Du hättest mich heute Abend einladen sollen, es war mein Recht. Das hier war auch meine Investition, und deine lächerlichen Skrupel haben mich eine ganze Menge Geld gekostet. Du bist es, der mich hier schwer beleidigt hat. Ich zahle es dir nur mit gleicher Münze heim, Dimitri.“

„Ich mache keine Geschäfte mit Kindersaugern.“ Dimitri trat auf ihn zu, und als Nächstes hatte Moldavi schon zum Sprung angesetzt.

Mit einem Holzpflock in der Hand.

Dimitri wich ihm aus, er war immer noch etwas wackelig auf den Beinen und musste gegen ein Zimmer ankämpfen, das sich itrgendwie um ihn drehte. Dann sprang er auf Moldavi zu, erwischte ihn, und sie krachten gegen einen Stuhl und einen Tisch, fielen zu Boden, als Dimitri gerade Moldavis Gesicht einen Faustschlag versetzte. 

Der Pflock kam in einem hohen Bogen auf ihn zu, und er erblickte kurz ein Gesicht, verzerrt vor Wut und Verzweiflung, als ein starker Arm den Pflock auf Dimitris Brust zurasen ließ. 

Eine kleine Seitenbewegung, und der Pflock rammte seinen Brustkorb, die Spitze grub sich tief ein. Schmerz schoss ihm durch die Glieder, aber zumindest spürte er ihn und war nicht tot – was ein Pflock durch das Herz bei jedem Drakule bewirken würde. Den sofortigen Tod. 

Außer sich vor Wut packte Dimitri Moldavis Arm und verdrehte ihn und schleuderte ihn dann quer durch das Zimmer. Der Knochen splitterte krachend, als er losließ, und der andere Mann auf dem Boden zusammenbrach. 

Dimitri drehte sich um und sah, wie drei von Moldavis Begleitern sich anschickten, auf ihn loszugehen, aber bevor er darauf reagieren musste, traten schon Yfreto und vier weitere Lakaien dazwischen. 

„Verschwinde“, sagte Dimitri und machte einen bedrohlichen Schritt auf Moldavi zu. 

Das Zimmer war jetzt wieder im Lot ... aber durch seine brennenden Augen sah er, dass ein roter Schimmer über allem lag. Gerüche von Angst und Rauch stiegen ihm in die Nase, und gerade, als er sich umdrehte, schrie jemand.

„Feuer!“

Danach war alles vorbei.

Selbst jetzt erinnerte sich Dimitri noch an die plötzliche, glühende Hitze, den Rauch, das Wüten der Flammen. 

Das Feuer war während des Kampfes mit Moldavi ausgebrochen – jemand hatte eine Kerze oder eines der Kohlebecken für das Opium umgeworfen, und die teuren Wandgehänge waren in Flammen aufgegangen. 

Man konnte natürlich nichts tun, außer abzuwarten, wie das Haus mit allem darin restlos niederbrannte.

Dimitri und Eddersley entdeckten Lerinas toten Körper am nächsten Tag. Sie war so schrecklich verbrannt, dass man sie nur an einem Fetzen ihres Kleides erkennen konnte. 

Kurz darauf verließ Dimitri Wien und kehrte nach England zurück. Er war froh über den Vorwand, gehen zu können, angewidert von den Einbußen an Besitz und Leben, angeekelt von den Handlungen seiner Drakule Gefährten, und vor allem, dass er so töricht gewesen war, sich auf den Handel mit Luzifer eingelassen zu haben, und er entschied, er hatte genug von all dem.

Er wollte raus.

Er wollte sein sterbliches Leben wiederhaben.