33
Kalt. Eiskalt. Die schlimmste Kälte, die Lily je gefühlt hatte, drängte sich in sie wie etwas Lebendiges. Und mit ihr kam die Todesmagie – eine unsagbare Fäule, die sie durchströmte und ihr die Luft nahm – und zerbrach etwas in ihr, einen Teil von ihr, nach dem sie fasste, noch als die Kälte es verschlang und sie allein zurückließ. Unerträglich allein.
Du bist zu mir gekommen, sang jemand leise. Du bist gekommen.
Was –?
Ihr seid alle zu mir gekommen. So soll es sein. Das Feuer. Geh jetzt zum Feuer.
Die Worte schnitten wie Eissplitter in ihr Hirn. Sie taten weh. Ihr Bein begann, sich zu bewegen. Nein! Nein, sie würde nicht … Die Stimme in ihrem Kopf. Das war der Wiedergänger. Wer sonst? Sie würde sich nicht bewegen, würde nicht zulassen, dass er sie töten ließ.
Geh zum Feuer, wiederholte die Stimme.
Eis, das in ihr Hirn schnitt – sie versuchte zu schreien. Vergeblich. Aber … »Nein.« Es war nur ein Flüstern, hauchdünn, mehr brachte sie nicht heraus. Ihre Lippen bewegten sich kaum – aber ihre Beine rührten sich gar nicht.
Du kannst mit mir reden!
Sie spürte sein Erstaunen, wie einen Schneesturm, wie Eisschollen, die auf dem kalten Meer trieben. »Geh … raus … aus mir.«
Du bewegst dich nicht, wenn ich es dir sage. Wie … Oh, nein! Sein Heulen schnitt in ihr Fleisch. Es gibt zwei von dir! Ich bin durch eine Tür hineingekommen, aber ich komme nicht ganz rein. Nur eine von dir ist gestorben, und ich komme nicht ganz rein!
Vielleicht gelang es ihr, ihn hinauszudrängen. Sie versuchte es, drückte gegen die klebrige Fäulnis in ihrem Inneren. Aber ihr tat der Kopf so weh, so weh …
Aber du kannst mich hören, sagte er, ohne offenbar ihre Anstrengungen zu bemerken. Du kannst dem Mann sagen … frag den Mann etwas für mich. Ich muss den Mann etwas fragen. Ich erinnere mich nicht, was. Hilf mir. Ich muss mich erinnern, damit ich ihn fragen kann …
»Wen … fragen?«
Er kennt mich. Wir werden töten, sang er. Wir töten zusammen, und dann werde ich mich erinnern.
»Nein«, flüsterte sie. »Wir … sterben … zusammen. Schau.« Und es gelang ihr, ihren Blick nach links zu richten.
Ein roter Wolf mit hellen, unwirklich blauen Augen kauerte in drei Meter Entfernung und knurrte. Cullens Zauberblick war in beiden Gestalten aktiv, und was er sah, gefiel ihm gar nicht.
Er sprang, prallte gegen sie und warf sie zu Boden – sie sah Zähne aufblitzen, sein Maul, das nach ihrer Kehle schnappte –
Krämpfe schüttelten sie.
Rule rannte so schnell wie noch nie in seinem Leben – als würde er den Tod überholen können, in der Zeit zurücklaufen, um dort Lily vorzufinden, in Sicherheit und am Leben, die ihn auslachte.
Drei der Leidolf-Lupi hatten sich schnell genug gewandelt, um ihm folgen zu können. Er raste direkt auf sie zu. Ein Knurren stieg aus seiner Brust empor und wurde zu einem halb wahnsinnigen Heulen. Sie stoben auseinander.
Er machte einen Satz über den nächsten. Dann erreichte er die Lichtung und sah Lily auf dem Boden liegen und Cullen – Cullen! – über ihr, die Zähne gefletscht.
Er warf sich gegen seinen Freund mit dem roten Fell, stieß ihn zur Seite, von Lily herunter, und warf sich gleichzeitig in der Luft herum, um ihm an die Kehle zu gehen. Er wollte Blut, Blut, ein Meer aus Blut …
Cullen zog den Kopf zurück und Rules Maul bekam nur Fell zu fassen. Sie landeten hart und rollten ineinander verbissen auf dem Boden hin und her, die Knochen durch die Wucht von Rules Angriff erschüttert. Rule schnappte nach der Pfote vor seinen Zähnen. Vorbei.
Frauen schrien. Andere Wölfe kamen näher, knurrend. Andere Wölfe … Vor Trauer halb verrückt hatte Rule nicht nachgedacht, konnte auch jetzt kaum einen klaren Gedanken fassen, aber – Cullen? Nein, Cullen würde Lily nicht töten. Vielleicht hatte er ihren Körper bewacht …
Ihr Körper. Rule hob die Nase und heulte.
Cullen wandelte sich. Dann stand er da in Menschengestalt, die Hände auf den Hüften, und ließ den Kopf hängen. Blut tropfte aus einer Schnittwunde an seiner Schulter unter seinem Hals. »Rule, sie lebt. Lily lebt. Das Band der Gefährten …« Er schluckte schwer, als müsse er die Tränen zurückhalten. »Das Band der Gefährten ist fort, aber Lily lebt.«
»Ich hasse Krankenhäuser«, murmelte Lily, die auf der Kante einer Untersuchungsliege saß.
»Ich weiß.« Rule lehnte die Stirn gegen ihre.
Sie konnte seine Wärme spüren, seine Haut. Ihn spürte sie nicht. Nicht mehr. Wenn sie ihn nicht sah oder berührte, wusste sie nicht, wo er war.
Es war nur ein kleiner Verlust, tröstete sie sich. Das Band der Gefährten hatte ihr keinen Zugang zu seinen Gedanken oder Gefühlen gegeben. Nur ein Gefühl dafür, wo er sich gerade befand. »Ich bin nicht verletzt.« Außer vielleicht in ihrem Gehirn, aber diese Verletzung würde sich nicht sofort zeigen. Und der Wiedergänger war nicht sehr lange in ihr gewesen. Es war ihm nicht gelungen, sie sich zu unterwerfen. Möglicherweise würde auch gar nichts zurückbleiben.
Sie versuchte, nicht an die scharfen Kanten des Eises zu denken. Und nicht zu viel zu blinzeln.
»Ich weiß.« Rule gab ihr einen Kuss auf die Wange und richtete sich auf. »Aber tu mir trotzdem den Gefallen und lass dich von den Ärzten untersuchen.«
»Sie haben sich schon jeden Zentimeter von mir vorgeknöpft, und ihre bösen Vasallen haben mir alles Blut abgezapft.« Es würde noch eine Weile dauern, bis alle Resultate der Bluttests vorlagen, aber darauf warteten sie nicht. Das Krankenhaus in Halo war nicht darauf eingerichtet, nachts MRTs zu machen. Erst nach gutem Zureden waren sie bereit gewesen, den für das MRT Zuständigen aus dem Bett zu holen.
Dafür hatte Ruben höchstpersönlich zum Telefonhörer gegriffen. Schließlich mussten sie einen genauen Blick auf ihr Gehirn werfen. Damit sie wussten, ob sie noch ganz richtig tickte.
»Morgen untersucht Nettie dich«, sagte Rule.
»Nettie? Aber sie … Rule, du hast doch nicht etwa von ihr verlangt, dass sie quer durch das ganze Land reist.«
»Selbstverständlich.« Seitdem sie nach ihrem Anfall wieder zu sich gekommen war, redete er in diesem ruhigen Ton mit ihr. »Außerdem habe ich mit der Rhej gesprochen.«
»Welcher?«
Sein Lächeln war so schön und lieb wie immer. Aber der ruhige Ton machte sie aggressiv. »Die Rhej der Nokolai. Das, was passiert ist, konnte eigentlich gar nicht passieren. Ich habe sie gefragt, wie das Unmögliche möglich werden konnte.«
»Und …?«
Sein Lächeln erlosch. »Sie sagt, dass das Band der Gefährten nur durch den Tod gelöst werden kann. Irgendwie hat der Wiedergänger das Band mitgenommen. Und der Wiedergänger ist tot.«
In letzter Zeit geschah so vieles, das eigentlich unmöglich war. Wie der Wiedergänger, der an ihrer Gabe vorbei in sie hineinschlüpfen wollte, als wäre sie gar nicht da. Offenbar hatte sie eine Hintertür. »Jetzt wissen wir, wer anfällig für den Wiedergänger ist«, sagte sie müde. »Das ist doch schon mal etwas.«
»So etwas Ähnliches hast du eben schon einmal gesagt.« Rule setzte sich neben sie auf die Untersuchungsliege. »Du warst noch etwas verwirrt, aber du sagtest, du wüsstest, wie er …« Er brach ab, als würde es ihm zu schwerfallen, es auszusprechen.
»Wie er in mich eindringen konnte«, beendete sie grimmig den Satz an seiner Stelle. »Ja, ich glaube, ich weiß es. Ich habe heute herausgefunden, dass Meacham und Hodge eine Sache gemeinsam hatten. Sie waren beide für einige Minuten tot. Herzstillstand, kein Herzschlag. Brown soll die Krankenakten checken. Wir müssen jeden warnen, der schon einmal klinisch tot gewesen ist.«
Er sagte nichts. Sie drehte den Kopf und sah, dass er den Rand der Liege so fest umklammerte, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Sein Blick war starr geradeaus gerichtet.
»Rule.« Sie legte eine Hand auf seine Schulter. »Sag es mir, was immer es ist.«
»Meine Schuld«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich … was du in Dis getan hast … du hast es nur meinetwegen getan. Du bist gestorben. Ein Teil von dir. Es ist meine Schuld, dass dieses scheußliche Ding in dich eindringen konnte.«
Oh, Mist. Sie packte ihn bei den Schultern und zwang ihn, sie anzusehen. Er ließ es zu. Die Trostlosigkeit in seinen Augen tat ihr in der Seele weh. »Ich wäre ganz in Dis gestorben, wenn es nicht nur ein Teil von mir gewesen wäre.« Das klang ein wenig wirr, aber er wusste, was sie meinte. Krieg war die Hölle, aber Krieg in der Hölle war doppelt so tödlich. Wenn die andere Lily sich nicht geopfert hätte, hätten sie nicht lange überlebt.
»Und da keine von meinen beiden Ichs wirklich gestorben ist, war es doch kein schlechtes Geschäft.«
Ein Schauer überlief ihn, und plötzlich packte er sie und zog sie an sich. Er rieb seine Wange an ihrer, vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. Er atmete tief ein und erschauderte noch einmal. »Dieses Mal dachte ich wirklich, du seiest tot«, flüsterte er.
Lange Zeit sagte sie gar nichts und hielt ihn nur fest. Sie musste einfach. Komisch. Auch ohne das Band der Gefährten brauchte sie seine Nähe. Schließlich lehnte sie sich weit genug zurück, um sein Haar zurückzustreichen und ihn anzusehen. Seine Augen waren feucht.
Sie lächelte zaghaft. »Du hast gedacht, Cullen hätte es getan. Du Mistkerl!«
»Er stand über dir.«
»Du weißt, warum.«
»Ja, jetzt.«
Cullen hatte die Todesmagie, die an Lily klebte, gesehen. Er hatte die Verzweiflung in ihren Augen erkannt und verstanden, was mit ihr los war. Er hatte das Einzige getan, was er tun konnte – ihr so viel Angst zu machen, dass der Wiedergänger dachte, er würde sterben, wenn er in ihr bliebe.
Es hatte geklappt. Als der Wiedergänger sie verlassen hatte, hatte sie sich verkrampft. So wie Hodge. Aber anders als bei Hodge hatte die Todesmagie nichts hinterlassen. Als der Wiedergänger erst einmal fort war, hatte ihre Gabe die Todesmagie restlos abgestoßen.
Sie hatten Cullen checken lassen. Nur um sicherzugehen. »Hast du Nettie nach meiner Theorie gefragt?« Cullen konnte den Wiedergänger nicht sehen. Ihre Gabe hatte ihn nicht aufhalten können. Daraus schloss sie, dass der Wiedergänger Todesmagie benutzte, sie vielleicht fraß, wie die Rhej der Etorri gesagt hatte, dass aber sein eigentliches Selbst etwas anderes als Magie war.
Eine Seele, mit anderen Worten. Ihre Gabe schützte sie nicht vor spirituellen Dingen.
»Ja, das habe ich. Sie denkt, du hast recht.«
»Der Wiedergänger wollte mit jemandem reden, der am gens compleo teilnahm. Ihn etwas fragen. Ich glaube, er meinte dich.«
Rule starrte sie an. »Du hast ihn gehört?«
»Ja.« Die anderen hatten ihn nicht gehört, aber er war ja auch nicht ganz in Lily eingedrungen. Vielleicht war das der Grund, denn sie hatten nur ihren Körper geteilt. Ihr eigentliches Wesen war nicht wie bei den anderen auf den Rücksitz verbannt worden.
Es gibt zwei von dir …
Es machte sie schaudern, als sie daran dachte. »Er wollte, dass ich zum Feuer ging. Ich konnte verstehen, warum. Eis … diese Art von Kälte ist kaum zu beschreiben.«
Als er dieses Mal die Arme um sie legte, tat er es, um sie zu trösten und nicht sich. »Ist dir jetzt wärmer?«
Lily nickte, aber das war eine Lüge. Ihr Körper war wieder warm, aber in ihrem Inneren zitterte sie immer noch vor Kälte. Vor Angst.
Und sie fühlte sich allein. Rule hielt sie fest in seinen Armen. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Haar, die Wärme seines Körpers, und doch fühlte sie sich so allein wie seit neun Monaten nicht mehr.
Verdammtes Band, dachte sie. Und weinte.
»Raus. Raus. Geh weg.«
»Pscht, Baby, alles ist gut. Er ist weg.«
Ja, der Wiedergänger war weg. Ein Traum. Nichts weiter, nur ein Traum. Blinzelnd öffnete Lily die Augen. Sie spürte Rules Körper, der sich von hinten an sie schmiegte, seine Hände, die ihr Haar streichelten. Die schmutzigen Farben des Morgengrauens sagten ihr, dass die Nacht endlich vorbei war.
Sie hatte geträumt, dass der Wiedergänger immer noch in ihr war, dass er sich so gut versteckt hatte, dass ihn niemand bemerkte. Und Rule … Rule hatte sie verlassen. Das Band der Gefährten war gerissen, also hatte er sie verlassen.
Ihrem Unterbewusstsein mangelte es wirklich an Zartgefühl. Packte ihre größte Angst aus, obwohl sie doch so angeschlagen war. Blödes Unterbewusstsein. Sie setzte sich auf und strich sich das Haar zurück. »Ich muss zur Arbeit.«
»Es ist noch früh. Du musst doch sicher nicht –«
»Nein. Nein, hör zu. In meinem Traum hat er mir immer wieder gesagt, wie froh er war, dass ich zu ihm gekommen bin. Aber das ist in Wirklichkeit auch passiert. Er hat so etwas gesagt. Er sagte, dass ich … das wir … zu ihm gekommen sind.«
Erst schwieg er, dann sagte er langsam: »Er war schon da. Im Wald.«
Sie nickte. »Ich muss mir die Karte ansehen.«
Rule begleitete sie. Sie hätte ihn möglicherweise davon abhalten können – wenn sie jeden verfügbaren Deputy des Sheriffs mit schussbereiter Waffe vor der Tür postiert hätte. Er würde es merken, wenn der Wiedergänger sie wieder in Besitz nehmen würde, sagte er. Er würde es riechen. Wenn er in einem Körper war, konnte er die Todesmagie riechen.
»Und dann?«, sagte sie säuerlich. »Willst du etwa gruselige Grimassen schneiden, bis er mich wieder verlässt?«
Er hatte nur mit einem schwachen, abwesenden Lächeln geantwortet.
Aber er hatte recht, und obwohl sie versuchte, den Gedanken zu verdrängen, fühlte sie sich wohler, wenn er bei ihr war. Vielleicht war er ja nicht mehr lange bei ihr.
Lass das, sagte sie sich. Rule hatte nicht aufgehört, sie zu lieben, als das Band gerissen war. Sie würden sich schon daran gewöhnen. Alles würde wieder gut.
Vorausgesetzt, ihr Hirn wurde nicht frittiert. Blinzelte sie wirklich mehr als sonst oder achtete sie nur mehr darauf?
»Hier ist die Stelle, an der du die Toten gefunden hast.« Lily deutete auf die drei roten Heftzwecken. »Und hier haben Deacon und ich die Hunde erschossen.« Diese Zwecken waren blau und ganz nah an den ersten dreien. »Letzte Nacht waren wir –«
»Hier.« Rule tippte auf einen Punkt einen Zentimeter weiter. »Die blauen Nadeln markieren Tierleichen?«
Sie nickte und steckte eine weiße Nadel in die Karte, um dann mit dem Finger die Entfernung zu messen. »Es liegen nur etwa siebeneinhalb Kilometer zwischen den Leichen und dem Picknickplatz. Die Straße hat sich so gewunden, dass ich den Eindruck hatte, es wäre weiter.«
»Was ist das?« Rule tippte auf eine weitere weiße Reißzwecke.
»Meachams Haus. Es liegt nicht weit entfernt vom Wald. Na ja, das wussten wir immer, aber wir haben immer nur gedacht, wie einfach es für ihn war, die Leichen dorthin zu schaffen, nicht –«
Die Tür öffnete sich. »Wie kommt es, dass ich mir meine Donuts immer selbst holen muss?«
Es war Brown, übellaunig wie immer. In der Hand hielt er eine weiße Schachtel mit dem Logo von Dunkin’ Donuts. »Hier«, sagte er und hielt ihr die Schachtel hin. »Nehmen Sie einen, schließlich hätte ich beinahe auf den Deputy schießen müssen, um an ihm vorbeizukommen, ohne dass er mich anschnorrt. Und erzählen Sie mir nicht, dass Sie Diät machen.« Er sah sie böse an. »Jemand, der frisch aus der Notaufnahme kommt, braucht Zucker.«
Das war wohl seine Art, ihr gute Besserung zu wünschen. »Danke.« Und, Gott segne ihn, er hatte auch einen Schokoladendonut mit Schokoglasur gekauft. Eilig bediente sie sich.
»Was machen Sie denn hier?«, fragte Brown Rule nicht angriffslustiger als gewöhnlich, während er sich selbst einen Donut nahm. »Und wo ist der andere Typ, der Hübsche?«
Lily musste lächeln, aber da sie den Mund voll Donut hatte, überließ sie es Rule, zu antworten.
»Cullen hat sich in seinem Hotelzimmer verkrochen. Seine Frau hat ihm ein paar seiner Unterlagen geschickt. Er hofft, mehr über Wiedergänger in Erfahrung zu bringen. Und ich passe auf Lily auf«, sagte er ruhig. »Ich kann Todesmagie riechen.«
»Oh. Gute Idee«, sagte Brown kauend. »Wenn der Wiedergänger sie noch einmal in Besitz nimmt, dann merken Sie es also? Wahrscheinlich können Sie dann auch nichts dagegen tun, aber wenigstens können Sie uns andere warnen. Was ist denn?«, fragte er, als Rule die Augen verengte. »Wäre doch dumm, wenn wir die Ermittlungen einem verrückten Gespenst überließen. Schließlich ist sie bewaffnet, Herrgott. Ich wüsste es zu schätzen, vorgewarnt zu werden.«
»Ich werde mein Bestes tun«, sagte Rule trocken.
»Ich werde regelmäßige MRTs machen«, sagte Lily zu Brown. »Um sicher sein zu können, dass mein Hirn noch normal funktioniert. Im Moment bin ich frei von irgendwelchen verrückten Geistern, und mein Kopf arbeitet so gut wie immer. Was nicht besonders gut ist, aber immerhin ist mir endlich etwas aufgefallen.«
Sie zeigte auf die Karte. »Hier ist Meachams Haus, dort ist der Wiedergänger zum ersten Mal in einen Menschen gefahren. Hier waren die Hunde – die, die er dann benutzt hat. Wir glauben, dass der Wiedergänger in einem der Hunde war, als er Rule in der Nähe des Grabes angriff, genau hier. Und hier«, sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Karte, »war er letzte Nacht. Er hat mir gesagt … Er sagte, wir seien zu ihm gekommen. Er war bereits dort.«
»Sie glauben also, dass er die ganze Zeit da war? Im Wald?« Brown kam näher. »Das klingt vernünftig. Aber dort drüben ist Hodges’ Haus, weitab von den anderen Stellen.«
Lily wechselte einen Blick mit Rule. »Er ist vielleicht mir oder Rule in die Stadt gefolgt, als wir die Leichen entdeckt haben. Er … will mit jemandem sprechen, möglicherweise mit Rule.«
»Das verrückte Killergespenst will sich unterhalten?« Brown schüttelte den Kopf und nahm sich noch einen Donut. »Sie nehmen also an, dass sein Grab irgendwo da draußen im Wald ist.« Als sie ihn verblüfft anstarrten, wedelte er mit dem Donut in seiner Hand, fast ein wenig verlegen. »Ich dachte nur – na ja, Sie wissen schon. Gräber. Gespenster. Das passt doch.«
»Vielleicht wurde der Tod gar nicht gemeldet«, sagte Lily langsam. »Falls nicht, musste die Frau, die Magierin, die den Wiedergänger erschaffen hatte, seine Leiche loswerden. Und vielleicht« – sie blickte Rule an – »hat Meacham diese Leichen gar nicht begraben. Der Wiedergänger hat es getan, während er noch in Meachams Körper war. Tote müssen begraben werden, und er brachte sie an den Ort, den er kannte.«
»Nicht ganz derselbe Ort«, sagte Rule. »Ich hätte eine weitere Leiche gerochen, wenn sie dort gewesen wäre.«
»Eine sieben Monate alte Leiche?«
Er überlegte einen Moment und nickte dann. »Ich glaube schon, ja. Ich muss nah dran sein, aber der Boden riecht anders, wenn eine Leiche darunterliegt.«
»Also könntest du es jetzt immer noch tun. Du könntest ihn finden.« Einen Toten würden sie identifizieren können. Und dann hätten sie endlich einen Namen.
»Ich kann es versuchen.«
»Dann los.«
»Lily.« Rule hielt sie am Arm zurück. »Du bist die Letzte, die nach dem Grab des Wiedergängers suchen sollte. Du bist zu verwundbar.«
Sie blieb ganz ruhig. In ihrem Inneren war sie alles andere als ruhig, aber nach außen ließ sie sich nichts anmerken, und sie war stolz darauf. »Du willst ohne mich suchen?« Sie schüttelte den Kopf. »Vielleicht ist er gar nicht dort. Er könnte hier sein in diesem Raum, jetzt in diesem Moment. Wir wissen nicht –«
»Es ist wahrscheinlicher, dass er dort ist, als woanders.«
»Ich glaube, ich weiß, wie ich ihn abwehren kann.«
»Das reicht mir nicht.«
Sie senkte die Stimme, in der Hoffnung, dass Brown nicht mithören konnte. »Er ist durch … durch die andere Lily gekommen. Du weißt, was ich meine. Er kam genau in dem Moment, als ihre Erinnerungen mich streiften. Wenn ich sie ausschließe, kann auch er nicht herein.« Vielleicht. Sie schluckte. »Ich muss es wissen, Rule. Ich muss wissen, dass ich ihn abwehren kann.«
Er ließ ihren Arm los, aber nicht weil er einverstanden war. Sein Blick war zu ausdruckslos, zu verschlossen. Aber wenigstens widersprach er ihr nicht.
Okay. Dann los. Lily schnappte sich den zweiten Schokoladendonut und schob die Schachtel Brown zu. »Die werden Sie brauchen. Haben Sie die Liste aus dem Krankenhaus?« Die Liste derer, die – vorübergehend – gestorben waren.
»Jepp.«
»Dann bestechen Sie ein paar Cops. Sie werden Hilfe benötigen, um die Leute auf dieser Liste zu finden und sie darüber zu informieren, dass sie in Gefahr sind.« Sie sah Rule an. »Gehen wir.«
Sie verließen den Raum.
Lily hatte eine Vermutung. Dem Wiedergänger war kalt gewesen, unerträglich kalt. Etwas anderes war ihr kaum aufgefallen, weil seine Eiseskälte ihr so wehgetan hatte.
Aber sie hatte sich auch allein gefühlt, schrecklich allein … und in ihrem Traum war sie nicht die Einzige gewesen, die jemanden verloren hatte und allein zurückblieb.
Vielleicht projizierte sie ihre eigenen Ängste in die Erinnerungen des Wiedergängers, aber das glaubte sie nicht. Unter seiner Kälte war eine furchtbare Einsamkeit – die vielleicht auch ihre Ursache war.
Hatte er die Leichen derer, die er getötet hatte, zu seiner eigenen gebracht, damit er im Tod Gesellschaft hatte?