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In der schwülen Luft des Südens liegen Düfte und Gerüche besonders lange in der Luft. Schließlich sind sie nichts als Dämpfe, chemische Verbindungen, die bei Erwärmung flüchtig werden und in der feuchten Wärme hängen bleiben – wie Rule in seiner anderen Gestalt sehr wohl wusste.

Aber in seiner jetzigen Gestalt interessierte ihn nur, wie intensiv ein Geruch war. Als er durch die silbernen Schatten des Waldes rannte, durch die von Feuchtigkeit und Düften schwere Luft, nahm er die Welt mehr mit der Nase als mit den Augen wahr. Von einem nahen Bach wehte eine Mischung aus Kudzu, Felsen und Fisch durch das üppige Grün zu ihm herüber. Der feine Vanilleduft des Rhododendrons mischte sich mit Moos, mit Blütenhartriegel und Rosskastanie, dem zuckrigen Duft des Ahorns und hier und da dem kühl-würzigen Aroma von Pinien.

Doch es war die Spur aus Moschus, Blut und Waschbärenfell, der er folgte.

Hoch über ihm hing der abnehmende Mond, als er den Bach mit gestreckten Hinterläufen übersprang und das berauschende Gefühl des Fliegens spürte. Beinahe wäre er auf der Beute gelandet, aber seine Beine rutschten in dem nassen roten Lehm weg. Eine Sekunde später schoss der Waschbär bereits einen Baumstamm hoch.

Er schüttelte den Kopf. Immer kletterten diese verdammten Waschbären auf Bäume, wenn sie die Chance dazu bekamen. Er missgönnte dem Tier seine Flucht nicht, hätte es aber lieber gehabt, wenn die Jagd ein bisschen länger gedauert hätte.

Rotwild kletterte nicht auf Bäume. Und deshalb beschloss er, Rotwild aufzuspüren.

Die Jagd war nur ein Vorwand. Es würde noch eine Weile dauern, bis er Hunger bekam. Bevor er sich gewandelt hatte, hatte er gut gegessen. Er genoss es ganz einfach, sich zu bewegen, die Welt mit der Nase, den Ohren und unter den Ballen seiner Pfoten wahrzunehmen.

Der Mensch in ihm – das vertraute »Ich«, das kein Wolf war – war immer noch in ihm präsent. Er hatte seine Gedanken als Mensch, seine Erfahrungen nicht vergessen; sie waren ihm nur nicht mehr so wichtig. Nicht wenn die von tausend Düften schwere Luft ihn streichelte wie warme Seide. Möglicherweise war es auch der Mensch, der einen Stich Eifersucht fühlte, wenn er hier inmitten dieses wunderbaren Waldes des amerikanischen Südens an das heißere, trockenere Land dachte, das seinem Clan zu Hause in Kalifornien gehörte. Sein Großvater hatte es gekauft, um das Clangutshaus der Nokolai dort zu errichten. Damals war Land noch billig gewesen.

Die damalige Entscheidung war sehr vernünftig gewesen. In Kalifornien war der Clan zu Wohlstand gekommen. Aber auf dem Gut der Nokolai liefen die Wölfe über Felsen und harten Boden, nicht auf einem dicken Teppich aus Piniennadeln und Moos und durch die dunklen Schatten der Bäume, durch die nur selten ein Lichtstrahl drang.

Als Wolf hatte Rule schon viele Gegenden durchstreift, aber diese Nacht, dieser Wald hatte etwas Besonderes. Etwas Ungekanntes. Hier war er noch nie gewesen. Denn ganz in der Nähe befand sich das Clangut der Leidolf.

Er verspürte einen kurzen Anflug von Sorge, der jedoch schnell wieder verging. Wölfe kannten Angst. Sorge war zu sehr an das Denken gebunden, zu sehr auf die Zukunft gerichtet, als dass sie sich lange damit aufgehalten hätten. Den Teil in ihm, der Mensch war, wollte dieses Gefühl jedoch nicht so leicht loslassen, er wollte an ihm nagen, wie an einem harten Knochen. Den Wolf interessierte die einen Tag alte Spur eines Opossums mehr.

Das war der Grund, warum er heute Nacht als Wolf lief: zu viele Sorgen, zu viele Probleme, die sich wie harte Knochen weigerten, ihr Mark freizugeben. Er hatte am eigenen Leib erfahren müssen, dass der Mann den Wolf mindestens genauso sehr brauchte wie der Wolf den Mann. Dieser Wald tat ihm gut. Probleme würde er hier zwar nicht lösen, aber heute Nacht war er auch nicht darauf aus.

Lily sagte, sie hätten einfach noch nicht die richtigen Fragen gestellt.

Rule blieb stehen und hob den Kopf. Sowohl der Wolf als auch der Mann dachten gerne an sie. Wenn sie nur …

Er zuckte mit dem Ohr, wie um eine Fliege zu verjagen. Es war einfach dumm. Darin waren sich Mann und Wolf einig. Die Dinge waren, wie sie waren. Nicht wie man sie sich wünschte. Frauen wandelten sich nicht.

Eine Stunde später war er immer noch nicht auf Rotwild gestoßen, obwohl er seine Spur oft genug gewittert hatte, zusammen mit der von einigen anderen – einem Rudel Wildhunde, einer Kupferkopfschlange und einem weiteren Waschbären. Gut möglich, dass er mehr an diesen Ablenkungen interessiert gewesen war als an der Jagd an sich, wenn keine Clanmitglieder mit ihm jagten. Er wünschte, Benedict wäre hier oder Cullen … wünschte, obwohl er wusste, dass das unmöglich war, Lily wäre an seiner Seite. Die das hier nie mit ihm teilen könnte.

Anders als sein Sohn. Noch nicht, aber in einigen Jahren. Sein Sohn, der jetzt gerade in einer Stadt nicht weit von hier schlief – einer Stadt, die nicht mehr lange Tobys Heimat sein würde. In ein paar Tagen würde vor Gericht über das Sorgerecht entschieden, und wenn Tobys Großmutter nicht zwischenzeitlich ihre Meinung geändert hatte …

Das würde sie nicht tun. Das durfte sie nicht tun.

In seinem Inneren erhob sich mit einem Mal ein gewaltiger Aufruhr von unterschiedlichsten Gefühlen – Seligkeit, Angst, Jubel. Rule hob den Kopf, streckte die Schnauze dem Mond entgegen und fiel in sein Lied ein. Dann zuckte er mit dem Schwanz und lief mit weit heraushängender Zunge durch die warme Nacht.

Am Fuße eines niedrigen Hügels stieg ihm ein anderer Geruch in die Nase. Die Duftmarke war alt, aber unmissverständlich. Irgendwann in den letzten Monaten hatte ein Leidolf diese Stelle mit Urin markiert. Etwas Elementares regte sich in ihm, als der Teil der Clanmacht, den er in sich trug, sich erhob. Er erkannte nicht den Geruch, er kannte ihn. Und er war ihm angenehm.

Eine kurzen Moment lang war er verwirrt. Bisher hatte der Geruch immer Feind bedeutet. Aber die Botschaft der Clanmacht war deutlich: Dieser Geruch war der seine.

Der Mann in ihm verstand, was anders war, hatte es erwartet und erinnerte sich an die Gründe. Deshalb akzeptierte auch der Wolf die Veränderung. Er lief den kleinen Hügel hoch, badete in einem Meer von Grillengesang und sah sich aufmerksam um. Seine Nase sagte ihm, dass hier irgendwo in der Nähe Gras sein musste, an einer Stelle, an der die Bodenbeschaffenheit keinen Baumwuchs zuließ.

Er mochte Gras. Vielleicht war es hoch und voller Mäuse. Mäuse waren klein und flink, aber sie knackten so schön, wenn man darauf biss.

Ein Gedanke durchfuhr ihn, ein Gedanke, der sowohl dem Mann als auch dem Wolf gekommen war. Noch vor ein paar Monaten hätte er eine so alte Spur wie die des Leidolf Wolfes nicht gerochen. War die neue Macht in seinem Leib daran schuld, dass er sie jetzt witterte? Oder lag es daran, dass es zwei Mächte waren? Vielleicht spürte er die Magie dieser Nacht, dieses Waldes so ungewöhnlich stark, weil er selbst mehr Magie in sich trug.

In seiner anderen Gestalt hätte er darüber nachgedacht, denn dann fiel ihm das Denken leichter. Vorerst … Auf dem Kamm des Hügels suchten seine Augen den Mond. Er wusste, dass es spät war und in einer Stadt in der Nähe eine Frau auf ihn wartete … schlafend? Wahrscheinlich. Er hatte ihr gesagt, dass er fast die ganze Nacht fort sein würde.

Ein Teil von ihm fragte sich, ob er nicht lieber neben ihr im Bett liegen würde. Doch vor ihm lag eine weite Grasfläche und die Aussicht auf eine Maus oder drei. Er war hier, nicht dort, und er empfand kein Bedauern.

Aber es wurde spät. Die Glühwürmchen hatten ihre Leuchtstäbe ausgeknipst, und der Mond ging unter. Er beschloss, noch durch das hohe Gras zu streifen. Anschließend würde er an die Stelle zurückkehren, an der er seine Kleider zurückgelassen hatte, zusammen mit der Gestalt, der diese Kleider passten.

Das Gras war tatsächlich hoch, und er witterte sofort den durchdringenden Geruch von Mäusen, als er sich der Wiese näherte. Auch Kaninchen roch er, aber Kaninchen jagte man am Tage, weil sie sich im Dunkeln selten aus ihrem Bau trauten.

Ein leichter Wind erhob sich, flüsterte durch die Grashalme und trug ihm neue Gerüche zu. Er blieb stehen und schnupperte neugierig.

War das etwa …? Fäulnis, ja; es war unverkennbar der Gestank von verwesendem Fleisch, wenngleich nur sehr schwach. Das bedeutete nicht viel. Im Wald starben Tiere. Auch vom Highway roch es manchmal so. Tiere wurden öfter von Autos angefahren, als dass sie auf natürliche Weise starben. Aber war es überhaupt ein Tier?

Die Mächte würden ihm helfen, das herauszufinden.

Jetzt schliefen sie. Er würde sie nicht wecken, nicht einmal die Macht, die er als seine eigene ansah – den Teil der Nokolai-Clanmacht, den sein Vater ihm vor Jahren übertragen hatte. Wenn er eine von ihnen rief, würde auch die andere antworten. Und er wusste, was das bedeutete. Wenn er zu viel Energie aus der Macht des anderen Clans zog, konnte es den wahren Träger der Macht töten, dessen Leben dann nur noch an einem seidenen Faden hing.

Nicht dass Rule etwas gegen Victor Freys Tod gehabt hätte. Unter anderen Umständen hätte er sich sogar darüber gefreut. Doch er wollte den Clan nicht, der nach Victors Tod an ihn übergehen würde. Und weder er noch der Clan der Nokolai konnte dadurch entstehende Unruhen gebrauchen.

Konnte er die beiden Mächte nutzen, ohne sie wirklich zu rufen?

Der Wolf glaubte es. Der Instinkt sagte dem Mann etwas anderes, oder vielleicht dachte er auch nur zu viel nach. Aber er wollte es versuchen.

Rule weckte die beiden Mächte in seinem Inneren, indem er seine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Dann konzentrierte er sich wieder auf den schwachen Geruch, den der Wind herantrug, unterstützt von den Mächten, doch ohne sie wirklich zu nutzen.

Sofort wurde der Geruch in seiner Nase intensiver. Das war kein Hund, der von einem Auto überfahren worden war, nein. Und auch kein krankes Rotwild. Obwohl der Gestank der Verwesung alles andere überdeckte, war er beinahe sicher, dass der tote Körper, den er witterte, nie auf vier Beinen gegangen war.

Geh. Der Wind könnte abnehmen und die Spur schwächer werden. Geh. Finde es heraus.

Er begann zu laufen.

Der Tod lässt Wölfe im Allgemeinen unberührt, solange er nicht sie oder die seinen bedroht. Weil der Körper, den er suchte, tot war, hatte der Wolf keine Eile. Anders als der Mann. Rule lief beinahe zwei Kilometer – nicht mit voller Kraft, weil das Gelände unbekannt für ihn war und keine unmittelbare Bedrohung oder Beute in der Nähe war. Aber in Wolfsgestalt war er schnell, schneller noch als ein echter Wolf.

Erst kurz vor dem Highway wurde er langsamer. Etwa einen Kilometer vor ihm hörte er Autos … nicht viele. Es war kein sehr befahrener Highway.

Aber was er suchte, befand sich im Wald. Der Gestank ließ ihn die Zähne fletschen, als er sich näherte. Unter der Verwesung lag noch ein anderer Geruch, aber selbst mithilfe der Mächte konnte er ihn nicht identifizieren. Seine Nackenhaare stellten sich auf, und er begann zu knurren.

Anders als andere Raubtiere fressen Wölfe kein Aas. Nur ein Wolf, der kurz vor dem Verhungern ist, würde verwestes Fleisch fressen. Und Rule war zu sehr Mensch, selbst jetzt noch, um etwas anderes als trauriges Entsetzen zu empfinden, als er sah, was in dem niedrigen Graben zwischen zwei Eichen lag.

Nicht alle Tiere waren wählerisch. Und er war nicht der Erste, der sie gefunden hatte.