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FBI-Agenten sahen sich gern als die Spitze der Nahrungskette in der Strafverfolgung, eine Einstellung, die sie bei der örtlichen Polizei nicht gerade beliebt machte. Lily wusste, wie unangenehm dieses Auftreten sein konnte, denn bis letzten November war sie eine dieser örtlichen Beamtinnen gewesen. Und sie wusste, dass die Kollegen Mittel und Wege hatten, den lästigen Konkurrenten vom FBI das Leben schwer zu machen, wenn sie wollten. Aus diesem Grund legte sie immer viel Wert auf eine möglichst kollegiale Zusammenarbeit.

Aber Cops, gleich welchen Schlags, waren territorialer veranlagt als Werwölfe, deshalb war das eine oder andere Gerangel unvermeidlich. Nach ihrem Zusammenstoß mit Deacon wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte. Schließlich musste sie weiterhin mit dem Mann zusammenarbeiten. Vielleicht war das der Grund, warum sie vor ihrem Treffen mit der Staatsanwältin das große gelbe M ansteuerte: um sich an die Anfänge ihrer Laufbahn als Polizeibeamtin zu erinnern.

Bei Rule hätte sie ein viel besseres Frühstück bekommen. Rule konnte kochen, und zwar gut. Aber manchmal brauchte eine Frau einfach fettiges, schlechtes Essen. Etwas Vertrautes. Und sie hatte schon viel Fast Food in einem Polizeiwagen gegessen.

Natürlich war das damals kein Mercedes gewesen. Sie fuhr auf den Parkplatz und in die Spur, die zu den Schaltern führte, wo sie die vertrauten, nahrungsähnlichen Produkte bekam.

Das Innere des Wagens war makellos. Rule war nicht annähernd so ordentlich wie sie, aber seine Autos hielt er immer sauber, selbst Mietwagen wie diesen. Er war so verdammt perfekt – wohlhabend, kultiviert und so sexy, dass er eine Frau aus dem Koma wecken würde. Es war gut zu wissen, dass er auch einfach ein Mann war. Es war ihm zwar egal, ob das Bett gemacht war, aber wehe, wenn Krümel auf seinen Ledersitzen lagen.

Auf sein Äußeres legte er ebenfalls viel Wert. Lily lächelte, als sie eine Wagenlänge vorsetzte. Tatsächlich entdeckte sie darin eine Spur von Eitelkeit. Vielleicht war sein Auto so etwas wie ein Kleidungsstück für ihn – die Ritterrüstung des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Sie würde vorsichtig sein, wenn sie aß. Die Ritterrüstung sollte doch weiterhin glänzen.

Drei Autos waren noch vor ihr in der Reihe. Lily lehnte ihren Laptop gegen das Steuer und füllte gerade ein Online-Formular aus, als ihr Handy wie ein Rasierapparat brummte – woraus sie schloss, dass es sich um einen Anruf handelte, der von ihrem Dienstanschluss weitergeleitet worden war.

Es war Deacon. Die Staatsanwältin wollte ihr Treffen auf acht Uhr dreißig im Gefängnis legen, damit sie anwesend sein konnte, wenn Lily Meacham vernahm. Lily sagte ihm, dass das kein Problem wäre, auch wenn es mittlerweile recht eng werden würde. Meachams Pflichtverteidiger würde auch da sein.

Vermutlich musste sie froh sein, dass Halos Polizeichef nicht auch noch kam. Meacham hatte außerhalb der Stadtgrenzen gelebt – und getötet –, sodass das Büro des Sheriffs für den Fall zuständig war.

Zuständigkeiten wurden zwischen Städten und Staaten unterschiedlich aufgeteilt. Die meisten FBI-Agenten waren einem lokalen oder regionalen Büro zugeordnet; sie mussten die Befehlskette für die verschiedenen Dienststellen des Staates, des Countys und der Stadt in ihrem Gebiet kennen. Wie die Dinge in den anderen fünfzig Staaten liefen, mussten sie nicht wissen.

Lily aber wusste es. Denn als Spezialagentin der Einheit konnte sie überall hingeschickt werden. Ihr Chef hatte ihr versprochen, sie – wenn möglich – bevorzugt in der Nähe von San Diego einzusetzen, weil Rule immer in ihrer Nähe sein musste. Das war der Nachteil des Bandes der Gefährten. Im Moment war es ihnen möglich, sich ungefähr dreihundert Kilometer voneinander zu entfernen, aber das konnte sich jederzeit ändern. Morgen schon konnte sie aufwachen und feststellen, dass es vielleicht nur noch fünfzig waren. Oder zehn. Oder einer.

Ein Kilometer war zugegebenermaßen unwahrscheinlich. Rule sagte, das Band sei nur zu Beginn so fest. Aber keiner von ihnen kannte die Regeln genau. Niemand schien sie zu kennen oder zu wissen, ob es überhaupt welche gab. Da sie nicht wussten, wann, warum und ob das Band plötzlich kürzer wurde, entfernten sie sich nie weit voneinander.

Rule nahm es gelassen. Warum, verstand sie nicht – eigentlich war er kein gelassener Typ –, aber die Vertragsklausel über variable Nähe schien ihn nicht so zu stören wie sie. »Warum soll ich mir darüber Gedanken machen?«, hatte er erst kürzlich gesagt. »Ich ärgere mich ja auch nicht, dass die Schwerkraft mich daran hindert, einfach loszufliegen, wenn mir danach ist.«

»Aber Schwerkraft ist eine Konstante! Sie zieht mich nicht von jetzt auf gleich doppelt so stark zu Boden. Ich weiß, wie sich Schwerkraft verhält.«

»Vielleicht ist auch das Band konstant, und nur wie wir es erleben, ändert sich.«

Da es ebendiese unvorhersehbaren Änderungen waren, die sie wahnsinnig machten, war ihr das keine Hilfe. Doch im Moment war das Band der Gefährten kein Problem für sie. Eine ganz andere veränderliche Größe beschäftigte sie.

Erinnerung.

Es ist ganz normal, manchmal einen Namen zu vergessen, sagte sie sich, während sie die Papiertüte und den Deckelbecher von dem Jungen am Schalter entgegennahm. Das passiert jedem. Aber den Namen eines Verdächtigen zu vergessen? »Meacham«, murmelte sie, als sie vom Parkplatz herunterfuhr. »Roy Don Meacham. Und jetzt hör auf, so paranoid zu sein.«

Sie nahm gerade einen Schluck Kaffee, als ihre Handtasche brummte. Sie stellte den Becher in dem dafür vorgesehenen Halter ab und zog das Handy aus ihrer Handtasche. Nachdem sie Nummer und Zeit geprüft hatte, klappte sie das Telefon auf. »Hallo. Angesichts des Zeitunterschieds hatte ich Ihren Anruf erst in ein oder zwei Stunden erwartet.«

Abel Karonski grunzte. »Erzählen Sie das mal Ida. Die Frau schläft nie, daher versteht sie das Konzept auch nicht.«

Ida Reinhart war Rubens Sekretärin und der Schrecken aller Agenten der Einheit. Lily grinste und sah sich nach einem Parkplatz um. »Cynna behauptet, dass Ida sich nachts unter ihren Schreibtisch legt.«

»Vielleicht, aber schlafen tut sie nicht. Wie sonst könnte sie um fünf Uhr morgens an ihrem Schreibtisch sitzen und mich anrufen?«

»Hier ist es sieben Uhr. Warten Sie einen Moment – ich muss anhalten. Wenn ich mit meinem Handy jongliere, werden meine Eier kalt.«

»Eier. Sie haben Eier.«

»Ja, das gelbe Zeug in diesem Sandwich war angeblich einmal in einem Huhn.« Sie kam zu einer Grundschule. Noch war hier alles friedlich und ruhig. Auf der lang gestreckten Rasenfläche standen vereinzelt einige Rutschen und Schaukeln, die zu dieser frühen Stunde an einem Sommermorgen noch alle leer waren. An der Längsseite des Gebäudes befanden sich Parkflächen. Sie hielt an und fragte sich, ob die toten Kinder wohl auf diese Schule gegangen waren. »Und ich habe Kaffee.«

»Kaffee habe ich auch. Heutzutage stellen die Hotels Kaffeemaschinen in ihre Zimmer, Gott sei Dank. Ich will etwas zu essen. Kauen Sie gerade? Höre ich Sie etwa kauen?«

Lily schluckte und grinste. Sie stellte sich vor, wie Karonski in seinem zerknitterten Anzug in irgendeinem Hotelzimmer saß – nein, so früh wäre er noch nicht angezogen. Wahrscheinlich schlief er in seinen Boxershorts, aber auf keinen Fall würde sie sich Karonski in seiner Unterwäsche vorstellen, also stattete sie ihn im Geiste mit braunen Anzughosen und einem zerknitterten Hemd aus. Karonskis Hemden waren immer zerknittert. »Wer, ich? Das wäre unhöflich, auch wenn ich es eilig habe. In zwanzig Minuten muss ich bei einem Meeting sein.«

»Dann erzählen Sie mir lieber schnell von den Toten, die Sie gefunden haben.«

Ein anderes Bild trat an die Stelle eines zerknitterten Karonskis. Und dieses veranlasste sie, ihr angebissenes Eiersandwich zurück in die Tüte zu tun. »Eigentlich hat Rule sie gefunden.« Um zu vermeiden, dass Krümel herausfielen, knickte sie die Tüte an den Ecken um – sorgfältiger, als nötig gewesen wäre.

»Eine Frau und zwei Kinder.«

»Ja. Die hiesigen Beamten haben den Vater festgenommen, obwohl sie ihre Leichen noch nicht gefunden hatten. Aber sie hatten einen begründeten Verdacht. Er tauchte im Büro des Sheriffs mit dem blutigen Baseballschläger auf. Angeblich gibt es auch einen Zeugen, einen Postboten, der versucht hatte zu helfen und dabei niedergeschlagen wurde.

»Aber Sie haben Todesmagie an den Leichen gefunden.«

»Ja, und das verstehe ich nicht. Für mich stellt sich die Sache so dar: Entweder wurden die Opfer mit Todesmagie getötet oder sie starben, während sie erschaffen wurde – als Teil des Rituals, mit dem der Magier sie sich zunutze machte. Ersteres ist unwahrscheinlich. Die Spuren auf dem Schläger beweisen, dass es sich um die Tatwaffe handelt, was auch der Zeuge bestätigt. Möglich, dass der Täter auf die Opfer eingeschlagen hat, weil er die wahre Todesursache vertuschen wollte, aber das passt nicht zu seinem anschließenden Verhalten.«

»Er hat die Leichen versteckt und ist dann zurück in die Stadt gefahren, um dem Sheriff den Schläger mit den unübersehbaren Spuren zu überreichen.«

»Genau. Der Typ ist verrückt, aber auch Wahnsinn hat seine eigene, merkwürdige Logik. Und damit folgt er aus meiner Sicht keiner Logik, wie verdreht sie auch sein mag. Und das andere Szenario … die Spuren im Haus der Opfer deuten darauf hin, dass die Kinder in ihren Betten getötet wurden, aber die Mutter erst nach einem Kampf. Todesmagie ist Energie, die durch Töten gewonnen wird, und dazu braucht man ein Ritual, stimmt’s? Das hört sich nicht wie die Art von kontrollierter Situation an, die man für ein Ritual benötigt.«

»Es könnte doch sein, dass das erste Kind rituell getötet wurde und die anderen, um keine Zeugen zurückzulassen.«

»Welcher Idiot würde denn eine rituelle Tötung durchführen, wenn noch andere im Haus sind?«

»Er müsste schon wirklich durchgeknallt sein«, stimmte Karonski ihr zu. »Und ein ziemlich schlechter Magier obendrein. Vielleicht dachte er, er hätte die anderen mit einem Zauber einschlafen lassen.«

Lily tippte nachdenklich mit einem Finger gegen das Lenkrad. Sie war skeptisch. »Sie hatten es alle an sich. Davon habe ich mich am Fundort überzeugen können. Sie waren alle drei mit Todesmagie bedeckt. Würde das der Fall sein, wenn nur einer von ihnen rituell getötet wurde?«

Karonski stieß einen langen, tiefen Seufzer aus wie ein erschöpfter Hund. »Nein, Sie haben recht. Ich brauche offensichtlich noch mehr Kaffee. Natürlich weiß ich viel zu wenig über Todesmagie. Aber der Schläger lässt mir keine Ruhe. Stumpfe Gewalt ist symbolisch nicht korrekt.«

»Das müssen Sie mir genauer erklären.«

»Todesmagie wird nur sehr selten bei Menschen angewendet, aber bei Tieren kommt es häufiger vor, deswegen wissen wir ein bisschen etwas darüber, was dazu nötig ist. Für jedes Ritual, das ich kenne, braucht man ein Messer oder eine Klinge. Die Azteken haben ihren Menschenopfern nicht die Köpfe eingeschlagen. Und noch etwas … die meisten Wicca glauben, dass Todesmagie genauso funktioniert wie Blutmagie, dass sie miteinander verwandt sind. Blutmagie erfordert eine Klinge und große Konzentration. Man muss genau aufpassen, was mit dem Blut passiert, um es nutzen zu können. Das wird schwer, wenn man den Leuten den Schädel mit einem Baseballschläger zertrümmert.«

Lily schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht so recht. Blutmagie ist in meinen Augen noch etwas anderes. Ich weiß, dass die Wicca glauben, sie sei unrein –«

»Dann stehen wir nicht allein.«

»Nein, und vielleicht haben Sie auch recht, obwohl die Katholiken anderer Meinung sind. Aber darauf wollte ich nicht hinaus. Ich weiß nicht aus eigener Erfahrung, dass Blutmagie unrein ist. So etwas nehme ich nicht wahr, wenn ich Magie berühre.«

»Es sei denn, es handelt sich um Todesmagie.«

»Ja.« Das Böse. Das war es, was sie spürte, wenn sie Todesmagie berührte, und was sie nicht verstand. Energie war nichts weiter als Energie, und Magie hatte genauso wenig eine moralische Komponente wie Elektrizität – das hatte sie zumindest immer geglaubt, bis sie das erste Mal ein Opfer von Todesmagie berührt hatte. »Ich habe recht, was diese Leichen angeht. Ich bin mir sicher

»He, das bezweifle ich auch nicht. Ich tue mich nur schwer, eine Erklärung dafür zu finden. Wir wissen vielleicht nicht viel über Todesmagie, aber was da passiert ist, stellt das wenige, das wir wissen, infrage. Haben Sie schon mit Ihrem Lieblingszauberer gesprochen?«

»Noch nicht. In Kalifornien ist es erst kurz vor fünf Uhr morgens. Ich habe ihm eine SMS geschickt und auch Cynna, nur um ganz sicherzugehen.«

Cynna war Lilys Freundin. Außerdem war sie eine FBI-Agentin, Rules frühere Geliebte und die einzige Frau auf der Welt, die mit einem Lupus verheiratet war – Cullen Seabourne, mit dem sie auf dem Clangut der Nokolai lebte, wo sie ihr erstes Kind erwartete. Cullen war Rules Freund, ein ehemaliger clanloser Wolf, ein Stripper … und ein Zauberer. Eigentlich waren Zauberer seit der sogenannten Säuberung ausgestorben, und eigentlich wurden einsame Wölfe verrückt, wenn sie außerhalb der Gemeinschaft des Clans lebten, und eigentlich hatten Lupi niemals eine Gabe – und sie heirateten niemals.

Cullen hatte nicht nur mit diesen Regeln gebrochen, er hatte sie außer Kraft gesetzt.

»Wie geht es ihr?«, fragte Karonski. »Wird sie schon dick?«

»Das Wort ›dick‹ sollten Sie in Gegenwart einer schwangeren Frau lieber vermeiden. Vor allem in Cynnas. Sie ist bewaffnet.«

Karonski lachte leise. »Danke für den Hinweis. Sie wird doch sicher dafür sorgen, dass Seabourne Sie zurückruft?«

»Natürlich.« Eine von Cullens schlechten Gewohnheiten war es, Telefonanrufe zu ignorieren, wenn sie nicht interessant genug waren. Die Erwähnung von Todesmagie, fand Lily, müsste eigentlich sein Interesse wecken, aber bei Cullen wusste man nie, vor allem wenn er in irgendwelche geheimnisvollen Recherchen vertieft war. Was gewöhnlich der Fall war. »Hören Sie, ich habe eine Hypothese, die vielleicht passen könnte. Ich würde sie gerne mal mit Ihnen durchsprechen.«

»Dann los.«

»Was, wenn die ganze Familie beteiligt war? Vielleicht hat Meacham sie dazu gebracht, mitzumachen, indem er ihnen gesagt hat, sie würden eine Art Ritual durchführen. Es gibt Zauber, die erfordern mehrere Praktizierende, oder nicht? Wenn sie alle daran teilgenommen haben, wäre die Todesmagie auf sie alle übergegangen, als der Junge getötet wurde.«

Er schwieg einen Moment. »Das ist theoretisch möglich, aber Sie werden es nur schwer beweisen können.«

»Beweise zu finden wird ohnehin mein Problem sein. Vor allem, wenn der Coven, den Ruben schickt, nicht bestätigen kann, dass Todesmagie angewendet wurde.« Eine begrenzte Anzahl von Wicca-Zaubern war die einzige Form für durch Magie erworbene Beweismittel, die vor Gericht zulässig waren. Aber der Coven würde die Spuren, die Lily gefunden hatte, eventuell nicht finden. Cullen sagte, ein Zauber könne es niemals mit einer angeborenen Gabe aufnehmen. Er verglich es mit einem Roboter, den man so programmierte, dass er laufen konnte. Es war möglich, aber jedes Kleinkind wäre immer schneller als er.

Mit anderen Worten, es war sehr gut möglich, dass der Coven nichts finden würde.

»Schickt er Sherrys Leute, um den Test durchzuführen?«

»Wahrscheinlich, und ich weiß, sie sind gut, aber es ist bereits vier Tage her. Die Rückstände, die ich gespürt habe, waren nur schwach. Ich –«

»Was?«

Sie hatte eine Bewegung gesehen oder dachte, sie hätte es – ein Flackern aus den Augenwinkeln. Aber als sie in die Richtung blickte, sah sie nur, wie eine Schaukel sanft hin- und herschwang. Die anderen bewegten sich nicht.

Ein Vogel mit blassem Gefieder – eine Taube vielleicht – flatterte auf. Sie schüttelte den Kopf und kam sich dumm vor. Es war wohl nur ein Vogel gewesen, der von der Schaukel hochgeflogen war. »Nichts. Ich bin heute ein wenig nervös.« Vielleicht weil sie ihm als Nächstes eine Frage stellen musste, die ihr nicht behagte. »Karonski … was genau nimmt ein Todesmagieritual seinen Opfern?«

»Sie fragen nach der Seele?«

Sie hatte nicht erwartet, dass er so schnell schalten würde. »Ja.«

»Unterschiedliche Systeme, unterschiedliche Glaubensrichtungen haben unterschiedliche Ansätze. Die meisten christlichen Kirchen lehren, dass die Seele unsterblich ist, aber ein paar der evangelischen sind anderer Auffassung. Sie sind es auch, die glauben, dass ein Dämon eine Seele stehlen kann, deshalb würde ich ihrer Meinung nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Trotzdem glauben viele Wiccas, dass Todesmagie der Seele schadet, während der Islam –«

»Ich habe nicht nach der Religion gefragt. Was wissen wir

»Sie haben nach Seelen gefragt. Dazu muss ich über Religion reden. Wissen tun wir nämlich gar nichts.« Er machte eine Pause. »Sie sagten, dass Turner bewusstlos wurde, während er die Toten bewachte. Er hatte Todesmagie an sich.«

»Jetzt ist sie fort.«

»Ja, aber wie passt das für Sie ins Bild?«

»Nur mit einem Brecheisen und ganz vielen Ungereimtheiten.« Sie fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar. »Wenn Meacham der Killer ist, dann hat jemand anders gestern Abend im Wald Todesmagie bei Rule angewendet. Das ist nicht so weit hergeholt, wie es sich anhört. Wir wissen nicht, wie viele Leute an dem Ritual beteiligt waren. Vielleicht hatte Meacham einen oder mehrere Komplizen. Aber das erklärt nicht, warum –«

»Warum er oder sie Turner nicht getötet hat?«

Lily schluckte. »Ja, richtig. Ich denke, dass er oder sie es nicht konnte. Rule ist nicht einfach zu töten, und der zweite Täter hatte vielleicht nicht genügend Kraft. Wenn die Todesmagie unter mehreren Teilnehmern an dem Ritual aufgeteilt wurde, vielleicht …« Sie brach ab und seufzte. »Das sind viele Eventualitäten.« Sie musste dringend mit Cullen sprechen. Er konnte ihr sagen, was möglich war und was nicht, aber … Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Mist. Ich bin zu spät.«

»Dann gehen Sie, und ich gehe Eier essen.«

Lily dankte ihm für seine Geduld, legte ihr Telefon weg, warf die Papiertüte mit dem Junkfood fort und setzte aus ihrem Parkplatz vor der Schule zurück.

Religion. Es gefiel ihr gar nicht, wie alle ihre Fälle immer wieder darauf hinausliefen. Nicht dass sie per se etwas gegen Religion gehabt hätte … Oh, sei ehrlich, sagte sie sich. Religion war ein heikles Thema für sie. Ihr Vater war Buddhist, ihre Mutter Christin. Ihre ganze Kindheit hindurch hatten sie einen Kleinkrieg über die richtige Glaubensrichtung geführt. Als Folge war sie … nun, nicht gerade unvoreingenommen. Für andere Leute mochte Religion etwas Gutes sein. Sie selbst bevorzugte es, nicht darüber nachdenken zu müssen.

Lily bog auf den Parkplatz des Büros des Sheriffs ein. Karonski hatte wahrscheinlich mit dem meisten, was er gesagt hatte, recht gehabt, aber eines wussten sie doch über Seelen. Zumindest wusste Lily es. Seelen existierten. Das war mehr, als sie die ersten achtundzwanzig Jahre ihres Lebens gewusst hatte, deshalb hielt sie dieses Faktum für besonders wichtig.

Vor allem, da sie erst hatte sterben müssen, um diese Erfahrung zu machen. Lily stieg aus dem luxuriösen Auto, machte die Tür zu und schloss ab. Und gab sich alle Mühe, nicht daran zu denken.