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Willkürlich. Jemand, der – oder etwas, das – Menschen willkürlich zu Killern machte. So hatte Rule sich ausgedrückt. Doch Lily war nicht davon überzeugt, dass Meacham und Hodge tatsächlich rein willkürlich ausgesucht worden waren. Es musste irgendeine Verbindung, irgendeine Gemeinsamkeit zwischen ihnen geben.

Eine Person. Sie schloss nicht aus, dass Cullens Theorie von einer außerirdischen Kreatur zutreffen könnte, aber es schien ihr doch wahrscheinlicher, dass ein Mensch durch Zufall eine bisher unbekannte magische Fähigkeit oder ein neues Ritual entdeckt hatte.

Als sie auf die Veranda trat, hoffte sie inständig, dass Rules Nase diese Verbindung aufspüren würde – ob Mensch oder nicht.

»Ich muss kurz mit Brown sprechen«, sagte sie zu Rule, der die Haustür hinter ihnen schloss. Bis auf die Leute von der Spurensicherung, die gerade Mrs Asteglios Rasen absuchten, waren alle anderen gegangen. Nathan Brown stand in der Auffahrt des Nachbarhauses und sprach mit einem Kollegen von der örtlichen Polizei. »Er ist der Dienstälteste. Aber vorher muss ich wissen, warum du wegen Toby besorgt bist.«

»Nicht jetzt. Nicht hier.«

Nachdenklich betrachtete sie ihn. Sein Blick war hart, die Augen halb geschlossen – er verschloss sich vor ihr. Oder vielleicht doch vor etwas anderem? Aber wovor nur? Sorge drückte sie wie eine Boa ihre Beute, obwohl sie gar nicht wusste, worum sie sich überhaupt Sorgen machen sollte. »Na gut. Aber ich weiß, dass etwas nicht stimmt.«

»Möglicherweise. Vielleicht. Und ich kann hier nicht darüber sprechen.«

Hier, wo all diese lästigen Menschen sie hören konnten … Nun ja, das verstand sie. »Okay. Treffen wir uns bei Hodge?«

Er lächelte schwach. »Natürlich. Ich werde Pelz zu diesem Anlass tragen.«

Sie ging zum Nachbarhaus hinüber. Nathan Brown war klein, rundlich und blass wie ein unfrittierter Krapfen, hatte dichtes, rotbraunes Haar und einen riesigen Schnurrbart. Er war seit zweiundzwanzig Jahren bei der Polizei, und er mochte sie nicht.

Lily ging nicht davon aus, dass er Vorurteile gegen sie hatte. Sie vermutete, dass seine Abneigung einen simpleren Grund hatte. Er war ein einfacher FBI-Agent, sie war bei der Einheit. Nach der Wende hatte der Kongress die Agenten der Einheit mit zusätzlichen Vollmachten ausgerüstet. Leute wie Brown, die mehr Erfahrung als Lily hatten und länger dabei waren, wussten es nicht immer zu schätzen, wenn sie einem Neuling zugeteilt wurden. Vor allem, wenn dieser Neuling so jung war wie Lily.

Tja, Pech. Sie winkte ihn von dem jungen Beamten, mit dem er gerade sprach, zu sich. Er guckte finster, folgte aber ihrer Aufforderung. »Lassen Sie die örtlichen Kollegen die Nachbarn befragen?«

»Ja. Zusammen mit jeweils einem unserer Leute. Haben Sie etwas dagegen?«

»Nein, das ist eine gute Idee. Wenn sie jemand, den sie als einen der ihren betrachten, befragt, fühlen sich die Leute vielleicht wohler und sind offener. Ich werde mich in Hodges Haus umsehen, bevor ich die Spurensicherung hineinlasse. Sollte ich vorher noch etwas wissen?«

»Offenbar machen Sie sich keine Sorgen, dass Sie den Tatort kontaminieren könnten.«

»Ich werde die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Ich muss wissen, ob es Spuren von Magie in diesem Haus gibt. Da er selber keine Gabe hatte, wird jeder kleine Hinweis in diese Richtung nützlich sein.« Sie schwieg, um dann fortzufahren:. »Auch Rule wird nach Gerüchen suchen.«

Browns Blick flog zu Rule, der die Straße zu dem einstöckigen Haus an der Ecke hinunterging. »Sie machen Witze, oder? Sie wollen doch nicht wirklich ihr Hundchen in dem Haus Gassi führen?«

»Der Generalstaatsanwalt wird in der nächsten Woche neue Richtlinien für den Umgang mit Gerüchen herausgeben. Ich greife dem nur vor.«

Er hob die Augenbrauen übertrieben erstaunt. »Ein Freund von Ihnen? Hält er Sie über diese Dinge auf dem Laufenden?«

»Nein, er ist mit meinem Chef befreundet, und Ruben Brooks hält mich auf dem Laufenden. Wie ich bereits sagte, in Kürze werden insbesondere auch Zeugen zugelassen, die in der Lage sind, Gerüche mit großer Genauigkeit zu identifizieren.«

»Mit großer Genauigkeit. Aha.« Er griff in die Tasche seiner Anzugjacke und holte eine offene Packung Kaugummi heraus. »Dann werden Sie wohl wirklich mit Ihrem Hund am Tatort Gassi gehen.«

Lily trommelte mit den Fingern auf ihrem Oberschenkel. »Okay. Ich muss nicht wissen, ob Sie mich nicht mögen, weil ich von der Einheit bin oder weil ich eine Gabe habe oder weil ich wie Ihre Exfreundin aussehe. Aber ich muss wissen, ob Ihre Abneigung gegen mich sich auf Ihre Arbeit auswirkt.«

Etwas flackerte in seinem Blick auf – Ärger vielleicht, oder Überraschung. Schwer zu sagen, denn seine finstere Miene änderte sich nicht. »Ich tue immer meine Arbeit, Ma’am. Machen Sie sich darüber keine Gedanken.« Er hielt ihr die Kaugummis hin. »Möchten Sie einen? Nein? Sie fragen sich sicher, warum das Büro Ihnen einen aufsässigen Mistkerl geschickt hat, der keinen blassen Schimmer von Magie hat und die, die sich damit auskennen, nicht besonders mag.«

»Ich hoffe, dass Sie sich immerhin mit guter Polizeiarbeit auskennen.«

»Das tue ich.« Er nickte. »Wirklich. Aber Sie brauchen mich vor allem für all die anderen Cops, die hier in der Gegend herumlaufen: County Cops von dem anderen Fall, städtische Cops von diesem hier, und niemand garantiert uns, dass sie uns ein Wort mehr sagen, als sie müssen. Aber Sie haben das große Los gezogen. Ich bin ein verdammtes Genie im Umgang mit den örtlichen Kollegen.«

»Das wird dann wohl an Ihrem angeborenen Charme liegen.«

»Das wird’s wohl sein. Tja, die Arbeit wartet. Wenn Sie mich also nicht mehr brauchen, um Ihnen die Hand zu halten …«

»Gehen Sie. Bitte.« Und dann ging sie ebenfalls.

Hodge wohnte in einem eingeschossigen Haus, das auf einem großen, nicht eingezäunten Eckgrundstück stand. Die Beete entlang des Weges, der den Vorgarten in der Mitte teilte, waren mit hübschen Blumen und niedrigen Sträuchern bepflanzt, und der Rasen war saftig grün. Rule konnte sie nirgends entdecken.

Er musste beschlossen haben, mit dem Garten anzufangen. Sie ging zur Hausseite, wo eine große, ausladende Zeder ihr die Sicht versperrte.

Dort auf der Erde lagen seine Kleider. Ohne nachzudenken, hob sie sie auf, um sie zu falten, und ging dann weiter in den Garten hinter dem Haus. Als sie um die Ecke bog, sah sie, wie er sich unter der halb geschlossenen Tür einer Garage durchzuschlängeln versuchte. Er richtete sich auf, schüttelte sich und kam zu ihr.

Rule war ein sehr großer, sehr schöner Wolf. Sein Fell war mehr silbern als schwarz und um das Gesicht herum blasser. Seine Augen waren schwarz umrandet, wie die einer ägyptischen Schönheit.

Schön. Schön, dich so zu sehen.

Der Gedanke kam und ging wie Rauch, den der Wind davontrug – erst ein leichter Hauch, und dann schon wieder fort. Nicht jedoch der Ort, woher er gekommen war. Obwohl sie meistens keinen Zugang zu diesen Erinnerungen hatte, war ihr Ich, das mit Rule durch die Hölle gegangen war, das ihn nur als Wolf kannte, immer noch in ihr lebendig. Es war ein Teil von ihr.

Lily war stehen geblieben. Sie fühlte, dass ein Lächeln auf ihrem Gesicht lag. Rule kam zu ihr und drückte seine Nase gegen ihre Hand. Ihr Lächeln wurde inniger.

Er war nicht wie ein Hund – zu groß, zu clever, zu wild –, aber er liebte es, von ihr gestreichelt zu werden. Sie kraulte ihn kurz hinter den Ohren. »Hast du dort drüben etwas Interessantes entdeckt?«

Er schüttelte einmal den Kopf.

»Dann komm mit. Ich tüte deine Füße auf der Veranda ein.«

Das hatten sie schon an so vielen Tatorten gemacht, dass es mittlerweile Routine für sie war. Lily steckte Rules Pfoten in Plastiktüten, die sie dann mit einem Gummiband befestigte. Dann zog sie ihre Schuhe aus, säuberte ihre Füße mit einem alkoholgetränkten Tuch und streifte sich ihre Handschuhe über.

Einen Tatort barfuß zu betreten war nicht die beste Methode, um ihn nicht zu kontaminieren, aber die schnellste, um magische Spuren zu finden. Mit dem Schlüssel in der Hand, den sie aus Hodges Tasche genommen hatte, drückte Lily prüfend die Türklinke hinunter. Er hatte nicht abgeschlossen, bevor er losgegangen war, um zu töten.

Durch die Haustür trat man direkt ins Wohnzimmer, das klein, vollgestopft und staubig war. Das Blumenmuster des Sofas war vor Alter verblichen; der verstellbare Sessel gegenüber dem Fernseher war neuer. In dem Regal an der Wand standen gerahmte Fotos, Bücher und allerlei Nippes aus Glas und Keramik.

»Laut Mrs Asteglio ist er seit zehn Jahren Witwer. Sieht so aus, als hätte er alles so gelassen, wie seine Frau es gern gehabt hat.« Lily ging weiter in den Raum hinein. Hier, ja … Fäulnis prickelte an ihren Fußsohlen, schwach, aber unverkennbar. »Riech mal hier, wo ich stehe. Spuren von Todesmagie.«

Rule schnüffelte. Er bleckte die Zähne. Er sah sie an und wartete.

Wenn sie eine Antwort wollte, durfte sie ihm nur Fragen stellen, auf die er mit Ja oder Nein antworten konnte. »Riechst du etwas, das nicht menschlich ist?« Er schüttelte den Kopf. »Dann also etwas Menschliches?« Ein Nicken. »Jemand anderes als Hodge?« Nein. »Mist. Nun, dann lass uns weitersuchen.«

Doch auch zwanzig Minuten später hatte Lily nichts gefunden außer einigen wenigen, kaum noch vorhandenen Duftspuren von Todesmagie, die Hodge selbst hinterlassen hatte – entweder nachdem er besessen worden oder von jemandem unter Anwendung von Todesmagie benutzt worden war. Diese Spuren gab es und ein schwaches Kitzeln, als sie die alte Bibel auf dem Tisch neben Hodges Doppelbett anfasste.

Es war nicht das erste Mal, dass sie auf undefinierbare magische Rückstände auf religiösen Objekten stieß. Bei den heiligen Symbolen der Wicca würde man nichts anderes erwarten, denn deren Religion war eng mit Magie verbunden. Doch sie war auch schon auf Bibeln, Toras und einmal auf einer kleinen Buddhastatue darauf gestoßen. Manchmal baute sich Magie darin über längere Zeit auf, indem sie sich langsam ablagerte, selbst wenn der Besitzer des Objektes keinerlei magische Energien hatte, die er übertragen konnte. Sie verstand nicht, wie das möglich war, aber es war nicht ungewöhnlich.

Doch in diesem Fall war es eher eine schlechte Nachricht. Hodge war gläubig gewesen, aber sein Glaube hatte ihn nicht geschützt.

Trotzdem hatten sie nun die Bestätigung, dass sie es nicht mit etwas Dämonischem zu tun hatten. Menschen mit einem starken Glauben konnten nicht von Dämonen in Besitz genommen werden.

»Hast du etwas gefunden?«, fragte sie Rule. Er schüttelte den Kopf. Sie seufzte. »Okay, dann lass uns gehen. Ich bringe dir deine Kleider.«

Sie gingen zu der alten Zeder, damit Rule sich in seine gewohnte Gestalt wandeln konnte, ohne die Nachbarn in Aufregung zu versetzen. Sie wusste, dass der Wandel einfacher war, wenn er alle vier Pfoten auf der Erde hatte. Sie hielt seine Kleider bereit und wartete.

Lily war fest davon überzeugt, dass sie eines Tages, wenn sie nur genau genug hinsah, verstehen würde, was sich vor ihren Augen abspielte, wenn Rule sich wandelte. Waren es seine Augen, die zuerst ihre Form veränderten? Wurde sein Fell von der Haut verschluckt? Wurden die Knochen weich, bevor sie sich umformten?

Aber heute war es offenbar noch nicht so weit. Wenn es eine Ordnung in dem Ablauf gab, dann war sie zumindest mit den Augen nicht festzustellen, denn alles, was sie wahrnahm, waren unzusammenhängende, kurze Momentaufnahmen.

Erst stand er auf vier Beinen; dann verbog sich das Universum, faltete sich und faltete sich nochmals, in Richtungen, die es gar nicht gab. Zwei Beine, vier, dann wieder zwei. Fell gab es und gab es wieder nicht, bis es schließlich ganz verschwunden war. Ihre Augen kribbelten, als würde die Luft eine Melodie darauf spielen.

Und dann war er wieder ein Mann, nackt und schön. Sie reichte ihm seine Sachen. Das Bedauern, das sie dabei empfand, schob sie schnell zur Seite. Sie würde ihn bald wieder nackt sehen, hoffte sie. Nicht so bald, wie sie es sich gewünscht hätte, da ja er zum Clangut der Leidolf aufbrechen würde. Aber bald.

»Außer dem fiesen Zeug habe ich keine magischen Spuren gefunden. Und du?«

»Nichts.« Er stieg in seine Boxershorts und nahm ihr seine Hose ab. »Ich könnte schwören, dass in diesem Haus seit mindestens einer Woche niemand außer Hodge selbst war.«

»Dann wurde er irgendwo anders kontaminiert.« Ihr entfuhr ein Seufzer. Es würde nicht einfach sein, wenn nicht gar unmöglich, nachzuvollziehen, mit wem Hodge außerhalb seines Hauses in Kontakt gewesen war. Wenigstens handelte es sich nur um einen sehr begrenzten Zeitraum – die vier Tage, die seit den ersten Morden vergangen waren.

Aber stimmte das auch? Konnte nicht das, womit auch immer sie es zu tun hatten, zwei Personen zur gleichen Zeit infiziert haben? Oder mehr als zwei? »Vielleicht habe ich ja Glück, und er ist in der Lage, mir zu sagen, was mit ihm passiert ist.« Vorausgesetzt, dass er überlebte. Und dass er nicht verrückt wurde wie Meacham. »Ich fahre als Nächstes ins Krankenhaus, um zu sehen, ob er es geschafft hat. Und ob ich mit ihm sprechen kann.«

»Dann werde ich fort sein, wenn du zurückkommst.« Rule wandte sich ihr zu, halb bekleidet, und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Ich wünschte, ich könnte an zwei Orten gleichzeitig sein. Ich möchte dich ungern allein lassen mit dieser Sache.«

»Ich werde mich nicht allein darum kümmern müssen.« Aber sie wollte ja auch nicht, dass er ging. Auch wenn es selbstsüchtig war und dumm. Sie befahl sich, nicht daran zu denken. »Rule … kannst du mir jetzt sagen, was mit Toby los ist? Was dir Sorgen macht?«

Einige Herzschläge lang schwieg er und rührte sich nicht. Als er sprach, war seine Stimme fest. »Ein Junge, dem der erste Wandel bevorsteht, muss getrennt von den anderen in terra tradis leben. Zur Sicherheit der menschlichen Mitglieder des Clans, aber auch, damit er vom Clan umgeben ist, wenn es passiert, damit die Clanmacht ihn erkennt. Toby ist noch zu jung, um auf meinen Wandel oder die Clanmächte zu reagieren. Erinnerst du dich daran, dass Cullen die Krebsart erklärt hat, an der manche von uns im hohen Alter erkranken?«

»Natürlich. Das ist der Krebs, die der Rho der Leidolf hat. Die Magie in seinem Stoffwechsel hat sich von dem Muster getrennt, das ihn bestimmt. Cullen sagte … Oh. Oh, Scheiße.« Ihr war wieder alles eingefallen – die andere Möglichkeit, die einen Lupus, abgesehen von hohem Alter, an dieser besonders virulenten Form von Krebs erkranken ließ.

»Ja.« Rules Stimme war nun leise, beinahe ein Flüstern. »Manchmal – selten – trifft es uns in der frühen Pubertät, wenn der erste Wandel kommt oder kurz danach. Wir wissen nicht, was schiefgeht, aber manche sagen …« Er verstummte. Seine Kiefermuskeln spannten sich an.

Lily wusste, dass er um Selbstbeherrschung rang – und dass er das jetzt brauchte. Nur die Kraft der Logik half ihm in diesem Moment, die Monster fernzuhalten. Also wartete sie, stellte keine Fragen, ließ ihn ihre Angst nicht spüren und gab ihm Zeit.

Endlich schluckte er und sprach weiter. »Wenn ein Junge den Sog des Wandels zu jung spürt – noch bevor er das Lied des Mondes gehört hat –, könnte dies möglicherweise ein Zeichen dafür sein, dass der erste Wandel diesen wilden Krebs auslöst.«