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Wovor haben Geister Angst?

Das war, dachte Lily, als sie Rule und Toby durch das Tor folgte, eine sehr gute Frage. Und nicht die einzige, die sie beschäftigte – es juckte ihr in den Fingern, ein paar von ihnen zu notieren –, aber vielleicht die wichtigste. Wenn sie darauf eine Antwort hätte, wäre sie ein gutes Stück weiter.

Das Tor quietschte, als sie es schloss. Toby sah zu seinem Vater hoch. »Ich habe das Tor gar nicht gehört, als ihr kamt. Ich dachte, ich hätte aufgepasst, aber ich habe es nicht gehört.«

»Lily und ich sind über den Zaun gestiegen.«

»Ach ja?« Toby musterte erst Lily, dann den Zaun, offenbar um den Höhenunterschied zwischen beiden abzuschätzen. Beeindruckt sagte er: »Das ist ein ganz schön hoher Zaun.«

Sie lächelte. »Dein Vater hat mir darübergeholfen, als er wieder zwei Beine hatte.«

»Aber du warst trotzdem ganz schön leise«, sagte er, wild entschlossen, ihr etwas Nettes zu sagen. »Es … es tut mir leid, dass ich dich Dads Gefährtin genannt habe. Ich habe ganz vergessen, dass ich das nicht sagen soll. Aber ich weiß nicht, wie ich dich sonst nennen soll.«

Also war sie damit nicht allein. »Das Problem habe ich auch. Was du für Rule bist, weiß ich, aber nicht, was du für mich bist. Aber jetzt habe ich, glaube ich, ein Wort für dich gefunden.«

»Wie lautet es?«

»Familie.«

Als wenn sie seinen Stecker in eine Steckdose gesteckt hätte, hellte sich Tobys Gesicht auf. Schnell sah er hinunter auf seine Füße, als müsste er sie im Auge behalten, damit sie keinen Unsinn anstellten. »Cool«, sagte er wie ein Junge, dem seine Gefühle peinlich waren.

Am liebsten hätte sie ihn umarmt. »Natürlich ist meine Familie ganz schön verrückt.«

Grinsend hob er den Blick. »Deine Großmutter ist cool.«

»Das stimmt.«

»Toby.«

Das war alles, was Rule sagte, und in mildem Ton, aber der Junge wurde sofort wieder ernst. Er seufzte und scharrte mit dem Schuh in der Erde. »Bekomme ich jetzt großen Ärger?« Er sah seinen Vater an. »Du hast doch verstanden, was ich dir sagen wollte, oder? Als ich die Spuren hinterlassen habe?«

»Ja, habe ich.« Rule blieb stehen und legte Toby die Hände auf die Schultern. »Du hast in einer schwierigen Situation ehrenhaft gehandelt. Nicht ganz richtig, aber ehrenhaft. Ich bin stolz auf dich.«

Das Licht kehrte in Tobys Augen zurück. Er strahlte beinahe, als er wie nebenbei fragte: »Und wie fällt meine Strafe aus?«

Lily öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder, bevor sie ins Fettnäpfchen treten konnte. Aber die Liste ihrer Fragen wurde immer länger.

»Nun.« Rule ging weiter. »Du hast das Haus nachts ohne Erlaubnis verlassen. Und wir sind hier nicht auf dem Clangut.«

»Ich weiß.« Toby schwieg einen Moment und sagte dann hoffnungsvoll: »Runden laufen?«

Dad lachte leise. »Eine schöne Strafe wäre das. Du läufst für dein Leben gern. Nein, ich fürchte, es wird etwas mit Mathe zu tun haben. Drei Tage lang jeden Tag eine Seite Bruchrechnen.«

»Scheiße«, sagte Toby. Dann schob er leiser nach: »Aua.«

Rule lächelte nicht, aber Lily sah, dass es ihn einige Mühe kostete. »Und eine Extraseite am ersten Tag, weil du geflucht und damit gegen Grammys Regeln verstoßen hast. Toby, ich sehe, dass Lily verwirrt ist, weil ich dich bestrafe, obwohl ich vorher sagte, ich sei stolz auf dich. Würdest du es ihr bitte erklären?«

»Oh, klar. Also, ich konnte Dad nichts …« Aber als sie die Straße erreichten, blieb er stehen und sah sich schnell nach Autos um.

Das tat er immer, hatte sie festgestellt. Offenbar war dieses Verhalten typisch für Lupi. Er behielt ständig seine Umgebung im Auge, selbst wenn Erwachsene bei ihm waren, die auf ihn aufpassten.

Er hielt nur kurz inne. Dann traten sie zusammen auf die leere Straße. »Ich konnte Dad nichts von den Geistern sagen, weil ich es versprochen hatte. Und da es ein echtes Versprechen war, konnte ich nicht einfach beschließen, dass sich auf einmal alles geändert hatte und ich es erzählen musste, verstehst du? Wenn ich mich von jemandem verabschiede und sage: ›Also, bis morgen in der Schule‹, dann ist das kein Versprechen. Ich könnte ja auch krank werden oder so. Aber wenn ich verspreche, morgen zur Schule zu gehen, dann muss ich auch dort erscheinen, selbst wenn ich mir ein Bein breche oder ein Tornado kommt. Bei einem Versprechen gibt es keine mildernden Umstände.«

Fast hätte Lily über die »mildernden Umstände« gelächelt. Er hatte wie Rule geklungen. Aber Toby meinte es todernst. »Das ist bewundernswert, aber damit hast du die Messlatte sehr hoch gehängt. Ist das ein Lupi-Grundsatz? Oder nur typisch für die Nokolai?«

»Das gilt für alle Lupi. Grandpa sagt, wir sollten nicht zu viele Versprechen machen, deshalb hätte ich Justin und Talia vielleicht lieber nicht versprechen sollen, ihr Geheimnis zu bewahren, ohne gewisse, sagen wir mal, Rahmenbedingungen festzulegen. Damals war ich noch klein«, sagte er mit der ganzen Lebenserfahrung seiner neun Jahre. »Ich wusste noch nicht, dass Rahmenbedingungen wichtig sind. Na ja, und als dann Justin anrief und sagte, die Geister würden Talia nicht in Ruhe lassen, konnte ich es keinem sagen, aber ich wollte, dass Dad es wusste, weil Talia Hilfe brauchte. Und du musstest erfahren, was die Geister dir sagen wollten. Deshalb habe ich, äh, eine Spur für Dad gelegt. Ich habe mein Wort gehalten und einen Weg gefunden, das Richtige zu tun. Aber ich musste die Regeln brechen.«

»Indem du dich aus dem Haus geschlichen hast.«

»Ja. Kinder dürfen sich die Regeln nicht aussuchen, die sie befolgen müssen, genauso wie der Clan sich nicht aussuchen kann, wann er dem Rho gehorcht. Und manchmal muss man einen Preis dafür bezahlen, wenn man das Richtige tut. Ich muss bereit sein, diesen Preis zu zahlen.«

»Ich verstehe«, sagte sie ernst. »Ist Mathe ein hoher Preis?«

»Na ja …« Er warf seinem Vater einen Seitenblick zu. »Nicht richtig hoch. Ich mag es nicht sehr, aber Bruchrechnen kann ich ganz gut, deshalb werde ich nicht sehr viel Zeit dafür brauchen. Hilft dir das, was die Geister gesagt haben, weiter?«

»Ja, obwohl ich noch nicht verstanden habe, was es zu bedeuten hat. Anscheinend ist der Täter ein Mann. Das müsste uns ein Stück weiterbringen.« Sie sah Rule an. »Ein Glück, dass mein Chef ein Präkog ist.«

Überrascht zog er die Brauen hoch. »Ruben hat dies vorausgesehen?«

»Nein, aber erinnerst du dich an den Untersuchungsausschuss, von dem ich dir erzählt habe? Den er eingesetzt hat, nachdem dieser Geist Cynnas Hochzeit gestört hatte?«

Toby wollte sofort alles über den Geist wissen. Lily überließ es Rule nur zu gern, ihm die Geschichte zu erzählen, während sie über Geister nachdachte … und Erinnerungen hervorholte.

Nach dem Vorfall bei der Hochzeit hatte Rubens präkognitive Gabe ihn veranlasst, mehr über Geister zu erfahren. Da die Einheit nicht über ein Medium verfügte, waren die Experten, die er konsultiert hatte, alle Zivilisten gewesen – ein, wie sich herausgestellt hatte, zusammengewürfelter Haufen, der sich aber in einem Punkt einig war: Niemand wusste, warum ein Geist entstand.

Mord war sicher ein Faktor, aber nicht alle gewaltsamen Tode brachten einen Geist hervor. Auch die Plötzlichkeit eines Todes war ein Faktor, aber manchmal entstand ein Geist selbst nach einem schleichenden Tod. Die alte Mär von dem Geist, den etwas Unerledigtes zurückhielt, war zwar wahr, aber viele Menschen mit ernsthaften, aber ungelösten Problemen starben und betraten das große Unbekannte, ohne einen geisterhaften Rückstand zu hinterlassen.

Die meisten Geister blieben nicht lange. Andere schon. Die meisten hatten keine Wirkung auf die physische Welt. Andere doch, mittels Telekinese – Türen, die knallten, Nippes, der aus Regalen fiel, und Ähnliches. Manche Geister waren traurig oder verwirrt. Und einige wenige waren tatsächlich feindselig.

Aber nicht ein Medium hatte von Geistern berichtet, die in seinem Kopf schrien.

Die Experten waren sich nicht einig darin, was ein Geist war. Einige – die, die nicht an ein Leben nach dem Tod glaubten – behaupteten, Geister seien eine Art fest gewordene Energie, die nicht verflog, wenn die Person, die sie hervorgebracht hat, starb. Sie waren nur Muster, keine Personen, ohne wirkliches Bewusstsein von sich selbst. Bis auf eine Frau – und ein Medium war immer eine Frau, warum, wusste niemand – waren alle anderer Meinung.

Lily musste in diesem Punkt den Esoterikern zustimmen. Etwas lebte weiter, wenn der Körper tot war. Man konnte es ebenso gut Seele nennen.

Was Lily Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass nicht jedes Medium eine Gabe besaß. Auf Rubens Bitte hin hatte sie alle überprüft. Anscheinend konnten einige Menschen Geister sehen, ohne auch nur einen Hauch von Magie zu haben. Das war durch Doppelblindversuche bestätigt worden, in denen ihre Sichtungen mit denen anderer mit einer Gabe verglichen worden waren. Aber sie konnten nicht jederzeit mit Geistern interagieren. Dazu waren nur die mit einer medialen Gabe in der Lage.

Dies schien den Experten, die glaubten, tot sei tot, Beweis genug, dass Geister keine Personen waren. Sie behaupteten, dass ein Medium die Geister mit Energie versorgte und ihnen damit einen Anschein von Leben gab. Als die Betroffenen das hörten, hatten sie nur mit den Augen gerollt. Natürlich nutzten die Geister die Kraft des Mediums, um zu kommunizieren, aber auch ohne diese zusätzliche magische Energie waren sie eigenständige Wesen. Vielleicht nicht die gesamte Seele, aber doch ein Teil von ihr.

Der Teil mit den Erinnerungen. Lilys Herz schlug schneller. Auch darin waren sich alle einig. Wenn Geister nach dieser Welt oder ihrer jetzigen Existenz befragt wurden, waren ihre Antworten vage bis unsinnig. Aber sie erinnerten sich an ihr früheres Selbst und an ihr Leben. Klar. Lebhaft.

Was Namen anging … in dem Bericht stand etwas über Namen, doch sie konnte sich nicht erinnern, was …

»Einen Penny für deine Gedanken«, sagte Rule und nahm ihre Hand.

»Hmm.« Sie hatten beinahe den Hintereingang des Hauses erreicht. Anders als ihre beiden Begleiter hatte sie ihre Umgebung völlig vergessen. »Ich fürchte, das lohnt sich nicht. Ich wünschte, ich hätte den Geistern ein paar Fragen zu Talia stellen können.«

»Warum hast du es nicht getan?«, fragte Toby. »Talia hätte es getan, wette ich, vor allem, wenn ich in der Nähe geblieben wäre, um sie fortzujagen, wenn sie böse geworden wären.«

»Ich kann keine Minderjährige ohne das Wissen und die Zustimmung der Eltern befragen, und erst recht kann ich sie nicht auffordern, ihre Gabe für mich zu nutzen. Außerdem könnte es gefährlich für Talia sein. Du kannst nicht die ganze Zeit an ihrer Seite bleiben, und ich weiß noch nicht, was ich von den Neuen halten soll, die sie anschreien.«

»Hm.« Toby dachte darüber nach, während sie seinen Garten betraten. »Kannst du ein erwachsenes Medium dazu bringen, mit den Geistern zu reden?«

»Vielleicht. Aber in der Einheit gibt es keine.« Und sie war sich nicht sicher, dass ein Medium ihnen wirklich weiterhelfen konnte. Geister waren sehr unzuverlässige Zeugen, was auch der Grund war, warum Ruben nicht mehr darauf gedrängt hatte, ein Medium für die Einheit einzustellen.

Toby wollte wissen, ob Rule Grammy sagen würde, dass er sich heimlich aus dem Haus geschlichen hatte. Rule lachte leise und erwiderte, dass sie möglicherweise Fragen stellen würde, wenn sie ihn an einem sonnigen Sonntagmorgen Bruchrechnen sähe. »Morgen?«, fragte Toby – ein wenig zu laut. Rule machte »Pst!«, und anschließend fing Toby an, flüsternd die Vorzüge des Rechnens am Nachmittag statt am Morgen zu preisen, während sie die Treppe hinaufgingen.

Lily blieb zurück, um den Teller und das Glas wegzuräumen, die sie vorhin vergessen hatte. Bevor auch sie nach oben ging, nahm sie ihre Handtasche und holte ihr Handy heraus; das war der schnellste Weg, eine E-Mail zu schicken. Sie benötigte den Bericht über Geister von Rubens Untersuchungsausschuss.

Vor einer Stunde noch war das Treppensteigen ein Vorspiel gewesen. Jetzt waren es nur Stufen, der Weg ins ersehnte Bett … aus ganz anderen Gründen. Irgendwann zwischen dem Abwasch und dem Schreiben der E-Mail hatte sich ihre Erschöpfung bemerkbar gemacht.

Als sie im ersten Stock angekommen war, befand Rule sich immer noch bei Toby im Zimmer. Sie ging direkt ins Schlafzimmer.

Eltern passierte so etwas ständig, dachte sie, als sie ihre Jacke auszog und das Schulterholster ablegte. Coitus interruptus bekam eine ganz neue Bedeutung, wenn man mit Kindern zusammenlebte. Vielleicht spazierten die meisten Eltern nicht nachts neben einem Wolf über die Straße, aber Kinder kletterten eben aus Fenstern. Kinder taten alle möglichen verrückten Sachen, und dann war es an den Eltern, herauszufinden, was richtig und was falsch war, und das Ergebnis irgendwie ihren Kindern zu vermitteln.

Vorzugsweise, ohne herumzuschreien. Sie hängte ihre Jacke auf, zog T-Shirt und Büstenhalter aus, warf sie auf den Schrankboden und bedauerte, dass sie keine Kleiderbügel zur Hand hatte. Nicht dass ihre Mutter je ihre Stimme erhoben hätte. Sie war nur schrill geworden. Ironisch. Wenn es einen Weg gab, das Handeln eines Kindes zu kritisieren, ohne das Kind selbst zu kritisieren, so hatte ihre Mutter ihn jedenfalls nie gefunden.

Soweit Lily es beurteilen konnte, hatte sie auch nie danach gesucht. Schon vor langer Zeit hatte Lily aufgehört, auf ihre Mutter zu hören. Aber es macht mir immer noch etwas aus, dachte sie seufzend. Sie knipste die Nachttischlampe aus und schlüpfte nackt unter die Decke, zu müde, um nach ihrem Schlafshirt zu suchen. Zu Hause trug sie es nur selten, aber sie hatte sich vorgenommen, es hier zu tragen.

Ging Rule nicht allzu sehr ins andere Extrem? Zwar hatte er Toby bestraft, aber nicht, ohne ihm vorher zu sagen, dass er stolz auf ihn war. Eine eindeutige Botschaft war das wohl kaum.

Wenn Toby sich aus dem Haus schlich, durfte er das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Selbst in Halo passierten Kindern, die sich nachts auf den Straßen herumtrieben, schlimme Dinge. Und gerade jetzt war dort draußen etwas oder jemand, der andere zum Töten brachte.

Sie hörte nicht, wie Rule ins Zimmer kam, aber sie fühlte ihn. Mit geschlossenen Augen lauschte sie dem Rascheln seiner Kleidung, als er sich auszog, und sie lächelte. Oh ja, sie war schrecklich verliebt in diesen Mann. Sie wusste, dass er seine Kleider einfach auf den Boden fallen lassen würde, statt sie in den Schrank zu legen, und trotzdem lächelte sie.

Wahrscheinlich würde er sie am Morgen aufheben. Daran dachte er meistens, weil er wusste, dass Unordnung sie störte. Möglicherweise, dachte sie schläfrig, war es gar nicht schlecht für Kinder, wenn ihre Eltern – ob nun die, mit denen sie ihr Leben begonnen hatten, oder die, die sie später hinzugewannen – nicht immer einer Meinung waren. Hoffentlich, denn in den meisten Fällen war es wohl so.

Die Matratze senkte sich. Automatisch rollte sie sich auf die Seite, damit Rule sich an ihren Rücken schmiegen konnte. Er küsste ihr Ohr, seufzte, ließ sich in sein Kissen sinken und legte träge einen Arm über ihre Taille, um die Hand um ihre Brust zu legen. »Wir haben unseren Moment wohl verpasst, was?«

Sie nickte, ohne die Augen zu öffnen.

»Sagst du mir nicht, dass ich mich nicht richtig verhalten habe, was Toby angeht?«, murmelte er.

»Nein. Zu müde.« Doch sie konnte nicht widerstehen hinzuzufügen: »Ich glaube nicht, dass er sich heute zum ersten Mal aus dem Haus geschlichen hat.«

»Ich bin sicher, dass es so ist. Manches sehen wir lockerer, als du es gewohnt bist, zum Teil weil uns unsere Kinder nicht anlügen können. Doch Ungehorsam in den wichtigen Dingen tolerieren wir nicht.«

Sie hatte den Verdacht, dass sie die Dinge, die »wichtig« für sie waren, unterschiedlich definierten. »In deinen Augen wäre es schlimmer gewesen, wenn er sein Wort gebrochen hätte.«

»Ja.« Er vergrub die Nase in ihrem Haar. »Er ist mein einziger Sohn, nadia. Irgendwann wird er einmal Rho, das ist fast sicher. Sein Wort wird für den ganzen Clan bindend sein, und Lupi werden, wenn nötig, dafür sterben, um es zu halten. Er muss verstehen, was es bedeutet, ein Versprechen zu geben.«

Dieses Ideal war zu kalt, zu beängstigend, um es einem kleinen Jungen aufzuzwingen, aber er sprach nicht nur von seinem Sohn, sondern auch von sich selbst. Und, begriff sie, von seinem Vater. Was es bedeutete, ein Rho zu sein. Der Kopf des Clans war anders als die anderen, denn er trug eine Verantwortung, die die anderen ihm nicht abnehmen konnten.

Fühlte Isen dieselbe Geborgenheit, die der Rest des Clans durch die Clanmacht erlebte? Oder war sie ihm nur eine Last? Oder beides?

Clanmacht … da war doch noch etwas, das sie hatte fragen wollen … aber der Schlaf überkam sie. Als ihr Geist zur Ruhe gekommen war, kuschelte sie sich enger an Rule, um ihn wissen zu lassen, dass er nicht allein war. Aber ihre letzten Gedanken galten seltsamerweise seinem Vater.

Sie bezweifelte nicht, dass Isen Turner, sooft er wollte, Sex hatte. Aber hielt ihn jemand einfach nur im Arm, wenn er schlief? Oder war er auch dann allein?