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Und schlug die Augen auf.

Das Erste, was sie erblickte, war Cullens Gesicht. Sein Arm stützte sie. „Gott“, flüsterte er, „Oh Dame dort oben. Warum nur. Warum ist sie … und du. Geht es dir …?“

„Nicht … gut. Nein.“ Ihre Zunge war dick. Sie schluckte. „Das Tor wird sich jetzt öffnen.“

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt. Sie sind auf dem Pass und warten darauf, dass ihr Lord eintrifft und ihn weitet. Xitil hat in letzter Zeit ein wenig zugenommen. Der Drache ließ sich nieder, faltete aber seine Flügel nicht ganz zusammen.

Dann ließ sich eine andere Stimme vernehmen, leise und unsicher. Es war Gan, die am Rand des Kliffs stand. „Ich bin am Leben. Sie ist tot, und ich lebe. Das ist doch nicht richtig, oder?“ Dann setzte sie noch leiser hinzu. „Ich mochte sie. Wirklich.“

Lily setzte sich auf. Das toltoi hielt sie immer noch fest umklammert. Als sie … das Bewusstsein verloren hatte, hatte sie es nicht fallen lassen. „Sam, wir gehen auf dein Angebot ein. Und ich bin deiner Meinung. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt.“

Cynna war damit fertig, den blauen Stoff um Rules Wunden zu binden. „Hat jemand Max gesehen?“

Schließlich fanden sie ihn auf dem Boden liegend nicht weit entfernt von dem Vorsprung, von dem aus der Rotäugige gesprungen war. Er war bewusstlos, aber am Leben – der Rotäugige hatte wahrscheinlich angenommen, er habe ihn getötet, als er ihn von den Felsen hinuntergeworfen hatte. Aber Gnome waren nicht so leicht umzubringen.

Zwei weitere Drachen landeten, um dann jeder wieder mit einem Reiter und einem Patienten abzuheben. Zuerst Cullen, der Rule vor sich hielt, dessen Blut den blauen Stoff, der einmal Lilys Sarong gewesen war, durchnässte. Dann Cynna, die den bewusstlosen Max vor sich balancierte. Dann …

„Du musst mich mitnehmen!“ Gan kam zu ihr gerannt. „Hier werde ich sterben. Xitil wird mich töten, ganz langsam. Sie wird mir die Augäpfel herausreißen …“ Die kleine Dämonin kam abrupt vor ihr zum Stehen. Sie riss die Augen auf. „Du … du bist …“ Sie sah auf ihre Brust hinunter, rieb sie und sah wieder zu Lily hoch. „Du bist Lily Yu“, flüsterte sie. „Ich fühle es. Das Band. Aber es ist nicht mehr dasselbe.“

Sie nickte. „Irgendwie bin ich … bin ich beide. Ja“, sagte sie plötzlich. „Ich nehme dich mit. Gott steh mir bei. Wenn noch nicht einmal der Tod uns trennen kann, warum sollte ich dich dann hierlassen?“

Sie und Gan kletterten auf Sams Hals und ließen sich hinter seinem Kopf nieder. Der so zart und fedrig anmutende Kragen war in Wirklichkeit aus festen, harten Knochen und würde ihr als Windschutz und Halt dienen. Das ist sicher anders, als in den Krallen zu baumeln, dachte sie – und dann löste sich der Gedanke in nichts auf, genauso wie die Erinnerung, die dazugehörte.

Das passierte ihr immer wieder. Tatsächlich bestand sie nämlich nicht zu gleichen Teilen aus beiden Ichs. Ein Ich war vergangen … oder beinahe vergangen.

Aber sie hatte ihre Gabe wieder. Sams Magie dröhnte gegen ihre Haut, als sie seinen Hals erklomm – kraftvoll und uralt. Eigentlich hatte sie erwartet, dass sie ihr vollkommen fremd sein würde und in nichts dem glich, was sie jemals zuvor gespürt hatte, aber … das musste eine der Erinnerungen der anderen Lily sein, dachte sie, als sie sich fest an den Kragen klammerte.

Sie sind da. Mit einem großen Satz stürzte Sam sich von der Klippe. Ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus – aber dann breitete er die Flügel aus. Statt immer tiefer zu sinken, schnellten sie in die Höhe.

Auf dem Rücken des Drachen war der Flug viel sanfter als in seinen Klauen.

Um sie herum war der Himmel voller Drachen. Ein Dutzend? Zwei? „Wie viele gibt es noch von den Deinen, Sam?“, fragte sie.

Dreiundzwanzig sind in Dis. Die Dämonen haben zehn getötet. Einst … einst waren wir sehr viel zahlreicher, aber jetzt sind wir nur noch dreiundzwanzig.

Zum ersten Mal waren aus der Gedankenstimme echte Gefühle herauszuhören. Kummer, tief und fest verankert – und alt, sehr alt.

Jetzt, Lily Yu. Öffne dein Tor, und ich werde singen.

Sie zog ein kleines Taschenmesser aus der Hosentasche. Dieses Mal war kein Ritualmesser nötig. Sie schnitt eine kleine Grimasse der Überwindung und zog die Klinge über den Schorf in ihrer linken Handfläche. Dabei sagte sie das Wort, das das Tor öffnete.

Die Geometrie in ihrem Inneren erwachte wieder zu neuem Leben, geriet in Bewegung. In einem kleinen Rechteck begann die Luft zu schimmern, Hunderte von Metern über dem Meer – und der Drache stimmte sein Lied an.

Er sang langsam und tief, mit einem so starken Bass, dass sie ihn ebenso spürte wie hörte. Als wenn der Nacht eine Stimme verliehen worden wäre und alles, was vorher dunkel und verhüllt gewesen war, nun mit seinem Summen zum Schwingen gebracht wurde – die Kälte zwischen den Sternen und die Sterne selber. Der Raum in ihrem Inneren antwortete – er wuchs und drängte mit aller Kraft von innen nach außen, gewaltig – zu gewaltig. Der Raum in ihrem Inneren war größer als der Raum, der sie umgab, und das war unmöglich, es …

Das Lied wandelte sich. Auf einmal war Sam in ihr – in seinem Lied und in ihrem Kopf, aber auch in ihrem Bauch, wo sich die Geometrien noch mehr ausdehnten, komplexer wurden und sich in der Unwirklichkeit verloren. Aber Sams Stimme schwebte zwischen ihr und dem Wahnsinn des umgekehrten Raumes. Rules Halskette steckte in ihrer Hosentasche, und der Tod war vielleicht doch nicht so unabwendbar, wie sie immer angenommen hatte.

Sie klammerte sich fest an Sams Kragen, als der erste Drache seine Schwingen anlegte und wie ein Pfeil durch die schimmernde Luft schoss. Und verschwand.

Rule hatte das Tor passiert. Und Cullen. Während Sam sang, kam der dran, der Cynna und Max trug. Er sang immer noch, als die anderen Drachen einer nach dem anderen in dem schimmernden Licht verschwanden. Sein Lied hüllte den wahnsinnigen Raum in ihrem Inneren ein, so lange, bis alle durch waren.

Dann endlich wandte sich Sam selbst dem Leuchten zu. Er stieß hinunter, und sie wurde mitgerissen …

Und auf einmal überflogen sie ein anderes Meer. Dieses war tintenfarben und dunkel. Mondlicht brach sich silbern glitzernd auf den Wellen. Der Mond war beinahe voll, und die Sterne – oh Gott, wie hatte sie die Sterne vermisst.

Schnell sagte sie das andere Wort, das Cullen ihr beigebracht hatte. Der Raum in ihr platzte wie eine Seifenblase, und dann war sie wieder im Innersten allein.

Beinahe.

Es gibt keine unauffällige Art für einen Drachen, zu landen.

Sam tat sein Bestes. Er sammelte seinen – Schwarm? Wie nannte man eine Schar Drachen? – und flog mit ihnen zu dem Kliff, von dem aus Lily und die anderen gestartet waren. Aber sie befanden sich weit draußen auf dem Meer. Bevor sie die Küste erreicht hatten, war bereits ein heller Kopf auf die Idee gekommen, ihnen zwei Kampfflugzeuge der Air Force auf den Hals zu hetzen.

Sie feuerten zwar nicht, sorgten aber für eine wenig stressfreie Rückkehr in die Heimat.

Da das Kliff nicht Platz genug für alle Drachen zusammen bot, mussten sie nacheinander landen. Der, der Cullen und Rule trug, machte den Anfang. Sobald er am Boden war, übergab Cullen Rule einem der Lupi – einem mutigen Mann, weil er sofort herbeigeeilt war. Während Cullen von dem Drachen stieg, brüllte er bereits Anweisungen.

Von hoch oben konnte Lily ihn natürlich nicht hören, aber Sam berichtete ihr das Wichtigste. Zuerst hatten Cullens Befehle dazu geführt, dass die meisten Lupi ihre Waffen wegsteckten. Der nächste ließ Nettie herbeieilen. Der letzte ließ jemanden nach einem Handy tasten, damit Cullen die Air Force anrufen und sie bitten konnte, nicht auf die netten Drachen zu schießen.

Das schien Sam amüsant zu finden.

Cullen sprach in das Handy, als der zweite Drache landete und Cynna und Max herunterkletterten. Offenbar hatte Max ein paar Hundert Meter über der Erde das Bewusstsein wiedererlangt. Was ihn nicht gerade umgänglicher gestimmt hatte.

Dann war sie an der Reihe. Und Gan.

Was, um alles in der Welt, sollte sie nur mit einer zahmen Dämonin anstellen? Sie hoffte inständig, dass Gan tatsächlich zahm war …

Schick sie zu den Gnomen. Sie werden sie verstehen, da sie selber von Dämonen abstammen. Wenn ein Dämon eine Seele fängt …

„Was?“, rief Gan. „Was hast du da von einer Seele gesagt?“

Lily hätte schwören können, dass Sam leise in Gedanken lachte.

Sie senkten sich in rasender Geschwindigkeit tiefer und tiefer. Sie musste die Augen schließen, als der Boden auf sie zukam. Es fühlte sich zu sehr an wie …

Lily Yu.

„Was ist?“, schrie sie gegen den Wind an, als könne er sie so besser hören.

Grüß deine Großmutter von mir.

Ihre Großmutter? Wie konnte er … Aber dann trafen sie auf den Boden auf – nicht hart, aber fest. Und sie dachte nur noch daran, zu Rule zu laufen. „Wir sprechen uns später noch“, sagte sie, schwang das Bein über seinen Hals und ließ sich hinuntergleiten. Gan plumpste neben sie und musterte alle Umstehenden mürrisch. „Ich habe noch viele Fragen an dich.“

Warum überrascht mich das nicht? Zieh den Kopf ein.

Ohne weitere Vorwarnung schwang sich Sam in die Lüfte.

Schnell blickte Lily sich um, sah einen Nokolai, den sie kannte, packte Gan und schob sie ihm hin. „Behalten Sie sie im Auge. Sie ist eigentlich eine Dämonin, aber nicht ganz. Erschießen Sie sie nur, wenn es gar nicht anders geht.“

Dann machte sie sich eilig davon.

Sie hatten Rule auf eine Bahre gelegt und trugen ihn jetzt zu Netties Geländewagen. Gerade als sie ihn in den Laderaum des Wagens schieben wollten, war Lily bei ihm angekommen. Sie blieb unvermittelt stehen und starrte ihn an.

Er war wieder ein Mann. Er hatte sich gewandelt und war wieder ein Mann. Und er war nackt und blutete. Auf der tiefsten Wunde lag ein blutgetränktes Stück Stoff, das einstmals blau gewesen war.

Natürlich, dachte sie. Er hat es tun müssen. Der Mond ist beinahe voll. Er musste wissen, ob er überhaupt noch in der Lage war, sich zu wandeln. Aber was ist er in seinem schwachen Zustand doch für ein gewaltiges Risiko eingegangen!

Sie sehnte sich nach seinem Fell, diesem wundervollen Fell, das sie so oft gestreichelt hatte … Lily blinzelte, und der Erinnerungsfetzen war fort.

Er öffnete die Augen. „Lily?“

„Ja “, sagte sie und kam näher, um seine Hand zu ergreifen. „Ich bin hier. Wir haben es geschafft. Wir sind zurück.“ Und das waren sie wirklich. Er hatte sich gewandelt. Er hatte sich nicht an den Wolf verloren.

„Ich muss ihn in einen Schlafzustand versetzen“, sagte Nettie entschieden. „Und dieses Mal kommt er in ein Krankenhaus. Er hat viel Blut verloren, und ich weigere mich, auf der Ladefläche eines Geländewagens zu operieren.“

„Nein, er wird ins Krankenhaus gehen.“ Das war es, worum sie inbrünstig gebeten hatte. Bring Rule zurück. Bring ihn in ein Krankenhaus …

„Eine Minute noch, Nettie“, sagte Rule. Seine Stimme klang wunderbar in ihren Ohren. Nicht so, als würde er sterben, überhaupt nicht. Er suchte ihren Blick. „Ich hatte einen merkwürdigen Traum. Einen schrecklichen Traum. Er kam mir ganz real vor. Es gab zwei von dir, und eine … eine ist gestorben.“

Er war bewusstlos gewesen. Sie war sich sicher, dass er die ganze Zeit über ohne Bewusstsein gewesen war. „Es war kein Traum. Aber es war auch nicht ganz die Wirklichkeit.“

„Du bist …“

„Beide. Glaube ich.“

„Genug jetzt“, sagte Nettie und legte ihm die Hand auf die Stirn.

Langsam entspannten sich seine Gesichtszüge, und die Augen fielen ihm zu. „Ja“, murmelte er. „Das ist richtig. Du bist Lily.“

Seine Hand wurde schlaff und gab ihre frei, während er in den Heilschlaf – Netties Gabe – glitt. Schließlich ließ auch die Anspannung in seinen Schultern nach.

Vielleicht war es tatsächlich so einfach. „Ja“, flüsterte sie. „Das bin ich, nicht wahr?“