12
Rule war übel. „Bist du sicher, dass der Rückstand, den du gespürt hast, kein Geist war?“
Sie warteten auf die Spurensicherung des FBI. Er und Cynna befanden sich im Vorgarten, während Lily auf der Veranda mit dem Uniformierten sprach, der als Erster am Tatort gewesen war. Die anderen Beamten waren gegangen. Außer sich vor Wut, hatte Leung sie fortgeschickt, als sein Chief angeordnet hatte, den Tatort dem FBI zu übergeben.
Wenigstens war die Presse nicht erschienen. Noch nicht.
Cynna schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was ich empfangen habe, aber bei Geistern gibt es immer eine bestimmte Richtung, verstehst du, was ich meine? Das war hier nicht der Fall.“
„Was hat dich veranlasst, nach einer toten Frau zu suchen?“
„Das überprüfe ich immer“, gab sie zu. „Wenn ich gerufen werde, ist nicht selten jemand gewaltsam gestorben. Dabei entsteht oft ein Geist. Dann führe ich ein bestimmtes Ritual auf dem Opfer aus. Nur um ganz sicher zu sein. Wenn da etwas ist, rufen wir einen Spezialisten.“
Fragend sah er sie an. „Du hast also schon Geister auf diese Weise entdeckt?“
„Sicher. So selten sind sie gar nicht. Meistens sind sie nicht stark genug, um sich zu manifestieren, und deshalb bemerkt sie niemand.“
„Und wenn kein Geist da ist, was empfängst du dann?“
„Nichts. Wenn Menschen sterben, ist es normal, dass ich nichts finde. Dieses Mal aber … nun, es war nicht alles von ihr da, nur etwas. So fühlt sich ein Geist an. Aber dieser Rest war nicht wie ein Geist an einen Ort gebunden. Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat.“
„Es bedeutet“, sagte Lily grimmig, als sie zu ihnen trat, „dass er sie nicht nur umgebracht hat. Er hat ihr das Leben genommen und es dem Stab einverleibt.“
Eigensinnig schüttelte Cynna den Kopf. „Den Stab konnte ich nicht lokalisieren. Wie sollte ich denn da etwas spüren können, was in ihm ist?“
„Aber du hattest eine Verbindung mit ihm. Seinetwegen bist du zusammengeklappt. Also, wo ist er?“
„Das weiß ich nicht, verdammt noch mal! Irgendetwas …“ Sie stockte. Schluckte. „Irgendetwas blockiert mich.“
„Ja, der Stab.“
Cynna sah krank aus. Rule fühlte sich ebenfalls nicht allzu gut. Hatten die Reste von Kim Curtis ein Bewusstsein? Gefangen, körperlos …
Er wandte sich an Lily. „Hast du etwas erfahren können?“
„Möglich.“ Ihren Augen war die Anspannung deutlich anzusehen. Ganz instinktiv wollte er dafür sorgen, dass sie sich ausruhte. „Ich habe einiges über Mike Sanderson herausgefunden, den Mann, der sie gefunden hat. Und ich versuche zu verstehen, warum sie Harlowe mit nach Hause genommen hat.“
„Du willst wissen, ob sie dazu gezwungen wurde.“
„Ich weiß, du denkst, der Stab sei nicht dazu in der Lage. Aber das passt alles nicht zusammen. An ihrer Schlafzimmerwand hingen Kreuze, und auf dem Nachttisch lag eine Bibel. Und ihr Freund denkt, sie war noch Jungfrau.“
Rule zog die Augenbrauen hoch.
„Ja, das stimmt einen nachdenklich, was? Natürlich will es nicht unbedingt etwas heißen, wenn ein Mann denkt, eine Frau sei unschuldig wie ein Engel, aber laut Sanderson glaubte sie an die Keuschheit vor der Ehe. Das hat ihn abgeschreckt, aber er stand trotzdem auf sie. Deswegen suchte er weiter ihre Nähe. So wie gestern Abend. Er wusste, dass sie gern tanzte, deswegen ist er ins Cactus Corral gegangen, um zu sehen, ob sie dort war. Und das war sie.“ Sie schüttelte den Kopf. „Jetzt fühlt er sich verantwortlich, weil er sie nicht aufgehalten hat, als sie den Club mit Harlowe verlassen hat.“
„Er macht sich Vorwürfe. Das ist doch normal.“
„Er wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie hat nur ein Mal mit Harlowe getanzt und ist dann mit ihm mitgegangen.“
Cynna zuckte mit den Schultern. „Vielleicht kannte Sanderson sie doch nicht so gut, wie er dachte. Oder Harlowe hat ihr K. O.-Tropfen gegeben oder Ketamin.“
„Gut möglich. Mal sehen, ob jemand beobachtet hat, dass sie sich benommen hat, als sei sie schläfrig oder betrunken. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Harlowe dem Möchtegern-Freund K.-o.-Tropfen untergejubelt hat.“
„Was willst du damit sagen?“
„Als Sanderson sah, dass sie den Club mit einem fremden Mann verlassen wollte, ist er zu ihnen gegangen und hat sie gefragt, was los sei. Harlowe hat ihn nur angelächelt und ihm versichert, dass alles in Ordnung sei. Und Sanderson hat es ihm abgekauft. Das ist es, was ihm jetzt zu schaffen macht. Dass er es vollkommen in Ordnung fand, dass sie mit einem Fremden mitging.“
Rule wusste, worauf sie hinauswollte. „Helen hat mit Abel etwas ganz anderes gemacht. Harlowe hat nicht Sandersons Erinnerungen gelöscht.“
Sie zögerte, sagte dann aber ruhig: „Es ist eher das, was sie mit deinem Bruder gemacht hat, als sie seine Einschätzung der Dinge verändert hat.“
Er holte scharf Luft. Je angestrengter man versuchte zu vergessen, desto schmerzhafter wurde die Erinnerung. „Ja. Das könnte sein.“
„Die Wirkung scheint bei Sanderson ziemlich schnell nachgelassen zu haben. Zwei Stunden später schon stand er vor Kims Tür und wollte nach ihr sehen. Sehr lange hat er nicht daran geglaubt, dass ‚alles in Ordnung ist‘.“
Cynna schien weiterhin skeptisch zu sein. „Ihr zieht recht viele Schlussfolgerungen aus den spärlichen Fakten, die wir haben. Telepathie ist nicht die einzig mögliche Erklärung. Es gibt auch noch andere Gaben.“
Lily sah sie an. „Als da wären?“
„Nun, Charisma. Das kommt nicht so selten vor wie Telepathie, und du weißt, wie man einen guten Überzeugungszauber mit einer wirklich starken Gabe kombiniert …“
„Scheiße, scheiße, scheiße!“ Lily schlug sich auf den Oberschenkel. „Das habe ich ganz vergessen. Karonski sagte so etwas. Dass Harlowe möglicherweise die Gabe des Charismas hat, aber nicht sehr ausgeprägt.“
„Das steht nicht in seinem Bericht.“
„Wir kamen ganz nebenbei darauf zu sprechen. Es war wohl nur eine Vermutung, glaube ich. Aber an den genauen Zusammenhang erinnere ich mich nicht mehr.“
Doch jetzt erinnerte sich auch Rule. „Es war, nachdem er und Croft manipuliert worden waren. Als wir uns in ihrem Hotelzimmer trafen. Er beschrieb das Treffen und sagte, Harlowe habe wohl ein leichtes Charisma.“
„Das würde so einiges erklären. Zum Beispiel, warum eine religiöse junge Frau ihn abschleppt …“
„Und warum ein Mann, der halb in sie verliebt ist, nichts dagegen unternimmt.“
„He, he!“ Cynna hob die Hand. „Ich weiß, ich war es, die damit angefangen hat, aber man braucht schon eine sehr mächtige Gabe und einen außergewöhnlichen Überzeugungszauber, um das normale Verhalten von Menschen und ihre Moral so stark manipulieren zu können. Ein leichtes Charisma reicht dafür nicht.“
„Der Stab“, sagte Rule grimmig. „Der verstärkt alles.“
Cynna schüttelte den Kopf. „Hat Sanderson denn etwas davon erwähnt, dass Harlowe mit einem eins fünfzig langen schwarzen Holzstück herumgefuchtelt hat? Oder einer der Zeugen? Ich glaube kaum, dass sie ihn mit so einem Ding in den Club gelassen hätten.“
„Er hätte einen Zauber anwenden können.“
„Oder“, sagte Lily leise, „er hat ihn mit einem ‚Sieh-mich-nicht‘-Zauber belegt.“
„Einem was?“
„Einem Zauber, der zur Folge hat, dass die Betroffenen etwas nicht wahrnehmen können.“
Cynna dachte nach und schüttelte wieder den Kopf. „Dämonen können sich unsichtbar machen. Aber das ist angeboren, wie Rules Wandlung. Es gibt keine Zauber, die die angeborenen Fähigkeiten von Andersblütigen kopieren. Sie wären viel zu komplex. DNA kann man auch nicht kreieren, nur manipulieren. Nur zum Vergleich.“
„Und trotzdem hat Cullen meine Wohnung gestern Abend mit einem ‚Sieh-mich-nicht‘ belegt.“
„Ich bin beeindruckt … wenn es wirklich funktioniert hat. Aber deine Wohnung ist unbeweglich. Ein bewegliches Objekt wäre eine ganz andere Geschichte. Ein ‚Sieh-mich-nicht‘ auf einem eins fünfzig langen Holzstab, den jemand in einer vollen Bar herumträgt? Nee, daran glaube ich einfach nicht.“
Rule und Lily wechselten Blicke. „Ich rufe ihn an“, sagte sie und zog ihr Handy hervor. „Er sagte, er würde drangehen, wenn … Mist.“ Ein weißer Sedan fuhr vor, dicht gefolgt von einem Kleinbus – beides amerikanische Marken. Die beiden Fahrzeuge parkten, je einer vor und einer hinter Rules Wagen. Die Männer in dem Sedan trugen graue Anzüge.
Entweder war es das FBI oder das Finanzamt – und Rule ging nicht davon aus, dass die Verstorbene jetzt noch einer Buchprüfung unterzogen wurde.
„Weaver …“
Cynna schnitt eine Grimasse. „Nenn mich doch bitte Cynna, ja?“
„Ach ja. Ich vergaß. Versuch mal, Karonski zu erreichen. Finde heraus, warum er annimmt, dass Harlowe die Gabe des Charismas hat. Ich muss die Kollegen informieren und einweisen. Mal sehen, was sie an Ausrüstung mitgebracht haben. Rule …“
„Ich rufe Cullen an.“
„Danke. Nimm meins. Dann nimmt er vielleicht eher ab, weil er etwas von mir will.“ Sie gab ihm ihr Handy und ging den Neuankömmlingen entgegen.
Rule sah Lily hinterher, während er Cullens Nummer wählte. Sie hatte ihm einmal gesagt, dass jemand mit ihrer Größe lernt, sich schnell zu bewegen, wenn er nicht abgehängt werden will. Keine schlechte Metapher für die Art, wie sie das Leben im Allgemeinen in Angriff nahm, dachte er. Ihr Gang war flott, effizient und vollkommen unbefangen. Und sehr weiblich.
Und die Art, wie ihr Haar bei jeder Bewegung mitschwang. Er liebte ihr Haar. Dunkel wie ein geheimer Wunsch, glänzte es in der Morgensonne, die gerade erst am Horizont aufgegangen war …
„Dich hat’s wirklich schwer erwischt, was?“, fragte Cynna.
Rule sah sie scharf an. Während das Telefon am anderen Ende der Leitung klingelte, dachte er an alles, was er Lily nicht gesagt hatte. Alles, was er nicht sagen konnte. Sie hatte den Verdacht, dass er ihr etwas verschwiegen hatte, das mit Cullens Suche nach dem Stab zu tun hatte. Und sie hatte recht. Aber das war nicht das schlimmste seiner Versäumnisse.
Letzte Nacht hatte er sie nicht angelogen. Aber wenn man bewusst etwas verschwieg, war das auch Betrug.
Das Band der Gefährten hielt sie zusammen, so unvermeidlich, wie die Schwerkraft sie an die Erde band. Aber es gab auch noch andere Dinge wie Zuneigung, Loyalität und Pflicht. Und manchmal verursachte die Schwerkraft auch Lawinen und sogar Erdbeben, wenn sich Erdplatten verschoben und einen unerträglichen Druck auf den Boden ausübten, der eben nicht so fest war, wie er aussah … „Ja“, sagte er schließlich, „mich hat’s erwischt.“
Alle Forschheit fiel von ihr ab, und auf einmal wirkte das Muster auf ihrem Gesicht wie eine Maske. „Ich verstehe. Nun, ich brauche mein Handy. Es ist in deinem Wagen, in meiner Tasche.“
„Hier.“ Er gab ihr die Schlüssel und runzelte die Stirn, als sie davonging. Nach so vielen Jahren konnte es Cynna eigentlich nichts mehr ausmachen, dass er nicht mehr für unverbindlichen Sex zur Verfügung stand. Aber offenbar hatte es sie doch getroffen. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Und erst recht nicht, wie er sich verhalten sollte.
Endlich hörte er anstelle des Klingeltons Cullens Stimme. „Hast du deine Meinung schon geändert, Süße?“
„Nein“, sagte Rule trocken. „Ich denke immer noch so wie letzte Nacht.“
„Oh, du bist es. Wenn du anrufst, um mir wegen des Aufspürzaubers auf den Geist zu gehen …“
„Nein, aber ich würde gern wissen, wie er wirkt.“
Es folgte eine kurze Stille, dann sagte Cullen mürrisch: „Gar nicht. Nicht richtig zumindest. Ich habe dir ja gesagt, dass es im Wesentlichen ein Erdzauber ist. Es ist einfach unglaublich, wie viele verdammte Kirchen ihre Energien aus der Erde beziehen – was ihre Gemeindemitglieder sicher erstaunen würde. Die Erdenergie mischt sich mit spiritueller Energie, und so kommt es jedes Mal, wenn ich mich nähere, zu einer verdammten Interferenzwelle. Ich wusste, dass das passieren würde, also habe ich versucht, den Zauber an die Luft zu binden; aber Luft ist riskant, und mit der Luftverschmutzung …“
„Schon verstanden.“ Dem Kleinbus waren drei Leute entstiegen. Lily sprach mit ihnen. Cynna hielt ihr Handy ans Ohr.
„Du hast uns verloren.“
„Zwei Mal“, gab er zu. „Dann habe ich euch wiedergefunden, aber einmal wart ihr für fast eine Meile vom Radar verschwunden.“
„Das klingt nicht gut.“ Rule sah jetzt, dass sein Wagen von zwei FBI-Fahrzeugen blockiert wurde. Er zupfte an dem Amulett, das Cullen ihm gestern Abend unter den Fahrersitz gelegt hatte, wo das Risiko, dass Lily es sehen oder berühren würde, gering war.
Sie war so verdammt stur. Und unglücklicherweise entging ihr so wenig. Cullens Amulett sollte es ihren Bodyguards ermöglichen, ihr diskret folgen zu können – eine ausgezeichnete Idee, wenn der Zauber auch tatsächlich funktionierte.
Rule ließ die Hand in seine linke Hosentasche gleiten und berührte den kleinen goldenen Knopf. Er sah ganz gewöhnlich aus, doch er war aus echtem Gold – zwanzig Karat, sehr weich und rein. „Vielleicht sollten wir den Panikknopf austesten, den du mir gegeben hast. Wenn das auch nicht funktioniert …“
„Wenn du mich nicht beleidigen willst, dann halte jetzt lieber die Klappe. Die Sache ist ganz einfach. Hexen machen das dauernd. Also, was willst du von mir, wenn du nicht wegen des Aufspürzaubers anrufst?“
„Eine Antwort auf eine Frage.“ Lily und die Techniker von der Spurensicherung gingen auf das Haus zu. Cynna hatte ihr Handy weggepackt und folgte ihnen. Knapp informierte er Cullen über Harlowes Opfer und ihren Freund.
„Mit einer Sache hast du recht“, sagte Cullen. „Helen konnte die Leute dazu bringen, dass sie vergaßen, den Stab überhaupt gesehen zu haben. Harlowe wäre dazu nicht imstande. Bestenfalls würde die Gabe des Charismas sie dazu bringen, zu lügen, wenn sie gefragt werden, ob sie ihn mit dem Stab gesehen haben.“
Das würde die Sache komplizieren, wenn Lily die Zeugen vernahm, dachte Rule. „Der Freund scheint die Wirkung, die Harlowe auf ihn hatte, schnell abgeschüttelt zu haben.“
„Charisma ist eine riskante Gabe. Einige sind empfänglicher dafür als andere; es gibt eine Menge Dissonanzen, und die Wirkung hält nicht lange an. Wenn das alles ist, was du wissen willst, würde ich jetzt gerne zurück …“
„Nicht so eilig. Wenn Harlowe den Stab für die Manipulation des Opfers und ihres Freundes brauchte, dann hatte er ihn bei sich. Aber niemand hat den Stab erwähnt. Ein ‚Sieh-mich-nicht‘-Zauber wäre eine Erklärung, aber man hat mir gesagt, der sei unmöglich anzuwenden bei einem beweglichen Objekt.“
Cullen schnaubte. „Meine Fähigkeiten zumindest würde so ein Zauber übersteigen, das ist sicher. Ich kriege ja noch nicht einmal diesen verdammten Aufspürzauber so hin, dass er wirkt. Lass mich mit deiner Finderin sprechen. Vielleicht kennt sie ein paar Zauber, die ich verwenden kann. Oder wenigstens Teile von ihnen, wenn ich sie einmal auseinandergenommen habe, um zu sehen, wie sie funktionieren.“
„Sie würde dich auch gern kennenlernen. Aber im Moment muss ich erst einmal wissen, ob man den Stab unsichtbar machen kann.“
„Nicht richtig unsichtbar, vermute ich. Denn das würde bedeuten, dass die physikalischen Eigenschaften eines Objektes verändert würden. Wozu nicht nur enorme Macht notwendig wäre, sondern auch …“
„Cullen.“
„Schon klar. Keine Theorie, keine Erklärungen, einfach eine kurze Antwort.“ Rule meinte fast, hören zu können, wie sein Freund mit den Achseln zuckte. „Der Stab gehört Ihr. Und Ihre Fähigkeiten sind unvorstellbar viel größer als meine.“
„Doch in dieser Welt sind auch Ihre Möglichkeiten begrenzt.“
„Aber wir wissen nicht genau, wo die Grenzen sind, sondern nur, dass Sie nicht direkt in unserer Welt agieren kann. Dazu braucht Sie einen Stellvertreter. Und wir eignen uns nicht dafür – wir Lupi, meine ich.“
Das sagte ihm, so Cullen, sowohl das überlieferte Wissen der Lupi als auch der gesunde Menschenverstand. Er behauptete, dass die angebliche Allwissenheit der Götter – der Uralten –, wie er sie nannte – im Wesentlichen an einem sehr mächtigen Weitsichtzauber lag. Und Weitsichtzauber hatten nur geringe Wirkung auf Andersblütige. „Oder auf Lily, solange sie das Emblem der Dame trägt.“
„Wenn ich der Rhej glauben darf, ja. Und ich denke, sie weiß, wovon sie spricht. Aber darüber hinaus wissen wir verdammt wenig über den Stab. Und über Dämonen ebenso“, fügte er nachdenklich hinzu. „Abgesehen von den niederen, die manchmal von ein paar Idioten herbeigerufen werden. Sie scheint mit einem der Dämonenlords einen Bund geschlossen zu haben. Schwer zu sagen, was das zu bedeuten hat.“
„Das muntert mich nicht gerade auf.“
„Wenn ich erst einmal diesen verfluchten Stab zerstört habe, wirst du dich gleich munterer fühlen.“
Rules Magen zog sich zusammen. „Ich möchte die nächste Zusammenkunft, unseren Zirkel, auf den heutigen Abend vorverlegen.“
Einen Herzschlag lang herrschte Stille. „Es ist etwas passiert.“
Viel war passiert. „Heute Abend kann ich mehr sagen.“
„Wir können uns erst sehr spät treffen. Oder zwischen zwei Shows. Ich tanze heute.“
„Dann zwischen den Shows. Am selben Ort. Sag Max, er soll sich darum kümmern. Und den anderen, dass sie einzeln erscheinen sollen, wie neulich schon.“
„Bin ich etwa dein Sekretär?“
„Ich kann niemanden anrufen“, sagte Rule leise. „Man könnte mithören.“
„Filius aper umbo. In Ordnung. Dieses eine Mal spiele ich den Sekretär.“
Widerwillig musste Rule grinsen. „Du hast vielleicht recht, aber ich an deiner Stelle würde das nicht dem Rho sagen.“
„Wir plaudern recht selten miteinander. So schnell werde ich also keine Gelegenheit dazu bekommen.“ Cullen legte auf.
Rule holte tief Luft und tat, was er tun musste. Er wählte eine Nummer, die ihm bestens bekannt war. Warum es sich jetzt noch mehr wie ein Verrat anfühlte, war ihm ein Rätsel. Aber so war es.
Sein Vater meldete sich wie immer mit einem knappen „Ja?“.
„Ich brauche Benedict.“
„Das wird ihm nicht gefallen. Er ist gerade wieder zu seinem Berg zurückgekehrt.“
„Es geht nicht anders. Ich berufe einen weiteren Zirkel ein.“ Rule erstattete ihm kurz Bericht. Sein Vater würde von Nettie von dem Überfall erfahren haben; der Rest war schnell gesagt.
„In Ordnung. Wann und wo?“
„Sag ihm, er soll sich mit mir in Verbindung setzen. Ich weiß noch nicht, wo wir …“ Rule verstummte. Irgendetwas, das er – eher unbewusst – eben mit angehört hatte, hatte ihn in Alarmbereitschaft versetzt.
Lily. Die mit jemandem im Haus sprach. Aus der Entfernung konnte er nicht verstehen, was gesagt wurde, aber der Tonfall … Er setzte sich in Richtung des Hauses in Bewegung. „Ich werde gebraucht.“
„Dann geh – t’eius ven. Ruf mich nach dem Zirkel an.“ Der Rho legte auf.
Rule erreichte die Veranda, gerade als Lily im Türrahmen erschien. Aus dem schnellen Blick, den sie ihm zuwarf, konnte er wenig schließen. „Baxter!“, rief sie.
Einer der Anzugträger, mit denen Cynna gerade sprach, sah auf. „Ja?“
„Wir haben etwas gefunden.“
Baxter ging zu ihr, Cynna im Schlepptau.
„Was ist es denn?“, fragte Rule. Lily sah ihn an und schüttelte den Kopf. Jetzt, da er ihr Gesicht deutlich sah, erkannte er, dass sie weder verärgert noch erschüttert war, wie er ursprünglich angenommen hatte. Was er sah, war kalte Wut.
„Was ist es denn?“, fragte auch Baxter, als er zu ihnen trat. Der Agent vom Bezirksbüro war in den Sechzigern und gut in Form. Außer einem Paar dicker gelblichbrauner Augenbrauen waren ihm wenige Haare geblieben. Er trug eine randlose Brille und stank nach Tabak. Als er Rule einen Blick zuwarf, schnappte dieser einen leisen Hauch von seru auf – gerade genug, um ihn wissen zu lassen, dass Baxter sich trotz seines Alters und seiner äußeren Erscheinung in den meisten Situationen als Platzhirsch betrachtete.
Nach diesem einzigen Blick schenkte er Rule keine Beachtung mehr. „Was haben Sie gefunden?“
„Harlowe hat uns noch ein kleines Geschenk in dem DVD-Player hinterlassen.“
Die buschigen Augenbrauen hoben sich. „Wohl ein kleiner Angeber, was?“
„Das könnte man so sagen.“ Sie atmete tief durch, ganz offensichtlich bemüht, Ruhe zu bewahren. „Er macht gern Fotos, und Kim Curtis war nicht sein erstes Opfer.“
Gan war nicht zufrieden. Die Erde war nicht so lustig wie sonst – nicht solange er an Ihr Werkzeug gebunden war. Alles, was Harlowe wollte, war planen und töten, planen und töten. Und da er es selbst nicht mehr tun konnte, war er auch nicht mehr interessiert daran zu ficken.
Und … na ja, das ganze Töten machte ihm Sorgen. Er hatte gehofft, im Moment des Todes eine Seele zu sehen oder mit seinem uth zu erfassen – dann würde sie sich doch zeigen, oder etwa nicht? Aber nichts war geschehen. Seine Sinne sagten ihm nur, dass Menschen, die starben, einfach tot waren.
Gan wusste, dass Menschen anders waren. Ihre Regeln waren alle an die Annahme geknüpft, dass sie Seelen hatten. Wie sollte ein Dämon das verstehen können? Sie kamen sogar manchmal zusammen, um sich auf diese Regeln zu einigen – das nannte sich Demokratie. Auch war es ihnen sehr wichtig, Dinge zu besitzen. Es gab unglaublich viele Regeln für Besitz, sogar mehr als für Sex. Sie bekriegten sich deswegen, aber Besitz hatte nichts mit der Frage zu tun, wer wen aß, denn sie aßen sich nicht gegenseitig. Stattdessen aßen sie tote Tiere und sagten: Du sollst nicht töten. Aber sie töteten trotzdem.
Aber nur deswegen, weil sie nicht tun mussten, was ihnen ihre Regeln befahlen. Solange sie nicht erwischt wurden, konnten sie so viele Regeln brechen, wie sie wollten. Deswegen war die Erde ja auch normalerweise so lustig.
Aber dieses Mal nicht. Er seufzte und drückte auf der Fernbedienung herum.
„Hör auf, mit dem Ding zu spielen“, sagte Harlowe gereizt. „Das lenkt mich ab.“
Gan sah den Mann an, der in dem anderen Bett lag. In einem Zimmer, das Motelzimmer genannt wurde. Motelzimmer waren schrecklich langweilig, aber Harlowe wurde gejagt und musste sich verstecken. Das verstand Gan. Auch er musste sich verstecken, weil die Menschen ihn jagen würden, wenn sie wüssten, dass er hier war. Aber das würde vielleicht ganz schön lustig werden.
Nicht in diesem Motelzimmer, sondern in dem anderen Versteck, zusammen mit den Dozens, hatte Gan sich prächtig amüsiert. Zeigen durfte er sich zwar nicht, aber er hatte ihnen Streiche gespielt und beim Reden, Streiten und Ficken zugesehen. Manchmal hatte er auch Sachen geklaut. Die Gang hielt viel vom Stehlen, obwohl sie alle nicht wussten, dass Gan das Geld und die Waffen beschafft hatte. Für sie war Harlowe der Mann, der die Fäden in der Hand hielt.
Aber in einem Motelzimmer gab es außer fernzusehen nichts für ihn zu tun. Er seufzte und drückte wieder die Knöpfe der Fernbedienung.
„Lass das!“, fuhr Harlowe ihn an.
Harlowe war alles andere als lustig. Im Moment brachte er gerade niemanden um, deswegen machte er Pläne. Papiere lagen auf dem Bett verstreut. „Ich kann den Ficksender nicht finden“, erklärte Gan.
„Welchen Ficksender? Es gibt Hunderte!“
Das hob Gans Stimmung. „Hundert? Dann wird aber viel gefickt.“
„Dummer kleiner Perverser. Keine hundert Sender übers Ficken. Hunderte verfickte Sender.“
Gans Stirn legte sich in Falten. „Das ergibt doch keinen Sinn.“ Auf der Erde konnte er nur die Worte, aber nicht ihre Bedeutung hören, und das machte ihm zu schaffen.
Aber Harlowe hatte schon wieder das Interesse verloren und las aufmerksam seine Papiere durch. „Das muss halb so groß sein …“, murmelte er.
Gan zappte sich weiter durch die Kanäle. Er fand immer noch keinen, in dem gefickt, dafür aber einen, in dem geschossen wurde. War das Krieg? Gans Ohren stellten sich auf. Er war sehr begierig zu erfahren, wie die Menschen ihre Kriege führten. „ … bildet eine Wagenburg!“, schrie die Person im Film. „Schnell! Sie sind schon fast da!“
„ … und wenn ich den Schreibtisch loswürde“, murmelte Harlowe, „könnte ich den Thron ans Fenster stellen. Was soll ich auch mit einem Schreibtisch?“
Gan versuchte zu verstehen, was auf dem Bildschirm vor sich ging. Zwei Gruppen von Menschen schossen aufeinander. Eine Gruppe ritt auf Pferden, die andere nicht. Die Leute auf den Pferden schrien sehr viel und gewannen anscheinend. Einige von ihnen hatten Schusswaffen, andere Pfeil und Bogen.
Dann kamen noch zwei Personen zu Pferd dazu und feuerten Pistolen ab. Viele von den anderen Pferdepersonen fielen auf die Erde und waren tot, und der Rest ergriff die Flucht. Und anschließend war die andere Gruppe froh.
„Das schaffe ich nicht alles über Nacht.“ Harlowe klang entschlossen und zufrieden. „Das Oval Office wird für den Thron vorerst reichen. Danach kann ich das Weiße Haus immer noch umbauen lassen.“
„Wer war der Maskierte?“, fragte eine Frau im Fernsehen einen von den Männern.
Jetzt schossen sie nicht mehr, also wechselte Gan den Kanal. Bald würde alles besser werden, sagte er sich. Erst letzte Nacht hatte Xitil Gans Hand benutzt, um Anweisungen für Harlowe zu schreiben – Anweisungen, die von Ihr kamen.
Gan hatte seinen Part erfüllt. Er hatte Lily Yu nach Dis gebracht und ein bisschen Blut getrunken – und oh, wie war es köstlich gewesen! Sprudelnd und mächtig … aber nicht mächtig genug, um sie in Besitz zu nehmen. Nicht ohne Ihre Hilfe, aber Sie konnte nicht direkt eingreifen. Damit würde Sie den Pakt brechen.
Also musste Sie sich eines Werkzeugs bedienen. Erst wenn Harlowe das getan hatte, was von ihm erwartet wurde, würde Gan in Lily schlüpfen können. Und dann würde er viel Spaß haben.
Doch während er einem Mann im Fernsehen beim Kochen zusah – das taten die Menschen nämlich mit toten Tieren, bevor sie sie aßen –, fragte er sich, ob Xitil wusste, dass das Werkzeug ihres neuen Verbündeten total durchgeknallt war.