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In San Diegos sechshundertdreiundvierzig Quadratkilometer großem Stadtgebiet lebten, aßen, schliefen, liebten und stritten ein und einviertel Millionen Menschen. In dieser Stadt war es niemals ganz ruhig, niemals ganz dunkel. An diesem Abend hatten Wolken den Himmel in eine schmutzige braune Schale verwandelt, die die Lichter der Stadt umschloss und die Nacht aussperrte. Rule konnte den Mond nicht sehen.
Aber er konnte ihn fühlen. Das tiefe, langsame Läuten des Mondes hallte in seinem Blut und seinen Knochen wider und wurde lauter, wenn er zunahm. So wie jetzt. Aber er vermisste den Anblick des Mondes, seines sich wandelnden Gesichts. Er vermisste die Sterne und die glitzernde Tiefe der Nacht. Und er vermisste es, auf allen vieren zu gehen. In letzter Zeit hatte es wenig Gelegenheit für ihn gegeben, in seiner zweiten Gestalt durch die Berge zu streifen.
Wenn er nicht auf vier Beinen laufen konnte, musste er eben einen anderen Weg finden, den Rausch der Geschwindigkeit zu genießen.
Die Straßen waren vielleicht nicht leer, aber jetzt, um Mitternacht, waren sie wenigstens nicht verstopft. Rule betrachtete das als Aufforderung, die Geschwindigkeitsbeschränkung zu ignorieren.
Er erwartete, dass seine gesetzestreue Beifahrerin ihn zur Ordnung rufen würde, aber als er auf die I-5 fuhr und den Mercedes auf angenehme 140 Stundenkilometer beschleunigte, sagte Lily nichts.
Im Schoß hielt sie ihre Waffe, die sie aus dem Kofferraum geholt hatte, sobald sie am Wagen waren. Das hatte ihn nicht überrascht. Als hätte sie geahnt, dass sie sie brauchen würde. Und sie hatte recht gehabt.
Aber sie stellte keine Fragen. Fragen waren Lilys Art, sich in der Welt so zu orientieren, dass sie damit umgehen konnte. Doch so weit war sie noch nicht, dazu hatte sie in den letzten Stunden zu viel Merkwürdiges erlebt.
Frauen waren komplizierte Wesen, rief er sich in Erinnerung. Jeder Mann, der dachte, er habe sie verstanden, machte sich etwas vor, so einfach war das. Und seine nadia war komplexer als die meisten Frauen. Das Band der Gefährten bedeutete zwar eine körperliche Verbindung, nicht aber automatisch auch ein besseres Verständnis füreinander. Das oblag ganz ihnen selbst. Es wäre dumm von ihm, sich wegen ihres Schweigens Gedanken zu machen, wenn es so viele konkrete Gefahren gab, die ihm Sorgen machten.
Außerdem war sie müde. Er dagegen nicht, aber er war zu aufgedreht, um an Schlaf überhaupt denken zu können. Lily wollte im Moment sicher nichts lieber als das. Ein verletzter Körper brauchte Schlaf.
Er dachte daran, wie er sie bewusstlos auf dem Boden liegend gefunden hatte, und Wut durchströmte seinen Körper, heiß und stark. Er verspürte den Drang zu heulen – und dann wieder, jemandem die Kehle herauszureißen.
„Willst du einen neuen Griff in dieses Lenkrad drücken?“
„Hm? Oh.“ Er bog die Finger, die das Lenkrad hielten, auseinander und zwang sich, die Hände locker darum herumzulegen. „Was macht dein Kopf?“
„Dem geht es besser.“ Sie schüttelte ihn leicht. „Viel besser. Besser, als ich für möglich gehalten hätte.“
„Du wirst vielleicht feststellen, dass auch deine Schulter besser heilt. Nachdem das Ritual beendet war, hat Nettie dich noch ein wenig im Schlafzustand gelassen.“
Das ließ sie aufhorchen. „Was meinst du damit?“
„Du weißt, was ‚Schlafzustand‘ bedeutet?“
„Mehr oder weniger. Es ist eine Heiltrance, die magisch herbeigeführt wird. Nettie sagte so etwas, aber ich dachte, sie würde nur einen Begriff benutzen, den ich kannte, um etwas Ähnliches zu beschreiben.“
„Nein, sie meinte genau das, was sie sagte. Du warst in einem Schlafzustand.“
„Aber das ist unmöglich! Das ist Magie, und Magie hat keinerlei Wirkung auf mich.“
Das also war es, was ihr zu schaffen machte. „Normalerweise würde es ihr nicht gelingen, dich in einen solchen Zustand zu versetzen, aber heute haben ihr spirituelle Energien geholfen, keine Magie. Was übrigens auch deine Heilung noch einmal unterstützt.“
„Aber das ergibt keinen Sinn! Ich … ich kann Netties Gabe spüren, wenn ich sie berühre, also muss es Magie sein.“
„Wie fühlt sich Netties Gabe denn an?“, fragte er interessiert.
Sie machte eine vage Geste, mit der Handfläche nach oben. „Wie krümeliger Dreck oder Farnblätter – elementar, erdig, verschlungen. Doch der Punkt ist doch, dass sie mit magischer Energie arbeitet. Auch wenn sie dazu Gebete benutzt, ist es doch immer noch Magie.“
„Offenbar nicht, denn sie hat es geschafft, dich in einen Schlafzustand zu versetzen.“
Mürrisch betrachtete sie den glitzernden Wurm aus Rücklichtern vor ihnen. „Zuerst habe ich gedacht … mich gefragt … ob die Tatsache, dass ich eine Sensitive bin, das Problem gewesen sei. Sie dachte, ich sei sauber, weil keiner geantwortet hat, aber vielleicht hat das Ritual aufgrund meiner Gabe nicht gewirkt. Aber das glaube ich nicht, weil sie es schließlich geschafft hat, mich in Schlaf zu versetzen. Aber ich verstehe nicht, wie ihr das gelungen ist.“
Er griff nach ihrer Hand. „Du machst dir immer noch Sorgen darüber. Lily, es gibt keinen Hinweis darauf, dass etwas Dämonisches in dir ist.“
„Ich weiß. Das weiß ich, und doch fühle ich etwas. Wenn ich meine Schulter berühre, dann ist da immer noch etwas von dieser orangefarbenen Textur. Der Dämon hat irgendetwas mit mir gemacht, und ich verstehe nicht, wie das geschehen konnte. Das muss ich wissen, und ich muss genau wissen, was er gemacht hat.“
Was sollte er darauf erwidern? Er wusste, sie war sauber, aber seine Sicherheit war intuitiv. Sie aber wollte Beweise.
Er versuchte es dennoch. „Selbst wenn ein Dämon irgendwie deine Schutzschilde hätte überwinden können, oder was immer es ist, das dich zu einer Sensitiven macht …“
„Einer hat es geschafft.“
„Vielleicht. Denn du weißt ja nicht, was dieses orangefarbene Gefühl bedeutet. Aber selbst wenn dich deine sensitiven Fähigkeiten nicht schützen könnten, würde es das Band der Gefährten tun. Du bist von der Dame berührt worden.“
Zunächst erwiderte sie nichts. Ein schneller Blick sagte ihm, dass sie heftig die Stirn runzelte, als habe er ihr ein kniffliges Rätsel aufgegeben, das es nun zu lösen galt. „Ich verstehe, dass du daran glaubst“, sagte sie schließlich. „Aber Karonski sagte, dass nur gläubige Menschen geschützt seien. Ich habe nicht deinen Glauben, also gilt der Schutz der Dame nicht für mich.“
Sie war sehr darauf bedacht, nicht respektlos gegenüber seinem Glauben zu klingen. Das ärgerte ihn. „Die Dame ist real, Lily. So real wie ihre Widersacherin – und ich weiß, dass du an Ihre Existenz glaubst.“
„Die, die wir nicht mit Namen nennen dürfen, richtig. Sie ist real genug.“ Lilys Finger trommelten ungeduldig auf dem zerknitterten Chiffon, der ihren Oberschenkel bedeckte. „Mal angenommen, deine Dame wäre real. Das heißt noch lange nicht, dass das, was du über Sie zu wissen glaubst, eine Tatsache ist.“
„Wir behaupten nicht, dass wir alles über die Dame wissen, aber über viele Jahrhunderte hinweg hat sie mehrere Male zu den Clans gesprochen. Wir können ziemlich zuversichtlich sein, dass wir das Wesentliche richtig verstanden haben.“
„Hm.“
Sie fragte nicht einmal nach. Sie nahm an, dass er von irgendetwas Schwammigem wie Propheten und Glauben redete, etwas, das mit Logik nichts zu tun hatte. Daher machte sie sich nicht die Mühe zu fragen, was er meinte. „Tu nicht alles, was du nicht in der Schule gelernt hast, so verdammt schnell ab.“
„Zwischen Mythos und dokumentierter Geschichte gibt es einen Unterschied.“
„Unsere mündlichen Überlieferungen sind keine Mythen. Ob du es glaubst oder nicht, wenn die Clans in Gefahr sind, spricht die Dame zu uns oder hilft uns auf andere Weise.“ Boshaft fügte er hinzu: „Sie bedient sich dabei einer Auserwählten.“
Sie wandte sich um und starrte ihn entgeistert an. „Das kann nicht dein Ernst sein.“
Er lächelte. Es war kein nettes Lächeln.
Als Lily vor zwei Wochen auf dem gens amplexi offiziell zu einer Nokolai erklärt wurde, hatte man sie begeistert willkommen geheißen. So viele des Clans hatten es kaum erwarten können, mit der neuen Auserwählten zu sprechen. Sie zu berühren. Sie war verblüfft über die große Aufmerksamkeit gewesen, die ihr zuteil geworden war, und er hatte sie über die Gründe nicht aufgeklärt. Er war sich ziemlich sicher gewesen, dass sie darüber entsetzt gewesen wäre.
Und er hatte recht behalten.
Sie schluckte. „Du meinst, sie dachten … sie denken … großer Gott.“
„Sie hoffen, dass die Dame uns durch dich helfen wird.“
„Aber du hast ihnen gesagt, dass das nicht so ist.“ Das war keine Frage, sondern eine Forderung.
„Was hätte ich ihnen sonst sagen können? Ich kenne die Absichten der Dame nicht.“
„Du kannst unmöglich annehmen, dass ich eine Art Sprachrohr für eure Göttin bin, eine Prophetin oder … wie nennt man das noch? Ein Avatar.“
„Die DAME benutzt keine Avatare.“
Er konnte fast ihre Zähne knirschen hören. „Dann nenne es eben anders. Großer Gott. Ich verfüge noch nicht einmal über das geeignete Vokabular, über so etwas zu sprechen. Es ist doch offensichtlich, dass ich … He! Du hast die Ausfahrt verpasst.“
„Nein, habe ich nicht.“
Einige Herzschläge lang erwiderte sie nichts. Als sie dann anfing zu sprechen, klang ihre Stimme gepresst. „Ich komme nicht mit in deine Wohnung.“
„Sie wussten genug über dich, um dich auf der Hochzeit deiner Schwester zu erwischen. Dann werden sie auch ganz sicher wissen, wo du wohnst.“
„Rule …“
„Um Himmels willen, Lily, sei doch vernünftig! Dein Schloss an der Tür ist ja ganz in Ordnung, aber es wird niemanden davon abhalten, das schöne große Wohnzimmerfenster einzuschlagen und einfach hindurchzuspazieren. Vor den meisten Dingen kann ich dich beschützen, aber wenn dieser Dämon …“
„Ich habe dich nicht darum gebeten, mich zu beschützen. Wenn du …“
„Sie haben versucht, dich in Besitz zu nehmen, und sind gescheitert. Wer weiß, was sie als Nächstes versuchen werden? Wenn die Göttin der Azá hinter all dem steckt – und davon müssen wir ausgehen –, dann wird sie sich rächen wollen. Dich zu töten wäre noch die einfachste Variante. Benedict hat ein paar von seinen Männern heute Abend zu meiner Wohnung geschickt, die die Überwachung übernehmen werden, und dort gehen wir hin.“
„Na großartig. Aber wenn du glaubst, ich führe eine Untersuchung mit Bodyguards im Schlepptau, kann ich nur sagen: Träume ruhig weiter! Und heute Nacht kann ich nicht bei dir schlafen. Wenn du also bitte …“
„Verflucht, Lily, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu streiten, wo wir wohnen! Oder grundsätzlich zu erwägen, ob wir zusammenwohnen oder uns nur jede Nacht treffen wollen. Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie stark Dämonen sind?“, fragte er und scherte hinter einem langsam fahrenden Lieferwagen aus. „Du bist vielleicht vor einem magischen Angriff gefeit, aber das hilft dir wenig, wenn der Dämon beschließt, dir den Kopf abzureißen.“
„Fahr bitte langsamer! Deine Reflexe mögen ja gigantisch sein, aber die Fahrer, die du überholst, müssen mit ganz normalen menschlichen Reaktionszeiten klarkommen. Wenn du so weitermachst, fährt noch einer vor Angst von der Straße oder in einen anderen Wagen.“
Er warf einen Blick auf die Geschwindigkeitsanzeige. Seine Lippen wurden schmal, als er sich zwang, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Ohne es zu merken, hatte er die Hundert weit überschritten.
„Außerdem musst du umdrehen. Und mir zuhören. Die ganze Zeit versuche ich dir zu sagen, dass …“
„Was? Was für einen schwachsinnigen Grund kann es geben, dass du dich nicht in größtmögliche Sicherheit bringen willst?“
„Dirty Harry.“
Rule schluckte das, was er gerade hatte sagen wollen, herunter und verfluchte stattdessen ihre Katze – das verwünschte, verdammte, ungesellige, wolfhassende Biest von einer Katze, die sie zurückgelassen hatten, weil die Ausgeburt der Hölle, als sie zur Hochzeit aufgebrochen waren, gerade unterwegs gewesen war, um irgendwelche dummen Katzendinge zu tun.
Aber Lily hatte nun einmal die Verantwortung für das Tier übernommen, und man ließ ein Wesen, das von einem abhängig war, nicht allein, wenn Gefahr drohte. Das verstand Rule, auch wenn es ihm im Moment nicht gefallen mochte. Der Nachbar, den Lily manchmal bat, ihre Katze zu füttern, war nicht in der Stadt. Niemand sonst hatte einen Schlüssel für ihre Wohnung, und es war mitten in der Nacht.
Kurz nachdem sie die Autobahn verlassen hatten, gingen ihm die passenden Bezeichnungen für das Untier aus.
„Fühlst du dich jetzt besser?“, fragte sie trocken.
„Nein.“ Er schlug den Weg zurück zu ihrem Appartement ein. „Ich kann begreifen, was man an Hunden finden kann. Sie verstehen hierarchische Strukturen und wissen, dass man kooperieren muss. Sie kommen, wenn man sie ruft. Aber eine Katze … eine Katze lässt sich deine Nummer geben und sagt, sie ruft dich zurück. Vielleicht. Wenn sie gute Laune hat.“ Nicht, dass er jemals Harry gutgelaunt gesehen hätte. „Warum hast du dir keinen Hund angeschafft?“
„Glaubst du denn, ich hätte eine Wahl gehabt? Ich finde, die Art, wie sich eine Katze ihren Besitzer aussucht, ist gar nicht so verschieden vom Band der Gefährten.“
„Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.“
Sie sah ihn nur an.
Er holte tief Luft und versuchte, seinen Ärger zu zügeln. „Wir füttern Harry und nehmen ihn dann mit in meine Wohnung.“
„Und wieder hast du vergessen, mich erst zu fragen.“
„Na und?“ Er wusste, er verhielt sich unvernünftig. Aber ihm war danach. Punkt.
Sie überraschte ihn. Er hatte nicht erwartet, dass sie schmollen würde. Lily neigte nicht zum Schmollen. Aber er hatte angenommen, sie würde einen Streit anfangen oder zumindest wütend werden. Stattdessen seufzte sie, machte ihren Sicherheitsgurt los und hievte sich auf die Mittelkonsole.
Mechanisch streckte er den Arm aus, um sie zu stützen. „Was ist jetzt …“
„Halt den Mund, Rule.“ Sie lehnte sich gegen ihn.
So, wie sie auf der Konsole hin und her wackelte, konnte es unmöglich bequem für sie sein. Sie war zwar nicht so hoch wie manch andere Modelle, aber wenn sie nur ein Stückchen größer gewesen wäre, hätte sie nicht daraufgepasst.
Ihr Kopf war jetzt auf seiner Höhe. Gewöhnlich war das nur der Fall, wenn sie zusammen im Bett lagen. Er konnte ihr Haar riechen – kürzlich hatte sie zu einem Apfelshampoo gewechselt, dessen Duft er mochte – und Lilys ganz eigenen moschusartigen, unbeschreiblichen Geruch.
Er legte den Arm locker um sie und hielt sie. Ihr Oberarm drückte gegen seinen, und ihre Wade schmiegte sich an sein rechtes Bein. Sie war warm. So warm.
Ach, zum Teufel! Er beschloss, probeweise auf ihren Vorschlag zu hören und den Mund zu halten.
Einige Häuserblocks weit fuhr er einhändig, schweigend und langsamer. Sein Arm würde natürlich den Sicherheitsgurt nicht ersetzen können.
Nach und nach beruhigten sich seine Gedanken. Er fand in den Takt der Stille – einen, den er nur in seinem Inneren hören konnte. Es war eine Stille, die ihn wohl beruhigte, ganz als ob er dem Wind lauschen oder den langsamen Puls der Erde unter seinen Füßen spüren würde, doch zugleich schärfte sie seine Aufmerksamkeit, besonders für Dinge, die er bis jetzt verdrängt hatte.
Sie fühlte sich so warm, so gut an. Und er konnte sie verlieren.
Ganz in der Nähe bellte ein Hund. Ein paar Straßen weiter hupte ein Auto. Er fuhr vorbei an dunklen Häusern, geschlossenen Geschäften und einem alten Chevy, aus dem laute Bässe wummerten. Er horchte auf das Schnurren des Motors, das Summen der Reifen auf dem Asphalt und das leise Flüstern ihres Atems.
Ob sie wohl seinen Atem hören konnte? Er war sich stets unsicher, wie gut Menschen hören konnten. In seiner anderen Gestalt wäre er in der Lage gewesen, ihren Herzschlag herauszuhören, aber als Zweibeiner war sein Gehör nicht ganz so scharf.
Natürlich hätte ihre Nähe in seiner Wolfsgestalt auch nicht die gleiche Wirkung auf ihn gehabt wie jetzt. Er war sich seines eigenen Pulsschlags bewusst, wie er in seinen Ohren klang, und der Hitze und des Gewichts in seinem Schoß. Verlangen streifte ihn mit schweren Flügeln, die zwischen Begierde und Panik flatterten.
Er konnte sie verlieren.
Als er in die Stichstraße einbog, die zu ihrem Apartmentkomplex führte, sagte sie leise: „Ich habe auch Angst um dich.“
Die Hand, die ihre Hüfte hielt, griff fester zu. „Wenn du auf unser Clangut gehen würdest …“
„Ich kann Harlowe nicht fassen, wenn ich irgendwo weggesperrt werde.“
„Ich weiß. Ich weiß, aber das macht es nicht einfacher.“
„Was willst du von mir hören?“
Dass sie ihren Job aufgab und auf dem Clangut blieb, damit er sie in Sicherheit wusste. Dass sie … jemand anders war als die, die sie war: seine Auserwählte. Die Einzige für ihn, jetzt und für den Rest seines Lebens. Und ein Cop.
Sein Instinkt riet ihm, sie zu beschützen. Genauso, wie sie ihn schützen wollte. Und er war sich schon aus diesem Grund sicher: Langweilig würde es ihnen wohl nie werden. „Nichts“, sagte er. „Ich will gar nichts von dir hören. Ich komme schon klar.“
Er versuchte, nicht an seinen Bruder zu denken. Es war sinnlos, sich in Erinnerung zu rufen, was Benedicts Auserwählte ihm angetan hatte. Lily war ganz anders als Claire, Gott sei Dank. Aber sie war ein Mensch. So verletzlich. Unwillkürlich dachte er an Benedicts wilde Trauer, die seinen Bruder um den Verstand gebracht hatte, ihm die Haut vom Körper gezogen, das Innere nach außen gekehrt hatte, blutig und tropfend.
Gott, ihm klang jetzt noch Benedicts Heulen in den Ohren …
Damals hatte er es nicht verstanden. Natürlich war er sehr jung gewesen, als Claire starb. Aber selbst als er schon erwachsen war, hatte er nicht begreifen können, wie tief Benedicts Schmerz gesessen hatte, obwohl er sein Leiden selbst mit angesehen hatte.
Jetzt hatte er einen Eindruck davon bekommen, wenn auch nur flüchtig. Für einen Moment, einen winzig kurzen Augenblick lang, als er Lilys Körper auf dem Boden dieses Toilettenraums hatte liegen sehen …
„Tu das nicht!“
„Was?“
„Du hast so einen komischen Blick bekommen. Als wenn du kurz davor stündest, dich zu wandeln, vielleicht.“
Sein Atem stockte kurz, als er sich wieder fing. Gott, ja, er war abgeglitten, hin zum Wolf, ohne es zu bemerken. Wie irgendein x-beliebiger Halbstarker, der sich nicht beherrschen konnte. „Tut mir leid. Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich … Keine Angst, ich verliere schon nicht die Kontrolle.“
„Bitte lass den Wolf stecken, während du am Steuer sitzt.“ Sie schwang ihr Bein zurück über die Konsole und rutschte wieder auf ihren Sitz.
Sofort vermisste er sie. Wie absurd.
Sie erreichten ihre Apartmentanlage – ein großes Wort für dieses U-förmige, niedrige mit Gips verputzte Gebäude. In den Fünfzigerjahren war es ein billiges Motel gewesen und durch den grellrosa Anstrich, den ihm ein verrückter Manager verpasst hatte, nicht hübscher geworden. Wenigstens war der Außenbereich gut beleuchtet, was zwar die Ästhetik nicht erhöhte, aber gut für die Sicherheit war.
„Wie kommt es, dass du immer einen Parkplatz findest?“, fragte sie, als er sich direkt vor der Haustür in eine Lücke hineinmanövrierte.
„Um diese Zeit ist das nicht schwer.“ Er stieg aus dem Wagen.
Lilys Wohnung hatte einen Vorteil: Sie lag nur zwei Blocks vom Meer entfernt. Der schwer definierbare Geruch der See lag in der Luft. Rule atmete tief ein, um seine Lunge zu füllen.
Wie immer stieg sie aus, ohne darauf zu warten, dass er ihr die Tür öffnete. In der unverletzten Hand hielt sie die automatische Pistole. „Das ist nicht der Grund. Du hast immer … Was?“, sagte sie scharf, als seine Lippen zuckten. „Was ist so lustig?“
„Deine Waffe ist ein interessantes Modeaccessoire.“
Sie blickte auf die Pistole in ihrer Hand, dann auf das ruinierte Kleid, zuckte mit den Achseln und setzte sich in Richtung Eingangstreppe in Bewegung. Plötzlich blieb sie stehen. „Ist ja gut, ist ja gut“, sagte sie zu dem riesigen grauen Untier, das um ihre Waden strich und dabei deutlich kundtat, was es von ihrer Verspätung hielt. „Das Futter ist oben, Harry. Wenn du dein Fressen haben willst, musst du mich weitergehen lassen.“
„Er hat sich Sorgen um dich gemacht.“
„Er hat sich Sorgen um sein Abendessen gemacht. He!“
Rule war an ihr vorbeigegangen, ohne sich zu beeilen, doch ein Mensch hätte rennen müssen, um mit ihm Schritt zu halten. Er hatte nicht die Absicht, sie als Erste das Haus betreten zu lassen, und wenn er ihr die Gelegenheit gäbe, würden sie sich wahrscheinlich darüber streiten. „Heute Abend gibst du mir Rückendeckung.“
Ihre Stimme folgte ihm die Treppe hinauf. „Aber tritt zur Seite, wenn da drinnen etwas ist, auf das man schießen kann.“
„Ich werde dran denken.“ Es gab keine Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen. Harry, dessen Nase im Moment feiner war als Rules, konnte es kaum erwarten, in die Wohnung zu kommen. Offenbar gab es dort nichts, was ihn in Alarmbereitschaft versetzt hätte. Sein Schwanz zuckte. Rule steckte den Schlüssel in das obere Schloss, dann in das nächste und stieß die Tür auf.
Als er einen Geruch wahrnahm, der hier nicht hingehörte, kauerte er sich in Kampfstellung zusammen. Doch dann schaltete sich sein Verstand ein, und er richtete sich auf. „Herrgott! Was tust du denn hier?“